Wie es das größte Verdienst des Mittelalters ist, die innere Welt

des Seelenlebens vertieft zu haben, ist es das höchste Verdienst der

Renaissance-Astronomen, uns den Himmel geweitet zu haben, indem sie

ihn uns näherbrachten. Sie entdeckten neue Welten in sich, in ihrer

Seele (z. B. Dante, Petrarca) und neue Welten am Himmelsraume (z. B.

Kopernikus, Kepler, Galilei). Sie sind nicht bloße Sterngucker oder

Registratoren. Das neue Bild am Himmelsgewölbe, das sie schaffen, gibt

ihnen auch eine neue Anschauung vom Zusammenhange der Natur.

Welche Kräfte und Gesetze sind es, die das Weltsystem zusammenhalten

und die dem Menschen die Macht geben, dieses System in Gedanken

aufzubauen? Wer gab dem Menschen diese hohen Gedanken?

Diese Astronomen sind zugleich auch durchaus tüchtige Philosophen.

Sie bringen eine echte und große Begeisterung mit, und wenn sie ihre

kindlich einfachen Fernrohre vors Auge rücken, ist es ein erhabenes,

wortloses Gebet, das durch ihre Seele zieht ....

Es war nicht meine Absicht, eine Vorlesung über Geschichte der

Astronomie zu hören, als ich nach Florenz ging. Aber ein Zufall führte

mich in den alten Palast, den der Graf Paolo Galletti in der Via de

Banchi bewohnt, in dem ich acht kostbare Tage verbringen durfte. Am

zweiten Tage unseres unvergeßlichen Zusammenseins hatte sich Graf

Galletti als ein Sammler und Gelehrter entpuppt, der sein Leben der

Galilei-Forschung weihte und der mich einen Blick werfen ließ in seine

reichen und unschätzbaren Sammlungen.

Welch eine sonderbare Wohnung war das! Man befand sich in einer

weitläufigen Bildergalerie, deren gründliches Studium allein einige

Tage gekostet hätte. Da waren düstere Gemälde von Giotto und Pontormo,

Prachtstücke von Guido Reni und Fra Bartolomeo und einige unbekannte

Porträts aus der besten Zeit von Franz Hals. In den Korridoren befanden

sich kostbare Kupferstiche, in jedem Winkel Marmorwerke und Antiken.

In der Küche standen Ausgrabungen vom alten Tempel auf Fiesole. Das

Haus war voller geheimer Türen, die zu verborgenen Treppen führten; ein

ängstlicher Wirrwarr von Gängen, Fluchten und Nischen.

Ein Gemach aber, das Studierzimmer des Grafen, überbot in seinem wirren

Durcheinander die Kunst aller Regisseure, die je ihre Phantasie an

»Fausts Studierzimmer« erprobt haben. Retorten, Globusse, Wagschalen,

Mörser, Klöpfel, Urkunden, Pergamentrollen, sonderbar geformte Lampen,

ureinfache Mikroskope, astronomische Karten, Fernrohre, Glaskelche,

Schädel, alles lag in einem malerischen Kunterbunt umher.

»Dies« -- erklärte mir der Graf, und er zeigte mir ein vergilbtes,

vom Staub und von der Zeit zernagtes Pergamentblatt -- »dies ist

die Originalurkunde, die den Kanonikus Girolamo (Savonarola) in den

Verbrennungstod schickt. Betrachten Sie, bitte, auch diese Blätter! Es

sind die Originalgedichte Franzesko di Medicis. In jener unscheinbaren

Kassette dort bewahre ich einen Pack Briefe von Zwingli, die er

an meine Ahnen gerichtet hat. Mit einer theologischen Schlauheit,

die ihresgleichen sucht, bemüht er sich, sie für seine Ideen

herumzubekommen. Welch eine klare und kräftige Natur; man begegnet

solchen Menschen nicht mehr. Aber, was Sie mehr interessieren wird,

das ist dies Manuskript der ›Göttlichen Komödie‹, von der Dante etwa

zehn oder zwölf Abschriften besaß. Beachten Sie das Datum hier: der 29.

Juni 1416. Von ebenso großem Werte ist auch dieser Kodex; die reizenden

Kompositionen, die Sie sehen, rühren von Pico de la Mirandolas Hand

her. Worauf man sehr gespannt sein wird, das sind verschiedene Gedichte

von Torquato Tasso, den Goethe in seiner Tragödie verewigt hat und die

Tasso schrieb, kurz bevor er ins Irrenhaus kam. Ich will nicht von den

Briefen Donato Giannottis sprechen, des großen Freundes Michelangelos,

auch nicht von den Briefen Macchiavellis und Benvenuto Cellinis, die

ich besitze und die durch mich noch ihrer Veröffentlichung harren.

Ich mache Sie lieber auf jenes Porträt aufmerksam, das von den

bedeutendsten italienischen Kritikern als Selbstporträt Michelangelos

erkannt wurde.«

»Soviel mir aber bekannt ist,« sagte ich, »hat die neuere

Kunstforschung mit Sicherheit festgestellt, daß es von Michelangelo

keine Selbstporträts geben kann, weil er sich niemals selbst gemalt

hat.«

»Es handelt sich hier vielleicht um das von einem zeitgenössischen

Freunde angefertigte Porträt,« meinte der Graf. »Sie werden mich nun

fragen, wie all diese Schätze in meinen Besitz gekommen sind? Ganz

einfach. Ich bin der Besitzer der Villa, die Galilei in Arcetri bewohnt

hat, und in ihr fanden sich all diese Kostbarkeiten vor. Sie waren

also Eigentum Galileis, von dem ich noch weit Wertvolleres besitze.

Das ganze astronomische und physikalische Handwerkszeug, dessen der

Astronom sich auf der Villa Arcetri bediente, jener Villa, in die ihn

seine jesuitischen Feinde verbannt hatten, ist in meinem Besitz. Mit

Ausnahme der Bronzelampe, die Sie im Dome zu Pisa gesehen haben und

die Galilei zur Entdeckung des Pendelgesetzes die Anregung gab, sind

fast alle Instrumente in meinen Händen, mit deren Hilfe Galilei seine

bedeutenden Entdeckungen gemacht hat.«

»Ach, erzählen Sie mehr von ihm,« bat ich den Grafen.

»Gern,« erwiderte er. »Schon der Tag, an dem er zur Welt kam, hat

für mich etwas Geheimnisvolles, und auch für Sie, wenn Sie an die

Seelenwanderung glauben. Galilei wurde an demselben Tage geboren,

an dem Michelangelo starb; am 18. Februar 1564. Pisa ist seine

Geburtsstadt. Vinzenzo, sein Vater, war ein Florentinischer Edelmann,

der sich durch Schriften über die Theorie der Musik und Mathematik

einen besonderen Ruf erworben hatte. Seine Mutter, Giulia, stammte aus

dem alten und berühmten Geschlecht der Ammannati. Bald nachdem Galilei

zur Welt gekommen war, zogen seine Eltern nach Florenz, wo er auch

seine erste Erziehung erhielt. Galilei sollte Tuchhändler werden, ein

Geschäft, das bei den Florentinern damals in hohen Ehren stand. Aber

als der Vater die hervorragende Begabung des Knaben bemerkte, ließ er

ihm eine Erziehung angedeihen, die mehr auf eine wissenschaftliche

Laufbahn abzielte. In der Verfertigung mechanischer Instrumente

und Maschinen und besonders im Zeichnen zeigte Galilei schon als

Knabe großes Geschick. Der Vater schickte nun seinen Sohn 1581 auf

die Universität nach Pisa, wo er die Arzneiwissenschaft studieren

sollte. Zugleich hörte er dort Vorlesungen über das, was man damals

aristotelische Philosophie nannte. Abgestoßen von diesen haarspaltenden

und fruchtlosen Diskussionen griff Galilei oft als Gegner in diese

Streitigkeiten ein. Dafür nannte man ihn auch den ›Zankapfel‹.

Das hinderte ihn nicht, die naturwissenschaftlichen Irrtümer der

aristotelischen Philosophie zu verwerfen und das Gute der dialektischen

Lehrsätze hochzuhalten. Aber seine stärkste Liebe wandte er dennoch den

Naturwissenschaften und der Mathematik zu.

»Eines Tages bemerkte er, daß eine im Dome zu Pisa hängende Lampe,

wenn sie durch Zugluft in Schwingungen geriet, zur Vollendung jeder

einzelnen Schwingung immer gleich viel Zeit gebrauchte, mochte der

Windstoß stärker oder schwächer und also die Schwingung größer oder

kleiner sein. Er schloß daraus, daß die Zeit, welche ein pendelartig

schwingender Körper zur Vollendung jeder einzelnen Schwingung

gebraucht, nicht durch die Stärke des ihm gegebenen Stoßes bestimmt

werde, sondern nur durch die Entfernung desselben von seinem

Aufhängungspunkt, also durch die Länge des Fadens oder Stabes, an

dessen Ende er befestigt ist. Zu Hause angestellte Versuche mit Pendeln

von verschiedener Länge bestätigten diese Vermutung und belehrten

zugleich den jungen Naturforscher, daß es dabei auch nicht auf das

größere oder geringere Gewicht des Pendels ankomme. Nun tauchte sofort

der Gedanke in Galilei auf, diese Entdeckung auf die Messung der

kleineren Zeitteile anzuwenden. Er maß zunächst die Schnelligkeit der

Pulsschläge, dann die von Sekunde zu Sekunde zunehmende Geschwindigkeit

frei fallender Körper. Von nun ab diente ihm das Pendel bei allen

physikalischen, besonders aber bei astronomischen Beobachtungen, bis,

sehr viel später, Huygens das Pendel auch mit Uhrwerken in Verbindung

brachte. Der Vater Galileis hatte endlich auch seinem Sohne erlaubt,

das Studium der Arzneikunde aufzugeben und sich ausschließlich den

physikalischen und mathematischen Wissenschaften zu widmen, und der

junge Galilei zeigte sich dieser väterlichen Vergünstigung bald würdig.

Er las zum Beispiel die Schriften des Archimedes mit so großem Erfolge,

daß er, angeregt durch die Lektüre, die hydrostatische Wage erfand.

Dieses bestaubte Ding hier stellt den ersten Versuch der Galileischen

Wasserwage dar, die er so scharfsinnig beschreibt. ›La Bilancetta‹

nannte er das Werk, wovon ich gleichfalls das Manuskript mein eigen

nenne.

»Man fing an, von dem jungen Erfinder und Entdecker zu sprechen; sein

Name war in Italien bald berühmt. Er korrespondierte jetzt mit den

bedeutendsten Fachgelehrten; ganz besonders interessierte sich aber

für ihn ein in Pesaro lebender Mathematiker, der Marchese Guidubaldo

del Monte, der Galilei veranlaßte, das Gesetz vom Schwerpunkt zu

vervollkommnen und besser auszuarbeiten. Der vierundzwanzigjährige

Galilei kam dieser Aufforderung nach und übertraf mit der Lösung der

gestellten Aufgabe alle bisherigen Leistungen auf diesem Gebiete. Man

nannte ihn jetzt, 1589, den Archimedes seiner Zeit und man übertrug

ihm zugleich die gerade freigewordene Professur für Mathematik an der

Universität zu Pisa, die er ein paar Jahre vorher hatte verlassen

müssen, weil er damals nicht über Mittel genug verfügte, seinen

Doktor zu machen. Seine Besoldung war sehr gering, aber er benützte

die Stellung seines öffentlichen Amtes zu neuen Forschungen und

zur Verbreitung der bisher angestellten. Seine Landsleute Varchi

und Benedetti hatten schon 1544 die Behauptung ausgesprochen, daß

alle Körper von gleicher Dichtigkeit, mögen sie groß oder klein

sein (z. B. ein Lot Blei ebenso wie ein Pfund Blei), bei gleicher

Fallhöhe die gleiche Geschwindigkeit erlangten. Exakt bewiesen war

dieser Satz keineswegs und fast alle damaligen Physiker leugneten

ihn. Galilei erst erbrachte, trotz alles Spottes der Gegner, den

unanfechtbaren Beweis für die Richtigkeit des Satzes. Er ging noch

weiter und erforschte noch das Gesetz, wonach die Fallgeschwindigkeit

von Sekunde zu Sekunde wächst und daß die am Ende des Falles erlangte

Geschwindigkeit fallender Körper sich verhalte wie die Quadrate der

Zeiten. Galilei hat diese Entdeckung zwar erst fünfzig Jahre später

drucken lassen, aber inzwischen hat er dieses Gesetz vielfach praktisch

angewendet und er hat natürlicherweise mit vielen Sachverständigen

darüber korrespondiert. Immerhin hatte die Gewohnheit Galileis, die

Veröffentlichung seiner so wichtigen Entdeckungen lange aufzuschieben,

die unangenehme Folge, daß ihm oft die Priorität für seine Entdeckungen

und Erfindungen bestritten wurde. Es würde Bände füllen, wenn man

ausführlich erzählen wollte, welche Kämpfe Galilei allein um das

Prioritätsrecht seiner Erfindungen stets ausfechten mußte. Und noch bis

heutigestags ist vieles ungeklärt, da noch immer zahlreiche Manuskripte

und Briefe Galileis, die über das Prioritätsrecht Auskunft geben

könnten, ungedruckt in Bibliotheken liegen.

»Zu jener Zeit war es an italienischen Universitäten üblich, die

Professoren nur für eine gewisse Zahl von Jahren anzustellen. Galileis

erste Anstellung lautete auf drei Jahre. Die große Bedürftigkeit

der Familie Galileis, noch gesteigert durch den erfolgten Tod des

Vaters, machten es dem jungen Professor zwar höchst wünschenswert,

die Professur in Pisa noch zu behalten, aber seine Freimütigkeit und

seine Liebe zur Wahrheit nötigten ihn, das Amt dennoch aufzugeben.

Johann von Medici, der in hohem Ansehen stehende Stiefbruder des

regierenden Großherzogs, hatte eine Maschine zur Reinigung der Häfen

und Kanäle erfunden, und Galilei war unklug genug, diese Erfindung aus

mechanischen Gründen als unbrauchbar abzuweisen. Das zog ihm natürlich

den Haß des Medici zu, der mit den übrigen zahlreichen Feinden und

Neidern Galileis gemeinsame Sache machte, um ihn beim Großherzog

anzuschwärzen. Galilei sah den kommenden Sturm voraus und zog sich

nach Florenz zurück. Wiederum bemühte sich der Marchese del Monte

für ihn beim Senat der venetianischen Republik für die durch Moletis

Tod erledigte Professur der Mathematik an der Universität zu Padua.

1592 erhielt Galilei diese Stellung zunächst auf sechs Jahre. Durch

seine Vorträge lockte er hier zahlreiche Zuhörer der verschiedensten

Altersstufen an sich und verfaßte Werke über Kriegsbaukunst, Mechanik

u. a., die er zwar noch nicht drucken ließ, die sich aber dennoch durch

Abschriften sehr bald verbreiteten.

»Um dieselbe Zeit erfand Galilei auch das Thermoskop, das erste

Instrument zur Bestimmung der Wärmeverhältnisse, wovon ich leider nur

die von Galilei herrührende schematische Darstellung besitze. Galilei

bediente sich einer engen Glasröhre, die an dem einen Ende offen war,

an dem anderen aber in eine hohle Kugel auslief. Er goß in diese Röhre

etwas Wasser, verschloß sie alsdann, kehrte sie um und tauchte sie

in ein Gefäß voll Wasser, aus welchem er den größten Teil der Röhre

mit der daran befindlichen hohlen Kugel hervorragen ließ, während ein

ganz kleiner Teil mit der Öffnung, die Galilei nun wieder freimachte,

unter Wasser blieb. In der Kugel war also jetzt atmosphärische Luft

abgesperrt, und wenn diese sich durch Einwirkung der Wärme ausdehnte,

so trieb sie einen Teil des in der Röhre stehenden Wassers durch die

jetzt unten befindliche Öffnung heraus in das Wassergefäß; zog sich

hingegen die Luft in der Kugel durch Abnahme der Wärme zusammen, so

stieg durch den Druck der äußeren Luft das Wasser in der Röhre.

»So unvollkommen ein solches Instrument war, für die damalige Physik

bedeutete es immerhin einen großen Fortschritt. 1594 erhielt Galilei

von der Republik Venedig ein Privilegium auf zwanzig Jahre für eine von

ihm erfundene hydraulische Maschine.

»Und hier ist der Proportionalzirkel, den Galilei bald darauf erfand,

und der von den Ingenieuren und Geometern seiner Zeit sehr hoch

geschätzt wurde. Es gab in jener Zeit noch nicht unsere bequeme

Einrichtung des Patentamtes. Allein, wie heute, wurden auch damals

die Erfinder reichlich betrogen. Wer damals einen solchen Zirkel

besitzen wollte, mußte an Galilei schreiben, und er verfertigte so

viel, wie er liefern mochte. Aber mehr als zehn oder elf Exemplare

wird es kaum geben. Seine Arbeitskraft war von anderen Dingen zu sehr

in Anspruch genommen. Und dann, sich lange Zeit mit derselben Sache zu

beschäftigen, langweilte ihn am Ende. Er hatte noch viel zu tun.

»1599 wurde Galilei seine Professur in Padua auf weitere sechs Jahre

mit Gehaltszulage verlängert. Inzwischen hatte sich sein Ruhm auch

weit verbreitet. Kepler, der in ihm einen treuen Mitverfechter des

kopernikanischen Systems erkannt hatte, war seit 1597 in Briefwechsel

mit ihm getreten und drei Jahre später auch Tycho de Brahe, der

berühmte dänische Astronom. Unter seinen Zuhörern an der Universität

fanden sich jetzt auch Fürsten ein; von allen Ländern reiste man nach

Padua, um Galilei zu hören.

»Im Jahre 1604 erschien im Sternbild des Schlangenträgers ein neuer

Stern, der, nachdem er achtzehn Monate lang geleuchtet hatte,

wieder verschwand. Galilei hielt mehrere Vorträge über diese

Erscheinung, in denen er zu beweisen suchte, daß der Stern keine bloße

Lufterscheinung, sondern ein wirklicher Stern gewesen sei. Mit dieser

Behauptung widersprach er freilich der Lehre des Aristoteles von der

Unveränderlichkeit des Fixsternhimmels, zu welcher sich damals die

meisten seiner Zeitgenossen bekannten. Nur seine Zuhörer und einige

aufgeklärte Männer der Wissenschaft jubelten ihm zu.

»Er fuhr fort, sich mit den Lehren der höheren Mechanik zu

beschäftigen, mit den Lehren vom Magneten, vom Licht und den Farben,

vom Schall, von der Ebbe und Flut, von den Bewegungen der Tiere. 1609,

als er Venedig besuchte, kam ihm das Gerücht zu Ohren, ein Holländer

hätte dem Prinzen Moritz von Nassau ein Instrument überreicht, durch

welches man die entferntesten Körper so sähe, als ob sie ganz in die

Nähe gerückt wären. Wie dies Instrument beschaffen war, darüber erfuhr

Galilei nichts. Aber das Gerücht allein genügte, um seine ehrgeizige

Natur zur Tat anzuspornen und seinem erfinderischen Geist einen neuen

und großartigen Aufschwung zu geben. Eiligst nach Padua zurückgekehrt,

hatte er schon ein paar Tage später ein solches Instrument selbständig

konstruiert; er reiste damit wieder nach Venedig und überreichte dem

Dogen und dem Senat sein neues Instrument. Hier ist es! Ja, nun lachen

Sie über dieses Gerümpel! Daß der Mond von Gebirgsketten durchzogen

wird, ist heute eine banale Tatsache für uns; aber bedenken Sie, welch

eine Umwälzung es in der Seele Galileis hervorrufen mußte, als er zum

ersten Male sah, was noch nie vor ihm eines Menschen Auge gesehen.

Man versteht es, wenn das Volk einen Menschen, dem es gelungen war,

mittels dieser plumpen Röhre das Rätsel des Mondes zu schauen, für

einen Zauberer hielt. Wollten doch selbst aristotelische Philosophen

nicht durch dieses unscheinbare Ding sehen, das dem Firmament plötzlich

ein ganz anderes Antlitz gab. Wie? Dieser kleine Professor da aus

Padua will uns jählings unseren guten Glauben nehmen an den Himmel des

Aristoteles?

»Von welch tiefer Menschenkenntnis zeugt doch die Antwort, die er

ihnen gab! ›Wenn die Sterne selbst vom Himmel herabstiegen zur Erde

und Zeugnis ablegten für mich, so würdet ihr euch nicht überzeugen

lassen!‹ Zugleich beleuchtet diese traurig stimmende Antwort den ganzen

Lebensgang Galileis.

»Immerhin hatte diese Entdeckung zur Folge, daß Galilei nun die

Professur in Padua mit einem Jahresgehalt von tausend Gulden für

Lebenszeit übertragen wurde. Nie hat sich Galilei für den ersten

Erfinder des Fernrohrs ausgegeben; aber es [Illustration: Galilei

beobachtet die Himmelskörper.]

gebührt ihm wohl der Ruhm, es optisch vervollkommnet und zuerst zu

wichtigen astronomischen Entdeckungen angewandt zu haben. In den

nächsten Jahren wendeten sich daher die Fürsten und Astronomen,

welche Fernrohre zu besitzen wünschten, immer an Galilei. Er zuerst

entdeckte die Gebirge des Mondes und er zuerst maß ihre Höhe. Er fand

ferner, daß die Milchstraße nichts anderes sei, als eine unzählbare,

dichtgedrängte Menge kleiner Sterne; daß auch die sogenannten

Nebelflecke nur Sterne seien; daß aber die Fixsterne durch das Fernrohr

nicht, wie die Planeten, vergrößert würden. 1610 entdeckte er die vier

Monde des Jupiter und zwei Jahre später gelang es ihm, die Bahnen und

Umlaufszeiten dieser Jupitertrabanten zu berechnen. Er machte nun den

Vorschlag, die häufig auftretenden Verfinsterungen der Jupitermonde

zur Bestimmung der geographischen Längen und also zur Vervollkommnung

der Schiffahrt zu benützen. Um dieselbe Zeit beobachtete er auch

Sonnenflecke; er wagte es aber nicht, mit dieser neuen Entdeckung

hervorzutreten, bis seine Freunde ebenfalls von deren Richtigkeit

überzeugt waren. Alle diese neuen Entdeckungen mußten ihm bei den

denkfaulen Anhängern des aristotelischen Sternhimmels natürlich nur

Feinde schaffen. Aber die Aufmunterungen Keplers und des Großherzogs

von Toskana, der unseren Entdecker fortgesetzt mit reichen Geschenken

bedachte, halfen Galilei über viele Bitternisse hinweg. Den drängenden

Bitten des Großherzogs nachgebend, gab Galilei im August 1610 sein

Lehramt in Padua auf und siedelte nach Florenz über, wo er als ›erster

Philosoph und Mathematiker des Großherzogs‹ ausschließlich seinen

Erfindungen, Entdeckungen und der Ausarbeitung seiner Werke leben

konnte. Aber, obwohl diese Veränderung auch Galilei die volle Freiheit

zurückgab, sie schloß auch manche Nachteile in sich. Galilei verließ

Padua, wo ihm unbeschränkte Lehrfreiheit zugesichert war, wo er die

höchste Achtung der edelsten Venetianer genoß und wo er ein für seine

Zeit sehr beträchtliches Gehalt empfing, um sich in die Abhängigkeit

eines jungen Fürsten zu begeben, dessen Gunst leicht wechseln konnte

und der dem starken Einfluß der intrigierenden Jesuiten ausgesetzt war,

die von der venetianischen Republik ausgeschlossen waren. Als seine

besorgten Freunde ihn vor diesem Schritte warnten, weil sie künftige

Verfolgungen der römischen Kirche befürchteten, war es aber schon zu

spät.

»Im September desselben Jahres, gleich nach seiner Übersiedelung nach

Florenz, entdeckte Galilei, daß der Planet Venus, ebenso wie der

Mond, zu verschiedenen Zeiten verschiedene Lichtphasen darbiete. Er

fand weiter, daß der scheinbare Durchmesser des Mars und der Glanz

dieses Planeten merkwürdigen Veränderungen unterworfen seien. Bei

einem Besuche in Rom, im April 1611, zeigte er mehreren Kardinälen die

Sonnenflecke, die er beobachtet hatte, und aus der Bewegung dieser

Flecke schloß er die Achsendrehung des Sonnenkörpers. Er erwarb sich

in Rom rasch viele Freunde und Bewunderer und ebenso viele Feinde und

Neider. Der Kardinal del Monte erklärte zwar in einem Briefe an den

toskanischen Großherzog, daß man Galilei im alten Rom zweifellos eine

Ehrensäule auf dem Kapitol errichtet haben würde; aber das hinderte

Galileis Neider nicht -- da man ihm wissenschaftlich nichts anhaben

konnte --, ihn in den Ruf der Ketzerei zu bringen.

»Nach der Rückkehr von diesem römischen Besuch entdeckte Galilei die

Gesetze der Hydrostatik und erfand das Ding hier. Ein Mikroskop! Das

erste Mikroskop! Sie sehen, welch armseliger Mittel dieser große Mensch

sich bedienen mußte, um ein Mikroskop herzustellen, das er erst später

verfeinerte und besser ausarbeitete.

»Jetzt begannen aber auch die Anklagen, daß Galilei durch Verteidigung

und Ausbreitung des kopernikanischen Systems die Bibel angreife

und sich der Ketzerei schuldig mache, immer lauter zu werden. Die

Verwandten des Großherzogs Cosimo II. wurden mißtrauisch gegen Galilei

und schenkten den Einflüsterungen der Jesuiten immer mehr Gehör.

Galilei verteidigte sich, er sei zwar ein Anhänger des Kopernikus,

habe aber niemals die Bibel angreifen wollen, welche sich da, wo in

ihr von physikalischen und astronomischen Dingen die Rede sei, den

Vorstellungen und der Ausdrucksweise des Altertums anpasse, ohne diese

Vorstellungen als Glaubenslehren aufzustellen. Kopernikus selbst sei

von den Häuptern der Kirche immer als ein rechtgläubiger Katholik

angesehen worden und der Papst Paul III. hätte sogar die Widmung seiner

Bücher entgegengenommen. Aber bei den von Neid und Haß erfüllten

Gegnern Galileis schlugen diese Gründe nicht an. Besonders ereiferte

sich der Dominikanerorden, dem die Inquisition der Ketzer anvertraut

war. Der Mönch Caccini predigte 1614 in Florenz öffentlich gegen

Galilei und verhöhnte ihn und seine astronomischen Entdeckungen.

Galilei entschloß sich unaufgefordert im November 1615 eine zweite

Reise nach Rom zu machen, um sich dort vor den höchsten geistlichen

Behörden zu rechtfertigen. Er blieb bis in den Mai 1616 in Rom, wo er

von den Geistlichen und selbst vom Papste sehr wohlwollend empfangen

wurde; Galilei konnte aber nicht verhindern, daß das kopernikanische

System jetzt förmlich als der Heiligen Schrift widersprechend erklärt

wurde. Galileis oft leidenschaftlicher Eifer für die Sache der

Wahrheit scheint ihm in Rom mehr geschadet als genützt zu haben,

und der Großherzog von Toskana, der von allen Vorgängen in Rom wohl

unterrichtet war, fand es für die Sicherheit seines Freundes nötig, ihn

nach Florenz zurückzurufen.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 5 / 18 段