Inzwischen hatte in Frankreich Rousseau, der ebenfalls ein

leidenschaftlicher und bahnbrechender Botaniker war, aufs

eindringlichste dahin gewirkt, daß an Stelle der Linnéschen

Klassenunterschiede die Ordnung der Natur zu ihrem Rechte komme. Goethe

zögerte nicht lange, die neue Ordnung in seinem Weimarer Berggarten

aufzunehmen, und der gegenwärtige Goethesche Garten zeigt noch heute

dieselbe ursprüngliche Anordnung in vier geradlinige, rechteckige

Beete, die von Buchskanten, alten Rosenstöcken, Geißblatt und anderen

Schlingpflanzen eingefaßt sind. In der Mitte befinden sich zwei

kreisrunde Rabatten, sowie ein schöner Laubengang, der von einer

Kornelkirschhecke gebildet wird; prächtige alte Bäume wachsen darin;

Blutbuchen, Kastanien, Eschen, Robinien.

Goethe wandte sich nun vorzugsweise der ~Physiologie~ der Pflanzen

zu; er studiert zunächst die Wirkung des Lichtes auf die Pflanze. Im

Sommer 1796 läßt er sich Glastafeln anfertigen aus gelbem, blauem und

violettem Glas; diese Gläser läßt er in Rahmen fassen, und die Rahmen

legt er auf Holzkästchen, die bis zur Hälfte mit Erde angefüllt sind,

in welcher die verschiedensten Samen ruhen, die gut gepflegt und zur

Entwicklung gebracht werden.

Fast jeden Tag hob Goethe die Glastafeln auf, um zu kontrollieren, ob

die Farbe der Gläser auf das Wachstum der Pflanzen von Einfluß sei.

Dann untersuchte er, wie sich Pflanzen entwickeln, denen man das Licht

entzieht. Zu dem Zwecke ließ er in einem leeren Gewächshause eine

Menge verschiedener Blumensamen in die Erde aussäen und das Haus durch

Läden verfinstern. Herder hatte die irrige Meinung, die Keime würden

sich ohne Licht überhaupt nicht entwickeln; die Zukunft belehrte ihn

aber, daß die Keime sich wohl entwickelt hatten, daß die Blättchen aber

klein und blaßgrün geblieben waren. Aber sobald Goethe im Juli die

Läden fortnehmen ließ, gewannen die weißlichen Blättchen bald wieder

ihre gesunde grüne Farbe zurück.

In einer klaren Juninacht ging Goethe einmal in seinem Garten auf

und ab und beobachtete plötzlich auf den Blumen des roten Mohns ein

flammenähnliches Aufblitzen. Goethe stellte fest, daß es sich dabei

nicht um ein wirkliches Aufleuchten, sondern nur um eine besondere

Farbenerscheinung handelte.

So war er unablässig bemüht, neue Beispiele des Bildens und Umbildens

der Pflanzen zu sammeln; besonders förderte ihn sein Verhältnis zur

Universität Jena, deren Kurator er war. Unter Goethes wohlwollender,

geschäftskundiger und intelligenter Leitung führte er mit den

bescheidensten Mitteln eine Blüte dieser Hochschule herbei, die

ohnegleichen war. Er gründete Bibliotheken, Institute und Sammlungen

und legte einen botanischen Garten und ein Museum an. So oft er in

Jena war, bewohnte er das schlichte Gartenhaus, dessen einfache

Zimmereinrichtung der moderne verwöhnte Mensch nicht ohne Rührung

betrachtet.

Hier knüpfte Goethe auch Beziehungen zu dem achtundzwanzigjährigen

Alexander von Humboldt an, der sich vor seiner großen amerikanischen

Reise lange in Jena aufhielt. »Meine naturhistorischen Arbeiten sind

durch Humboldts Gegenwart aus dem Winterschlaf geweckt,« schreibt

Goethe an Knebel. Und an Humboldt selbst: »Es waren die schönsten Jahre

meines Lebens, wo ich in Ihrer Nähe Ihres wohltätig begeisternden

Einflusses genoß.« Zu Eckermann sagte Goethe: »Was persönlicher

Gedankenaustausch fördert, empfinde ich, wenn Männer wie Humboldt hier

durchkommen, und mich in dem, was ich suche und was mir zu wissen nötig

ist, in einem Tage weiterbringen, als ich sonst auf meinem einsamen

Wege in Jahren nicht erreicht hätte.«

Goethes Idee der Metamorphose der Pflanzen, die darauf beruhte, daß

der Bauplan der Pflanze unendlich einfach sei, insofern sie immer nur

ein- und dasselbe Organ in den verschiedensten Formen entwickelt,

diese Idee ist heute selbstverständliches Gemeingut der Wissenschaft

geworden, und man hat darüber vergessen, wie viele jahrelange Kämpfe es

Goethe gekostet hat, sie durchzusetzen. Erst der fast siebzigjährige

Forscher kann rückblickend sagen: »Mir ist ein erwünschtes Los

gefallen. Jünglinge gelangten auf den Weg, dessen ich mich erfreue,

teils veranlaßt durch meine Vorübung, teils auf der Bahn, wie sie

der Zeitgeist eröffnet. Stockung und Hemmnis sind nunmehr kaum zu

befürchten; eher vielleicht Voreiligkeit und Übertreibung, als

Krebsgang und Stillstand. In so guten Tagen, die ich dankbar genieße,

erinnert man sich kaum jener beschränkten Zeit, wo meinen ersten

Bestrebungen niemand zu Hilfe kam.«

Und noch immer läßt er nicht ab, alles, was ihm im Leben der Pflanzen

als bemerkenswert auffällt, aufzuzeichnen. Mit herzlicher Freude

vernimmt er, daß ein botanischer Freund einem der edelsten Bäume des

brasilianischen Urwaldes den Namen »Goethea« gegeben.

Doch nun kommen die Jahre, in denen er sich müde fühlt, dem Wanderer

gleich, der still ausruht und die rüstige Jugend an sich vorbeiziehen

läßt, um neue Länder zu entdecken und unbebaute Felder der Wissenschaft

urbar zu machen. »Es ist das höchste Glück des Menschen, das

Erforschbare erforscht zu haben und das Unerforschte in Ehrfurcht zu

genießen.«

* * * * *

Wie sehr Goethe seine ~poetischen~ Werke mit Gleichnissen aus der

Pflanzenwelt geschmückt hat, ist zu bekannt, als daß man es besonders

hervorheben müßte; aber wir wissen jetzt, daß er diese Symbole aus

eigener Anschauung, gewissermaßen direkt aus den Händen der Natur,

empfangen hat, und wir wissen ferner, daß ihn seine botanischen Studien

gelehrt haben, die ganze Natur als ein ~einziges~ großes Reich

zu betrachten; er teilte sie nicht in drei Reiche. Für ihn gab es

nur ~ein~ Reich des Lebens, das von den einfachsten Anfängen in

unzähligen Zwischenstufen Schritt für Schritt sich zu den höchsten

Gestaltungen erhebt, überall denselben Gesetzen unterworfen. Keine

neuen Kräfte, keine ihrem Wesen nach verschiedene Tätigkeiten treten

auf. Der Baum des Lebens ist ein einziger und einheitlicher, der seine

Wurzeln in den Gebilden der ~Pflanzen~ ausbreitet, sich in den

Stämmen der ~Tiere~ zu immer vollkommeneren Formen erhebt und im

~Menschen~ die höchste Blüte entfaltet.

Worin -- habe ich mich oft gefragt -- besteht wohl die große und

tiefe Freude, die Feld und Wald uns bereiten? Ist diese Freude etwas

anderes als eine Ahnung der geheimnisvollen Beziehung, die zwischen dem

Menschen und der Pflanzenwelt besteht? Denn seit der Mensch auf der

Erde wandelt, hat er die Natur, die ihn umgibt, in sich aufgenommen

und für seine Vorstellungen auszubeuten gesucht. Der Mensch fing an,

die verschiedenen Pflanzengestaltungen zu prüfen, inwiefern die eine

mehr, die andere weniger das andeutete, was in seinem Inneren vorging.

Durch die Pflanzen, die er wählte, teilte er seine Gefühle mit. Die

weiße Lilie entsprach der Unschuld, das Leberblümchen dem Ärger, die

Klette bedeutete Anhänglichkeit, die Brennessel Bosheit, das Veilchen

Bescheidenheit, die Schlüsselblume Aufrichtigkeit, das Heidekraut

Einsamkeit, die Aster Kummer, der Lorbeer Ruhm, die Palme Sieg, die

Eiche Stärke und Ehre, der Wein Fröhlichkeit, die Ähre Fruchtbarkeit,

die Dornen Unglück, das Immergrün Hoffnung, die Rose Liebe, der

Rosmarin Tränen, die Zypresse den Tod usw. Man sprach durch Blumen, wie

die alten Ägypter sich durch Bilder verständigten.

Der Mensch erkannte die unzähligen innigen Beziehungen, die zwischen

Mensch und Pflanze herrschen, in bezug auf Wachstum, Klima, Nahrung,

Verdauung, Schlaf, Gefühl, Seele; in bezug auf Ironie und Grobheit,

Karikatur und Schönheit, Gefräßigkeit und Bescheidenheit, Parasiten-

und Schmarotzertum, Reichtum und Armut, Umgebung und Gesellschaft, Luft

und Wetter, Kost und Bekleidung, Persönlichkeit und Menge, Genialität

und Philisterium, Raffiniertheit und Intelligenz, Frechheit und Anmut.

Denn es gibt keinen Zustand, keine Daseinsform, die in der Pflanzenwelt

nicht ihre Verkörperung gefunden hätte.

Das ~Klima~ beeinflußt die Pflanzenwelt in dem gleichstarken Grade

wie den Menschen. In der heißen Zone leben die fast durchweg schlanken

und breitschulterigen nackten Menschen, im Norden Asiens die kleinen

verkümmerten Beringsvölker. Ebenso sprießt die Pflanzenwelt der heißen

Zone üppig und verschwenderisch, während die Flora der nördlichen

Breitengrade ein trauriges zwerghaftes Dasein fristet.

Wie die Pflanzen sind auch die Menschen entweder durch natürliche

~Grenzen~, durch Meere oder Hochgebirge voneinander getrennt,

oder sie gestatten von den Grenzen aus bei naher Berührung einen

gegenseitigen Austausch ihrer Bewohner. Wie im Pflanzenreiche leben im

Reiche der Menschen unter gleichem Himmel doch in scharfer Abgrenzung

und in gesonderten Staaten Menschen verschiedener Sprache und

Abstammung; aus der Verschmelzung mehrerer Urstämme ist eine gemischte

Bevölkerung hervorgegangen.

Pflanzen ~schlafen~ wie der Mensch, und der Schlaf ist ihnen

ebenso vorteilhaft und notwendig. Auch die Pflanze schützt sich vor

Erkältungen und vor dem Tod durch Erfrieren, indem sie in hellen,

kalten Nächten nicht die breite Fläche, sondern die scharfe Kante

dem Himmel zukehrt, um die Wärmeausstrahlung zu verhindern oder doch

zu vermindern. Die meisten Blumen begeben sich erst gegen Abend zur

Ruhe. Die Blüten ziehen sich eng zusammen, und die Blätter kehren ihre

Unterseite nach oben.

Man könnte die Blumen auch nach ihrem ~Dufte~ einteilen, der

ihre Seele ist. In der Tat ist der Duft das edelste Kunstwerk, das

die Pflanze in den tausend Tätigkeiten ihres Lebens hervorbringt. Der

Duft ist unerklärbar und unerforschlich wie die menschliche Seele, und

ebenso verschieden wie sie. Die Düfte sind die Gefühle der Blumen.

Und es gibt ~Grobiane~ in der Pflanzenwelt, die, angefaßt, einen

Geruch von sich geben, den man in guter Gesellschaft nicht näher

beschreiben möchte.

Man hat ferner ~Schmarotzerpflanzen~ beobachtet, die ausschließlich

von anderen Pflanzen leben und ihnen die Kräfte wegstehlen. Wie

Riesenschlangen greifen sie die mächtigsten Stämme an und winden sich

fest um sie, als wollten sie die Kolosse ersticken. Sie strecken sich

nach den umstehenden Bäumen und Bäumchen aus, ergreifen den nächsten

Nachbar, umwickeln Schößlinge und Sprößlinge und bilden zahllose

pflanzliche Laokoon-Gruppen.

Es gibt auch ~Karikaturen~ in der Pflanzenwelt, die die Baumform

zu verhöhnen scheinen. Das sind die Parodisten unter den Pflanzen.

Man denke nur an die Kakteen. Sie predigen fast absichtlich die

Gesetzlosigkeit jeder Form. Bald kriechen sie schlangenartig am Boden

hin, bald hocken sie wie überfüllte Blasen übereinander. Bald sind

sie scharfkantig und lang wie Balken, bald unförmig riesengroß wie

entartete Kürbisse. Bald -- in den südlichen Ländern -- sind sie

haushoch, bald so klein wie eine Erbse. Bald haben sie die Form des

stachligen Kugelfisches, bald die einer platten Flunder. Sie können

aussehen wie plumpe Puppen und wie die Schnauze des Sägehais; man sieht

sie Tropfsteingebilde nachäffen und Biertonnen verhöhnen. --

Den Grundstein zu allen diesen Beobachtungen hat ~Goethe~ gelegt,

der nicht nur als Dichter an der Spitze der Menschheit steht.

Goethe in Venedig.

Ich krame gar zu gern auf den alten Böden, die unter der Dachschrägung

liegen und mit einer kleinen verstellbaren Fensterluke versehen sind;

wo es nach Ruß und Rauch, nach Wäschedunst und heißer Sonne riecht;

wo verhungerte Spinnen neben den Fliegengerippen in ihren verstaubten

Netzen hängen; wo allerhand Ungetier still und verstohlen herumkreucht;

wo zehntausend wertlose schiffbrüchige Dinge umherliegen: geköpfte

Puppen, leere Sektflaschen, künstliche Palmen, alte, weiß Gott! wie

alte Schmöker, Stühle ohne Beine, Lackstiefelchen mit klaffenden

Wunden, verbeulte kupferne Kasserollen, Beinkleider, denen man

entwachsen ist, rostiges Eisenzeug, Schulhefte, ein zerbröckelndes

Herbarium, Rhomboiden und Pyramiden aus Pappdeckel, ein Kinderwagen und

noch so viel anderer unnützer Plunder.

Ich krame gar zu gern in diesem schwer bestaubten, toten Gerümpel, das

mir so viele kostbare Erinnerungen schenkt und so viel Geliebtes, das

tot ist, wieder lebendig werden läßt. In diesen Rumpelspeichern sitzt

mit Urgroßmuttershaube die Zeit und träumt ihre Träume von der Ewigkeit

und vom Zerfall aller irdischen Dinge ...

Habt ihr ihr noch nie zugeschaut, ihrem leisen melancholischen Wirken

und Weben und ihrer stillen, unermüdlichen Arbeit? Wie sie zum

Beispiel dem kleinen Kinderwagen, in dem ihr einst als der Abgott

eurer Eltern gelegen, und der so blink und so blank durch die Gärten

der Stadt gefahren wurde, wie sie diesem Wagen, in dem ihr eure ersten

Lebensjahre verbracht habt, ganz langsam die kleinen, entzückenden

Vorhänge fortreißt und den Stoff Faden um Faden auseinandernimmt.

Wie sie den braunen Firnis ableckt! Wie sie die spiegelhellen

Nickelstangen anhaucht, daß sie erblinden! Wie sie das ganze Gerippe

des Wagens bloßlegt, dann auch an diesem nackten Gestell zu nagen

beginnt und so lange daran nagt und knuspert und knackt und beißt, bis

es zusammenbricht, und ihr nichts weiter mehr seht als ein Häuflein

Eisenstangen und Korbweiden? Freilich das dauert Jahre, Jahre ... aber

sie hat ja keine Eile.

Ich krame gar zu gern in diesen formlos gewordenen, in der Auflösung

begriffenen Dingen, die die Vergangenheit zur Gegenwart machen. Da

komme ich zuweilen herauf auf den Rumpelkoben, um nach den lieben

Erinnerungsstücken zu schauen, die zu Staub werden zwischen den

langsamen Kiefern der Zeit. Der Klopfwurm hämmert im Dachgebälk, in den

Mauerlöchern verkriecht sich der Tausendfuß, und auf dem Dache gurren

die Tauben. Manchmal geht auch eine Katze da oben spazieren, streckt

ihren martialischen Schnurrbart zur offenen Fensterluke herein und sagt

mir »Guten Tag!«

Als ich wieder einmal da oben zwischen den vermotteten Trümmern

verblaßter Erinnerungen saß, fiel mir ein Kasten voller Steine in die

Hände, die am Strande des Adriatischen Meeres aufgelesen waren.

Und kaum sah ich diese buntfarbigen, von den Meereswellen

abgeschliffenen Felssplitter, als plötzlich ganz Venedig vor meinem

Geiste auftauchte, wo die Heimat dieser Steine ist.

Kennt ihr Venedig? ...

Wenn ihr euch mir anvertrauen wollt, will ich euch führen ...

* * * * *

Es ist morgens fünf Uhr ...

Venedig schläft noch ... Das Venedig, von dem man an grauen Herbsttagen

träumt, nach dem man sich an bleiernen Wintertagen immer wieder sehnt.

Der palastbesäumte +Canale grande+ schläft noch. Aber rudert mit

mir in der schwarzen stillen Gondel bis zur Rialtobrücke, laßt das

Venedig des Märchens, das Venedig der Dogen hinter euch versinken ...

Und nun wollen wir uns in den Gassen herumtreiben, in denen Shylock

und Tubal Handel trieben, in denen Shakespeare wohl die Hälfte des

»Kaufmanns von Venedig« spielen läßt, was -- topographisch betrachtet

-- gar nicht möglich ist.

Es ist das Venedig, von dem ihr nie sprechen hört; das Venedig der

Armen. In seinem Venetianischen Brief vom 29. September 1786 erwähnt

Goethe dieses Viertel; er spricht von dem Zwang, den der beschränkte

Raum auf die Bauart ausübte. Die Häuser suchten die Luft -- sagt er

-- wie Bäume, die geschlossen stehen; sie mußten an Höhe zu gewinnen

suchen, was ihnen an Breite abging. »Auf jede Spanne des Bodens geizig

und gleich anfangs in enge Räume gedrängt, ließen sie zu Gassen nicht

mehr Breite als nötig war, eine Hausreihe von der gegenüberstehenden

zu trennen und dem Bürger notdürftige Durchgänge zu erhalten ... Die

Enge und Gedrängtheit des Ganzen glaubt man nicht, ohne es gesehen zu

haben. Gewöhnlich kann man die Breite der Gassen mit ausgereckten Armen

entweder ganz oder beinahe messen, in den engsten stößt man schon mit

den Ellbogen an, wenn man die Hände in die Seite stemmt.«

In der Tat, es gibt da elende Winkel, in die die italienische Sonne

nie einen Strahl wirft. Hier fällt kein Licht herein; hier ist alles

fruchtbar ohne Sonne. Und hier, wo wir jetzt wandern, hat schon mit der

Morgendämmerung ein rastloses Wirken begonnen. Das malerische Bild ist

von starkem Eindruck, aber allerdings auf Kosten der armen Teufel, die

Leben und Gesundheit dafür lassen. Krumme Häuser seht ihr, als hätten

Blinde sie aufgebaut; Gesichter, als hätte die Hölle sie ausgebleicht.

Schönheit muß man hier nicht suchen. Freude und Lust, Paläste, Kirchen

und Theater, kostbare Juwelen und seltene Gemälde, alte Spitzen und

erlesene Antiken -- alles, was dem Leben den Glanz des Genusses gibt,

erscheint plötzlich furchtbar und tyrannisch. Voll stolzer Verachtung

zwang jenes Venedig alle die Demütigen und Armen, die Erniedrigten

und Geächteten in diese menschenunwürdigen Stadtteile, in diese

Gassen voll ekler Dünste, voller Kehricht und Moder. Hier warf es die

Tausende von Sklaven her, denen es einen jämmerlichen Unterschlupf

gewährt und die sich am Tage um eines Soldo willen bekämpfen und

beneiden, verfluchen und töten. Hier leben die kleinen Händler, die

Fabrikarbeiter und Arbeiterinnen, die schwindsüchtigen Glasbläser und

Glasspinnerinnen, die Mosaiksetzer, die Perlendreher und Holzschnitzer

-- jeder ein Künstler in seiner Art.

[Illustration: Goethe in der Campagna.]

Die prächtigen, für satte und zufriedene Leute berechneten Läden auf

dem Markusplatz schlafen noch friedlich; aber in den häßlichen und

gewundenen Straßen, durch die wir jetzt kommen, schwimmt bereits der

Rauch schlechter Öfen. Rundum Häuser, die zusammengeklebt einander

stützen und vor dem Umfallen bewahren; schmutzigbraune, ockergelbe,

rosarote, bleichgrüne, graue Häuser. Mauern an Mauern aus verwittertem,

vor Alter sterbendem Stein, Fenster mit staubgrauen Gardinen blicken

griesgrämig drein. Schwere Beklommenheit befällt euch. Man kann das,

was man hier atmet, ebensowenig als Luft bezeichnen, wie man einen

Stein Brot nennen kann. Wo ihr hinblickt, gewahrt ihr das schändliche

Zeugnis eines ungleichen, heißen, aber vergeblichen Kampfes, den

der Vater gegen den Sohn führt, und der Bruder gegen die Schwester.

Man sieht unansehnliche Kasernenbauten, Kramläden, Weinkneipen,

Barbierläden, Schuppen mit Polstermöbeln gefüllt, von denen die

Fetzen herabhängen, Trödelbuden, eine Schlosserwerkstätte, Flure mit

gefälschten Antiquitäten vollgepropft.

Gegen sechs Uhr beginnt es hier lebhaft zu werden; verworrenes Gesumme

aus Gängen und Gäßchen; fernes Sprechen zusammengepferchter Menschen.

Gegen sieben Uhr wimmelt es bereits, und ihr habt den Eindruck, als

seien alle Ameisen allmählich aus ihren Löchern hervorgekrochen, um nun

den ganzen Tag unermüdlich herumzulaufen und Soldi zu sammeln.

Es scheint Wochenmarkt zu sein. In langen Reihen ziehen sich

offene Buden an den Häuserwänden hin, hinter denen die Verkäufer

in fieberhafter Eile ihre Waren auspacken. Ganze Berge von Orangen

und Zitronen, von grünen Feigen und Mispeln wachsen im Nu vor euch

auf. Wagen und Körbe stehen umher; ganze Haufen von lebendigem und

geschlachtetem Federvieh umgeben euch plötzlich. Hühner gackern,

Tauben gurren. Kupferbraune Tagelöhner, verblühte Frauen, oft mit

einem Säugling an der Brust, frühwelke Kinder, die erst Menschen

werden wollen, große und kleine Taschendiebe, dickleibige Hausfrauen,

schlecht frisierte und schlecht gekleidete Mädchen, Matrosen, Händler,

Pfaffen, Klosterschüler, Polizisten quirlen hier durcheinander. Alles

mögliche kommt zum Verkauf: alle südlichen Obstarten, Hammelfleisch,

das metallgrüne Mücken umschwirren, Artischocken, Bananen, blasses,

ungesalzenes, ungemein schlechtes Brot, Seile, Spaten, Gedärme, alte

Röcke, alte Möbel, alte Chiantiflaschen, alte Geigen, Papageien und

Seegras; es ist ein buntes lebendiges Museum.

Händler und Käufer, Betrüger und Betrogene, der ganze Markt schreit

hilflos und zwecklos durcheinander. Die Kleinkrämer, die ihre Ware

auf der Erde ausgebreitet haben, halten die Passanten mit befehlenden

und flehenden Rufen fest. Mit gellender Stimme betteln sie. Ihr seht

erregte und wilde Gesichter. Sie zanken um nichts; aber wie sie so

dastehen und einander an die Kehle möchten, ist doch ein originelles

Bild, das durch keine rohe Linie verunstaltet wird. Hier wird Räuberei

am hellen Tage getrieben; Lug und Trug und falsche Eide klingen an euer

Ohr, schimpfliche Frechheit macht sich breit, Feigheit und Qual auf

Schritt und Tritt. Die Seelen hacken alle wild aufeinander los. Aber

alles doch mit einer bestimmten Gewohnheit und Selbstverständlichkeit

und -- so widersinnig es klingt -- mit einer gewissen Ruhe.

Denn das Schauspiel wiederholt sich täglich; es ist der Kampf um den

Soldo. Verweilt eine Stunde in diesem scheußlichen Dunstkreis voll

Elend und Unrecht, in diesen arbeitsreichen, erniedrigenden Gassen, und

ihr habt für euer ganzes Leben das starke Gefühl von der Zweiseitigkeit

aller schönen Dinge.

Aber wir wollen zum Rialto zurück. Wir biegen in die erste Straße ein

und sind am Fischmarkt. Ihr tretet auf Seeschnecken, Patellen und

Fischeingeweide. Der Boden ist schuppenübersät und glitschig. Kübel

und Körbe, Bottiche und Fässer, Netze und Wagschalen, Tische und Bänke

voller Fische, Krebse, Krabben, Schnecken, Austern und Muscheltiere

in hundert Formen und Größen. Das zuckt und zappelt und kriecht

und krabbelt und hüpft und wimmelt durcheinander. Der Anblick ist

gruselig; man muß aber das Getier, diese unglücklichen aufgehaschten

Meeresbewohner, die Goethe so viel Vergnügen machten, nicht auf dem von

wüstem Geschrei und Geklapper erfüllten Platze beobachten. Man tut

besser, die engen Gäßchen verlassend, durch den nördlichen +Canale

grande+ zu gondeln, um die Insel der Santa Clara herum, hinaus auf

den Lido ...

Dort ist das Meer ...

»Das Meer ist doch ein großer Anblick ... Dort habe ich heute die

Wirtschaft der Seeschnecken, Patellen und Taschenkrebse gesehen

und mich herzlich darüber gefreut,« sagt Goethe. »Was ist doch ein

Lebendiges für ein köstliches, herrliches Ding! Wie abgemessen in

seinem Zustande, wie wahr, wie seiend!«

Im weiteren Verlauf schildert Goethe sehr lebendig die Jagd, die die

Taschenkrebse auf die Patellen machten. Man kann als Naturforscher sich

gewiß herzlich freuen über diesen Kampf und man kann als Dichter die

sehr sentimentale Betrachtung anstellen, wie seltsam es doch ist, daß

einer den anderen fressen muß. Aber lassen wir solche Gedanken nicht

aufkommen.

Das Meer umspült den Strand und lächelt dem blauen Himmel ins Antlitz.

In vollem Laufe stürmt es scherzhaft die Lagunen und wirft ganze

Wasserstürze wirbelnden Schaumes auf den Kiessand. Mit breiten Zungen

beleckt es die Düne, gleitet aber sofort wieder sanft zurück, sich

krümmend, wie der Leib einer riesigen Schlange. Welle auf Welle jagt

hintereinander her. Ein sanfter Wind liebkost die mächtige Brust des

Meeres, die sich gleichmäßig hebt und senkt, und die lachende Sonne

wärmt sie mit ihren warmen Strahlen. Grünliche Wellen schleudern den

weißen Schaum ihrer flockigen Rücken weit auf den Strand und zerfließen

mit leichtem Rascheln. Ihr vertraut dem Meere eure Gedanken an, und

es reinigt sie von Schmutz und von Sorge, von allem Kleinen und

Kleinlichen.

Das Meer ist ein großer Anblick ...

* * * * *

Goethe hatte diese »Wunderstadt«, diese »Biber-Republik« 1786 zum

ersten Male gesehen, hatte sie so gesehen, wie sie hier geschildert

wurde.

Am 30. September lief er ohne Führer in die entferntesten Quartiere

der Stadt. Er sehnte sich nach Einsamkeit, denn »nirgends fühlt man

sich einsamer als im Gewimmel, wo man sich, allen ganz unbekannt,

durchdrängt«. Er suchte sich in dem Labyrinth der kleinen Gäßchen

zurechtzufinden, ohne irgend jemand zu fragen; er nahm nur die

Himmelsrichtung zum Führer. »Es ist ein unglaubliches Gehecke

ineinander, und meine Manier, sich recht sinnlich davon zu überzeugen,

die beste. Auch habe ich mir, bis an die letzte bewohnte Spitze, der

Einwohner Betragen, Lebensart, Sitte und Wesen gemerkt; in jedem

Quartiere sind sie anders beschaffen. Du lieber Gott, was doch der

Mensch für ein armes gutes Tier ist!«

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 12 / 18 段