Diese Unvorsichtigkeit im Untersuchen der Medicamente ist mir in den

spätern Jahren noch oft vorgekommen. Die Medicinen sind in Indien

theuer, so dass sie von den Patienten aufgehoben werden, wenn sie

momentan nicht nöthig sind. Sie schreiben z. B. auf das Fläschchen

»gegen Husten« oder »gegen Nervosität« u. s. w., um sie eventuell

später wieder benutzen zu können. Nun geschieht es manchmal, dass

die Signatur abgefallen ist; nun, dann wird der behandelnde Arzt

einfach ersucht zu kosten und zu sagen, was für eine Medicin dies

sei!! Ich weigerte zu allen Zeiten, dieses zu thun, wenn ich auch

keinen Augenblick fürchtete, von einigen Tropfen vergiftet zu werden,

welche aus einem gewöhnlichen Medicinfläschchen getrunken werden.

Einmal hätte eine solche Probe für mich verhängnissvoll werden können.

Im Jahre 1890 lebte ich in Tjilatjap (Süden von Java) und hatte nur

ein Marodenzimmer, obwohl sich anschliessend die Räume eines alten

Spitals befanden. Auf der benachbarten Insel Nussah Gambangan lebte ein

europäischer Aufseher des Leuchtthurms, welcher damals bei einem Ritte

bergabwärts über den Kopf seines ungarischen Sattels gefallen war. Die

Haut hing in Fetzen auf den Schenkeln herab. In einer Sänfte wurde

er zu mir gebracht, und ich bot ihm ein Zimmer des alten Spitals zum

Aufenthalt für ihn und seine Familie an. Die Beköstigung sollte seine

Frau und seine Tochter auf sich nehmen. Dankbar nahm er das Anerbieten

an, erfreute sich dadurch einer sorgsamen Pflege und die Heilung ging

hübsch von Statten. Eines Tages stand ich in der Apotheke, als seine

Tochter mit einem Glas Milch zu mir kam und mich ersuchte, die Milch

zu kosten und ihr zu sagen, »ob und was der Milch fehle«, weil ihrem

Vater bei dem Gebrauch derselben übel geworden sei. Ueberrascht sah

sie mich an, als ich ihr zur Antwort gab: »Wenn Ihr Vater von der

Milch übel wurde, brauche ich es doch nicht zu werden«. Kaum hatte sie

mich darauf ersucht, »die Milch also chemisch zu untersuchen,« als ein

fürchterlicher Schrei um Hülfe zu meinen Ohren drang. Ich eilte dahin

und fand ihren Vater in einem fürchterlichen Zustande. Ich habe im

Jahre 1873 in Ungarn und auch späterhin zahlreiche Cholerapatienten

gesehen, aber keiner derselben zeigte so heftigen Krampf der Gedärme

als dieser Patient. Erbrochen hatte er schon viel, wie ich sah, und ich

dachte also sofort an eine Vergiftung mit Warângan (= Arsenik). Bei

Vergiftungen mit mineralischen Giften wird man in Java am besten thun,

in erster Reihe an Arsenikpräparate zu denken, weil dieses Gift täglich

und in jeder Marktbude zu bekommen ist. Die Dolche der Javanen (Kris

genannt), werden nämlich mit einer Lösung von Warângan und Citronensaft

u. s. w. bearbeitet, um der Klinge ein schön damascirtes Aussehen zu

geben.

Auch unser Patient war mit Warângan von einem der Sträflinge vergiftet,

welcher täglich von seiner Wohnung die Milch gebracht hatte. Es gelang

mir, ihn auch von dieser Heimsuchung zu befreien. Das Schicksal

verfolgte ihn jedoch ohne Erbarmen. Er ging kurz darauf nach Samarang,

wo er von einem tollen Hunde gebissen wurde. Damals existirte in

Batavia noch nicht das Pasteur’sche Institut; diese unglücklichen

Patienten mussten damals nach Saigon gehen; auch er that dies, kehrte

zurück, starb jedoch kurz darauf an Lyssa humana.

* * * * *

Der Bestand meiner Krankenwärter war also sieben Mann, obzwar ich

kaum jemals sieben Patienten zu gleicher Zeit im Marodenzimmer hatte;

dieses hatte jedoch seine guten Ursachen. Das Fort war eben durch seine

isolirte Lage gezwungen, immer kriegsbereit zu sein; die Sträflinge

mussten im gegebenen Falle Kulidienste leisten, d. h. bei einer

etwaigen Expedition Feldverbandskisten und Feldmedicinkisten tragen,

die Tragbahre für Verwundete u. s. w. führen; sie mussten Lebensmittel

und Trinkwasser mitnehmen oder mit dem Messer in der Hand einen Weg

in den Urwald bahnen u. s. w. In Friedenszeiten mussten sie natürlich

das gröbste Werk im Spital verrichten, die Aborte reinigen, die Wäsche

der Patienten waschen, die Krankenkost in der Küche bereiten u. s. w.

Natürlich war es für mich schwer, für sie immer Beschäftigung zu haben,

und darum benützte ich sie gegen eine kleine geldliche Entschädigung

auch zu Privatzwecken, obzwar dies ausdrücklich verboten war. Dies

gab einmal Anlass zu einer Anklage gegen mich und zwar von Seiten des

Commandanten des Forts. Ich vertheidigte mich in der erwähnten Weise

und fügte hinzu, dass ich es nicht aus Gewinnsucht thäte, weil ich

die Sträflinge bezahle, dass ich diese Leute lieber für mich arbeiten

lassen müsse, als sie müssig im Fort herumgehen zu lassen, dass sie

mir nur bei wissenschaftlichen Arbeiten, und zwar beim Ausstopfen

der Thiere, behülflich seien, und dass unter den herrschenden

Verhältnissen ich keinen Bürger miethen könnte, weil eben auf ganz

Teweh kein Bedienter oder Kuli zu bekommen wäre. Der Commandant des

Forts bekam seine Nase und mir wurde ausdrücklich von Bandjermasing

erlaubt, die Sträflinge in ihrer freien Zeit zu wissenschaftlichen

Arbeiten gebrauchen zu können. Ich kann nicht umhin, den Heroismus

eines solchen Sträflings zu besprechen, als er mir half, das Zibeth

aus einer Zibethkatze (Viverra Zibetha) herauszunehmen. Er sollte

die Katze bei den vier Füssen so halten, dass ich das Zibeth aus der

Drüse, welche sie zwischen den hintern Extremitäten hat, mit dem

beinernen Löffel herausdrücken konnte. Er hielt jedoch die Katze in

einer so eigenthümlichen Weise, dass ich darauf aufmerksam wurde; ich

blickte auf seine Hand und -- +die Katze hatte sich in seinen Finger

verbissen, ohne dass er auch nur mit der Miene gezuckt hatte oder auch

nur eine Schmerzensäusserung von sich gab+. Sofort befreite ich ihn

aus seiner erzwungenen Haltung, indem ich die Katze mit starkem Griff

im Nacken fasste, und -- legte einen silbernen Gulden in seine Hand.

Da diese Sträflinge nebst der Kost nur 4 Kreuzer täglich bekommen, so

ist ein solcher Nebenverdienst immerhin für sie sehr erwünscht. Zu

einer ähnlichen heroischen That habe ich später einen europäischen

Krankenwärter, mit dem Range eines Feldwebels, entschlossen gesehen.

Ich bekam nämlich vier Jahre später in Batavia einen Soldaten in

Behandlung, der Monate vorher von einem Pferde im Rücken gebissen war,

und dessen Wunde zu gross war, um heilen zu können; ich entschloss mich

zur Transplantation und entnahm ein Stück Haut zu diesem Zwecke aus dem

Arme eines Sträflings, weil der Patient, ein Europäer, sich nicht dazu

hergeben wollte und gab ihm (dem Sträfling) einen Reichsthaler (2 Fl.

50) dafür. Den andern Tag ersuchte mich der Sergeant, ihn und nicht den

Sträfling den Reichsthaler verdienen zu lassen, wenn ich wieder ein

Stückchen Haut nöthig hätte.

* * * * *

Schon wenige Tage nach meiner Ankunft in Muarah Teweh kam der erste

Dajaker in meine Behandlung. Ich stand an der Palissade und sah einen

Mann einen Kahn verlassen und das sanft abfallende Ufer heransteigen.

Der »Commandant der Wacht«, ein Feldwebel, nahm ihm sein Messer

(Mandau) ab, liess ihn warten und meldete ihn bei mir an. Es war

ein Mann mittlerer Grösse, von leicht brauner Hautfarbe, schwarzen

Haaren, braunen Augen, grossen Löchern in den Ohrläppchen und war nur

bekleidet mit dem Djawat, das ist einem Gürtel aus Baumbast, welcher

mit einer schmalen Schürze vom Bauche herabhing; er sprach etwas

Malayisch, und so hatte ich keinen Dolmetsch nöthig, um mich mit ihm

zu verständigen. Am rechten Ufer des Baritu, gegenüber der Mündung

der Teweh (etwas südlich), läge sein Kampong, von welchem sein Vater

Häuptling sei; dieser sei schon seit längerer Zeit krank, obwohl

die Bassirs und die Bliams ihre Opfer an den Radja-ontong schon zu

wiederholten Malen gebracht hatten, und leide so fürchterlich, dass

er käme, meine Hülfe anzurufen, weil er gehört habe, dass ich so ein

gewaltiger Bassir sei. Nun, wenn ich damals gewusst hätte, dass ein

solcher Bassir nicht nur ein Priester, Zauberer und Teufelsbeschwörer,

sondern auch ein publiker Paederast sei, ich hätte mich für diese

Titulatur bedankt. Seine Absicht war jedoch gut, denn als ich ihn frug,

was denn ein Bassir sei, antwortete er: »So was, als ein Jesus!!?!«

Wie ich später erfuhr, hatte er kurz vorher einen Soldaten vor einem

Christusbilde beten gesehen, und auf seine Frage, wer dies sei, die

Antwort erhalten: »Tuwan-Allah-Jesus«. Aus seiner weiteren Mittheilung

entnahm ich, dass es sich bei seinem Vater um einen Tumor vesicae

handle mit consecutiver Retentio urinae. Mit Nelaton-Katheter und

Pravatz’scher Spritze ausgerüstet und begleitet von dem europäischen

Krankenwärter, dem langen Amat und zwei Sträflingen, bestieg ich den

Kahn des Dajakers. Der Fluss ist bei Teweh ungefähr 400 Meter breit;

da aber unser Ziel stromabwärts lag, erreichten wir bald den Kampong,

ohne dass die Ruderer thätig waren; der Strom riss uns einfach mit. Ans

Ufer gekommen, sah ich vor mir ein langes Haus, welches auf Pfählen

von ungefähr 1½ Meter stand. Eine breite Leiter stand in der Mitte.

Ich stieg mit meinem Gefolge hinauf und fand sofort im Entrée den

Patienten auf dem Boden liegen. Im Hintergrund tanzte ein Bassir vor

einem Altar, und zur Seite des Kampongs sassen die Musikanten mit der

Tote (eine Art Panpfeife), mit Pauken, malayischen Violinen (râbab

genannt) und einer Art Dudelsack aus der Schale der Labufrucht, der

sie wehmüthige Klänge zu entlocken wussten. Als ich mich niederbückte,

um den Patienten zu untersuchen, begann der Bassir vor dem Altar hin

und her zu trippeln, wobei er die halb ausgestreckten Arme schüttelte,

welche zahlreiche kupferne grosse Ringe trugen. Nicht unharmonisch

fiel draussen der Chor der Pauken und der anderen Instrumente ein, und

die Beschwörungen der Bliams übertönten Alles, die Tote, die râbab,

den Glockenschall der Ringe u. s. w. Die Untersuchung bestätigte mein

Vermuthen, dass ein Tumor die Urethra unwegsam machte, so dass ich

palliativ die Punctio vesicae machen wollte. Ich theilte der Umgebung

mit, dass ein Stich in die Blase sehr viel Erleichterung in seine

Schmerzen bringen würde, und Alle, wie auch der Patient, gaben zu

dieser kleinen Operation die Zustimmung. Kaum hatte ich jedoch den

Troicart auf den Unterbauch angesetzt, als der Patient und seine Frau

einen leisen Schrei ausstiessen, seine Frau rief, die Krankenwärter

mich erfassten, von dem Patienten hinwegrissen, mich zur Thüre und die

Leiter hinabdrängten und am Ufer mich sofort den Kahn zu besteigen

ersuchten. So rasch folgte eins auf das andere, dass ich keine Zeit zum

Fragen hatte, was dies bedeute. Bevor ich jedoch in den Kahn stieg,

um was mich die Krankenwärter ersuchten, sah ich mich noch einmal um

und sah nichts, was die Aufregung meines Gefolges erklären konnte. Die

Spieler schlugen ihre Pauken, die Mädchen bliesen ihre Tote, dazwischen

hörte ich manche Seufzer des Patienten, gemischt mit den Worten seiner

Frau; unter dem Kampong, zwischen den Pfählen, grunzten die Schweine,

suchten ruhig in den Abfällen, welche zwischen den Latten des Hausflurs

herabfielen, einen Leckerbissen, und dasselbe thaten die Hühner. Ich

frug also meine Krankenwärter, was dieser Rückzug bedeute, der mehr

eine übereilte Flucht, als ein ehrenhafter Rückzug war. »Haben Sie

nicht »Amok« rufen gehört?« bekam ich zur Antwort. Dies war nicht der

Fall. Der Patient hatte beim Ansehen des Troicart einen unwillkürlichen

Angstschrei ausgestossen, weil er sich vor dem Stiche fürchtete; seine

Frau hatte ebenfalls unwillkürlich und reflectorisch dasselbe gethan;

meine Krankenwärter hielten diese zwei Schreie für »Amok«, ergriffen

die Flucht und zogen mich mit, der keine Ahnung von der Gefahr hatte,

welche mir in der Einbildung dieser Helden (?) drohte.

Ich hatte nämlich schon früher vom »Amok rufen« hin und wieder sprechen

gehört. Nach dieser Zeit hatte ich einige Male Gelegenheit, mit

dieser Sache mich zu beschäftigen. In der ursprünglichen Bedeutung

des Wortes (amoq = Mord) hört man es beinahe jeden Tag gebrauchen;

wenn zwei Soldaten raufen und einer von ihnen zieht das Messer,

wird durch Schlagen auf den Holzblock in dem Wachthause die Polizei

herbeigerufen, und dann spricht man von Amok; ein eifersüchtiger

Ehemann prügelt seine untreue Frau, welche so fürchterlich schreit,

dass wieder von Amok gesprochen wird u. s. w. Aber das eigentliche

»Amok machen« bedeutet eine Mordmanie: Der betreffende Malaye läuft

wie ein Rasender durch die Strassen mit einer Waffe in der Hand (in

der Regel mit einem Kris) und stösst jedem, der ihm entgegenkommt, Alt

oder Jung, Mann oder Frau, Feind oder Freund, das Messer in die Brust,

ohne sich weiter aufzuhalten, oder nach seinem Opfer sich umzusehen,

so lange, bis er von der herbeigeeilten Menschenmenge erstochen oder

auf andere Weise unschädlich gemacht ist. Allgemein wird behauptet,

dass dieses unter dem Einfluss des Opiumrauchens geschehe. Der eine

Fall, welchen ich zu untersuchen Gelegenheit hatte, betraf einen Mann

von ungefähr 30 Jahren. Seine Verwandten erzählten mir, dass er schon

eine Woche vorher am Fieber gelitten habe und dass ihn offenbar der

Teufel (setan) gepackt hätte, weil er immer ein ruhiger, gelassener und

ordnungsliebender Mann gewesen sei. Da er an dem bewussten Tage kurz

vor seinem Anfall von Raserei hohe Temperatur hatte (»er war glühend

heiss«, erzählte mir seine Frau), so war zweifellos das Fieberdelirium

der Anlass zu diesem »Amok machen«. Man sieht in diesem »Amok machen«

oft einen eigenthümlichen Selbstmordversuch, weil sie beinahe immer

ermordet werden; Menschen also, welche des Lebens überdrüssig sind,

würden Amok laufen, um so ihr Ziel zu erreichen, d. h. ohne eigentlich

Hand an sich zu legen, von der Last des Lebens befreit zu werden,

und doch der Freuden des Himmels theilhaftig zu werden, welche den

Selbstmördern versagt bleiben. Oft wird behauptet, dass Rachsucht das

Motiv der »Amokmacher« sei, dass der Beleidigte durch Opiumrauchen sich

den Muth verschaffe, gerade wie die Europäer durch Schnaps dies thun,

und dann mit seinem Feinde noch andere unschuldige Opfer treffe. Wenn

ich noch hinzufüge, dass bei Frauen das Amok machen niemals vorkommt,

dass Rasch es für eine Mania transitoria auf epileptischer Basis hält,

so habe ich alles mitgetheilt, was mir hierüber bekannt wurde.

Wie gesagt, bestand das »Amokrufen« in unserem Falle nur in der

Phantasie meines Gefolges; wenigstens niemals habe ich gehört, dass

unter den Dajakern diese Volksunsitte herrsche, obzwar ich 3½

Jahr unter ihnen gelebt habe, und alle Fälle, welche mir bekannt

wurden, waren von echten Malayen (Buginesen oder Maduresen u. s. w.)

ausgeführt. Vielleicht glaubte mein malayischer Krankenwärter nur,

dass es am sichersten sei, sobald als möglich aus diesem Kampong

wegzukommen, und hat also zu diesem Mittel seine Zuflucht genommen.

Er war zu dieser Furcht gewissermaassen gerechtfertigt, weil wir

damals jede Woche, einmal von dem Residenten, das zweite Mal vom

Militär-Commandanten, die Warnung erhielten, vorsichtig zu sein.

Im Jahre 1873 hatte der damalige Häuptling Mangkosari den Argwohn

der Holländischen Regierung so erregt, dass sie dem damaligen

Militär-Commandanten von Teweh den Auftrag gab, ihn dafür zu tadeln

u. s. w. Dieser liess ihn ins Fort kommen und zeigte eine solche

Vertrautheit mit den verrätherischen Plänen dieses Häuptlings, dass

er für die Sicherheit seiner Person bange wurde, über die Palissade

hinweg ins Freie sprang und sich nie mehr sehen liess. Es wurde also

ein anderer zum Häuptling der »Boven Dusson« ernannt, und zwar sein

früherer Schreiber Namens Dakop, welcher ein Malaye war. Drei Jahre

hat auf diese Weise Mangkosari im Gebirge gelebt, und erst Anfang 1876

war er zurückgekommen und hat die Holländische Regierung um Vergebung

gebeten. Nun hatte Dakop sowohl als Malaye und Mohammedaner, als auch

durch jeden Mangel einer ausgesprochenen Individualität absolut keinen

Einfluss in dieser Gegend. Mangkosari dagegen war ein Dajaker von

Geburt und Religion, war ein Neffe des Antasari, welcher im Jahre 1859

mit Suropatti in dem Aufstand gegen die Holländer eine grosse Rolle

gespielt hat, er war schlau, intelligent, muthig und reich, und doch

... hat ihn die damalige indische Regierung nicht in sein früheres

Amt eingesetzt; sie hat ihn aber auch nicht nach Bandjermasing kommen

lassen, um sich zu rechtfertigen für sein früher verrätherisches

Treiben, sie hat ihn auch nicht gefangen nehmen lassen; was denn? sie

gab ihm Pardon und liess ihn »als Bürger und als Kaufmann« unter einem

Häuptling leben, welcher früher sein Schreiber war!! Welcher Missgriff

einer Regierung!

Dies alles war die Ursache, dass wir jede Woche gewarnt wurden,

vorsichtig zu sein, weil Mangkosari »ein solcher verrätherischer Mann«

sei. Was sollten solche warnenden Worte für mich jedoch bedeuten?

Sollte ich niemals das Fort verlassen und höchstens vor der Palissade

und auf der Schiessstätte spazieren gehen, welche sich im Norden an die

Festung anschloss? Sollte ich +ausserhalb+ des Forts niemandem

meine ärztliche Hülfe leisten? Das eine wäre zu langweilig, das

andere inhuman gewesen. Nebstdem erfreute ich mich der Freundschaft

(?) des Mangkosari, dem ich viel verdankte; er führte mich in die

Religion und Liturgie der Dajaker ein; ihm verdankte ich ausführlichen

Bericht über das Leben und Treiben der Waldmenschen (Olo-Ott); ja, er

erklärte sich s. Z. selbst bereit, mir das Skelett oder die Leiche

eines +Schwanz+menschen zu besorgen, wenn es mir gelänge, ihm

volle Begnadigung zu erwirken, so dass er wieder Districts-Häuptling

werden würde. Ich wandte mich auch an den Residenten, als er im Jahre

1878 in Teweh war, aber bekam zur Antwort: Mit solchen Sachen bemühen

wir uns nicht. In dieser Frage gab ich mir damals viel Mühe, ohne zu

einem Resultate in positiver oder negativer Richtung zu gelangen.

Jedermann behauptete nämlich deren Existenz; ich bot darum 1000 Fl. für

das Skelett eines solchen Menschen; ein Chinese bot sich mir an, ein

solches zu holen, wenn ich ihm einen Reisevorschuss von 3-500 Fl. geben

wollte.

Dazu konnte ich mich nicht entschliessen, weil ich mit mehr oder

weniger Recht fürchten musste, dass der Chinese nicht weiter als bis

um die nächste Ecke des Stromes fahre, dort einige Tage liegen bleiben

würde und dann mit einer oder der anderen fabelhaften Erzählung,

aber ohne das gewünschte Skelett zurückkommen würde. Das Anerbieten

Mangkosaris jedoch war so bestimmt, dass ich unmöglich die Existenz

in das Reich der Fabel verweisen konnte. Ich habe jedoch keinen

solchen Schwanzmenschen gesehen; ich darf also von der Existenz dieser

Menschen als Thatsache nicht sprechen. Nach allen gewonnenen Berichten

sollten diese Menschen zwischen dem Quellengebiet des Baritu und dem

des Mahakamflusses wohnen und ein Rudiment von einem Schwanze haben,

der ungefähr 2-3 cm lang sei, so dass sie, wenn sie auf dem Boden

hocken, eine Grube in dem sandigen Boden zurücklassen. +Ich muss

jedoch bemerken, dass nach der Ansicht einiger Bewohner von Teweh die

Schwanzmenschen -- ein Schimpfwort für die primitiven Menschen des

genannten Gebietes sein sollte.+[6] Der Zufall kann manchmal auch

ein Schalk sein. Zur Zeit, als ich mich mit dieser Frage beschäftigte,

kam ein javanischer Soldat zur Reengagirung zu mir. Beim Assentiren sah

ich gerade am Ende der Wirbelsäule einen -- Schwanz (?). Ich rief schon

mein heureka; als ich jedoch den Zusammenhang des Schwanzes (?) mit der

Wirbelsäule untersuchte, sah ich, dass es nur ein cornu cutaneum (=

Hauthorn) war, welches mit dem Steissbein in gar keiner Verbindung war.

4. Capitel.

Fischschuppen-Krankheit -- Tigerschlange -- Schlangenbeschwörer

-- Gibbon -- Kentering -- Beri-Beri -- Simulanten beim Militär --

Mohammedanisches Neujahr -- Tochter von Mangkosari -- Kopfjagd --

Pfeilgift -- Genesungsfest -- Gesundes Essen -- Früchte -- Indische

Haustoilette -- Wüthende Haushälterin -- Dysenterie -- Gewissenlose

Beamte -- Missionare.

Eines Tages stand ich vor der Palissade und liess meinen Blick über die

Ufer des Baritu schweifen; das Wasser war sehr niedrig; 15 Meter war

der Fluss seit früh gefallen; die Schildwacht hatte ihre Aufmerksamkeit

vielleicht mehr den Frauen gewidmet, welche in dem schwimmenden

Badehause (zugleich Abort) sich befanden, als dem Badehause selbst;

endlich riss ein eigenthümliches Knarren ihn aus dem Träumen. Das

Badehaus war nämlich mit grossen Rottangs an dem Ufer festgebunden,

welche nach dem jeweiligen Stande des Flusses kürzer oder länger

angezogen werden mussten; das Wasser war schon so tief gefallen, dass

das schwimmende Badehaus mit dem einen Rande am schräg ablaufenden Ufer

aufruhte und dadurch eine schiefe Stellung bekam. Sofort schlug die

Schildwacht den in der Nähe hängenden Holzblock, einige Soldaten eilten

herbei, und es gelang ihnen, das schwimmende Haus vor dem Einsturz

zu retten, indem sie die Rottangs vom Ufer lösten und durch einen

kräftigen Stoss das Badehaus gänzlich ins Wasser brachten. In finsteren

Nächten hat die Schildwacht nur dieses eigenthümliche Geräusch zum

Wegweiser, ob unerwartet das Wasser gefallen sei und das Gebäude

bedrohe; denn die Schildwacht muss in der Nacht von den Palissaden

geschützt sein; wie leicht könnte es sonst geschehen, dass ein oder der

andere Dajaker sich heranschliche, um sich ihren Kopf zu holen?

Den Soldaten war es also gelungen, das Badehaus den Soldaten zu

erhalten, die Schildwacht ging wieder in schläfrigem Schritt auf und

ab, als sie plötzlich in der Tiefe des Ufers einen Kahn anlegen sah

und mich darauf aufmerksam machte. Ein Riese stieg nämlich aus dem

Kahne, der nur aus einem ausgehöhlten Baumstamme bestand. Bald folgten

noch zwei Kähne mit zwei anderen Dajakschen Männern. Trotz der Tiefe

des Ufers war seine Grösse so auffallend, dass ich die zwei andern

Officiere zur Palissade rief; je höher er stieg und je näher er kam,

desto mehr fiel mir neben seiner Grösse sein zerstörtes Wesen auf.

Endlich erreichte er das Fort und ersuchte, mit dem Doctor sprechen zu

können. Nachdem sie die Mandaus (Kopfmesser) abgelegt hatten und ich

die Erlaubniss gegeben hatte, kamen sie zu mir, und ein eigenthümliches

Gespräch begann; die drei Männer waren aus verschiedenen Gegenden

gekommen und sprachen also drei verschiedene Dialekte; der Eine sprach

den von Teweh, war jedoch nicht des Malayischen mächtig; ich liess also

erst einen Bewohner von dem gegenüberliegenden Kampong holen, der beide

Sprachen beherrschte, und ich hatte unterdessen Zeit, den Riesen näher

zu beobachten. Zu Ehren seines Besuches hatte er ein Kopftuch angelegt,

unter welchem jedoch die langen schwarzen ungekräuselten dicken Haare

herabhingen; es bestand aus Baumbast, welches gefärbt war; nebstdem

hatte er aus demselben Stoffe ein Röckchen ohne Aermel und ohne Knöpfe,

welches also die Brust nicht bedeckte, und dann hatte er seinen Djawat

(den Gürtel); das war also seine Galakleidung; was mich jedoch neben

seinen zerstörten Gesichtszügen am meisten interessirte, war die

Ichthyosis, d. h. der ganze Körper war mit Ausnahme des Gesichts, der

Hände und Fusssohlen mit Schuppen bedeckt.

Wie ich später sah, ist beinahe ein Viertel der männlichen Bevölkerung

mit dieser Hautkrankheit behaftet (von den Frauen finde ich in meinen

Reisebriefen aus damaliger Zeit nichts diesbezügliches erwähnt).

Auch gelang es mir niemals, über die Entstehungsursache dieser

Fischschuppenkrankheit etwas zu erfahren; natürlich wurden die Lues,

die Unreinlichkeit, der Genuss von Schweinefleisch u. s. w. in der

Aetiologie dieser Krankheit genannt, ohne dass ich auch nur die

geringste Bestätigung dafür finden konnte. Auch in Europa war mir ja

eine Familie bekannt, wo die Fischschuppenkrankheit (= Ichthyosis) bei

drei Brüdern vorkam (der vierte war davon befreit geblieben), und zwar

ohne bekannte Ursache, die Eltern waren nämlich ichthyosisfrei. (Kaposi

beschreibt mehrere Formen der Ichthyosis und nennt sie eine hereditäre

Krankheit.) Mir gelang es niemals, eine Ursache für die Ichthyosis

der Dajaker zu finden, und sie war so zahlreich, dass ich sie für die

Dajaker eine endemische Volkskrankheit nennen musste.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 4 / 26 段