Inzwischen war er rastlos bemüht, aus seinem Zeitungsverkauf möglichst

großen Gewinn zu ziehen, denn ohne Geldmittel war es ihm nicht möglich,

seine Kenntnisse zu erweitern. Er dachte sogar daran, selbst eine

kleine Zeitung herauszugeben, um seine Einnahmen zu vermehren und,

die Tat dem Gedanken gleich folgen lassend, ging er sofort an die

Ausführung. Für wenig Geld hatte er bald eine alte ausrangierte Presse

und einen Satz alter Typen erworben, die er nach seinem Gepäckwagen

schaffte, wo er denn auch seine Versuche begann. Das Setzen und Drucken

hatte er in der Druckerei, von der er bisher die Zeitung bezog, den

Arbeitern abgesehen; trotzdem kostete es ihn freilich unendliche Mühe

und manche schlaflose Nacht, bis er den Reisenden seiner Strecke seine

eigene kleine Zeitung, die er »Grand Trunk Herald« nannte, zu drei

Cent das Exemplar verkaufen konnte. Sie erschien einmal wöchentlich

und kostete im Monatsabonnement acht Cent (zweiunddreißig Pfennig);

jedenfalls war es das einzige Journal der Welt, das den Namen einer

Eisenbahnzeitung mit Fug und Recht trug, da sie im Eisenbahnzuge

selbst fertiggestellt wurde. Der vierzehnjährige Edison war sein

eigener Redakteur, Setzer, Drucker und Zeitungsjunge. Ehe die erste

Nummer aber erschien, machte der diplomatische Junge einem der

Generaldirektoren der Bahnlinie einen Besuch und bat ihn um die Ehre,

sein erster Abonnent zu werden. Seine Bitte wurde erfüllt und überdies

bedachte man ihn mit einem kleinen Geldgeschenk. Unter dem Bahnpersonal

selbst gewann er eine stattliche Zahl Abonnenten, und auch zahlreiche

Reisende kauften die Zeitung, so daß er in kurzer Zeit vierhundert

Abonnenten zählte. Ihr Inhalt bestand meist aus Lokalnotizen,

Bahnerlebnissen, Zugverbindungen, Verkehrsneuigkeiten, wichtigen

Familienereignissen und Inseraten. Um neue Leser anzulocken, erhielt

jeder Abonnent seine Zeitung mit aufgedrucktem Namen. Die weltberühmte

Londoner Zeitung, die »Times«, würdigte dieses Edisonsche Blättchen

sogar einer Besprechung, und der große Erfinder der Lokomotive,

Stephenson, bestellte eine Spezialausgabe dieser Zeitung für sich

allein.

Edisons Einnahmen wuchsen; seine Arbeit wurde freilich auch immer

größer, so daß er endlich mehrere junge Burschen als Gehilfen anstellen

mußte. Nun konnte er seinen Eltern bereits einen Monatsgewinn von

vierzig Dollar (hundertundsiebzig Mark) abliefern.

Trotz dieses günstigen Resultates war er nicht zufrieden; er wollte

seine Zeitung auf ein höheres Niveau erheben, sie fesselnder gestalten.

Und so gab er mit einem gleichalterigen Kameraden eine neue Zeitung

heraus, »Paul Pry« benannt, nach einer bekannten Lustspielfigur, die

einen neugierigen, umherspähenden, spionierenden Charakter hatte. Die

neue Zeitung war in jeder Beziehung der alten überlegen. Allein, da er

selber noch ein Knabe war, teilte Edison oft auch knabenhafte Torheiten

mit und wurde bei der Mitteilung mancher Neuigkeiten übermütig und

ausfallend. So geschah es, daß ein Leser der Zeitung sich und sein

peinliches Erlebnis eines Tages selbst lächerlich gemacht sah; in

höchste Wut versetzt, lauerte der herkulische Mensch dem jungen Edison

auf und schleuderte ihn kurzerhand in den St. Clairfluß. Edison konnte

aber gut schwimmen und rettete sich glücklich ans Ufer; jedoch machte

das unfreiwillige Bad dem »Paul Pry« rasch ein vorzeitiges Ende.

Kurze Zeit nach diesem unglücklichen Abenteuer fiel in dem alten

rumpligen Gepäckwagen, der nicht auf Federn ruhte, durch die heftigen

Stöße der Lokomotive eine Flasche Phosphorlösung um. Sie explodierte

und der Wagen geriet in Brand. Das Feuer wurde zwar mühelos gelöscht,

aber der Zugführer hatte schon längst nach einer Gelegenheit gesucht,

den kleinen Edison loszuwerden, der in dem alten Wagen fürchterlich

dünstende chemische Versuche anstellte und mit den Druckpressen einen

schrecklichen Radau vollführte. Der Zugführer ließ nun sofort alle

Habseligkeiten Edisons rücksichtslos ausräumen, verbot ihm die weitere

Benützung des Gepäckwagens und gab ihm noch obendrein ein paar so

mächtige Ohrfeigen, daß Edison das Trommelfell des einen Ohres platzte,

auf dem er zeitlebens taub blieb.

Edison rückte sich im Sessel zurecht und faßte unwillkürlich an das

taube Ohr. Er hatte viel gelitten darum. Ganz in seinen Erinnerungen

lebend, fühlte er noch jetzt, nach fünfundvierzig Jahren, die Hand des

brutalen Zugführers in seinem Antlitze brennen. Überwältigt von Schmerz

und Scham mußte er damals zusehen, wie der Zugführer abdampfte. Und

Edison stand mit seinen zerbrochenen Gläsern, Retorten und Apparaten

heulend auf dem Bahnsteig.

Der Verlust seines geliebten Laboratoriums war ein schrecklicher Schlag

für Edison. Die höchste Verzweiflung hatte ihn gepackt. Seine Mutter

tröstete ihn und räumte ihm den Wohnungskeller ein, in dem er seine

Versuche fortsetzen konnte. Der Gepäckwagen war ihm nun entzogen, seine

Stellung als Zeitungsjunge konnte man ihm aber nicht nehmen. Und so

fuhr er denn, wie in den ersten Tagen, zwischen Detroit und Port Huron

hin und her, um wieder seine alte Zeitung zu verkaufen. Die freie Zeit,

die ihm blieb, verwandte er auf elektrische Versuche, denen von nun

ab sein Hauptinteresse gehörte. Zunächst wollte er eine telegraphische

Anlage bauen. Er hatte sich ein Buch über Telegraphie gekauft, das

er eifrig studierte. Aus gewöhnlichem Eisendraht stellte er nun eine

Leitung her, die sein Haus mit dem eines Kameraden verband und mittels

eines alten Kabelstückes, das er im Fluß gefunden hatte, wurde diese

Leitung »unterführt«. Zwei riesige Katzen wurden beschafft, deren

rückwärts geriebenes Fell als elektrische Stromquelle dienen sollte.

Diese kindlichen Versuche hatten aber kein anderes Ergebnis, als daß

die Katzen, die keine Lust hatten, Reibungsversuche an sich machen zu

lassen, die beiden Knaben bös zerkratzten und übel zurichteten.

Das Mißlingen spornte Edison aber zu neuen Versuchen an. Er kaufte,

indem er sich selbst große Entbehrungen auferlegte, allerhand alte

elektrische Apparate und Elemente und setzte seine Versuche mit

einer Ausdauer fort, die den Kameraden oft zur Verzweiflung brachte.

Schmerzlich war es inmitten all dieser Versuche für Edison, daß er

die Kunst des Telegraphierens nicht beherrschte. Ein Zufall kam

ihm jedoch auch hier glücklich zustatten. Der Zug, auf dem Edison

Zeitungsjunge war, hatte auf der Station Mount Clemens gewöhnlich

eine halbe Stunde Aufenthalt, um Rangierungen vorzunehmen und einen

Güterwagen abzustoßen. Edison schlenderte mit seinen Zeitungen am Zuge

entlang, als er plötzlich gewahrte, daß der kaum dreijährige Sohn des

Stationsvorstehers ahnungslos auf dem Gleise spielte, auf dem der

abgestoßene Güterwagen eben ziemlich rasch herangerollt kam. Voller

Geistesgegenwart schleuderte Edison seine Zeitungen fort, war mit

einem Satz an der gefährlichen Stelle und hatte gerade noch Zeit, sich

mit dem Jungen auf die andere Seite zu werfen. Im nächsten Augenblick

erhielt Edison auch schon am Stiefelabsatz vom Wagen einen heftigen

Stoß, der den jungen Lebensretter darüber belehrte, in welcher großen

Todesgefahr beide geschwebt hatten. Beide waren, vornüberstürzend,

mit dem Gesicht so heftig auf einen Kieshaufen aufgeschlagen, daß

sich die kleinen Steinchen tief ins Fleisch gebohrt hatten. Aber diese

Verletzungen waren ungefährlich, und die glücklichen Eltern wußten

nicht, wie sie dem fünfzehnjährigen Lebensretter danken sollten. Der

Stationsvorsteher Mackenzie war arm und lebte nur von seinem knappen

Gehalt. Da er aber Edisons Neigungen kannte, erbot er sich, ihm

die Kunst des Telegraphierens beizubringen, die Edison weit höher

einschätzte, als eine Geldbelohnung, und so wurde Edison zu einem

Telegraphisten ausgebildet. Er konnte für dieses Studium freilich nur

die Nachtstunden benützen, da er tagsüber mit dem Zeitungsverkauf zu

tun hatte. Trotzdem machte Edison bei seinem rastlosen Eifer so rasche

Fortschritte, daß er schon nach vierzehn Tagen dem Stationsvorsteher

einen vollständigen Satz telegraphischer Apparate vorlegen konnte, die

er in einer Büchsenmacherei selbst angefertigt hatte. Trotzdem die

Apparate auf einem Briefkuvert Platz hatten, funktionierten sie doch

vortrefflich. Und praktisch wie Edison war, legte er auch gleich eine

eigene Telegraphenlinie an, um Port Huron mit dem Bahnhof zu verbinden,

der anderthalb Kilometer entfernt lag. Er nagelte einfach ausgeglühten

Eisendraht mit gewöhnlichen Nägeln an die Pfosten einer hölzernen

Einfriedigung. Das Telegramm kostete fünfzig Pfennig (zwölfeinhalb

Cent). Bei trockenem Wetter arbeitete die Linie exakt; bei feuchtem war

aber die Isolierung zu schlecht. Allein, da im ersten Monat nur drei

Depeschen aufgegeben wurden, suchte Edison anderweitige und lohnendere

Beschäftigung.

Als Eingeweihter in telegraphische Geheimnisse, wurde er nun ständiger

Besucher der Telegraphenämter. Er war sehr beliebt und benutzte jede

Gelegenheit, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Nach drei Monaten hatte

er es denn zu einer größeren Vollkommenheit gebracht als sein Lehrer;

er war vorbereitet genug, um die Stelle eines Telegraphisten ausfüllen

zu können. Er verließ endlich, von der größten telegraphischen

Gesellschaft Nordamerikas noch um neunzig Mark Gehalt betrogen, seine

Heimatstadt zum ersten Male, um im kanadischen Stratford einen Posten

als Telegraphist anzunehmen, den ihm der Stationsvorsteher Mackenzie

verschafft hatte.

Und nun begann eigentlich erst für Edison die Zeit der wechselvollen

Erlebnisse, der mühseligen Arbeit, der schweren Enttäuschungen und der

großen Entbehrungen, die keinem erspart bleiben, der Großes erreichen

und Bedeutendes schaffen will. Es begann für Edison die Zeit, in der

sein Genie auf harte, aber kräftigende Proben gestellt wurde.

Er bezog ein monatliches Gehalt von fünfundzwanzig Dollar und

hatte schweren Nachtdienst, denn sein Vorgesetzter war hart und

unnachsichtig. Um die Wachsamkeit seiner Telegraphisten kontrollieren

zu können, hatte er die Vorschrift erlassen, daß jeder alle halbe

Stunde das Wort »+six+« telegraphieren solle. Nun hatte Edison

die Gewohnheit, in seiner dienstfreien Zeit die Telegraphenbureaus in

der Umgebung von Stratford zu besuchen, und er machte oft so weite

Ausflüge, daß er gerade noch knapp zu seinen Dienststunden eintraf.

Die Folge war, daß er des Nachts sehr müde war, und daß ihm die

Innehaltung des Kontrollzeichens sehr lästig wurde. Er kam daher auf

den Gedanken, diese Arbeit durch einen »anderen« verrichten zu lassen,

nämlich durch die Uhr. Er befestigte an der Uhr ein kleines Rad, das

bestimmte Einschnitte hatte; dieses Rad schaltete er mittels Drähte in

den Stromkreis des Telegraphenapparates ein und ließ auf diese Weise

die Uhr alle halbe Stunden das verlangte Wort telegraphieren. Das

ging eine Zeitlang ganz gut, bis man bemerkte, daß, sobald das Wort

»+six+« telegraphiert war, einige Buchstaben nicht telegraphiert

werden konnten. Man untersuchte den Fehler und entdeckte Edisons

arbeitsparende Vorrichtung, die sofort beseitigt wurde. Und fast wäre

Edison selber »beseitigt« worden. In dieser Vorrichtung lag aber

schon die Grundidee zu dem späteren Distrikttelegraphen Edisons, der

patentiert und verkauft wurde.

Weniger glücklich verlief ein anderer Vorfall, bei dem sich Edison

grobe Pflichtversäumnis hatte zuschulden kommen lassen. Es gehörte

zu seinen Obliegenheiten, gewissen ankommenden Nachtzügen je nach

der Anweisung des Zugabfertigers das Signal zum Halten oder zum

Weiterfahren zu geben. Eines Nachts sollte er einen ankommenden

Güterzug auf einer Station halten lassen; Edison telegraphierte aber

dem Abfertiger die Ankunft des Zuges, bevor er wirklich eingelaufen

war, und entfernte sich, um spazierenzugehen. Er glaubte noch

rechtzeitig zurücksein zu können; aber der Zug war schon früher da, als

Edison angenommen hatte und, da der Zugführer infolge der Abwesenheit

Edisons keinen Befehl zum Halten vorfand, war er wieder weitergefahren.

Edison wollte nun zum nächsten Güterschuppen eilen, wo die

Nachtgüterzüge zu halten pflegten, um Frachtstücke ein- und auszuladen;

aber in der Dunkelheit fiel er in eine Grube, aus der er sich nur

schwer herausarbeiten konnte. Und als er zerschunden und atemlos an

dem Schuppen angekommen war, war es wieder zu spät. Er stürzte wieder

zur Station zurück und schickte eine Depesche nach der nächsten

Station, aber auch diese kam schon zu spät, und wenn nicht die beiden

Lokomotivführer sehr achtsam gewesen wären, hätte es unvermeidlich

zu einem Zusammenstoß kommen müssen. Als der Betriebsdirektor diese

Geschichte erfuhr, lud er den Sechzehnjährigen vor sich, um ihm zu

erklären, daß er ihn unbarmherzig auf fünf Jahre ins Gefängnis schicken

werde. Aber während Edison gerade das trübe Schicksal seiner nächsten

Zukunft erfuhr, kamen zwei Freunde des Direktors zu Besuch, die ihn

sofort in eine Unterhaltung zogen, und diese hochwillkommene Ablenkung

benutzte Edison, um auszureißen. Mit dem nächsten Zuge reiste er, wie

er ging und stand, nach Port Huron zurück.

Edisons Genie sollte sich auch hier bewähren. Der Winter war sehr hart

gewesen, und als nun im Frühjahr das mächtige Treibeis des Huron-Sees

herankam, zerriß es das Kabel zwischen Port Huron und der jenseits

des mächtig breiten Flusses liegenden Stadt Sarnia. Der Verkehr war

sehr gestört, die Herstellung des Kabels war unmöglich. Völlig ratlos

wandte man sich an Edison, der sich auf die Weise zu helfen wußte,

daß er mit einer Lokomotive dicht an den Fluß heranfuhr und nun mit

der Signalpfeife ein Telegramm hinüber»pfiff«. Mit kurzen Tönen ahmte

Edison die Punkte, mit langgezogenen die Striche des Morse-Alphabets

nach. Und er pfiff die Frage in den Nebel hinaus: »Hallo, Sarnia, hörst

du mich?« Und nachdem er das Signal mehrere Male vergeblich hatte

ertönen lassen, wurde man endlich am jenseitigen Ufer doch aufmerksam,

erkannte die Bedeutung der schrillen Pfiffe und die Telegraphisten

antworteten auf dieselbe Weise die Antwort zurück. So war die

Verbindung wiederhergestellt.

Diese findige Leistung machte Edison bekannt, und es fiel ihm deshalb

auch nicht schwer, eine Stellung als Telegraphist zu finden. Aber

da er viel unter Neid und Klatschsucht zu leiden hatte, und seine

Dienstvorschriften öfters verletzte, weil er unermüdlich seinen

eigenen Untersuchungen nachhing, mußte er seinen Aufenthaltsort oft

wechseln. So taucht der Siebzehnjährige in Adrian auf, in Fort Wayne,

Indianopolis, Cincinnati und Memphis. In Indianopolis gelang ihm auch

seine erste Erfindung, der selbsttätige Wiedergeber, der die Tätigkeit

des Telegraphisten überflüssig machte. Er hatte die Telegramme, die mit

einer Geschwindigkeit von fünfzig Worten in der Minute einliefen, für

die Presse wortgetreu wiederzugeben und hatte sich nun einen Apparat

konstruiert, der das mit einer Geschwindigkeit von dreißig Worten in

der Minute erledigte. Er hielt die Vorrichtung zwar geheim; aber eines

Tages, da sein Apparat, wo es sich um die Wiedergabe einer äußerst

wichtigen Gesetzesvorlage handelte, allzusehr im Rückstande blieb,

wurde dieser geniale Betrug entdeckt und Edison wurde auf der Stelle

entlassen.

[Illustration: Edison in seinem Laboratorium.]

Er begab sich nach Cincinnati, wo er sechzig Dollar im Monat verdiente

und durch aufopfernden Pflichteifer bald auf hundertundfünf Dollar

stieg, wanderte aber bald darauf nach Memphis, wo die Telegraphisten

hundertundfünfundzwanzig Dollar (fünfhundert Mark) im Monat verdienten.

Der Betriebsdirektor quälte sich vergeblich damit ab, eine Erfindung zu

machen, durch welche New York und New Orleans in direkte telegraphische

Verbindung treten konnten und als dies dem jungen Edison, unter

Anwendung seiner in Indianopolis gemachten Erfindung, nach kurzer Zeit

gelungen war, wurde der Direktor von solchem Neid erfaßt, daß er eine

falsche Anklage gegen Edison erhob, die zu seiner Entlassung führte.

Jetzt traf ihn aber seine Entlassung höchst ungünstig. Edison hatte

eben einen großen Teil seines Gehalts -- wie immer -- den Eltern

geschickt. Er war vollständig mittellos und da er nie viel Wert auf

seine äußere Erscheinung gelegt hatte, stand es auch um seine Kleidung

sehr schlecht. Überdies war der Winter vor der Tür. Edison faßte

trotzdem Mut und wanderte wie ein Handwerksbursche mehrere hundert

Kilometer zu Fuß nach Louisville. Halbtot vor Hunger und Kälte und

Überanstrengung, mit Stiefeln ohne Sohlen, mit einem Strohhut auf dem

Kopf und in dünner, fadenscheiniger Sommerkleidung stapfte Edison in

den schnee- und eisbedeckten Straßen von Louisville umher, sich nach

dem Telegraphenamt hinfragend, wo er um eine Anstellung bat. Und als

der zerlumpte Bettler eine Probe seiner Geschicklichkeit gegeben hatte,

erhielt er auch Beschäftigung.

Bis zu seinem neunzehnten Jahre blieb Edison in Louisville. Er brachte

es hier in der Kunst der Depeschenübertragung bis auf fünfundvierzig

Worte in der Minute. Inzwischen hatte er sich auch eine ganze

Bibliothek über elektrische Studien angeschafft und setzte außerdem

seine Experimente unentwegt fort.

Es war den Beamten aber streng untersagt, die elektrischen Batterien

und Elemente anzurühren. Eines Nachts hatte Edison etwas Schwefelsäure

nötig und ging ins Batteriezimmer, sie zu holen. Dabei verschüttete

er ein Teil der Säure, die durch den Fußboden drang und im darunter

liegenden Zimmer des Direktors Schreibtisch und Teppich zerstörte. Der

aufgebrachte Vorgesetzte jagte Edison davon. Er ging zu seinen Eltern,

blieb anderthalb Jahre in seiner Heimatstadt Telegraphist und erfand

dort die Methode, ein einziges Kabel für zwei Stromkreise nutzbar zu

machen. Die Gesellschaft, der er seine Erfindung überließ, lohnte ihn

mit einem Freibillett nach Boston, wo ihm eine Stellung angeboten war.

Gleich beim Beginn seiner Tätigkeit legte er Proben einer so

außerordentlichen Geschicklichkeit ab, daß die Kollegen, die erst

geglaubt hatten, ihn verhöhnen zu können, ihm die größte Hochachtung

bezeigten und sich um seine Freundschaft bewarben. Und da es um

diese Zeit auch seinen Eltern wieder besser zu gehen begann, wurde

er von dem schweren Druck befreit, der bisher auf ihm lastete.

Seine teilnahmsvollen Kameraden, sein freundlicher Vorgesetzter und

endlich die Freundschaft eines Herrn Milton Adams wirkten belebend

auf seine Fähigkeiten und schienen tausend Pläne und Erfindungen in

ihm zu wecken. Die erste Erfindung, die er hier ausführte, war ein

Abstimmungstelegraph, der die zeitraubende Arbeit des Zählens bei

Parlamentsabstimmungen ersparen sollte. Die Erfindung, auf die Edison

große Hoffnungen gesetzt hatte, wurde 1869 zwar patentiert; praktisch

fand man sie aber unverwertbar. Die Ablehnung empfand Edison sehr

schmerzlich; er lernte aber auch von diesem Fehlschlag, eine Erfindung

erst auf ihre Brauchbarkeit hin zu prüfen, ehe er an ihre Ausarbeitung

Kosten und Mühen verschwendete.

In Boston hatte Edison sich eine kleine Werkstatt gemietet. Seine

Freunde hatten für das Bekanntwerden seiner Fähigkeiten wohl gesorgt,

so daß er bald kleine Aufträge bekam. Besonders zwei Aufgaben fesselten

ihn jetzt sehr stark: die Herstellung eigener telegraphischer

Druckapparate für die Mitteilung der Kurse im Geldverkehr und die

Benutzung ~eines~ Drahtes zur gleichzeitigen Sendung mehrerer

Depeschen. Deutschland kannte zwar schon diese Telegraphie; aber in

Amerika hat erst Edison die Telegraphie auf eine so vollkommene Stufe

erhoben, daß man die dadurch gemachten Ersparnisse auf etwa fünfzehn

Millionen Dollar taxiert.

Indessen, es wollte ihm auch hier nicht gelingen, einen wesentlichen

~praktischen~ Erfolg für seine Erfindungen zu erringen; das

verleidete ihm Boston, und er beschloß, sein Wirkungsfeld nach der

Zentrale des amerikanischen Geschäftslebens zu verlegen: nach New York.

Und in großer Sorge um seine Zukunft reiste er dahin.

Aber auch hier hatte er in den ersten Wochen bitter zu kämpfen. Er fand

keine Stellung, und niemand interessierte sich für seine Erfindung. Er

wäre auf dem erbarmungslosen New Yorker Pflaster in die äußerste Not

gekommen, wenn ihn nicht ein Zufall die rechten Wege geführt hätte.

Zuweilen scheint es wirklich, als hätte ein guter Geist immer seine

Schritte gelenkt, um ihn, wenn auch scheinbar auf Umwegen, seinen

Zielen entgegenzubringen.

Als Edison nach New York kam, war es gerade der Schauplatz einer

dreisten Spekulation des Millionärs Jay Gould, der alles Gold hatte

aufkaufen lassen, um die Preise in die Höhe zu treiben. Das Bureau des

Herrn Law war das einzige, das mit allen sechshundert Geldmaklerbureaus

in telegraphischer Verbindung stand und wo man erfuhr, wie es um den

Goldkurs stand. Eine Unzahl besorgter Geschäftsleute forderte vom

Bureau Law Nachrichten. Die Beamten hatten alle Hände voll Arbeit.

Da versagt plötzlich zum Unglück -- und zum Glück Edisons -- der

Haupttelegraphenapparat. Die Störung verursachte eine ungeheure

Erregung bei der draußen harrenden Menge, die von Minute zu Minute

immer drohender anschwoll. Law und seine Beamten waren vollständig

kopflos geworden, als der beschäftigungslose Edison, der mit der

drängenden Menschenmasse unbeachtet ins Bureau geschoben worden war,

den Apparat, der die Störung verursachte, rasch betrachtet hatte

und nun sagte: »Ich glaube, Mister Law, ich kann Ihnen zeigen, wo

die Störung liegt. Eine Kontaktfeder ist zerbrochen, zwischen zwei

Zahnräder gefallen und hindert dadurch die Umdrehung der Scheibe mit

den Papierstreifen.« Edisons Vermutung war richtig. In kurzer Zeit

hatte er die Störung beseitigt, und Law engagierte Edison sofort als

Aufseher über alle Teile des telegraphischen Betriebes mit dem hübschen

Monatsgehalt von nahezu dreizehnhundert Mark (dreihundert Dollar).

Mit einem Schlage war Edison ein gemachter Mann. Er war für alle Zeit

die fürchterlichen Nahrungssorgen los, und von nun an nimmt seine

Entwicklung einen raschen und glänzenden Verlauf.

Seine Tätigkeit bei Law brachte es mit sich, daß Edison sich wieder

der Herstellung verbesserter telegraphischer Apparate zuwandte. Seine

Verbesserungen riefen indessen eine Umwälzung auf diesem Gebiete

hervor, daß er schließlich seine Stellung dadurch verlor. Inzwischen

war er aber in New York bereits so bekannt, daß er in einer Fabrik

für elektrische Apparate sofort wieder eine neue Stellung fand. Hier

vervollkommnete er seine früher erwähnte Erfindung des Drucktelegraphen

für Kursberichte, die ihm bei Laws Konkurrenzgesellschaft eine gleiche

Stellung eintrug, wie er sie bei Law gehabt hatte. Und als er hier

die telegraphischen Einrichtungen verbesserte, kaufte ihm diese

Gesellschaft das Benützungsrecht für seine letzten Erfindungen ab und

zahlte ihm dafür etwa hundertundsiebzigtausend Mark.

* * * * *

Edisons Havannazigarre war ausgegangen und er entzündete sie von neuem,

noch immer seinen Erinnerungen nachgehend ...

Er hatte hundertundsiebzigtausend Mark bekommen. Niemand war

glücklicher als er. Wie einfach und wahr hatte der deutsche Dichter

Goethe das Gretchen im Faust es sagen lassen: Am Golde hängt doch

alles! Jetzt, mit diesem Vermögen in den Händen, konnte er seine

heißesten Wünsche stillen, konnte sich eine umfangreiche Werkstätte

mit allem Zubehör einrichten, um die Fabrikation seiner Erfindungen

selber betreiben zu können. Und obwohl diese Einrichtung so ziemlich

das ganze Vermögen wieder verschlungen hatte, hatte es Edison trotzdem

nicht zu bereuen. Seine Fabrik war bald so beschäftigt, daß sie in

kurzer Zeit zu klein geworden war. Innerhalb weniger Jahre mußte er die

stets größer gewählte Fabrik mit einer immer noch größeren vertauschen

und 1873 war er von der ursprünglichen Werkstatt in New York in die

gegenüberliegende Stadt Newark in seine Fabrik eingezogen, in der er

bereits dreihundert Arbeiter beschäftigte. Sein Name war schon berühmt,

und er genoß in der Geschäftswelt bedeutenden Kredit.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 16 / 18 段