Erst im Februar 1503 schlug das Wetter um. Während Kolumbus an Bord

blieb, erforschte sein Bruder das Land und fand überall reiche

Goldspuren. Kolumbus wollte hier eine Niederlassung gründen; sein

Plan wurde aber durch Indianer vereitelt, die die Spanier angriffen

und sie zwangen, sich auf ihre Schiffe zurückzuziehen. Eine

Karavelle blieb als seeuntüchtig am Lande zurück; mit den übrigen

drei Schiffen trat Kolumbus den Heimweg an. Es war Ende April. Auf

weitere Entdeckungsfahrten konnte Kolumbus nicht ausgehen; er litt

zu sehr unter den wilden Stürmen, die sich immer wiederholten und

seinen Schiffen so zusetzten, daß er sich endlich gezwungen sah, um

das nackte Leben zu retten, alle Schiffe auf den Strand von Jamaika

laufen zu lassen. Die Schiffe, die bereits große Löcher hatten und

deren Wände aussahen wie Honigwaben, füllten sich rasch bis zum Deck

mit Wasser, so daß die Matrosen nur noch das Verdeck zum Aufenthalt

benutzen konnten. Anfangs erwiesen die Indianer sich freundlich und

lieferten Lebensmittel und Boote; später aber verweigerten sie dies,

bis Kolumbus klugerweise eine gerade eintretende Mondfinsternis

benutzte, um den abergläubischen Indianern mit dem Zorne des Himmels

zu drohen. Das half denn auch. Dann galt es wieder, eine gefährliche

Meuterei zu unterdrücken, die erst im Mai 1504 mit der Niederlage der

Empörer endigte. Sechs Wochen später schlug die Stunde der Erlösung.

Der Statthalter Ovando hatte von St. Domingo Hilfe geschickt, und im

September kehrte Kolumbus endgültig in die Heimat zurück, um die Neue

Welt nie wieder zu betreten. Ende November landete er in Kadix als ein

Schiffbrüchiger.

* * * * *

Was war die Ernte dieses Lebens voller Mühen und Gefahren? Krankheit,

Erniedrigung und Armut. In Kastilien besaß Kolumbus keinen Dachziegel;

in Spanien war er auf das Wirtshausleben angewiesen, und er hatte

nie die Mittel, seine Rechnungen zu bezahlen. Siech kehrte er heim;

er hatte keine Freunde mehr. Niemand kümmerte sich um den armen

Schiffbrüchigen; man stellte sich bloß, wenn man seinen Namen nannte.

Er mußte am eigenen Leibe die bittere Wahrheit bestätigt finden,

daß die Geschichte der Menschheit zum großen Teil die Geschichte

menschlicher Niedrigkeit ist. Da er aufhörte, zu nützen, fing er an,

lästig zu werden.

Der gottgesandte Vizekönig ist nun dem Bettler gleichgeachtet, denn

der spanische König weiß plötzlich nichts mehr von all den verbrieften

Versprechungen, die er Kolumbus gemacht hat. Man hat bald vergessen,

daß er der Welt neue Hoffnungen, neue Ziele, neue Bestrebungen, neue

und weitere Grenzen gegeben hat; daß er die physische Geographie und

die Ethnographie bereichert; daß er das menschliche Denken vertieft und

die Entwicklungsmöglichkeit des Menschen beträchtlich vergrößert hat.

Man schenkt diesem stolzen Sieger -- Mitleid. Man vergißt ihn selber

rasch. Er stirbt am 20. Mai 1506 zu Valladolid; aber sein Tod geht

eindruckslos vorüber.

Was sterblich an ihm war, liegt seit 1796 im Dome zu Habana.

Michelangelos Leben.

Welch seltsamer Art sind doch die Schauer, die wir beim Anblick eines

uralten Palastes empfinden, in dem ein großer Mensch gelebt hat! Als

ob irgend etwas von dem Geiste des längst Vermoderten noch an den

Steinfliesen hafte, so leise treten wir auf, vorsichtig durch die

gewölbten Hallen tastend, als hätten wir Furcht, den Toten aus seinem

vielhundertjährigen Schlafe zu wecken.

Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem Michelangelo

Buonarroti seine bildhauerischen Wunder schuf. Der Stein zeichnet

sich durch nichts von anderen Steinen aus. Und doch bewahre ich ihn

pietätvoll auf und erkläre meinen Freunden mit wichtiger, frommer

Miene: Hier ist ein Stück Stein aus der Mauer des Hauses, in dem

Michelangelo gelebt hat .....

Und selbst die Ironischen und Überlegenen lachen nicht; sie werden

ernst und schweigsam, als weile Michelangelo unter uns. Der

künstlerisch empfindende Mensch kennt dieses reine Gefühl, das weder

der Ehrfurcht vor den fünf Jahrhunderten entspringt, noch durch den

Rausch erweckt wird, den der Name bewirkt. Ohne zum Götzenanbeter zu

werden, fühlt man aber plötzlich alle kritischen Teufel in sich durch

irgendeinen guten Engel besiegt, und der Verstand, dieser Maulwurf,

ist vollständig überrumpelt von der Empfindung. Man sinkt hinunter in

eine tote Epoche, die voller Glanz war und Größe. Man ist in einer

kleinen Zeit allmählich allem Großen so fremd geworden, daß man beinahe

erschrickt, wo man ihm begegnet. Und wo begegnete man ihm auf kleinem

Raume häufiger, als in Florenz, der Stadt Leonardo da Vincis, Raffaels

und Dantes? Man weiß, welch eine unerhörte Vereinigung von großer

Kunst und Wissenschaft die Medici zu schaffen wußten, und daß viele

der besten Namen der florentinischen Geschichte sich in einen kurzen

Zeitraum zusammendrängen. Auch der Name Michelangelo ist darunter ....

* * * * *

Er wurde am 6. März 1475 im toskanischen Städtchen Caprese, in der

damaligen Republik Florenz gelegen, als Sproß eines alten Florentiner

Adelsgeschlechtes geboren. Sein Vater, der Bürgermeister und Richter,

ließ ihm bei der Geburt von den Sternkundigen das Horoskop stellen, und

man fand, daß er unter einem glücklichen, aber auch verhängnisvollen

Stern geboren sei.

Nach abgelaufener Amtszeit kehrte der Vater auf sein Gut in Settignano

zurück. Hier bekam der kleine Michelangelo die Frau eines Steinmetzen

als Amme, die auch die Tochter eines Steinmetzen war; darum scherzte

Michelangelo in späteren Jahren, er habe die Bildhauerkunst mit der

Ammenmilch eingesogen. Als er heranwuchs und eine gelehrte Schule

besuchte, benutzte er jede freie Zeit zum Zeichnen, obwohl der

Vater ihn wegen dieser Nebenbeschäftigung heftig tadelte. Aber der

künstlerische Drang in dem jungen Michelangelo war so stark, daß

der Vater nicht nur das Widerstreben aufgeben mußte, sondern sogar

beschloß, den Sohn in der Malerei ausbilden zu lassen. Am 1. April

1488 wurde der dreizehnjährige Michelangelo bei Domeniko Ghirlandajo,

dem bedeutendsten Maler von Florenz, in die Lehre gegeben, um die

Malerei zu erlernen. Für die Dienste, die er seinem Meister während der

dreijährigen Lehrzeit leisten würde, sollte Michelangelo eine Vergütung

von vierundzwanzig Gulden (etwa hundertfünfundsechzig Mark) bekommen.

In den Lebensbeschreibungen Michelangelos wird viel erzählt von den

zahlreichen Proben ungewöhnlicher Begabung, die der Lehrling ablegte.

Besondere Bewunderung fand auch außerhalb der Werkstätte eine gemalte

Nachbildung des heiligen Antonius, des berühmten Kupferstiches von

Martin Schongauer. Auf dem Fischmarkte studierte der junge Michelangelo

die opalisierenden Farben der Schuppen, Flossen und Augen der

mannigfachen Fische, um auf seinen Bildern die Farben naturgetreu

wiedergeben zu können. Und Michelangelo malte das, was er sah, in

Form und Farbe so echt und naturwahr -- heute würde man sagen: mit so

erstaunlichem Naturalismus --, daß sein Meister eines Tages entzückt

ausrief, daß der Lehrling mehr verstehe als sein Meister. Das geschah

nämlich, als Michelangelo einmal, als Ghirlandajo an dem Fensterschmuck

von S. Maria Novella arbeitete, das Malergerüst mit einigen darauf

befindlichen Gehilfen abzeichnete. Von der großen Gewandtheit, die er

sich in der Nachahmung alter Kupferstiche erwarb, machte Michelangelo

bei der Ausführung seiner Studien und Einfälle später gern Gebrauch.

Lorenzo de Medici, der Herrliche, empfand es um diese Zeit als einen

Mangel, daß Florenz sich nur durch seine Maler, nicht aber auch durch

seine Bildhauer auszeichnete. Darum richtete er in dem Garten seines

Palastes eine Art Kunstschule ein, deren Leitung er einem Sohne des

großen Bildhauers Donatello, dem Bildhauer Bertoldo übertrug, der

zugleich Aufseher der Antikensammlung war. Als Lorenzo sich nun an

Ghirlandajo mit der Anfrage wandte, ob in seiner Werkstatt vielleicht

einige junge Leute seien, die Lust hätten, die Bildhauerei zu erlernen,

sandte ihm dieser einige seiner besten Schüler zu, darunter auch

Michelangelo. Nachdem der junge Künstler durch seine ersten Tonmodelle

schon die besondere Aufmerksamkeit Lorenzos erregt hatte, nahm er zum

erstenmal einen Meißel zur Hand und versuchte sich an einem Stückchen

Marmor, aus dem er eine grinsende Maske herausmeißelte. Zwischen den

spöttisch verzogenen Lippen sah man die Zähne. Lorenzo betrachtete das

Werk und bewunderte die Selbständigkeit und den Mut des Künstlers.

Scherzhaft bemerkte er, der Kopf habe einen Fehler, denn alte Leute

hätten kein so vollständiges Gebiß mehr; Michelangelo meißelte denn

auch nachträglich mit kindlicher Gewissenhaftigkeit eine dem Leben

nachgebildete Zahnlücke in den Mund der Maske.

Lorenzo fand an dem Wesen des jungen Künstlers und an seiner Begabung

einen so großen Gefallen, daß er ihn unter seine Hausgenossen aufnahm.

Der Vater Michelangelos, der nur ein kümmerliches Einkommen hatte,

erhielt zum Dank für seine Einwilligung ein Amt, und als er um eine

frei gewordene Stelle beim Zollamt bat, übertrug Lorenzo sie ihm

sofort, die Bescheidenheit des Wunsches mißbilligend: »Du wirst immer

arm bleiben!«

Michelangelo selbst erhielt ein monatliches Einkommen von fünf Dukaten

und als Gunstbezeigung einen violetten Mantel.

So lebte Michelangelo über drei Jahre (von 1489-1492) im

Mediceerpalast. Er speiste mit den Söhnen des Stadtoberhaupts und

bewegte sich in den bunten Gesellschaften der geistreichen Männer,

die an diesem Hofe verkehrten. Zwei Marmorwerke, die Michelangelo in

jener Zeit nach eigener Erfindung ausführte, das »Madonnarelief« in

Donatelloscher Manier und »Der Kampf der Lapithen und Kentauren«,

zeigen schon prachtvoll die starke Eigenart und das Genie

Michelangelos. Die Ausführung der Körper ist so vollkommen, daß sie

bei einem so jugendlichen Bildhauer geradezu unbegreiflich erscheint.

Schon seine anspruchsvollen Zeitgenossen sagten, besonders vom

Kentaurenkampf, mit Recht, daß man nicht das Werk eines jungen Mannes,

sondern das eines fertigen und reifen Meisters zu sehen glaube, der in

seiner Kunst eine ebenso große Erfahrung wie Durchbildung genossen

habe.

Die bewunderten Fresken des Masaccio waren für Michelangelo wie für

das ganze damalige Künstlergeschlecht eine reine Quelle der Belehrung.

Michelangelo zeichnete die Vorbilder aber mit größerem Geschick nach,

als irgendeiner der anderen. Der Neid erwachte, und die Feindseligkeit

gegen Michelangelo wurde noch besonders dadurch geschürt, daß er so

unklug war, sich über die Fehler seiner Genossen lustig zu machen.

Die Folge davon war, daß ihm einer eines Tages einen so heftigen

Faustschlag ins Gesicht gab, daß sein Nasenbein zertrümmert wurde.

Der Täter, Pietro Torrigiano, wurde zwar aus Florenz verbannt, aber

Michelangelo blieb zeitlebens entstellt.

Als Lorenzo, der Herrliche, im April 1492 starb, war es für

Michelangelo mit dem sorgenfreien, anregenden und glanzvollen Leben zu

Ende. Er kehrte in sein Vaterhaus zurück. Er kaufte einen Marmorblock,

der unbenützt dalag, und meißelte einen überlebensgroßen Herkules,

der im Strozzipalast aufgestellt wurde. 1529 wurde das Bildwerk

verkauft und an König Franz I. von Frankreich geschickt. Im siebzehnten

Jahrhundert stand es in einem Garten von Fontainebleau, der 1713

zerstört wurde, und seitdem blieb auch der Verbleib des Herkules

unbekannt. Verschwunden ist auch ein kleines hölzernes Kruzifix, das

Michelangelo 1494 ausgeführt hatte und das auf dem Hochaltar der

Kirche San Spirito aufgestellt worden war. Der Prior bewies dem jungen

Michelangelo seine Dankbarkeit, indem er ihm im Kloster mehrere Zimmer

zur Verfügung stellte, wo er ungestört seinem Wissensdrang Genüge tun

und durch das Zergliedern von Leichen sich eine gründliche Kenntnis vom

Bau des menschlichen Körpers verschaffen konnte.

Pietro de Medici, Lorenzos Sohn, hatte nicht die glänzenden

Eigenschaften des Vaters geerbt; aber auch er setzte Michelangelo

wieder in seine vorige Stellung ein.

* * * * *

Es geschah während des eisigen Januars des Jahres 1494 ....

Vor dem Hause des alten Buonarroti, in einer dunklen und einsamen

Gasse, standen eines Nachts drei Jünglinge in warme Mäntel gemummt.

Trotzdem zitterten sie vor Kälte, denn es war ein grimmiger Frost.

Der Wind umtobte stöhnend und pfeifend das schlafende Haus; aus einem

einzigen Fenster nur fiel ein spärlicher Lichtschein auf die Straße.

Zum zweitenmal ergriff nun einer der Jünglinge den bronzenen Türklopfer

und pochte laut und wütend an das Tor. Endlich bemerkte man, wie das

Licht sich zu bewegen begann, wie es aufzuckte und hin und her irrte

und wie dann das erleuchtete Fenster dunkel wurde. Zugleich vernahm

man Schritte im Flur, und bald darauf wurde die morsche Eichentür

aufgeschlossen. In ihrem Rahmen stand ein kaum mittelgroßer Jüngling,

der eine Windleuchte über seinem Kopfe hielt, mit der er auf die Straße

hinausleuchtete.

»Wer da?« fragte er barsch.

»Freunde!« riefen drei Stimmen zugleich und lachten. Michelangelo

leuchtete ihnen ins Gesicht und erkannte nun Baccio, Gentile und

Mariotto.

»Ich kenne euch,« antwortete Michelangelo langsam, als wollte er sagen:

»Ihr seid keineswegs meine Freunde.«

Er hatte sie am Hofe Lorenzos, seines jüngst verstorbenen Schutzherrn,

kennen gelernt. Oft war er mit ihnen in den Prachträumen der

mediceischen Paläste zusammengetroffen, in den Lorbeerhainen und

Piniengängen von Carregi, in deren tiefen Schatten er an die Götter der

Hellenen dachte; in den wundervollen Gärten der Villa Ambra, wo die

Tage Platos von neuem heraufzukommen schienen.

[Illustration: Selbstbildnis Michelangelos. (Radierung.)]

»Was wollt ihr von mir?« fragte Michelangelo endlich.

»Beim Zeus!« rief Baccio beleidigt aus, »vor allem einen freundlicheren

Empfang!«

»Ruhe!« tönte die ernste Stimme Mariottos dazwischen. »Die alten

Zeiten Lorenzos kehren wieder nach Florenz zurück,« sagte er, zu

Michelangelo gewendet. »Piero folgt dem Beispiel seines Vaters. Mit dem

kommenden Lenz halten nicht nur die Rosen ihren Einzug, sondern auch

die vertriebenen Grazien. Es regt sich neuer Kunstsinn im Hause der

Mediceer.«

»Piero de Medici liebt die Kunst,« fügte Gentile hinzu, »und eben darum

weiß er auch dich zu schätzen. Es würde ihn stolz machen, sagte er

sogar, wenn er dich an sein Haus fesseln könnte.«

Michelangelo wandte sich schweigend und mit Verachtung ab.

»Es ist kalt,« sagte er, »was wollt ihr also von mir?«

Mariotto nahm das Wort: »Piero von Medici schickt nach dir. Er hält

heute Hof im Pittipalaste. Inmitten von Gesang, Musik und Lärm hat

er deiner gedacht. Er hat einen Wunsch an dich. Da haben wir uns

angeboten, dich herbeizuholen. Also ziere dich nicht und komm!«

Michelangelo rührte sich nicht und schwieg.

»Hoffentlich erkennst du die Ehre,« sagte Baccio noch immer mürrisch;

»du weißt, wer Piero ist, und wir sind keine Diener.«

»Ich gehe nicht,« antwortete Michelangelo kurz. »Ich danke euch und

ich danke Piero von Medici. Sagt ihm, daß ich krank sei, daß ich über

einem Buche grüble, das seines Vaters Freund, der treffliche Meister

Poliziano, geschrieben.«

»Derselbe Poliziano,« rief Gentile aus, »weilt zur Stunde im Palaste

und trug mir auf, dich in seinem Namen zu grüßen.«

»Willst du Piero mit deiner Weigerung beleidigen?« fragte Mariotto.

»Poliziano in Florenz? Im Pittipalaste? O!« Sein Antlitz heiterte sich

auf; er stellte die Windleuchte auf das Gesimse. »Tretet ein!« bat

Michelangelo; »ich gehe sofort mit euch!« und er eilte ins Haus, sich

anzukleiden.

»Welch ein empörender Stolz!« brummte Baccio; »er spricht mit uns, als

wären wir Lakaien! Als würde er uns eine Ehre erweisen!«

»Still!« warnte Mariotto, denn Michelangelo kehrte eben zurück,

den Kopf mit einem Hute bedeckt und in den veilchenblauen Mantel

eingehüllt, den Lorenzo ihm vor zwei Jahren geschenkt hatte.

»Gehen wir also!« forderte Gentile auf; »ich bin vor Kälte ganz

erstarrt.« Der Wind heulte und große Schneeflocken wirbelten in der

kalten Luft, die um die Köpfe der vier Jünglinge tanzten.

»Komm schneller!« drängte Gentile; »wir haben die Diener unweit des

Flusses mit Laternen warten lassen, weil wir deine stille Gasse nicht

aus nächtlichem Schlafe wecken wollten. Wir dachten an das strenge

Gesicht deines Vaters, und ich hoffe, wir haben ihn nicht aus dem

Schlafe geweckt.«

Sie schritten eilig durch die dunklen, winkligen Gassen zwischen

schweigenden Palästen dahin, die in der dicken Finsternis doppelt

düster aussahen. Am Lugarno warteten die Diener mit Fackeln und

Stocklaternen, die gespenstige Lichtreflexe auf die Umgebung warfen und

riesenhafte Schatten erzeugten.

Der Arno rauschte und brauste, und am jenseitigen Ufer sah man die

Kirche San Miniato sich wie ein finsterer Koloß vom dunklen Himmel

abheben. Der Weg führte über die alte Brücke, wo sich niedrige Häuschen

aneinanderschmiegten, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen

bewahren. Noch wenige Gassen, und Michelangelo stand mit seinen

Gefährten vor dem riesenhaft aufstrebenden Palaste Pitti. Die Diener

steckten die Fackeln in die eisernen Arme, die an den Eingangspfeilern

befestigt waren, die im Augenblick blutigrot beschienen wurden. Eine

Anzahl von Pferden stampfte ungeduldig auf dem Vorplatz, der fröhlichen

Gäste Pieros harrend. Aus dem Innern des Palastes scholl von Zeit zu

Zeit Fanfarenlärm heraus, Lachen und Gesang, der sich mit dem Heulen

des Windes mischte.

»Endlich!« rief Baccio aus; »endlich sind wir am Ziele.« Sie

schüttelten die Schneeflocken von ihren Mänteln und traten rasch in den

Palast ein. Der Flur war hell erleuchtet; im taghellen Hofe rauschte

ein Springbrunnen, während der Hintergrund von schwarzen Zypressen,

Zedern und düsteren Pinien ausgefüllt wurde.

Michelangelo betrachtete das seltene Schauspiel des Schneewirbels, aber

seine Freunde zogen ihn fort, die majestätischen Treppen empor. Sie

traten in einen großen Saal, der mit kostbaren Teppichen geschmückt

war. In der Nähe des Kamins, in dem ein großes Feuer loderte, saß Piero

von Medici und unterhielt sich lebhaft. Er nickte Michelangelo gnädig

zu, hieß ihn kurz willkommen, wandte sich dann aber wieder sofort

seiner Unterhaltung zu. Michelangelo beachtete den kühlen Empfang

nicht; übrigens antwortete er ebenso zurückhaltend und nachlässig. Er

wandte sich sofort dem Saale zu, und es dauerte auch nicht lange, bis

er den ehrwürdigen Kopf des Dichters Poliziano entdeckt hatte, der

einsam in der Nische eines hohen Fensters saß. Sofort war Michelangelo

an seiner Seite. Sie begrüßten einander sehr herzlich und beide waren

tief gerührt; offenbar dachten sie beide an die zusammen verlebten

sonnigen Tage unter Lorenzo, dem Herrlichen. Sie seufzten auf und

schwiegen einen Augenblick. Dann rückten sie einander näher, denn der

Lärm, der im Saale herrschte, ließ die beiden ihre Einsamkeit doppelt

empfinden. Sie konnten sich vertraulich miteinander unterhalten, ohne

befürchten zu müssen, daß man sie stören würde.

»Wie lange habe ich dich nicht gesehen,« sagte Poliziano freudig

bewegt.

»Und wie habe ich mich nach Euch gesehnt!« entgegnete Michelangelo.

»Ihr wißt am besten, was Ihr mir wart. Ihr seid der Erste gewesen, der

mir Mut und Anregung zur selbständigen Arbeit gegeben hat. Aus den

Quellen Eures Geistes und Eures Wissens durfte ich Unwissender schöpfen

und meinen Durst löschen.«

Poliziano lächelte und winkte mit der Hand das Lob ab. »Wäre der

göttliche Funke nicht in dir gewesen, dann wären meine Anregungen

vergeblich gewesen. Die Flamme wäre dann nicht ausgebrochen, mein

lieber Michelangelo. Du warst der einzige unter Hunderten, ja unter

einem ganzen Geschlecht, der für meine Worte empfänglich war.

Empfänglich sein für das Schöne, das ist alles, Michelangelo. Du bist

es im Übermaße. Wundere dich darum nicht, daß du so viele Neider hast.«

»Sie sagen, daß ich die Schönheit nicht sehe,« erwiderte der Jüngling

düster und voll Gram.

»Da du die Schönheit wiedergibst, wie ~du~ sie siehst und

fühlst, und nicht wie andere sie empfinden, da du nicht die Schönheit

nachahmst, die sie gewöhnt sind, zu sehen, sondern die, die in deiner

~eigenen~ Seele lebt, so gibst du die einzige und wahre Schönheit,

die der Mensch verehren sollte.«

Die Mienen Michelangelos heiterten sich auf.

»Ihr kennt mich so gut!« rief er entzückt aus. »Was ich unbestimmt

und unklar fühle, das vermögt Ihr auszusprechen. Ihr habt gut

begriffen, was ich in mir selber kaum verstehe. Ein Beweis, wie Ihr mir

nachzufühlen vermöget, ist Euer Gedicht, das ich vor einer Stunde von

neuem gelesen. Das Gedicht, das die ewig junge griechische Sage mit

neuem Leben erfüllt. Ich meine Euren Orpheus, Meister Poliziano!«

Der Dichter lächelte traurig. »Als ich das Gedicht schrieb, war ich so

jung und so mutig wie du. O, ihr Adlerschwingen der Jugend! Ihr kühnen,

vermessenen Träume! Damals schien es mir ein leichtes, emporzufliegen

aus der drückenden Enge unserer Kirchspiele und mit einem Sprung auf

die Fluren der echten Tragödie hinüberzusetzen. Stolzer Traum! Ich

strebte der Sonne zu, aber meine Schwingen waren zu schwach. Ah, ich

war vielleicht ein Ikarus, aber als ich der Sonne zu nahe kam, fiel

ich herab. Welch ein Riesenkampf ist das Schaffen des Künstlers! Die

Eingebung entzündet uns wie ein Blitzschlag. Und ist es jemals möglich,

aus diesem göttlichen Feuer, das in uns zu lodern begonnen hat, als

Sieger hervorzugehen?«

»Aber hat der Bildhauer nicht einen noch weit schwierigeren Kampf

mit der toten Masse zu bestehen, die er beleben will? Wenn er einem

chaotischen Steinklumpen gleichsam eine Seele einhauchen will? Ihn von

Tod und Nichtsein erlösen und zu Leben und Sein führen will? Welch ein

mühsames Ringen, durch einen formlosen Stein zu den Herzen der Menschen

zu sprechen! Sie an einem Stein die ewigen Gesetze der Schönheit

erkennen lehren! Ich glaube nicht, daß die Griechen in meinem Sinne

Sieger waren über die tote Masse. Ihren Bildwerken fehlt die Seele. Sie

sind starr und kalt und ruhig. Der Frost der Materie weht mich daraus

an. Aber muß Schönheit nicht erwärmen? Muß sie nicht leuchten und leben

und gleichsam zu unserer Seele sprechen?«

»Das wirst du ihr geben,« sagte Poliziano prophetisch zu Michelangelo,

der sich in Feuer gesprochen hatte; »du wirst der Schönheit die Poesie

des Schmerzes leihen.«

»Ich verstehe nicht recht,« entgegnete Michelangelo; seine Augen wurden

abgrundtief und blickten in die Weite. Er atmete heiß und schwer wie im

Fieber. »Erklärt es mir,« bat er leise den Dichter. Doch da rief ihn

gerade Piero von Medici an, der am geöffneten Fenster stand und über

den Hof in die Gärten hinaussah.

»Bei Venus und Bacchus!« rief er. »Wie lügt heute nacht das schöne

Florenz. Seht nur, meine Herren, wie sich die Stadt mit frecher

Anmaßung in ein jungfräuliches Gewand hüllt. Sie scheint wie aus Marmor

gemeißelt. Welch eine schöne Statue müßte sich aus diesem geschmeidigen

Material formen lassen, mein lieber Buonarroti; das wäre in der Tat

eine Aufgabe für dich! Das Material für deine Statue ist direkt vom

Himmel gefallen; nie wirst du reineren Stoff verarbeiten. Willst du mir

eine große Freude bereiten, dann geh in den Hof hinab und forme uns

irgendeine göttliche Gestalt aus dem Schnee.«

»Welch ein kindischer Einfall!« murmelte Poliziano mit einem Blick auf

den verdüsterten Michelangelo.

Piero von Medici hatte die Worte Polizianos gehört; aber er ließ es

sich nicht merken, obwohl er im Innern sehr erzürnt war. »Meister

Poliziano,« sagte er, »bin ich nicht ein Philosoph? Mit meiner Idee

einer Statue aus Schnee will ich den Künstlern ja nur sagen, wie

vergänglich ihre Werke sind. Sie träumen alle von der Unsterblichkeit.

Der Schnee da unten predigt aber: ~nütze den Augenblick~! Wer

weiß, wo du morgen bist!«

[Illustration: Der junge Michelangelo an der Arbeit.]

»Man muß zwischen Künstlern einen Unterschied machen, wie zwischen

Menschen,« antwortete Poliziano trocken. »Jeder nimmt gewöhnlich nur

sich selber als Maßstab für die Dinge und Mitmenschen. Die echte Größe

aber, das Genie, das ist ein Gottesgeschenk.«

»Ihr habt recht,« bemerkte Piero und schwieg ärgerlich.

Inzwischen hatte sich Michelangelo, ohne aufzuhorchen, dem Fenster

genähert und schaute verzückt in die Gärten. Das Schneegestöber hatte

nachgelassen; am Himmel flimmerten die Sterne wie Goldstaub, und die

Erde leuchtete märchenhaft weiß. Ein jeder Baum schien aus Marmor

gehauen. Der Anblick riß den Künstler mit fort. Wortlos verließ er

den Saal, um zu vollenden, was Piero in kindischer Launenhaftigkeit

gewünscht. Die Zauberpracht dieses überirdischen Bildes reizte ihn zu

eigenem Schaffen. Hier sah er eine gleichsam verzauberte Welt, die weiß

und starr und kalt dem Himmel ins Angesicht sah; eine Welt, die nach

Licht und Sonne zu rufen schien, und nach einem Liede, das sie aus

diesem Bann erlöse.

Kulturhistorische Charakterbilder · 第 3 / 18 段