Die kleinen Häuschen, die dicht beieinander unmittelbar in den

Kanälen standen, wunderten ihn. Und täglich erweitert er durch neue

Spaziergänge seine Kenntnis der Stadt. Er kaufte sich einen Plan,

studierte ihn gründlich und bestieg zunächst den Markusturm, der noch

mehr als hundert Jahre stehenbleiben sollte, dann 1903 einstürzte

und nun wieder neu aufgebaut ist. Seinen Augen bot sich ein einziges

Schauspiel. Zu seinen Füßen lag die märchenschöne Stadt mit ihren

schimmernden Palästen und das weite blaue Meer, auf dem Galeeren

und Fregatten, Segler und Gondeln wie kleine Nußschalen hin und her

wimmelten.

An einem Sonntag ärgerte er sich über den Kehricht, der in allen Gassen

lag. »Die Leute schieben den Kehrig in die Ecken; auch sehe ich große

Schiffe hin und wieder fahren, die an manchen Orten stilliegen und

das Kehrig mitnehmen, Leute von den Inseln umher, welche des Düngers

bedürfen; aber es ist in diesen Anstalten weder Folge noch Strenge, und

desto unverzeihlicher die Unreinlichkeit der Stadt.«

Andere Anordnungen, insbesondere architektonische Verzierungen des

Straßenpflasters, gefallen ihm so gut, daß er gleich einige Skizzen

davon entwirft. »So hat man immer Trieb und Lust, vor fremden Türen zu

kehren.«

In der Carità bewundert er Palladios Baukunst. In der Kirche Il

Redentore, ebenfalls ein Bauwerk Palladios, bewundert er besonders die

breiten goldgestickten Ranken und Laubwerke. Aber bei näherem Zusehen

fand er sich betrogen. »Alles, was ich für Gold gehalten hatte, war

breitgedrücktes Stroh, auf Papier geklebt, der Grund mit lebhaften

Farben angestrichen, und das so mannigfaltig und geschmackvoll,

daß dieser Spaß, dessen Material gar nichts wert war, und der

wahrscheinlich im Kloster selbst ausgeführt wurde, mehrere tausend

Taler müßte gekostet haben, wenn er echt hätte sein sollen. Man könnte

es gelegentlich wohl nachahmen.«

An den Opernvorstellungen, die er mehrfach besuchte, fand er

keinen rechten Genuß; das Ballett war von »elender Erfindung« und

wurde ausgepfiffen. Im Dogenpalast wohnt er einer öffentlichen

Rechtsverhandlung bei, die ihn stark in Atem hält. Auch gefiel ihm die

ganze Art der Prozeßführung, die er ausführlich beschreibt, besser,

»als unsere Stuben- und Kanzleihockereien.«

In einem weiten Saale des Palastes saßen an der einen Seite die

Richter im Halbkreis. Ihnen gegenüber, auf einem Katheder, der mehrere

Personen fassen konnte, befanden sich die Advokaten beider Parteien;

vor ihnen auf einer Bank Kläger und Beklagte. Ein dürres Schreiberlein,

in schwarzem, kümmerlichem Rocke, hielt ein dickes Heft in der Hand,

um daraus vorzulesen. Der Saal war von Zuschauern und Zuschauerinnen

gedrängt voll. Der Streit war sehr wichtig, denn er ging gegen die

Gemahlin des Dogen, die in eigener Person auf dem Anklagebänkchen hatte

Platz nehmen müssen. Hinter einem kleinen Tische saß auf einem niederen

Schemel ein Männchen, das eine Sanduhr in der Hand hielt. Solange

nämlich der Schreiber las, wurde die dafür aufgewendete Zeit nicht

gerechnet, sobald aber ein Advokat zu sprechen begann, dem nur eine

gewisse Zeit zur Verteidigung eingeräumt war, ließ das Männchen die

Sanduhr laufen, die es sofort wieder umkippte, sobald der Schreiber

oder sonst eine Person etwas zwischendurch sprach oder einzuwerfen

hatte.

Die Komödie gefiel Goethe ausgezeichnet; sowohl die Gerichtskomödie,

in der man dem Verteidiger die Zeit so kärglich zumaß, daß er gar

nicht daran denken konnte, den Angeklagten würdig zu verteidigen, als

auch die wirkliche Komödie, wo Goethe zunächst ein Maskenstück sah. Es

unterhielt ihn mit »unglaublicher Abwechslung« mehr als drei Stunden;

am meisten amüsierte ihn aber das Publikum. »Die Zuschauer spielen mit,

und die Menge verschmilzt mit dem Theater in ein Ganzes. Den Tag über

auf dem Platz und am Ufer, auf den Gondeln und im Palast, der Käufer

und Verkäufer, der Bettler, der Schiffer, die Nachbarin, der Advokat

und sein Gegner, alles lebt und treibt und läßt es sich angelegen sein,

spricht und beteuert, schreit und bietet aus, singt und spielt, flucht

und lärmt. Und abends gehen sie ins Theater und sehen und hören das

Leben ihres Tags, künstlich zusammengestellt, artiger aufgestutzt, mit

Märchen durchflochten, durch Masken von der Wirklichkeit abgerückt,

durch Sitten genähert. Hierüber freuen sie sich kindisch, schreien

wieder, klatschen und lärmen. Von Tag zu Nacht, ja von Mitternacht zu

Mitternacht ist immer alles eben dasselbe.«

Ein andermal ergötzt ihn wieder in einem Stück von Goldoni die Komödie

sowohl, als auch die ausgelassene Heiterkeit des Publikums. Es war ein

Gelächter und Gejauchze im Theater von Anfang bis zu Ende.

Die Venetianer feierten gewöhnlich in den ersten Tagen des Oktober

einen alten Sieg über die Türken. Das Fest wurde durch ein Hochamt

eingeleitet, dem auch Goethe beiwohnte. Er sah die vergoldeten Barken

an dem kleinen Platze vor der Kirche der heiligen Justina landen, die

die Fürsten und einen Teil des Adels brachten. Er sah, wie sich seltsam

gekleidete Schiffer mit rotgemalten Rudern vorwärts bemühten. Am Ufer

harrte die Geistlichkeit; die Bruderschaften mit angezündeten Kerzen,

die sie auf Stangen und tragbaren silbernen Leuchtern trugen, drängten

und wogten durcheinander; mit Teppichen beschlagene Holzbrückchen

wurden aus den Gondeln und Barken herausgereicht, um das Aussteigen

zu erleichtern. Zuerst kamen die Savj, die vornehmsten Ratsherren mit

ihren langen violetten Kleidern, dann die Senatoren in ihren langen

scharlachroten Gewändern. Zuletzt kam der Älteste mit einer goldenen

phrygischen Mütze geschmückt. Er trug einen langen goldenen Talar und

den Hermelinmantel. Drei Diener trugen seine Schleppe. Und dies ganze

bunte Schauspiel spielte sich auf dem kleinen Platze vor der Kirche

ab, vor deren Türen geschmückte Herolde die erbeuteten Türkenfahnen

hielten. »Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viel Freude

gemacht. Bei uns, wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die

größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter

begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein.« Der Doge, ein schön

gewachsener, krank aussehender Mann, hielt sich recht würdevoll und

sah aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts. Die Kleidung stand

ihm sehr gut, und das feine und durchsichtige Käppchen, das er unter

der Mütze trug, bedeckte blütenweißes Haar. Fünfzig Nobili, in langen

dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm; schöne große Männer mit

ausdrucksvollen Köpfen, auf denen sie blonde Lockenperücken trugen, mit

klugen, weißen, ruhigen und selbstsicheren Gesichtern.

An einem anderen Abend bestellte Goethe sich den famosen Gesang der

Fischer, die ihm nach ihren eigenen Melodien etwas von Tasso und

Ariost vorsingen mußten. Bei Mondschein bestieg er eine Gondel, einen

Sänger vorn und einen hinten, die abwechselnd sangen. Sie ließen ihre

Stimmen laut in die Nacht hinausschallen, aufs Meer hinaus, wo der

Wind sie weitertrug. In der Ferne vernimmt ein anderer Schiffer, der

die Melodie kennt, den Gesang, und antwortet mit der nächsten Strophe

des Textes. Dann erwidert der erste wieder, und so ist immer einer

das Echo des anderen. Die ganze Nacht hindurch geht der Gesang, ohne

daß die rudernden Schiffer ermüden würden. Am Ufer der Giudecca stieg

Goethe aus und ging am Kanal entlang, um den Genuß des Singens in der

Nähe und des Erwiderns in der Ferne tiefer auskosten zu können. Der

Gesang war so klagend und melancholisch und so ans Herz greifend,

daß Goethe bis zu Tränen gerührt wurde. Ein Schiffer riet ihm, daß

er sich die singenden Schifferfrauen vom Lido anhören möchte; sie

hätten die Gewohnheit, wenn ihre Männer ins Meer hinausruderten, um

zu fischen, sich ans Ufer zu setzen und mit durchdringender Stimme

abends Gesänge erschallen zu lassen, bis sie von fern die Stimmen ihrer

Männer vernähmen. Auf diese Weise unterhielten sie sich, seien nicht

beieinander und doch beieinander. Es sei, als ob ein Einsamer und

Verlassener in der Ferne sehnsüchtig klage und darauf warte, daß ihn

ein Gleichgestimmter vernehme und ihm antworte.

Die Gemälde von Veronese, Tizian, Bellini, Giorgione, Tintoretto und

anderen großen Malern erwecken Goethes ganze Feuerbegeisterung.

Aber es zieht ihn immer wieder hinaus zum Lido, zum Meere, wo er

stundenlang liegen und Ebbe und Flut beobachten kann. Der Strand

ist so sehr von Muscheln besät, daß er sich um ihretwillen Kinder

herbeiwünscht, die sich daran erfreuen könnten. Aber da keine Kinder

in der Nähe sind, füllt er sich selber die Taschen damit an. Besonders

gern sieht er aber den Taschenkrebsen zu, die während der Flut an

den Strand gespült werden und nun in ihre salzige Flut nicht mehr

zurückkommen. Es wimmelt und krabbelt dann besinnungslos durcheinander,

denn auf dem Trockenen bleiben, bedeutet so viel wie den Tod. Das Meer

weicht aber immer mehr zurück, die Sonne sticht und trocknet rasch,

und nun heißt es ebenso rasch ins Meer zurückwandern. Bei dieser

Gelegenheit suchen die Taschenkrebse ihren Raub. »Wunderlicher und

komischer kann man nichts sehen, als die Gebärden dieser aus einem

runden Körper und zwei langen Scheren bestehenden Geschöpfe; denn die

übrigen Spinnenfüße sind nicht bemerklich. Wie auf stelzenartigen Armen

schreiten sie einher und sobald eine Patelle sich unter ihrem Schild

vom Flecke bewegt, fahren sie zu, um die Schere in den schmalen Raum

zwischen der Schale und dem Boden zu stecken, das Dach umzukehren und

die Auster zu verschmausen. Die Patelle zieht sachte ihren Weg dahin,

saugt sich aber gleich fest an dem Stein, sobald sie die Nähe des

Feindes merkt. Dieser gebärdet sich nun wunderlich um das Dächelchen

herum, gar zierlich und affenähnlich; aber ihm fehlt die Kraft, den

mächtigen Muskel des weichen Tierchens zu überwältigen; er leistet auf

diese Beute Verzicht, eilt auf eine andere wandernde los, und die erste

setzt ihren Zug sachte fort. Ich habe nicht gesehen, daß irgendein

Taschenkrebs zu seinem Zwecke gelangt wäre, obgleich ich den Rückzug

dieses Gewimmels stundenlang beobachtet habe.«

Man sieht, Goethe war in Venedig nicht müßig; mit allen Sinnen nahm er

das neue wundervolle Bild dieser märchenumrankten Stadt in sich auf, so

daß man ihm wohl glauben kann, wenn er schließlich bei seiner Abreise

sagt: »Ich habe gut aufgeladen und trage das reiche, sonderbare,

einzige Bild mit mir fort.«

Beethoven.

Durch die Straßen von Paris heulte das Volk. Waffen blitzten, drohende

Fäuste reckten sich in die Höhe. Wüste Schädel, scheußliche Fratzen,

fanatische Köpfe tauchten auf. Die Bastille wurde gestürmt, und bald

darauf wurde die Guillotine in Tätigkeit gesetzt. Menschenbeladene

Karren rasselten zum Richtplatz hin. Die blutige, rachedurstige

Freiheitsgöttin johlte aufwieglerisch in den Gassen. Die große

furchtbare Revolution war ausgebrochen, die mit den Strömen roten

Blutes die der Menschheit so lange Jahre angetane Schmach wegspülen

wollte, und der Schrei nach Freiheit stieg tausendstimmig zum Himmel

empor.

Und schon war der Mann da, der alsbald all die neuerwachten Kräfte

Frankreichs in seiner Hand vereinigte und sich zum neuen Schicksal

des Volkes aufwarf. Er eilte von den Pyramiden herbei, durchmaß in

rasenden Märschen Italien und eroberte seiner Republik in drei Jahren

halb Europa. Schon war Bonaparte Konsul und nicht lange darauf und

er war der Kaiser Napoleon. Jetzt mochte Österreich sich wehren,

mochte Preußen sich erheben, mochte selbst Rußland sich rühren. Dieses

Schicksal, das unter dem Namen Napoleon auftrat, schien unbesiegbar

zu sein. Kalt und erzen stand er in Europas Mitte. Ein Wink seiner

Hand entschied Riesenschlachten. Ein Blick seiner Augen entschied über

das Schicksal zweier Nationen. Alles, alles fraß dieser Moloch; ganze

Völker fielen seiner Gier zum Opfer. Seit den Cäsaren Roms war so

unerhörte Größe nicht mehr gesehen worden.

Und Deutschland hatte am schlimmsten darunter zu leiden. Ganz

Deutschland war von den Armeen des Weltherrschers umzingelt. Ganz

Deutschland wogte in Donner und Dampf und wenn der Rauch sich verzog,

sah man neue entsetzliche Leichenfelder. Man schickte Greise in den

Krieg, Knaben griffen zu den Waffen. Es nützte alles nichts. Jungfrauen

zogen auf die Schlachtfelder, um zu heilen und zu helfen. Es nützte

alles nichts. Für Deutschland war die Zeit der Befreiung noch nicht

gekommen. Das Deutsche Reich war infolge der überkommenen Uneinigkeit

der deutschen Fürsten zersplittert. Was aber der Gegner nicht besaß,

und was Deutschland noch retten konnte und mußte, das war der deutsche

Geist. Fichte in seinen Reden an die deutsche Nation und Schiller

erinnerten mit flammenden Worten daran, daß es galt, die heiligsten

Güter zu verteidigen. Deutschland stellte der großen ~Kraft~

Frankreichs seinen großen ~Geist~ entgegen: ~Goethe~, der den

Weltenbezwinger Napoleon zur Hochachtung zwingt, und ~Beethoven~,

den gewaltigsten Gestalter der Erde, Beethoven, der das Tonreich neu

gestaltete, neu eroberte und der den Schlachtendonner Napoleons noch

übertönte durch seine vom Himmel herabgeholten Gewitter.

* * * * *

Wir können den Namen Beethoven bis ins siebzehnte Jahrhundert

zurückverfolgen, wo in Antwerpen ein Weinhändler namens Wilhelm van

Beethoven gelebt hat, der Ur-Urgroßvater unseres Ludwig. Wilhelms

Sohn, Heinrich Adelard war Schneider und Vater von rund einem Dutzend

Kindern. Eins davon, Louis, der heimlich von Hause durchgebrannt

war, wurde ein wandernder Musikant, bis er 1733 am Hofe des Bonner

Kurfürsten eine feste Stellung als Bassist erlangte. Er avancierte bis

zum erzbischöflich kurfürstlichen Kapellmeister, in welcher Stellung

er in seiner goldgestickten, zinnoberroten Uniform eine recht gute

Figur machte. Doch hatte er sich, um seine Einkünfte zu vermehren,

nebenbei einen kleinen Weinhandel zugelegt, der ihm aber nur Unglück

bringen sollte. Sowohl seine Frau als auch der einzige Sohn Johann

verfielen dem Laster des Trunkes. Johann verstand sich sehr gut auf das

Weinproben, und diese Schwäche nahm so überhand, daß der ganze Haushalt

gestört und der Sohn schließlich sogar des Amtes entsetzt wurde. Der

Vater bestimmte seinen Sohn Johann auch für die Musik; aber der brachte

es nicht weiter als bis zum Tenoristen der Hofkapelle mit dreihundert

Taler Jahresgehalt.

Magdalena Kewerich aus Ehrenbreitstein, eine hübsche schlanke Person,

die als Kammerjungfer gedient hatte und schon mit neunzehn Jahren die

Witwe des kurtrierischen Leibkammerdieners Layen war, wurde 1763 Johann

van Beethovens Frau. Sie war die Tochter eines Kochs und vermögenslos;

und da die Heirat dem Vater durchaus nicht gefiel, trennten sich Vater

und Sohn. Am 17. Dezember 1770 entsprang dieser Ehe ~Ludwig van

Beethoven~.

[Illustration: Beethovens Geburtshaus in Bonn.]

Aber da Ludwig noch mehrere Geschwister hatte, herrschte im Hause

Mangel und Not. Anfangs hatte der wohlhabende Großvater Louis, an

dem Ludwig mit aller Innigkeit hing, nachgeholfen, trotzdem er wegen

der Heirat noch erzürnt war. Aber er starb schon, als Ludwig erst

drei Jahre alt war. Als die Bedrängnis immer größer wurde, machte der

Vater mehrere Gesuche um Gehaltsaufbesserung, die aber abschlägig

beschieden wurden, weil seine Führung nicht die beste war. Oft mußte

der herangewachsene Ludwig seinen trunkenen Vater auf offener Straße

aus den Händen der Polizei befreien und man begreift, wie diese

schmerzlichen Vorfälle sich dem Gedächtnisse des jungen Beethoven

eingruben und ihn allmählich verschlossen und trotzig machten. Er litt

zweifellos unter der Trunksucht des Vaters, über den er trotzdem nie

ein hartes Wort äußerte, noch auch eine abfällige Bemerkung seitens

eines Dritten je geduldet hätte.

Infolge dieser Zustände wurden die Verhältnisse im Elternhause immer

mehr zerrüttet; die Erbschaft wurde von den Krankheiten der Kinder

und dem Wein bald verschlungen, so daß Glas- und Porzellanschränke,

Silberservice und Leinwand hintereinander zum Trödler wandern mußten.

Die Erziehung und Ausbildung, die der junge Beethoven erhielt, war

deshalb sehr ungeordnet und mangelhaft. Der Vater war, um seine Not zu

vergessen, meist trunken und in der Trunkenheit despotisch, und obwohl

die Mutter große Geduld an den Tag legte, wurde der Knabe scheu und in

sich gekehrt.

Aber dieser Knabe wurde zugleich auch der gute Stern an dem trüben

Himmel des Elternhauses, sobald der Vater erst einmal das Talent seines

Sohnes entdeckt hatte, der später die ganze Familie vom Untergang

erretten sollte.

So oft der Vater am Klavier saß und sang, horchte der Knabe aufmerksam

zu und versuchte die Melodie nachzuspielen, so daß ihm der Vater

schon im fünften Lebensjahre Unterricht im Klavier- und Violinspiel

erteilte. Und eines Tages verfiel der Vater auf die Idee, seinen Sohn

zu einem Wunderkinde zu machen und mit ihm umherzuziehen, um Geld zu

verdienen. Nun begannen harte Tage für den jungen Ludwig, der oft vom

Spiel mit den Kindern weggeholt wurde, um seine Aufgaben zu üben.

Kein Weinen half ihm; mit unerbittlicher Strenge und mit reichlichen

Prügeln verfolgte der Vater sein Ziel und eines Tages kündigte er in

einer Kölner Zeitung an, daß am 26. März -- der wurde auch Beethovens

Todestag! -- 1778 sein Söhnchen »von sechs Jahren mit verschiedenen

Klavierkonzerten die Ehre haben werde aufzuwarten, wo er allen hohen

Herrschaften ein völliges Vergnügen zu leisten sich schmeichle, um so

mehr, da er zum größten Vergnügen des ganzen Hofes sich hören zu lassen

die Gnade gehabt habe«.

Der Knabe wurde also, damit das Wunder größer sei, um ein Jahr jünger

gemacht; Beethoven glaubte aber nie, daß es nur eine absichtliche

falsche Angabe sei.

Des jungen Beethovens Schule war hauptsächlich die Not. Außer dem

Vater unterrichtete ihn ein Jahr lang der Sänger Tobias Pfeiffer, der

bei Beethovens in Kost und Logis war und das Klavierspiel vollkommen

beherrschte. Noch in späteren Jahren hat Beethoven diesem seinem

Lehrer von Wien aus oft Unterstützungen zukommen lassen, obwohl

ihn der Unterricht zuweilen um alle Kindheitsfreude und oft um den

Schlaf gebracht hatte. Denn oft, wenn der Vater und Pfeiffer nachts

zusammen aus dem Wirtshaus kamen, wurde der kleine Ludwig aus dem Bett

geholt und bis zum Morgen am Klavier festgehalten. Der Erfolg dieser

spartanischen Erziehung zur Musik war immerhin so groß, daß die Leute

vor den Fenstern stehnblieben, wenn Pfeiffer und der kleine Beethoven

zusammen »variierten«.

Im Jahre 1781 finden wir den zehnjährigen Ludwig mit seiner Mutter auf

einer Reise nach Holland, wo er in vornehmen Häusern spielte und die

Leute durch seine Fertigkeit in Erstaunen setzte. Aber die Einnahmen

müssen auf dieser Reise nicht groß gewesen sein, denn Beethoven sagte

später: »Die Holländer, das sind Pfennigfuchser; ich werde Holland

nimmermehr besuchen.«

Inzwischen erlernte Beethoven im Franziskanerkloster auch das

Orgelspiel, das er bald so weit beherrschte, daß er beim Gottesdienst

als Gehilfe verwendet werden konnte. Sein Lehrer in dieser Kunst war

erst der Hoforganist van den Eeden und dann dessen Nachfolger, der

feine Musiker Christian Gottlob Neefe, der einen bedeutenden Einfluß

auf das Kompositionstalent Beethovens ausgeübt hat. Schon 1782 konnte

er den elfjährigen Knaben fest anstellen und ihm so die Anwartschaft

auf die Hoforganistenstelle selbst verschaffen. Die Hauptgrundlage

des Unterrichts, den Beethoven von Neefe empfing, war Bachs

wohltemperiertes Klavier.

Inzwischen fiel Beethovens Improvisationstalent immer mehr auf,

und er selbst versuchte schon, wenn er sich ans Klavier setzte,

um zu phantasieren, bestimmte Empfindungen, bestimmte Bilder und

Menschen durch die Töne zu charakterisieren. Mit zwölf Jahren entwarf

er die entzückenden »Bagatellen« fürs Klavier, die er später als

op. 33 herausgegeben hat, und dreizehn Jahre alt, ließ er einige

Klaviersonaten drucken, die er dem Kurfürsten gewidmet hatte. Um diese

Zeit leitete er auch bereits, wenn Neefe verhindert war, die Proben im

Theater, und er machte sich sogar einmal den Spaß, den sehr tonfesten,

kurfürstlichen Sänger Heller während des Gottesdienstes durch kühne

Abschweifung bei der Begleitung ganz aus dem Konzept zu bringen. Der

Kurfürst verbat sich freilich solche »Geniestreiche«; er war aber von

der außerordentlichen Begabung des jungen Beethoven, der inzwischen

Cembalist und Bratschist am kurfürstlichen Orchester geworden war, sehr

überrascht.

Solche Erfahrungen veranlaßten nun seine Gönner, ihn einem allerersten

Meister in Unterricht zu geben, und 1787 finden wir denn auch den

Bonner Hoforganisten Beethoven als Mozarts Schüler in Wien. Mozart

läßt sich etwas von Beethoven vorspielen, bleibt aber anfangs kühl bis

ans Herz, weil er es für ein einstudiertes Paradestück hält. Als ihn

Beethoven aber um ein Thema zum Phantasieren bittet, »phantasiert« er

denn so, daß Mozart denen, die im Nebenzimmer zuhören, zuruft: »Auf den

gebt acht, der wird einmal in der Welt von sich reden machen.«

Trotz dieser Meinung wurde es nicht viel mit dem Unterricht. Mozart

war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten und mit der Komposition

des »Don Juan« beschäftigt. Zudem kam noch, daß die Mutter Beethovens

heftig erkrankte, so daß er schon nach wenigen Wochen Wien verließ,

um zur geliebten Mutter zu eilen, die bald darauf, vierzig Jahre alt,

starb.

»Sie war mir eine so gute, liebenswürdige Mutter,« schreibt er in einem

Briefe bald darauf, nachdem sie gestorben war; »sie war meine beste

Freundin. O wer war glücklicher als ich, da ich noch den süßen Namen

›Mutter‹ aussprechen konnte! Und er wurde gehört, und wem kann ich ihn

jetzt sagen?«

Mit dem Tode der Mutter nahm die Trunksucht des Vaters immer mehr

zu, so daß er seine Stimme verlor und bald darauf seines Amtes

entsetzt wurde. Beethoven mußte nun beim Hofamte bitten, die Hälfte

des väterlichen Gehalts ihm als Erziehungsbeitrag für seine jüngeren

Geschwister anzuweisen. Nun fühlte sich Beethoven noch vereinsamter als

früher.

Eine zweite Mutter fand er in der Nachbarswitwe Frau von Breuning,

zu deren Kindern er als Klavierlehrer kam. In diesem Hause, in dem

er nicht nur den größten Teil des Tages, sondern auch manche Nacht

zubrachte, wurde er als eigenes Kind behandelt. Hier hat er die erste

Bekanntschaft mit der deutschen Literatur gemacht, sowie seinen ersten

gesellschaftlichen Schliff erhalten.

Neben diesem Hause ist noch der Graf Waldstein zu nennen, dem die

Sonate +op.+ 53 gewidmet ist. Der Graf ahnte das Genie Beethovens,

mit dem er befreundet war und hat ihm manche Geldunterstützung zuteil

werden lassen, die er als Gratifikation vom Kurfürsten ausgab, um

Beethovens Reizbarkeit zu schonen. Graf Waldstein schickte Beethoven

wieder nach Wien, damit er dort bei Haydn die letzte Schulung

erhalte. Der Kurfürst unterstützte Beethoven ebenfalls, der nun mit

hochgeschwellten Empfindungen im November 1792 nach Wien reist, das

damals für Musik die maßgebendste Stadt war. Nach den Stunden bei

Haydn, die Beethoven mit je acht Groschen, sowie Kaffee oder Schokolade

honorierte, verwarf Beethoven alles, was er bis dahin komponiert hatte.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 13 / 18 段