beliebige Wärmeregulierung ermöglichten. Denn von der richtigen Lösung
dieser gewiß verzwickten Aufgaben, die desto krauser und sinnloser
waren, je größer der Aberglaube war, hing ja das Gelingen oder
Mißlingen eines solchen Gebräus nicht minder ab.
Und man kann sich ferner denken, daß die Frage, in was für einem
~Gefäß~ das schreckliche Gemisch gebraut werden sollte, von nicht
geringerer Bedeutung war. Man muß einmal ein solch mittelalterliches
Destillierbuch in der Hand gehabt, all die tausend Formen der
Glaskolben, Trichter, Behälter, Flaschen usw. gesehen haben, um den
großen törichten Ernst zu begreifen, mit dem man über die Gefäßfrage
spricht. Es ist, als ob man sich plötzlich in die ~Zauberwelt~ des
Doktor Faust versetzt fühlte und man versteht, wie leicht ein solcher
Kräutersammler in jenen Tagen in den gefährlichen Ruf kommen konnte, er
pflege Umgang mit den Hexen, und der Teufel sei allabendlich bei ihm
zu Gaste, um in seltsam geformten Gläsern Höllengetränke zu brauen.
Es soll indessen nicht geleugnet werden, daß ein solcher Ruf dem
Destillator beim abergläubischen, Heilung suchenden Volk nur -- nützte.
Je größer der zauberische Glorienschein war, den eine abergläubische
Menge um sein Haupt wob, je mehr Zulauf hatte er. Man hoffte zwar auf
Gott, aber man glaubte an den Teufel.
* * * * *
Dies ist das Bild des ~sagenhaften Faust inmitten seiner
Tätigkeit~, desselben Doktor Faust, über den ungefähr dreitausend
Bücher geschrieben worden sind und dem Goethe durch seine herrliche
Dichtung die Unsterblichkeit gesichert hat.
Seit Jahrhunderten hat diese Figur die Dichter und Historiker in gleich
starker Weise angezogen und die Sage, die sich schon früh um Doktor
Faust gebildet hat, ist eine der tiefsten und großartigsten aller
deutschen Sagen, die uns den Glauben an ein Bündnis zwischen Mensch und
Teufel lebendig veranschaulicht.
[Illustration: Doktor Fausts Geburtshaus zu Roda.]
Mit zwei Wurzeln hat sich die Sage gleichsam in das Herz des Volkes
gegraben. Es waren ~erstens~ die Reste der ältesten Mythologien,
die im Faust verewigt waren; denn die meisten Erzählungen von Fausts
Taten und Erlebnissen, wie sie das Volksbuch uns erhalten hat, sind
nur umgestaltete Götter- und Elfensagen. Aber es war nicht nur dieser
mythologische Gehalt, der das Volk an der Faustsage anzog, sondern
~zweitens~ der philosophische und theologische Inhalt. Die
Frage nach der Existenz Gottes, der Unsterblichkeit der Seele, der
Weltschöpfung usw. beschäftigte die Gemüter damals weit mehr und
tiefer als heute. Im Doktor Faust war nun eine Figur gebildet, in der
alles das zum Ausdruck kam, was damals das Volk bewegte. Faust lehnt
sich gegen Gott auf; er verbindet sich mit der Hölle, um durch sie zu
erlangen, was der Himmel ihm versagt hat. Denn damals glaubte man ja
noch, daß der Teufel sein Unwesen persönlich auf Erden treibe. Doktor
Faust übergibt sich dem Teufel, weil er an der ewigen Seligkeit
zweifelt; er streitet mit Mephistopheles über Weltentstehung und
Weltuntergang, über den Bau des Himmels, den Lauf der Gestirne, die
Beschaffenheit der Hölle, den Zweck und Sinn des menschlichen Lebens.
Kurz, im Volksbuch der Faustsage wird alles das ~ausgesprochen~,
was sonst der mittelalterliche Mann aus dem Volke kaum zu denken
wagte, und gerade deshalb haben die Dichter immer wieder diese Sage
bearbeitet, weil sie in ihr alles niederlegen konnten, was sie selber
im tiefsten Innern bewegte.
~Historisch~ ist an Faust das Folgende:
Er lebte etwa von 1480 bis ungefähr 1545. Sein Vorname war weder
Heinrich, wie Goethe ihn nennt, noch Johann, wie er gewöhnlich in
der Sage genannt wird, sondern ~Georg~. Viele Forscher nehmen
an, daß er aus Knittlingen im Württembergischen stammte und daß er
sich in Ingolstadt eine gediegene Bildung erwarb. Er befand sich ums
Jahr 1507 in Ingolstadt, dann in Gelnhausen, Würzburg und zuletzt in
Kreuznach, wo ihm Franz von Sickingen -- der in Goethes »Götz von
Berlichingen« verewigt ist -- eine Schulmeisterstelle anvertraute.
Faust erwies sich aber der Stelle als unwürdig. 1513 war er in Erfurt,
wo er nach einigen Jahren ausgewiesen wurde. 1520 war er in Bamberg,
wo er gegen ein Geldgeschenk dem Bischof Georg III. sein Schicksal aus
den Sternen prophezeite. Dann zog er nach Heidelberg, wo er sich bis
etwa 1525 aufhielt. Später begegnen wir ihm in Wittenberg, von wo er
hinausgetrieben wird, endlich wieder in Ingolstadt als Zahnbrecher,
wo ihm das gleiche Schicksal widerfährt. Besser ging es ihm beim
Erzbischof von Köln: Hermann von Wied. Doktor Faust soll endlich zu
Staufen im Breisgau als Sechziger eines plötzlichen, gewaltsamen Todes
gestorben sein.
Er war als ein gewaltiger Prahler verschrien und zog als
Hokuspokusmacher und Arzt, in der Weise, wie wir ihn bereits
geschildert haben, von Stadt zu Stadt. Denn allzulange duldeten ihn
die wohlweisen Magistratspersonen nie in ihren Mauern. Er nannte sich
den Philosoph aller Philosophen, rühmte sich in Würzburg, daß er
alle Wunder Christi vollbringen könne, so oft es verlangt werde; in
Wittenberg, daß er in den Himmel fliegen könne und daß er in Krakau
alle Künste der Magie erlernt habe. Die Schlacht bei Pavia und die
Eroberung Roms seien den Italienern nur geglückt, weil er ihnen durch
seine Zaubermacht geholfen habe.
Leichtgläubig wie das Volk war, wurden viele seiner Aufschneidereien
für bare Münze genommen und als vollbrachte Tatsachen weitererzählt.
Alle Zaubergeschichten, die damals reichlich im Umlauf waren,
wurden auf seine Person übertragen und viele andere wurden ihm
noch angedichtet. Sie machten ihn berühmt und zugleich berüchtigt.
Da aber solche Zaubereien, wie Faust sie vollbracht haben wollte,
nach Annahme des abergläubischen Volkes nur mit Hilfe des Satans
auszuführen waren, so erzählte man sich, Faust habe ein Bündnis
mit dem Teufel geschlossen, der ihn in Gestalt eines Pudels -- daß
Faust einen Pudel hatte, wird historisch verbürgt -- begleitet und
schließlich auf schreckliche Weise ums Leben gebracht und seinen
Leichnam auf den Mist geworfen habe. Auf diese Weise hat die Phantasie
des Volkes Fausts im Dunkel liegendes Leben ausgeschmückt und es
entstand die ~Faustsage~, die bereits fünfzig Jahre nach Fausts
Tod in voller Blüte steht. In ihr ist Faust bereits zum Vertreter der
mittelalterlichen Zauberer erhoben und durch seinen Namen werden die
verschiedensten Sagen und Märchen wie durch ein Band zusammengehalten.
Faust, so erzählt das älteste Volksbuch, das uns schon ganz ins
Sagenhafte führt, war gebürtig aus Roda bei Weimar. Seine Eltern waren
arme, fromme Bauersleute; aber sein Onkel zu Wittenberg war reich,
und da er keine Kinder besaß, nahm er Faust an Sohnes Statt an. Da
geriet er aber in schlechte Gesellschaft und begann Zauberschriften
zu studieren, die lauter Beschwörungsformeln und magische Figuren
enthielten: »Buch Mosis und dreifacher Höllenzwang«, »Mächtige
Beschwörung der höllischen Geister«, »Hauptzwang der Geister zu
menschlichen Diensten«, »Das Geheimnis der heiligen Gertrudis zur
Erlangung zeitlicher Schätze und Güter« und viele andere. Er ward
Kräutermann, Goldmacher, Destillator, Sterndeuter und Arzt. Nun lernte
er Zaubern und Geisterbeschwören und als er es gut verstand, begab
er sich eines Abends in den Spessart, um -- wie er behauptete -- den
Teufel anzurufen. Auf einem Kreuzwege zog er Zauberkreise um sich her
und begann die fürchterliche Beschwörung. Da erhob sich ein mächtiges
Getöse, die Bäume bogen sich bis zur Erde, und der Mond verbarg sich
hinter vorbeieilenden Wolkenfetzen. Es donnerte gewaltig, während die
wilde Jagd vorüberzog. Pfeile wurden von unsichtbarer Hand auf Faust
abgeschossen, und es erklang eine liebliche Musik. Gesang ertönte, und
als Faust aufblickte, gewahrte er eine Menge tanzender Teufel, die mit
ihren höllischen Schwertern klirrten und mit Spießen um sich warfen.
Als dieser Höllenlärm vorüber war, beschwor Faust den Teufel zum
zweitenmal und nun erschien über Fausts Haupt ein giftspeiender Drache.
Vom Himmel fiel ein Stern herab, der sich in eine feurige Kugel
verwandelte und nachdem Faust diese dreimal beschworen hatte, nahm
sie die Gestalt eines feurigen Mannes an; der ging eine Viertelstunde
stumm um Fausts Zauberkreis herum, verwandelte sich endlich in einen
grauen Mönch und fragte nach Fausts Begehr. Faust bestellte ihn für die
folgende Nacht um zwölf Uhr zu sich, doch forderte ihn der Teufel aufs
neue auf, zu schwören, daß er dem Fürsten der Hölle ergeben sein wolle.
Um Mitternacht fordert Faust vom Teufel, daß er ihm bis an seinen
Tod diene, alle seine Wünsche erfülle, unsichtbar in seinem Hause
walte und wenn er erscheine, daß er dann die Gestalt und Kleidung
eines Franziskanermönches annehme. Dagegen verlangt Mephostophiles,
Faust solle sich ihm mit seinem Blute verschreiben, den christlichen
Glauben ableugnen, aller Christen Feind sein, sich nie bekehren und
nie heiraten. Faust stellt diese gotteslästerliche Verschreibung
aus, fordert darin aber ausdrücklich, daß der Teufel vor allem
seinen Wissensdurst befriedigen müsse, den Gott nicht gestillt habe.
Mephostophiles (oder Mephistophiles, auch Mephistopheles) bringt
Speisen, Wein und Kleider für Faust und dessen Famulus Wagner; außerdem
erhält Faust vom Teufel wöchentlich fünfundzwanzig Kronen Taschengeld.
Wie widersinnig dieser ganze Teufelsglaube war und was es mit der
Zauberei auf sich hatte, ersieht man schon aus diesem kärglich
bemessenen Taschengeld. Denn wenn Faust hätte zaubern können, hätte er
auch nicht diese jämmerlichen fünfundzwanzig Kronen des Satans nötig
gehabt. Was konnten wohl für so einen mächtigen Zauberer fünfundzwanzig
Kronen in der Woche bedeuten? Und daß anderseits Faust für Speise,
Trank und Kleidung allein seine Seligkeit verkauft hätte -- abgesehen
davon, daß auch dies ein abergläubischer Unsinn ist --, dazu wird Faust
als ein viel zu weiser und wissensdurstiger Mann geschildert.
Das erste ist, berichtet die Sage, daß Faust dem bösen Geiste eine
Reihe theologischer, philosophischer und naturwissenschaftlicher
Fragen vorlegt, Fragen über die Beschaffenheit der Hölle, über die
Macht des Satans, über Luzifers Verstoßung aus dem Himmel, über die
Weltschöpfung, den Bau des Himmels und der Gestirne, über den Wechsel
der Jahreszeiten, die Mephostophiles dem Vertrage gemäß beantwortet. Um
sich weiter zu unterrichten, unternimmt Faust drei Reisen, eine in die
Hölle, die zweite durch den Wolken- und Sternenhimmel, die dritte durch
die meisten Reiche der Erde; die Hölle selbst sieht Faust freilich
nicht; er lernt sie nur in einem Traumgesicht kennen, das der Teufel
ihm vorgaukelt.
Nun beginnt Faust seine Zauberkunststücke, die aber allesamt
ebenfalls wieder im Widerspruch stehen mit dem Faust, der das höchste
Wissen der Menschheit zu umfassen sucht. Seine Zaubereien sind --
wie man gleich sehen wird -- weiter nichts, als zeitvertreibende
Taschenspielerkunststückchen, ganz unwürdig dieses groß angelegten
Faust. Man sieht nur, daß das Volk, das Faust diese Zaubersagen
angedichtet, gar nicht darüber nachgedacht hat, daß ein solcher
Mensch sein Seelenheil nicht preisgegeben hätte, nur um das Volk zu
unterhalten und durch Schelmereien zu belustigen.
Zu Innsbruck beschwor Faust Alexander den Großen und dessen Gemahlin
aus der Unterwelt herauf und führte sie Karl dem Fünften vor. Diese
Geistererscheinungen, wie alle anderen Zaubereien Fausts, die nur
auf einer geschickten Täuschung beruhen, werden ja noch heute einem
gutgläubigen Publikum gezeigt. Dort zauberte Faust auch einem Ritter,
der aus dem Fenster schaute, ein Hirschgeweih an, so daß der seinen
Kopf weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnte. Erst als der ganze
Hof den Ritter verlacht hatte, löste Faust den Zauber. Wie Faust später
den kaiserlichen Hof verließ, zog ihm der Ritter mit sechs Reitern
nach, um Rache an ihm zu nehmen; da eilte Faust in ein Gehölz am Wege,
und als er wieder heraustrat, schien seinen Verfolgern das ganze Gehölz
voll geharnischter Ritter; sie flohen, aber sie wurden umringt und
ergaben sich. Faust ließ sie aber frei; doch zauberte er den Menschen
Ziegenhörner und den Pferden Kuhhörner an, die sie einen Monat lang
tragen mußten.
Vor Gotha verschlang Faust einst einem Bauer ein Fuder Heu nebst dem
Wagen und den Pferden; doch als der zu Tode geängstigte Bauer beim
Bürgermeister Klage führte und zum selben Platz zurückkam, standen
Wagen und Pferde unversehrt da. Ebenso machte es Faust einmal bei
Zwickau.
Drei Grafen, die in Wittenberg studierten, führte Faust mit Hilfe
seines Zaubermantels in einer Nacht nach München und wieder zurück.
Sie schauten dort der Hochzeit zu, welche der Sohn des Fürsten hielt,
doch Faust hatte ihnen verboten, ein Wort zu sprechen. Als nun der eine
sprach, wurde er gefangen genommen und eingekerkert, während Faust mit
den andern davonflog.
Von einem Wechsler lieh Faust einst sechzig Taler auf einen Monat. Als
die Frist vorüber war, bot er, da er noch nicht zahlen konnte, dem
Wechsler zur größeren Sicherheit sein Bein zum Pfande. Der Wechsler
nahm das Bein, das Faust sich abgesägt hatte, und warf es, weil ihm
das Tragen lästig wurde und weil er einen Prozeß fürchtete, in einen
Fluß. Nach drei Tagen wollte Faust das Pfand einlösen; da der Wechsler
den Fuß aber nicht mehr beschaffen konnte, ging er seiner Forderung
verlustig und mußte noch sechzig Taler dazu bezahlen. Faust hatte
natürlich nach wie vor seinen Fuß; alles war nur augenverblendende
Schwarzkunst.
Auf einem Jahrmarkte verkaufte Faust einem Roßtäuscher ein Pferd für
vierzig Gulden; doch als dieser es in die Schwemme ritt, verwandelte
es sich unter ihm in ein Bündel Stroh. Er eilte zu Faust zurück,
der scheinbar schlafend auf seinem Bette lag, zog ihn am Bein, aber
kaum hatte er ein wenig daran gezerrt, so hatte er es auch schon
ausgerissen. Erschrocken entfloh der Roßtäuscher, doch Faust, der ihn
nur verblendet hatte, lachte sich krumm und schief. Ebenso verkaufte
Faust ein andermal fünf Schweine für dreißig Gulden; aber als sie der
Käufer, trotz der Warnung Fausts, ins Wasser getrieben hatte, schwammen
nur fünf Strohbündel darin herum.
Das Geld, mit dem Faust seine wüsten Zechereien bezahlte, pflegte sich
einige Tage später stets in Kot oder in Hornspäne zu verwandeln.
Zu Wittenberg sah unser Schwarzkünstler einst, wie sich zwölf Studenten
vor seinem Hause miteinander stritten. Er verblendete ihnen die Augen
und sie schlugen nun, ohne sich gegenseitig zu erkennen, wütend
aufeinander los.
Bei einem tollen Zechgelage zauberte Faust einst im Winter einen
Rebstock auf den Tisch, der voll reifer Trauben hing. Niemand sollte
die Trauben abschneiden, ehe Faust das Zeichen gegeben hätte. Begierig
faßte jeder mit der einen Hand eine Traube und mit der anderen ein
Messer; da entzauberte Faust ihre Augen und sie erkannten, daß jeder
nahe daran war, die Nase seines Nachbars abzuschneiden.
Als Faust einst in einer Schenke das Singen und Schreien der Bauern
verdroß, machte er, daß ihnen plötzlich der Mund weit aufstand und sie
kein Wort zu sprechen vermochten, bis er sie wieder entzauberte. -- Zu
Heilbronn bezauberte er die Kühe auf gleiche Weise, deren Muhen ihn
verdroß.
Beim Grafen von Anhalt ließ Faust einst im Januar durch seinen Geist
auf Wunsch der Gräfin Obst herbeischaffen, das er innerhalb einer
halben Stunde aus den fernsten Ländern herbeiholte. Auch baute er dort
über Nacht ein Zauberschloß, in welchem er den Grafen und noch viele
Gäste herrlich bewirtete. Doch als sie aufbrachen, ging das Schloß in
Flammen auf und sie hatten allesamt Hunger, als ob sie nichts gegessen
hätten.
An Fastnacht fuhr Faust mit Studenten einmal auf einer Leiter in den
Keller des Salzburger Bischofs, wo sie allerlei Weine tranken.
Am weißen Sonntage führte Faust den Studenten die griechische Helena
vor, deren Schönheit sie dermaßen entzückte, daß beschlossen ward, sie
tags darauf malen zu lassen. Zu Erfurt, wo Faust Vorlesungen hielt
über Homer, beschwor er einst die Helden der Ilias und der Odyssee und
führte sie den Studenten vor. Als diese aber den schrecklichen Riesen
Polyphem herkommen sahen, der nur mitten in der Stirn ein Auge hatte,
das er furchtbar rollte, bekamen die Studenten eine Heidenangst; Faust
lachte sich aber halbtot.
Bei Braunschweig begegnete Faust einst einem Bauern, der einen leeren
Wagen mit vier Pferden führte. Faust bat ihn, sich aufsetzen zu dürfen
und da der Bauer ihm dies verweigerte, ließ er die vier Räder des
Wagens an die Stadttore Braunschweigs fliegen und die Pferde wie tot
niederstürzen. Als der Bauer jedoch auf den Knien um Verzeihung bat,
hieß ihn Faust Erde auf die toten Pferde werfen; alsbald erhoben sie
sich wieder unverletzt und auch die Räder saßen wieder an den Achsen.
Zu Neu-Ruppin pflegte Faust abends mit den Bürgern, die ins Wirtshaus
kamen, Karten zu spielen und zu würfeln. Er hatte Pferdefüße und gewann
sehr viel.
Als Faust in Leipzig mit mehreren Studenten an einem Weinkeller
vorüberging und die Küfer verhöhnte, welche sich vergeblich mühten, ein
Faß von achtzehn Eimern Inhalt heraufzuwinden, versprach der Besitzer
demjenigen das Faß Wein als Eigentum, welcher es allein heraufschaffen
könne. Da setzte sich Faust auf das Faß, als sei es ein Pferd und ritt
damit zum Keller hinaus. Es gibt einen Vers auf dieses Zauberstück, der
lautet:
»Der Doktor Faust zu dieser Frist
Aus Auerbachs Keller geritten ist
Auf einem Faß mit Wein geschwind,
Welches gesehn viel Mutter -- Kind;
Hat's durch sein subtil Kunst getan,
Des Teufels Lohn empfangen davon.«
In Erfurt wohnte ein Junker, der mit Faust befreundet war. Als dieser
Junker bei einem Gelage mit mehreren Freunden Fausts zusammensaß,
rief einer im Scherz Faust herbei, der sich gerade am kaiserlichen
Hof in Prag aufhielt. Alsbald erschien Faust, von Mephostophiles
begleitet, der sich in ein geflügeltes Roß verwandelt hatte. Während
des Zechens fragte er jeden Anwesenden, was für Wein er trinken wolle,
darauf bohrte er vier Löcher in den Tisch und es flossen daraus die
verschiedensten Weinarten. Gegen Morgen eilte er wieder durch die Lüfte
nach Prag. Noch bis vor kurzem wurde in Erfurt das Haus gezeigt, wo der
mit Faust befreundete Stadtjunker wohnte.
Später einmal lud Faust dieselben Freunde in Erfurt zu einem Gastmahle
zu sich. Als sie angekommen waren, sahen sie noch keine Vorbereitungen
zur Bewirtung. Da schlug Faust mit einem Messer auf den Tisch und es
trat ein Diener herein, welchen Faust fragte, wie schnell er sei. Der
antwortete: Wie ein Pfeil. Das schien Faust zu langsam und er entließ
ihn darum; es kam ein zweiter, schnell wie der Wind, der auch entlassen
wurde; erst der dritte, welcher so schnell war, wie der Gedanke des
Menschen, schaffte bald die herrlichsten Speisen und Getränke in Hülle
und Fülle herbei.
Ein andermal soll er vierzigtausend Höllengeister zu seiner Bedienung
beschworen haben, fand aber keinen flink genug.
In Frankfurt traf Faust während der Messe einst mit vier Gauklern
zusammen, welche einander die Köpfe abschlugen und wieder aufsetzten.
Sobald ein Kopf vom Körper getrennt war, wuchs aus einem dabeistehenden
Gefäß voll gereinigten Wassers eine Lilie, welche die Wurzel des Lebens
hieß. Faust bemerkte das und durchschlitzte die Lilie, welche eben
wieder emporschoß, heimlich mit einem Messer; da versuchten die drei
Zauberer vergeblich, ihrem vierten Gesellen den Kopf wieder aufzusetzen.
Zu Straßburg bewährte sich Faust als vortrefflicher Schütze; selbst
nach dem Teufel schoß er, der oft laut aufschrie.
Wenn Faust reiste, mußten ihm die Geister vorn, hinten und zu beiden
Seiten den Weg pflastern. Zu Regensburg war es seine größte Freude, auf
der Donau Kegel zu schieben und Fische zu fangen.
Als er einst am Karfreitag in Jerusalem war, befahl er dem Teufel,
drei Ellen Leinwand zu bringen und ganz Portugal darauf zu malen, so
daß man jedes Haus sehen könne. Dies hatte Mephostophiles in wenigen
Augenblicken getan, und nun befahl ihm Faust, Christus am Kreuz
abzumalen, aber nichts daran zu vergessen, besonders nicht den heiligen
Namen. Das konnte Mephostophiles nicht; darum verblendete er die Sinne
Fausts und malte statt Jesum eine Venus, auf die Faust zustürzte,
wodurch er denn endgültig der Hölle verfallen war.
Im siebzehnten Jahre seines Bundes mit dem Teufel mußte sich ihm Faust
aufs neue verschreiben, weil er sich von einem frommen Manne fast hätte
bekehren lassen.
Im neunzehnten Jahre lud Faust einst um die Weihnachtszeit eine
Gesellschaft fröhlicher junger Menschen in seinen Garten zu Wittenberg
und zur Verwunderung der Gäste grünte und blühte alles und nirgends war
zu erkennen, daß es Winter war.
Neben Mephostophiles hatte Faust noch einen dienstbaren Geist namens
Prästigiar, der die Gestalt eines schwarzzottigen Hundes hatte. Diesen
lieh er einst einem Abt in Halberstadt auf drei Jahre; doch schon nach
dem ersten Jahre starb der Abt im Wahnsinn.
Auf einem Bergschloß in der Nähe von Heilbronn (Boxberg) streckte Faust
einst seine Hand nach dem Regenbogen aus, der am Himmel stand. Da
senkte sich der Regenbogen immer tiefer und tiefer herab, bis ihn Faust
ergriff und festhielt. Er erbot sich, auf ihm zum Himmel zu reiten,
doch als die Anwesenden sich's verbaten, ließ Faust den Regenbogen los,
der wieder an seinen Platz zurückschnellte.
Auf einer Reise nach Wittenberg verschlang Faust in einem Wirtshause
den Aufwarteburschen, der ihn nicht rasch genug bediente, und trank
darauf einen großen Kessel voll Wasser. Nachher fand man den Burschen
tropfnaß hinter dem Ofen im Schwenknapf liegen, wo er zum Gaudium der
Gäste am Kragen herausgezogen wurde.
Bei einem Bankett, das Kaiser Maximilian einmal gab, verwandelte Faust,
um seine Dankbarkeit zu bezeigen, das Schlafzimmer des Kaisers eines
Morgens in einen Zaubergarten. Man hörte Nachtigallen singen, die Amsel
und die Wachtel schlugen fröhlich, Papageien schwatzten durcheinander.
Indische Hähne und Hennen liefen herum, Rebhühner, Haselhühner,
Kraniche, Reiher, Schwäne und Störche. Man sah Laub und Gras und die
seltensten Blumen; Narzissen und Rosen prangten ringsum. Der Garten
war bestanden mit Granaten-, Pomeranzen-, Limonien-, Zitronen- und
Feigenbäumen; Kirsch-, Birn- und Äpfelbäume wuchsen bunt durcheinander.
Orangenbäume trugen Datteln, Tannenbäume trugen Aprikosen,
Kastanienbäume trugen Pfirsiche. Schmucke Tauben flogen gurrend hin und
her und belebten das zauberschöne Bild. Allein nach etwa einer Stunde,
ehe man sich's versah, fingen die Blätter an den Bäumen an zu welken,
die strotzenden Früchte fielen herab und verdorrten, Blumen schrumpften
zusammen und bald kam ein Windstoß zum Gemach herein, der wehte alles
herab, so daß der köstliche Zauber in einem Augenblick verschwunden war
und alle Gäste nun vermeinten, sie hätten bloß geträumt.
Bei einem anderen Zechgelage mit Studenten ließ Faust einmal neben
vielen Braten auch einen schönen, großen, gebratenen Kalbskopf
auftragen. Er bat einen der Studenten, den Kopf zu zerlegen. Als dieser
nun das Messer ansetzte, fing der Kalbskopf mit lauter Stimme an zu
sprechen: »Mordio! Helfio! Auweh! Was hab' ich dir getan, du elender
Rotzlöffel!«
Ein andermal ließ Faust während einer Tafel Wolken heraufziehen, und
als sie sich teilten, leuchteten die Sterne hindurch; nach einer Weile
türmte sich neues Gewölk auf, die Sonne begann heftig zu blenden, so
daß alle Anwesenden sich bekreuzten; ein Regenbogen wölbte sich vor
der Tafel des Kaisers; bald verschwand er wieder und es folgten Blitz,
Donner, Hagel und strömender Regen. Die Gäste flohen entsetzt, obwohl
keiner Schaden gelitten hatte.
Einem Freiherrn, der bei Eisleben wohnte, schuf Faust einen Lustwald
voll Nachtigallen, Drosseln, Fasanen und Papageien; einige von den
Vögeln verkündeten die Zukunft; als Faust aber gestorben war, flogen
sie alle wieder davon.