Als nun die vierundzwanzig Jahre, welche Faust sich von der Hölle

ausbedungen hatte, verflossen waren, wurde er vom Teufel geholt,

erzählt die Sage. Er setzte seinen Famulus Christoph Wagner zum

Erben ein und trug ihm auf, alle seine Kunststücke, Zauberpossen und

wunderlichen Abenteuer, die er getrieben, getreu aufzuzeichnen und sie

in eine Historie zu bringen.

[Illustration: Doktor Faust in seinem Studierzimmer.]

Am Morgen seines letzten Tages zog Faust mit vielen Freunden in das

Dorf Rimlich bei Wittenberg und erzählte ihnen voller Reue, wie er sein

Leben verspielt habe und was ihm nun bevorstehe. »Wisset« -- sagte er

-- »daß ich von Jugend an, während mich Gott mit einem guten Verstand

begabt hat, mit solcher Gabe nie zufrieden war, sondern viel höher

hinaus und über andere emporkommen wollte. Darum habe ich mich mit

Ernst und Fleiß auf die Schwarzkunst gelegt. Jedoch meine Vermessenheit

geriet mir bald zum Bösen. Ich mußte mich dem höllischen Luzifer mit

Leib und Seele verschreiben, Gott lästern, die heilige Dreifaltigkeit

höhnen und der Kirche absagen. Dafür habe ich gutes Essen und Trinken

eingetauscht und die Erfüllung aller Begierden. Fressen, Saufen und

Spielen waren meine Vergnügungen, für die ich nun meine ewige Seligkeit

verloren habe. Ich habe Gott den Herrn verlassen und nun gehöre ich dem

Satanas.«

In der Nacht zwischen zwölf und eins, als Fausts Stundenglas abgelaufen

war, erhob sich ein mächtiger Wirbelsturm. In Fausts Zimmer hörte man

ein grauenerregendes Pfeifen und Zischen, als ob das ganze Haus von

Nattern und Schlangen erfüllt wäre. Fausts Tür ging auf; mit schwacher

Stimme hörte man ihn noch um Hilfe rufen, dann war alles still und

stumm. Am nächsten Morgen fand man Fausts ganzes Zimmer mit Blut

bespritzt; sein Körper lag auf einem Misthaufen.

Noch nach dem Tode erschien Faust seinem Famulus und offenbarte ihm

vieles Geheime. Auch sahen ihn viele, die bei Nacht an seinem Hause in

Wittenberg vorübergingen, zum Fenster herausschauen. Und in dem Hause

ward es seit seinem Tode so unheimlich, daß kein Mensch sich mehr

getraute, darin zu wohnen. Noch lange, lange nachher blieb es verrufen.

Im Dreißigjährigen Kriege rettete sich der Dorfschulze zu Brade

bei Wittenberg dadurch das Leben, daß er dem Soldaten, der auf ihn

eingedrungen war, sagte, dies sei das Haus, in welchem Doktor Faust,

der Schwarzkünstler, vom Teufel geholt worden sei. Zum Beweise zeigte

er sogar an der Wand eine blutbefleckte Stelle, und der Soldat entfloh

mit Schrecken.

Faust soll auch Zauberbücher geschrieben haben. Das berühmteste trug

den Titel: »~Doktor Fausts großer und gewaltiger Höllenzwang~,

mächtige Beschwörungen der höllischen Geister, besonders des Aziels,

daß dieser Schätze und Güter von allerhand Arten gehorsamvoll, ohne

allen Aufruhr, Schreckenssetzung und Schaden vor den gestellten Kreis

seiner Beschwörer bringen und zurücklassen müsse«.

Nach Zwickau kamen noch im Jahre 1700 Schatzgräber und forderten unter

schweren Drohungen Fausts Bücher, die sich auf der Zwickauer Bibliothek

befinden sollten. Die Zwickauer Schüler lernten aus Fausts Schriften

angeblich das Mantelfahren und flogen -- so redeten sie der Menge ein

-- auf ihren Schulmänteln über die Stadtmauern und um die Teiche herum.

Wer Fausts »Höllenzwang« vorwärts las, dem erschien der Teufel; las man

ihn rückwärts, so entfloh er wieder; wer ihn aber nicht rückwärts lesen

konnte, der wurde vom Satan umgebracht. --

So hieß es jahrhundertelang.

Noch heute gibt es Betrüger genug, die sich als Hexenmeister aufspielen

und dem abergläubischen Volk unter Berufung auf Fausts »Höllenzwang«

die Sparpfennige aus den Taschen locken. Auch diese Gaukler verstehen

es, gebratene Kalbsköpfe mittels der Bauchredekunst sprechen,

mit Hilfe von versteckten Schattenbilderlampen Gestalten aus der

Unterwelt erscheinen zu lassen und einen Regen blanker Goldstücke

aus dem Ärmel zu schütteln, einem Menschen den Kopf abzuschlagen und

wieder aufzusetzen usw. Insbesondere haben die auch in Deutschland

herumziehenden indischen Fakire diese Taschenspielerkünste auf eine

ganz erstaunliche Höhe gebracht. Und wenn man sieht, daß sich selbst

die kühlsten Beobachter durch diese Kunststücke oft blenden lassen,

kann man es gut verstehen, daß das unwissende Volk Zauberei und Spuk

in den Kunststücken erblickte, die durch einfache Fingerfertigkeit zu

erklären waren. Aber immerhin beweisen diese modernen Schwarzkünstler,

daß Faust und seine Taten in der Seele des Volkes noch immer lebendig

sind.

Goethe der Botaniker.

Wenn man von Goethe erzählt, so spricht man vom Juwel des ganzen

Menschengeschlechts. In einem kurzen Überblick den größten Menschen und

bedeutendsten Dichter der Welt betrachten, das wäre darum ein ebenso

unwürdiges, wie tollkühnes Beginnen.

Selbst wenn man sich darauf beschränkt, nur eine kleine Seite dieses

gewaltigen Geistes zu beschreiben, ist man ob der Fülle des Materials

in Verlegenheit. Umfaßt doch heute die Literatur über Goethe schon eine

Bibliothek, die mehr als zehntausend Bände zählt.

Darum soll hier nicht von seinen herrlichen Dichtungen die Rede

sein, die in der gesamten Weltliteratur unübertroffen dastehen;

auch das Leben Goethes sei hier nicht geschildert, obwohl viele

Forscher im Zweifel sind, ob Goethe als Mensch nicht noch größer und

bewundernswürdiger war, denn als Dichter.

Nie vorher und nie nachher hat ein Mensch eine so umfassende Bildung

besessen wie Goethe; aber ebenso groß war auch sein Edelmut und seine

Hochherzigkeit; er war hilfreich und gut, selbstlos, pflichtgetreu

und unermüdlich in der Arbeit. Als Dichter und als Übersetzer, als

Kunsthistoriker und als Naturforscher hat er alle Pforten der Schönheit

vor uns aufgeschlossen. Er erst hat uns gelehrt, Kunst und Natur in

vollen Zügen zu genießen. Denn ~vor~ Goethe wußte man nicht, wie

herrlich das Reisen ist, und wie voll tausend heimlicher Wunder die

Natur! Die Sehnsucht, die ~uns~ heute ins Gebirge und in die

Wälder zieht, die Freude, die wir heute in Flur und Au, an der See und

in den Alpen empfinden, hat erst Goethe in uns geweckt. Unsere Ahnen

kannten sie nicht. Für den Menschen des Altertums und Mittelalters

waren Wälder und Berge Orte des Grauens und Schreckens, vor denen man

sich fürchtete. Dazu kam die Unsicherheit vieler Gegenden, in denen

sich Räuber und wilde Tiere aufhielten; ferner die Kostspieligkeit

und Beschwerlichkeit des Reisens überhaupt und die höchst mangelhafte

Verpflegung. Wenn man reiste, um sich zu zerstreuen, so suchte man die

Städte auf, um fremde Länder und fremde Menschen kennen zu lernen; aber

die freie Gottesnatur verachtete man; sie war der Aufenthalt böser

Geister und Dämonen. Nur Menschenfeinde, Besessene oder Einsiedler

suchten die Waldeinsamkeit auf, in der sie niemand störte. Vor Goethe

sang man nicht die herrlichen Rheinlieder, kannte man nicht die

Fußreisen durch den Harz, Thüringer Wald, den Schwarzwald oder das

Riesengebirge. Vor Goethe dachten nur wenige daran, die eisbedeckten

Alpengletscher zu besteigen oder um der Kunst und glühenden Landschaft

willen eine Reise nach Italien zu machen. Der Idyllendichter Salomon

Geßner, der Naturforscher und Poet Albrecht von Haller, dem wir das

große Gedicht über »Die Alpen« verdanken, der pädagogische Reformator

Rousseau, Winckelmann, der sein Leben der Wiedererweckung der antiken

Kunst geweiht hat, unser Dichter Lessing -- das sind einige berühmte

Ausnahmen, die größere Reisen oder Fußwanderungen nach den Alpen

beziehungsweise nach Italien unternommen hatten und die ziemlich

vereinzelt dastehen.

Die Natur war nur für die Fachgelehrten da; soweit Lehrer, Ärzte,

Apotheker und Kräutersammler sie eben beruflich brauchten.

Aber es ist klar, daß diese unbegrenzte Liebe Goethes zur Natur

ihn auch nicht eher ruhen ließ, als bis er sie im Innersten erfaßt

und erkannt hatte. Und so gibt es denn auch kaum ein Gebiet der

Naturwissenschaften, auf dem er nicht Unvergängliches, Grundlegendes

und Bleibendes geleistet hätte. Mit seinen Arbeiten über Anatomie und

Optik, Mineralogie und Geologie, Meteorologie und Klimatologie haben

sich die größten Gelehrten beschäftigt und auseinandergesetzt. Seine

Arbeiten auf diesen Gebieten haben anregend und fruchtbringend gewirkt,

und keiner, der sich dem einen oder anderen Gebiet zuwenden will, kann

an Goethe achtlos vorübergehen.

Wir wollen uns hier ein wenig mit Goethe dem Botaniker befassen, wo wir

ihn unmittelbar in der Natur wirken sehen.

* * * * *

Er selbst berichtet uns, daß er als Frankfurter Stadtkind noch nicht

einmal den Unterschied der drei Reiche gekannt habe; infolgedessen

hatte er sich auch wenig mit dem Reiche der Blumen beschäftigt. Erst

als er in Weimar einzog, als Sechsundzwanzigjähriger, beglückte ihn der

Gewinn, Staub und Stadtluft mit Land, Wald und Garten zu vertauschen.

Und erst durch seinen Beruf als Minister am Weimarer Hofe, wurde er

zur ernsten Beschäftigung mit den Naturwissenschaften geführt. Er

hatte die Leitung der Forstverwaltung, und durch seine Teilnahme an

den großen Jagden im Thüringer Wald begann er die Natur der Bäume zu

studieren. Der Herzog hatte ihm einen großen Garten geschenkt, »ein

rechter Gelehrtengarten«, der ihm eine reiche Quelle zur Beobachtung

der Pflanzen wurde, und in dem sein Geist ausruhen konnte.

Wenn man vom Schloß Weimar kommend, die Ilm überschreitet, gelangt

man zum Stern, in dessen Nähe am Abhang des Ilmtales der ansteigende

Goethesche Garten liegt. Am Fuße der Schrägung steht ein einfaches

Gartenhaus, dessen erstes Stockwerk unter Schlingpflanzen, Geißblatt

und wilder Rebe versteckt ist. Mitten im Gartenhang befindet sich eine

einladende Laube, von hohen Bäumen und Sträuchern umgeben, von der man

eine anmutvolle Aussicht genießt. Eine Steintafel, die da eingefügt

ist, erzählt uns, daß diese Laube die Geburtsstätte herrlicher

Dichtungen war, und daß Goethe hierher ging, um seine Sorgen und Kämpfe

zu überdenken, seinen Forschungen und stillen Freuden nachzuhängen. Die

umgebenden Bäume besaßen die ganze Liebe Goethes.

»Sag' ich's euch, geliebte Bäume,

Die ich ahndevoll gepflanzt,

Als die wunderbarsten Träume

Morgenrötlich mich umtanzt.

Wachset wie aus meinem Herzen,

Wachset in die Luft hinein;

Denn ich grub ja Freud' und Schmerzen

Unter eure Wurzeln ein.«

Oft saß Goethe nachts auf dem Altan des Gartenhauses und schlummerte,

während laute Gewitter ihn umtobten. Er fand es unter Blitz, Donner und

Regen so herrlich, daß ihm das Bett leid wurde, und so oft er erwachte,

mitternachts, um zwei, um vier Uhr, immer entzückte ihn von neuem die

Herrlichkeit des Himmels. Seiner Freundin Charlotte von Stein schickte

er bald selbstgezogenen Spargel, eigengezüchtete Rosen, Erdbeeren usw.

Selbst in Winternächten weilte er gern hier. Und als er endlich 1782

in sein vornehmes Stadthaus übersiedelt, und ihm jemand den Garten

abkaufen will, geht er noch einmal hinaus. »Jede Rose sagte zu mir: und

du willst mich weggeben? In dem Augenblick fühlte ich, daß ich diese

Wohnung des Friedens nicht entbehren könne.«

Ein so inniges Leben im Garten mußte in Goethe natürlich viele Gedanken

über das Walten und Weben der Natur auslösen. Wenn er durch die Felder

reitet, denkt er über die Entstehung und Bildung der Erdoberfläche

nach und um bei seinen Studien im Reiche der Pflanzen nicht ohne

Lehrer zu sein, wählt er die Werke Linnés, der erst vor wenigen Jahren

verstorben war, nachdem er die ganze naturgeschichtliche Anschauung

seiner Zeit beherrscht und reformiert hatte.

Aber Goethe fand sich in dieser rubrizierten und klassifizierten Welt

Linnés nicht zurecht. Er studierte auf eigene Faust weiter und weckte

in seiner ganzen Umgebung dieselbe Leidenschaft für botanische Studien.

Der Herzog selbst wurde ein eifriger Gartenliebhaber, schaffte die

seltensten ausländischen Gewächse in seine Gartenhäuser und kaufte für

seine Bibliothek die kostbarsten botanischen Werke an. Goethe kaufte

Mikroskope zum genaueren Studium, sezierte Kokosnüsse und stellte

mit den verschiedensten Samen allerhand Keimversuche an, mit Pisang,

Kaktus, Trüffeln, Morcheln, Steinpilzen, Pfefferkörnern, Leinsamen,

Roggen, Erbsen, Linsen, Kartoffeln, Tee, Bier, Fichtenzweigen.

Bald schreibt er einem Freunde: »Ich habe in der Botanik hübsche

Entdeckungen und Kombinationen gemacht,« und einer Freundin: »Wie

lesbar mir das Buch der Natur wird, kann ich Dir nicht ausdrücken; mein

langes Buchstabieren hat mir geholfen, jetzt wirkt's auf einmal, und

meine stille Freude ist unaussprechlich.«

Im Juni 1785 begibt sich Goethe in Gesellschaft von seinem Freunde

Knebel auf die Reise. Auf dem Burgweg bei Jena begegnen sie

einem siebzehnjährigen Studenten namens Dietrich, der mit der

Botanisiertrommel auf dem Rücken heimwärts wandert. Er wird aber von

Goethe angehalten, muß die Büchse öffnen, die Pflanzen herausnehmen,

ihre lateinischen und deutschen Namen aufsagen, Klasse und Ordnung des

Linnéschen Systems angeben, den Nutzen in Land- und Hauswirtschaft

erläutern. Da er das Examen recht gut besteht, wird er von Goethe

zu einem Spaziergang eingeladen, auf dem beide Federgras pflücken,

Frauenschuh, Spinnen- und Fliegenorchis, das bleiche Vogelnest und

andere botanische Zierden der Jenenser Kalkberge. Dietrich wird

aufgefordert, die Herren auf einer Reise durchs Fichtelgebirge und ins

Karlsbad zu begleiten, und hocherfreut sagt er zu.

Tags darauf macht sich die Gesellschaft auf den Weg; da Goethe aber

unterwegs erkrankt, muß die Reise auf sechs Tage unterbrochen werden.

Dann geht's über Schleiz, Hof und Weinsiedel ins Fichtelgebirge hinein.

So oft man an einer Wiese vorbeifährt, muß der Kutscher anhalten; der

Student steigt aus, um die merkwürdigsten Pflanzen zu sammeln und den

Herren im Wagen vorzuzeigen, während Goethe, Linnés »System« auf den

Knien, in dem Buche blättert und Linnés Beschreibung nachliest.

In den Bergen besteigt die kleine Reisegesellschaft den Seeberg und

den Ochsenkopf. In einer Schlucht erblickt Goethe auf dem Grunde einen

purpurroten Fleck, der seine Verwunderung erregt. Sofort steigen die

Herren hinab und erblicken ein Torfmoor, auf dem der Sonnentau mit

seinen purpurnen Blattrosetten sich so massenhaft angesiedelt hat,

daß das Moor wie ein blutroter Teppich erscheint. Goethe untersucht

die Pflanzen sorgfältig und findet an den Blättern kleine Insekten

haften. Es ist der ~insektenfressende Sonnentau~, der, sobald

er mit seinen klebrigen Blütenblättern ein Insekt gefangen hat, es

nicht mehr losläßt und, wie die Schlange ihr Opfer verschlingt und

nach einiger Zeit die unverdauten Reste auswirft, das gefangene Tier

in seinem Kelche einschließt, ihm -- wie die Spinne -- mörderisch das

Blut entzieht, die Weichteile aufzehrt und erst dann wieder seine Blüte

öffnet, wenn neuer Hunger ihn treibt, und wenn ihm das unverdauliche

Hautskelett des Opfers lästig wird.

Aber nicht nur das lebende Insekt wird von dem Sonnentau mit großem

Appetit verzehrt. In der Verdauungskunst können die Blättchen des

Sonnentaus überhaupt mit jedem Tiermagen in den Wettkampf treten. Sie

verdauen auch leicht das rohe, das gekochte und gebratene Kalb- und

Rindfleisch. Gekochtes Eiweiß bekommt ihnen ebenfalls vortrefflich.

Sie sind auch Freunde eines scharf paprizierten Käses. Ja, sogar

an Knorpel, Leim, stickstoffreichen Pflanzensamen, Blütenstaub,

Knochensplittern und selbst am steinharten Zahnschmelz verderben sie

sich ihren beneidenswerten Magen nicht. Dagegen verschmähen sie jedwede

mehlige, fette, süße und saure Speise; essen, wenn man ihnen fettes

Fleisch reicht, wie viele Menschen, nur das Fleisch und lassen das

Fett liegen, und können sich, wenn man sie überfüttert oder ihnen die

Mahlzeiten zu schnell hintereinander verabreicht, wie die Kinder, an

den Folgen der Magenverstimmung und der unregelmäßigen Nahrungszufuhr

eine schwere Krankheit, ja sogar den Tod holen.

So ist Goethe einer der Ersten, der eine insektenfressende Pflanze

beobachtete. Denn erst fast ein Jahrhundert später hat der große

Naturforscher Darwin sein Werk über die insektenfressenden Pflanzen

veröffentlicht.

Die Pflanzen, die Goethe auf dieser Reise sammelte, hat er in Herbarien

eingelegt, die man noch jetzt im Goethe-Haus zu Weimar sehen kann, wo

sie in acht schwarzgestrichenen Holzkisten untergebracht sind. Die

Pflanzen sind in die vierundzwanzig Klassen des Linnéschen Systems

eingeteilt und sauber auf Papierblätter aufgeklebt; daneben stehen die

deutschen und lateinischen Namen. Auch Goethes Pflanzenpresse ist noch

vorhanden.

Als die Reisenden endlich in Karlsbad angelangt waren, hatten sie

sofort einen Kreis erlesener Freunde um sich: Frau von Stein, Gräfin

Bernstorff, die Fürstin Lubormirska, Graf Brühl, Herder, Voigt, Bode.

Schon in aller Herrgottsfrühe muß Dietrich, der junge Kräutersammler,

die Flora Karlsbads absuchen, die gesammelten Pflanzen in großen

Bündeln an den Brunnen bringen und, während Goethe seine bestimmte

Anzahl Becher leert, ihre Namen laut ausrufen. Die Pflanzen werden

sorgfältig eingelegt und Goethe erklärt seinem Kreise die Ideen, die

die Pflanzen in ihm erweckt haben.

Nun läßt ihm die Botanik keine Ruhe mehr; von den hochentwickelten

Pflanzen wagt er sich jetzt bereits in das schwer zu durchwandernde

Reich der Kryptogamen, studiert Moose, Schwämme, Flechten und Algen.

Im Winter 1785/86 setzt er eifrig das Botanisieren und Mikroskopieren

fort. Im Juni schreibt er an seine Freundin, Frau von Stein: »Die

Blumen haben mir wieder gar schöne Geschichten zu bemerken gegeben,

bald wird es mir gar hell und licht über alles Lebendige.« Und ein paar

Tage darauf: »Ich bin von tausend Vorstellungen getrieben, beglückt und

gepeinigt; das Pflanzenreich rast wieder in meinem Gemüte, ich kann es

nicht einen Augenblick loswerden, mache aber auch schöne Fortschritte.

Es ist eine wunderbare Epoche, in der Du mir eben fehlst. Am meisten

freut mich jetzt das Pflanzenwesen, das mich verfolgt, und das ist's

eben, wie mir die Sache zu eigen wird. Es zwingt sich mir alles auf;

ich sinne nicht darüber, es kommt mir alles entgegen, und das ungeheure

Reich vereinfacht sich mir in der Seele, so daß ich die schwerste

Aufgabe gleich weglesen kann. Wenn ich nur jemand den Blick und die

Freude mitteilen könnte! Es ist aber nicht möglich: und es ist kein

Traum, keine Phantasie, es ist ein Gewahrwerden der Form, mit der die

Natur gleichsam nur immer spielt und spielend das mannigfaltige Leben

hervorbringt. Hätte ich Zeit in dem kurzen Leben, so getraut' ich mich,

es auf alle Reiche der Natur, auf ihr ganzes Reich auszudehnen.«

Ende des Jahres 1786 ging Goethe über den Brenner nach Italien. Am

Walchensee bemerkt er den ersten Bergahorn und die erste Gentiane,

hinter Innsbruck die ersten Lärchenbäume, an der Brennerstraße die

ersten Zirbelkiefern. Er stellt Betrachtungen an über den Einfluß

des Höhenklimas auf die Gestaltung der Alpenpflanzen. Und inmitten

der Weingelände des wilden Etschtales, inmitten der Maisfelder, der

Fruchtbäume, der Maulbeer-, Nuß- und Quittenbäume fühlt er sich wie

neugeboren. In Verona erregen die Jahrhunderte alten Zypressen in ihm

das Gefühl der Verehrung. Als er einige Zweige mit grünen Zapfen und

einige blühende Zweige der Kapernstaude sich von einem Diener nach

Hause tragen läßt, schauen ihm die Vorübergehenden auf die Finger »und

machen sich ihre Gedanken dabei«.

Aber erst im botanischen Garten von Padua tritt ihm die

Pflanzenherrlichkeit des Südens in überwältigender Pracht vor Augen;

zauberhaft leuchtet ihm eine hohe breite Mauer mit feuergelben Glocken

der kletternden Bignonie entgegen. Eine Fächerpalme, die erste im

Lande, zieht seine ganze Aufmerksamkeit an. Diese Palme lebt noch

heute und überrascht mit ihrem siebenfach verzweigten Riesenstamm,

ihren grünen Blattfächern und ihren gelben Blütenrispen den deutschen

Besucher als eine lebende Reliquie des großen Dichters; sie ist mit

einer Inschrift versehen, die sie als »Goethepalme« bezeichnet und

so Goethes Besuchs im botanischen Garten gedenkt. »Hier in dieser

mir entgegentretenden Mannigfaltigkeit,« schreibt Goethe, »wird mir

der Gedanke immer lebendiger, daß man sich alle Pflanzengestalten

vielleicht aus ~einer~ entwickeln kann. Hierdurch wird es möglich

werden, Geschlechter und Arten wahrhaft zu bestimmen ... Auf diesem

Punkt bin ich in meiner botanischen Philosophie stecken geblieben und

sehe noch nicht, wie ich mich entwirren will.«

Aber seine Gedanken wachsen immer mehr. Je weiter Goethe nach Süden

kommt, desto mehr fremdartige Pflanzen bemerkt er, die er in jedem

Garten, auf jeder Lustfahrt sammelt. »Die Botanik übe ich auf Wegen

und Stegen, ich werde immer sicherer, daß ich die allgemeine Formel

gefunden habe, die auf alle Pflanzen anwendbar ist.« Viele Versuche aus

jener Zeit sind noch erhalten; so einige Dattelpalmen, die Goethe aus

Kernen herangezogen, um ihre Entwicklung zu beobachten. Sie schmücken

noch heute als hundertjährige Goethepalmen in der Villa Malta einen der

Hügel von Rom.

Als Goethe im Frühjahr 1788 nach Weimar zurückkehrt, liegen die Lehr-

und Wanderjahre in den Naturwissenschaften hinter ihm; er ist zum

Meister gereift. Je mehr er sich der Heimat entfremdet fühlt, desto

verwandter wird ihm die Natur. »Aus Italien, dem formenreichen, war

ich in das gestaltlose Deutschland zurückgekehrt, heiteren Himmel mit

trübem zu vertauschen. Im Laufe von zwei vergangenen Jahren hatte ich

ununterbrochen beobachtet, gesammelt, gedacht, jede meiner Anlagen

auszubilden gesucht; der Natur glaubte ich abgemerkt zu haben, wie

sie gesetzlich zu Werke geht, um lebendiges Gebild als Muster alles

Künstlichen hervorzubringen ... Aber schmerzlich vermißte ich jede

Teilnahme; die Freunde, statt mich zu trösten und wieder an sich zu

ziehen, brachten mich zur Verzweiflung. Niemand verstand meine Sprache.«

Es vergingen nach der Rückkehr aus Italien noch zwei Jahre

ununterbrochenen Studierens, Beobachtens und Durchsprechens mit den

Freunden, ehe er mit seinen botanischen Ideen an die Öffentlichkeit

trat. Endlich, im Frühjahr 1790, hatte er den »Versuch, die

Metamorphose der Pflanzen zu erklären«, zugleich mit der Faustdichtung

der Öffentlichkeit übergeben. Aber die Ernte seines jahrelangen

Bemühens, zu zeigen, ~daß sich die mannigfaltigen Erscheinungen der

Flora auf ein allgemeines einfaches Prinzip zurückführen lassen~,

war ein großer entmutigender Mißerfolg. Die Fachgelehrten lehnten das

Werk Goethes als das eines außerhalb der Zunft stehenden Dilettanten

ab; sie sahen ein freches Wagnis darin, das festgefügte Gebäude des

Linnéschen Systems erschüttern zu wollen. Die Freunde überschütteten

Goethe mit gutgemeinten Warnungen, die blühenden Auen der Poesie mit

Gewächshäusern und getrockneten Herbarien zu vertauschen. Kurz, Goethe

stand einsam. »Es ist die größte Qual,« ruft er aus, »nicht verstanden

zu werden, wenn man nach großer Bemühung und Anstrengung sich endlich

selbst und die Sache zu verstehen glaubt; es treibt zum Wahnsinn, den

Irrtum immer wiederholen zu hören, aus dem man sich mit Mühe gerettet

hat.«

Das Unglück Goethes war, daß er seine Abhandlung um ein Jahrhundert

zu früh hatte erscheinen lassen, ehe es Botaniker gab, die imstande

waren, sie zu studieren und zu verstehen. Er fand zwar manche

Anerkennung, aber im großen und ganzen war seine Zeit nicht reif dafür.

Trotz aller Enttäuschungen dachte Goethe aber daran, einen zweiten

Teil der Metamorphose herauszugeben, der die erläuternden Abbildungen

und Beweise für seine neue Lehre bringen sollte. Herbarien wurden

gesammelt, Merkwürdigkeiten in Spiritus verwahrt, Zeichnungen

verfertigt, Kupfer gestochen.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 11 / 18 段