Während man sich der reichen Herren bemächtigte, um ein bedeutendes

Lösegeld zu gewinnen, wurde das arme Kriegsvolk einfach

niedergemetzelt. Etwa zweitausend Tote bedeckten das Schlachtfeld, und

Johanna brach, beim Anblick so vieler Leichen, in Tränen aus. Trotz

allem war sie ein Kind geblieben; die Kriegsgreuel hatten ihr Herz

nicht verhärtet. Ein französischer Soldat hieb neben ihr unbarmherzig

einen armen Engländer nieder, der ihn um Gnade anflehte. »O du böser

Franzose,« rief Johanna erschüttert aus, sprang vom Pferde, richtete

den Verwundeten auf, pflegte und tröstete ihn und erleichterte ihm

seine Sterbestunde.

Und nun unternimmt sie den Triumphzug nach Reims. Die Höflinge setzten

ihrem Plane zwar noch immer Widerstand entgegen und rieten, man müsse

erst noch dieses Städtchen nehmen, dann jenes; müsse die Normandie erst

vom Feinde säubern; aber Johanna beharrte auf ihrem Entschluß, den

König vor dem Volke zu weihen. Das Volk selbst, das von den Wundertaten

der Jungfrau begeistert war, riß den König mit fort und drängte ihn

endlich, in den Zug nach Reims zu willigen. Johanna war nach Orleans

geeilt, um neue Truppen zu sammeln, aber als sie zum königlichen Hof

nach Gien zurückkehrte, war man dort schon wieder unschlüssig geworden.

Die Höflinge fürchteten sich vor jedem Mauerloch, in dem man ein paar

Engländer vermutete. Aus Verdruß über diese armseligen Menschen verließ

sogar Johanna den Hof und blieb zwei Tage außerhalb der Stadt. Nur

eins entschuldigte die Feigheit des Hofes: es war kein Geld in der

königlichen Schatzkammer. Aber Volk und Ritter waren so entflammt,

daß sie erklärten, auf ihre eigenen Kosten ins Feld ziehen zu wollen,

wenn Johanna sie anführe. Nun mußte der Hof sich fügen und zog in die

Richtung nach Reims. Am 5. Juli kam man vor der Stadt ~Troyes~

an, die sich weigerte, die Tore zu öffnen oder gar auf die Briefe

des Königs und der Johanna hin, sich zu ergeben. Die ängstlichen

königlichen Räte machten wieder den Vorschlag, sich an die Loire

zurückzuziehen. Aber Johanna flehte den König an, sich nur drei Tage zu

halten; in dieser Frist verspreche sie ihm, die Stadt entweder durch

Liebe oder durch Waffen zu gewinnen. Man rüstete zum Angriff, der keine

drei Tage dauerte. Die Waffentaten von Orleans hatten ihre Wirkung auf

die Bürger von ~Troyes~ nicht verfehlt. Sie verlangten nur freien

Abzug mit ihrer ganzen Habe. Der König gewährte das, dachte aber nicht

an die Gefangenen, die die Troyesjeser auch mit fortschleppen wollten.

Johanna war die einzige, die an diese Franzosen dachte, und sie setzte

auch am 9. Juli ihre Befreiung durch.

Und von nun ab gleicht der Zug in der Tat einem Triumphzuge.

~Chalons~, von der Jungfrau aufgefordert, sich dem Könige des

Himmels und dem Dauphin Karl zu ergeben, öffnet am 14. Juli seine

Tore, und alle übrigen Festungen unterwegs tun das gleiche. Aus der

Champagne und den Grenzorten eilt das Volk herbei, darunter Bürger

aus Domremy, die Johanna freudig begrüßten. Ahnungsvoll sagt ihnen

Johanna: »Ich fürchte nichts, als den Verrat.« Wieder ist der Hof

voller Besorgnis; es fehlt an Geld, es fehlen Geschütze, um Reims zu

nehmen. »Fürchtet nichts,« sagt Johanna zum Dauphin; »die Bürger werden

sich Euch ergeben, noch ehe Ihr ankommt und Euch entgegengehen.« Und

es war so gekommen, wie sie es in ihrem unbegrenzten Gottvertrauen

vorausgesagt hatte. Die Bürger schickten die Ältesten und Vornehmsten

dem Dauphin entgegen, und am Abend des 16. Juli zog Karl in Reims ein.

Eine wundersame Rührung überkam Johanna. »Wenn ich sterben soll,«

rief sie, »wäre ich recht glücklich, wenn man mich hier begrübe.« »Wo

glaubst du einmal zu sterben?« fragte sie der Erzbischof. »Wo es Gott

gefallen wird,« gab sie zurück; »ich möchte gern, daß es ihm gefiele,

mich wieder heimziehen zu lassen zu meiner Schwester und zu meinen

Brüdern; sie wären so froh, mich wiederzusehen. Ich habe wenigstens

getan, was unser Herr mir geboten hat.«

Am folgenden Tage, dem 17. Juli, wurde der König nach der uralten

Zeremonie in der Kathedrale mit dem heiligen Öl gesalbt. Der Prunk

war überwältigend, und die Volksmenge, die herbeigeströmt war, eine

ungeheure. Während der ganzen Feierlichkeit stand Johanna in ihrer

Rüstung am Altar neben dem König, ihre Gottesfahne in der Hand. Als

der König gesalbt war, warf sich Johanna vor ihm nieder, umarmte seine

Knie und weinte bitterlich, und alles Volk weinte mit ihr. »O König,«

rief sie, »nun ist der Wille Gottes geschehen, der da wollte, daß ich

Orleans befreite und Euch in Eure Stadt Reims führte, um das heilige

Öl zu empfangen, zeigend, daß Ihr der wahre König seid, und Euch das

Königreich Frankreich gehören soll.«

In Reims sah Johanna auch ihren Vater wieder, der mit den andern

herbeigeeilt war, sein Kind, das er abgöttisch liebte, zu umarmen.

Aber was sollte sie nun, nachdem sie ihre Aufgaben erfüllt sah, tun?

Sie blieb in den Diensten des Königs, obwohl die inneren Stimmen

aufgehört hatten, zu sprechen. Sie dachte an ihr baldiges Ende, denn

sie trug ihrem Beichtvater auf, den König zu bitten, wenn sie gestorben

sein werde, Kapellen für diejenigen zu bauen, die für ihr Vaterland ihr

Leben gelassen hatten. Das Wiedersehen Johannas mit ihren Eltern und

Geschwistern hatte in ihr auch die mächtige Sehnsucht erweckt, in die

Heimat zurückzukehren. Aber der König, der ihr so viel zu danken hatte,

wollte sie nicht entlassen. Dazu kam der Rausch des Sieges und die

Hoffnung, den Krieg rasch zu beenden. Alle Städte, vor denen der König

erschien, öffneten ihm freiwillig ihre Tore. Es schien fast, als ob es

keinen Engländer mehr in Frankreich gäbe.

Da kam plötzlich die erste Niederlage, und der Verrat an der Jungfrau.

Im August war der König mit dem Heere auf Paris losmarschiert; aber

durch einen heimlich geschlossenen Vertrag hatte Karl VII. selbst den

Sieg der Jungfrau gelähmt und ihr Leben preisgegeben. Am 28. August

hatte der König mit den Burgundern einen Waffenstillstand auf vier

Monate abgeschlossen. Johanna wurde von trüben Ahnungen erfüllt, als

ihr im Lager vor Paris ihr geweihtes Schwert zerbrach; es war ihr, als

ob Gott ihr damit ein Zeichen geben wollte, daß ihr Streiten im Dienste

Frankreichs beendet sei. Trotzdem fand am 8. September ein Sturm auf

Paris statt; es war das Geburtsfest der Jungfrau Maria. Die Franzosen

wurden aber zurückgeworfen, und Johanna am Schenkel verwundet. Nun

erhoben all die Zauderer und Feiglinge, die nur widerwillig Johanna

gefolgt waren, ihre Stimmen, und der König hörte nur zu gern auf sie.

Das Heer verließ die Provinz und zog sich an die Loire zurück. Das

Drängen und Flehen der Jungfrau war umsonst. Nun hing sie ihre Rüstung

unmutig vor den Reliquien der Abtei zu St. Denis auf und folgte dem

Könige.

Das war kein kriegerischer Heerzug mehr; der Rückzug glich einer

unordentlichen Flucht. Ende September kam der König in Bourges an; dort

heilte Johanna ihre Wunde. Jeden Morgen ging sie zur Frühmesse, Gott um

neuen Sieg anflehend.

Der Herzog von Alençon brannte darauf, sein Herzogtum in der Normandie

wiederzugewinnen; er rüstete sich und bat den König, ihm die Jungfrau

zu schicken, denn viele, die sonst gern mit ihm zogen, würden sich

nicht von der Stelle rühren, wenn die Jungfrau nicht mitginge. Aber

der engherzige und ehrgeizige falsche Erzbischof von Reims und mehrere

Herren, die den Hof regierten, verwarfen den Vorschlag. Die Loire

stromaufwärts waren noch einige Städte in den Händen der Burgunder;

gegen diese willigte man ein, die Begeisterung Johannas zu benutzen.

Es gelang ihr auch, fast schon von allen verlassen, im November die

fliehenden Truppen zum Sturm auf St. Pierre-le-Moustier zu führen und

den Platz zu nehmen. Aber die Belagerung von La Charité mißlang »zum

großen Mißfallen der Jungfrau«. Kurz darauf, Anfang Dezember, versetzte

der König die Jungfrau, ihre Eltern, ihre Brüder und deren Nachkommen

unter dem Namen +~Du Lis~+ in den Adelstand. Johanna war

nicht eitel, und ihre Erhebung in den Adel befriedigte nicht ihren

Tatendrang, machte die Vorwürfe der Tatenlosigkeit nicht verstummen.

Endlich am 28. März, des trägen Wartens am Hofe überdrüssig, reiste

Johanna heimlich ab, ohne vom König Abschied zu nehmen und ging nach

Ligny. Ihre Seele war krank vor Trauer, denn bald nachher hatte

sie eine Erscheinung, die ihr Böses weissagte. Die innere Stimme

verkündigte ihr, daß sie noch vor dem Johannisfeste in die Hände des

Feindes fallen würde; daß dies unvermeidlich wäre; daß sie darüber

aber nicht erschrecken, sondern im Gegenteil dieses Kreuz dankbar aus

der Hand Gottes hinnehmen sollte, da ihr Gott auch die Kraft geben

würde, es zu tragen. Johanna flehte zu ihren Heiligen, sie möchten Gott

bitten, ihr die Schmerzen einer langen Gefangenschaft zu ersparen und

sie durch einen schnellen Tod in sein heiliges Paradies aufnehmen zu

wollen. Aber die Heiligen offenbarten ihr nichts weiter; Geduld und

Schickung in ihr Los rieten ihr die Stimmen. Johanna vertraute ihre

Ahnungen keinem an.

Der unglückselige Tag nahte heran. Es war am 23. Mai 1430. Der Herzog

von Burgund belagerte Compiègne an der Oise, das sich für Karl VII.

erklärt hatte. An diesem Tage hatte sich Johanna in die Stadt geworfen

und machte einen Ausfall. Anfangs wichen die Belagerer, dann aber

sammelten sie sich wieder und trieben die Belagerten in die Stadt

zurück. Die Jungfrau war zurückgeblieben, um den Rückzug zu decken.

Als sie in die Stadt wollte, war das Tor schon geschlossen. Sie wurde

von den nachdringenden Feinden erkannt, ein Pikarder Bogenschütze riß

sie vom Pferde. Der Bastard von Vendôme ergriff sie und verkaufte sie

an Johann von Ligny, einen Lehnsmann des Burgunderherzogs. Sie war

nun Kriegsgefangene und nach dem Kriegsrecht unverletzlich, noch dazu

als Jungfrau dem besonderen Schutze der Ritter anvertraut. Aber man

achtete weder Gesetz, noch Recht, noch Sitte. Das feindliche Lager

jubelte ausgelassen und um die arme Johanna begann ein unerhörter

Judasschacher. Sie war verraten, und sie sollte nun den Schmerz, als

Jungfrau in Feindeshand zu sein, bis zur bitteren Neige auskosten.

Allerlei politische Streitigkeiten, allerlei niedrige Interessen um

Länderbesitz ließen es den englischen Bischöfen und besonders dem

ehrgeizigen Kardinal von Winchester als wünschenswert erscheinen,

die Jungfrau von Orleans als eine Hexe, die mit dem Teufel im Bunde

stand, anzuklagen. Glückte es, diese Klage durchzufechten, so stand

ihr jenes fürchterliche Los bevor, das wir eingangs dieser Schilderung

dargestellt haben. Ein dienstwilliges Werkzeug bot sich in dem Bischof

Cauchon von Beauvais dar, den seine Bürger 1429 bei Karls Triumphzug

vertrieben hatten, und der nun Rache nahm, indem er sich mit Leib und

Seele den Engländern ergab, um die Jungfrau zu Fall zu bringen.

Schon am 26. Mai ging auf Betreiben Winchesters vom Inquisitionsgericht

eine Aufforderung an den Herzog von Burgund, die Jungfrau als

der Zauberei verdächtig auszuliefern. Dieselbe Aufforderung kam

gleichzeitig von der Pariser Universität. Und am 12. Juni verkündigte

ein königlicher Brief an die Universität, daß der Bischof Cauchon und

der Inquisitor den Prozeß gemeinschaftlich führen würden. Jean de Ligny

hielt Johanna auf einem seiner Schlösser verborgen und Cauchon bot nun

für ihre Auslieferung zehntausend Frank, »so viel, wie man für einen

König oder einen Fürsten gibt«.

Johanna sah mit Schaudern und Schrecken der Auslieferung an die

Engländer entgegen. Sie bat ihre Schutzheiligen um Rat, aber die

Stimmen gaben ihr nur die Antwort, daß sie leiden müsse. Zum ersten

Male wurde sie nun ihren »Stimmen« ungehorsam und wollte fliehen.

Sie sprang aus dem Turme und blieb halbtot liegen. Man hob sie auf,

die Damen von Ligny pflegten sie; aber zwei Tage lang aß sie nichts;

sie wollte sterben. Die Gemahlin de Lignys warf sich ihrem Gatten

zu Füßen und beschwor ihn, sich durch die Herausgabe Johannas nicht

für ewig zu entehren. Aber der Elende hatte schon das Blutgeld der

Engländer empfangen und lieferte Johanna im Oktober seinem Lehnsherrn,

dem Herzog von Burgund, aus. Der führte sie erst nach Arras, dann in

den befestigten Turm von Crotoy. Hier sah sie das Meer, an dessen

jenseitigem Ufer die Küste von England war. Ein gefangener Priester las

hier jeden Morgen die Messe vor ihr, und sie betete inbrünstig.

Eines Tages verkündigte sie, daß ihr der Erzengel die Befreiung von

Compiègne auf den 1. November angezeigt habe. Und so traf es auch ein.

Der Herzog von Burgund war selbst geschlagen worden. Diese Niederlage

reizte seinen Stolz, und in seinem Zorn entschloß er sich, die Jungfrau

an die Engländer auszuliefern.

* * * * *

Johanna, noch nicht neunzehnjährig, mußte nun, sobald sie sich in

den Händen ihrer Todfeinde befand, ihr Leben als abgeschlossen

betrachten. Was ihrer nun wartete, war namenlose Qual, Verkennung,

Schande, Hohn und grausamer Tod. Sie mußte ihre Sehnsucht nach der

Heimat ersticken, alle Wünsche des jungen Herzens töten; denn jetzt

umgaben sie die Mauern von Rouen, woraus ein Entrinnen unmöglich war.

Sie, vor der sich das Königshaus und alle Prinzen verneigten, die mit

jauchzender Begeisterung vom Volke vergöttert wurde, war nun den rohen

Beschimpfungen der Priester und den Quälereien der Gefangenwärter

ausgesetzt. Anfang Dezember 1430 war sie in dem festen Turm des

Schlosses von Rouen eingekerkert worden, und ein Schlosser hatte vor

Zeugen erklärt, er hätte Befehl erhalten, einen engen, eisernen Käfig

für Johanna zu schmieden, worin sie an Hals, Händen und Füßen gefesselt

lag und wo sie bis zum Beginn ihres Prozesses liegen mußte. Später

hatte sie am Tage die Füße in eisernen Fesseln, die durch eine Kette

an einem Holzklotz befestigt waren. Nachts wurden diese Fesseln noch

vermehrt; eine besondere Kette umschloß noch ihren Leib.

Man hatte anfangs versucht, sie als Hexe und Zauberin zu richten,

aber die Juristen von Rouen fanden die Angaben, obwohl der feindliche

Cauchon sie gemacht hatte, nicht genügend. Man eröffnete gegen sie

nun einen Prozeß wegen Ketzerei. Der treibende böse Geist dieser

Verhandlungen blieb Winchester, der Universität und Richter immer von

neuem anstachelte. Johanna war unrettbar verloren, und König Karl, dem

sie alles geopfert und alles gegeben, dem sie Sieg über Sieg und die

Krone geschenkt hatte, tat nicht das geringste, um sie zu erretten.

Nicht das geringste! Endlich, am 21. Februar, wurde Johanna vor ihre

Richter geführt. Sie zeigte sich hier, wie damals im Verhör von

Poiters, unerschrocken, verständig, fromm, unschuldig und kindlich.

Der Bischof ermahnte sie, ohne Ausflüchte die Wahrheit zu sagen; sie

entgegnete aber, sie werde nur auf Fragen antworten, über die sie

sprechen könne. Am 22. und 24. Februar drang man aufs neue in sie;

endlich versprach sie, zu sagen, was sie über ihren ~Prozeß~

wüßte, aber nicht alles, was sie wüßte. Das Verhör und die Qual

Johannas gestalteten sich zu einem herzergreifenden und erschütternden

Drama. Sie bat, daß man ihr wenigstens die Fußfesseln abnehmen möchte,

aber man entgegnete ihr, das sei deshalb unmöglich, weil sie öfters

versucht habe, zu entfliehen. »Das habe ich wohl getan,« sagte sie,

»aber das ist jedem Gefangenen erlaubt. Und würde ich entrinnen können,

so dürfte man mich keiner Unredlichkeit zeihen, denn ich habe nichts

versprochen.«

Sie wurde über tausend Dinge ausgefragt, die gar nichts mit ihrem

Prozeß zu tun hatten, und Johanna gab stets freimütige und furchtlose

Antworten; alle boshafte Arglist wurde zu Schanden vor der Einfalt

ihres kindlichen Gemütes. Die Richter wurden zuletzt ergriffen von

der rührenden Gewalt dieser Unschuld, die weder lesen noch schreiben

gelernt hatte und trotzdem den Gelehrten Antworten gab, über die sie in

höchstes Staunen gerieten. Cauchon merkte, daß das ungünstige Urteil

über sie wankend zu werden begann, und er zog es deshalb vor, nicht

mehr im Saale des Schlosses zu verhandeln. Statt dessen ging er vom 10.

bis 17. März in ihr Gefängnis, um dort im Beisein von zwei Zeugen und

zwei Beisitzern die peinigenden Verhöre fortzusetzen.

[Illustration: Die Straße der Jungfrau in Orleans mit Kathedrale.]

Schon am Anfang des Prozesses hatte ein Ehrenmann, der Jurist Jehan

Lohier, der gegen das Ungesetzliche des Prozesses protestiert hatte,

fliehen müssen, um dem Tode zu entgehen. Es kam also in diesem Prozeß

gar nicht darauf an, Recht und Unrecht zu prüfen, sondern Johanna in

jedem Falle zu ~verurteilen~. Denn der schlimmste Vorwurf, den

ihre Richter ihr zu machen hatten, war der, daß sie selbst im Kerker

Mannestracht trug, die die Kirche bei Frauen als sündhaft verwarf. Das

junge Mädchen aber schämte sich, zu sagen, daß sie diese Tracht

nur zum Schutze vor den brutalen englischen Soldaten trug, die

ihren Kerker bewachten, und denen Johanna ja auf Gnade und Ungnade

ausgeliefert war. Ihr letzter Trost im Kerker war ihr Beichtiger

Loyseleur. Er hatte sich für einen Anhänger Karls VII. ausgegeben und

hatte allmählich das ganze Vertrauen Johannas gewonnen. Aber als Rat

abgehalten wurde, ob man die Jungfrau der Folter unterwerfen solle,

rieten nur drei Männer zu dieser Grausamkeit, und einer dieser drei

Schufte war ihr Beichtvater Loyseleur.

Unter solchen Martern und Leiden brach für Johanna die Osterwoche an.

Der heiligste Tag des Mittelalters, der Ostersonntag, wurde von den

fünfhundert Glocken Rouens festlich eingeläutet. Durch die Straßen der

Stadt rauschte Leben und Lärm, während die Retterin des Landes und des

Königs einsam und verlassen angeschmiedet im Kerker schmachtete. Der

Bischof hatte ihr einen Fisch geschickt, durch dessen Genuß sie heftig

erkrankte. Sie hielt sich für vergiftet. Der Hauptmann der Stadt geriet

darüber in heftige Unruhe. »Der König möchte um nichts in der Welt, daß

sie eines natürlichen Todes stürbe,« sagte der grausame Soldat; »der

König hat die Jungfrau gekauft, sie kostet ihn genug. Sie soll durch

die Justiz sterben, soll durch Feuer oder Wasser umkommen. Darum seht

zu, wie ihr sie gesund macht.«

Man pflegte sie denn auch, um sie nachher verbrennen zu können. Man

pflegte sie, aber sie blieb schwach. In dieser Stimmung hoffte man, sie

zu einem Widerruf ihrer göttlichen Sendung bewegen zu können, denn man

wollte gern die Krönung Karls VII. als ein Werk des Teufels darstellen.

Aber sie widerrief nichts. Was man ihr auch vorhielt, womit man ihr

auch immer drohte, und wie sehr man sie auch quälte, sie verließ sich

in allen Stücken auf Gott den Herrn.

Man versuchte es nun mit Listen und Schrecken. Am 11. Mai ließ man

den Henker in ihr Gefängnis kommen und erklärte ihr, daß man sie zur

Folter führen würde, wenn sie nicht widerriefe. Aber sie widerrief

nicht.

Jetzt kam die Antwort der Pariser Universität an. Die Gelehrten hatten

Johanna als eine Dienerin des Teufels erkannt; auf Grund dieser

Erklärung wurde Johanna abermals ermahnt, sie antwortete aber: »Und

wenn ich Henker und Feuer vor mir sähe und selbst wenn ich schon im

Feuer wäre, ich könnte nur sagen, was ich schon gesagt habe.«

Die Sache währte schon zu lange; man wollte ein Ende machen. Am

23. Mai waren hinter einer Kirche auf dem Kirchhofe zwei Gerüste

aufgebaut worden, auf denen die Kardinäle, die Richter, die Schreiber,

die Gerichtsdiener, dreißig Beisitzer und die Folterknechte Platz

genommen hatten. Notare waren zugegen, um die Geständnisse Johannas

aufzuschreiben; ein Prediger saß dabei, um sie zu ermahnen. Am Fuße

eines Gerüstes saß der Henker auf seinem Karren, bereit, jedem Winke

zu folgen. Aber auch diese fürchterliche Zeremonie verfehlte ihren

Eindruck auf Johanna; sie blieb gleich unerschrocken und standhaft.

Endlich wurde ihr die Verdammungsakte vorgelesen. Und als man sie noch

einmal vergeblich ermahnt hatte, zu gestehen, gerieten die Engländer

in Wut, schrien über Verrat und erhoben einen so gewaltigen Lärm, daß

Johanna verwirrt, bedrängt, bestürmt nachgab und, ohne recht zu wissen,

was sie tat, an Stelle der Unterschrift ein Kreuz unter den Widerruf

setzte. Sie war vollständig betäubt. Der Bischof Cauchon rief: »Führt

sie nun hin, wo ihr sie hergenommen habt.«

So unglaublich betrogen, den Engländern aufs neue preisgegeben, hatte

sie keinen anderen Trost mehr als den Tod. Die Engländer verlangten

immer grimmiger, daß Johanna sterbe. Sie waren in tierische Wut

geraten. »Verbrennt die Hexe!« riefen einstimmig Soldaten, Lords,

Feldherren und Kronbeamte.

Der dreißigste Mai brach an, ein Mittwoch. Als sie durch den

Beichtvater Martin Ladvenu, der gekommen war, um ihr den Tod

anzukündigen und sie zur Buße zu ermahnen, erfahren hatte, welches Los

ihr bestimmt war, und daß sie noch an demselben Tage sterben sollte,

brach sie in lauten Jammer aus, rang die Hände und zerraufte sich die

Haare. »O wie schrecklich und grausam man mich behandelt! Soll denn

mein Leib, so ganz und gar rein und niemals entweiht, heute verbrannt

und zu Asche verwandelt werden! Wehe! Wehe! Ich möchte lieber siebenmal

enthauptet, als so verbrannt werden. Ich berufe mich auf Gott, den

großen Richter, über das Leid und Unrecht, das man mir antut.«

Sie beichtete und nahm das Abendmahl, das man ihr gab, obwohl man

sie als »Ketzerin« und »Hexe« verurteilt hatte. Als Johanna nach der

Kommunion den Bischof, der sie verraten hatte, gewahr wurde, sagte sie

zu ihm: »Bischof, ich sterbe durch Euch!«

Nun begann der Zug. Es war neun Uhr morgens, als sie in weiblicher

Kleidung auf einen Karren geladen wurde. Neben ihr saßen der Priester

Ladvenu und der Gerichtsdiener Massieu, der später für sie ausgesagt

hat. Das Volk zitterte und weinte vor Teilnahme, aber mit ihren

gezückten Schwertern hielten achthundert Engländer die Mengen in Ruhe.

Johanna weinte und rief ein über das andre Mal: »O Rouen, Rouen! soll

ich denn hier sterben?« Das war ihre einzige Klage. Sie murrte nicht

gegen ihre Heiligen, die ihr Befreiung versprochen hatten, und klagte

nicht über den König, der sie so schnöde verlassen hatte.

Drei Gerüste waren aufgebaut. Auf dem einen saßen der Kardinal und der

Bischof mit den Priestern, auf dem andern die Richter mit dem Amtmann,

dem Prediger und der Jungfrau; das dritte war der Scheiterhaufen von

Gips, auf dem ein wahrer Holzhügel aufgebaut war, damit Johanna langsam

darauf verbrenne und dabei vom ganzen Volke gesehen werden könne.

Zuerst hielt nun ein berühmter Gelehrter der Pariser Universität eine

Predigt, und als diese beendet war, ermahnte der Bischof von Beauvais

die Verurteilte, an ihr Seelenheil zu denken, sich ihrer Missetaten zu

erinnern und Buße zu tun.

Johanna kniete in innigem Gebete nieder. Sie vergab allen und bat, daß

man auch ihr vergebe. »Betet für mich!« rief sie den Umstehenden zu.

Die Priester bat sie, daß jeder eine Messe für sie lesen möchte, und

von ihrer keuschen, gottergebenen Art waren alle bis zu Tränen gerührt.

Sogar ihre Verräter und Todfeinde, der Bischof Cauchon, der Bischof von

Boulogne und Winchester vergossen Krokodilstränen.

Als die Richter ihre Rührung überwunden hatten, wurde Johanna laut die

Verurteilung verlesen, und man übergab sie dem Henker. Sie bat um ein

Kreuz. Ein Engländer machte ihr eins aus zwei Holzstäbchen; sie nahm

es mit Dankbarkeit an, küßte es und barg es unter ihrem Gewande. Aber

sie wünschte noch ein wirkliches Kirchenkreuz, um im Sterben den Blick

darauf heften zu können. Man brachte ihr eins aus der nahen Kirche,

und während sie es küßte, sprach ihr der Priester Isambart Trost zu.

Inzwischen war es Mittag geworden, und die Hauptleute riefen: »Na, ihr

Priester, wollt ihr uns hier Mittag halten lassen?«

Und ohne zu warten, bis der Amtmann kraft des Gesetzes gesprochen

hatte, schickten sie zwei Profose hinauf, die Johanna den Priestern

entrissen. Sie wurde von den Soldaten ergriffen und zu dem Henker

gezerrt. Dem sagten sie: »Tu dein Amt!« Diese greuelvolle, empörende

Roheit gegen das wehrlose Opfer war so schrecklich anzusehen, daß viele

Anwesende, darunter mehrere Richter, davonliefen, um nichts mehr zu

sehen.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 8 / 18 段