* * * * *

[Illustration: Fig. 3. Das Fort Teweh bis zum Jahre 1880.]

Das Schiff hatte uns verlassen, und jeder von uns drei Officieren zog

sich in seine Gemächer zurück; wir zwei neuen Bewohner des Forts, um

mit den häuslichen Angelegenheiten einen Anfang zu machen, der dritte,

um den Anforderungen des Dienstes gerecht zu werden. Meine Wohnung lag

an der Westseite des Hauptgebäudes, und zwar an dem südlichen Ende, so

dass die westliche und südliche Seite meiner Wohnung von den Palissaden

der Festung, die nördliche von der Bambuswand meines Nachbars und die

östliche von der Hinterfront des Gebäudes begrenzt wurde. An diese

schloss sich ein kleiner Hofraum und dahinter Pulvermagazin und

Provostzimmer, und daran grenzte die Caserne, welche ebenfalls (nach

Osten) von der Palissadenwand umschlossen wurde (Fig. 3). F. Gerstäcker

theilt in der »Gartenlaube« von den 70er Jahren eine in Indien bekannte

Spukgeschichte, wenn ich nicht irre, unter dem Namen »Gandruwó« mit,

welche seiner Zeit sogar zu einem Duell eines Generals geführt habe.

Die gegenwärtige Generation hat sie offenbar schon vergessen, weil

man so selten von ihr sprechen hört. Sie zu erzählen, habe ich keine

Ursache, weil ich folgenden ähnlichen Fall erlebt habe. Eines Abends

sassen wir drei Officiere in unsern Zimmern, als plötzlich in meinem

Zimmer ein Stein von der Decke fiel; ich schrieb es einem Zufalle zu

und schwieg; es kam ein zweiter, ein dritter, und als endlich sogar

ein Kork fiel, und zwar versehen mit dem Namen meines Weinlieferanten,

stand ich auf und rief dem militärischen Commandanten zu, ob er die

Steine fallen höre; ja, was bedeutet dieses? frug er zurück. Scherzend

rief ich zurück: Das ist Gandruwó! Er kam zu mir und nirgends war eine

Spur von einer lebenden Seele; vor uns lag das Ufer, es war mondhelle

Nacht -- kein Mensch, kein Affe zu sehen; vor der Südseite standen

zwei grosse Bäume und ein Wachthaus, das geschlossen war; beim hellen

Scheine des Mondes konnte man jedes Blatt des Baumes sehen, so dass

wir sicher waren, dass auf dem Baume der Schalk nicht sitzen konnte,

und nur in der Galerie, welche längs unserer Wohnung sich zog, lief

die Schildwache auf und ab. Während wir den Fall besprachen und vor

der Schildwache standen, fielen wieder Steine, und zwar immer aus

dem Süden kommend. Für den dritten Lieutenant (de mortuis nil nisi

bene) war es der ausgesprochene Fall von Gandruwó, weil er in dem

jahrelangen Verkehr mit seiner Haushälterin in dem Aberglauben der

Eingeborenen aufgegangen war. Nun, auch für uns zweie war es eine

mysteriöse Sache: nirgends einen Menschen, nirgends ein lebendes Wesen

zu sehen, und vor uns aus dem hohen Dachraume, in dem der Uebelthäter

auch nicht sitzen konnte, Steine und Kork fallen zu sehen und zu hören!

Nun, Doctor? frug mich der Commandant. In französischer Sprache gab

ich ihm zur Antwort (weil die Schildwacht, obzwar ein Eingeborener,

vielleicht doch holländisch verstehen konnte): »Ich weiss ein Mittel,

um diesen Geisterspuk aufzuklären.« »Nun! welches?« »Drohen Sie der

Schildwacht mit acht Tagen Provost, wenn das Fallen der Steine nicht

aufhöre.« Der Commandant acceptirte meinen Rath und -- die Ruhe

war hergestellt. Offenbar hatte der Soldat, während er in strammer

Haltung vor uns stand, mit dem Finger die Steine hinaufgeschnellt,

ohne dass wir es merkten. In anderen ähnlichen Fällen sind z. B. in

geschlossenen Räumen, selbst in Zimmern mit gewöhnlichem Plafond,

dubang, d. i. mit Sirih roth gefärbter Speichel, Steine u. s. w. auf

den Beobachter gefallen, obschon, wie in dem von Gerstäcker erwähnten

Falle, ein Cordon von Soldaten das Haus umstand. Den directen Beweis

für die natürliche Entstehungsweise habe ich in meinem Falle auch nicht

erbracht; aber ich zweifle nicht, dass es in allen Fällen möglich

gewesen wäre, den Betrug aufzudecken, wenn man nur den Mysticismus

dieses Vorganges principiell ausgeschlossen hätte.

* * * * *

Auf die Ordnung meiner Wohnung brauchte ich nicht viel Zeit zu

verwenden. Die Wände bestanden aus Matten von 2-3 Meter Höhe, hatten

also keine Fenster, denn das Licht fiel über die Palissaden in mein

erstes, ich will es Studirzimmer nennen; im zweiten Raume standen

mein Bett, Kasten und Waschtafel. In der südlichen Wand war eine

Oeffnung, welche in der Nacht oder bei schwerem Regen von einem

Thürchen geschlossen werden konnte, also die Rolle eines Fensters

spielte, und im letzten Raum stand der Geschirrkasten; eine Thür aus

Bambus-Matten führte in den Hofraum. Natürlich war mein Studirzimmer

zu gleicher Zeit, venia sit dictu, Empfangs- und Speisezimmer. Vor dem

Fort stand am Ufer des Flusses meine Küche, mein Badehaus mit Abort,

welche ebenfalls aus Bambus verfertigt waren; später errichtete ich

daneben ein Affenhäuschen. Die Marodenzimmer für 6-8 Kranke und eine

Apotheke standen im Fort und hatten dieselbe primitive Bauart und

dasselbe einfache Baumaterial. Die Apotheke hatte einen grossen Vorrath

an Arzneien, welche sich in den Jahren ihres Bestehens aufgehäuft

hatten, ohne dass sie in Gebrauch genommen wurden. Die indische

Regierung ist diesbezüglich besonders freigebig, oder sagen wir lieber

verschwenderisch. Jeder Arzt hat das Recht, um Arzneien ad libitum

ersuchen zu können; kein Chef hat den Muth, das »fiat verabfolgen«

zu verweigern; wie viele, namentlich junge Aerzte, sehen ihr Heil

nur in dem Verabfolgen von zahlreichen Medicinen und vergessen, dass

der Arzt sehr viel auch ohne Arzneien helfen kann. Ich hatte einmal

einen Patienten mit einem Typhoid -- es ist 4 Jahre her -- im Spital

zu Magelang (Java), dem ich ¾ Gramm Antipyrin dreimal des Tages

vorgeschrieben hatte; in meiner Abwesenheit bekam er Nasenbluten,

und es wurde der »Doctor der Wacht« (du jour) gerufen; als ich zur

Abendvisite kam, erzählte mir dieser Heilkünstler, dass er durch

Ergotine sofort das Nasenbluten gestillt hatte (wäre es auch nicht

ohne dieses gelungen?) und dass er nebstdem noch Chinin und Phenacetin

gegeben hatte!! ein College konnte die Bemerkung nicht unterdrücken:

»Dieser Mann lebt noch, trotzdem er Antipyrin, Chinin, Phenacetin und

Ergotin erhalten hat!!« Schon vor vielen Jahren hat der damalige

Sanitätschef die jüngeren Aerzte aufmerksam gemacht, dass die Kunst des

Arztes nicht im Verschreiben grosser oder zahlreicher Recepte bestehe;

er hat zu tauben Ohren gepredigt, und die Polypragmasie florirt in

Indien jetzt wie zuvor. Selbst in der Verabfolgung von Utensilien und

Instrumenten zeigt die Regierung eine gleiche Freigebigkeit. Mikroskope

z. B. von 500-600 fl. (mit Abbé, Oelimmersion) sah ich oft jahrelang in

einem Winkel einer Apotheke ungebraucht stehen. Dem bacteriologischen

Schwindel scheinen jedoch die letzten Jahre ein Ende gemacht zu

haben. Auf zahlreiche Ansuchen nämlich von echten Dilettanten, welche

vielleicht einmal einen Tuberkelbacillus unter dem Mikroskop gesehen

hatten, oder denen es einmal gelungen war, einen solchen, sagen wir

nach Gram oder Ehrlich, zu färben, wurden grössere Apparate, als

Sterilisirungsöfen u. s. w. verweigert, während z. B. dem Laboratorium

so ziemlich alle Hülfsmittel der modernen pathologischen Forschungen

zur Verfügung gestellt wurden. Ich muss es wiederholen, dass der

Sanitätschef sehr weise thäte, auch gegenüber dem Ansuchen um Medicinen

und anderen Instrumenten etwas kritisch sich zu verhalten. Wie viele

Tausende Gulden, vielleicht Hunderttausende sind in den einzelnen

Apotheken der Marodenhäuser u. s. w. im indischen Archipel aufgehäuft,

bis sie endlich von irgend einem Arzte als »verdorben« weggeworfen

werden müssen.

Das Mobiliar des Marodenzimmers, das Geschirr, die Krankenwäsche und

die Utensilien standen unter der Verwaltung des milit. Commandanten;

auch die Kost bekamen die Kranken aus der gemeinsamen Menage; nur hatte

ich das Recht, für gewisse Krankheitsfälle eine zweckentsprechende

Diät vorzuschreiben, und erhielt dafür auf Ansuchen alles Nothwendige

nach feststehendem Tarif, so z. B. durfte ich für jeden europäischen

Patienten pro Tag ein halbes Huhn verlangen; wie erhält man jedoch

ein halbes Huhn, wenn nur ein Patient im Marodenzimmer sich befindet?

Im Archiv fand ich darüber sogar eine Correspondenz, d. h. eine

diesbezügliche Anfrage an den Sanitätschef in Bandjermasing. Leider

fand ich keine Antwort auf diese Frage vor. Für die Lieferung aller

Bedürfnisse für die Truppen, somit auch der Patienten, befand sich

ausserhalb des Forts ein Chinese, welcher unter dem Schutze des

Häuptlings und der Truppen am linken Ufer der Teweh sein Magazin

hatte. Er war natürlich nur der Vertreter einer grossen Gesellschaft,

welche die Verpflegung der Truppen auf der S.-O.-Hälfte Borneos auf

sich genommen hatte. Die gesetzliche Bestimmung bestimmte die Menge

an Lebensmitteln, welche zu jeder Zeit im Fort und welche zu jeder

Zeit in seinem Magazin anwesend sein mussten. Neben dem Quantum

spielt natürlich auch die Qualität der Lebensmittel eine grosse Rolle

in den Verpflichtungen des Lieferanten, welche eine stete Controle

von Seiten des Commandanten erfordern. Die Gewissenlosigkeit der

Lieferanten kann in Europa gross sein; aber der Chinese ist als

Lieferant vielleicht weniger dumm als sein europäischer College, aber

darum noch nicht gewissenhafter. Im Jahre 1870 wurden im Lager der

französischen Armee Kisten eröffnet, welche Schuhe für die Soldaten

enthalten +sollten+, und man fand -- Kinderwagen und anderes

Kinderspielzeug. So etwas hat ein chinesischer Lieferant niemals

gethan. Womit jedoch der Thee z. B. gefälscht sein kann, welcher den

Soldaten geliefert wird, das entzieht sich jeder Beschreibung. Die

Butter, welche im Jahre 188... in Atjeh z. B. beim Lieferanten den

Officieren zum Kauf angeboten wurde, sah dem Wagenfett ähnlicher

als der Butter! Viel dieser Uebelstände erklären sich leicht durch

die Unschlüssigkeit der Regierung. Auf der einen Seite +will+

sie den Soldaten nur Lebensmittel in erster Qualität verabfolgen

lassen, auf der andern Seite möchte sie gern so wenig als möglich

dafür bezahlen. Ist der Officier bei der Uebernahme der gelieferten

Lebensmittel zu streng, und beklagt sich der Lieferant bei dem

Intendanten, so kommt sicher eines Tags die Belehrung an die Officiere,

bei der Uebernahme der gelieferten Lebensmittel auch das Interesse

des Lieferanten nicht aus dem Auge zu verlieren, weil anders der

Preis der folgenden Concurrenzausschreibung zu hoch aufgesetzt werden

würde. Kommt jedoch ein Inspecteur die Truppen inspiciren und sieht

z. B., dass der gelieferte Reis zu viel mit gebrochenen Körnern

gemengt sei, bekommt der Commandant wieder seine Nase. Am besten

würden alle diese Schwierigkeiten behoben werden, wenn die Officiere,

welche mit der Uebernahme der Lebensmittel u. s. w. betraut sind,

wenigstens ebenso viel Waarenkunde besässen, als der Administrateur.

In 189.. weigerte ein Lieutenant in Magelang, der kurz vorher von

der Kriegsschule in Breda abgegangen war, das gelieferte Rindfleisch

auzunehmen, weil die Lunge tuberculös sei; ich wurde geholt, um seine

Diagnose zu bestätigen. Dieses konnte ich nicht thun, weil die Lunge

nur ungleichmässig pigmentirt war. Der Lieutenant acceptirte meine

Diagnose, das Rindfleisch wurde angenommen, und ich nahm ein Stück

der Lunge mit, um sie dem Chef zu zeigen. Dieser Mann lebt jetzt als

pensionirter Oberstabsarzt in Holland und hatte schon Vieles von

Tuberculose des Rindes offenbar gelesen und gehört, und hatte auch

schon von Färbung der Tuberkelbacillen und mikroskopischer Untersuchung

läuten gehört -- aber er hatte noch niemals gegenüber den militärischen

Vorgesetzten eine +selbständige+ Ansicht gehabt. Ohne auch nur

die Lunge gut anzusehen, sprach er das Wort, das gewiss verdient der

Nachwelt überliefert zu werden: »Wie können Sie oder wie wagen Sie

es zu behaupten, dass die Lunge +nicht tuberculös+ sei; haben

Sie dort im Schlachthause nach Tuberkelbacillen gesucht?!« Auf meine

Bemerkung, dass Pigmentflecke von der Grösse eines Cents bis zu der

einer Hand doch keine Knötchen seien, und dass also nicht einmal ein

Anlass in casu bestände, auf Tuberkelbacillen zu untersuchen, wurde ich

entlassen, mit der Warnung, dass ich ohne mikroskopische Untersuchung

niemals könnte wissen, ob eine Lunge tuberculös sei oder nicht?!

Es ist nämlich unglaublich, wie manche Militärärzte gegenüber dem

»Commandanten« unselbständig sind, in der Furcht, Schwierigkeiten

mit diesem Herrn zu bekommen, während sie oft ihrem untergeordneten

Arzte gegenüber die grösste Strenge zeigen. Der Militär-Commandant

ist und bleibt natürlich der Chef von Allen und über Alle: Ueber dem

Artillerie- und Genieofficier, den Administratoren und dem Arzt.

Keiner von diesen vier Fachleuten in Indien verleugnet aber so oft

seine Selbständigkeit als der Arzt. Unglaublich aber wahr. Die Schuld

liegt daran, weil, wie ich schon in der »Locomotif« vom 11. December

1896, betreffend »die Reorganisation des militärärztlichen Dienstes«,

schrieb, die Aerzte in zahlreichen militärischen und medicinischen

Wissenschaften fürchterliche Lücken haben. Von der gerichtlichen

Medicin wissen sie nichts, und wenn, wie es häufig geschieht, ihre

Hülfe oder vielmehr ihr Gutachten gefordert wird, nehmen sie »Casper«

oder »Hoffmann« zur Hand und fabriciren daraus ein Schriftstück,

welches den Stempel der Unreifheit deutlich trägt. Die Advocaten

Indiens wissen das und halten damit Rechnung! In der Bauhygiene ist

es am schlechtesten bestellt; d. h. pro forma werden die Aerzte in

Fragen der Bauhygiene um ihr Gutachten angezogen; aber das »Genie«

würdigt sie oft nicht einmal einer Antwort. Im Jahre 1891 wurde ein

neues Spital in M.... gebaut; alles war fertig, d. h. der Boden

abgemessen, Bauplan angenommen u. s. w., man sollte schon mit dem

ersten Spatenstich anfangen, als ein neuer Stabsarzt in M.... ankam.

Sofort erhob er gegen die Wahl des Grundes sein Veto, weil in der Nähe

Sawahfelder (= nasse Reisfelder) sich befänden, welche die Quelle von

Fieberepidemien werden könnten, und weil der ausgemessene Grund vor

Jahrzehnten ein Kirchhof gewesen sei; die Genie gab ihr Gutachten,

dass die nassen Reisfelder natürlich nicht bebaut werden würden, weil

sie behufs Trockenlegung +schon+ angekauft seien, und was den

»alten Kirchhof« beträfe, so sei seit dreissig Jahren niemand dort

begraben worden, der Grund sei also nicht antihygienisch. Der Stabsarzt

V... erhob jedoch nochmals seine warnende Stimme; das Armeecommando

bestätigte den Plan »der Genie«, das Spital wurde gebaut, und niemals

hat sich ein schädlicher Einfluss des Bodens gezeigt.

»Die Militärhygiene ist ganz in den Händen der Compagnie- und

Bataillonscommandanten. Allein im Nothfall, d. h. sobald sie

Unterstützung für ihre Vorschläge suchen, rufen diese Herren die Hülfe

des Arztes an, um ein wissenschaftliches Kleid ihren Vorschlägen zu

geben, so als Bacterien, Eiweissgehalt u. s. w. ...« Und immer finden

sich Aerzte, welche zu diesem Liebesdienst sich hergeben. Kein Wunder,

dass ein Major der Infanterie eine dicke Broschüre über die Prophylaxis

der Beri-Beri geschrieben hat!

Die Epidemiologie ist ganz und gar am Gängelband der europäischen

Wissenschaft; anstatt selbständig die Verhältnisse des Tropenklimas

zu den Epidemien zu beobachten, d. h. den Einfluss der tropischen

Temperatur, Feuchtigkeit der Luft und des Bodens, der tropischen Flora

und Fauna, Windrichtung, Wald, Höhe und Ebene auf die Ausbreitung

gewisser Krankheiten zu studiren, werden kritiklos die Theorien der

europäischen Epidemiologen auf Indien angewendet.

Von der militärischen Rechtspflege wissen die Militärärzte ebenso viel

und ebenso wenig als von der Administration, obzwar oft eine Compagnie

von Militär-Krankenwärtern unter ihrem Commando steht. »Ist es daher

ein Wunder, dass bei solch mangelhaftem Wissen von Allem, was nicht

direct den fachmännischen Theil betrifft, die Militär-Aerzte gegenüber

dem Militär-Commandanten beinahe absolut unselbständig sind und oft

genug auch in rein medicinischen Angelegenheiten keine Anerkennung

finden?«

* * * * *

Sieben Personen von dem Fort standen direct unter meinem Befehl;

ein europäischer Krankenwärter von dem Range eines Corporals

(Hospitalbediende heisst sein Rang), zwei Handlanger und vier

Sträflinge. Die »Handlangers« und die Sträflinge (dwangarbeiders)

waren jedoch Eingeborene und zwar theils Javanen und theils Malayen,

welche natürlich nicht der holländischen und noch weniger der deutschen

Sprache mächtig waren. Im Anfange meiner indischen Carrière und zwar

im Spitale zu Surabaya war mir sogar eine Abtheilung mit eingeborenen

Soldaten zur Behandlung angewiesen worden. Einen meiner Krankenwärter

gebrauchte ich also als Dolmetsch, da er genug der malayischen Sprache

mächtig war, um sich mit den eingeborenen Soldaten verständigen

zu können. Bei meiner Ankunft in Muarah Teweh ging es mir nicht

viel besser. Ich hatte während meines Aufenthaltes in Surabaya die

malayische Sprache kaum in ihren Elementen erlernt, so dass ich mich

nur mangelhaft mit meinen Bedienten verständigen konnte und bei meiner

Ankunft in Teweh vor denselben Schwierigkeiten stand. Ich frug also

meinen »Hospitalbedienten«, welcher Sprache ausser der holländischen

er mächtig sei? Ich spreche alle Sprachen des Archipels: Malayisch,

Javanisch, Buginesisch, Chinesisch u. s. w., war seine Antwort. Einen

colossalen Respect bekam ich vor diesem polyglotten Krankenwärter, der

leider nicht lange anhielt. Es war eben eine Aufschneiderei im grossen

Stile; in der chinesischen Sprache wusste er nur von 1-10 zu zählen;

von der buginesischen Sprache wusste er ungefähr ein Dutzend Worte,

ebenso viel von der javanischen Sprache, und nur in der malayischen

hatte er die Wahl von 2-300 Wörtern.

Eine ähnliche Grosssprecherei mit etwas komischem Beigeschmack hörte

ich acht Jahre später in Wien. Ich war auf meiner Urlaubsreise in Wien

und stand mit einigen Philologen und der Frau eines indischen Collegen

im Gespräch über indische Sprachen. Auf die Frage des einen Philologen,

welche Sprachen auf den Inseln des indischen Archipels gesprochen

würden, antwortete ich: »Es giebt zahlreiche Dialekte des polynesischen

Sprachstammes, welche unter einander grösseren Unterschied zeigen als

z. B. Deutsch und Englisch. (1000 Jahr v. Ch. ungefähr schieden die

Malayer in westliche, von Madagascar bis zu den Philippinen, und in

östliche Malayer, welchen der Name Polynesier heutzutage am häufigsten

gegeben wird und die Inseln Süd-Australiens bis zu den Sandwichinseln

bewohnen.) Malayer, Javanen und Sundanesen (in Malakka und Sumatra

ist die ursprüngliche malayische Sprache am reinsten erhalten) können

sich vielleicht mit einander verständigen, aber mit den Buginesen,

Battakern, Dajakern, Alfuren u. s. w. ist dies beinahe unmöglich. Aber

an allen Küsten des indischen Archipels wird malayisch gesprochen,

welches von den malayischen Handelsleuten dahin verbreitet wurde; ja

oft wird man im Innern aller Inseln hin und wieder einen Eingeborenen

finden, der die malayische Sprache wenigstens etwas versteht. Es

spielt also die malayische Sprache in Indien dieselbe Rolle wie die

französische in Europa. Alle Europäer also, welche in Java u. s. w.

sich aufhalten, müssen sich diese Sprache aneignen und wäre es nur, um

mit den Bedienten sprechen zu können. Jedoch nur die wenigsten Europäer

haben diese Sprache grammatikalisch gelernt. Wenn wir von wenigen

Beamten und einzelnen Officieren absehen, so ist das Malayische,

welches von den Europäern im indischen Archipel gesprochen wird,

ein wahres Kauderwelsch, welches unter dem Namen Casernenmalayisch

bekannt ist. Es werden nämlich die einzelnen Worte ohne Conjugation

und ohne Declination, ohne Präfixe und ohne Suffixe hinter einander

ausgesprochen, und dann spricht man von einem »sprechen« der

malayischen Sprache!! Es ist natürlich nur ein Kauderwelsch.« »Ach!«

fiel mir diese Dame ins Wort, »Sie sprechen natürlich nur von sich

selbst; =Ich= bin der malayischen Sprache vollkommen mächtig!«

Von den zwei Handlangern war der eine ein Javane, der andere ein

Malaye; die vier Sträflinge waren wegen Diebstahl und Mord (zwei von

ihnen) aus ihrer Heimath (Java und Sumatra) verbannt und verurtheilt

zu »Zwangsarbeit« und waren dem Marodensaal zu Teweh zugewiesen,

Kulidienste zu leisten. Der eine der beiden »Handlangers« war ein

langer, magerer Malaye, Namens Amat. Eines Tages untersuchte ich den

Inhalt der »Feldmedicin-Kiste« und sah eine grosse viereckige Flasche

mit einer Flüssigkeit gefüllt, ohne Etiquette. Dem Geruch nach zu

urtheilen, hielt ich es für Chloralhydrat in Lösung, und bevor ich es

sehen und verhindern konnte, hatte mein Amat zur Probe einen Schluck

genommen. Ich wusste nicht, was in der Flasche war; ich wusste nicht,

wieviel er davon getrunken hatte; die Grösse der Flasche liess zwar

nicht an ein schweres Gift denken, aber ich befahl ihm, sofort den

Finger in den Hals zu stecken, und er erbrach eine Flüssigkeit von

demselben Geruch als dem in der Flasche. Theilweise war ich schon um

das Schicksal meines dienstbeflissenen Krankenwärters beruhigt, als er

in auffallender Weise fröhlich und ausgelassen wurde.

Ich kann für diese komische Scene kaum Worte finden. Ein langer,

magerer Malaye, welcher betrunken zu sein scheint!! Auf dieses Stadium

excitationis folgte bald die narcotische Wirkung, und nachdem er einige

Stunden lang fest geschlafen hatte, war sein Chloralhydrat-Rausch

geschwunden.

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 3 / 26 段