Seine beiden jüngeren Brüder waren versorgt; sie folgten ihm freilich
beide bald nach. Haydn nahm den Unterricht nicht sehr streng und ließ
Beethoven vieles, was regelwidrig war, durchgehen. Als aber einst J.
Schenk den lernbegierigen Beethoven auf der Straße traf, machte er
ihn auf die Fehler in den Übungsheften aufmerksam, die der Lehrer
unverbessert gelassen hatte. Und als schließlich Haydn Beethoven, der
eben drei Trios komponiert hatte, noch geraten hatte, ein Trio davon
(+op.+ 1 in +C moll+) nicht zu veröffentlichen, weil es zu
gewagt sei, wurde Beethoven mißtrauisch, brach den Unterricht bei
Haydn kurzerhand ab und ging zum Komponisten des »Dorfbarbiers«, zu
Schenk, in die Lehre. Beethoven widmete die drei Trios dem Fürsten Karl
Lichnowsky, von dessen Frau Beethoven sagte, sie hätte eine Glasglocke
über ihn setzen lassen wollen, damit kein Unwürdiger ihn berühre.
Zur Selbsterkenntnis erwacht, begann Beethoven immer mehr den Mangel
einer regelrechten Schulbildung zu empfinden. Da er in seiner Kindheit
ausschließlich musikalische Studien trieb, war seine übrige Ausbildung
natürlich sehr vernachlässigt worden. Rechnen war ihm das ganze Leben
hindurch sehr beschwerlich; mit der Orthographie haperte es auch
stark. Er hatte ein wenig Latein und ein bißchen Französisch gelernt.
Allein der Hauch einer edleren Geistesbildung, der Bonn durchzog, als
Beethoven noch dort weilte, und der Verkehr mit gebildeten Menschen
führte ihn dafür wieder geistigen Höhen zu, die andere Künstler nicht
zu ersteigen vermochten. In Wien suchte Beethoven seine mangelhafte
Bildung vollends durch eifrige Lektüre der großen Dichter und Denker
auszugleichen, und um sich geschmeidigere Umgangsformen anzueignen,
besuchte er einen Tanzlehrer. Dabei führte er einen streng sittlichen
Lebenswandel, denn als ihm während eines fröhlichen Ausflugs eine
Kellnerin einmal zu nahe trat, gab er ihr eine schallende Ohrfeige.
Im Homer, den er gern las, strich er sich die Stelle an: »Auch vieles
Schlafen ist schädlich«.
Von Schenk ging Beethoven zu Albrechtsberger in die Lehre, dem größten
zeitgenössischen Theoretiker, der das zu viel an Drill beanspruchte,
was Haydn zu wenig berücksichtigt hatte. Aber schon war in Beethoven
etwas, was sich gegen diese Regeln auflehnte. Er hatte bereits als
Knabe das Handwerksmäßige und das, was an der Musik ~erlernbar~
war, gelernt und er sah ein, daß jedes wahrhafte Genie sich seine
eigenen Gesetze geben müsse. Darum kam Albrechtsberger auch bald zu
dem Urteile, daß Beethoven »nie was Ordentliches lernen würde«, und
selbst zu den Freunden Beethovens sagte er: »Gehen Sie nicht mit dem
Beethoven um, der hat nichts gelernt.« Beethoven gab diesen Lehrer auf
und ging zu Salieri, dem Todfeinde Mozarts, um bei ihm Unterricht in
dramatischer Komposition und in Gesangsmusik zu nehmen; er wollte die
italienische Musik von Grund aus kennen lernen.
Am 30. März 1795 erlebte Wien das erste Auftreten des Pianisten
Beethoven. Die zweite Nummer des Programms war »ein neues Konzert auf
dem Pianoforte (+C dur op. 15+), gespielt von dem Meister Herrn
Ludwig von Beethoven und von seiner Erfindung«.
Beethoven war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt. Er schien damals als ein
guter, ruhig gestimmter, bescheidener Mann, dessen Spiel von ungemeiner
Fertigkeit war und mehr zum Herzen sprach, als das aller Vorgänger.
Sein Spiel machte einen ungewöhnlichen Eindruck und allgemein hatte
man das Gefühl, daß sich hier einer in Tönen aussprach, der seine
eigenen Wege ging. Beethoven ~charakterisierte~ am Klavier; er
benutzte die hohen und tiefen Lagen, um sowohl verträumte, als auch
tiefinnerliche Empfindungen auszudrücken. Er wurde am Instrument zum
Dichter, der neue Welten schuf und gestaltete. Am schönsten spielte er,
wenn er allein im Zimmer war, und die Zuhörer sich in einem Nebenraum
befanden. Dann blieb aber auch kein Auge trocken, und es wundert uns
nicht, wenn er 1796 von Prag aus an seinen Bruder schreibt: »Meine
Kunst erwirbt mir Freunde und Achtung, was will ich mehr!« Von Prag aus
führte ihn eine Kunstreise über Dresden und Leipzig nach Berlin, wo
ihn der König Friedrich Wilhelm II. sehr huldvoll empfing. Er spielte
einige Male bei Hofe und komponierte die Cellosonate (+op. 5+),
weil der König selbst das Violoncell spielte. »Beethovens Phantasien
waren im höchsten Grade glänzend und staunenswert,« erzählt uns sein
Schüler Czerny; »in welcher Gesellschaft er sich auch befinden mochte,
er verstand es, auf die Hörer einen solchen Eindruck hervorzubringen,
daß manche in lautes Weinen ausbrachen. Denn es war etwas Wunderbares
in seinem Ausdruck, noch außer der Schönheit und Originalität seiner
Ideen und der geistreichen Art, wie er dieselben zur Darstellung
brachte. Wenn er eine Improvisation dieser Art beendet hatte, konnte
er in lautes Lachen ausbrechen und seine Zuhörer über die Bewegung,
in die er sie versetzt hatte, ausspotten. Zuweilen fühlte er sich
sogar verletzt durch diese Zeichen der Teilnahme. ›Wer kann unter so
verwöhnten Kindern leben‹, sagte er, und einzig aus diesem Grunde
lehnte er es ab, eine Einladung anzunehmen, welche der König von
Preußen nach einer solchen Improvisation an ihn ergehen ließ.«
Beethoven fand sich in Berlin sehr ernüchtert. Er kam vom weichen Süden
und hatte gehofft, im Norden harten, mannhaften Menschen zu begegnen;
er fand schwelgerische Üppigkeit, Abgelebtheit, Weiberhaftes. Das war
nicht der Geist, den er suchte.
Auch in der Berliner Singakademie, deren Direktor damals Zelter war
-- der Freund Goethes -- trat Beethoven auf, und auch hier traten den
Zuhörern Tränen in die Augen.
[Illustration: Beethovenstatue von Kaspar von Zumbusch.]
Sehr enttäuscht kam Beethoven nach Wien zurück und nun begann er mit
aller Energie daran zu arbeiten, »einst ein großer Mann zu werden«.
Zugleich aber legte er den Grundstein zu seiner so tragischen
Erkrankung.
An einem sehr heißen Sommertage des Jahres 1796 kam Beethoven ganz
erhitzt nach Hause, riß Türen und Fenster auf, zog sich bis auf die
Beinkleider aus und kühlte sich am offenen Fenster ab. Die Folge war
eine gefährliche Krankheit, die sich während der Genesung auf das
Gehör legte. Und von dieser Zeit an nahm auch die Taubheit Beethovens
fortschrittweise zu, die ihm wohl die schwersten moralischen Prüfungen
auferlegte und seinen ganzen Mannesmut herausforderte. »Dein Beethoven
lebt sehr unglücklich,« schreibt er einige Jahre später an einen
Freund, »im Streite mit Natur und Schöpfer; schon mehrmals fluchte ich
letzterem, daß er seine Geschöpfe dem kleinsten Zufall ausgesetzt,
so daß oft die schönste Blüte dadurch zernichtet und zerknickt wird.
Wisse, daß mir der edelste Teil, mein Gehör, sehr abgenommen hat. Wie
traurig ich nun leben muß, alles was mir lieb und teuer ist, meiden! O,
wie glücklich wäre ich jetzt, wenn ich mein vollkommenes Gehör hätte,
dann eilte ich zu Dir, aber so muß ich von allem zurückbleiben, meine
schönsten Jahre werden dahinfliegen, ohne alles das zu wirken, was mir
mein Talent und meine Kunst geheißen hätten. Traurige Resignation, zu
der ich jetzt meine Zuflucht nehmen muß.«
Und an einen anderen Freund schreibt er 1801: »Nun hat der neidische
Dämon, meine schlimme Gesundheit, mir einen schlechten Stein ins Brett
geworfen, nämlich: mein Gehör ist seit drei Jahren immer schwächer
geworden ... Ich kann sagen, ich bringe mein Leben elend zu; seit
zwei Jahren fast meide ich alle Gesellschaften, weil mir's nicht
möglich ist, den Leuten zu sagen: ich bin taub. Hätte ich irgendein
anderes Fach, so ging's noch eher, aber in meinem Fache ist das ein
schrecklicher Zustand; dabei meine Feinde, deren Zahl nicht gering ist,
was werden diese dazu sagen?«
Aber trotzdem weinte er nicht; er ermannte sich in seinem Schmerz,
stärkte seine eiserne Selbstzucht, bis ihm sein siegender Wille über
diese schreckliche Wendung seines Schicksals hinweghalf, und er sich
wieder seinen Werken zuwenden konnte. Sein stolzes Künstlerbewußtsein
kam ihm gut dabei zu Hilfe. Er hatte eingesehen, daß der wahre Adel
des Menschen von ~innen~ kommt, und daß nur das ~Können~
wirkliche Rangunterschiede zu schaffen vermag. So wie er dachte,
handelte er auch. Seine Freunde, den Fürsten Lichnowsky und den Prinzen
Louis Ferdinand, behandelte Beethoven genau wie seinesgleichen; er
fühlte sich ihnen gegenüber in nichts geringer. Er wohnte einige Zeit
im Palais des Fürsten Lichnowsky, konnte sich aber der Hausordnung
nicht fügen; es war ihm auch später unmöglich, bei seinem Schüler, dem
Erzherzog, die Hofetikette mitzumachen, von deren Zwang er denn auch
zum Entsetzen der Lakaien entbunden wurde. Als Beethoven 1806 während
des Kriegsgetümmels zu Lichnowsky auf Schloß Grätz floh, bat der Fürst
den Künstler, seinen Gästen, den französischen Offizieren, die das
Schloß besetzt hatten, doch etwas am Flügel vorzuspielen. Beethoven war
aber über diese Zumutung, vor den Deutschfeindlichen zu konzertieren,
derart empört, daß er aufsprang, im Regen nach Troppau rannte und von
dort so schnell als möglich nach Wien zurückeilte.
In der Abendgesellschaft, die eine Gräfin zu Ehren des Prinzen Louis
Ferdinand gab, war für Beethoven und andere nichtadelige Gäste an einem
Seitentische gedeckt worden; als aber Beethoven bemerkte, daß er mit
dem Hochadel nicht an einem Tische speisen sollte, stürmte er davon.
Louis Ferdinand veranstaltete Beethoven zu Ehren ein paar Tage später
ein Revanchediner und ließ zu seiner rechten Seite für Beethoven und
zur linken für eben jene Gräfin decken.
Solche und ähnliche Züge zeigen Beethoven als einen überaus stolzen,
seines Genies wohlbewußten Menschen, der schroff und hart werden
konnte, wenn man ihm die Ehren versagte, die er glaubte, beanspruchen
zu dürfen.
Aber es gibt auch ebensoviele rührende Züge, die Zeugnis ablegen von
seinem reichen Mitgefühl und seinem überaus großen Zartsinn.
Als er einmal in Heiligenstadt weilte, einem kleinen Dörfchen bei
Döbling, wo er, der ein fanatischer Sommerfrischler war, die schöne
Jahreszeit verlebte, klangen ihm aus einem Häuschen die Töne seiner
+F dur+-Sonate entgegen. Er horchte und hörte eine zarte Stimme
sagen: »Was gäbe ich darum, das Stück von jemand zu hören, der ihm
gerecht wird.« Beethoven durch den Klang der Stimme betroffen, trat
in das Haus ein und setzte sich an das jämmerliche Instrument. Da
er bemerkte, daß keine Noten auflagen, blickte er fragend auf die
verlegene Spielerin und bemerkte jetzt erst an ihrem Gesichtsausdruck,
daß sie blind war und nur nach dem Gehör gespielt hatte. Beethoven war
im Innersten gerührt; der Mond schien gerade ins Zimmer und beleuchtete
das schwermutvolle Antlitz der Blinden. Unwillkürlich brach der Bruder
der Blinden in die Worte aus: »Die arme Schwester!« Es lag ein Bedauern
in dem Ausruf, daß es der Schwester nicht vergönnt war, den Mondschein
zu ~sehen~. Beethoven aber sagte sehr ergriffen: »Ich will ihr
den Mondschein ~spielen~!« Er setzte sich ans Instrument und
improvisierte ein weltverlorenes, musikalisches Gedicht, das später die
Mondscheinsonate genannt wurde. Und um diese Zeit galt er schon als ein
mürrischer, finsterer Mann.
Die Menschen konnten ihn nicht erziehen; das ~Leben~ bildete ihn
und schliff seine Unebenheiten ab. Da mit den Jahren seine Taubheit
immer mehr zunahm, konnte man nur noch schriftlich mit ihm verkehren.
Der Umgang mit ihm wurde den Menschen unbequem; sie blieben von ihm
fort, ihn seiner Einsamkeit überlassend. Nach und nach mußte er das
Dirigieren aufgeben und das öffentliche Spielen, denn er las auf
den Gesichtern seiner Zuhörer: Mitleid. Das machte ihn verdrossen
und stumm. Er versank ganz in sich selber, tauchte nur noch in die
eigenen Tiefen hinab, um die unschätzbaren Perlen heraufzuholen, die
auf dem Grunde seiner Seele lagen. Aber je mehr er an sich selber zum
Schatzgräber wurde, desto mehr vernachlässigte er die Menschen seiner
Umgebung. Sein Verhältnis zu ihnen wurde ein recht tragisches.
Im Jahre 1802 ist Beethoven wieder etwas mehr um die Heilung seines
Gehörleidens besorgt und geht deshalb wieder nach Heiligenstadt.
In trübster Seelenstimmung und in seiner großen Sehnsucht nach
verständnisvollen Menschen schreibt da der große Einsame seinen letzten
Willen nieder, diesen furchtbaren Aufschrei eines liebedürstenden
Herzens: »O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch
oder misanthropisch haltet oder erklärt, wie unrecht tut ihr mir,
ihr wißt nicht die geheime Ursache von dem, was euch so scheinet;
mein Herz und mein Sinn waren von Kindheit an für das zarte Gefühl
des Wohlwollens, selbst große Handlungen zu verrichten, dazu war ich
immer aufgelegt; aber bedenket, daß seit sechs Jahren ein heilloser
Zustand mich befallen, durch unvernünftige Ärzte verschlimmert,
von Jahr zu Jahr, in der Hoffnung gebessert zu werden, betrogen,
endlich zu dem Überblick eines dauernden Übels gezwungen. Mit einem
feurigen lebhaften Temperamente geboren, selbst empfänglich für
die Zerstreuungen der Gesellschaft, mußte ich früh mich absondern,
einsam mein Leben zubringen. Welche Demütigung, wenn jemand neben mir
stand und von weitem eine Flöte hörte, und ich nichts hörte! Solche
Ereignisse brachten mich nahe an Verzweiflung; es fehlte wenig und ich
endigte selbst mein Leben. Nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück.
Ach, es dünkte mir unmöglich, die Welt eher zu verlassen, bis ich das
alles hervorgebracht, wozu ich mich aufgelegt fühlte. Geduld, sie muß
ich nun zur Führerin wählen, dauernd, hoffe ich, soll mein Entschluß
sein, auszuharren. O Menschen, wenn ihr einst dies leset, so denkt,
daß ihr mir unrecht getan, und der Unglückliche, er tröste sich, einen
seinesgleichen zu finden, der trotz allen Hindernissen der Natur doch
noch alles getan, um in die Reihe würdiger Künstler und Menschen
aufgenommen zu werden; mit Freuden eil' ich dem Tode entgegen; komm
wann du willst, ich gehe dir mutig entgegen.«
Heiligenstadt blieb Beethovens Lieblingsaufenthalt, und seine besonders
liebkoste Idee war, ganz aufs Land zu gehen. Hätte er ein Bauerngut,
meinte er, so könnte er allem Elend entfliehen. Abends im Bett las er
bei zwei Kerzen Tacitus, Plutarch, Plato, Homer, Shakespeare, Ossian,
Klopstock, Kant, Herder, Goethe und Schiller. Morgens wanderte er
schon vor Sonnenaufgang in die erwachende Natur hinaus, in der er bis
zum Frühstück »studierte«. Dort fühlte er sich glücklich und selig,
fühlte sich »sehr geliebt von den Göttern am Ende der Welt« und hatte
mit keinem Gemeinschaft. Er lief in den Fluren in Hemdärmeln herum --
»spazierenarbeitend« wie er sagte --, komponierte, schwatzte mit den
Bauern, die den »graupeten Musikanten« wohl kannten und, da er seiner
Magd nicht traute, trug er das Gemüse für den Mittagstisch selbst im
blauen Taschentuch nach Hause. Dabei brüllte er Melodienbruchstücke so
laut vor sich hin, daß die Ochsen vor ihm Reißaus nahmen.
Er blieb sein Leben lang ein Einsamer, der sein Inneres in Tönen
verausgabte. Mit seiner hohen Tatenlust hing seine Liebe zur Freiheit
zusammen, und so erklang denn auch in seinen Werken die Idee der
Völkerfreiheit.
Eines Tages war der französische Gesandte Bernadotte mit Beethoven
bekannt geworden und regte bei ihm den Gedanken an, Napoleon durch ein
großes Orchesterwerk zu feiern. Dieser Anregung vermochte Beethoven
um so eher zu folgen, als er in Napoleon den Konsul als Führer der
Nation verehrte, als Gesetzgeber wahrer Freiheit. So schuf er denn die
dritte Symphonie (+op. 55+), die nur den Titel »Bonaparte« führte,
und eben sollte sie gerade der Pariser Gesandtschaft übermittelt
werden, da bringt ein Schüler Beethovens, Ferdinand Ries, die Nachricht
von Napoleons Kaiserwahl. Beethoven erwartete von Napoleon, daß er
die Würde ablehnen würde, aber der Fürst Lichnowsky, der dazukam,
bestätigte nur die Wahl. Da riß Beethoven das Titelblatt herunter,
schleuderte die Partitur zur Erde, trampelte wütend mit den Füßen
darauf herum und schrie zornig: »Also auch er ein gewöhnlicher Mensch!«
Lange wollte Beethoven von dieser Symphonie nichts mehr wissen. Als
sie aber später vom Fürsten Lobkowitz zur Aufführung in seinem Palais
erbeten ward, radierte er auf der Abschrift das Wort »Bonaparte« so
wütend aus, daß ein Loch im Manuskript entstand. Er widmete sein Werk
nun dem Fürsten und nannte es jetzt »+Sinfonia eroica+« mit dem
Nebensatz, »um das Andenken eines großen Menschen zu feiern«. Bei der
ersten Aufführung mißfiel es dem Fürsten, und von der Galerie rief
bei der ersten öffentlichen Aufführung der Eroica eine Stimme laut
herunter: »Ich gäb' noch einen Kreuzer, wenn's nur aufhörte.« Dagegen
war Prinz Louis Ferdinand so entzückt davon, daß er sich das Werk
gleich dreimal hintereinander vorspielen ließ. In diesem Werke war ja
auch alles, was im geknechteten deutschen Volke an Größe und Idealismus
nach Ausdruck rang, in ungeheuren Musikwogen dargestellt, in einer
kraftvollen Sprache, die die Hörer mit fortriß und emporhob.
In dieser Zeit lebte Beethoven vom Stundengeben, was er als eine große
Last empfand, und vom Ertrage seiner Werke. Fürst Lichnowsky hatte
ihm außerdem ein Ehrengehalt von sechshundert Gulden ausgesetzt, so
daß Beethoven sich einen gewissen Luxus leisten konnte. Er hielt sich
zum Beispiel ein Pferd, das ihm Graf Browne für seine »Variationen«
geschenkt hatte; er erinnerte sich aber erst an die Existenz dieses
Pferdes, als ihm die stark angewachsene Futterrechnung vorgelegt wurde.
Beethovens Erscheinung wird von den Zeitgenossen folgendermaßen
beschrieben: er war eher klein, als mittelgroß, sehr stämmig und
untersetzt. Er hatte kleine schwarze Augen, die leuchteten, aber bei
fixiertem Blick fast stechend wurden, und schwarze Haare, die in
eine herrliche Stirn hineinhingen, einen wahren Sitz majestätischer
Schöpferkraft, dazu ein pockennarbiges Gesicht von roter gesunder
Farbe, eine kurze, eckige Nase, plumpe Hände mit kurzen Fingern, kleine
hastige Bewegungen. Dazu sah er meist so finster aus, wie seine in
»wunderbarer Konfusion« befindliche Wohnung. Er war sehr unbeholfen,
fast linkisch. Selten nahm er etwas zur Hand, das nicht fiel oder
zerbrach; das Tintenfaß warf er mehrmals ins Klavier; alles wurde
umgeworfen, beschmutzt, zerstört. Sein Eigensinn kannte oft keine
Grenzen, und stets führte er, allen Hindernissen trotzend, dennoch
durch, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Baden und Waschungen
in kaltem Wasser waren mit seine Hauptbedürfnisse. Als Getränk war
ihm frisches Brunnenwasser unentbehrlich, das er von früh bis spät
in kolossalen Mengen trank. Auch trank er sehr gern Kaffee, den er
sich selber bereitete. Er zählte dabei mit peinlicher Genauigkeit
für jede Tasse sechzig Bohnen ab. Bei den Mahlzeiten war er wenig
wählerisch. Von allen Weinen schmeckten ihm wunderlicherweise gerade
die verfälschten am besten, unter denen er viel zu leiden hatte.
Auch ein gutes Glas Bier und die Tabakspfeife, dazu die Augsburger
Allgemeine Zeitung, deren Lektüre ihm sehr viel Zeit stahl, das waren
seine kleinen Hauptfreuden.
Bei einem Spaziergange um Baden bei Wien riß ihm einst der Sturm seinen
Hut vom Kopfe. Er ~mußte~ ihn wiederhaben, und so rannte Beethoven
auf der Böslauerstraße meilenweit seinem Hute nach. Schweißtriefend,
zerzaust, atemlos und beschmutzt hielt man ihn in der Wiener Neustadt
als »Lump« auf und nur dank seiner Bekanntschaft mit dem Bürgermeister
Meißner konnte man ihn aus den Händen der Polizei befreien. Aber seinen
Hut hatte er wieder.
Als ihm einst sein Freund Breuning mitteilte, ein Quartett hätte nicht
gefallen, antwortete er: »Wird ihnen schon einmal gefallen.« Nach
der Schlacht bei Jena bemerkt er über Napoleon: »Schade, daß ich die
Kriegskunst nicht so verstehe, wie die Tonkunst, ich würde ihn doch
besiegen.«
[Illustration: Beethovens Sterbehaus in Wien.]
Seinen größten Spaß hatte er, wenn man ihn auf die grammatikalischen
Fehler aufmerksam machte, die sich in seinen Werken fanden. »Ich sage,
es ist recht,« meinte er dann. Man entgegnete wohl: »Diese Schreibart
ist fehlerhaft und nicht erlaubt,« und Beethoven erwiderte: »Nun, so
erlaube ~ich~ es.«
Er war kein seßhafter Mieter; es duldete ihn nirgends lange; er fühlte
sich überall ungemütlich. In fünfunddreißig Jahren wechselte er seine
Wohnung vielleicht fünfunddreißigmal. Mit den Wiener Hausmeistern
stand er fast immer auf dem Kriegsfuße. Er studierte beständig die
Wohnungszettel an den Haustoren, um gleich ein neues Heim zu haben,
wenn ihm das alte nicht mehr behagte. Und da er in seiner Stube
trommelte und übermäßig brüllte und, seit sein Gehör schlecht geworden
war, förmliche Kanonaden am Klavier losließ, da er ferner bei seinen
Waschungen solche Überschwemmungen anrichtete, daß das Wasser durch die
Fußbodenritzen sickerte, war jedes Haus wieder froh, ihn loszuwerden.
Er wohnte immer im höchsten Stockwerk. Sein Zimmer sah sehr wüst aus
und ungemütlich; überall lagen Papiere umher und Kleidungsstücke;
Koffer standen herum; im übrigen waren die Wände kahl, und es befand
sich kaum ein Stuhl im Zimmer. Er trug einen dunklen, langhaarigen,
alten Rock, in dem er wie Robinson Crusoe aussah, und in sein Gesicht
hing das zottige, pechschwarze Haar. Sein Kopf konnte zuweilen für den
eines Jupiter gelten, obwohl er nicht schön war. Beethoven wußte das.
»Nun kannst Du mir helfen, eine Frau suchen,« schreibt er einmal einem
Freunde; »schön muß sie aber sein, nicht Schönes kann ich nicht lieben
-- sonst müßte ich mich selbst lieben.«
Er war auch ein großer Tierfreund. Wenn er zum Beispiel sah, daß
kleine Jungen auf Schmetterlinge Jagd machten, verscheuchte er immer
die Kinder oder verhinderte sie sonst am Fangen der Sommervögel.
Dieser Zug hing mit seiner großen Liebe zur Natur zusammen und mit
seiner Sehnsucht, allen lebendigen Geschöpfen die Freiheit zu geben.
In großartiger Weise hat er beides in seiner sechsten Symphonie zum
Ausdruck gebracht, der sogenannten »Pastorale«, in der das freie
Landleben in der Natur seine höchste Verherrlichung erfahren hat.
Interessant war seine Freundschaft zum Hofsekretär Zmeskall von
Domanovecz durch die äußerst drolligen Briefe, die Beethoven ihm
schrieb und von denen wir ein paar zum besten geben wollen, weil sie
uns Beethoven auch von der humorvollen Seite zeigen.
I.
»An seine Hochwohl--wohl--wohlgeboren den Herrn von Zmeskall,
Kaiserlicher und Königlicher wie auch Königlicher Kaiserlicher
Hofsekretair, Seine Hochwohlgeboren, sowie des Herrn von Zmeskall
Zmeskalität haben die Gewogenheit, zu bestimmen, wo man sie morgen
sprechen kann. Wir sind Ihnen ganz verflucht ergeben.
B.«
II.
»Liebster Baron Dreckfahrer!
+Je vous suis bien obligé pour votre faiblesse des vos yeux+ --
übrigens verbitte ich mir inskünftige, mir meinen frohen Mut, den
ich zuweilen habe, nicht zu nehmen, denn gestern durch Ihr Zmeskall
Domanoveczisches Geschwätz bin ich ganz traurig geworden. Hol' Sie der
Teufel, ich mag nichts von Ihrer ganzen Moral wissen; ~Kraft~ ist die
Moral der Menschen, die sich vor anderen auszeichnen, und wenn Sie mir
heute wieder anfangen, so plage ich Sie so sehr, bis Sie alles gut und
löblich finden, was ich tue. Adieu Baron, Ba...ron ron, nor, orn, rno,
onr.«
III.
»Verfluchter eingeladener Domanetz -- nicht Musikgraf, sondern
Freßgraf, Dinergraf, Soupergraf etc. -- Kommen Sie, wenn Sie der
Kanzleigefängniswärter entwischen läßt. Ich esse heute zu Hause
des besseren Weines halber. Wenn Sie sich bestellen, was Sie haben
wollen, so wäre mir's lieb, wenn Sie auch zu mir kommen wollten, den
Wein bekommen Sie gratis und zwar besser wie in dem hundsföttischen
›Schwanen‹. Ihr kleinster Beethoven.«
IV.
»Geliebtester +Conte di Musica+! Wohl bekomme Euch der Schlaf,
und auf heute wünschen wir Euch einen guten Appetit und eine gute
Verdauung. Das ist alles, was dem Menschen zum Leben nötig ist, und
doch müssen wir das alles so teuer bezahlen. -- Darum sind wir, Euer
gnädigster Herr, gezwungen, uns herabzulassen und Euch zu bitten um
ein Darlehen von fünf Gulden, welches wir Euch binnen einigen Tagen
wieder zufließen lassen werden. Lebt wohl, geliebtester +musico+
und +conte di musica+. Euer wohlaffektionierter Beethoven.
Gegeben in unserem Komponier-Kabinett.«