ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel geholt,
erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum
Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und
wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie
in eine Historie zu bringen.
[Illustration: Doktor Faust in seinem Studierzimmer.]
Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das
Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein
Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« -- sagte er
-- »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand
begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher
hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit
Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit
geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit
Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit
höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken
eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und
Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit
verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem
Satanas.«
In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen
war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man
ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von
Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher
Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und
stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut
bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen.
Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm
vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in
Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause
ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr
getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen.
Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade
bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn
eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor Faust,
der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte
er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh
mit Schrecken.
Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug
den Titel: »~Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang~,
mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels,
daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne
allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis
seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«.
Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter
schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek
befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften
angeblich das Mantelfahren und flogen -- so redeten sie der Menge ein
-- auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum.
Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man
ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen
konnte, der wurde vom Satan umgebracht. --
So hieß es jahrhundertelang.
Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen
und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang«
die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen
es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen,
mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der
Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke
aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und
wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland
herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine
ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst
die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen,
kann man es gut verstehen, daß das unwissende Volk Zauberei und Spuk
in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu
erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler,
daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig
sind.
Goethe der Botaniker.
Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen
Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und
bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso
unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.
Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses
gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials
in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine
Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.
Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede
sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen;
auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele
Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und
bewundernswürdiger war, denn als Dichter.
Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung
besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine
Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu
und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als
Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit
vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in
vollen Zügen zu genießen. Denn ~vor~ Goethe wußte man nicht, wie
herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die
Natur! Die Sehnsucht, die ~uns~ heute ins Gebirge und in die
Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und
in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen
kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters
waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man
sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen
sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit
und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte
Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die
Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber
die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser
Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler
suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe
sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die
Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das
Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten
Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft
willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon
Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das
große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator
Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken
Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing -- das sind einige berühmte
Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen
beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich
vereinzelt dastehen.
Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte,
Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.
Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur
ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt
und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der
Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches, Grundlegendes
und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und
Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben
sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine
Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt,
und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann
an Goethe achtlos vorübergehen.
Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir
ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.
* * * * *
Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht
einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen
hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst
als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der
Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen.
Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er
zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er
hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an
den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu
studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein
rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung
der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.
Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt
man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende
Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches
Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt
und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine
einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man
eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die da eingefügt
ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher
Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe
zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die
umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.
»Sag' ich's euch, geliebte Bäume,
Die ich ahndevoll gepflanzt,
Als die wunderbarsten Träume
Morgenrötlich mich umtanzt.
Wachset wie aus meinem Herzen,
Wachset in die Luft hinein;
Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen
Unter eure Wurzeln ein.«
Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte,
während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und
Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte,
mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die
Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte
er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw.
Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782
in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten
abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und
du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese
Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«
Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken
über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder
reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche
nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne
Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren
verstorben war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung
seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.
Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt
Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte
in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien.
Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die
seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für
seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte
Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte
mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang,
Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen,
Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen.
Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche
Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie
lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein
langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und
meine stille Freude ist unaussprechlich.«
Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde
Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie
einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der
Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von
Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen,
ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des
Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft
erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe
zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken,
Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und
andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird
aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins
Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.
Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber
unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden.
Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein.
So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der
Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den
Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den
Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.
In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und
den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen
purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die
Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit
seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat,
daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht
die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten
haften. Es ist der ~insektenfressende Sonnentau~, der, sobald
er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es
nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und
nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier
in seinem Kelche einschließt, ihm -- wie die Spinne -- mörderisch das
Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte
öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche
Hautskelett des Opfers lästig wird.
Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem
Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des
Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie
verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und
Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich.
Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar
an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub,
Knochensplittern und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie
sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede
mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes
Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das
Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die
Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an
den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr
eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.
So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze
beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große
Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen
veröffentlicht.
Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien
eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo
sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die
Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems
eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die
deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch
vorhanden.
Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie
sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin
Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.
Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler,
die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen
Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte
Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden
sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die
die Pflanzen in ihm erweckt haben.
Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten
Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu durchwandernde
Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen.
Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren
fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die
Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben,
bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar
Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und
gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es
nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte.
Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten
freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's
eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf;
ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure
Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste
Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die
Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein
Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die
Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben
hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich,
es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«
Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am
Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane,
hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die
ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß
des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten
der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der
Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie
neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm
das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und
einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von einem Diener nach
Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und
machen sich ihre Gedanken dabei«.
Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die
Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen;
zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken
der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im
Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch
heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm,
ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen
Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit
einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und
so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser
mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir
der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten
vielleicht aus ~einer~ entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich
werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem
Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und
sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«
Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden
kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem
Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen
und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel
gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus
jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus
Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken
noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der
Hügel von Rom.
Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr-
und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum
Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto
verwandter wird ihm die Natur. »Aus Italien, dem formenreichen, war
ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit
trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich
ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen
auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie
sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles
Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede
Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu
ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«
Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre
ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den
Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit
trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die
Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung
der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen
Bemühens, zu zeigen, ~daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der
Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen~,
war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das
Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten
ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des
Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten
Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit
Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe
stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden
zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich
selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den
Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet
hat.«
Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert
zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker gab, die imstande
waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche
Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.
Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten
Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen
und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden
gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen
verfertigt, Kupfer gestochen.