Als sie oben auf dem Scheiterhaufen stand und nun die Menge und die

Stadt überblickte, sagte sie nur: »O Rouen, ich habe große Angst,

daß du um meinen Tod zu leiden haben wirst!« Nach dem Brauche des

katholischen Mittelalters wurde sie nun an den Pfahl gebunden, und man

setzte ihr die Ketzermütze auf, auf der die Worte standen: »Ketzerin,

Rückfällige, Abtrünnige, Götzendienerin.« Nun zündete der Henker den

Holzstoß an. Johanna sah es und stieß einen Schrei aus. Der Priester

Ladvenu, der mit ihr hinaufgestiegen war, ermutigte sie; sie aber

dachte gar nicht mehr an sich, sondern nur an die Gefahr, der sich der

Priester aussetzte; sie hieß ihn hinabsteigen.

Und jetzt, in diesem schrecklichen Augenblick, trat Cauchon an den Fuß

des Scheiterhaufens und drang noch einmal in die Unglückliche, um ein

Geständnis zu erhalten. Umsonst. Sie wiederholte nur, was sie diesem

Bischof schon am Morgen gesagt hatte: »Bischof, ich sterbe durch Euch.

Mein König ist an dieser Tat unschuldig.«

Die Flamme züngelte empor. Und schon von den Flammen umlodert, rief sie

noch: »Meine Stimmen waren von Gott; meine Stimmen haben mich nicht

betrogen.« Aber als sich immer mehr Rauch entwickelte, vernahm man nur

noch den Schrei »Jesus!« dann war sie still für alle Ewigkeit ...

Zehntausend Menschen weinten. Nur ein paar besonders rohe Engländer

lachten. Einer von ihnen hatte geschworen, eigenhändig ein Bündel

Reisig zu den Flammen zu tragen; in dem Augenblick, als er es in die

Lohe warf, gab Johanna den Geist auf. Der Soldat fiel um, und die

Kameraden führten ihn in eine nahe Schenke, um ihn zu erfrischen. Er

war ganz außer sich und sagte: »Als Johanna ihren letzten Seufzer tat,

habe ich eine Taube aus ihrem Munde fliegen sehen.« Er erholte sich

nicht mehr und starb bald darauf. Der Henker war ebenfalls entsetzt; er

beichtete am Abend dem Priester Isambart, aber er fand dennoch keine

Ruhe und konnte nicht glauben, daß Gott ihm je vergeben werde. Und

ein Sekretär des Königs von England sagte, als er von der Hinrichtung

zurückgekommen war, das, was wohl alle heimlich empfanden und dachten,

aber nicht auszusprechen wagten: »~Wir sind verloren, denn wir haben

eine Heilige verbrannt!~«

Alle, die an der Verurteilung der Jungfrau beteiligt waren, sind denn

auch bald darauf eines elenden Todes gestorben oder verschollen, und

die noch Überlebenden, die mitschuldig waren, ließ der Sohn Karls VII.,

Ludwig XI., gefangennehmen und denselben Tod erleiden, den Johanna

erlitten hatte.

Dem armen Vater Johannas brach bei der Kunde vom qualvollen Tode seines

heldenmütigen Kindes das Herz; er starb bald. Die Mutter zog nach

Orleans, wo sie von der Stadt bis zu ihrem Tode eine Leibrente erhielt.

Zwanzig Jahre nach dem Tode Johannas wurde auf Ansuchen der Mutter und

der Verwandten der Prozeß der Rehabilitation vorgenommen. Im Juli 1456

wurde zu Rouen ihre Ehrenrettung ausgesprochen; der Papst Pius IX.

hatte sie genau vierhundert Jahre später selig gesprochen, und somit

war die Prophezeiung erfüllt, die König Karl in Schillers »Jungfrau

von Orleans« ausspricht: »Selig preisen sollen sie die spätesten

Geschlechter«. Nun ist Johanna im Jahre 1909 heilig gesprochen worden

und somit hat sich auch jene andere Prophezeiung Schillers erfüllt:

»Ihr Name soll dem heiligen Denis

Gleich sein, der dieses Landes Schützer ist,

Und ein Altar sich ihrem Ruhm erheben.«

Der Doktor Faust.

Wir sind im Zeitalter des Hans Sachs, und es ist Kirchweihwoche.

Auf einer großen Wiese vor dem Städtchen haben fahrende Händler,

Kesselflicker, Korbflechter, Bettelmusikanten und Tanzbärentreiber

ihre Buden und Zelte aufgeschlagen. Allerhand Wunderdinge werden hier

zur Schau gestellt. Betrunkene rohe Bauern mischen sich unter die

Pandorenspieler und Dudelsackpfeifer; Akrobaten stehen auf dem Kopf,

Kunststückmacher ziehen sich lebendige Schlangen aus den Nasenlöchern,

Degenschlucker zeigen ihre blendenden Künste, Gaukler lasen ihrem

Munde Fontänen entsteigen. Man sieht bärtige Weiber, Ichneumons,

Nashörner, Dromedare. Die Kaufleute machen einen Höllenlärm und

bieten ihre grellfarbigen Waren an; sie schreien wild und zwecklos

durcheinander. Oder sie blasen mit vollen Backen auf der Querpfeife

und schlagen die Pauke, oder sie tanzen auf einem dicken Seil, das

höchstens zwei Meter über der Erde ausgespannt ist. Um den Bärentreiber

schart sich die gaffende Menge. Plötzlich taucht der Hanswurst auf. Er

schlägt den Leuten auf die Köpfe und treibt sie wie das liebe Vieh zu

einer anderen Bude hin, zur Bude des Wundermannes.

Der hat ein feuerrotes Gesicht, das dick aufgedunsen ist, weißblondes

Haar und eine kahle Platte -- das Zeichen der großen Gelahrtheit.

Er trägt einen sonderbaren Spitzenkragen und ungewöhnlich rote

Pluderhosen; Bänder hängen daran herunter, wie an einem Erntekranz.

Ein Dutzend Ehrenketten beschweren das schwarzsamtene Wams, das nach

venetianischem Schnitt gearbeitet ist; seine Finger sind mit unzähligen

Ringen bedeckt, und jeden Ring ziert eine besonders große Kamee, die

von einem Grabstein geschnitten ist. Er trägt einen prachtvollen

türkischen Dolch, und rings um seine Hüften baumelt, wie bei einem

Wilden des Urwalds, ein Kranz mannigfacher zauberkräftiger Anhängsel.

So steht er da und schreit und haut in die Luft und wirft eine Menge

lateinischer Brocken ins Volk. »Er kann reden wie ein Arzt«, heißt das

Sprichwort jener Tage. Er spricht etwas von der Stellung der Gestirne,

vom Pulsschlag und Perpendikel, von Blut und Hexen, von Zauberei

und vom Satanas. Nach jedem Satze reißt sein Diener, der Hanswurst,

schlechte Witze, um die Gaffer bei guter Laune zu erhalten. Und erst

wenn genug Leute vor der Bude herumstehen, nimmt der Wundermann sein

großes »Zeugenbuch« hervor: »Da leset, wie ich in Spanien, Frankreich,

Rom und dahinten in der Türkei geehrt worden bin! Hier haben sie

alle ihre Namen hingemalt, die Bischöfe und Fürsten und der Teufel

weiß, wer noch. Hier seht ihr, wie sie vor ihrer Heilung ausgesehen

haben; hier seht ihr die geschwollenen Wangen, bleichen Gesichter

und verzerrten Stirnen leibhaftig abkonterfeit. Und ich, ich habe

sie kuriert; ich allein; ich, der größte Zauberer der beiden Welten;

ich, der größte Hexenmeister und Totenbeschwörer, der geschickteste

Wetterbanner und gesuchteste Wunderdoktor, den die Erde je getragen

hat! Ich, Doktor Faust, des Teufels Freund und der Meister der Hölle!«

Wenn er nur so spräche, würde man ihn noch bescheiden nennen müssen;

aber er prahlt gewöhnlich das Blaue vom Himmel herunter. Und wenn

er nur den tausendsten Teil von dem leistete, was er zu leisten

verspricht, dann wäre der Teufel noch immer ein Stümper gegen ihn.

Woher sollte er auch seine Kenntnisse haben?

Der Arzt des Mittelalters studierte nicht Anatomie, sondern Alchimie:

Die Kunst, Gold zu machen; nicht Physiologie, sondern Astrologie: Die

Kunst, aus den Planeten wahrzusagen; anstatt Menschen gesund zu machen,

machte er Kalender. Anstatt nach dem Wo und Wie der Krankheit zu

sehen, sah er nach dem Mond und seinen Stellungen; bevor er seinen Rat

erteilte, schaute er erst nach den Sternen und dann nach dem Urin.

Er beobachtete sorgfältig die Himmelskörper, ihre Bewegungen, ihren

Stand und deutete diese Verhältnisse auf die Schicksale der unter

diesen Gestirnen Geborenen. In der Tat geschieht auch kein bedeutendes

Ereignis, das er nicht durch vorangehende Zeichen und Himmelswunder

ankündigen zu können behauptet. Kometen gelten als Botschafter des

erzürnten Gottes, die den Menschen allerhand Strafen und Plagen

andeuten. Befinden sich die Kometen beispielsweise beim Saturn, dann

erfolgt Pest, Unfruchtbarkeit und Verrat.

Diese Sterngucker, Geheimniskrämer und Wunderärzte kamen, wie die

Heuschreckenplage, hauptsächlich von England in alle übrigen Länder.

Der eine macht mit seinem Wunderstein großes Aufsehen, an dem er die

Patienten lecken läßt, worauf sie angeblich sofort gesund werden.

Der andere hext mit seiner wunderbringenden Salbe Blinde sehend und

Lahme gehend und er gibt vor, einen Trank brauen zu können, der ein

Fortleben in Ewigkeit sichert. Der Dritte berührt nur die Kranken und

sofort verschwinden die Schmerzen, die Kröpfe schrumpfen zusammen

und Skrofulöse sind gesundet. Er speit den Tauben in die Ohren und

sofort hören sie; er gibt den Zahnleidenden eine Ohrfeige, daß die

kranken Zähne nur so herausfliegen. Der Vierte macht aus dem Kot

der verschiedensten Tiere Rezepte, mittels deren er alle und alles

heilt. Der Fünfte verwandelt Metalle und glaubt an die mit Blut

unterschriebenen Verträge zwischen Mensch und Satanas, zwischen Hexe

und Teufel.

Kein Wunder, daß dieser Aberglaube so verbreitet war, nachdem die

Kaiser und Könige selbst mit gutem Beispiel vorangingen. König

Jakob von England, Maria Stuarts Sohn, schrieb ein Zauberbuch. Karl

V., Maximilian II., Kurfürst Joachim I. gaben ihren Goldmachern

reichliche Beschäftigung, denn ihre Verschwendungssucht erheischte

immer neue Geldmittel. Heinrich VI. und Rudolf II. standen selbst in

den Laboratorien ihrer Dunkelmänner, Gold machend und Lebenselixiere

brauend. Man hatte an den Höfen seine Sterndeuter und Alchimisten, wie

man seine Hofnarren hatte; nur daß die Narren meistens klüger waren als

die Goldmacher.

Viele dieser Ärzte zogen aber auch von Ort zu Ort, von Markt zu

Markt. Und diese Gestalt des herumziehenden Wunderdoktors hat sich

noch mehrere Jahrhunderte hindurch erhalten; denn Abraham a Santa

Clara, der große satirische Prediger, der am Ende des siebzehnten

Jahrhunderts gelebt hat, kennt diese Wundermänner ebenfalls noch aus

eigener Anschauung. Er gibt folgende Schilderung von ihnen: »Man findet

unter diesen Leuten sehr liederliche und nichtsnutzige Gesellen, die

sich auf das Lügen und Betrügen stattlich verstehen, absonderlich

viel aus denselbigen, die auf allen Märkten und Kirchweihen ihre

Stände aufschlagen und ihrem Sinne nach mit etlichen Brettern eine

Universität aufrichten, wo sie den Bauern und dem gewöhnlichen Volk

mit ihren grundlosen Predigten das Geld aus dem Beutel locken, da kann

man zuweilen hören, mit welch gewichtigen Lügen sie ihre Wahrheit

hervorstreichen; einer zieht etliche Zahnwurzeln heraus und beteuert

es hoch, daß er diese selbst an dem Meeresgestade dreizehn Meilen

hinter Syrakus ausgegraben und diese seien gut für ein verfallenes

Gehör, wobei sie sehr oft auch vorgeben, wie solche auch die Könige

von Paphlagonien an den Ohren zu tragen pflegten und ein so scharfes

Gehör bekamen, daß sie ein altes Weib über dreißig Meilen husten hören,

ei so lüg! Ein anderer zeigt ein Pulver -- es ist nichts anderes als

ein geriebener Weinstein! -- und schwört, daß er solches aus der Neuen

Welt durch die spartische Flotte habe bringen lassen und es sei nichts

anderes als pure Asche von dem verbrannten Vogel Phönix und eine

Messerspitze voll von diesem Pulver vertreibe allen Schwindel, so daß

sogar einer über einen Steg gehen könne, der nicht breiter sei als

ein Fiedelbogen, ei so lüg! Mit dergleichen wurmstichigen Predigten

betrügen sie sehr viel einfältige Leute, es sollen aber dieses

Gelichters Ärzte -- nicht alle Ärzte sind so beschaffen -- gleichwohl

bedenken, daß das Heulen und Zähneklappern ihnen nicht wird ausbleiben

nach Aussage des Psalmisten David. Einen Stand oder Profession ohne

böse Leute und ohne tadelhafte und gewissenlose Gesellen gibt es

überhaupt selten, ebensowenig wie einen Sommer ohne Mücken, ein Buch

ohne Eselsohr, einen Apfelbaum ohne Wurmstich, eine Schule ohne

Eselsbank, einen Wald ohne Gimpel, eine Kirchweih ohne Rauferei und

eine Schreiberei ohne Kleckserei.«

Hat unser Doktor Faust lange genug geschrien und geprahlt, dann holt

er mit sicherem Blick irgendeinen Tölpel aus der Menge heraus, zieht

ihn herauf auf seine Meßbude und schlägt ihm vor aller Augen mit einem

gewöhnlichen eisernen Schlüssel in einer halben Minute fünf Zähne aus.

Der arme Kerl stutzt wortlos, aber die Menge schreit bravo, klatscht

Beifall, und jubelt dem Wundermanne zu. Und man stürmt seine Bude, um

sich die gesunden Zähne ausschlagen zu lassen.

Aber es sind nicht nur Zähne, die unser Doktorsmann in seiner Meßbude

zieht; er barbiert, schert, ätzt, schneidet und brennt, setzt

Schröpfköpfe und macht Aderlässe und Klistiere -- ein vielseitiger

Mann. Vor allem aber: er zaubert. Wir werden nachher von seinen

Kunststücken hören.

Drinnen in der Wunderbude sieht es etwa aus wie in einer modernen

Bauernschenke, die ein Museum vorstellen soll. Menschen- und

Pferdeschädel liegen herum, getrocknete Pflanzen- und Blumenbündel

hängen an den Wänden; schlecht ausgestopfte Tiere baumeln von der

niedrigen Decke herab: Fledermäuse, Raben, Igel, Iltisse, Eichhörnchen,

ein Bussard. Mörser und Klöpfel, Kolben, Flaschen und Kruken mit

großen Aufschriften stehen umher. Auf einem Tische liegen Feilen

und kleine Sägen, Messer, Zangen, Geißfüße und seltsam geformte

Schlüssel. In kleinen zahlreichen Näpfen liegen Menschenzähne und

Zähne von Säugetieren und Fischen. Das Ganze macht den Eindruck einer

herumziehenden Apotheke.

Aber die Apotheke des sechzehnten Jahrhunderts sieht naturgemäß

wesentlich anders aus, als die der Gegenwart. Denn auch der Apotheker

ist ein Mann, der viel Geld verdienen will, und der infolgedessen

nicht das führt, was die klugen und vorgeschrittenen Ärzte anraten --

denn sie sind in der Minderheit und haben nur eine kleine Anzahl von

Patienten --, sondern das, was die abergläubische Menge verlangt, die

vom Kurpfuscher geschickt wird und die lieber an törichten Hokuspokus

glaubt, als an vernünftige Heilmittel. Zum Apothekeninventar gehören

gepulverte Edelsteine, gestoßener Bernstein, Meerschaum, Erde vom

Kalvarienberge. Man findet gebrannte Maulwürfe, Elenhörner, Wolfsgalle

und Wolfsleber, Hirsch- und Bockblut, Hühnermagen, Hechtzähne,

gedörrte Kröten (die werden noch 1815 als Mittel gegen Epilepsie

empfohlen!), Krebsaugen, Schlangenfett, Bärenschmalz, Mückenfett,

Gemszähne, Hasentalg, Schafsgalle, die Haut der Pfauenfüße, Fuchslunge,

Elsternaugen, Eichhornhirn, Auerhahnzunge, Krähenzunge, Pferdehaare,

Menschenhaare, Rabenkot und zugleich den Kot so ziemlich aller

Tiere, Schwalbensteine, Federn vom Kreuzschnabel, Schildkrötenblut,

Froschlaich, Igelkrallen, Fledermausflügel, Eingeweide des Chamäleon,

geraspelte Menschenschädel, menschliche Leichenteile von Erhängten

und Geköpften, ägyptische Mumien, Blut der Hingerichteten usw. Auch

Käfer wurden zu Heilzwecken verwendet; z. B. der siebenpunktierte

Sonnenkäfer, das Bluthähnchen, der schwarze, rotgeränderte Blattkäfer,

die Rüsselkäferarten, die auf den Artischocken leben und die spanische

Fliege.

Natürlich ging man um jene Zeit nicht sehr milde mit all dem Getier um,

das man für die Apotheke nötig hatte, denn oft mußte es bei lebendigem

Leibe gesotten, verbrannt oder zerstoßen werden, wenn es -- nach der

Meinung der Kurpfuscher -- dem Kranken helfen sollte. Da war die

schrecklichste Tierquälerei an der Tagesordnung.

Die Zahl der Pflanzen, die so eine Apotheke führte, ist sehr groß. Hier

sind einige der am meisten gebrauchten: Bibernell, Fenchel, Majoran,

Safran, Kreuzkraut, Wetterkerze, Sauerampfer, Fünffingerkraut, die

Wetterglocke, die Herrgottskrone, Wermut, Mariendistel, Habichtskraut,

Natternkopf, der spitze und breite Wegerich, das Dreifaltigkeitskraut,

der Tag- und Nachtschatten, Löwenzahnblätter, Fieberklee, Himmelsbrot,

Frauenmantel, die Kamille, das Wildfräuleinkraut, der Johannisgürtel,

Tausendgüldenkraut, die Pfefferminze, Hundszunge, Lavendelkraut,

Muskatnuß, Igelkraut, die Feige, Senf, Knoblauch, Tabak, Fallkraut,

Beschreikraut, Schwindelbeere, Warzenkraut, Pestwurz, Schinderrose,

Totenbeere, Totennessel, Lauskraut, Lungenkraut, Leberbalsam, Blutwurz,

Zahnwurz, Augentrost, Wehedistel, Wildmutterkraut, Teufelsabbiß,

Teufelsbart, Teufelswurz, Teufelchen, Teufelspeitsche, Teufelskralle,

Teufelsauge, Hexenklee, Hexenohr, Hexenlauch, Hexenkohl, Hexenkraut,

Hexenmehl, Schlehenhexe und Wetterhexe.

Alle diese Kräuter sind aber nur dann heilsam, wenn sie im

Frauendreißiger, das ist vom 15. August bis 14. September, schweigsam

gesammelt worden sind, oder auch in der Osternacht, der Johannisnacht

und Christnacht.

Um jene Zeit des Mittelalters war das Kräutersammeln ein mühseliges,

undankbares und wenig einbringliches Geschäft; überdies zeitraubend

und gefahrvoll, weil man dadurch leicht in den Verruf der Hexerei

kam. Es konnten sich ihm nur gründlich studierte Männer widmen, deren

Gelahrtheit freilich kein Hindernis war, ebenso abergläubisch zu

sein, wie Zigeuner und Verbrecher. Diese Kräutersammler mußten mit

der Natur vertraut sein wie die Tiere des Feldes und Waldes; ja, ihre

astronomische, zoologische, botanische, geologische, physikalische

und chemische Kenntnis mußte mindestens den Anstrich allumfassenden

Wissens haben. Es war nötig, daß sie die Gesetze der Sterndeutung und

Goldmacherkunst beherrschten; daß sie sich auf die Kunst verstanden,

Träume zu deuten, alle Knochenbrüche und inneren Krankheiten aus dem

Urin zu lesen und womöglich die Pest in Abwesenheit zu heilen. Es ist

selbstverständlich, daß man von ihnen die vollständige Beherrschung der

damaligen medizinischen Kenntnisse forderte. Anatomie, Physiologie und

Pathologie -- die damals allerdings noch in den ersten Anfängen staken

-- waren Wissenschaften, von denen sie natürlich auch läuten gehört

hatten.

Aber diese »Halbärzte«, die man als »Naturkundige« bezeichnete, obwohl

sie nur ein oberflächliches und verworrenes Wissen von der Natur

hatten, waren auch meistens ihre eigenen Destillatoren, und da niemand

sonst die Natur so gut kannte wie sie, waren sie auch ihre eigenen

Kräutersammler. Allein, das Wort »Kräutersammler« ist durch die

Jahrhunderte schon zu verblaßt und gibt ganz und gar keinen Begriff

von dem, was man darunter zu verstehen hat und überdies verrät es

auch nicht, daß der Kräutersammler, von dem ich hier spreche, den

~berufsmäßigen~ Kräuterhändler aus tiefstem Herzensgrunde als

einen unwissenden, bloß geldgierigen Kurpfuscher verachtete. Und

außerdem ist der Destillator nicht ~nur~ Kräutersammler im engen

Sinne des Wortes. Unseren Kräutersammler, der nichts aus Habgier

und alles aus Freude am Kurieren tut, findet man um Mitternacht auf

Kirchhöfen herumlungern, wo er nach alten Sargnägeln gräbt, welche

Gicht, Zahnweh und Cholera heilen; in feuchten Schluchten sucht er um

die Geisterstunde bei umwölktem Nachthimmel nach dem Feuersalamander

und der gefleckten Eidechse. Auf dem Hügel vor dem Tore, wo man die

Diebe und Mörder hängt, schneidet er Holzsplitter vom Galgen ab; denn

wenn man sich mit diesen die Zähne stochert, bekommt man sein Lebtag

kein Zahnweh mehr. In jedem Mauseloch gräbt er herum; er hebt große

Steine hoch, um feiste Ohrwürmer, Blindschleichen, den Tausendfuß

und anderes Gewürm zu fangen; er stampft in eigenartiger Weise auf

den Fuchsbau, um die Jungen herauszulocken, deren Kot er braucht, um

Krämpfe und schmerzende Ohren zu beruhigen. Er stapft in den Moorwiesen

umher, wo die Kröten dicht beieinanderhocken; denn die Kröte spielt

in der mittelalterlichen Heilkunde eine sehr große Rolle. Man sieht

ihn in der Leichenhalle, im sogenannten »Beinhause«, über den Toten

gebeugt, den man gestern hierhergebracht hat, wie er ihm Haare und

Fußnägel abschneidet, die gegen Bräune nicht minder wirksam sein

sollen als gegen andere Krankheiten. Die Tierquälerei steht bei ihm

in hoher Blüte. Er sucht das Nest der Schwarzdrossel, des Kuckucks

und der Elster, die er alle ausraubt, weil er die Herzen, die Augen

und die Leberchen der jungen Brut in seiner Apotheke braucht, in der

fast alles abergläubischen Zwecken dient. In seinem riesenhaften

Pflanzenkasten ist ein Tohuwabohu von allen möglichen Tieren, Pflanzen

und Gesteinsarten. Kein Tierchen läuft ihm über den Weg, das dem großen

Bedarf unseres Sammlers nicht seinen Tribut zollen müßte; keine Pflanze

blüht im verborgenen, von der er nicht für seine Apotheke, in der alles

aufgespeichert liegt, was die Natur nur hergibt, ein Steuerteil erheben

würde. Alles was das Auge erspäht, alles was in der Natur greifbar ist,

alles was die Hand nur erreichen kann, wird zu irgendeinem Heilzwecke

ausgebeutet. Freilich sind es meistens Kräuter, die unser Destillator

verwendet; aber er geht nicht hin und pflückt zu jeder beliebigen

Stunde, zu jeder beliebigen Jahreszeit gerade das, was da grünt und

blüht; er hat seine abergläubischen Vorschriften innezuhalten wie

der Teufel selbst, an den er glaubt, und er spricht lang und breit

von der rechten und besten Zeit, zu der die vorhin genannten Kräuter

einzusammeln sind. Unser geplagter Kräutermann muß nämlich auf die

Sonne, den Mond und die Sterne achten; ob Halbmond oder Vollmond ist;

ob erste Mitternachtshälfte, ob zweite; ob die Venus grün schillert

oder blau; ob die Sonne Wasser zieht oder nicht; ob sie sengt oder

strahlt usw.

Die Kunst, die vermeintlich besten Säfte aus Tier und Pflanze

herauszukochen, stand unleugbar hoch im Kurse. Es war dazu nichts

Geringeres als eine für die damaligen Begriffe vollkommene Kenntnis

des Planetensystems vonnöten; insbesondere wurden die Kräfte der Sonne

studiert -- was man so studieren nennt -- und man gab sich Mühe, ihre

ewigen Gesetze, nach denen sie arbeitete und denen sie unterworfen war,

zu ergründen. Natürlich wurden viele »Weisheiten« darüber zum besten

gegeben, die wir längst ins Fabelbuch geschrieben haben. Überdies

verfiel man auch noch auf den absonderlichen Gedanken, daß man mittels

der Hitze, natürlicher oder künstlicher, aus Tier und Pflanze alle

»Feuchtigkeit« herausziehen müsse, wie die Sonne alle Feuchtigkeit

aus der Erde ziehe. Und ebenso wie diese von der Sonne aufgesogene

Feuchtigkeit wieder als Regen, Schnee und Hagel herabfalle und die

Felder fruchtbar mache oder auch verwüste, ebenso könne und müsse die

aus Tier und Pflanze gewonnene Feuchtigkeit Menschen heilen können und

gewiß auch töten, wenn sie falsch angewendet würde.

Man sieht, mit der mühsamen Auffindung der Pflanzen und Materien, die

der Kräutermann benötigte, war seine Arbeit noch nicht zu Ende. Wenn er

schon alle Tiere und Pflanzen am richtigen Orte, zur vorgeschriebenen

Stunde, bei richtiger Beleuchtung und entsprechender Jahreszeit

gesammelt hatte, und wenn er -- immer nach dem Vorbilde der Sonne --

aus Strauch und Getier bereits alle irgendwie verwendbaren Materien und

Kräfte ausgezogen hatte, war er gerade am Anfang seines Geschäftes.

Denn das Zubereiten der Säfte selbst erforderte die größte Umsicht und

Geduld, Ausdauer und Fleiß, Kenntnisse der abergläubischen Geheimlehre,

in der von überirdischen Kräften die Rede war, und ~Kenntnis vor

allem der künstlichen und natürlichen Wärmeentwicklung und des

Einflusses dieser entwickelten Wärme auf die ausgezogenen Säfte~.

~Wie lange~ mußten Violen und Lilien, Hexenbart und Drudenfuß

zusammengekocht werden, bis der Sud auch ~wirksam~ wurde? ~Wie

viel~ Wärme hatte der Saft der Dachsleber oder der der Krähenaugen

nötig, um zur Verwendung als Mittel gegen die Gelbsucht brauchbar

zu werden? Und ~welche~ Wärme? Die des Ofens oder der Sonne?

Welcher Sonne? Der direkten Sonnenstrahlen oder der durch einen Spiegel

aufgefangenen Reflexstrahlen? Oder der in einem Brennglase in einem

Punkte gesammelten Strahlen? Oder vielleicht noch andere Wärme? Die des

ungelöschten Kalks oder der Erde? Die Wärme des faulenden Laubes oder

Mistes? Welchen Mistes? Der Kuh oder des Pferdes?

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 9 / 18 段