Brentano kennen gelernt, damals Braut Achim von Arnims und intime
Freundin Goethes. Ihre tief musikalische Natur sehnte sich nach
Beethoven. Als sie sich kennen lernten, sang Beethoven ihr das Lied
»Kennst du das Land«, zwar mit scharfer und schneidender Stimme, aber
mit tiefem Ausdruck. »Aha,« rief Beethoven aus, »die meisten Menschen
sind gerührt über etwas Gutes, das sind aber keine Künstlernaturen.
Künstler sind feurig, die weinen nicht.«
Von diesem Tage an waren sie täglich zusammen und wurden immer mehr
befreundet. Bettina schrieb öfters über ihre Zusammenkünfte mit
Beethoven schwärmerische Briefe an Goethe. »O Goethe,« heißt es da
einmal, »kein Kaiser und kein König hat so das Bewußtsein seiner Macht,
und daß alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beethoven.«
1812 machte Beethoven eine Reise nach Teplitz, wo er Varnhagen, Tiedge,
Elise von der Recke und andere bedeutende Persönlichkeiten kennen
lernte. Und das Jahr darauf, als er wieder in Teplitz weilte, machte er
endlich die Bekanntschaft Goethes, mit dem er nun sehr oft zusammenkam.
Goethe schrieb an seinen Freund Zelter: »Beethoven habe ich in Teplitz
kennen gelernt. Sein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt. Allein,
er ist leider eine ganz ungebändigte Persönlichkeit, die zwar nicht
unrecht hat, wenn sie die Welt verabscheuenswert findet, aber sie
freilich dadurch weder für sich, noch für andere genußreicher macht.
Sehr zu entschuldigen ist er hingegen und sehr zu bedauern, da ihn
sein Gehör verläßt. Er, der ohnehin lakonischer Natur ist, wird es nun
doppelt durch diesen Mangel.«
Goethe, der von den im Bade anwesenden Fürsten mannigfache
Auszeichnungen erfahren hatte, wollte besonders der Kaiserin seine
Ergebenheit bezeigen und riet auch Beethoven, in bescheidener Weise
das gleiche zu tun. »Ei was!« antwortete Beethoven, »so müßt Ihr's
nicht machen. Ihr müßt ihnen tüchtig an den Kopf werfen, was sie an
Euch haben, sonst werden sie's gar nicht gewahr. Ich hab's ihnen anders
gemacht.« Und nun erzählte Beethoven, wie ihn einmal der Erzherzog,
sein Schüler, habe warten lassen und er darauf fortgegangen sei. Einen
Orden könnten sie einem wohl anhängen, könnten einen wohl zum Hofrat
machen, aber nicht zum Goethe oder zum Beethoven; davor müßten sie
Respekt haben. Und während Beethoven so sprach, kam gerade der ganze
Hofstaat an. Beethoven sagte nun zu Goethe: »Bleibt mir in meinem Arm
hängen; ~sie~ müssen ~uns~ Platz machen.« Aber Goethe machte
sich los und stellte sich mit abgezogenem Hut an die Seite, während
Beethoven mit verschränkten Armen und nur den Hut ein wenig rückend,
mitten durch die Hofgesellschaft ging, die sich infolgedessen teilen
und ihm Platz machen mußte. Alle grüßten ihn freundlich. Auf der
anderen Seite blieb Beethoven stehen und wartete auf Goethe, der sich
so lange tief verneigte, bis die Gesellschaft vorübergegangen war.
Beethoven sagte: »Auf Euch habe ich gewartet, weil ich Euch ehre und
achte, wie Ihr es verdient, aber jenen habt Ihr zu viel Ehre angetan.«
Beethoven fand Goethe zu geziert. »Ihm behagt die Hofluft zu sehr;
mehr, als es einem Dichter ziemt,« schreibt er an einen Freund.
Ihm widerstrebte alles äußere Wesen; sein ganzes Leben war auf innen
eingestellt; er haßte alle Eitelkeit. Deshalb schickte er auch eine
Visitenkarte seines Bruders, der ihm zu Neujahr gratuliert hatte und
auf welcher zu lesen war »Johann van Beethoven, Gutsbesitzer« zurück
und schrieb auf die Rückseite »Ludwig van Beethoven, Hirnbesitzer«.
Und doch war es nicht läppischer Stolz, der ihn zuweilen so hochfahrig
erscheinen ließ. »O Gott, gib mir die Kraft, mich zu besiegen,«
schreibt er 1812 in sein Tagebuch; »mich darf ja nichts mehr an das
Leben fesseln.« Und 1813: »O Gott, Gott, sieh auf den unglücklichen
Beethoven herab, laß es nicht länger so dauern.«
Frau Streicher nahm sich seiner häuslichen Verwirrung an, die so groß
war, daß Beethoven eines Tages nicht einmal mehr Stiefel zum Ausgehen
hatte. Einer seiner Gönner war inzwischen gestorben, und ein anderer,
Fürst Lobkowitz, war selber arg verschuldet und in Bedrängnis. »Es ist
hart, beinahe um des lieben Brotes willen zu schreiben! So weit habe
ich es nun gebracht,« stöhnt Beethoven 1818. Seine Einnahmen standen um
diese Zeit in der Tat beinahe im umgekehrten Verhältnis zu seinem Ruhm.
Es war eine Ironie des Schicksals, daß Beethoven, der in diesen Jahren
sehr viel äußere Bedrängnis auszustehen und der sich von aller Welt
verschlossen zurückgezogen hatte, in Wien zu einer Art Sehenswürdigkeit
geworden war. Nur wenige Kollegen, Schubert, Liszt und Weber, die ihn
besuchten, wurden empfangen. Und zu diesen äußeren Sorgen kamen noch
andere.
Seit dem im Jahre 1815 erfolgten Tode seines Bruders Karl nahm
Beethoven sich auch dessen unmündigen Sohnes, seines Neffen Karl,
an, dessen Vormund und Erzieher er wurde und auf den er alle innige
Familienliebe übertrug, die er so viele Jahre zurückgedämmt hatte.
Wegen seines Ehrengehaltes lag er in fortwährenden Streitigkeiten mit
den Gerichten, in denen er stets von neuem zu beweisen hatte, daß er
noch am Leben sei. Eine besondere Kränkung tat man ihm an, als er
in einem Prozesse seinen vermeintlichen Adel erweisen sollte. Tief
verletzt zeigte er auf Herz und Kopf und rief »Hier und hier«.
Die Wohnungs- und Dienstmädchensorgen quälten ihn auch nicht wenig. In
der Mödlinger Hauptstraße, wo er damals wohnte, komponierte er, wie
er selbst sagte, »im Schweiße seines Angesichtes« und schlug, Tag und
Nacht arbeitend, mit Händen und Füßen so stark den Takt, daß ihm die
Wohnung gekündigt werden mußte.
[Illustration: Beethovens Grabmal in Wien.]
Das Leben schien ihm nun ein Dornenweg; ein Spießrutenlaufen durch
tausend Drangsale und alltägliche Plackereien. »Für dich, armer
Beethoven, gibt es kein Glück von außen,« lautet nun seine Einsicht.
Seine brüske, verbitterte Art zeichnete sich sogar in seiner
Handschrift aus, von der Zelter sagte: »Beethoven schreibt immer wie
mit einem Besenstiel,« und Beethoven selbst gesteht: »Das Leben ist
zu kurz, um Buchstaben und Noten zu ~malen~, und schöne Noten
brächten mich schwerlich aus den Nöten.«
Trotzdem bewahrte er sich sein gutes Herz und seine reiche
Menschenliebe. Er unterstützte reichlich seine beiden Brüder. Als
er erfuhr, daß Deutschland das letzte Kind des großen Musikers Bach
hungern ließ, verschaffte er ihm unter vielen Umständen die nötigen
Lebensmittel. Für eine herumziehende Musikantengesellschaft, deren Not
ihn dauerte, komponierte er einen Walzer und schrieb selbst die Stimmen
dazu aus.
Er selbst vernachlässigte sich sehr; sogar in der Kleidung ließ er sich
jetzt stark gehen. Seine grauen Haare waren immer unfrisiert, und mit
seinem krausen Buschkopf bot er eine auffallende Erscheinung. Als eine
Dame einmal ganz entzückt seine schöne Stirn bewunderte, sagte er kurz
angebunden: »Nun, so küssen Sie sie!«
Seine große Aufopferungsfähigkeit tritt uns aber in ihrer ganzen
Großartigkeit entgegen in dem Verhältnis zu seinem Neffen Karl, dem
er sich mit Leib und Seele, mit Gut und Geld widmete; er spielte und
tollte mit ihm herum, behütete ihn wie seinen Augapfel und erntete
nur Undank. Beethoven wollte den Jungen zum Gelehrten oder Künstler
machen; aber der Neffe entlief seinem Onkel, mißachtete ihn, wurde
von der Universität entlassen, spielte, flanierte, log, unterschlug
Gelder, bis er eines Tages einen mißglückten Selbstmordversuch machte
und blutüberströmt dem unglücklichen Onkel ins Haus gebracht wurde, der
über diesem Streich fast zusammenbrach.
Ohnehin hatte ein Leberleiden schon begonnen, die Gesundheit Beethovens
zu untergraben. Und als die Gelbsuchtsanfälle sich mehrten, dachte er
an sein Testament. Als der Neffe von seinem dummen Streich genesen war,
wurde er von der Polizei der Stadt verwiesen und zog nach Gneixendorf.
Beethoven, der an dem Neffen, den er zum »geliebten Universalerben«
bestimmt hatte, mit unverminderter Liebe hing, zog ebenfalls nach dem
Dorfe hinaus, wo ihn die Diener und Bauern, die ihm in Flur und Wald
begegneten, heftig auslachten, wenn sie ihn gerade beim Komponieren
betrafen. Er gestikulierte so stark, daß das Vieh, das ihm begegnete,
scheu wurde und die Bauern ihm oft zuriefen: »He! a bissl stader!«
Auf einer Rückreise von Gneixendorf nach Wien mußte Beethoven fiebernd
in einem Dorfwirtshause übernachten. An einer Bauchfellentzündung
leidend, kam er auf einem Milchwagen, »dem elendesten Fuhrwerk des
Teufels«, am 2. Dezember 1826 in Wien an und wurde von Stunde zu Stunde
elender.
Beethoven schickt seinen Neffen aus, zwei befreundete Ärzte zu holen,
die versagen aber ihre Hilfe, weil ihnen der Weg von der Stadt nach
der entfernten Wohnung Beethovens zu weit ist. Beethoven bittet seinen
Neffen, andere Ärzte zu besorgen; der leichtsinnige Bursche vergißt
aber ganz daran, setzt sich statt dessen in ein Kaffeehaus und spielt
Billard. Erst sehr spät fällt ihm der Auftrag des todkranken Onkels
wieder ein, aber anstatt wenigstens jetzt selber auf die Suche zu
gehen, gibt er seinen Auftrag dem Kellner weiter, der ebenfalls daran
vergißt. Drei Tage darauf wird der Kellner zufällig selbst krank und
in der Klinik, wohin er gebracht werden muß, erinnert er sich jetzt
erst des erhaltenen Auftrags. Jetzt erst erhält Beethoven ärztliche
Hilfe. Aber es ist schon zu spät, da bereits Wassersucht eingetreten
ist. Dazu kommen noch neue Gemütserschütterungen, und da nächtliche
Erstickungsanfälle auftraten, muß der Bauchstich gemacht werden. Beim
Anblick des Wassers, das ihm aus dem Leibe läuft, hat er noch so viel
Humor, dem Arzt zu sagen, er sei ein wahrer Moses, der mit dem Stabe
an den Felsen geschlagen habe, daß das Wasser kam. »Besser Wasser aus
dem Bauch, als aus der Feder,« tröstete er sich. Eine Sorge verläßt
ihn: der Neffe Karl betritt die militärische Karriere; dafür kommt
eine neue Sorge: die militärische Ausstattung des Neffen hat sehr viel
gekostet, und es ist Geldnot eingetreten. Die Krankheit zieht sich in
die Länge, obwohl Beethoven schon zum drittenmal operiert worden ist.
Und von allen Bekannten kümmert sich fast niemand um ihn, außer den
allernächsten Freunden. Und nun nähert sich Beethoven immer mehr seinem
irdischen Ende. Am 23. März empfängt er die Sterbesakramente. Tags
darauf beginnt der Todeskampf.
Am 26. März 1827 blieb die kleine Pyramidenuhr, ein Geschenk der
Fürstin Lichnowsky, stehen, und noch heute soll diese Uhr, so oft
ein Gewitter naht, stehnbleiben. Gegen fünf Uhr toste mit gewaltigem
Donner, Schnee und Hagelschlag mitten im Winter ein Unwetter heran.
Nur Beethovens Schwägerin, Frau van Beethoven, und ein junger Schüler
Beethovens waren im Sterbezimmer anwesend. Plötzlich wurde das Zimmer
durch einen Blitz grell beleuchtet. Der Sterbende öffnete weit die
Augen, erhob die rechte Hand und blickte mit drohender Miene starr gen
Himmel. Dann sank er zurück. Der Recke war tot.
Seinem Leichenbegängnis folgte keine Gattin, nach der er sich so oft
gesehnt hatte und kein eigenes Kind. An seinem Grabe weinte die ganze
Welt. Zwanzigtausend Menschen folgten dem Sarge, und alle Schulen waren
geschlossen.
Der Erfinder Edison.
In Orange in New Jersey, inmitten eines Netzes elektrischer Leitungen,
erhebt sich ein von weiten, einsamen Gärten umgebenes Haus. Die Front
gebietet über einen großen Rasenplatz, der von kiesbestreuten Wegen
durchkreuzt ist und sich bis zu einem pavillonartigen Gebäude hinzieht.
Dieser Pavillon ist rings von einer Reihe sehr bejahrter hoher Bäume
beschattet.
Hier wohnt Thomas Alva Edison, der Mann, der das Echo gefangennahm, der
fast taube Zauberer so vieler Wunderdinge, die geschaffen sind, um dem
Ohr ein Fest zu bereiten.
An einem Herbstabend der letzten Jahre geschah es, daß Edison sich in
das Innere seines Privatlaboratoriums zurückzog. In seinem bequemen
amerikanischen Klubsessel saß er mit aufgestützten Ellbogen allein,
eine Havanna rauchend, obwohl er sonst nicht rauchte, weil der Tabak
große Pläne so leicht in Träumereien zerfließen läßt. Von seinem
bereits sagenhaft gewordenen Gewand umhüllt, dem schwarzseidenen Umhang
mit den violetten Quasten, sah er zerstreut vor sich hin und schien in
tiefe Betrachtung versunken.
Die Tische waren übersät mit tausenderlei Instrumenten, Räderwerken,
geheimnisvollen Mechanismen, elektrischen Apparaten, Teleskopen,
Reflektoren, Magneten, Retorten, Phiolen und Tafeln, die mit Zahlen
bedeckt waren.
Die untergehende Sonne beleuchtete die von Ahorn- und Tannenbäumen
bestandenen Hügel von New Jersey, und hin und wieder wurde das Gemach
blitzartig von aufglühenden elektrischen Funken erhellt.
Der Wind wehte kühler; ein Gewitter hatte am Nachmittage die Luft
durchfeuchtet, und die Blumen vor dem Fenster schickten nun ihre
schweren Düfte herein. Ihr betäubendes Aroma ermattete die lebhaften
Gedanken Edisons, und unbewußt wurde er von dem Reiz der Dämmerung
eingefangen ...
Im Februar des kommenden Jahres wurde er sechzig Jahre alt und es
reizte ihn nun, gleichsam am Vorabend des Greisenalters, über sein
mühseliges, leidensvolles Leben nachzudenken ... all die mühseligen
Wege, die er gehen mußte, ehe er als der größte Erfinder auf dem Gebiet
der Elektrotechnik allgemein anerkannt war, in Gedanken zu gehn.
Er sah das Bild Milans vor sich, seiner Geburtsstadt im
nordamerikanischen Ohio, in der er am 11. Februar 1847 zur Welt kam.
Väterlicherseits stammte Edison aus einer alten holländischen
Müllersfamilie, die ungefähr um 1737 in Nordamerika eingewandert
war. Er sah im Geiste den Vater vor sich, wie er in Milan einen
schwunghaften Getreide- und Holzhandel betrieb, an dem er zum
wohlhabenden Manne wurde. Und sah die, ach, nun tote Mutter, eine
Kanadierin, die von einer eingewanderten schottischen Familie abstammte
und eine vorzügliche Erziehung genossen hatte. Vor ihrer Heirat war
sie Lehrerin gewesen, um später ihren Beruf auch am jungen Edison
auszuüben. Das blühende Geschäft hatte den Eltern die Möglichkeit eines
behaglichen Lebens gegeben und die Hoffnung einer sorglosen Zukunft.
Die Eltern liebten ihren Thomas Alva mit großer Zärtlichkeit! Wie
machten sie ihm seine Kinderjahre zu Jahren sonniger Freude!
Aber Glück ist wandelbar und nicht von langer Dauer. Der Eisenbahnbau
begann, um dem Handel einen neuen Weg zu eröffnen. Es begann ein
tolles Hämmern und Schmieden. Aber durch diese Eisenbahn wurde der
Kanalverkehr des Ohio lahmgelegt, dem der Vater hauptsächlich seine
Einnahmen verdankte. Das Geschäft des Vaters ging zurück, und als
gar noch eine allgemeine finanzielle Krisis hereinbrach, ging des
Vaters Betrieb vollkommen zugrunde, so daß die Familie sich plötzlich
allen Bitternissen der Armut gegenübergestellt sah. Aber nur das
Geschäft brach zusammen, nicht auch der Vater, der vielmehr mit zäher
ungebrochener Energie daranging, sich im Port Huron im Staate Michigan
ein neues Heim zu gründen und mit erstaunlicher Arbeitskraft sein
Leben von neuem aufzubauen. Thomas Alva war damals sieben Jahre alt.
Er hatte bereits angefangen, in die Schule zu gehn, als schon sein
erster Unterricht durch diese Umsiedelung gestört und gehemmt wurde.
In Port Huron wurde er nun, um das Schulgeld zu sparen, nicht mehr in
die Schule geschickt; die Mutter übernahm vielmehr selbst die weitere
Ausbildung des Knaben. Die lehrte ihn schreiben, lesen und rechnen
und diese gemeinschaftliche Arbeit schuf ein sehr inniges Verhältnis
zwischen Mutter und Sohn. Wie spornte sie immer seinen Wissenseifer an
und gab seiner Phantasie reiche geistige Nahrung.
Aber auch in Port Huron ging das Geschäft des Vaters nicht recht
vorwärts; die Familie blieb arm. Es war aus mit den sorglosen Jahren
der Kindheit; die Spielzeit war vorbei. Schon als Zwölfjähriger mußte
der junge Edison daran denken, etwas mitzuverdienen. Er nahm eine
Stelle als Zeitungsjunge an der Eisenbahn an, die Port Huron mit
Detroit verbindet.
Und Edison sieht im Geiste rückwärts; sieht, wie er zwischen diesen
beiden Stationen täglich hin und her fährt, während der Fahrt von Wagen
zu Wagen wandert, um den Reisenden Zeitungen, Süßigkeiten, Früchte
und andre Erfrischungen anzubieten, wodurch er sich eine bescheidene
tägliche Einnahme sichert, die er zum größten Teil seinen Eltern
bringt. Die Stunden, die zwischen der Ankunft des Zuges in Detroit
und seiner Abfahrt liegen, bringt er damit zu, seine Geschäftsgänge
zu besorgen, seine Zeitungsexemplare einzukaufen und in der
Volksbibliothek zu arbeiten, deren viele tausend Bände gewissenhaft
durchzulesen er sich ernsthaft vorgenommen hat. Er liest tatsächlich
auch die Bücher, wie sie ihm gerade zur Hand kommen, der Reihe
nach wahllos durch, und als er schon eine Strecke von fünfzehn Fuß
weggelesen hat, wird die Bibliothekleitung endlich auf sein Vorhaben
aufmerksam und lenkt seine Lesewut in die richtigen Bahnen. Unter den
bereits verschlungenen Büchern befanden sich recht schwierige Werke;
zum Beispiel Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Reiches«,
Humes »Geschichte Englands« und »Die Geschichte der Reformation«,
Burtons »Anatomie der Melancholie« und andre Bücher.
Auf der hundert Kilometer langen Bahnstrecke Port Huron-Detroit war
der junge Edison bald eine sehr bekannte und beliebte Person. Aber
wichtiger war für ihn, daß er sich auch die Zuneigung des Bahnpersonals
erwarb. Denn er hatte es in erster Reihe dem Personal zu danken,
daß man ihm das ausschließliche Recht des Zeitungsverkaufs auf den
Lokalzügen der genannten Strecke zubilligte; außerdem hatte man ihm
noch einen alten ausrangierten Gepäckwagen zur Verfügung gestellt, der
gewöhnlich leer im Zuge mitlief.
Welche wundervollen Stunden hat er in diesem Rumpelwagen erlebt! Schon
als dreizehnjähriger Knabe hatte Edison große Freude an chemischen
Experimenten, und so häufte er in der einen Hälfte des Wagens allerhand
Apparate und Flaschen mit Chemikalien an und gestaltete ihn zu einem
kleinen chemischen Laboratorium um, während er in der andren Hälfte
seine Zeitungen, Fruchtkörbchen und andere Handelsartikel aufbewahrte.
Über seinen chemischen Versuchen vergaß er aber nicht, seinen
Geschäften nachzugehen; im Gegenteil, seine Tätigkeit war, wie
bei allen Amerikanern, auf Gewinn und Erwerb gerichtet. Er kaufte
gewöhnlich zweihundert Zeitungsexemplare; zuweilen hätte er aber
auch dreihundert verkaufen können. Als er nach der Ursache dieses
schwankenden Verkaufs forschte, bemerkte er bald, daß sich der Absatz
nach der Wichtigkeit und Sensation der aktuellen Vorgänge richtete,
und er war nun so schlau, ehe er seine Exemplare kaufte, jedesmal die
Überschriften der Zeitung erst rasch zu überfliegen und sie gleichsam
auf ihre sensationelle Wirkung hin zu prüfen. Und danach bemaß er
dann auch ganz seinen Bedarf. Um jene Zeit war gerade der große Krieg
zwischen den Nord- und Südstaaten ausgebrochen, und das reisende
Publikum war nach den neuesten Nachrichten stets sehr begierig.
Eines Tages las Edison auf der Probenummer der Zeitung in Riesenlettern
eine Überschrift, die eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und
Verwundeten ankündigte. Blitzartig durchfuhr ihn der Gedanke, daß
ihm der Verkauf dieser Zeitungsnummer großen Gewinn bringen könnte,
wenn es ihm gelänge, die Aufmerksamkeit der Reisenden längs der ganzen
Zugstrecke rechtzeitig auf diese große Neuigkeit hinzulenken. Schon
hatte er einen fertigen Plan im Kopf. Er eilte zur Telegraphenstation
und bestimmte einen ihm bekannten Beamten ein kurzes Telegramm
über eine große Schlacht mit fünfzigtausend Toten und Verwundeten
abzusenden, mit der Bitte, diese Depesche an der schwarzen Tafel, auf
der gewöhnlich die Verspätungen der Züge angezeigt wurden, mit Kreide
anzuschreiben. Edison erbot sich, dem Beamten für diesen Dienst ein
halbes Jahr lang unentgeltlich eine täglich erscheinende Abendzeitung
und zwei Journale zu liefern, eine Wochen- und eine Monatsschrift.
Der Beamte ging auf den Vorschlag ein und versprach, das Telegramm
rechtzeitig abzusenden. Nun galt es noch, eine möglichst große Anzahl
Zeitungsexemplare zu erhalten. Geld hatte Edison nicht, und als er
sich an den Vorsteher der Speditionsabteilung mit der Bitte wandte,
ihm tausend Exemplare auf Kredit zu überlassen, wurde ihm das rundweg
abgeschlagen. Viel Zeit war bis zum Abgang des Zuges nicht mehr zu
verlieren; kurz entschlossen wandte sich Edison an den Eigentümer
der Zeitung selbst, sagte ihm, wer er sei und bat um fünfzehnhundert
Exemplare, die er am nächsten Tage bezahlen wollte. Der Besitzer der
Zeitung, ein hagerer ernster Mann, musterte den kecken vierzehnjährigen
Zeitungsboy einen Augenblick, kritzelte einige Worte auf einen Zettel
und gab ihn Edison mit den Worten: »Trag's hinunter, und du wirst
erhalten, was du wünschest.« Niemand war glücklicher als Edison. Im
Triumph trug er seinen schweren Ballen Zeitungen fort, faltete und
legte sie noch auf der Straße mit Hilfe einiger Knaben zurecht und
lief zu seinem Zuge. Jetzt hatte er nur noch die eine Sorge, ob der
Telegraphenbeamte auch Wort gehalten hatte. Denn davon hing ja der
glückliche Ausgang seines Unternehmens ab.
Und wie dann der Erfolg seine Erwartungen bei weitem übertraf! Wie er
schon, als der Zug auf der ersten Station Utica einlief, eine Menge
Menschen auf dem Bahnsteig herumstehen sah, die, durch sein Telegramm
neugierig gemacht, ungeduldig die Ankunft des Zuges erwarteten, um
genauere Nachrichten über die große Schlacht zu erhalten. Wie er nun
einen Arm voll Zeitungen nahm, aus seinem Güterwagen sprang und im
Nu vierzig Exemplare zu zwanzig Pfennig (fünf Cent) abgesetzt hatte,
während er sonst an dieser Station kaum zwei Exemplare loswerden
konnte. Auf der nächsten Station, Mount Clemens, war noch eine größere
Menschenmenge versammelt. Jetzt hatte er vierzig Pfennig für das
Exemplar gefordert und hatte trotzdem hundertfünfzig Stück verkauft.
Ähnlich ging es auf den folgenden Stationen. Am tollsten war es aber
auf der Endstation Port Huron, wo Edison zu Hause war. Als er hier mit
den letzten paar hundert Exemplaren, die ihm geblieben waren, sich auf
den Weg zur Stadt machte, die anderthalb Kilometer entfernt lag, kam
ihm unterwegs ein großer Schwarm aufgeregter Menschen entgegen, die
ebenfalls durch sein schlaues Manöver in höchste Erregung versetzt
worden waren. Sie riefen alle nach Zeitungen und Edison verkaufte
ihnen einen großen Teil, das Exemplar zu einem Vierteldollar (mehr
als eine Mark). Die Nachricht, daß der kleine Edison mit den neuesten
Depeschen vom Kriegsschauplatze kam, verbreitete sich mit Windeseile
nach der Stadt, und Edison sah sich genötigt, auf den Stufen, die zur
Tür einer Kirche emporführten, Posto zu fassen, um sich des Andranges
zu erwehren. Der Gottesdienst sollte gerade beginnen, aber die Türen
waren noch offen, daher strömten die Menschen heraus, und es entstand
ein tolles Wettbieten auf die letzten hundert Exemplare der kostbaren
Zeitungsnummer.
Mit einem kleinen Vermögen kam Edison am Abend nach Hause, wo er seinen
Eltern von der gelungenen Unternehmung berichtete und ihnen den größten
Teil seines Gewinnes einhändigte.
Der glückliche Ausgang dieser kleinen Spekulation blieb auf die
Entwicklung Edisons nicht ohne starken Einfluß. Zunächst stärkte sich
sein Selbstvertrauen, sein Unternehmungsgeist wurde angeregt, so daß
der Vierzehnjährige Geschäftsunternehmungen wagt, die von seinen
außerordentlichen Anlagen beredtes Zeugnis ablegen. Er verdankte ja
sein kleines Vermögen jenem Telegramm, und so war es ganz natürlich,
daß die Telegraphie und ihre gewaltige Bedeutung für den Verkehr ihn
besonders lebhaft interessieren mußte. Er vernachlässigte nun die
Chemie auf Kosten der Elektrizität, über deren geheimnisvolle Kraft er
in der folgenden Zeit alles zusammenlas, was ihm nur erreichbar war. Er
kaufte und verfertigte sich elektrische Apparate, um selbst elektrische
Versuche anstellen zu können.