blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche
Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein
Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen
und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine
Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen
drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf
weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt
zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und
seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um
das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika
laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und
deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck
mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt
benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und
lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies,
bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis
benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels
zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche
Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der
Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung.
Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im
September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue
Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein
Schiffbrüchiger.
* * * * *
Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit,
Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel;
in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte
nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim;
er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen
Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte.
Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden,
daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte
menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an,
lästig zu werden.
Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn
der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften
Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen,
daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue
und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und
die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und
die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat.
Man schenkt diesem stolzen Sieger -- Mitleid. Man vergißt ihn selber
rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht
eindruckslos vorüber.
Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.
Michelangelos Leben.
Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines
uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als
ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den
Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die
gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem
vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.
Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo
Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet
sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn
pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer
Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem
Michelangelo gelebt hat .....
Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden
ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der
künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder
der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den
Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu
werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch
irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf,
ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in
eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer
kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe
erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem
Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels
und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer
Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele
der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen
Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....
* * * * *
Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der
damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner
Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter,
ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und
man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen
Stern geboren sei.
Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano
zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen
als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte
Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der
Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule
besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der
Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der
künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß
der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar
beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April
1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo,
dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die
Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der
dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung
von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.
In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den
zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte.
Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte
Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von
Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo
die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der
mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu
wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in
Form und Farbe so echt und naturwahr -- heute würde man sagen: mit so
erstaunlichem Naturalismus --, daß sein Meister eines Tages entzückt
ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah
nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck
von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf
befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er
sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo
bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.
Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen
Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch
seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines
Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des
großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der
zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an
Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht
einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen,
sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch
Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle
schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum
erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen
Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den
spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das
Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers.
Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute
hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn
auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben
nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.
Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung
einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm.
Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte,
erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine
frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm
sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer
arm bleiben!«
Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten
und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.
So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im
Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und
bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer,
die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in
jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in
Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«,
zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie
Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie
bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint.
Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom
Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes,
sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in
seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen
habe.
Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für
das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung.
Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach,
als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit
gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so
unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen.
Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen
Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde.
Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber
Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.
Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für
Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu
Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock,
der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules,
der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk
verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten
Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713
zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules
unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das
Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der
Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen
Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer
zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun
und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom
Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.
Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden
Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo
wieder in seine vorige Stellung ein.
* * * * *
Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....
Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen
Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt.
Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost.
Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem
einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße.
Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer
und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das
Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte
und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm
man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür
aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling,
der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße
hinausleuchtete.
»Wer da?« fragte er barsch.
»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo
leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und
Mariotto.
»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen:
»Ihr seid keineswegs meine Freunde.«
Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn,
kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der
mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und
Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der
Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die
Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.
[Illustration: Selbstbildnis Michelangelos. (Radierung.)]
»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.
»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren
Empfang!«
»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten
Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu
Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem
kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch
die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der
Mediceer.«
»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum
weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er
sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«
Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.
»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«
Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält
heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat
er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns
angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«
Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.
»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch;
»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«
»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und
ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über
einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister
Poliziano, geschrieben.«
»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste
und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«
»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.
»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich
auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat
Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich
anzukleiden.
»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als
wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«
»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück,
den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel
eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.
»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz
erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der
kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.
»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des
Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht
aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge
Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem
Schlafe geweckt.«
Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen
schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt
düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und
Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und
riesenhafte Schatten erzeugten.
Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die
Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel
abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen
aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen
bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen
Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener
steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern
befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine
Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen
Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu
Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen
des Windes mischte.
»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie
schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den
Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte
ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen,
Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.
Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber
seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie
traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt
war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero
von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig
zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort
seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang
nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er
wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis
er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der
einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo
an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren
tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten
sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und
schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der
Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt
empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne
befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.
»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig
bewegt.
»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo.
»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der
mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den
Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen
und meinen Durst löschen.«
Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der
göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen
vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein
lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter
einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war.
Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist
es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«
»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling
düster und voll Gram.
»Da du die Schönheit wiedergibst, wie ~du~ sie siehst und
fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit
nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner
~eigenen~ Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit,
die der Mensch verehren sollte.«
Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.
»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt
und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut
begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir
nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von
neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit
neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«
Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so
jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen,
vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen
aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf
die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich
strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich
war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel
ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die
Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich,
aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als
Sieger hervorzugehen?«
»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf
mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem
chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von
Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein
mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen
zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit
erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne
Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie
sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus
an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben
und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«
»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo,
der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie
des Schmerzes leihen.«
»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden
abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im
Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn
gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über
den Hof in die Gärten hinaussah.
»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne
Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher
Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor
gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen
Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat
eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom
Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir
eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns
irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«
»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf
den verdüsterten Michelangelo.
Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es
sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister
Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee
einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie
vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit.
Der Schnee da unten predigt aber: ~nütze den Augenblick~! Wer
weiß, wo du morgen bist!«
[Illustration: Der junge Michelangelo an der Arbeit.]
»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen
Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur
sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe
aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«
»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.
Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster
genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte
nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die
Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor
gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er
den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit
gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu
eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß
und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach
Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus
diesem Bann erlöse.