»Orpheus, der Sänger!« ging es blitzartig durch Michelangelos Kopf.

Er befahl, rasch den Schnee zusammenzukehren und ihn an einer

bestimmten Stelle aufzuhäufen. Und während Pietro de Medici sich oben

im Saale unterhielt, und längst seine Bitte vergessen haben mochte,

arbeitete Michelangelo bei dem rötlichen Licht unzähliger Fackeln mit

fieberhaftem Eifer an seinem Werke.

Seine Seele war noch erfüllt von den Gedanken, die die Unterredung

mit Poliziano in ihm geweckt hatte. Der Schnee war fest genug und

ließ sich von der begnadeten Hand Michelangelos gefügig formen und

meistern. Den unteren Teil der Statue legte Michelangelo breit an

und verdeckte die große energische Bewegung des Fußes mit einem bis

zur Erde herabwallenden Gewande. Der mächtige Schritt des Orpheus

sollte die Entschlossenheit des Sängers andeuten, trotz aller bereits

erlebter Schrecken doch noch einmal in die Unterwelt einzudringen.

Seine erhobenen Hände hielten die Leier, als wollten sie noch einmal

in die Saiten greifen. Sein Antlitz, das der Künstler scharf und

bis ins kleinste ausarbeitete, war ernst; es sprach aus ihm die

Kraft des Liedes und ein Mut, der vor nichts zurückzuschrecken

schien. Michelangelo modellierte mit Liebe und Eifer, als würde er

seinen Orpheus in Erz für die Ewigkeit schaffen, und nicht nur zur

Befriedigung einer Augenblickslaune. Als er die Arbeit beendet hatte,

trat er einige Schritte zurück und seufzte tief auf.

»Nein, es ist nicht das, was ich gewollt habe,« rief er endlich

unzufrieden aus. »Aus diesen Zügen spricht eine frostige Kälte, wie

aus dem Schnee. Ich hab' es anders geträumt! Das ist wieder diese

hellenische Starrheit, diese Todesruhe! So hätten ihn die Künstler in

Athen dargestellt. Aber sieht so ein Mensch aus, der die vernichtenden

Worte des Schicksals vernommen hat?«

Er stand unzufrieden und wortlos vor seinem Werk. Die Fackeln

erloschen, der Tag begann heraufzudämmern. Der Himmel rötete sich

leicht, und endlich stieg die Sonne in ihrer goldenen Majestät am

Horizont empor. In den verschneiten Gärten blitzte und flimmerte es,

als sei silberner Puder überallhin verstreut.

In dem Augenblick entstand auf der Terrasse hinter seinem Rücken Lärm.

Piero von Medici war mit dem ganzen Hofstaat herausgetreten, und alle

brachen beim Anblick der wundervoll beleuchteten und glitzernden Statue

des Orpheus in begeisterte Bewunderung aus.

Poliziano eilte die Stufen herab und umarmte schweigend den Künstler.

»Nein, nein,« wehrte Michelangelo bitter lächelnd ab; »es ist

mißlungen. In seinem Antlitz spiegelt sich nicht das, was er in seinem

Herzen fühlt. Das ist kein Mensch; das ist nur eine Idee.«

»Aber eine göttliche Idee,« warf Poliziano ein.

»Aber kein Mensch!« wiederholte Michelangelo schmerzlich. »Wo ist die

Verzweiflung, die wie eine Natter an seinem Herzen nagt? Wo ist der

Schmerz, der ihn vernichtet? Nein, das ist nicht Orpheus, das ist eine

starre Leiche. Ich will das Gespenst nicht länger sehen.«

Und Michelangelo verbarg seinen Kopf an der Brust Polizianos, ohne auf

ein Wort des Trostes zu hören. Über seinem Kopfe tönten die Lobeshymnen

noch weiter; aber alles Lob vergrößerte nur seinen Schmerz.

»Die törichten Blinden,« stöhnte er verzweifelt; »sie sehen offenbar

nicht, daß dieser Orpheus bloßer Schnee in Menschengestalt ist.«

Da erscholl wie aus einer Kehle ein neuer Ausruf von der Terrasse, und

Poliziano zuckte zusammen. Unwillkürlich hob Michelangelo den Kopf und

sah auf seine Statue. Sie hatte sich bewegt; die Sonne hatte das Wunder

vollbracht. Sie bewarf die Statue mit Millionen ihrer heißen Pfeile.

Sie leckte den Schnee von den Bäumen und Büschen. Von den Pinien und

Oliven tropfte es unaufhörlich; in Bächen lief der geschmolzene Schnee

von den Dächern herab; er zerrann auf dem Grase wie ein Traum. Auch der

Orpheus wurde von den Strahlen der Sonne totgeküßt.

Die untere Hälfte der Statue stand noch unbeweglich da; der feste

Schritt des Orpheus und sein Gewand hatte noch keinen Schaden gelitten.

Aber Kopf und Brust waren verwundet. Seine Arme sanken zu beiden

Seiten wie erschlafft herab, die Leier entfiel seinen Händen. Der Kopf

neigte sich nach rückwärts, das Kinn gab nach, so daß sich der Mund

leicht öffnete und sich in eine krumme, nach unten gebogene Linie

verwandelte. Die Augen, die ihre bestimmten Umrisse verloren, schienen

sich wie in großem Schmerz zu schließen. Und die Schärfe aller gleich

genau angedeuteten Gesichtszüge milderte sich während des Tauens zu

einem merkwürdigen Einklang. Eine Lebensregung schien durch den Schnee

zu gehen, ein belebender Funke schien die Statue erwecken zu wollen.

Nun glaubte man wirklich, Orpheus zu sehen, von der Verzweiflung

zerknirscht, von Schmerzen zerwühlt, den Tod im Herzen, aber doch noch

aufrecht stehend, ein leidender, atmender Held, den man sterben sieht.

Michelangelo sah wie gebannt auf sein Werk. Ein freudiges Lächeln

umspielte seine Lippen, und mächtig bewegt drückte er Poliziano die

Hand. »Endlich sehe ich klar, was ich dunkel geahnt!« flüsterte er;

»nun weiß ich, was meinem Orpheus gefehlt hat und was von heute

an keiner meiner Schöpfungen mehr fehlen soll: ~der seelische

Ausdruck~! Wozu diente wohl alle äußere Schönheit, wenn sie nicht

die ~inneren~ Vorgänge verkünden würde. Dank dir, o Sonne, du hast

mich Großes gelehrt!«

»Die Sonne, die dir den rechten Weg gewiesen, das ist dein eigenes

Gefühl, dein eigener Geist,« sagte Poliziano. »Ja, du hast heute etwas

Großes gefunden -- ~dich selbst~! Nun darfst du hoffen, zu siegen.

Wie weit wirst du die andern überragen! Glück auf den Weg! Und doch muß

ich dich beklagen, mein armer Freund. Auf der Höhe steht man einsam,

und Größe erweckt Haß und Neid. Alles verzeiht dir die Menge, nur

nicht, daß du über ihr stehst, daß du dich von ihr ausschließest. Du

wirst dein ganzes Leben lang eine Dornenkrone tragen müssen.«

Noch ehe Poliziano zu Ende gesprochen hatte, sank die Statue dröhnend

zu Boden. Nichts blieb von ihr übrig, als ein formloser Klumpen rasch

zerfließenden Schnees. Ein Aufschrei des Mitleids und Bedauerns kam von

der Terrasse her, dann aber erscholl Gelächter, aus dem die fröhliche

Stimme Pieros herausklang. »Sieh,« rief er laut herab, »die Belehrung,

die ich dir versprochen habe, ist dir nun zuteil geworden. Die Werke

des Künstlers vergehen, wie der Schnee vor der Sonne.«

»Ja, eine große Belehrung ist mir zuteil geworden,« antwortete

Michelangelo, mit dankbarem Lächeln zum Himmel emporblickend. »Nun weiß

ich über den Stoff zu siegen und ihn zu beseelen. Nun soll man aus

meinen Werken den Pulsschlag des Lebens fühlen.«

Und versunken in seine Gedanken ging er von dannen. Von niemand hatte

er sich verabschiedet; man vergaß ihn bald. Poliziano trat mit ihm auf

den Platz hinaus und sah ihm nach, wie er allein durch die Gassen von

Florenz dahinschritt, um seinen großen Ideen und Werken nachzuhängen,

die er nunmehr schaffen sollte. Es war wahr: er hatte sich selbst

gefunden .....

* * * * *

Florenz ertrug die Herrschaft des anmaßenden Piero nicht lange. Schon

im November 1494 wurden die Mediceer vertrieben. Michelangelo ging

dem Ereignis aus dem Wege und begab sich nach Venedig und dann nach

Bologna, wohin auch die Mediceer geflüchtet waren. Hier, wo sich der

Stadtvorsteher Aldovrandi seiner angenommen und ihm Arbeit verschafft

hatte, blieb Michelangelo bis zur Mitte des Jahres 1495 und kehrte

dann wieder nach Florenz zurück, zur Zeit, als gerade der fanatische

Prediger Savonarola an der Spitze des Volkes stand.

Unter anderen Bildwerken, die Michelangelo jetzt ausführte, befand sich

auch ein schlafender Liebesgott. Auf Anraten eines schlauen Kaufmannes

gab Michelangelo diesem Marmorwerk künstlich ein antikes Aussehen

und es wurde dann auch als ein ~eben ausgegrabenes~ Bildwerk an

den Kardinal Riario nach Rom verkauft. Der Händler hatte zweihundert

Dukaten dafür bekommen; an Michelangelo lieferte er aber nur dreißig

ab; so wurden der Kardinal ~und~ Michelangelo betrogen. Aber auch

dieser Betrug zeitigte zufällig Gutes. Denn als der Kardinal erfuhr,

daß Michelangelo der Schöpfer des Kupido sei, machte er zwar den

Handel rückgängig, aber er veranlaßte Michelangelo gleichzeitig zur

Übersiedelung nach Rom. Im Juni 1496 kam er dort an und wohnte beim

Kardinal, wo er zunächst ein ganzes Jahr beschäftigungslos zubringen

mußte, obwohl man ihm reiche Aufträge versprochen hatte.

Bald darauf machte er aber die Bekanntschaft des römischen Edelmanns

Jacopo Galli, in dessen Auftrag Michelangelo zwei lebensgroße

Marmorbildnisse, einen »Kupido« und einen »Bacchus« ausführte. Galli

verschaffte dem jungen Meister auch einen Auftrag von dem französischen

Gesandten in Rom, für den Michelangelo jene wundervolle verklärte

»Pietà« meißelte, die sich jetzt in der nach ihr benannten Capella

della Pietà befindet.

Während aber Michelangelo in Rom unsterbliche Werke schuf, führte sein

Vater, der durch die Vertreibung der Mediceer sein Amt verloren hatte,

in Florenz ein kümmerliches Dasein. Sehnsüchtig harrte er auf die

Heimkehr des Sohnes, der den Vater von Rom aus kräftig unterstützte.

»Ihr mögt mir glauben« -- schrieb er nach Hause --, »daß auch ich

Ausgaben und Mühe habe; aber was Ihr von mir verlangen werdet, das

werde ich Euch schicken, und wenn ich mich als Sklaven verkaufen müßte.«

In der Tat sorgte Michelangelo nach der Vollendung der Pietà auch

für seine jüngeren Brüder Buonarroto und Giovan Simone, indem er

ihnen zur Gründung einer kleinen Wollstoffabrik verhalf. 1501 kehrte

Michelangelo, dem Drängen seines Vaters nachgebend, nach Florenz

zurück, wo er zunächst den Auftrag erhielt, für eine Kapelle im Dome

zu Siena fünfzehn kleine Heiligenfiguren auszuführen, dann aber von

den Vorstehern des Dombaues zu Florenz vor die erste Riesenaufgabe

gestellt wurde: aus einem bereits behauenen Block, der schon

fünfunddreißig Jahre lang unberührt dalag, einen »David« von neun Ellen

Höhe auszumeißeln. Der Auftrag war um so schwieriger, als der erste

Bildhauer, der sich daran gemacht hatte, die Aufgabe zu lösen, an ihr

gescheitert war. Er hatte aber dem Marmorblock bereits bestimmte Formen

gegeben, und an diese war Michelangelo nun gebunden. Im September 1501

machte sich Michelangelo mutig an die Arbeit, und Anfang 1504 wurde das

hundertachtzig Zentner schwere Bildwerk mit ungeheurem Pomp enthüllt.

Während der drei Jahre hatte Michelangelo aber noch andere Arbeiten

ausgeführt; so einen zweiten lebensgroßen David als Sieger mit dem

Haupte des Goliath unter den Füßen; ferner: zwei Madonnenreliefs in

Rundformat, einen sterbenden Adonis und einige Gemälde. 1505 folgt die

Madonnenmarmorgruppe -- eine Bestellung flandrischer Kaufleute --, die

in der Liebfrauenkirche zu Brügge steht.

Michelangelo, ein dreißigjähriger Mann, stand jetzt in dem Rufe des

ersten Bildhauers der Welt. Und als er sich eben anschickte, mit

dem größten Maler der Zeit, dem dreiundfünfzigjährigen Leonardo

da Vinci, um die Siegespalme zu streiten, wurde er inmitten der

Ausführung seiner Arbeit, die die Pisanerschlacht darstellen sollte,

vom Papst Julius II. nach Rom berufen, damit Michelangelo ihm schon

bei Lebzeiten ein Grabmal baue. Der Plan war mit außerordentlicher

Pracht erdacht. »Ich bin des gewiß,« schreibt Michelangelo am 2. Mai

1506 an San Gallo nach Rom, »wird es errichtet, so hat es in der

ganzen Welt nicht seinesgleichen.« Michelangelo kaufte in Karrara für

tausend Dukaten Marmorblöcke, und da ihn die Ungeduld nicht warten

ließ, bis die Steinberge nach Rom geschafft waren, begann er gleich

in den Marmorbrüchen ein paar Figuren in Arbeit zu nehmen, an denen

er zunächst acht Monate arbeitete. 1506 wurden die Blöcke auf dem

Petersplatze in Rom abgeladen; sie hätten hingereicht, einen Tempel

daraus zu erbauen. Und die kolossale Größe des Werkes war denn auch

mit schuld daran, daß es nicht zustande kam. Die Peterskirche, in

der es aufgestellt werden sollte, war zu klein, und abergläubische

Zwischenredereien trugen ebenfalls dazu bei, daß der Papst den Gedanken

an das Grabmal ganz fallen ließ. Statt dessen sollte Michelangelo die

Decke der vatikanischen Kapelle ausmalen, die Sixtus IV. hatte erbauen

lassen. Michelangelo, der diesen Auftrag nicht übernehmen wollte, zog

sich dadurch die Ungunst des Papstes zu, flüchtete nach Florenz, ward

aber wieder zurückgerufen und in Gnaden in Bologna aufgenommen, wo der

im Kampf gegen Cesare Borgia siegreiche Papst weilte, nachdem er sich

die Stadt unterworfen und tributpflichtig gemacht hatte.

Michelangelo fertigte hier in den nächsten drei Jahren eine

Kolossalerzstatue von Julius II. an. Der Papst hatte tausend Dukaten

dafür bezahlt; aber als Michelangelo mit seiner Arbeit fertig war und

seine Auslagen abgerechnet hatte, besaß er von den tausend Dukaten

noch etwa vier, obwohl er in Bologna in recht kärglichen Verhältnissen

gelebt hatte. Nach der Enthüllung dieses Erzbildes eilte Michelangelo

sofort zu seinen hilfsbedürftigen Angehörigen nach Florenz zurück;

aber da er jetzt in den Diensten des Papstes stand, mußte er bald

wieder nach Rom zurückkehren und trotz seines inneren Sträubens mit der

Ausmalung der Kapelle beginnen. Und so vollbrachte Michelangelo dies

Werk, das berühmte sogenannte Sixtinische Deckengemälde, in dem er das

Herrlichste und Wunderbarste schuf, was die Monumentalmalerei überhaupt

hervorgebracht hat; eine so schöne und gewaltige Schöpfung, wie sie in

dieser Vollkommenheit nie wieder erreicht worden ist.

Er stellte die Vorgeschichte der Erlösung dar; die Schöpfung und den

Sündenfall und das Versinken der Menschheit in Sünde; dazu das Hoffen

auf den Erlöser, die Verkündigung seiner Ankunft und Vorbedeutungen der

Erlösung.

Er begann damit am 10. Mai 1508 und vollendete es, obwohl er es ganz

allein ohne jedwede fremde Hilfe ausführte, und obgleich er seine

Arbeit öfters und lange unterbrechen mußte, im Oktober 1512. Das ist

um so staunenswerter, als Michelangelo nicht gesund war, unter den

drückendsten Geldsorgen zu leiden hatte, und die Not seiner Angehörigen

ihn ebenfalls sehr quälte.

So schreibt er an seinen Vater im Juni 1509: »Seit 13 Monaten habe

ich vom Papste kein Geld erhalten und meine, innerhalb anderthalb

Monaten unter allen Umständen welches zu bekommen, da ich das, was ich

gehabt, ausgegeben haben werde. Wenn er's mir nicht gäbe, müßte ich

Geld borgen, um zu Euch zurückzukehren, denn ich besitze nicht einen

Pfennig.«

Eine andere Stelle aus einem Briefe an seinen Bruder Giovansimone

(aus derselben Zeit) lautet: »Seit zwölf Jahren bin ich, kümmerlich

lebend, durch ganz Italien gewandert, habe jede Schmach erduldet, jedes

Ungemach erlitten, meinen Körper mit jeder Anstrengung gepeinigt, das

eigene Leben unzähligen Gefahren ausgesetzt, einzig und allein, um

meiner Familie zu helfen.«

An seinen Bruder Buonarroti schreibt er am 18. September 1512: »Ich

teile Euch mit, daß ich nicht einen Groschen besitze und gleichsam

barfüßig und nackt bin und das, was mir noch zukommt, nicht eher, als

bis ich mein Werk vollendet habe, erhalten kann; und ich erdulde sehr

große Mühen und Unbequemlichkeiten.«

Eine fürchterliche Pein war endlich die körperliche Anstrengung beim

Malen an der Decke, wobei der Kopf stets in den Nacken gelegt und die

Augen nach aufwärts verdreht werden mußten. Er selbst spottete darüber

in einem launigen Gedicht, daß er, gekrümmt wie ein syrischer Bogen,

das Gesicht von den herabtropfenden Farben bunt gemustert wie ein

Mosaikfußboden, dies Werk ausführen mußte:

Schon hat mir diese Crux 'nen Kropf geschaffen,

Wie er vom Wasser wächst im Land Lombardien

Den Katzen -- oder ist's noch sonst wo anders --

Und mit Gewalt strebt unters Kinn der Bauch.

Den Bart fühl' ich gen Himmel sich erheben,

Am Buckel liegt das Hirn, harpyienhaft

Krümmt sich die Brust mir, und vom Pinsel

Tropft aufs Gesicht ein buntes Paviment.

Dehnt vorn sich aus die Schwarte, schrumpft sie hinten

Beim Krummsichbiegen wieder arg zusammen:

So spann' ich mich gleich einem Syrer Bogen.

Drum trügerisch und seltsam

Entspringt die Urteilskraft dem Schoß des Geistes;

Denn übel schießt es sich aus krummem Rohr.

Tritt ein, Johann, nunmehr

Für meine Ehre, für mein stummes Malwerk;

Ich bin ja nicht am Platz noch, ach! kein Maler.

Und von diesem Werke, angesichts dessen sich Michelangelo das Talent

als Maler absprach, sagte Goethe: »Ich konnte nur sehen und anstaunen.

Die innere Sicherheit und Männlichkeit des Meisters, seine Großheit

geht über allen Ausdruck.«

[Illustration: Michelangelo mit seinem Mose.]

Ein Zufall fügte es, daß um dieselbe Zeit, als Michelangelo mit seinem

Deckengemälde fertig wurde, die vertriebenen Medicis wieder in Florenz

einzogen und von ihren ehemaligen Rechten sofort Besitz ergriffen.

Michelangelo erneuerte alsbald die alten Beziehungen und setzte es

durch, daß sein greiser Vater wieder in dasselbe Amt eingesetzt wurde,

das er ehedem innegehabt hatte.

Michelangelo durfte jetzt auch an die Ausführung des früher in Angriff

genommenen Grabmals gehen, obwohl der Besteller, Papst Julius, bereits

1513 starb. Giovanni de Medici (Papst Leo X.) war sein Nachfolger und

zugleich der Jugendfreund Michelangelos. Für das Grabmal war ein Preis

von sechzehntausendfünfhundert Dukaten und eine Arbeitszeit von sieben

Jahren festgesetzt. Aber weder dies Werk, noch andere Werke großen

Stiles, die Michelangelo geplant und zum Teil schon in Angriff genommen

hatte, wurden vollkommen ausgeführt. Dafür betraute man ihn einige

Jahre später mit einer anderen großen Aufgabe, die seinen Namen in die

Ewigkeit tragen sollte: Die Ausführung der Mediceergräber.

In dieser Zeit tummelten sich Spanier, Franzosen, Schweizer, Deutsche

und Italiener in den schönen Gefilden am Po, am Ticino und an der

Etsch umher, verwüsteten die Felder und Weinberge, brandschatzten

oder zerstörten Städte und Dörfer, befleckten den Boden mit Blut

und Leichen, führten Gefangene hinweg, um Lösegeld zu gewinnen, und

übten Greuel und Erpressung jeder Art. Dazu kam die Pest, der auch

der geliebte Bruder Michelangelos, Buonarroto, erlag. Florenz rüstete

sich zum Kampfe um die Freiheit, und unter neun Männern, die gewählt

worden waren, um für die Befestigung der Stadt zu sorgen, befand sich

auch Michelangelo. Er wurde zum obersten Leiter der Befestigungen von

Florenz ernannt und machte seinem Amt durch Umsicht und Geschick alle

Ehre. Aber trotz seiner kriegerischen Tätigkeit fand er noch Zeit,

sich ab und zu heimlich in die Grabkapelle zu stehlen und dort an den

angefangenen Figuren zu arbeiten.

Allerdings arbeitete Michelangelo unter der größten körperlichen und

geistigen Qual. Um 1530 war er bis zur Fleischlosigkeit abgemagert.

»Michelangelo« -- schreibt ein Zeitgenosse -- »wird nicht mehr lange

leben, wenn nicht Abhilfe geschafft wird; denn er arbeitet viel, ißt

wenig und schlecht und schläft auch nicht, und seit einem Monat wird

er stark behindert durch Kopfschmerzen und Schwindel; er hat, kurz

gesagt, zwei Übel: eins am Kopf und eins am Herzen, und für jedes gibt

es ein Heilmittel; man muß nur die Ursache kennen und aussprechen.« Das

Heilmittel für den Kopf sollte darin bestehen, daß dem Meister verboten

würde, während des Winters in der feuchten und kalten Kapelle, wo er

sich den Tod hole, zu arbeiten; das Heilmittel für das Herz sollte in

der Regelung der Sache des Juliusgrabes bestehen, um dessentwillen

Michelangelo ganz in Schwermut verfallen war.

»Malerei und Skulptur«, schreibt er am 24. Oktober 1542 an Luigi del

Riccio, »Arbeiten und Treuhalten haben mich ruiniert und ständig wird

aus Schlechtem noch Schlechteres. Besser für mich wäre gewesen, ich

hätte in meiner Jugend Schwefelhölzer zu machen gelernt.«

Und am selben Tage an Monsignor Aliotti: »Ich finde, meine ganze Jugend

habe ich verloren, seitdem ich an dieses Grabmal gebunden bin und

soviel als möglich Papst Leo und Papst Klemens Widerstand geleistet

habe; und mein allzu großes Vertrauen, das man nicht kennen will, hat

mich ruiniert. So will's mein Schicksal.«

Für beide Heilmittel wurde nun zwar gesorgt, so gut es ging; aber

der Tod seines Beschützers, des Papstes Clemens VII., machte wieder

alle Versprechungen und Pläne zunichte. Da Michelangelo von dem neuen

Gebieter der Stadt, dem lasterhaften Alessandro, der ihn haßte, nicht

nur keinen Schutz zu erwarten hatte, sondern im Gegenteil Verfolgung,

so blieben sogar die Mediceergräber unvollendet.

Aber selbst in dieser unvollendeten Gestalt sichern sie Michelangelos

Ruhm für alle Zeiten. Der Eindruck, den dies Monumentalwerk, das von

so ernstem Geiste beseelt ist, auf den Beschauer macht, ist der einer

höchst weihevollen und ehrfürchtigen Stimmung vor dem Genius, der es

geschaffen hat.

Der Nachfolger des verstorbenen Papstes, Paul III., fesselte

Michelangelo wieder an sich, und in seinem Auftrage malte der Künstler

in der Sixtinischen Kapelle das berühmte »Jüngste Gericht«, in dem

Michelangelo den Tag der Auferstehung mit allen Schrecken einer

gewaltigen Phantasie schildert.

Es wäre noch von vielen anderen Bildwerken, Malereien und

architektonischen Werken zu sprechen; aber hier soll keine Betrachtung

seiner künstlerischen Werke, sondern nur der äußere Lebensumriß des

größten Bildhauers der neuen Zeit gegeben werden.

In den letzten Jahren seines Lebens blieb Michelangelo von großen

Stürmen und wenigstens von äußeren Sorgen verschont. Er war auch

körperlich wieder zu Kräften gekommen und hatte sogar, dank seiner

einfachen und mäßigen Lebensweise, die die Not ihn gelehrt hatte, eine

gewisse Wohlhabenheit erreicht.

Am 18. Februar 1564 entschlief Michelangelo. Der Leichnam wurde in der

Apostelkirche aufgebahrt. Der Papst wollte ihn im St. Petersdome, wo

sonst nur die Päpste beigesetzt wurden, bestatten lassen, obwohl es

dem Wunsche Michelangelos, in der heimatlichen Erde zu ruhen, entgegen

gewesen wäre. Darum ließ ein Neffe Michelangelos den Sarg mit der

Leiche, als Warenballen verpackt, heimlich nach Florenz schaffen. Am

12. März wurde der geöffnete Sarg in der Kirche San Croce ausgestellt.

Auf Kosten des Herzogs Cosimo wurde darauf in der San Lorenzo-Kirche

eine Leichenfeier ins Werk gesetzt, so großartig und prunkhaft, wie

Florenz vordem noch keine gesehen hatte. Man bekommt einen Begriff

davon, wie herrlich die Feier gewesen sein muß, wenn man bedenkt,

daß Maler und Bildhauer ~monatelang~ an der künstlerischen

Ausschmückung der Lorenzo-Kirche gearbeitet hatten. Die Feier fand erst

am 14. Juli 1564 statt. Mit einem unvergleichlichen Aufwand von Kunst

und pompöser Pracht ehrte Florenz seinen unsterblichen großen Sohn, und

an seinem Katafalk trauerte der Genius der Kunst.

Galilei.

Im Jahre des Halleyschen Kometen, dem sich das Interesse der ganzen

Welt zuwandte und der die Menschheit wieder zwang, sich, wenn auch

oberflächlich, mit astronomischen Dingen zu beschäftigen, ist es

sicherlich nicht unwillkommen, etwas über Galilei zu erfahren, den

Zeitgenossen Keplers, den noch lange nicht genug gewürdigten großen

Entdecker, diese himmelstürmende Natur, diesen ganz Großen, der --

wie Goethes Faust -- nicht eher ruhte, zu erforschen, was die Welt im

Innersten zusammenhält, bis eine Macht, die größer war als er, ihn mit

Blindheit schlug.

Wenn man ihn nur einen Physiker oder Astronomen nennt, verkleinert

man ihn. Man darf nicht vergessen, daß der Astronom von heute

gewöhnlich nur ein Spezialist ist, der bei seiner Wissenschaft

durchaus nicht immer jenes Grauen empfindet, das Laplace beim Anblick

des Sternenhimmels angewandelt hat, und der auch die Bewunderung und

Ehrfurcht nicht kennt, die das Gemüt Kants vor dem bestirnten Firmament

erfüllte.

Der Astronom der Renaissance sucht nicht lediglich nach neuen Sternen;

er weiß, daß hinter den leuchtenden Welten noch irgendeine Kraft wohnt,

der er nicht gewachsen ist. Und doch möchte er dem Schöpfer gern hinter

die Kulissen schauen.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 4 / 18 段