»Als Urban VIII. aus dem Hause Barberini Papst wurde, der als

Kardinal Galilei sehr zugetan war und ihm 1620 sogar ein Lobgedicht

zugeschickt hatte, reiste Galilei abermals nach Rom, um den Papst

zu beglückwünschen. Er wurde sehr gnädig empfangen, reich beschenkt

und bei seiner Rückkehr mit einem belobenden Breve an den Großherzog

entlassen. Galilei hatte aber mit dieser Romreise noch einen anderen

Zweck im Auge. Obwohl er durch die förmliche Verdammung des Kopernikus

zum Schweigen über dessen System verurteilt war, hatte er im stillen

ein Werk über dieses System vorbereitet und er erhoffte von dem neuen

Papst die Erlaubnis zur freien Darlegung seiner Ideen. Man hielt ihn

aber mit unbestimmten Hoffnungen hin. Um seine Absicht durchzuführen,

machte Galilei 1628 und 1630 wiederholte Reisen nach Rom. Sein Werk

wurde von mehreren Zensoren beurteilt, in manchen Einzelheiten geändert

und endlich erhielt er die Erlaubnis zur Drucklegung. 1632 erschien

dieses Werk in Dialogform.

»Im Auslande habe man die Meinung verbreitet -- führt Galilei in diesem

Werke aus --, das Verbot, die Bewegung der Erde zu lehren, sei nicht

die Frucht reiflicher Überlegung, sondern leidenschaftlicher Aufregung,

und sei von Personen ausgegangen, denen die für das kopernikanische

System sprechenden Gründe nicht bekannt, oder die zum Urteil darüber

nicht befähigt wären. Um diese unbegründete Meinung zu widerlegen und

um zu zeigen, daß in Rom, wo er sich damals aufgehalten und mit den

vornehmsten Prälaten des päpstlichen Hofes über diesen Gegenstand

konferiert habe, alles hierauf Bezügliche so gut bekannt gewesen sei

als sonstwo, habe er nun sein Werk geschrieben, in welchem er alles

zusammenfasse, was sich ~gegen~ die gewöhnlichen Gründe für die

Unbeweglichkeit der Erde und was sich ~für~ das kopernikanische

System sagen lasse. Nur überwiegende religiöse Gründe, nicht Unkenntnis

und Leidenschaftlichkeit seien in Rom die Veranlassung gewesen, die

Unbeweglichkeit der Erde zum Dogma zu erheben und die entgegengesetzte

Meinung für eine bloße mathematische Laune zu erklären.

»Dadurch, daß Galilei der Sache diese Wendung gab, hatte er nun zwar

von der Zensur die Erlaubnis zum Drucke seines Werkes erlangt; wenn

er aber gehofft hatte, dadurch seine Feinde zu beschwichtigen oder

einer Anklage beim Inquisitionsgericht zu entgehen, so hatte er

sich bitter getäuscht. Sein Werk machte zu großes Aufsehen, sowohl

durch den Beifall, den es bei den aufgeklärten Zeitgenossen fand,

als durch die Menge von Gegenschriften, die es hervorrief. Auch ward

Galileis eigentliche Absicht, dem kopernikanischen System, trotz des

Verdammungsurteils, den Sieg zu verschaffen, selbst den beschränktesten

Mönchen sehr bald klar. Fanatismus und Verketzerungssucht waren bald am

Werk, um Galilei zu schaden. Urban VIII., das Haupt der katholischen

Kirche, hätte selbst beim besten Willen Galilei nicht länger zu

schützen vermocht. Er konnte den öffentlichen und geheimen Anklagen

gegen Galilei sein Ohr nicht länger verschließen.

»Schon im August 1632 berief man in Rom eine Kommission von Theologen

und Mathematikern zur Untersuchung zusammen, die allesamt bekannte

Widersacher Galileis waren. Der zweiundzwanzigjährige Ferdinand II. von

Toskana, der seinem Vater Cosimo II. im Jahre 1621 in der Regierung

gefolgt war, suchte vergeblich die drohende Gefahr von Galilei

abzuwenden. Er machte mit Recht geltend, daß Galileis Werk ja einer

mehrmaligen, strengen Zensur unterworfen und nach Vorschrift abgeändert

worden sei. Der Papst nannte aber die erlangte Erlaubnis zum Drucke

des Werkes eine erschlichene und berief sich auf das Dekret vom 16.

Februar 1616 -- hier sehen Sie es im Original mit der Unterschrift des

Papstes Paul V.! --, worin Galilei bei Androhung schwerer Kerkerstrafe

verboten wird, fernerhin die kopernikanische Lehre zu verteidigen.

Papst Urban war in großen Zorn geraten. Die Untersuchung gegen Galilei

wurde unterdessen ganz im stillen weitergeführt; nicht einmal die Namen

der ernannten Untersuchungskommissarien wurden bekannt. Ende Oktober

desselben Jahres erhielt Galilei die Vorladung, sich zum Verhör in

Rom einzustellen. Er suchte nun zwar Aufschub zu gewinnen, indem er

sein hohes Alter, seine Kränklichkeit und die Beschwerlichkeit der

an der Grenze des Kirchenstaates abzuhaltenden Quarantäne geltend

machte. Allein, seine Bitten blieben fruchtlos; Galilei mußte sich

zur Reise entschließen und am 13. Februar 1633 langte er in Rom an.

Er stieg in der Villa Medici, dem toskanischen Gesandtschaftshotel,

ab, und stellte sich in den nächsten Tagen einigen Kardinälen und

Assessoren des Inquisitionsgerichts vor, die er ziemlich wohlgesinnt

fand, von denen er jedoch den Rat erhielt, äußerst zurückgezogen zu

leben und nur die zwingendsten Besuche anzunehmen. Galilei erfuhr, der

Hauptvorwurf, den man ihm mache, sei die Übertretung des Befehls vom

Jahre 1616, gar nicht mehr über das kopernikanische System zu sprechen.

Galilei behauptete aber, es sei ihm damals nur verboten worden, jenes

System zu verteidigen und sein Werk sei keine Verteidigung, sondern

nur eine Zusammenstellung der Gründe für und gegen die Sache. Endlich

am 12. April 1633 wurde Galilei vor das Gericht geführt. Er mußte

nun im Inquisitionsgebäude bleiben, wurde jedoch in kein Gefängnis

gesperrt; er durfte vielmehr in den Zimmern des Gerichtsfiskus

wohnen, konnte seinen eigenen Diener behalten, es war ihm erlaubt, im

Hofe des Hauses spazierenzugehen -- lauter Vergünstigungen, die beim

Inquisitionsgericht ganz unerhört waren. Gleich bei dem ersten Verhör

scheint ihm jedoch unter Strafe der Exkommunikation das Versprechen

abgenommen worden zu sein, über das, was mit ihm vorginge, das

strengste Stillschweigen zu beobachten.

»Nachdem er achtzehn Tage in dieser Abgeschlossenheit zugebracht hatte,

erbat sich Galilei ein neues Verhör; er sagte aus: Seit drei Jahren

habe er sein Werk über Kopernikus nicht wieder gelesen; jetzt sei er

durch diesen Prozeß veranlaßt worden, es nochmals genau durchzusehen,

um gewissenhaft zu prüfen, ob nicht gegen seinen Willen etwas aus

seiner Feder geflossen sei, was man ihm als Ungehorsam gegen die Kirche

auslegen könne. Er habe nach so langer Zeit sein Buch wie das eines

anderen Verfassers durchstudiert und nun allerdings gefunden, daß

es Stellen enthalte, welche einen Leser, der ihn nicht genau kenne,

zum Glauben verleiten könnten, der Verfasser habe die Gründe für die

Meinung, die er ~widerlegen~ wollte, darum so beredt vorgetragen,

damit man diese Meinung als die richtige ~annehme~. Gestatte man

es, so wolle er eine Fortsetzung schreiben, worin er die falsche und

von der Kirche verdammte Lehre mit den kräftigsten Gründen, die Gott

ihm eingeben werde, widerlegen wolle. In bezug auf die Erlaubnis zum

Drucke seines Werkes habe er alles getan, wozu ihn das frühere Dekret

verpflichte. Doch wolle er sich nicht von Irrtum freisprechen, wohl

aber von List und Bosheit; er klage sich selber des Ehrgeizes an, seine

Kunst in Darlegung der Gründe für das kopernikanische System beweisen

zu wollen. Man möge sein hohes Alter, seine Kränklichkeit, seinen

seit zehn Monaten erlittenen Kummer, die Beschwerden der Reise, die

Verleumdungen, denen er ausgesetzt sei, mit in Erwägung ziehen.

»An demselben Tage, an dem dies Verhör stattgefunden hatte,

wurde Galilei wieder in die Villa Medici zurückgesandt, um seine

Gesundheit zu stärken. Erst am 22. Juni mußte er abermals vor dem

Inquisitionsgericht erscheinen. Man behielt ihn diesen Tag und die

folgende Nacht dort und führte ihn dann in das Dominikanerkloster

+alla Minerva+, wo ihm sein Urteil eröffnet wurde. Es erklärt

ihn für schuldig, ketzerischen Meinungen in betreff der Bewegung der

Erde, angehangen zu haben; es spricht ihn aber von den auf ein solches

Verbrechen gesetzten Strafen unter der Bedingung frei, daß er seine

physikalischen und astronomischen ›Irrtümer‹ abschwöre und verfluche.

Ferner solle sein Werk über das ptolemäische und kopernikanische

Weltsystem durch eine öffentliche Bekanntmachung verboten und

Galilei selbst auf eine vom Gericht nach Willkür zu bestimmende Zeit

gefangengehalten werden. Die nächsten drei Jahre hindurch solle Galilei

wöchentlich einmal die sieben Bußpsalmen rezitieren. Schließlich behält

sich das Gericht vor, diese Strafen und Bußen nach seinem Gutdünken zu

verändern oder zu mildern.

»Es wird erzählt, daß Galilei, welcher die Abschwörung seiner Lehren

kniend leisten mußte, während er sich wieder erhob, halb laut gesagt

haben soll ›+e pur si muove+‹! (›und sie -- die Erde -- bewegt

sich doch!‹). Aber eine so gefährliche Äußerung im Munde eines damals

so tief gebeugten Greises ist ziemlich unwahrscheinlich.

»Freilich haben sie ihn nicht ganz mundtot machen können. Der

Name dieses Erforschers der Sterne war inzwischen selber zu einem

leuchtenden Gestirn geworden am Himmel des Ruhmes, und sie konnten ihn

nicht gut auslöschen. Sie nahmen ihm zwar einen großen Teil seiner

›teuflischen Instrumente‹ fort, mit denen er in den Werken Gottes

herumspionierte, aber sein Genie konnten sie ihm nicht nehmen.

»Der Papst verwandelte die im Urteile ausgesprochene Gefängnisstrafe in

Haft und später erhielt er die Erlaubnis, sich in die Nähe von Florenz

auf sein Landgut zu Arcetri zu begeben, wo er auch die Besuche seiner

Freunde annehmen durfte; nur große Gesellschaften dort zu empfangen,

war ihm untersagt. Arcetri scheint Galilei vorzüglich darum zu seinem

Aufenthalte gewählt zu haben, weil es ganz nahe bei dem Kloster lag, in

welchem seine beiden natürlichen Töchter als Nonnen lebten. Zu seinem

tiefsten Schmerze starb die älteste dieser Töchter schon im April 1634.

Gleichzeitig mit diesem Familienunglück traf ihn eine harte abschlägige

Antwort aus Rom auf seine Bitte um die Erlaubnis, von seiner Villa aus

zuweilen das eine Meile entfernt gelegene Florenz besuchen zu dürfen.

Es wurde ihm sogar mit Strafen gedroht, wenn er wieder solche Bitten

wage.

»Aber seine Gefangenschaft -- wie anders soll man ein Leben voller

Kummer unter beständiger jesuitischer Aufsicht nennen? -- seine

Gefangenschaft konnte nicht verhindern, daß er seine Studien

fortsetzte, daß er die schwankenden Bewegungen der Mondkugel entdeckte

und die Gesetze der Kohäsion aufstellte. Freilich muß man nicht

glauben, daß er unter all den Verfolgungen und Kränkungen nicht

schrecklich gelitten hätte. Werfen Sie nur einen Blick auf diese

Terrakottabüste, die aus seinen letzten Jahren stammt; ich besitze

verbürgte Nachrichten darüber, daß sie dem lebendigen Menschen am

nächsten kommt und daß sie den getreuesten Eindruck von Galileis

Physiognomie gibt. Ist sie nicht ein ebenbürtiges Abbild seiner

vergällten Seele? Galilei erinnert hier an einen Jupiter, dessen Stirn

von schweren Sorgen umwölkt ist. Wie immer bei genialen Menschen sind

auch in seinen Zügen wunderbare Größe und tiefstes Leid vereint. Krank

an Leib und Seele erwartete Galilei schon damals den Tod.

»Seine Freunde sorgten jetzt für Verbreitung und Druck seiner gelehrten

Arbeiten im Auslande, während die römische Inquisition überall, wo

sie Einfluß besaß, den Druck neuer Werke Galileis verbot. Aber diese

entwicklungsfeindlichen Inquisitoren vermochten, trotz aller Ränke,

nicht den Fortschritt des menschlichen Denkens aufzuhalten; die

Verfolgungen Galileis machten seinen Namen und seine Lehren erst recht

berühmt.

»Schon seit 1632 hatte Galilei an den Augen gelitten, war aber immer

wiederhergestellt worden; allein im Jahre 1637 erblindete zuerst

sein rechtes Auge und bald auch das linke. Ein Jahr vorher hatte

Galilei seinem Freunde, dem Grafen von Noailles, ein neues größeres

Werk über Mechanik überreicht, die ›+Discorsi e dimostrazioni

matematiche intorno a due nuove scienze+‹, in welchem die ›beiden

neuen Wissenschaften‹, die Lehre vom Widerstande fester Körper beim

Zerbrechen und Zerreißen, und die Theorie der Bewegung, nicht nur der

gleichförmigen, sondern auch der beschleunigten, niedergelegt waren.

Mit Recht schätzte Galilei selbst diese +Discorsi+ höher als

alle seine übrigen Werke, denn hier offenbart sich am meisten sein

Talent zur Erforschung der Naturgesetze unter der sicheren Leitung

der Mathematik. Während seine vielfachen astronomischen Entdeckungen

doch eigentlich nur Früchte aufmerksamer Beobachtung waren, die

nach der Erfindung des Fernrohres jedem zufallen mußten, der zuerst

hinreichenden Fleiß darauf verwendete und die darum auch von vielen

anderen Beobachtern als ihre Entdeckungen in Anspruch genommen wurden,

entwickelte Galilei in diesen +Discorsi+, unbestreitbar als der

Erste, die Gesetze des freien Falles, als auch des Falles auf gegebenen

Flächen und Kurven, die Bahn geworfener Körper, die Schwingungen

des Pendels und der tönenden Körper, und die Gesetze der Bewegung

überhaupt. Dies Werk ist daher die Grundlage der Akustik, Ballistik, ja

der gesamten Dynamik der neueren Zeit.

»Am 8. Januar 1642 setzte ein schleichendes Fieber seinem Leben ein

Ende. Galileis Leichnam wurde in dem Familienbegräbnisse der Galilei

in Florenz in der Kirche S. Croce beigesetzt. Als seine Verehrer ihm

dort ein Denkmal setzen wollten, verhinderte es die Inquisition. Selbst

noch im Tode war Galilei diesen Henkern im Wege. Erst 1674 durfte über

seinem Grabe

[Illustration: Der schiefe Turm zu Pisa, von dessen Höhe Galilei Körper

verschiedenen Gewichts herabfallen ließ.]

eine Ruhmestafel angebracht werden und 1737 wurde ihm dort ein

Ehrendenkmal aus Marmor errichtet.

»Ich habe es noch vor mir, die Geschichte seines Lebens zu

schreiben, über das ich durch zahlreiche Notizen, die von Galilei

selbst herrühren, reichen Aufschluß erhalten habe. Er muß ein sehr

liebenswürdiger Mensch gewesen sein; er war wohltätig und gastfrei,

standhaft im Leiden, reizbar, aber leicht versöhnlich, mitteilsam

und offen und erst im Alter melancholisch und schweigsam. Da er

angenehm zu unterhalten verstand, war er einer der wünschenswertesten

Gesellschafter. Und erfüllt es nicht mit Bewunderung, zu sehen, wie

dieser Mann neben all seinen Arbeiten noch Zeit übrig hat, den Pegasus

zu reiten und sein Gemütsleben in Verse zu bannen?! Auch von diesen

besitze ich die unveröffentlichten Originale. Er war ein Freund und

Kenner der schönen Künste, sowie der Literatur; nicht allein der

alten, sondern auch der italienischen. Er liebte das Landleben und

beschäftigte sich besonders gern mit der Kultur des Weinstocks. Und

dann, wie viele philosophische Abhandlungen habe ich von ihm im

Manuskript! Er war als Philosoph nicht minder groß, denn als Physiker.

Aber letzterdings mußten ihm seine Augen doch alles sein, die nicht

aufhören wollten, die Tiefen des Himmels zu ergründen. Manche meinen,

seine Erblindung sei den anstrengenden Beobachtungen der Sonnenflecke

und der Mondesoberfläche zuzuschreiben. Vielleicht war es aber auch

die Strafe für seine Vermessenheit, daß Gott ihn endlich mit Blindheit

schlug. Gewiß schmerzte ihn aber der Tod seiner Augen nicht einmal so

sehr, wie ihn die geistige Blindheit seiner Peiniger quälte. Studieren

Sie ihn und je größere Gesichtspunkte Sie nehmen, desto näher werden

Sie ihm kommen.

»Die meisten freilich -- ich habe in den Galerien vor Michelangelos

Bildwerken, vor Raffaels Gemälden Gelegenheit genug, die unerhörtesten

internationalen Salbadereien anzuhören -- die meisten finden es

bequemer, zu fragen: Wo war dieser Mensch, dieser Künstler,

dieser Forscher klein? Wie schlaue Detektive spüren sie den großen

Renaissancemenschen persönliche kleine Dinge nach, gleichsam um

die Menschen herabzuziehen. Hat Michelangelo nicht doch irgendeine

Schwäche gehabt? Hat er nicht irgendeine Gemeinheit begangen? Wie mit

Bleigewichten sind sie von einem schalen Kleinkramwissen belastet und

vermögen deshalb nicht unterzutauchen in den Geist der Renaissance. Sie

erinnern mich an das Wort Heines: ›Nur wenn wir im Kot uns fanden, so

verstanden wir uns gleich.‹ Natürlich hatte auch Galilei seine Fehler;

hat er doch tatsächlich im Jahre 1633 einen Meineid geleistet und auf

den Knien seine ganze Lehre abgeschworen. Gewiß, dieser Meineid ist

ein Flecken in seinem reinen Leben. Aber zweierlei ist zu bedenken:

dieser Meineid rettete ihm das Leben, das noch einen außerordentlichen

Wert erhielt durch die Herausgabe der berühmten ›+Discorsi+‹, auf

denen die moderne Physik begründet ist. Und dann, vergessen wir doch

nicht, daß Galilei auch der Erste war, der selbst in der Sonne Flecken

entdeckt hat ...«

Der Graf war zu Ende.

Es ist wahr, daß die Nachwelt den großen Menschen einen Legendenkranz

ums Haupt flicht. Wir wollen diesen Kranz nicht zerreißen, wollen den

Duft nicht fortnehmen, der die Helden der Menschheit umgibt, so wie

eine edle Patina auf alten Bronzen lagert und ihre Ehrwürdigkeit noch

erhöht.

Große Männer gleichen jenen erhabenen Bergesgipfeln, für die wir erst

in der Entfernung den richtigen Standpunkt gewinnen, wo man sie denn

hoch über alle Bergketten emporragen sieht.

Die Jungfrau von Orleans.

Der Glaube an das Dasein einer übernatürlichen Welt wurzelt urtief

im menschlichen Gemüt. Aus diesem Glauben und aus dem Glauben an

Wunder und an die Gewalt des Satans über den Menschen wurde auch der

Aberglaube an Zauberei geboren, der sich von Jahrhundert zu Jahrhundert

immer mehr entwickelte, und im Mönchstum und in der Unwissenheit die

stärksten Stützen gefunden hat. Weil in der Bibel die Zauberei öfters

mit dem Tode bedroht wird und von zauberischen und übernatürlichen

Dingen vielfach die Rede ist (die Wundertaten des Moses und der

ägyptischen Sterndeuter, Bileams Esel, die Hexe von Endor usw.), so war

ein Zweifel, daß es Hexen und Zauberer gab, ganz ausgeschlossen. Und

wenn durch Bileams Esel ein Engel redete, warum sollten die Hexen sich

nicht in Katzen und Werwölfe verwandeln können, durch die der Teufel

sprach? Gerade die Mönche brüteten hinter ihren Klostermauern die

abenteuerlichsten Hirngespinste aus. Sie gaben den Phantasiegebilden

des Volkes bestimmte Gestalt. Sie schilderten die Teufel mit

unheimlichen dicken Köpfen, langgezogenen Hälsen, hagergelben

Gesichtern, langen schmutzigen Bärten, Pferdezähnen und Pferdefüßen,

feurigen Augen, glühenden Schlünden, breiten Mäulern, knotigen Knien,

krummen Beinen, geschwollenen Knöcheln und verkehrten Füßen. Und

ungeachtet dieser scheußlichen Ungeschlachtheit schlüpften sie durch

Türen, Gitter und Ritzen und störten den Andächtigen und Betenden.

Die Mönche waren die ausübenden Zauberer. Sie gaben sich als

berufsmäßige Wundertäter aus, weil sie danach trachteten, dem Volke,

das im geheimen noch immer den alten heidnischen Gottheiten anhing,

diese zu verleiden, und die Wunder Christi, der Propheten und der

Heiligen besonders glaubhaft zu machen. Sie, die Diener Gottes,

vermochten allein Gott zu versöhnen -- denn die Krankheiten galten

damals ja nur als Strafen des Ewigen für begangene Sünden -- und die

Mönche allein hatten die Kraft, die Dämonen durch Vaterunser, durch

Salbung, Händeauflegen, Anrufen des Jesunamens zu bannen. Wenn der

Mensch von Gott erschaffen worden ist, so kann Gott nicht wollen, daß

sein Geschöpf leide, denn Gott ist die Güte. Leidet der Mensch aber

dennoch, so ist es der Böse, der Teufel, welcher im kranken Leibe mit

Gott kämpft. Wenn aber Gott und Satanas sich streiten, ist natürlich

der Mensch der Prügelknabe. Daher also die Schmerzen. Aber dieser

vom Teufel Besessene bekommt nun nicht etwa ein Mittel gegen seine

Schmerzen, sondern mit Gebet und Buße, mit Opferung und Weihrauch wird

der Teufel ausgetrieben. Zauber- und Segensprüche, Beschwörungsformeln

und Reliquien waren in jenen Zeiten an der Tagesordnung. Die Mönche

mußten eben zu groben Mitteln greifen, um die Reste des Heidentums

auszurotten.

Es muß in den Köpfen jener Zeit sehr seltsam ausgesehen haben. Man

glaubte, daß der Papst nicht esse und trinke; daß alte kranke Weiber

Hexen seien, die auf hohe Berge ritten, und mit teuflischen Geistern

dämonische Kinder zur Welt brächten; daß Werwölfe verwandelte Hexen

wären. Man glaubte, daß es Teufelssalben gäbe, denen eine zauberische

Wirkung innewohnte; daß es einen Alp gäbe, der wie ein wilder

Orang-Utan aussehe und nachts die Menschen quäle; daß Hexen Ungewitter

hervorrufen könnten; daß sie nachts die Euter der Kühe leer tränken;

daß verschluckte Kirschenkerne im Magen zu keimen begönnen. Man liest

von Besessenen, die vor den Altären der Heiligen Urnen voll Münzen

erbrachen. Man erfährt, daß die Muskatnuß kräftiger werde, wenn sie

der Mann bei sich trage; daß das Ungeziefer aus Fäulnis entstehe; daß

die Wunde eines Ermordeten zu bluten beginne, wenn der Mörder sich dem

Leichnam nähere.

Die Hexen verschrieben sich dem Teufel mit einem Tropfen Blut oder

durch einen Nagel, ein Haar, einen Strohhalm, eine Nadel, eine

Nuß, einen Kirschkern. Auch sie geben sich mit Besprechungen,

Zeichendeutungen und anderen Zaubereien ab. Sie haben den Mond in der

Gewalt und machen Ebbe und Flut. Sie streichen mit Rabenfedern bösen

Tau vom faulen Moor und würgen Schweine. Sie schwimmen im Sieb übers

Meer und entfesseln Stürme. Der Wind ist ihnen untertan. Sie zaubern

dem Menschen Auszehrung an. Sie sind mordsüchtig und entstellen den

Leib. Sie reiten die Menschen und saugen ihnen das Herzblut aus. Sie

sind prophetisch begabt. In den Tagen, in die die Geburt Jesu fällt,

krähen die Hähne die ganze Nacht, die Geister dürfen nicht spuken, die

Hexen nicht zaubern. Die bangen ruhelosen Seelen Ertrunkener und am

Scheidewege Begrabener müssen nachts umherirren. Auch Menschen, die

während ihrer Lebenszeit Geld erpreßt haben, finden im Grabe keine

Ruhe. Sie müssen nachts wandern, bis sie ihre Sünden gebüßt haben.

Am Nordpol wohnen die bösen Geister; die guten Geister bringen den

Menschen, während sie schlafen, Segen ins Haus. Beim Mondlicht ziehen

die Feen und Zwerge geheimnisvolle Kreise auf dem Rasen, von denen das

Schaf nicht frißt. Zanken sich die Geister, dann steigen böse Nebel

vom Meere ans Land und erzeugen Fieber; Bäche wachsen zu verheerenden

Strömen an; der Bauer pflügt und sät umsonst; die Schafe erkranken in

der Hürde; Krähen fliegen; auf den Waldwegen wächst dichtes Unkraut

-- kurz eine ganze Brut von Plagen entsteht. Die Elfen benaschen

Milchtöpfe, necken die Mägde, verderben den Brei, lassen die Butter

mißraten, erschrecken nächtliche Wanderer durch Lachen und leiten sie

irre. Sie locken den Hengst, indem sie das Wiehern der Stute nachahmen;

verwandeln sich in einen Schemel und fliegen gerade dann weg, wenn sich

jemand darauf setzen will. Sie verwirren nachts die Mähne der Pferde

und flechten ihnen Weichselzöpfe, die, wiederum entwirrt, auf Unglück

deuten. Aus all diesen Gründen bittet man um Schutz vor den Elfen und

Kobolden. Sie sind unsterblich. Sie wandeln über den Gischt des Meeres

und tanzen auf dem Rücken des Nordwindes. Bald sind sie Feuergeister,

die Schrecken bringen und sich in einen zuckenden Blitzstrahl

verwandeln; bald sind sie lockende, singende Sirenen. Bald ahmen sie

die Schalmei nach und bald tolles Hundegekläff; bald den Hahnenschrei,

bald das Wellenplätschern. Sie können sich unsichtbar machen. Sie

finden ihren Weg im Dunkeln. Wer aber durch Forschungen Herrschaft

über die Geister erlangt hat, vermag gleichfalls Stürme zu entfesseln,

die Sonne zu verdunkeln, das Meer aufzupeitschen, Bäume zu entwurzeln,

Berge zittern zu machen und Tote aus ihren Grüften zu rufen und sie

wieder zu beleben. Ein Zaubermantel ist sein. Was man auf der Erde

erblickt, gehorcht ihm. Auf seinen Wink dorrt und verwelkt alles, was

grünt; sobald er will, muß der Fels Wasser spenden und aus trockenen

Klippen sprudeln reiche Quellen. Die reißenden Wasserwogen verwandelt

er zu Brücken; die Winde gehorchen ihm. Ihm gehorchen die Ströme und

die wilden Tiere.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 6 / 18 段