Am 11. April erhielt ich Marschbefehl und zwar nach Muarah Teweh (0°

5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den

neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am

rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.

Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefste Stille

herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers

unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden

Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf

und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein

glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne

die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein

Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des

Panoramas war die majestätische Ruhe.

Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu,

wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute

wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem

Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem

Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger

angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen,

löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom

abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte,

mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze

Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man

die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.

Im oberen Laufe des Stromes jedoch verschwinden diese schwimmenden

Häuser ganz; nur sehr selten sieht man am Ufer ein Dorf (Kampong)

stehen, und ebenso selten sieht man einen vereinzelten Dajaker auf

der Fischjagd oder auf dem Wege nach seinem weit jenseits des Ufers

gelegenen Kampong. Wenn man die Zahl der Kampongs und der Menschen,

welche die Ufer dieses +Riesenstromes+ bewohnen, als Maassstab

für die Schätzung der Einwohnerzahl Borneos nehmen wollte, würde das

Ergebniss viel zu weit hinter der Wirklichkeit bleiben, obgleich,

wie bekannt, das Land sehr schwach bevölkert ist. Die Namen der

einzelnen Kampongs und der zahlreichen Nebenflüsse dieses Stromes

anzuführen, unterlasse ich gerne im Interesse des Lesers. Aber von drei

Nebenflüssen, vom S. Rungan (Nebenfluss des Kahayastromes) und von der

Lotongtoor und Teweh, welche sich in den Baritu ergiessen, muss ich

doch einiges mittheilen.

Auf dem Ufer des Rungan soll nämlich das Wrack eines chinesischen

Schiffes sich befinden. Wir werden im letzten Capitel sehen, dass die

Chinesen schon vor 1400 Jahren Borneo, und zwar die Nordküste, besucht

haben; aber aus einer viel späteren Zeit stammen die Berichte von

einer Einwanderung der Chinesen in den südlichen Theil dieser Insel.

Uebrigens ist der grösste Theil des Stromgebietes des Flusses Kahaya

im Diluvium gelegen; die Quelle des Rungan liegt jedoch in tertiärer

Formation. Wie ist nun dieses chinesische Segelschiff auf die Ufer

dieser Nebenflüsse geworfen worden und wann geschah dies?

Wir haben aus jüngster Zeit ein Analogon für einen solchen Fall. Im

Jahre 1883 war mit dem Ausbruchs des Krakatau (zwischen Java und

Sumatra) ein heftiges Seebeben verbunden, welches den Dampfer »Berouw«,

welcher im Hafen vor Telok Betong lag, bis eine Meile weit ins Innere

des Landes schleuderte. Das Wrack lag noch im Jahre 1888 so weit von

der Küste.

Wer weiss also, wie weit vor 1000 Jahren die Küste Borneos von der

heutigen entfernt war?

Der Fluss Lotongtor ist ein historischer Kampong am gleichnamigen sehr

kleinen Nebenfluss oder vielmehr Antassan zwischen den Flüssen Montalat

und Teweh. Hier liegt nämlich das Wrack von dem Kriegsschiff »Ourust«,

welches im Jahre 1859 von den Dajakern überfallen und dessen ganze

Bemannung bis auf einen javanischen Bedienten niedergemacht wurde,

welcher die Trauermähr nach Bandjermasing brachte.

Den Fluss Teweh nenne ich, weil auf seinem rechten Ufer ein Fort stand,

Namens Muarah Teweh, in dem ich drei Jahre lang in Garnison lag, und

weil dieser Nebenfluss auf der Wasserscheide entspringt, zwischen

den Strömen der Ostküste und den Nebenflüssen des Baritu, so dass im

Jahre 1880 der Sultan von Kutei und der dänische Forscher Bock diesen

kleinen Bergrücken überschreiten und auf dem Teweh in den Baritu sich

abtreiben lassen konnten, wo sie ein Regierungsdampfer erwartete und

nach Bandjermasing bringen konnte. Das Fort lag damals im Winkel,

welchen das rechte Ufer der Teweh mit dem linken Ufer des Baritu

bildet; später wurde es verlegt nach dem linken Ufer der Teweh, und

heute steht es am rechten Ufer des Bantu, direkt gegenüber der Mündung

(Muara) dieses Flusses. Seine Kanonen bestreichen also die ganze Breite

des Baritu, welche ich seiner Zeit auf 400 Meter berechnete, und den

untern Lauf der Teweh. Im Jahre 1877 befand sich dort nur ein Fort

mit 3 Officieren und ungefähr 100 Mann; heute residirt dort nebstdem

ein Assistentresident (= Bezirkshauptmann), ein Postbeamter und ein

Schreiber. Wie lange wird es dauern, dass auch ein Schullehrer und ein

Notar sich in Teweh ansiedeln?

* * * * *

Während der Fahrt nach Teweh beschäftigte ich mich unter anderem

auch mit dem Trinkwasser unseres Regierungsdampfers, welches in

Bandjermasing an Bord gebracht worden war.

Prof. Robert Koch hat am 9. Juni 1898 in der Colonialgesellschaft

zu Berlin einen Vortrag über Malaria gehalten, in welchem er einige

Axiome aufstellte, welche in ihrer Allgemeinheit nicht von mir und

wahrscheinlich auch von keinem andern Praktiker unterschrieben

werden können: 1) Das Ueberstehen der Krankheit verschafft eine

gewisse Immunität (?); 2) Chinin, zur rechten Zeit gegeben, heilt die

Malaria (?); 3) die Uebertragung der Malaria findet weder durch die

+Luft+, noch durch =das Wasser= statt (?) u. s. w. Im zweiten

Theil werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen; aber an

+dieser+ Stelle muss ich meine warnende Stimme erheben, auf Grund

dieser Theorien Maassregeln zu nehmen; +denn Luft und Wasser sind

Vermittler der Malaria+!!

Das Trinkwasser ist für Bandjermasing eine Lebensfrage in erster

Reihe, weil die Stadt zum Inundationsgebiet gehört, welches täglich

unter dem Einflusse der Ebbe und Fluth steht. Es existiren keine

Brunnen mit trinkbarem Wasser. Es wird also das Wasser gebraucht,

welches während der Ebbe der Martapurafluss führt, an dem die Stadt

liegt. Abgesehen davon, dass dieses Flusswasser sehr verunreinigt ist,

weil zahlreiche Antassans und kleine Nebenflüsse noch im Bereiche

des Inundationsgebietes liegen, ihr Wasser dem Baritu zuführen und

somit gesundheitsschädliche Bestandtheile enthält, so geschieht

es in trockenen Monaten oft, dass der Wasserstand so niedrig ist,

dass zur Zeit der Ebbe ein Theil des Meerwassers zurückbleibt und

zur Zeit der Fluth noch vermehrt wird. In solchen Monaten wird in

grossen eisernen Kähnen das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen

der Martapura zugeführt, wo sich der Einfluss der Fluth nicht mehr

fühlbar macht. Natürlich bleibt ein solches Wasser immer mehr oder

weniger gesundheitsschädlich. Wir haben ein sehr gutes Mittel, jedes

ungesunde Wasser von den pathogenen Bacterien zu befreien. Aber --

es ist zu einfach und kann darum (?) natürlich keinen allgemeinen

Gebrauch finden?! Gegen die groben Verunreinigungen des Wassers werden

grosse Filtrirsteine gebraucht, welche aus Sandstein in der Nähe

Surabayas (Java), in Grissé gewonnen werden. In diesen kegelförmig

ausgehöhlten Sandstein werden Holzkohle und Kieselsteine gelegt und das

Wasser fällt, von den groben Verunreinigungen befreit, tropfenweise

in den darunter stehenden Topf. Wegen der zahlreichen chemischen

Verunreinigungen geben einige ins Wasser Eisenchlorid und Soda. -- Die

bacteriologische Untersuchung eines Wassers, welches auf diese Weise

gereinigt ist, liess vieles, wenn nicht alles, zu wünschen übrig. Alle

möglichen Filtrirapparate wurden also aus Europa bestellt -- es wäre zu

viel, um sie alle bei Namen aufzuführen -- und alle entsprachen mehr

oder weniger, d. h. die bacteriologische Untersuchung des Wassers,

nach diesem letzten Filtrirungsprocesse, brachte mehr oder weniger

+nicht+ pathogene und sehr selten pathogene Bacterien zu Tage.

Im Vertrauen auf die bacteriologische Untersuchung versäumten nun

die meisten das einzige richtige Mittel, um Wasser +sicher+ und

+zweifellos+ von pathogenen Bacterien zu befreien und zwar, es

bis zur Siedhitze =zu kochen=, zum Nachtheile ihrer und ihrer

Angehörigen Gesundheit. Wenn in einem Orte die Cholera epidemisch

ausbricht, da treibt eine Jagd nach Filtrirapparaten die Preise in die

Höhe; aber dass auch die Malaria, diese epidemische Pest einzelner

Orte, gleicherweise durch das Trinkwasser verbreitet werden könne und

verbreitet wird, daran denkt niemand; ja noch mehr, es wird von manchen

Aerzten für unwahrscheinlich gehalten. Ich will nicht diesbezüglich die

Literatur über dieses Thema in den Rahmen dieser Causerie hineinziehen,

aber ich will nur zwei Thatsachen zur Unterstützung dieser meiner

Behauptung anführen. Vor zwanzig Jahren hatte Semarang (auf der

Nordküste Javas) kein artesisches Wasser und war berüchtigt durch seine

schweren Malariaformen. Ist nicht nach dem Einführen der artesischen

Brunnen Semarang bedeutend gesunder geworden? Hat sich dieser günstige

Einfluss nicht auch auf die Zahl und Intensität der Malariafälle

erstreckt? Während der letzten zehn Jahre rieth ich meinen Patienten

und meinen Freunden, überall und immer nur gekochtes Wasser zu trinken.

Ist es wirklich nur Zufall, dass alle, welche diesen Wink befolgten,

seither vom Fieber befreit blieben, obzwar darunter Familien vorkommen,

welche in Tjilatjap, dem grössten Malariaherde Javas, gelebt und das

Fieber s. Z. acquirirt hatten. Um nur von zwei solchen Familien zu

sprechen: sie nahmen nach dieser Zeit niemals Chinin, und doch sind

sie seither befreit von Fieberanfällen, während es bekannt ist, dass

Menschen, welche von der Malaria heimgesucht wurden, oft jahrelang noch

einzelne Fieberanfälle bekommen, auch nachdem sie die Malariagegend

verlassen haben. Ich wage es also zu behaupten, dass alle anderen

Filtrirapparate überflüssig und selbst schädlich sind; dass die bis

jetzt üblichen Filtrirsteine zweckentsprechend sind, wenn das Wasser zu

gleicher Zeit bei einer Temperatur von 100-120° wenigstens ¼ Stunde

lang =gekocht= wird. Im Allgemeinen wird es hinreichen, erst das

Nutzwasser durch den Filtrirstein laufen zu lassen und darnach zu

kochen, manchmal jedoch wird es besser sein, mit dem Kochen anzufangen

und zwar bei dem grauen Wasser, welches reich an pflanzlichen

Verunreinigungen ist. Oft wurde mir auf meinen Rath eingewendet,

dass das Trinkwasser durch das Kochen seinen erquickenden Geschmack

verliere. Das ist richtig; aber diesem Mangel ist abzuhelfen, z. B.

durch ein Stück Kunsteis, welches natürlich aus +destillirtem+

Wasser bereitet sein muss, oder durch Hinzufügen von Thee, Brandy

u. s. w. Es kann das Trinkwasser auch in einem Kübel mit Eis frappirt

werden und erhält dann auch einen angenehmen Geschmack. Durch

das Kochen des Wassers wird auch der Gebrauch der Mineralwässer

überflüssig. Diese werden mit mehr oder weniger Recht häufig gebraucht,

und besonders das Apollinariswasser hat in den letzten Jahren eine

starke Verbreitung gefunden. Es ist reich an Kohlensäure, und zwar ist

es +künstlich+ damit imprägnirt. In Indien giebt es zahlreiche

Fabriken von Mineralwässern, und ihre Producte werden auch gerne

von den Chinesen und den Halbeuropäern wegen ihres niederen Preises

gekauft; sie haben jedoch immerhin einen gewissen schalen Beigeschmack,

und man ist nicht sicher, ob das Wasser einer genügend reinen Quelle

entnommen ist. Ich glaube nicht, dass immer destillirtes Wasser zur

Fabrikation dieser künstlichen Mineralwässer verwendet wird, und in

diesem Falle sind die Apollinaris, Krondorfer, Giesshübler u. s. w.

gewiss vorzuziehen. Wer die Bedeutung eines guten Trinkwassers im

Auge hält, wird mir gewiss verzeihen, wenn ich so lange bei diesem

Gegenstande verweilt habe; denn es ist eine Lebensfrage für alle Länder

und am meisten für Indien, wo auf der einen Seite wegen der starken

Transpiration mehr als in Europa getrunken wird, und andererseits die

Beschaffung von gutem Trink-, Koch- und Waschwasser schwierig, oft

unmöglich ist. Die Flüsse im alluvialen Boden sind durch die Fäcalien

der Menschen, durch anorganische Stoffe und durch die ungeheuren

Massen faulender Pflanzen und Thiere stark verunreinigt. Die Flora

und Fauna ist ja in den Tropen üppig. Neben den Riesen des Waldes aus

der Thier- und Pflanzenwelt ist ja das Reich der Mikroorganismen

noch riesenhafter. Das Wasser der Brunnen hat ja oft eine kleine

Menagerie, wie van der Burg erzählt, von Terpsinoe, Melosira, Arcella,

Cypris, Synedra, Navicula u. s. w., und oft genug findet man selbst

makroskopisch im filtrirten Wasser munter herumschwimmende Ungeheuer.

In solches Fällen gebraucht man daher aufgefangenes Regenwasser,

welches jedoch ebenfalls filtrirt und gekocht werden muss. Vielfach

wurde der Gebrauch des Eises angefeindet; alle möglichen Krankheiten

des Magens und selbst der Magenkrebs wurden ihm zugeschrieben, aber,

wie ich glaube, mit Unrecht. Eingeborene wie Europäer lieben (mit

Recht) den kühlen Trank, weil sie viel kleinere Quantitäten zum Löschen

des Durstes nöthig haben, und weil der Durst durch kaltes Wasser

intensiver gelöscht wird als durch laues Wasser. Vielleicht ist die

Einführung des Eises selbst eine Wohlthat zu nennen, denn seit dieser

Zeit wird viel weniger Alkohol consumirt als früher. In früheren

Jahren wurde Natureis von Amerika und selbst von Schweden eingeführt

und war das Eis um einen billigen Preis nur in einzelnen Hafenplätzen

zu bekommen; auch die ersten Eisfabriken wurden nur in den grossen

Hafenstädten errichtet. Als ich im Jahre 1882 in Telok-Betong (Südküste

von Sumatra) in Garnison lag, liess ich gemeinschaftlich mit einigen

Herren von Batavia Eis kommen; es kam jedoch durch Schmelzen der Preis

in Telok-Betong auf 25 Kreuzer das halbe Kilo, so dass wir von diesem

Luxusartikel sehr bald absehen mussten, abgesehen davon, dass nur jede

Woche einmal ein Boot zwischen diesen beiden Städten verkehrte. In

früheren Zeiten, d. h. als die Eisfabriken noch nicht bestanden, hatten

sehr viele Menschen im Innern des Landes, wohin das Natureis nicht

transportirt wurde, kleine Maschinen für 60-100 Fl., in welchen durch

Luftverdünnung kaltes Wasser gemacht wurde. Noch muss ich erwähnen,

dass in hoch gelegenen Gegenden das Eis für den täglichen Gebrauch

beinahe entbehrlich ist, weil das gewöhnliche Trinkwasser oft nicht

mehr als 18-20° C. hat und bei dieser Temperatur erfrischend ist, und

dann, dass von jeher irdene Krüge im Gebrauch sind (Gendis), in welchen

das Wasser bewahrt wird und davon eine angenehme kühle Temperatur

behält, weil der poröse, nicht glasirte Krug das Wasser verdunsten

lässt, womit eine Herabsetzung der Temperatur verbunden ist.

3. Capitel.

Amethysten-Verein -- Alkohol -- Gandruwó, eine Spukgeschichte

-- Polypragmasie der jungen Aerzte -- Verpflegung in einem Fort

-- Unselbständigkeit der Militärärzte -- Malayische Sprache --

Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik -- Krankenwärter und

Sträflinge -- Amoklaufen -- Erste Praxis unter den Dajakern --

Schwanzmenschen.

Mit mir wurde, wie schon erwähnt, auch ein neuer Commandant nach Muarah

Teweh transferirt, welcher gewissermaassen mein Chef in loco war,

während der Landessanitäts-Chef in Bandjermasing in allen dienstlichen

und wissenschaftlichen Angelegenheiten der eigentliche Chef blieb. Wir

Beiden standen den fünften Morgen am Deck, als uns der Schiffs-Capitain

am linken Ufer in weiter Ferne das Dach eines Forts sehen liess, mit

des Worten: »Das ist Ihr Gefängniss.« Das erste Wort, welches der neue

Commandant über Teweh zu mir sagte, war: »Nun zeigen Sie mir hier

etwas Interessantes!« -- Ein Fort mit zwei Meter hohen Palissaden

aus Eisenholz; die Gebäude zeigten das schmutzig-gelb Graue von

+alten+ Bambusmatten und waren mit Holzschindeln gedeckt; hinter

dem Fort war Urwald, auf dem jenseitigen Ufer des Baritu war Urwald und

auf der Südseite zog der Tewehfluss zum Baritustrome. Mein Vorgänger

soll, wie die bösen Zungen behaupteten, sofort nach seiner Ankunft in

Teweh geheirathet haben, um die Regierung zu zwingen, ihn aus dieser

Garnison abzulösen, weil »sie +können+ doch nicht eine europäische

Dame in Muarah Teweh wohnen lassen«; er blieb aber doch und hatte zur

Zeit seiner Transferirung selbst schon ein kleines Baby; ich kaufte

seine ganze Einrichtung, soweit er sie nicht mitnehmen wollte, bezahlte

ihm auch den Preis für die Küche, welche er ausserhalb des Forts

hatte bauen lassen; ich übernahm den Vorrath der Apotheke, ohne mich

natürlich aufs Wägen und Messen der Medicinen einzulassen, bestätigte

den Empfang von so viel Flaschen, Töpfen, Instrumenten, Utensilien, so

viel Kilo Chinin, Ricinusöl und hundert anderen Medicinen, und zwei

Tage später verliessen uns der alte Commandant und Dr. F. mit seiner

Frau und drei Kindern (zwei stammten aus erster Ehe) und liessen uns

(mit dem 3. Officier) zurück mit den wohlgemeinten Wünschen, die

Oede des gesellschaftlichen Lebens mit Kartenspiel und dem Schnapse

auszufüllen. Diese zwei Herren hatten es nicht gethan, und auch uns hat

das Schicksal vor diesen Dämonen bewahrt.

Ich glaube, dass im Jahre 1894 Dr. Fiebig in Bandjermasing den

Amethysten-Verein gegründet hat.

Aber schon seit wenigstens einem Jahrzehnt und zwar seit Einführung

des künstlichen Eises hat der Alkohol in Indien viel von seinem

verderblichen Einfluss verloren, seine Opfer sind jetzt bei weitem

nicht so zahlreich, als sie es waren, wenn auch noch häufig genug,

um einem Mässigkeits-Verein raison d’être zu geben. Ich zweifle, ob

+dieser+ Verein jedoch mit Erfolg Propaganda für seine Theorien

machen wird und machen kann.

Dr. Fiebig verurtheilt nämlich den Gebrauch des Alkohols in jeder

Form, zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, d. h. er findet

den Alkohol auch in der Hand des Arztes nicht nur überflüssig, sondern

sogar schädlich. Dr. Fiebig geht also zu weit, er schiesst über das

Ziel und verliert gerade in jenen Kreisen, welche berufen sind, seine

Pläne, dem schädlichen Einfluss des +Miss+brauchs des Alkohols

entgegenzutreten, zu unterstützen, eines grossen Theil der Anhänger,

welchen er haben würde, wenn er sich an die thatsächlichen Verhältnisse

halten würde. Auch Sympathie verlor er für seine Bemühungen durch

die +Form+, in welcher seine Thätigkeit begann: amethystblaues

Ordensband für die Mitglieder seines Vereins und das Losungswort »Los«

(wenn ich mich nicht irre), welches die Mitglieder Jedem zurufen

sollten oder mussten, wenn sie Jemanden Bier, Wein, Cognac oder Genevre

trinken +sahen+, haben mehr Männer vom Zutritt zum Vereine

ferngehalten, als Dr. Fiebig vielleicht dachte oder wusste. Nun, meine

Wenigkeit z. B., die 20 Jahre unter den Holländern in Indien wohnte

und doch keinen Genevre gewohnheitsmässig trank, welcher principiell

kein Bier trank, weil sein Gebrauch (selbst der mässige) in den

Tropen schädlich ist, ich selbst, der überzeugt ist, dass der Alkohol

zum täglichen Gebrauch entbehrt werden kann, der in dem Alkohol ein

Genussmittel sieht, welches als solches kein +Bedürfniss+ ist, ich

selbst hatte alle Sympathie für diesen Verein, so lange -- ich nicht

von den kindischen Spielereien mit einem amethystblauen Band u. s. w.

hörte; ich bin also niemals Mitglied dieses Vereins geworden.

Wie gesagt, auch ohne die etwas laute Agitation dieses Vereines wurde

der Missbrauch des Alkohols in holländisch Indien sehr vermindert; die

Folgen desselben auseinander zu setzen, halte ich für überflüssig,

weil sie hinreichend bekannt sind. Auf zwei Factoren möchte ich jedoch

aufmerksam machen. Erstens: die meisten Menschen, welche dem Alkohol

zum Opfer fielen, vergassen das alte Sprichwort: Principiis obsta.

Als ich in Muarah Teweh Verdruss auf Verdruss hatte, verlor ich den

Appetit; ein Gläschen Wein regte ihn jedoch so weit an, dass ich

etwas essen konnte; bald jedoch zeigte sich diese Dosis zu klein, und

ich musste bei Tafel zwei Gläschen Wein nehmen, um dasselbe Ziel zu

erreichen; bald jedoch wurde auch dieses Quantum zu klein; ich nahm

drei Gläschen, ohne dass für die Dauer mein Appetit rege blieb. Ich kam

jedoch zu dem Entschlusse, die Dosis nicht weiter zu vergrössern, weil

ich das Gespenst des chronischen Alkoholismus vor mir sah. Eine Zeit

lang konnte ich trotz dieser drei Gläschen Wein keinen rechten Appetit

bekommen; ich blieb jedoch bei meinem Entschluss und -- siegte. Ohne

die Dosis Wein zu erhöhen, konnte ich nach und nach wieder Mittag und

Abendmahl essen, und auf diese Weise bin ich kein Säufer geworden.

Der zweite Factor ist, dass die Verführung in Indien zum Missbrauch

des Alkohols gross ist. Wenn man dahin kommt, wird man von guten

Rathschlägen überhäuft. Man geht in den Club und der Nachbar will

sich des Homo novus erbarmen und ihm die Gefahren des Tropenklimas

mit lebhaften Farben schildern, und schliesst seinen Vortrag mit den

Worten: Ich bin schon 10-15 Jahre in Indien, ich bin niemals krank

gewesen, lebe noch, wie Sie sehen; aber ich habe täglich zweimal vor

der »Reistafel« und vor dem Abendessen mein Bitterchen getrunken.

Sein Nachbar will auch ein Wort darüber sprechen und fügt hinzu: »Der

Alkohol setzt ja die innere Temperatur herab, wie Sie wissen, Doctor;

also müssen Sie ein Bitterchen trinken.« Ein Dritter fügt wieder hinzu:

»In de ›Oost‹ muss man in den ›Pökel‹ gesetzt werden, sonst geht man

zu Grunde, wie das Rindfleisch verdirbt, wenn es nicht eingepökelt

wird.« Dies alles ist schon darum unrichtig, weil Millionen Menschen

in den Tropen leben ohne den Gebrauch des »Genevre«. Alkohol ist eben

kein +Bedürfniss+ für den täglichen Gebrauch, ebenso als der

Tabak oder das Opium. Es ist ein +Genussmittel+, und zwar ein

gefährliches Genussmittel, weil es leicht zum Missbrauch führt und

dann gefährlich für Leib und Seele wird. Dies möge jeder bedenken,

der zum ersten Gläschen Bittern greift, um in der Monotonie des

alltäglichen Lebens »auf dem Posten« einen Ersatz für andere Genüsse

oder einen Sorgenbrecher für die Unannehmlichkeiten im häuslichen oder

dienstlichen Leben zu finden. Wenn aber Dr. Fiebig mit seinen Anhängern

den Alkohol aus dem Arzneischatz verbannen will, dann möchte ich ihm

doch ein Halt, ein Ne nimis zurufen. Will vielleicht Dr. Fiebig in dem

Moschus oder Campher so ein kräftiges Excitans als in dem Alkohol oder

Aether sehen? Dr. Fiebig hat Unrecht, wenn er den Alkohol selbst den

Aerzten entreissen möchte. Gänzlich wird ihm dies niemals gelingen.

Noch einen Einwand des Dr. Fiebig gegen den »+mässigen Gebrauch+«

des Alkohols möchte ich entkräften. Er wirft nämlich allen jenen,

welche in unschädlicher Menge den Alkohol geniessen, vor, dass sie

kein Recht hätten, dem Soldaten, dem Arbeiter oder dem Proletarier den

Schnaps zu verweigern, weil sie ja auch Alkohol in der Form des Weines,

Bieres, Champagners u. s. w. gebrauchen, mit einem Wort: exempla

trahunt. Darüber liesse sich vieles zur Antwort geben; aber weder ich

noch tausend Andere fühlen den Beruf in sich, von diesem Genussmittel

abzusehen, allein -- weil der Nachbar davon Missbrauch machen könnte.

Wenn ich die Charakterstärke habe oder hatte, trotzdem dass ich den

Wein gern trinke, und trotzdem meine Mittel es erlaubten, Wein in

beliebig grosser Menge zu trinken, nur einen bescheidenen Gebrauch

davon zu machen, dann darf ich mein warnendes Wort jedem zurufen, ein

Gleiches zu thun. Für mein Kind, für meinen Freund werde ich vielleicht

das Opfer bringen, ein Genussmittel mir zu versagen, wenn es aus

pädagogischen Rücksichten nothwendig ist; aber zu Gunsten eines Fremden

haben weder ich noch tausend Andere dazu den Beruf. --

21 Jahre in Indien. Erster Theil: Borneo. · 第 2 / 26 段