5′ S. B.), wohin den folgenden Tag ein Regierungsdampfer mich und den
neuen Militär-Commandant bringen sollte. Dieses Fort lag damals am
rechten Ufer des gleichnamigen Nebenflusses des Barituflusses.
Auf dem Strome, auf welchem oft tausend Meter weit die tiefste Stille
herrscht, welche nur durch das Plätschern der Räder des Dampfers
unterbrochen wurde, waren wir oft stundenlang die einzigen lebenden
Wesen; hin und wieder erhob am Ufer lautlos ein Krokodil seinen Kopf
und schaute uns mit neugierigen Blicken an, hin und wieder flog ein
glänzender Alcedo über dem Dampfer, oder wir hörten aus weiter Ferne
die gellen Klagelaute der Gibbons; eine Riesentaube, einen Reiher, ein
Lori sahen wir hin und wieder im Gebüsche; aber der Grundtypus des
Panoramas war die majestätische Ruhe.
Menschen, sollte man glauben, bewohnen nur den unteren Lauf des Baritu,
wo oft, wie in Bandjermasing, auf schwimmenden Häusern die Handelsleute
wohnen. Diese Häuser, aus Matten verfertigt, schwimmen auf dem
Wasser und sind mit grossen Rottangs an den Ufern befestigt; mit dem
Steigen und Fallen des Wassers müssen die Rottangs kürzer oder länger
angebunden werden. Will ein solcher Jünger Mercurs den Platz verlassen,
löst er die Schlinge, zieht den Rottang ein und lässt sich den Strom
abwärts treiben oder den Strom aufwärts ziehen mit seinem Geschäfte,
mit Weib und Kind und mit seiner Wohn- und Schlafstätte. Das ganze
Familienleben spielt sich auf diesem Hause ab, durch dessen Flur man
die spiegelnde Fläche der Wasser sieht.
Im oberen Laufe des Stromes jedoch verschwinden diese schwimmenden
Häuser ganz; nur sehr selten sieht man am Ufer ein Dorf (Kampong)
stehen, und ebenso selten sieht man einen vereinzelten Dajaker auf
der Fischjagd oder auf dem Wege nach seinem weit jenseits des Ufers
gelegenen Kampong. Wenn man die Zahl der Kampongs und der Menschen,
welche die Ufer dieses +Riesenstromes+ bewohnen, als Maassstab
für die Schätzung der Einwohnerzahl Borneos nehmen wollte, würde das
Ergebniss viel zu weit hinter der Wirklichkeit bleiben, obgleich,
wie bekannt, das Land sehr schwach bevölkert ist. Die Namen der
einzelnen Kampongs und der zahlreichen Nebenflüsse dieses Stromes
anzuführen, unterlasse ich gerne im Interesse des Lesers. Aber von drei
Nebenflüssen, vom S. Rungan (Nebenfluss des Kahayastromes) und von der
Lotongtoor und Teweh, welche sich in den Baritu ergiessen, muss ich
doch einiges mittheilen.
Auf dem Ufer des Rungan soll nämlich das Wrack eines chinesischen
Schiffes sich befinden. Wir werden im letzten Capitel sehen, dass die
Chinesen schon vor 1400 Jahren Borneo, und zwar die Nordküste, besucht
haben; aber aus einer viel späteren Zeit stammen die Berichte von
einer Einwanderung der Chinesen in den südlichen Theil dieser Insel.
Uebrigens ist der grösste Theil des Stromgebietes des Flusses Kahaya
im Diluvium gelegen; die Quelle des Rungan liegt jedoch in tertiärer
Formation. Wie ist nun dieses chinesische Segelschiff auf die Ufer
dieser Nebenflüsse geworfen worden und wann geschah dies?
Wir haben aus jüngster Zeit ein Analogon für einen solchen Fall. Im
Jahre 1883 war mit dem Ausbruchs des Krakatau (zwischen Java und
Sumatra) ein heftiges Seebeben verbunden, welches den Dampfer »Berouw«,
welcher im Hafen vor Telok Betong lag, bis eine Meile weit ins Innere
des Landes schleuderte. Das Wrack lag noch im Jahre 1888 so weit von
der Küste.
Wer weiss also, wie weit vor 1000 Jahren die Küste Borneos von der
heutigen entfernt war?
Der Fluss Lotongtor ist ein historischer Kampong am gleichnamigen sehr
kleinen Nebenfluss oder vielmehr Antassan zwischen den Flüssen Montalat
und Teweh. Hier liegt nämlich das Wrack von dem Kriegsschiff »Ourust«,
welches im Jahre 1859 von den Dajakern überfallen und dessen ganze
Bemannung bis auf einen javanischen Bedienten niedergemacht wurde,
welcher die Trauermähr nach Bandjermasing brachte.
Den Fluss Teweh nenne ich, weil auf seinem rechten Ufer ein Fort stand,
Namens Muarah Teweh, in dem ich drei Jahre lang in Garnison lag, und
weil dieser Nebenfluss auf der Wasserscheide entspringt, zwischen
den Strömen der Ostküste und den Nebenflüssen des Baritu, so dass im
Jahre 1880 der Sultan von Kutei und der dänische Forscher Bock diesen
kleinen Bergrücken überschreiten und auf dem Teweh in den Baritu sich
abtreiben lassen konnten, wo sie ein Regierungsdampfer erwartete und
nach Bandjermasing bringen konnte. Das Fort lag damals im Winkel,
welchen das rechte Ufer der Teweh mit dem linken Ufer des Baritu
bildet; später wurde es verlegt nach dem linken Ufer der Teweh, und
heute steht es am rechten Ufer des Bantu, direkt gegenüber der Mündung
(Muara) dieses Flusses. Seine Kanonen bestreichen also die ganze Breite
des Baritu, welche ich seiner Zeit auf 400 Meter berechnete, und den
untern Lauf der Teweh. Im Jahre 1877 befand sich dort nur ein Fort
mit 3 Officieren und ungefähr 100 Mann; heute residirt dort nebstdem
ein Assistentresident (= Bezirkshauptmann), ein Postbeamter und ein
Schreiber. Wie lange wird es dauern, dass auch ein Schullehrer und ein
Notar sich in Teweh ansiedeln?
* * * * *
Während der Fahrt nach Teweh beschäftigte ich mich unter anderem
auch mit dem Trinkwasser unseres Regierungsdampfers, welches in
Bandjermasing an Bord gebracht worden war.
Prof. Robert Koch hat am 9. Juni 1898 in der Colonialgesellschaft
zu Berlin einen Vortrag über Malaria gehalten, in welchem er einige
Axiome aufstellte, welche in ihrer Allgemeinheit nicht von mir und
wahrscheinlich auch von keinem andern Praktiker unterschrieben
werden können: 1) Das Ueberstehen der Krankheit verschafft eine
gewisse Immunität (?); 2) Chinin, zur rechten Zeit gegeben, heilt die
Malaria (?); 3) die Uebertragung der Malaria findet weder durch die
+Luft+, noch durch =das Wasser= statt (?) u. s. w. Im zweiten
Theil werde ich meine diesbezüglichen Erfahrungen mittheilen; aber an
+dieser+ Stelle muss ich meine warnende Stimme erheben, auf Grund
dieser Theorien Maassregeln zu nehmen; +denn Luft und Wasser sind
Vermittler der Malaria+!!
Das Trinkwasser ist für Bandjermasing eine Lebensfrage in erster
Reihe, weil die Stadt zum Inundationsgebiet gehört, welches täglich
unter dem Einflusse der Ebbe und Fluth steht. Es existiren keine
Brunnen mit trinkbarem Wasser. Es wird also das Wasser gebraucht,
welches während der Ebbe der Martapurafluss führt, an dem die Stadt
liegt. Abgesehen davon, dass dieses Flusswasser sehr verunreinigt ist,
weil zahlreiche Antassans und kleine Nebenflüsse noch im Bereiche
des Inundationsgebietes liegen, ihr Wasser dem Baritu zuführen und
somit gesundheitsschädliche Bestandtheile enthält, so geschieht
es in trockenen Monaten oft, dass der Wasserstand so niedrig ist,
dass zur Zeit der Ebbe ein Theil des Meerwassers zurückbleibt und
zur Zeit der Fluth noch vermehrt wird. In solchen Monaten wird in
grossen eisernen Kähnen das Trinkwasser aus höher gelegenen Theilen
der Martapura zugeführt, wo sich der Einfluss der Fluth nicht mehr
fühlbar macht. Natürlich bleibt ein solches Wasser immer mehr oder
weniger gesundheitsschädlich. Wir haben ein sehr gutes Mittel, jedes
ungesunde Wasser von den pathogenen Bacterien zu befreien. Aber --
es ist zu einfach und kann darum (?) natürlich keinen allgemeinen
Gebrauch finden?! Gegen die groben Verunreinigungen des Wassers werden
grosse Filtrirsteine gebraucht, welche aus Sandstein in der Nähe
Surabayas (Java), in Grissé gewonnen werden. In diesen kegelförmig
ausgehöhlten Sandstein werden Holzkohle und Kieselsteine gelegt und das
Wasser fällt, von den groben Verunreinigungen befreit, tropfenweise
in den darunter stehenden Topf. Wegen der zahlreichen chemischen
Verunreinigungen geben einige ins Wasser Eisenchlorid und Soda. -- Die
bacteriologische Untersuchung eines Wassers, welches auf diese Weise
gereinigt ist, liess vieles, wenn nicht alles, zu wünschen übrig. Alle
möglichen Filtrirapparate wurden also aus Europa bestellt -- es wäre zu
viel, um sie alle bei Namen aufzuführen -- und alle entsprachen mehr
oder weniger, d. h. die bacteriologische Untersuchung des Wassers,
nach diesem letzten Filtrirungsprocesse, brachte mehr oder weniger
+nicht+ pathogene und sehr selten pathogene Bacterien zu Tage.
Im Vertrauen auf die bacteriologische Untersuchung versäumten nun
die meisten das einzige richtige Mittel, um Wasser +sicher+ und
+zweifellos+ von pathogenen Bacterien zu befreien und zwar, es
bis zur Siedhitze =zu kochen=, zum Nachtheile ihrer und ihrer
Angehörigen Gesundheit. Wenn in einem Orte die Cholera epidemisch
ausbricht, da treibt eine Jagd nach Filtrirapparaten die Preise in die
Höhe; aber dass auch die Malaria, diese epidemische Pest einzelner
Orte, gleicherweise durch das Trinkwasser verbreitet werden könne und
verbreitet wird, daran denkt niemand; ja noch mehr, es wird von manchen
Aerzten für unwahrscheinlich gehalten. Ich will nicht diesbezüglich die
Literatur über dieses Thema in den Rahmen dieser Causerie hineinziehen,
aber ich will nur zwei Thatsachen zur Unterstützung dieser meiner
Behauptung anführen. Vor zwanzig Jahren hatte Semarang (auf der
Nordküste Javas) kein artesisches Wasser und war berüchtigt durch seine
schweren Malariaformen. Ist nicht nach dem Einführen der artesischen
Brunnen Semarang bedeutend gesunder geworden? Hat sich dieser günstige
Einfluss nicht auch auf die Zahl und Intensität der Malariafälle
erstreckt? Während der letzten zehn Jahre rieth ich meinen Patienten
und meinen Freunden, überall und immer nur gekochtes Wasser zu trinken.
Ist es wirklich nur Zufall, dass alle, welche diesen Wink befolgten,
seither vom Fieber befreit blieben, obzwar darunter Familien vorkommen,
welche in Tjilatjap, dem grössten Malariaherde Javas, gelebt und das
Fieber s. Z. acquirirt hatten. Um nur von zwei solchen Familien zu
sprechen: sie nahmen nach dieser Zeit niemals Chinin, und doch sind
sie seither befreit von Fieberanfällen, während es bekannt ist, dass
Menschen, welche von der Malaria heimgesucht wurden, oft jahrelang noch
einzelne Fieberanfälle bekommen, auch nachdem sie die Malariagegend
verlassen haben. Ich wage es also zu behaupten, dass alle anderen
Filtrirapparate überflüssig und selbst schädlich sind; dass die bis
jetzt üblichen Filtrirsteine zweckentsprechend sind, wenn das Wasser zu
gleicher Zeit bei einer Temperatur von 100-120° wenigstens ¼ Stunde
lang =gekocht= wird. Im Allgemeinen wird es hinreichen, erst das
Nutzwasser durch den Filtrirstein laufen zu lassen und darnach zu
kochen, manchmal jedoch wird es besser sein, mit dem Kochen anzufangen
und zwar bei dem grauen Wasser, welches reich an pflanzlichen
Verunreinigungen ist. Oft wurde mir auf meinen Rath eingewendet,
dass das Trinkwasser durch das Kochen seinen erquickenden Geschmack
verliere. Das ist richtig; aber diesem Mangel ist abzuhelfen, z. B.
durch ein Stück Kunsteis, welches natürlich aus +destillirtem+
Wasser bereitet sein muss, oder durch Hinzufügen von Thee, Brandy
u. s. w. Es kann das Trinkwasser auch in einem Kübel mit Eis frappirt
werden und erhält dann auch einen angenehmen Geschmack. Durch
das Kochen des Wassers wird auch der Gebrauch der Mineralwässer
überflüssig. Diese werden mit mehr oder weniger Recht häufig gebraucht,
und besonders das Apollinariswasser hat in den letzten Jahren eine
starke Verbreitung gefunden. Es ist reich an Kohlensäure, und zwar ist
es +künstlich+ damit imprägnirt. In Indien giebt es zahlreiche
Fabriken von Mineralwässern, und ihre Producte werden auch gerne
von den Chinesen und den Halbeuropäern wegen ihres niederen Preises
gekauft; sie haben jedoch immerhin einen gewissen schalen Beigeschmack,
und man ist nicht sicher, ob das Wasser einer genügend reinen Quelle
entnommen ist. Ich glaube nicht, dass immer destillirtes Wasser zur
Fabrikation dieser künstlichen Mineralwässer verwendet wird, und in
diesem Falle sind die Apollinaris, Krondorfer, Giesshübler u. s. w.
gewiss vorzuziehen. Wer die Bedeutung eines guten Trinkwassers im
Auge hält, wird mir gewiss verzeihen, wenn ich so lange bei diesem
Gegenstande verweilt habe; denn es ist eine Lebensfrage für alle Länder
und am meisten für Indien, wo auf der einen Seite wegen der starken
Transpiration mehr als in Europa getrunken wird, und andererseits die
Beschaffung von gutem Trink-, Koch- und Waschwasser schwierig, oft
unmöglich ist. Die Flüsse im alluvialen Boden sind durch die Fäcalien
der Menschen, durch anorganische Stoffe und durch die ungeheuren
Massen faulender Pflanzen und Thiere stark verunreinigt. Die Flora
und Fauna ist ja in den Tropen üppig. Neben den Riesen des Waldes aus
der Thier- und Pflanzenwelt ist ja das Reich der Mikroorganismen
noch riesenhafter. Das Wasser der Brunnen hat ja oft eine kleine
Menagerie, wie van der Burg erzählt, von Terpsinoe, Melosira, Arcella,
Cypris, Synedra, Navicula u. s. w., und oft genug findet man selbst
makroskopisch im filtrirten Wasser munter herumschwimmende Ungeheuer.
In solches Fällen gebraucht man daher aufgefangenes Regenwasser,
welches jedoch ebenfalls filtrirt und gekocht werden muss. Vielfach
wurde der Gebrauch des Eises angefeindet; alle möglichen Krankheiten
des Magens und selbst der Magenkrebs wurden ihm zugeschrieben, aber,
wie ich glaube, mit Unrecht. Eingeborene wie Europäer lieben (mit
Recht) den kühlen Trank, weil sie viel kleinere Quantitäten zum Löschen
des Durstes nöthig haben, und weil der Durst durch kaltes Wasser
intensiver gelöscht wird als durch laues Wasser. Vielleicht ist die
Einführung des Eises selbst eine Wohlthat zu nennen, denn seit dieser
Zeit wird viel weniger Alkohol consumirt als früher. In früheren
Jahren wurde Natureis von Amerika und selbst von Schweden eingeführt
und war das Eis um einen billigen Preis nur in einzelnen Hafenplätzen
zu bekommen; auch die ersten Eisfabriken wurden nur in den grossen
Hafenstädten errichtet. Als ich im Jahre 1882 in Telok-Betong (Südküste
von Sumatra) in Garnison lag, liess ich gemeinschaftlich mit einigen
Herren von Batavia Eis kommen; es kam jedoch durch Schmelzen der Preis
in Telok-Betong auf 25 Kreuzer das halbe Kilo, so dass wir von diesem
Luxusartikel sehr bald absehen mussten, abgesehen davon, dass nur jede
Woche einmal ein Boot zwischen diesen beiden Städten verkehrte. In
früheren Zeiten, d. h. als die Eisfabriken noch nicht bestanden, hatten
sehr viele Menschen im Innern des Landes, wohin das Natureis nicht
transportirt wurde, kleine Maschinen für 60-100 Fl., in welchen durch
Luftverdünnung kaltes Wasser gemacht wurde. Noch muss ich erwähnen,
dass in hoch gelegenen Gegenden das Eis für den täglichen Gebrauch
beinahe entbehrlich ist, weil das gewöhnliche Trinkwasser oft nicht
mehr als 18-20° C. hat und bei dieser Temperatur erfrischend ist, und
dann, dass von jeher irdene Krüge im Gebrauch sind (Gendis), in welchen
das Wasser bewahrt wird und davon eine angenehme kühle Temperatur
behält, weil der poröse, nicht glasirte Krug das Wasser verdunsten
lässt, womit eine Herabsetzung der Temperatur verbunden ist.
3. Capitel.
Amethysten-Verein -- Alkohol -- Gandruwó, eine Spukgeschichte
-- Polypragmasie der jungen Aerzte -- Verpflegung in einem Fort
-- Unselbständigkeit der Militärärzte -- Malayische Sprache --
Vergiftung mit Chloralhydrat und Arsenik -- Krankenwärter und
Sträflinge -- Amoklaufen -- Erste Praxis unter den Dajakern --
Schwanzmenschen.
Mit mir wurde, wie schon erwähnt, auch ein neuer Commandant nach Muarah
Teweh transferirt, welcher gewissermaassen mein Chef in loco war,
während der Landessanitäts-Chef in Bandjermasing in allen dienstlichen
und wissenschaftlichen Angelegenheiten der eigentliche Chef blieb. Wir
Beiden standen den fünften Morgen am Deck, als uns der Schiffs-Capitain
am linken Ufer in weiter Ferne das Dach eines Forts sehen liess, mit
des Worten: »Das ist Ihr Gefängniss.« Das erste Wort, welches der neue
Commandant über Teweh zu mir sagte, war: »Nun zeigen Sie mir hier
etwas Interessantes!« -- Ein Fort mit zwei Meter hohen Palissaden
aus Eisenholz; die Gebäude zeigten das schmutzig-gelb Graue von
+alten+ Bambusmatten und waren mit Holzschindeln gedeckt; hinter
dem Fort war Urwald, auf dem jenseitigen Ufer des Baritu war Urwald und
auf der Südseite zog der Tewehfluss zum Baritustrome. Mein Vorgänger
soll, wie die bösen Zungen behaupteten, sofort nach seiner Ankunft in
Teweh geheirathet haben, um die Regierung zu zwingen, ihn aus dieser
Garnison abzulösen, weil »sie +können+ doch nicht eine europäische
Dame in Muarah Teweh wohnen lassen«; er blieb aber doch und hatte zur
Zeit seiner Transferirung selbst schon ein kleines Baby; ich kaufte
seine ganze Einrichtung, soweit er sie nicht mitnehmen wollte, bezahlte
ihm auch den Preis für die Küche, welche er ausserhalb des Forts
hatte bauen lassen; ich übernahm den Vorrath der Apotheke, ohne mich
natürlich aufs Wägen und Messen der Medicinen einzulassen, bestätigte
den Empfang von so viel Flaschen, Töpfen, Instrumenten, Utensilien, so
viel Kilo Chinin, Ricinusöl und hundert anderen Medicinen, und zwei
Tage später verliessen uns der alte Commandant und Dr. F. mit seiner
Frau und drei Kindern (zwei stammten aus erster Ehe) und liessen uns
(mit dem 3. Officier) zurück mit den wohlgemeinten Wünschen, die
Oede des gesellschaftlichen Lebens mit Kartenspiel und dem Schnapse
auszufüllen. Diese zwei Herren hatten es nicht gethan, und auch uns hat
das Schicksal vor diesen Dämonen bewahrt.
Ich glaube, dass im Jahre 1894 Dr. Fiebig in Bandjermasing den
Amethysten-Verein gegründet hat.
Aber schon seit wenigstens einem Jahrzehnt und zwar seit Einführung
des künstlichen Eises hat der Alkohol in Indien viel von seinem
verderblichen Einfluss verloren, seine Opfer sind jetzt bei weitem
nicht so zahlreich, als sie es waren, wenn auch noch häufig genug,
um einem Mässigkeits-Verein raison d’être zu geben. Ich zweifle, ob
+dieser+ Verein jedoch mit Erfolg Propaganda für seine Theorien
machen wird und machen kann.
Dr. Fiebig verurtheilt nämlich den Gebrauch des Alkohols in jeder
Form, zu allen Zeiten und unter allen Verhältnissen, d. h. er findet
den Alkohol auch in der Hand des Arztes nicht nur überflüssig, sondern
sogar schädlich. Dr. Fiebig geht also zu weit, er schiesst über das
Ziel und verliert gerade in jenen Kreisen, welche berufen sind, seine
Pläne, dem schädlichen Einfluss des +Miss+brauchs des Alkohols
entgegenzutreten, zu unterstützen, eines grossen Theil der Anhänger,
welchen er haben würde, wenn er sich an die thatsächlichen Verhältnisse
halten würde. Auch Sympathie verlor er für seine Bemühungen durch
die +Form+, in welcher seine Thätigkeit begann: amethystblaues
Ordensband für die Mitglieder seines Vereins und das Losungswort »Los«
(wenn ich mich nicht irre), welches die Mitglieder Jedem zurufen
sollten oder mussten, wenn sie Jemanden Bier, Wein, Cognac oder Genevre
trinken +sahen+, haben mehr Männer vom Zutritt zum Vereine
ferngehalten, als Dr. Fiebig vielleicht dachte oder wusste. Nun, meine
Wenigkeit z. B., die 20 Jahre unter den Holländern in Indien wohnte
und doch keinen Genevre gewohnheitsmässig trank, welcher principiell
kein Bier trank, weil sein Gebrauch (selbst der mässige) in den
Tropen schädlich ist, ich selbst, der überzeugt ist, dass der Alkohol
zum täglichen Gebrauch entbehrt werden kann, der in dem Alkohol ein
Genussmittel sieht, welches als solches kein +Bedürfniss+ ist, ich
selbst hatte alle Sympathie für diesen Verein, so lange -- ich nicht
von den kindischen Spielereien mit einem amethystblauen Band u. s. w.
hörte; ich bin also niemals Mitglied dieses Vereins geworden.
Wie gesagt, auch ohne die etwas laute Agitation dieses Vereines wurde
der Missbrauch des Alkohols in holländisch Indien sehr vermindert; die
Folgen desselben auseinander zu setzen, halte ich für überflüssig,
weil sie hinreichend bekannt sind. Auf zwei Factoren möchte ich jedoch
aufmerksam machen. Erstens: die meisten Menschen, welche dem Alkohol
zum Opfer fielen, vergassen das alte Sprichwort: Principiis obsta.
Als ich in Muarah Teweh Verdruss auf Verdruss hatte, verlor ich den
Appetit; ein Gläschen Wein regte ihn jedoch so weit an, dass ich
etwas essen konnte; bald jedoch zeigte sich diese Dosis zu klein, und
ich musste bei Tafel zwei Gläschen Wein nehmen, um dasselbe Ziel zu
erreichen; bald jedoch wurde auch dieses Quantum zu klein; ich nahm
drei Gläschen, ohne dass für die Dauer mein Appetit rege blieb. Ich kam
jedoch zu dem Entschlusse, die Dosis nicht weiter zu vergrössern, weil
ich das Gespenst des chronischen Alkoholismus vor mir sah. Eine Zeit
lang konnte ich trotz dieser drei Gläschen Wein keinen rechten Appetit
bekommen; ich blieb jedoch bei meinem Entschluss und -- siegte. Ohne
die Dosis Wein zu erhöhen, konnte ich nach und nach wieder Mittag und
Abendmahl essen, und auf diese Weise bin ich kein Säufer geworden.
Der zweite Factor ist, dass die Verführung in Indien zum Missbrauch
des Alkohols gross ist. Wenn man dahin kommt, wird man von guten
Rathschlägen überhäuft. Man geht in den Club und der Nachbar will
sich des Homo novus erbarmen und ihm die Gefahren des Tropenklimas
mit lebhaften Farben schildern, und schliesst seinen Vortrag mit den
Worten: Ich bin schon 10-15 Jahre in Indien, ich bin niemals krank
gewesen, lebe noch, wie Sie sehen; aber ich habe täglich zweimal vor
der »Reistafel« und vor dem Abendessen mein Bitterchen getrunken.
Sein Nachbar will auch ein Wort darüber sprechen und fügt hinzu: »Der
Alkohol setzt ja die innere Temperatur herab, wie Sie wissen, Doctor;
also müssen Sie ein Bitterchen trinken.« Ein Dritter fügt wieder hinzu:
»In de ›Oost‹ muss man in den ›Pökel‹ gesetzt werden, sonst geht man
zu Grunde, wie das Rindfleisch verdirbt, wenn es nicht eingepökelt
wird.« Dies alles ist schon darum unrichtig, weil Millionen Menschen
in den Tropen leben ohne den Gebrauch des »Genevre«. Alkohol ist eben
kein +Bedürfniss+ für den täglichen Gebrauch, ebenso als der
Tabak oder das Opium. Es ist ein +Genussmittel+, und zwar ein
gefährliches Genussmittel, weil es leicht zum Missbrauch führt und
dann gefährlich für Leib und Seele wird. Dies möge jeder bedenken,
der zum ersten Gläschen Bittern greift, um in der Monotonie des
alltäglichen Lebens »auf dem Posten« einen Ersatz für andere Genüsse
oder einen Sorgenbrecher für die Unannehmlichkeiten im häuslichen oder
dienstlichen Leben zu finden. Wenn aber Dr. Fiebig mit seinen Anhängern
den Alkohol aus dem Arzneischatz verbannen will, dann möchte ich ihm
doch ein Halt, ein Ne nimis zurufen. Will vielleicht Dr. Fiebig in dem
Moschus oder Campher so ein kräftiges Excitans als in dem Alkohol oder
Aether sehen? Dr. Fiebig hat Unrecht, wenn er den Alkohol selbst den
Aerzten entreissen möchte. Gänzlich wird ihm dies niemals gelingen.
Noch einen Einwand des Dr. Fiebig gegen den »+mässigen Gebrauch+«
des Alkohols möchte ich entkräften. Er wirft nämlich allen jenen,
welche in unschädlicher Menge den Alkohol geniessen, vor, dass sie
kein Recht hätten, dem Soldaten, dem Arbeiter oder dem Proletarier den
Schnaps zu verweigern, weil sie ja auch Alkohol in der Form des Weines,
Bieres, Champagners u. s. w. gebrauchen, mit einem Wort: exempla
trahunt. Darüber liesse sich vieles zur Antwort geben; aber weder ich
noch tausend Andere fühlen den Beruf in sich, von diesem Genussmittel
abzusehen, allein -- weil der Nachbar davon Missbrauch machen könnte.
Wenn ich die Charakterstärke habe oder hatte, trotzdem dass ich den
Wein gern trinke, und trotzdem meine Mittel es erlaubten, Wein in
beliebig grosser Menge zu trinken, nur einen bescheidenen Gebrauch
davon zu machen, dann darf ich mein warnendes Wort jedem zurufen, ein
Gleiches zu thun. Für mein Kind, für meinen Freund werde ich vielleicht
das Opfer bringen, ein Genussmittel mir zu versagen, wenn es aus
pädagogischen Rücksichten nothwendig ist; aber zu Gunsten eines Fremden
haben weder ich noch tausend Andere dazu den Beruf. --