zauberischen Sud gebraut. Die Hexen haben es vom Teufel gelernt.
Sie nahmen Fett von toten Kindern, vermischt mit Epich, Wolfswurz,
Alberbaumzweigen, Ruß, Kalmus, Fünffingerkraut und Fledermausblut.
Zuweilen kochten sie einen Brei aus Kinderfleisch, Mohn, Judenkirschen
und Schierling. Sie bestrichen damit den Besen, die Ofengabel und
den ganzen Leib, setzten sich auf den Besen oder auf die Ofengabel,
murmelten die Hexenformel »Obenaus und nirgends an« und flogen zum
Schornstein hinaus. Zuweilen führte sie auch der leibhaftige Teufel
durch die Lüfte davon. Wenn die Katze miaute, das Käuzchen wimmerte,
der Igel quiekte, der Uhu ächzte und der Rabe krächzte, war die Stunde
reif. Daß die Hexen sich dieser Salbe bedienten, ist eine historische
Tatsache; daß sie wirklich zum Kamin hinausflogen, ist natürlich
Unsinn. Die Salbe, mit der die Hexen sich einrieben, hatte eine
schlaferregende und betäubende Wirkung und viele Richter und Ärzte
beobachteten Hexen, die nach Anwendung der Salbe in Schlaf fielen und
nach ihrem Wiedererwachen von Schornsteinfahrten, Satansmessen und
Hexentänzen fabelten, obgleich sie sich in ihrem ohnmächtigen Schlafe
nicht von der Stelle gerührt hatten. Die Salbe hatte nur diese starken
Träume bewirkt und ausgelöst.
Als Ort der Hexenzusammenkünfte war gewöhnlich ein hoher Berg
ausersehen oder eine tief in der Erde verborgene Höhle; die Gruft toter
Mörder. Auf ihrem Ritt durch die Lüfte, bedienten sie sich auch der
Harken und Böcke.
Der Teufel zeichnete seine Knechte und Dienerinnen mit besonderen
Mälern, Auswüchsen und Beulen; stach man in solch ein Satansmal hinein
-- die Richter taten es stets --, so gaben sie, wenn man wirklich
Teufelsmägde vor sich hatte, kein Blut von sich.
Es wurde schon erwähnt, daß nicht nur das gemeine Volk von solchen
abergläubischen Vorstellungen durchsetzt war, sondern auch die
Aristokratie des Landes bis hinauf zum Könige.
Alle aus jener Zeit veröffentlichten Akten, Bücher und Briefe sprechen
fortwährend von Marter, Folterbank, Hängen, Rädern, Köpfen; aber es
wird dabei nicht sehr viel Gemüt verschwendet. Stirbt jemand plötzlich,
so denkt man in den meisten Fällen an Giftmord; natürliche Ursachen
scheinen ausgeschaltet. Ein Sprichwort jener Tage lautet: »Wer mit
dreiundzwanzig Jahren nicht starb, mit vierundzwanzig nicht ertrank,
und mit fünfundzwanzig nicht gemordet wurde -- muß Gott für das Wunder
danken«. Wird jemand aus nicht deutlich erkennbaren Ursachen krank
oder zeigt jemand einen besonderen Grad von Leidenschaft, so denkt man
zuerst an Zauberei. Man verachtete und verdammte zwar die Zauberer und
Zauberinnen, aber man glaubte an sie.
Wenn man sich nicht vorsah, hatten einem die verschrienen Weiber, die
es mit dem Satan hielten, die schönste Krankheit angehext. Sogar
Luther schrieb an den Kurfürst Johann von Sachsen: »Keine Krankheit
kommt von Gott, der gut ist und jedermann alles Gute tut, sondern kommt
vom Teufel, der alles Unglück stiftet und anrichtet.« Die Hexen, die
Wurzeln des Übels, mußten also mit Feuer ausgerottet werden, sowie
man Baumwurzeln ausrodet. Die Ärzte jener Zeit, die den behexten
Kranken weder Rat noch Heilung zu bringen vermochten, riefen in ihren
medizinischen Werken mit vereinten Kräften nach dem Henker. Sie sind
von der Teufelskraft der Hexen durchdrungen und verlangen im Namen
der ganzen Menschheit deren Tod durch Feuer und Wasser. Sie halten es
geradezu für ein Verbrechen, wenn die christliche Obrigkeit sich nicht
bemüht, diese Ungeheuer vom Erdboden zu vertilgen.
Und in der Tat war ja auch der Hexenprozeß durch die immer häufiger
werdenden Anklagen wegen Zauberei endlich eine weltgeschichtliche
Einrichtung geworden; am Ebro wie am Rhein, an der Themse wie an
der Seine, in den Alpen wie an den Meeresküsten, in katholischen
wie in protestantischen Ländern loderten die Scheiterhaufen für
denselben Wahn. Im Kurfürstentum Trier allein wurden in wenigen Jahren
sechstausendfünfhundert Menschen, im Brandenburgischen zwölfhundert,
im Würzburgischen zweihundert und in Lothringen neunhundert Menschen
hingerichtet, die der Zauberei angeklagt waren.
Die Grausamkeit, mit welcher die Hexen gefoltert wurden, kannte
keine Grenzen. Unter den Marterinstrumenten kommen die Presse, die
Schraube, Stricke, der Bock, das Pferd, die Leiter, das Halsband,
der spanische Kragen, der dänische Mantel, die englische Jungfrau,
die braunschweigischen Stiefel und andere fürchterliche Dinge vor,
die die Qual des Verurteilten in niederträchtig raffinierter Weise
verlängerten. Man goß ihnen siedend-heißes Öl oder auch Teer auf die
nackten Gliedmaßen, trieb ihnen Nägel unter die Fußnägel, röstete
sie mit brennenden Kerzen unter den Armen, hing sie an ihren Zöpfen
tagelang auf.
Um die Hexen leichter zum Bekenntnis zu bringen, wurde ihnen vom
Henker die Hexensuppe gereicht: ein Getränk aus Bier, geriebenem Brot,
Hechtgalle, schwarzem Kümmel, gestoßenen Knochen verbrannter Hexen, das
Ganze stark gesalzen. Sie mußten ein Hemd aus Werg anziehen, das an
einem Tag gesponnen, gewebt und genäht worden war. Ein Amulett wurde
ihnen umgehängt.
Wenn die Angeklagten wirklich Hexen waren und mit dem Satan im Bunde
lebten, so hätte er sie ja auch aus der Hand der Richter befreit, hätte
ihnen die Folter erspart und sie vom Scheiterhaufen errettet -- dieser
sehr einfache Gedanke wurde von den Einsichtigen immer wieder, aber
freilich vergeblich, den verblendeten Richtern, Priestern und Bütteln
vorgehalten. Es fiel den Abergläubischen auch nie auf, daß die als
Hexen Verschrienen häufig ~alte~, ~arme~ Weiber waren, was
sie ja nicht gewesen wären, wenn sie vom Teufel Jugend und Reichtum
verlangen konnten, und daß keine einzige Hexe versucht hatte, sich vor
Gericht unsichtbar zu machen, obwohl man sie doch gerade ~dieser~
teuflischen Kunst wegen verbrannte.
In dieser Zeit, in der solche Vorstellungen aber im Schwange waren,
lebte auch die Jungfrau von Orleans und wir werden jetzt sehr viel
leichter verstehen, warum auch sie endlich dem Aberglauben ihrer
Zeitgenossen zum Opfer fallen mußte.
* * * * *
Johanna war am Dreikönigstage, dem 6. Januar 1412 im Dorfe Domremy, am
linken Ufer der Maas, geboren. Sie war oft Zeuge, wie sich die Kinder
ihres Dorfes für die Sache des Königs mit denen des nahen Dorfes Maxey
schlugen, das zur englischen Partei hielt. Sie wuchs still und fromm
auf, von ihrer Mutter Isabella häuslich erzogen. Ihr Vater, Jakob,
war Bauer mit einem kleinen Vermögen. Von einer jüngeren Schwester
Katharina, sowie von dem ältesten Bruder Jakob wird wenig erzählt; die
beiden anderen Brüder, Johann und Peter, folgten Johanna später in den
Krieg. Ob sie als Kind die Herde gehütet, konnte sie sich später nicht
entsinnen. Wohl aber rühmte sie sich im späteren Verhör zu Rouen, daß
ihre Mutter sie nähen gelehrt habe und daß es in ganz Rouen wohl keine
Frau gäbe, die ihr darin etwas zu zeigen habe. Lesen und schreiben
konnte sie nicht; den Religionsunterricht erhielt sie allein von ihrer
Mutter. Er beschränkte sich auf das Vaterunser, das Ave Maria und
das Kredo. Alle Zeugen aus ihrem Hause rühmten ihr gutes Herz; sie
pflegte die Kranken und beschenkte die Armen. Sie war so mildtätig und
gutherzig, daß die Vögel ihr aus der Hand pickten.
Daß Wundergeschichten und Legenden auf sie eingewirkt haben, ist
ziemlich sicher anzunehmen. Von einem nahen Walde bei Domremy gingen
allerlei Sagen, daß dort Feen hausten und daß sie besonders eine Quelle
bei einer Buche liebten, die man den »Baum der Damen« nannte. An ihren
Zweigen hingen die Kinder geweihte Kränze auf. Daneben lief eine alte
Prophezeiung des Zauberers Merlin durch die Lande, die besonders in
Johannas Heimat so erzählt wurde: Durch eine Frau sei Frankreich
zugrunde gegangen -- gemeint war die verschwendungssüchtige, sittenlose
und intrigante Königin Isabella --, durch eine Jungfrau werde es wieder
gerettet werden.
Zu alledem gesellten sich die Schrecken des Krieges; arme Flüchtlinge
kamen ins Dorf, denen Johanna ihr Bett abtrat, um selbst auf dem
Getreidespeicher zu schlafen. Einmal mußte auch Johanna mit ihren
Eltern und Nachbarn vor den wilden Kriegshorden flüchten, und als sie
zurückkehrten, war das Dorf verwüstet, ihr heimatliches Haus zerstört,
die Kirche niedergebrannt.
Johanna empfand das Schreckliche und Barbarische des Krieges inniger
und schmerzvoller als die andern. Sonst merkte man ihr nichts
Außerordentliches an. Sie war nur in sich gekehrt und sehr schüchtern.
Und vielleicht war nur das eine an ihr auffällig, daß sie oft zur
Kirche ging und beichtete, obwohl sie noch ein Kind war und nichts zu
beichten haben konnte.
Sie war erst zwölf Jahre alt. Die bayerische Isabella hatte durch den
Vertrag von Troyes 1420 Frankreich an den König von England verraten,
indem sie Heinrich V. von England zum Erben Frankreichs einsetzte und
ihm ihre Tochter Katharina zur Gemahlin gab. Karl VI. von Frankreich
war 1422 gestorben und sein Sohn, der rechtmäßige Nachfolger, irrte,
um sein Reich betrogen, machtlos von Stadt zu Stadt und von Schloß
zu Schloß. Da war Johanna an einem Sommertag, an dem gefastet werden
mußte, mittags im Garten des elterlichen Häuschens, als sie plötzlich
einen Heiligenschein gewahrte, aus dem sie eine Stimme vernahm, die
also sprach: »Johanna, sei immer und immer ein gutes, folgsames Kind
und gehe oft zur Kirche!« Johanna erschrak sehr; die Stimme kehrte aber
öfters wieder. Der Heiligenschein nahm immer mehr körperliche Gestalt
an, bis Johanna später in der Lichterscheinung den Erzengel Michael
erkannte.
Sie wuchs, wurde kräftig und schön, voll sanfter Milde und es ging
ein Zauber von ihrer Erscheinung aus, mit dem sie in der Folge den
wildesten Krieger beschämen und umwandeln konnte. Aber sie blieb
dennoch das Kind, das sie war, obwohl ihr Geist reifte und immer
hellseherischer wurde. Die Stimmen, die in ihr sprachen, wurden in
demselben Maße, wie sich das Elend des Landes steigerte, immer lauter
und eindringlicher. »Johanna!« mahnte es in ihr, »eile dem König von
Frankreich zu Hilfe und du wirst ihm sein Königreich zurückerobern.«
Und sie antwortete zitternd und zag: »Gestrenger Herr, ich bin nur ein
armes Mädchen, ich kann weder reiten, noch Reisige führen.« Die Stimme
erwiderte: »Geh zu Baudricourt, dem Hauptmann von Vaucouleurs, der wird
dich zum König führen lassen. Die heilige Katharina und die heilige
Margarete werden dir beistehen.« Da blieb sie bestürzt stehen und
weinte, als hätte sie ihr ganzes Schicksal schon vor Augen gesehen. Der
heilige Michael erschien ihr aber wieder und flößte ihr Mut ein. Er
sprach zu ihr von dem Jammer, der in Frankreich laut wurde; dann kamen
die heiligen Frauen von himmlischem Glanz umgeben und sprachen zu ihr
mit rührender Stimme, daß sie in Tränen ausbrach.
Und nun begann in ihrem Innern ein harter schmerzlicher Kampf, der fünf
Jahre dauerte. Das fromme, schüchterne und arbeitsame Kind sollte die
traute Heimat, die Gespielinnen der Jugend und den väterlichen Garten
verlassen; sollte nicht mehr die Stimmen der Eltern und Geschwister
vernehmen, sondern nur noch die erschütternden Stimmen der Heiligen.
Das Kind, das bei jedem Wort, das ein Mann zu ihm sprach, errötete,
sollte in das wilde Kriegsgetümmel, sollte sich unter die rauhen
Soldaten mischen, unter diese wilden, groben, ungebildeten Leute,
die mit schreiend bunten Gewändern und mit dreister Rede prahlten,
die nur danach trachteten, so trunken als möglich zu sein und sich
reichste Beute zu sichern. Und vor allem mußte Johanna, um den inneren
Stimmen zu folgen, dem geliebten Vater ungehorsam werden, der, als
er zum ersten Male von Johannas Vorhaben hörte, zornig in die Worte
ausbrach: »Wenn ich glauben könnte, daß sie so etwas täte, würde ich
sie mit meinen eigenen Händen ertränken.« Er fürchtete um sein Kind,
weil er wußte, daß man nicht an ihre inneren heiligen Stimmen glauben,
sondern sie bald für eine Teufelshexe erklären würde. Und wir wissen ja
nun, welch ein Los ihrer als Hexe in der damaligen Zeit harrte. Aber
das alles half nichts. Die Stimmen drängten sie immer mächtiger zum
Schlachtfelde.
Um sie von ihrem Gedanken abzubringen, griffen die verzweifelten Eltern
zu einer List. Man wollte sie durch eine Heirat zur Vernunft bringen.
Ein junger Mann aus dem Dorfe fand sich bereit, zu erklären, sie habe
ihm, als sie noch klein war, die Ehe versprochen, und da Johanna es
natürlich ableugnete, ließ er sie vor das Kirchengericht nach Toul
berufen; man glaubte, daß sie nicht wagen würde, sich zu verteidigen
und sich lieber zur Heirat verurteilen lassen würde. Aber man irrte
sich. Sie erschien vor Gericht, verteidigte sich und gewann ihre
Freiheit.
Die Angehörigen widersetzten sich noch immer ihrem Entschlusse. Aber es
war ihr inzwischen gelungen, ihren Onkel von ihrer himmlischen Sendung
zu überzeugen. Und er nahm sie mit sich in sein Dorf Petit-Burey
(Burey-la-Côte), das eine Stunde von Domremy entfernt war, und gab an,
seine Frau bedürfe der Pflege Johannas. Die Eltern wußten zunächst noch
nichts von dem festen Entschlusse der Tochter, denn sie hatte sich nur
von einer kleinen Kameradin verabschiedet. »Und hätte ich hundert Väter
und hundert Mütter gehabt und wäre ich eine Königstochter gewesen --
da Gott es mir gebot, ~mußte~ ich fort,« antwortete sie später
ihren Richtern in Rouen. Von ihrem Oheim ließ sich Johanna nun nach
Vaucouleurs zu dem Ritter Baudricourt führen, mit dem sie am 23. Mai
1428 zusammentraf. Sie wußte vorher, daß er sie abweisen würde; ihre
»Stimmen« hatten ihr gesagt, daß es ihr erst zum dritten Male gelingen
würde, sich Gehör zu verschaffen.
Baudricourt war ein rauher Degen, der von niemand sonst Hilfe erhoffte,
als von seiner Waffe. Er wußte nicht, was er sagen sollte, als in
ihrem groben, roten Dorfkleide das Bauernmädchen vor ihm stand, und
das nun mit fester Stimme erklärte, sie komme von ihrem Herrn gesandt,
um dem Dauphin zu melden, daß dies Königreich des Herrn sei, daß
aber der Dauphin zum König bestimmt sei und daß sie ihn würde salben
lassen. Hauptmann Baudricourt lachte sich eins und gab dem Onkel
den Rat, Johanna mit ein paar tüchtigen Ohrfeigen zu ihren Eltern
zurückzuschicken.
Der Sommer verging und der Herbst und der Januar 1429 kam heran.
Johanna beklagte sich: »Und doch muß ich noch vor Mitfasten bei dem
Dauphin sein, müßte ich mir auch, um zu ihm zu kommen, die Beine bis zu
den Knien ablaufen. Denn für ihn gibt es keine andere Hilfe als mich,
obgleich ich lieber bei meiner armen Mutter am Spinnrocken bliebe;
denn das ist ja nicht eigentlich meine Arbeit. Aber ich muß gehen und
es verrichten, denn mein Herr will es.«
Allmählich ward das Volk von Johannas frommem Gottvertrauen bewegt
und begeistert. Zwei Edelleute, Ritter de Metz und der Schildknappe
Bertrand de Poulengy hatten sich ebenfalls Johanna angeschlossen.
Baudricourt hatte inzwischen von Karl, der in Chinon weilte, die
Genehmigung erhalten, Johanna ins Feld zu schicken. Das Volk drängte
immer heftiger und als die Gottgesandte endlich noch die Niederlage
bei Rouvray auf den bestimmten Tag vorausgesagt hatte, ließ er sie mit
einem recht schlechten Schwert abziehen. Außer den beiden Edelleuten
begleiteten sie noch zwei Bogenschützen, des Königs Bote und ihr Bruder
Peter. Die Bürger von Vaucouleurs steuerten sie aus und ihr Onkel
kaufte ihr ein Pferd.
So ritt sie etwa am 20. Februar 1429 fort, mitten in das von den
Kriegsbanden unsicher gemachte Land hinein, nachdem sie vorher ihre
Eltern brieflich noch einmal um Verzeihung gebeten hatte.
Mit ruhiger Heiterkeit durchzog sie das wüste Land. Sie trug nun
männliche Kleidung, um sie nie wieder abzulegen. Und dennoch schien
sie anmutig und mädchenhaft. Sie bewahrte ihre kindliche Einfalt und
Frömmigkeit und hielt in jedem Städtchen an, um die Messe zu hören.
Manchmal sank den Begleitern der Mut oder sie verloren die Geduld
ob der Gebetsverzögerungen; aber Johanna wußte sie immer wieder zu
trösten. Sie überschritt endlich die Loire und kam am 6. März in
Chinon an, wo der König in seinem weitläufigen Schlosse Hof hielt. Man
zögerte zwei Tage lang, ehe man sie empfing; der König glaubte, sich
lächerlich zu machen. Seine Lage war freilich eine verzweifelte, aber
einem Bauernmädchen die Führung des Krieges zu überlassen, war doch
eine Selbstverspottung in den Augen Europas. Aber gesetzt auch, sie
konnte Wunder tun, wer bürgte dafür, daß Gott mit ihr im Bunde war?
Vielleicht war es der Böse? Nein, die Geschichte war zu unglaublich.
Der Erzbischof von Reims hatte die stärksten Bedenken. Aber am 9. März
empfing sie der Dauphin dennoch.
Es war Abend, und fünfzig Fackeln erleuchteten den prunkenden Saal.
Alle Edlen und Ritter waren versammelt. Jeder war neugierig, das
Wunder zu sehen. Sie trat bescheiden ein und erstaunte keineswegs
ob der glänzenden Menge. Sofort erkannte sie den König, der sich
unter die Ritter gemengt hatte, um unerkannt zu bleiben und obwohl
er anfangs geleugnet hatte, daß er der König sei, umfaßte sie seine
Knie und sprach: »Edler Dauphin, mein Name ist Johanna, die Jungfrau.
Der König der Himmel offenbart Euch durch mich, daß Ihr in der Stadt
Reims gesalbt und gekrönt werden sollt und daß Ihr der Statthalter des
Königs der Himmel, der da ist der König von Frankreich, sein werdet.«
Der König nahm sie zur Seite und nach einer kurzen Unterhaltung hatte
sie ihm die geheimsten Gedanken seines Herzens offenbart. Trotzdem
mißtraute man ihr und ließ sie von Professoren der Theologie einem
Verhör unterwerfen. Der eine fragte sie: »Wozu braucht Gott denn
Kriegsleute, wenn er Frankreich erretten will?« Sie antwortete
ruhig: »Die Kriegsleute werden sich schlagen, und Gott wird den Sieg
verleihen.« Ein anderer Theologe, der einen häßlichen Dialekt sprach,
fragte: »In welcher Sprache reden denn deine Stimmen?« und Johanna
gab schlagfertig zurück: »In einer besseren als die Eure.« »Gott will
nicht, daß man dir ohne Zeichen glaube,« rief ein Dritter zornig aus.
Johanna sagte: »Ich bin nicht gekommen, um Zeichen und Wunder zu tun;
mein Zeichen wird sein, daß ich die Belagerung von Orleans aufhebe.«
Man konnte nicht fertig mit ihr werden und ließ sie in Ruhe. Es war
auch kein Augenblick mehr zu verlieren, denn die Gefahr hatte ihren
Gipfel erreicht. Man entschloß sich nun, die Jungfrau auszurüsten. Sie
verlangte ein Schwert, das sie genau beschrieb und das, wie sie angab,
hinter einem Altare gefunden wurde. Ihr militärisches Gefolge bestand
aus dem Schildknappen Ritter Jean d'Aulon, dem Pagen Immergut, zwei
Herolden, einem Hausmeister und zwei Dienern. Zum Feldpriester wählte
sie sich den Augustinermönch Jean Pasqueral. Ihr Bruder Peter blieb bei
ihr.
[Illustration: Johannas Geburtshaus in Domremy.]
Jetzt verabschiedete sie sich vom König. In Tours ließ sie sich noch
eine Fahne malen, wie ihre »Stimmen« sie ihr beschrieben hatten:
Lilien auf der einen Seite, auf der anderen Gott, auf einem Regenbogen
thronend. Und nun zog sie in den Kampf.
* * * * *
Des Weges unkundig, hatte sie sich der Führung der Kriegshauptleute
überlassen. Sie zogen auf dem linken Ufer der Loire nach Orleans.
Am 29. April erblickte Johanna zum ersten Male die Türme der Stadt.
Im nahen Schlößchen Reuilly rastete Johanna bis zum Abend. Und am
selben Abend acht Uhr, Freitag, den 29. April, zog Johanna durch das
burgundische Tor in Orleans ein. Sie war noch nicht siebzehnundeinhalb
Jahre alt. Die ganze Stadt war ihr entgegengegangen. Ihr Schildknappe,
die Fahne tragend, schritt voran und neben Johanna, die in voller
Rüstung auf weißem Rosse saß, schritt ihr Page Immergut. Links von
ihr ritt der königliche Vetter Graf Dunois, der Bastard von Orleans,
und hinter ihr kamen ihre Brüder; Herren und Ritter folgten, Knappen,
Hauptleute, Schöffen der Stadt. Freudetrunken umringte sie das Volk,
das mit Fackeln ihren Weg beleuchtet hatte. Männer, Frauen und Kinder
drängten sich an sie heran, um sie zu berühren.
Die belagerte Stadt jubelte, als sei sie bereits entlagert; eine
himmlische Beruhigung senkte sich auf alle Gemüter. Nach sieben Monaten
des Kampfes war dieser liebliche Engel erschienen, um ein Wunder zu
vollbringen. Denn die Engländer, von dem Ereignis ganz bestürzt,
hielten sich in ihren Bastillen verschanzt. Sie sahen dem Zuge der
Jungfrau wie betäubt zu und wagten keinen Angriff.
Am folgenden Morgen eilte sie zum Bastard und verlangte den Sturm auf
die englischen Verschanzungen; aber der Kriegsrat folgte ihr nicht.
Von der Brücke aus ruft sie nun den drüben verschanzten Engländern zu,
sich zu ergeben, aber die lachen die Jungfrau nur aus, obwohl sie im
geheimen Angst haben vor der »Zauberin«.
Und jetzt beginnt ein wütender Kampf. Eine Schlacht nach der andern
wird geschlagen, ein Sturm nach dem andern wird gelaufen. Und Johanna,
das kaum achtzehnjährige Mädchen, ist stets die mutige Anführerin, der
Feldherren und Soldaten blindlings folgen. Vom 2. bis 5. Mai ist sie
fast immer im Felde, immer in der Rüstung und zu Roß; nur ab und zu
wirft sie sich nieder, um inbrünstig um Sieg zu beten und eine kleine
Weile zu ruhen. Und am 6. Mai endlich ist der Sieg zu Gunsten der
Franzosen entschieden. Von den etwa achthundert Engländern sind kaum
zweihundert übrig, während die Franzosen nur geringe Verluste erlitten
haben. Aber als die letzte Schlacht, die dreizehn Stunden gedauert hat,
glücklich vorüber ist, vergießt Johanna Tränen des Glücks über den Sieg
und Tränen des Mitleids mit den Gefallenen, die ohne Beichte starben.
Nun begann der Triumphzug in die Stadt. Glocken läuteten, Trompeten
schmetterten Siegesfanfaren, Jubelgeschrei erhob sich, Segenswünsche
wurden laut. Die Jungfrau wurde in die Wohnung geleitet, wo sie zu
Gaste war. Ein großes Festmahl war ihr gerüstet, aber sie nahm nur
einige Brotschnitten zu sich, die sie in weinvermischtes Wasser tauchte.
In der Nacht räumten die Engländer noch die letzten Bastillen. Am
folgenden Morgen verkündeten die Turmwächter, daß sich das feindliche
Heer auf dem Felde in Ordnung stelle. Johanna und der Bastard von
Orleans eilten mit ihren Truppen hinzu. Man fragte Johanna, was man
tun solle. »Die Messe hören,« antwortete sie. Sie ließ einen Tisch
bringen, den sie zum Altar schmückte, und der Gottesdienst begann. Als
er zu Ende war, fragte Johanna, wohin die Engländer den Kopf wendeten.
»Nach Meung zu,« war die Antwort. »Beim Namen Gottes,« sagte nun die
Jungfrau, »sie ziehen ab; laßt sie ziehen; wir wollen dem Himmel
danken und sie nicht weiter verfolgen, denn es ist heute Sonntag.« In
patriotischer Stimmung beschlossen die Bürger und Frauen der Stadt den
denkwürdigen Tag durch eine feierliche Prozession.
Das eine Gebot der himmlischen Stimmen, Orleans zu befreien, war nun
erfüllt. Es blieb ihr noch das andere: den König nach Reims zu führen
und ihn zu krönen.
Am 10. Mai verließ sie Orleans und ging nach Loches, wo der König
weilte, um ihn zu dem Zuge nach der Krönungsstadt zu drängen. Aber sie
stieß auf Widerstand, der allerdings berechtigt war. Denn die Engländer
hatten noch eine Menge Plätze an der Loire besetzt, aus denen sie erst
hätten vertrieben werden müssen. Die Jungfrau fügte sich dem neuen
Kriegsunternehmen und begann den Feldzug an der Loire.
Am 12. Juni fiel ~Jargeau~. Der Herzog von Alençon zögerte mit
dem Sturm; es sei noch nicht Zeit, meinte er. »Es ist immer Zeit,«
antwortete Johanna, »sobald es Gott will. Aber hast du Angst, artiger
Herzog? Weißt du nicht, daß ich deiner Frau versprochen habe, dich
unverletzt heimzuführen?« Solcher Rede widerstand er nicht, und so
wurde Jargeau gestürmt. Johanna versöhnte auch die königliche Partei
mit dem am Hofe verhaßten mürrisch-stolzen Konnetabel Artus de
Richemont, der der Jungfrau erst hatte geloben müssen, treu dem Könige
zu dienen. Mit seiner Hilfe wird ~Beaugency~ bei Blois am 17. Juni
genommen. Jetzt verlassen die Engländer auch Meung und am 18. Juni
werden sie bei Patay in der Beauce so gründlich geschlagen, daß die
Loire von jetzt an für immer von ihnen befreit bleibt. An demselben
Tage wurde auch der mächtige englische Feldherr Talbot gefangen.