Dolores.«

Es war spät, als sie endlich müde, nachdem sie eine Menge Briefe

geschrieben, in ihr Schlafzimmer trat.

»Heute werde ich gut schlafen,« dachte sie, als sie ihr Haar löste

und dabei die Abwesenheit Terezas bedauerte, die es so gut verstand, die

goldigen Massen zu glätten. So gut es ging, versuchte sie selbst mit

der Bürste Ordnung in die bis ans Knie reichenden, sich rebellisch

kräuselnden Haare zu bringen und summte dabei leise ein Lied vor sich hin.

Mit einem Male aber ließ sie den Arm mit der Bürste sinken und hörte

auf zu singen -- der Traum der vorigen Nacht war ihr eingefallen.

Unwillkürlich sah sie nach der Stelle, wo sie die »böse Freifrau«

hatte eintreten sehen, und schritt derselben zu, mit dem Lichte genau die

Boiserie beleuchtend: Aber so genau sie es auch that, sie entdeckte keinen

Ritz, der auf eine eingefügte, geheime Thür hätte schließen lassen

können.

»Natürlich nicht,« dachte sie, »es war eben ein Traum, wie man ihn in

solchen alten Häusern leicht träumt, da man sie ohne geheime Gelasse,

Thüren u. s. w. nicht denken kann, schon des Reizes wegen, den solcher

Humbug in unseren Tagen immer noch ausübt!«

Und ihr Lied wieder aufnehmend, wendete sie sich von der Wand ab,

überzeugte sich, daß die Thüren innen verschlossen waren, und wollte die

Bürste wieder ergreifen, als ihr Auge auf das kleine Madonnenbild fiel,

auf das ihr Traum sie gewiesen. Wieder nahm sie den Leuchter auf und

schritt darauf zu. In einem goldenen, spitzen, gotischen Rahmen mit kleinen

Ecktürmchen und aufzumachender, durchbrochen gearbeiteter Thür war hier

ein liebliches Madonnenbild über dem Betstuhl aufgehängt, und Dolores

erkannte es sofort als eine uralte Kopie der »Madonna mit dem Stern« des

Fra Angelico, genannt »il Beato« im San Marco-Kloster zu Florenz -- sogar

der Rahmen war getreu nachgemacht mit seinem zierlichen Schnitzwerk. Die

kaum einen Fuß hohe Gestalt der Gottesmutter steht auf goldenem

Grunde, umflossen von zartrotem Gewande, umwallt von dem dunkelblauen,

goldgesäumten Mantel, der auch ihr Haupt nonnenartig einhüllt. Das Haupt

nach dem süßesten Jesuskinde, das je gemalt wurde, hinneigend, steht sie

mit sinnendem Ausdruck in den überirdischen Augen, mit einem wunderbaren

Zug von Schmerz, Trauer und halbem Lächeln um den lieblichen Mund,

umflossen von der holdesten Anmut, dem keuschesten Liebreiz, und über

ihrem Haupte flammt ein strahlender Stern -- der Morgenstern für den Tag

der Glorie, da Jesus der Retter kam, die Welt zu erlösen und die Macht des

Todes zu brechen. Und wie malte Fra Angelico dieses göttliche Kind auf den

Armen der Jungfrau! Es lehnt sein Köpfchen mit dem sinnenden Ausdruck

an ihr Antlitz und berührt mit dem Zeigefinger der Linken ihr Kinn, als

flüsterte er ihr zu vom Kreuz und von Golgatha und der Erlösung -- --

Ja, nur Angelico da Fiesole, il Beato, war dazu berufen, wahrhaft

göttliche Madonnen zu malen, und man weiß, daß er sie knieend, ein Gebet

auf den Lippen malte -- all' seine Epigonen malten nur schöne Mütter mit

ihrem Kinde, selbst Rafael, der alle Hoheit und Majestät in seiner Sixtina

verkörperte, aber nicht das Göttliche, das nur über den Madonnen des

Florentiners schwebt. Tizian in seiner »Assunta« hat einen Strahl dieser

Göttlichkeit in der zur Glorie des Himmels mit ausgebreiteten Armen

emporschwebenden Gestalt der Mutter Gottes verkörpert, doch soviel man

auch sucht, man wird diesen Strahl bei späteren Meistern nicht

mehr finden, außer vielleicht geteilt in dem wunderbar ergreifenden

Muttergottesbilde Lefèvres, und voll in der schlichten, rührenden Madonna

Defreggers.

Dolores kannte die liebliche Madonna mit dem Stern wohl, sie besaß ja

selbst eine moderne Kopie derselben, die ihre Mutter ihr als Riccordo di

Firenze geschenkt -- vor Jahren. Sie betrachtete lange das schöne Bild

und schloß dann wieder die geschnitzten Thürflügel des Rahmens. In ihrem

Traume, da hatte die »böse Freifrau« darauf gedeutet und das obere,

rechte Türmchen berührt, sie erinnerte sich dessen genau. Getrieben von

einem wunderbaren Gefühl, das sie selbst nicht hätte bezeichnen können,

trat sie auf das Kniepult des Betstuhles und berührte das Türmchen, indem

sie es vorsichtig zu bewegen versuchte -- es gab nicht nach. »Ob es

sich drehen läßt?« dachte sie. Nein, es rührte sich nicht nach rechts

und --

Sie trat mit einem Male erblassend von dem Kniepult herab, denn bei einer

leichten Linksdrehung des Türmchens hatte es nachgegeben und langsam

drehte sich der Rahmen mit samt dem Bilde -- eine kleine in Angeln gehende

Thür, die eine tiefe, sich nach innen erweiternde Nische maskierte.

Das war ja nichts Seltsames, denn dergleichen giebt's in alten Häusern,

besonders in alten Herrenhäusern, die der Landstraße nahe liegen, genug,

denn man mußte seine Pretiosen gut verbergen vor etwaigen Überfällen,

besonders in der Zeit der schweren Not des Dreißigjährigen Krieges,

wo wildes hungriges Gesindel genug herumzog und manches einsame, nicht

befestigte Landhaus brandschatzte. Aber wie sie diese geheime Nische fand,

das machte Dolores für den Augenblick betroffen, doch schon im nächsten

Moment überwand sie es.

»Zufall,« sagte sie sich und trat dem Versteck wieder nahe. »Was mag

darin sein?« -- Sie leuchtete in den finsteren, kleinen Raum -- er war mit

Backsteinen ausgesetzt, sein Boden mit Holz bekleidet. Es lag nichts darin

als ein Buch, in roten Samt gebunden, und auf dem Buche lag eine runde

Kapsel in der Größe einer großen Taschenuhr. Etwas zaghaft nahm Dolores

beides heraus und trug es auf den Tisch vor dem Ruhelager, indem sie sich

darauf niederließ. Erst nahm sie die Kapsel auf -- es war ein schön

gearbeitetes Stück von mit Kupfer legiertem Golde, bedeckt auf der

Vorderseite mit einem kunstvollen Netze von erhaben gearbeiteten Arabesken,

die als Früchte bunte Edelsteine und kleine Bündelchen oval geformter

Perlen trugen. Es mochte italienische Arbeit sein, reinste Renaissance war

es jedenfalls. Auf Dolores' Bemühen öffnete sich die Kapsel leicht -- sie

enthielt zwei sich gegenüberliegende Miniaturporträts, die sich wiederum

an kleinen Angeln in ihren goldenen, kaum nadelbreiten Rahmen herumdrehen

ließen und rückwärts auf Pergament geheftete Haarlöckchen nebst Namen

zeigten.

Das erste Porträt stellte niemand anderen dar, als die »böse Freifrau«

-- es war eine Kopie des Bildes in der Galerie bis unterhalb des Kragens,

nur daß hier das schöne Antlitz noch lieblicher aussah, da ein leichtes

Lächeln den wunderschönen Mund umschwebte. Auf dem die Rückseite des

Bildes deckenden Pergamentblättchen war mit blauer Seide ein goldrotes

Haarlöckchen angeheftet und ringsherum war in zierlicher Rundschrift mit

Tusche gemalt: _Maria Dolorosa, Freyfrau von Falkner, gebohrene Freyin von

Falkner_, _=anno domini=_ 1618.

Das gegenüber, an der Rückwand der Kapsel angebrachte Bild zeigte einen

schönen, wettergebräunten Männerkopf, um den eine Fülle schwarzen

Haares nach der damaligen Mode sich bis auf den weißen, spitzenbesetzten

Linnenkragen herablockte. Kühn blitzten die dunklen Augen, über dem

stolzen Munde kräuselte sich ein feines Bärtchen -- es war ein schönes

Bild, und Dolores dachte, wie ähnlich ihm der Freiherr Alfred sei, nur

daß dieser einen Vollbart trug und ihm die kleidsame Tracht jener Tage

mangelte. Auf der Rückseite war dem Bilde mit roter Seite ein schwarzes

Löckchen angeheftet und darum stand die Inschrift: _Lupold Freyherr von

Falkner, Kayserlicher Reuter-Hauptmann_, _=anno domini=_ 1618.

Dolores sah lange auf diese zwei Bildchen nieder, die so lebensvoll und

liebevoll gemalt waren, und manche Frage stieg dabei in ihr auf. Waren die

beiden hier ein Ehepaar? Und für wen war diese Kapsel hergestellt worden?

Wer war der Maler dieser kostbaren Miniaturen? Alles dies waren ungelöste

Fragen, denn die sie hätten lösen können, waren längst gestorben, oder

-- verdorben.

Seufzend schloß Dolores die Kapsel, da gewahrte sie auf der glatten

Rückseite derselben eine Gravierung -- zwei brennende, mit einem Bande

verknüpfte Herzen und darunter die Worte:

Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet

Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Jahrhunderte waren darüber hingegangen, »der Hertzen zwo« hatten Ruhe

gefunden -- war es vielleicht die »alte Geschichte« gewesen mit den

beiden?

Dolores legte die Kapsel zur Seite und nahm das Buch, löste dessen goldene

Klammer und schlug es auf -- es war ein Missale mit vielen bunten, jetzt

verblichenen Bändern als Buchzeichen, mit mühsam gemalten Initialen und

Kopfleisten. Es war ein vielbenutztes Gebetbuch, das sah man einzelnen

der vergriffenen Blätter an; hatte sie daraus gebetet, die schöne, böse

Freifrau? Doch da stand etwas geschrieben auf dem leeren, weißen Blatt,

das dem Titel vorgeheftet war. Es waren energische, steile und kleine

Schriftzüge einer nicht ungelenken Hand, und Dolores las, nachdem sie sich

daran gewöhnt, fließend folgendes:

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,

Wird sich der Falk' ein dauernd Nestlein wählen.

Die letzte Falkin muß in Schmerzen büßen,

Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen.

Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,

Die einst im Brautgewande ward gemalt,

Kann diese Falkin siegen ob dem Bösen.

Wird meine arme Seele sie erlösen,

Wird sie des Falken Herz zu sich bekehren,

Werd' ich der Engel Alleluja hören.

Dann ist ein tausendjährig Blühn beschieden

Dem Stamm der Falkner auf der Erd' hienieden.

Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,

So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden.

Geschrieben am St. Johannisabend bei klarem Bewußtsein. Also hat Gott es

mir gewiesen, auf daß ich nicht verzweifle, und mich hellsehend gemacht

für eine Stund'.

Im Falkenhof, am 23. Juni =a. d.= 1620.

Maria Dolorosa, zwiefach verwittibte

Freyfrau von Falkner.

* * * * *

Dolores ließ das Buch sinken und sah bleich und starr auf die vergilbten

Schriftzüge herab, und es schlich ihr kalt übers Herz, als sie ihres

Traumes gedachte, wie sie die Ahne gesehen, und wie diese auf das

Madonnenbild gedeutet, das Türmchen des Rahmens berührt und sie so

hingewiesen auf das, was seit zwei und einem halben Jahrhundert und mehr

vielleicht verborgen gelegen vor jedem menschlichen Blick.

Wie war das Rätsel zu lösen? Wie, wenn sie es allen Gelehrten der Erde zu

raten gab? Sie selbst sann dieser Lösung nach, bis der Kopf sie schmerzte

-- der Traum blieb und das Buch vor ihr mit seiner Weissagung blieb auch.

Ihr blieb nur, der Geschichte der Ahne nachzuforschen, um darin vielleicht

einen Lichtschimmer zu entdecken, der freilich das Wunderbare des Traumes

nicht mindern konnte, mochte er auch Aufklärung bringen über das schöne

Frauenbild, das man »die Böse« nannte. Doch sie wollte andere befragen,

ohne sich selbst zu verraten, sie mußte eindringen in dieses Mysterium,

dem der Mensch im Schlafe verfällt -- -- und war es denn überhaupt im

Traum gewesen?

Ihre Zweifel verdichteten sich wie die Nebel an einem Herbstmorgen, sie

dachte nach, bis die Uhr über dem Südportal Mitternacht schlug und sie

mahnte, zur Ruhe zu gehen. Sie trug Buch und Kapsel zurück in die Nische

und schloß diese durch das Bild, dann legte sie sich zum Schlummer nieder

in dasselbe Bett, in dem die Ahne geruht, wie Mamsell Köhler gesagt, sie

legte sich, eine schlaflose Nacht fürchtend. Bald aber überschlich sie

das Gefühl des nahenden Schlummers, und wie es kam, mußte sie die Worte

aus dem Missale vor sich hinsagen wie ein selbstgesungenes Schlummerlied:

Die letzte Falkin wird in Schmerzen büßen,

Die Grabesruh' der Ahne zu versüßen,

Wenn neu sie auflebt in der Huldgestalt,

Die einst im Brautgewande ward gemalt -- --

»Bin ich die letzte Falkin?« murmelte sie schlaftrunken. »Bin

ich -- --«

Das Wort erstarb auf ihren Lippen -- sie war eingeschlafen.

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

»Ich habe nur einen Moment geschlummert,« sagte sie, verwirrt sich

aufrichtend -- und zu ihrem Staunen sah sie, daß das helle Sonnenlicht

durch die Ritze der Fensterläden auf den Boden fiel.

Daß sie nicht alles geträumt, davon überzeugte sie sich durch das

Öffnen der Nische -- da lagen Buch und Kapsel, wie sie dieselben gestern

Abend hineingelegt. Aber der tiefe, traumlose Schlaf hatte sie nicht

gestärkt. Ihr Kopf schmerzte, und sie fühlte ihre Nerven gereizt,

sie, die fast allen Strapazen mit ihrem stahlgeschmeidigen Körper Trotz

geboten, die mehrere Abende hintereinander Wagnersche Opernpartien mit

voller Kraft gesungen hatte, ohne ihre Nerven zu erschüttern.

»Ich war glücklicher, als ich noch nicht die Herrin des Falkenhofes

war,« dachte sie schmerzlich. »Da gab es keine Enttäuschung für mich

und die Kunst hob mich über die kleinen Miseren des Daseins hinweg, der

Neid konnte mir nichts anhaben, denn ich ebnete ihm nicht den Weg zu mir.

Hätt' ich wenigstens meinen Flügel hier!« --

Als Engels nach dem Frühstück erschien zu den Geschäften des Tages, sah

er forschend auf das bleiche Antlitz seiner jungen Herrin.

»Was ist Ihnen, Fräulein Dolores?« sagte er besorgt.

»Ich weiß es selbst nicht,« entgegnete sie kurz und ergriff den

Wirtschaftsbericht. Dann sah sie plötzlich auf zu ihm.

»Glauben Sie an Träume, lieber Engels?«

»I Gott behüte,« erwiderte er. »Träume kommen aus dem Magen. Wenn ich

zu spät Abendbrot gegessen habe, dann träumt mir immer das verrückteste

Zeug. Selbst das Tier träumt, denn was wär es sonst, wenn Knieper im

Schlafe leise bellt und winselt und Ida miaut?«

Jetzt mußte Dolores doch lächeln; die Erklärung für ihren Traum war

allerdings drastisch genug.

»Ja, ja, so wird es sein,« sagte sie resigniert, hier einen Schlüssel zu

finden.

Während sie zerstreut den Berichten Engels zuhörte, klopfte es bescheiden

an der Thür, und Mamsell Köhler erschien auf der Schwelle.

»Herr Doktor Ruß ist oben und frägt, ob gnädige Baronesse einen

Spaziergang mit ihm machen wollen -- es sei so schön draußen.«

»Ja, gern,« rief Dolores, froh, eine Gesellschaft zu finden -- das

Alleinsein war ihr so schwer heut'. »Ich lasse den Herrn Doktor bitten, im

Salon oder in der Galerie auf mich zu warten.«

Mamsell Köhler ging.

»Was will _der_ nur von Ihnen?« gab Engels seinen Gedanken laut Audienz.

»Gute Nachbarschaft halten, denke ich,« antwortete Dolores, die Papiere

zusammenschiebend.

»Hm, natürlich, der ist immer da zu finden, wo die Fleischtöpfe

Ägyptens brodeln,« murrte der Verwalter.

»Ich glaube, das ist rein menschlich,« lächelte Dolores. »Was haben Sie

nur gegen diesen Mann, dessen Kenntnisse so eminent sind?«

»Den Kuckuck sind sie,« platzte Engels heraus. »Nichts habe ich gegen

ihn, nichts Erwiesenes, und gethan hat er mir auch nichts, aber dasselbe

kann ich von der Raupe sagen, die sich auf dem Blatte windet, und die ich

auch nicht mag, weil sie mir Widerwillen einflößt; der da drinnen gehört

auch zur Gattung der Kriechtiere, denn sein Rücken versteht es prächtig,

sich zu drehen. Und wenn der Blödsinn von der Seelenwanderung zwischen

Tier und Mensch, von der manche ein Brimborium schwatzen, wahr ist, dann

war _der_ früher eine Schlange, das steht fest.«

»Sind Sie auch nicht ungerecht, lieber Engels?« wandte Dolores ein.

»Möglich,« sagte er achselzuckend, »kann mir einmal nicht helfen. Aber

sei es, wie es immer sei, Fräulein Dolores, jedenfalls bitte ich Sie, den

guten, wohlgemeinten Rat eines Freundes nicht zu verachten: Vertrauen Sie

dem Ruß nichts, keines Ihrer Geheimnisse an!«

»Ich bin keine Plaudertasche, lieber Engels,« erwiderte sie freundlich,

»ich gehöre nicht zu den Personen, die ihren lieben Nächsten sofort zu

ihrem Vertrauten machen und ihm das Blaue vom Himmel herunter schwatzen.«

»Aber er ist scharf, glauben Sie mir, und holt aus Ihnen heraus, was er

wissen will!«

»Ich werde auf der Hut sein!« --

Engels ging, und Dolores fand den Doktor in der Galerie ihrer wartend -- er

stand vor dem Bilde der Ahnfrau.

»Wie wunderbar doch die Natur spielt, daß sie nach Jahrhunderten die

nämlichen Züge dem Antlitz eines Gliedes desselben Stammes verleiht,«

rief er ihr entgegen. »Das ist ja eine frappierende Ähnlichkeit zwischen

Ihnen und dem Bilde da!«

»Ja,« sagte Dolores, »und Sie können sich denken, daß ich mich

infolgedessen sehr für das Original interessiere. Wissen Sie Näheres

über ihr Leben?« --

»Nein, nur, daß sie ›die böse Freifrau‹ heißt und die stets

gut dotierte Stelle eines Schloßgespenstes inne hat,« erwiderte

Ruß scherzend. »Aber wenn Sie's interessiert, so will ich gern

den betreffenden Band der Familienchronik hervorsuchen und danach

forschen -- --«

»Ach ja, und ich will Ihnen gern dabei helfen,« rief Dolores.

»Abgemacht! Aber vorher wollen wir einen Spaziergang machen. Sie sollen

sehen, wie herrlich der Wald an einem Maienmorgen ist!«

Dolores stimmte fröhlich ein, holte sich Hut, Handschuhe und Schirm, und

dann schritten sie davon, dem Walde zu.

* * * * *

Draußen war's wonnig! Wald, Feld und Wiese trugen noch ihren frischen,

jungen Frühlingsschmuck, den erst der Juni vergessen macht mit seinem

neuen Schmucke von Blumen. Die Föhren hatten noch frischgrüne Triebe, die

Laubbäume helle, zarte Blätter, und die Tannen, die am Waldbach wuchsen,

sproßten noch so licht empor, daß das Moos zu ihren Füßen sich fast

schwarz dagegen abhob. Aus dem weichen, erdbeer- und heidelbeerbesäeten

Boden quoll jener frische, kräftige Erdgeruch, der gemischt mit den

Düften von Waldmeister, Thymian, Lavendel und wilden Hyacinthen den

tiefatmenden, staubgesättigten Lungen der Städter so wohl thut. Leis'

murmelnd zog der silberhelle Waldbach in raschem Laufe dahin, als könne

er nicht schnell genug den Ort seiner Bestimmung, den großen Strom,

erreichen, in welchem er, selbst nur ein winziger Tropfen, ungekannt

und unerkannt seiner Ewigkeit, dem Meere, zueilt. So thut er, dem

selbstgebahnten oder geebneten Bette folgend von der Quelle aus, wie der

Mensch von der Wiege an, dem Grabe zueilt mit jeder Stunde seines Lebens.

»Wie schön ist's hier,« sagte Dolores, den frischen Waldesduft mit

tiefen Zügen einatmend, »und wie lange ist's her, daß ich keinen

deutschen Wald betreten!«

Sie nahm den Hut ab und ließ die kühle Luft um ihre Stirne wehen und mit

den goldigen Löckchen darüber spielen.

»Beim wunderbaren Gott, das Weib ist schön,« citierte Doktor Ruß in

Gedanken mit halbem Seitenblick auf seine Begleiterin, »ob sie wohl zu

einer Eboli veranlagt ist?«

In Rückerinnerungen verloren, schritt Dolores dahin, und in der That war

der parkartige Wald vom Falkenhof dazu geeignet, Entzücken zu erregen. Man

hatte die Natur nirgends eingedämmt, der Bach floß in seinem natürlichen

Bette dahin, und auf dem Boden wuchsen Waldmeister, Erdbeeren und

Heidelbeeren, aber es waren breite, gutgepflegte Kiesgänge kreuz und quer

gezogen, und wo der Wald eine Blöße hatte, da zogen sich smaragdgrüne,

tadellose Rasenflächen hin, plätscherten kühle Brünnlein oder sprangen

Federfontänen in scheinbar ungekünstelten Steinbassins, emporgesprudelt

von alten steinernen, moosüberzogenen Tritonen oder Delphinen. Wo sich

das Laub zu dichten Gebüschen zusammenzog, da standen wohl halbverborgene

Statuen von Sandstein, Götterbilder des alten Hellas und Rom, und

mitten im Waldesdunkel träumten die Ruinen des alten Falkenhofes von der

Vergänglichkeit, deren Opfer sie geworden. Es war nicht mehr viel da von

den Mauern des alten Hauses, aber die kleine Kirche stand noch in ihren

Umfassungsmauern, um die sich wilde Rosen rankten und durch die leeren

Fensterkreuze und schön gemeißelten Steinrosetten der Spitzenbogen

hereindrängten in das Innere, in dem nur noch einige Säulenknäufe und

Kapitäle aus dem Moos und Gras hervorragten, das üppig aus dem Steinboden

hervorsproßte, denn schon lange vor dem Dreißigjährigen Kriege lag der

alte Falkenhof, der ja längst zu klein gewesen für seine Bewohner, als

Ruine da, und es war nicht der unpoetischste Teil des Parkes, in welchem

sie sich befand. Hier machte auch der Bach einen Bogen und fiel als kleiner

Wasserfall steil hinab in ein dunkles Becken, das Hexenloch genannt, weil

man in alten Zeiten die der Hexerei Angeklagten die Wasserprobe darin

machen ließ, um sie, wenn sie dieselbe bestanden, schließlich doch zu

verbrennen, denn der Aberglaube, dieser furchtbare Moloch, mußte seine

Opfer haben -- damals vernichtete er sie physisch, heute moralisch, und

eins ist so schlimm und grausam wie das andere.

»Man bedarf Ariadnes Faden, um sich aus diesem Labyrinth heraus zu

finden,« scherzte Dolores, als sie, um die Ruine herumbiegend, durch einen

verdeckten, übermauerten Gang plötzlich an den Rand des Hexenloches, zu

Füßen des Wasserfalles gelangten.

»Das macht die Übung,« erwiderte Ruß. »Aber ich meine, Sie müßten

den Park doch von früher her noch kennen?« --

»Ich entsinne mich einiger Einzelheiten,« nickte sie, »besonders aber

der Ruine und des häßlichen schwarzen Tümpels hier. Der verstorbene

Onkel konnte es nicht laut genug der Welt verkünden, daß ich ein

Satanskind sei, und Fräulein Köhler meinte, man müßte mich zur Probe da

hinein werfen, denn nur der Böse könne mich daraus erretten.«

Doktor Ruß lachte leise vor sich hin.

»Und für diese freundliche Gesinnung erhöhten Sie der alten Klatschbase

ihr Gehalt und schenkten ihr ein Geschmeide?« fragte er.

»Ach, das ist ja lange her,« entgegnete Dolores ebenfalls lachend.

»Ja, ja, und es hat sich seitdem vieles verändert,« nickte Ruß.

»Als Sie den Falkenhof verließen, gingen Sie da direkt nach Brasilien

zurück?«

»Nein, wir lebten in Italien, bis mein Vater wieder in die Gesandtschaft

zu Rio de Janeiro eingereiht wurde. Es hatte ihm viel Mühe gekostet, und

als wir wenig Wochen dort waren, starb er.« --

»Ach ja, und dann erbten Sie jene großen Güter,« ergänzte der Doktor

seine Begleiterin. Er war endlich auf dem Punkte angelangt, nach dem er

gezielt.

»Ja, zu spät für meinen Vater,« bestätigte Dolores.

»So ist es also wahr, was Frau Fama ausposaunt, daß es Diamanten sind,

die Sie auf Ihren Feldern ernten?« meinte Ruß in scherzendem Tone.

»Und Reis, Zuckerrohr und Tabak,« nickte sie harmlos.

»Also doch Diamanten,« beharrte der Doktor auf diesem einen Punkt.

»Diamantfelder -- das klingt für uns, die wir dem Boden nur schwarze

Diamanten, d. h. Kohlen abringen können, wie ein Märchen.«

»Als ob sie bei uns wie Kartoffeln wüchsen,« lachte Dolores amüsiert.

»Man muß oft Tage lang graben, ehe man etwas findet!« --

»Ei freilich, soviel wissen wir hier auch,« erwiderte Ruß behaglich

lachend, denn er wußte nun, daß es Diamantfelder seien, welche Dolores

besaß. »Es frägt sich bei derartigen Besitzungen nur, ob der Ertrag die

Arbeit lohnt.« --

»O ja, denn wir finden auch Smaragden,« entgegnete sie sorglos, indem sie

sich bückte, eine Blume zu pflücken, die sie dem Strauß in ihrer Hand

einreihte.

Dann wandelten sie weiter auf dem schattigen, kühlen Waldespfade, der sich

dann erweiterte und durch eine scharfe Biegung urplötzlich einem kleinen

Schlößchen gegenüber endete, das wie ein Traum aus vergangener Zeit in

einem Labyrinth von Rosen und hohen, grünenden Bäumen lag.

»Monrepos,« rief Dolores überrascht, »ich dachte nicht, daß es dem

Falkenhof so nahe liegt. Freilich, man vergißt im Lauf der Jahre vieles!«

Monrepos war wohl ein ehemaliges Jagdschloß, denn daran mahnten die

steinernen Pikeure rechts und links am Aufgange zu dem hohen Parterre,

über das sich nur noch eine Etage aufbaute, welche von seltsam geformten,

barock verschnörkelten Mansarden gekrönt wurde. Über der Eingangsthür

ward ein fürstliches Wappen von pausbäckigen Engelchen gehalten, von

denen man nur künstlich die üppig wuchernden Kletterrosen fern hielt, die

bis zu den Mansarden emporragten und jetzt unzählige Knospen aufwiesen,

die schon halb erschlossen waren. Vor dem Schlößchen verbreiteten

mächtige Linden einen wahrhaft köstlichen Schatten, in welchem barocke

Gartenmöbel zum Sitzen einluden, und auf dem Rasenplatz davor blies in

steinernem Bassin ein von Nymphen umgebener Meergott aus einer Muschel

einen starken Wasserstrahl in die Höhe, der seine glitzernden Wasserperlen

auf die herrlichen Rosenstämme sprühte, welche den Platz in dichten

Reihen umstanden.

Dolores erinnerte sich wohl des Rokokoschlößchens, das sie von fern oft

betrachtet hatte, als sie, ein Kind noch, dem Falkenhof als Bewohnerin

angehörte, aber sie wußte nichts von seinem Besitzer.

»Monrepos ist Privateigentum des Herzogs von Nordland,« erklärte Doktor

Ruß. »Er hat es von einer Verwandten geerbt, welche in unser Königshaus

geheiratet hatte, und es gehört nun zu seinen Lieblingsplätzen. Hier

bringt der Herzog mit seinem Sohne, dem Erbprinzen, und seinen beiden

Töchtern Jahr für Jahr ein paar Sommermonate zu, ganz wie ein einfacher

Privatmann, und nur wenig Auserlesene, die er als Freunde betrachtet,

erweitern den zwanglosen Familienkreis, in dem jedes seinen Neigungen

lebt. Zu denen des Herzogs gehört die Rosenkultur, und er arbeitet wie

ein einfacher Gärtner unter seinen Lieblingen, die aber auch seine Mühe

lohnen und von seltener Schönheit sind. Man erwartet die herzogliche

Familie in wenig Tagen hier -- ich hörte, zu den wenigen Eingeladenen auf

Monrepos gehöre dieses Jahr Richard Keppler, der berühmte Maler.«

Hier erinnerte sich Dolores der Einladung, die Falkner dem Künstler damals

im Atelier überbracht -- sie hatte nicht geglaubt, daß er ihr so nahe

sein würde, sie hätte es auch um seinetwillen nicht gewünscht. Und

Falkner, war er auch zu dem exklusiven Kreise in Monrepos berufen? Sie

hätte sich eher im Hexenloch gesehen, als die Frage dem Manne an ihrer

Seite vorgelegt, der mit scharfem Blicke ihre Züge studierte, als wollte

er aus ihnen ihre Seele herauslesen. Doch was kümmerte es sie am Ende --

die Bewohner von Monrepos und dem Falkenhof standen ja einander so fern wie

der Nord- und Südpol, besonders jetzt, da _sie_ die Herrin des letzteren

war.

»Gehen wir weiter,« sagte sie, sich vom Schlosse abwendend, und Doktor

Ruß folgte ihr mit leisem Kopfschütteln.

»Kennen Sie Keppler persönlich?« fragte er lauernd.

»Ich kenne und achte ihn als Mensch, wie ich ihn als Künstler

bewundere,« entgegnete Dolores warm und unbefangen, ein Umstand, der

ihren Begleiter zu verwundern schien, um so mehr, als sie nun begann, ganz

unbefangen über des Malers Werke zu plaudern, die seinen Ruhm auf der

ganzen Erdkugel begründet.

»Ich bin namentlich für seine Porträts begeistert,« bemerkte Ruß.

»Sie haben neben frappanter Ähnlichkeit so viel geistigen Gehalt, wie das

Original selbst, und ich weiß, daß er am liebsten solche malt, bei denen

er diesen Gehalt findet. Nebenbei aber idealisiert er so fein, wie eben nur

ein Künstler, wie er, vermag.«

»Es kann jedermann stolz darauf sein, von ihm gemalt zu werden,«

pflichtete Dolores bei, »und ich bin es auch in der That.«

»Ah, Keppler hat Ihr Porträt gemalt?«

»Ja, als Satanella,« erwiderte Dolores. »Es war eine Caprice von ihm,

die Kombination von Rot und Gold so darzustellen, daß sie künstlerisch

wirkte, und ich meine, er hat das Problem gelöst. Kennen Sie die Oper,

Doktor Ruß? Wenn nicht, so müßte ich Ihnen das Kostüm beschreiben, um

Ihnen die Aufgabe für den Künstler klar zu machen.«

»Ja, ich war in der Residenz, um diese Sensation machende Oper zu

hören,« sagte der Doktor langsam. »Aber ich hätte Sie im Leben nicht

wieder erkannt.«

»Nicht?« fragte Dolores amüsiert. »Das war gut. Ich wollte vor den

Lampen nur die Künstlerin sein, nichts weiter.«

»Es war ein sinnverwirrender Anblick,« fuhr Ruß fort, »ich begreife den

Eifer Kepplers, den prachtvollen Farbenreichtum, der Sie umhüllte, auf die

Leinwand zu bannen. Der Künstler soll, wie man mir sagte, fast jeder

der vielen Aufführungen der Satanella beigewohnt haben. Das ist eine

Huldigung, die auffallen mußte,« fügte er mit scharfem Blick hinzu,

»und die am Ende auch zu denken giebt.«

Dolores warf das schöne Haupt zurück, und ihre Lippen kräuselten sich

verächtlich. »Die Welt ist ja stets geneigt, etwas zu denken,« sagte sie

leicht. »Keppler kam, um die Aufgabe, die er sich gestellt, zu studieren.

Daß übrigens solche ›Huldigungen‹, wie Sie es nennen, nicht immer der

Person, sondern auch der Sache gelten können, mögen Sie aus dem Umstand

erkennen, daß Alfred Falkner auch in fast keiner Aufführung der Satanella

fehlte!«

Doktor Ruß sah überrascht auf -- davon hatte er nichts gewußt.

»Wer weiß,« sagte er leise und beziehungsvoll.

Dolores biß sich auf die Lippen im Unmut, daß sie sich hatte hinreißen

lassen, mehr zu sagen, als sie gewollt -- hatte sie sich doch vorgenommen,

Falkners oftmalige Anwesenheit in der Oper gar nicht zu bemerken.

»Man kann ja Sache und Person leicht trennen. Davon hat mein Cousin den

Beweis geliefert,« sagte sie, ohne des Doktors dazwischen geworfenes Wort

zu beachten. »Das Werk kann interessieren, die Person des Darstellers aber

antipathisch sein, und nur das Wort oder der Ton, über den sie verfügt,

eine Saite, einen Nerv in uns berühren. Dieses interessante Problem

menschlichen Nervenlebens hatte ich sehr oft vor mir, denn Herr von Falkner

wandte der Bühne stets den Rücken zu, wenn ich sang. Es war also die

Antipathie gegen meine Person, während meine Stimme, ohne daß er mich

sah, auf seine Nerven wohlthätiger wirkte. Ich habe schon früher von

solchen Fällen gehört.«

Ob sie wohl ihren Begleiter täuschte durch ihre von jedem bitteren oder

beleidigten Gefühl freie Besprechung eines, wie es schien, für sie

interessanten und doch gleichgültigen Themas? Wer weiß.

Das Gespräch kam dann auf andere Dinge, indem sie fortwandelten und

Dolores ihren Waldblumenstrauß vollendete. Ruß war ein tüchtiger

Botaniker und wußte Dolores den Namen jedes Pflänzchens zu nennen, das

sie pflückte, und als sie eine kleine, wilde weißblühende Nelkenart

brach und dem Bouquet einfügte, sagte er erklärend: »Dies Blümchen

wird hier in dieser Gegend vom Volke ›Traumblume‹ genannt. Wer sie bei

Vollmondschein allein und im tiefsten Stillschweigen bricht und sie unter

sein Kopfkissen legt, der träumt, was er zu wissen wünscht und sonst

nicht erfahren kann.«

»Welch' wunderbarer Aberglauben lebt doch noch unter dem Volke,« bemerkte

Dolores sinnend; _ihr_ wundersamer Traum kam ihr plötzlich zu Sinne.

»Ja, und er wird auch noch lange leben, denn er hat seine unsterblichen

Traditionen, die übrigens oft viel Poesie bergen,« meinte Ruß.

»Glauben Sie an Träume?« fragte Dolores.

»Ich möchte darauf weder mit ja, noch mit nein antworten,« entgegnete

der Doktor nach einer Pause, »denn ich habe darüber noch nicht genügend

nachgedacht. Es kann nicht geleugnet werden, daß, während der Körper

schläft, die Seele wacht und weiter lebt. Was ihr begegnet, während wir

schlafen, nennen wir dann Traum. Andererseits aber macht der vom Körper

während des Schlafes unbeherrschte Geist tolle Ausschreitungen -- da sind

die unsinnigen Träume, die wir einander oft lachend erzählen. So erklärt

es wenigstens der Erbprinz von Nordland, der sich viel damit beschäftigt

und auch ein Werk über Seelen- und Traumleben schreibt. Natürlich wird

er ebensowenig in dieses große Mysterium der Natur eindringen können, als

viele vor ihm.«

»Ich fürcht' es auch,« sagte Dolores seufzend.

»Der Prinz ist nicht unbedeutend,« meinte Ruß, »nur das Thema, das er

sich vorgenommen hat auszuarbeiten, verleitet manche zu dem Glauben, er sei

es. Er steht mit bedeutenden Männern der Wissenschaft, Naturforschern

und Ärzten, in Verbindung und korrespondiert mit ihnen. Aber schließlich

giebt es ja doch Dinge, die für menschliche Weisheit zu hoch sind und zu

verhüllt, als daß der jede Schranke durchbrechende Blick der Kultur des

neunzehnten Jahrhunderts hineindringen könnte.«

Hier wurde Doktor Ruß sehr drastisch unterbrochen. Er und seine

Begleiterin waren bis zum Ausgange des Waldes gekommen, an welchem eine

Schmiede lehnte, die eine offene Werkstatt hatte, in der wiederum ein

mächtiges Feuer lohte. Vorn stand ein riesengroßer Mann, mager und

knochig wie der selige Don Quixote, und hielt eine Rosinante am Zügel,

die offenbar eben beschlagen worden und ihres Besitzers würdig war -- ein

hochbeiniger, starker Percheron mit struppigem Fell und struppiger Mähne,

mit primitivem Sattel und schlechtgeputztem Zaumzeug.

Das Roß, das für Roland den Riesen wie gemacht erschien, betrachtete

mit Interesse seinen Herrn, der in einer sehr großen und sehr

leeren grünseidnen Börse herumsuchte. Vor ihm stand der Schmied mit

aufgestreiften Ärmeln und ledernem Schurz, eine ebenso kraftvolle,

umfangreiche Gestalt, wie jener mager war, ein neues Hufeisen in der Hand.

»Gnädiger Herr, es ist nicht teuer,« sagte er höflich. »Ich könnte

mehr fordern, aber ich hab' nicht immer einen Kreidestrich dort an die

Thür gemacht, wenn ich das Pferd da beschlagen habe. Aber wie gesagt,

ich muß endlich mein Geld haben und will mit sechs Mark schon vorläufig

zufrieden sein.«

»Sechs Mark!« echote der Herr des Rosses entrüstet, daß sein gewichster

Bart sich förmlich in die Höhe sträubte. »Ich will auch Schmied

werden, wenn das Geschäft so viel einbringt. Da,« und er kramte ein

Fünfmarkstück in Silber aus seiner mageren Börse, »da hat Er fünf Mark

für sein elendes bißchen Eisen --«

»Mein Eisen ist so gut wie irgend eins,« erhob nun der Schmied seine

Stimme. »Ich muß sechs Mark haben.«

»Hier sind fünf Mark, damit Punktum,« schrie der andere, das

Fünfmarkstück wütend in die Werkstatt schleudernd.

Nun warf auch der Schmied sein Hufeisen hin und hob die Münze auf.

»Ist mein Eisen schlecht, so ist auch Ihr Silber schlecht,« sagte er

ingrimmig, und mit einem Ruck brach er die Münze mitten durch.

Der Herr zog seine Augenbrauen in heller Verwunderung in die Höhe, daß

sie fast unter seinem flachen, alten, schiefgesetzten Filzhut verschwanden,

aber nur für einen Moment, denn schon im nächsten Augenblick hatte er das

am Boden liegende Hufeisen ergriffen.

»Retourkutschen ziehen nicht,« schrie er, »sein Eisen ist schlecht!«

Und mit einer gewaltigen Anspannung seiner Muskeln brach er es mitten durch

und schleuderte die beiden Hälften triumphierend von sich. Dann schwang er

sich auf sein Roß und ritt hohnlachend davon.

Gerade als er die Waldecke passieren wollte, traten Doktor Ruß und

Dolores, welche die eben beschriebene Scene mit angesehen hatten, daraus

hervor. Der Percheron wurde pariert, und der schäbige Filz ward zum Gruß

von dem mit borstenartigem, kurzgeschnittenem schwarzen Haar bedeckten

Haupt abgenommen.

»Doktor Ruß? I sehn Sie 'mal an! Was machen Sie denn hier?«

»Einen Spaziergang, Herr Graf! Gestatten Sie, daß ich Sie der Freiin von

Falkner, jetzigen Lehnsherrin auf dem Falkenhofe vorstelle -- Graf Schinga,

liebe Dolores!«

Der dürre Riese beugte sich bis auf den Hals seines Pferdes herab.

»Furchtbar angenehm, Sie zu sehen, Baronin,« rief er, Dolores mit seinen

kleinen, blitzenden Augen musternd. »Schönes Wetter, was?«

»Sehr schön,« gestand sie lächelnd zu. --

»Wir haben eben Ihre Kraft bewundert, Herr Graf,« sagte Ruß. »Ein

Hufeisen zerbrechen, als sei es von Biskuit, das imponiert!«

»I, das ist nichts,« meinte Graf Schinga verächtlich, »der Kerl hat

mich nur provoziert, zerbricht mir mein schönes Fünfmarkstück mir nichts

dir nichts vor der Nase!«

»Und man sagt, unsere Zeit sei arm an starken Männern,« lächelte Ruß.

»Man möchte Sie August den Starken nennen, Graf.«

Der Genannte riß seine Augen weit auf, soweit es eben ging.

»I sehn Sie 'mal an, haben Sie den auch gekannt?« rief er erstaunt.

»Guter Kerl gewesen, August der Starke! War zehn Jahre Kellner bei Dingsda

in Berlin und dick wies Heidelberger Faß -- zur Gesundheit, Baronin!«

Dolores dankte wortlos, sie hatte ihr Taschentuch vor den Mund gepreßt

und unterdrückte nur mit Gewalt einen unwillkürlichen Ausbruch ihrer

Heiterkeit. Selbst Doktor Ruß hatte Mühe, über diese falsche Auffassung

seines historischen Citates ernst zu bleiben.

»War, offen gesagt, furchtbar neugierig, Sie zu sehen, Baronin,« fuhr

der Graf fort. »Daß es mir heute schon glückte, ist wirklich die

Möglichkeit! Na ich sage, Ihre Thronbesteigung hat ein höllisches

Geklatsche und Gepatsche verursacht! Hoffe, werden gute Nachbarn werden --

mein Gut, Arnsdorf, liegt ja im Triangel mit Falkenhof und Monrepos. Nette

Lage das. Wenn's Hoheit beliebt, auf Monrepos zu niesen, sagen wir in

Arnsdorf und Falkenhof: Zur Gesundheit.«

»Sollte _das_ gerade so angenehm sein?« fragte Dolores lachend.

»I nun, mich geniert's nicht,« meinte Graf Schinga. »Na also, auf gute

Nachbarschaft, Baronin! Meine Frau wird sich freuen, Sie zu sehen. Zeigen

Sie sich nur recht bald in Arnsdorf. Können dann zusammen reiten, habe,

wenn Sie wollen, famoses Pferd im Stalle, geht wie ein Schaf auf der

Weide --«

»Doch nicht ein Abkömmling _dieses_ edlen Galliers?« fragte Ruß

boshaft.

»Nein, schottische Rasse, lammfromm, prächtiges Maul und preiswürdig,

sage ich Ihnen!«

»Ich fürchte nur, die Baronin hat mehr Pferde auf dem Falkenhofe, als

sie, ohne Fuchsjagden zu geben, braucht,« wandte der Doktor ein.

»Na, dann nicht,« rief der Graf, »können sich die Sache ja ansehen. Ihr

Diener, Baronin, guten Morgen, Doktor Ruß. Na, vorwärts, Zeus, bist ein

gutes Vieh!«

Der Percheron setzte sich wiehernd in Trab, der Filz wurde aufgestülpt und

fort galoppierte Roß und Reiter.

Nun brach aber Dolores' unterdrückte Heiterkeit ohne Rückhalt los.

»Sagen Sie mir, wer ist dieses verkörperte Ideal eines Landjunkers, der

Hufeisen zerbricht und einen Percheron mit Namen ›Zeus‹ reitet?« rief

sie lachend.

Ruß stimmte in seiner leisen Art in ihre Heiterkeit ein.

»Ich sagte Ihnen schon, Graf Schinga ist Herr auf Arnsdorf und ebensogut

Ihr Nachbar als der Herzog von Nordland auf Monrepos,« erklärte er. »Er

ist übrigens ein Original, das man selbst auf den Parketts fürstlicher

Schlösser goutiert, und stellenweise von rückhaltloser Grobheit. Von

seinen Extravaganzen erzählt man Wunderdinge, verschuldet ist er so tief

als möglich, aber jeder Thaler, den er durch den Verkauf irgend eines

seiner Pferde, Kühe etc. verdient, wird sofort in Champagner vertrunken.

Daher bot er Ihnen, liebe Dolores, gleich seinen alten, steifbeinigen

Shetland-Pony an, den er seit Jahren vergeblich in eine Reihe Sektflaschen

zu verwandeln strebt. Daß, nebenbei gesagt, Münchhausen einer seiner

Ahnen war, ist an ihm nicht verloren -- er lügt wie gedruckt, glaubt aber

selbst seine eigenen Erfindungen aufs Wort, und das ist das beste daran.«

»Nun, und seine Frau?« fragte Dolores.

»Ist eine polnische Prinzessin, infolgedessen ist auf Schloß Arnsdorf die

Wirtschaft auch sehr polnisch. Man sieht sie selten oder nie, und über das

Verhältnis zwischen den Eheleuten kursieren haarsträubende Geschichten,

die ich indes nicht weiter verbreiten möchte, da ich nicht infolge eigenen

Anschauens berichten kann. Thatsache aber ist, daß die Gräfin auf einem

öffentlichen Balle in der Kreisstadt von ihrem Gemahl geohrfeigt wurde,

weil sie seiner Ansicht nach zu lange mit einem der Offiziere gesprochen

hatte.«

»Pfui, wie roh,« rief Dolores entrüstet.

»Nun, das soll einer der geringsten Liebesbeweise sein, die Schinga an

seine Gemahlin verschwendet,« erwiderte Ruß. »Ja, es giebt wunderliche

Menschenkinder, und mich wundert's nur, daß ein so schönes Mädchen, wie

Prinzeß Bradnitzka es war, einen Menschen von Schingas Qualität heiraten

konnte. Erklären Sie mir dieses Rätsel des Herzens, wenn Sie können --

glauben Sie, daß es aus Trotz geschehen konnte?«

»Vielleicht -- ich habe darüber noch nicht nachgedacht,« entgegnete

Dolores sinnend. »Aber ich muß gestehen, daß ich eigentlich neugierig

bin, die zweite Hälfte dieses Originals kennen zu lernen, um zu

entscheiden, ob sie die bessere ist.«

»Die schönere ist sie jedenfalls,« sagte Ruß leise lachend.

»Das ist nicht schwer,« schloß Dolores dieses Thema.

Als sie nach dem Falkenhofe zurückkehrte, wurde sie von der eben

angekommenen Tereza mit lebhaften Freudenbezeugungen empfangen. Tereza

begann sofort die mitgebrachten Koffer auszupacken und sich selbst als

erste Dienerin zu installieren, zum großen Verdruß der Dienerschaft,

denen die schwarze Haut der armen Tereza ein arger Stein des Anstoßes war.

Die Negerin strahlte vor Stolz, ihre geliebte Herrin hier gebieten zu

sehen, wo man sie früher nur geduldet hatte, und sagte ihr mit blitzenden

Augen:

»Hier bist du doch viel mehr Königin, als auf dem Theater, mein

Goldkind!«

Dolores lächelte dazu, aber es war kein Lächeln des befriedigten Stolzes,

es war eher wehmütig zu nennen, und es fuhr ihr durch den Sinn, als sei

sie als eine Priestern der Kunst glücklicher gewesen, als sie je hier

sein könnte -- --. Und doch war sie erst seit wenig Tagen Herrin auf dem

Falkenhofe!

Zur Dämmerzeit ging Dolores wieder hinüber nach dem Türmchen und

plauderte mit Engels. Sie saß am epheuumrankten Fenster und hatte die

schnurrende Ida auf dem Schoß. Knieper hatte sich auf dem Fensterbrett

niedergelassen und achtete eifersüchtig darauf, daß die Herrin ihre

Gunstbezeugungen gleichmäßig zwischen ihm und seiner Freundin verteilte.

»'s ist, als seien die vergangenen Jahre zurückgekehrt,« meinte Engels

behaglich.

»Nun, sehen Sie, daß ich die Alte geblieben bin?« scherzte Dolores.

»Ja, ja, mitunter erinnert ein Blick, ein Wort an die kleine Teufelin

von damals,« gestand Engels zu, »aber ich laß mir's nicht nehmen,

ein fremder Zug, ein Zug des Ernstes, der Melancholie fast, stiehlt sich

manchmal um Ihre Augen, Ihren Mund. O, ich beobachte scharf.«

»Das ist das Alter, lieber Engels.«

»O, Sie Baronin Methusalem von zweiundzwanzig Jahren!«

Dolores lachte, wurde aber gleich wieder ernst.

»Man kann, auch jung, seinen Jahren geistig voraneilen, das macht es,«

sagte sie. »Sehen Sie, lieber Engels, ich war von Kindheit an mir selbst

überlassen, und das lehrt denken. Ich habe vielleicht doppelt soviel

gedacht, als andere meines Alters, ich habe mich nie in Gesellschaft meiner

Gedanken einsam gefühlt, aber ich habe sie selbst klären müssen durch

eigene Erkenntnis, und da fällt manche Frucht von dem jungen Stamme,

die vor der Zeit gereift ist. Zum Glück hatte ich eine treue, ernste

und gottgeweihte Gefährtin -- die Kunst. Die lehrte mich arbeiten und

schaffen, und wer das kann, der mag sich glücklich preisen.«

»Die Kunst,« wiederholte Engels. »Ei ja, das ist recht gut und schön,

aber sie führt ihre Jünger auch auf glatten Boden:

Eines schickt sich nicht für alle,

Sehe jeder, wo er bleibe,

Sehe jeder, wie er's treibe,

Und wer steht, daß er nicht falle,

sagt Goethe.«

Dolores erhob stolz ihr schönes Haupt und sah Engels fest ins Auge.

»Gott gab mir neben der Kunst den Stolz mit, der ein Verirren unmöglich

macht,« sagte sie laut.

Als sie später nach dem Schloß zurückkehrte, traf sie mit Ruß im

Korridor zusammen.

»Hier,« sagte er und deutete auf einen in Pergament gebundenen Folianten,

den er unterm Arm trug, »hier ist der Band der Familienchronik, der

genaue und authentische Nachrichten giebt über die sogenannte ›böse

Freifrau‹. Aber es ist eine Tragödie der Sünde, die Sie da lesen

werden!«

Dolores dankte, nahm ihm den Band ab und trug denselben in das Turmzimmer.

Aber ehe sie zu lesen begann, holte sie das Medaillon mit den Miniaturen

und das Missale herbei, diese auf so seltsame Weise gefundene Dinge sollten

die Lektüre, die ihrer harrte, illustrieren, und wie sie sie aus ihrem

Verstecke nahm, da fiel ihr's ein, daß dies der rechte Ort sei, ihre

Juwelen zu bergen, und Tereza schob die bronzene Kassette hinein in die

Nische auf das Geheiß ihrer Herrin, die ihr auch das Geheimnis lehrte, die

Nische zu öffnen und zu schließen.

Dann kehrte sie nach dem Turmzimmer zurück und fand dort abermals den

Doktor vor mit einem ähnlichen Bande, wie den bereits gebrachten.

Er übergab ihr denselben feierlichst als den letzten Teil der Chronik des

Hauses Falkner, in den sie jetzt das Datum des Todes ihres Vorgängers im

Falkenhofe einzutragen und ihre eigene Autobiographie zu beginnen hatte,

die fortgeführt werden mußte, bis ihr Nachfolger die Reihe der Blätter,

die von ihr Kunde geben sollten, schloß. Dieser Band blieb von nun an

in ihrem Besitz, bis sie selbst den Ahnen des Hauses angehörte, und ein

goldener Schlüssel, der das Buch doppelt schloß, ward von nun an ihr

Eigen. So wollte es das Hausgesetz der Falkner seit alten Zeiten, und

drüben in der Bibliothek standen aufgereiht die Bände, die Kunde gaben,

oft in wunderlichen Schriftzügen von den Falkners, besser als Stammbäume

es können.

Dolores nahm diesen Band mit einem Gefühl der Ehrfurcht entgegen, denn

seine noch unbeschriebenen Blätter enthielten ja schon ihre Geschichte

bis zu dem Tage, da eine andere Hand wiederum das Datum ihres Todes darein

eintragen würde. Dabei legte sie das Missale und das Medaillon seitwärts

auf ihren Schreibtisch -- sie wollte vorläufig nicht davon sprechen,

ihren Fund nicht bekannt geben. Allein das scharfe Auge Ruß' entdeckte die

Gegenstände sogleich.

»Welch' köstliches altes Buch haben Sie da?« fragte er, und setzte

hinzu: »Verzeihen Sie einem Archäologen die zudringliche Frage!«

»Es ist ein Gebetbuch,« entgegnete Dolores kurz. »Ich zeige es Ihnen ein

andermal!«

Dagegen war nichts zu machen, und Ruß war zu klug, um seine Neugier sofort

befriedigen zu wollen. Er warf daher noch einen scharfen Blick auf das alte

Buch -- die Kapsel vermochte er schwer zu unterscheiden, wünschte Dolores

»Gute Nacht« und entfernte sich.

Als sie allein war, schlug sie den älteren Band der Chronik, den Ruß mit

einem Zeichen versehen hatte, an der betreffenden Seite auf. Links stand in

steifer, ungelenker Handschrift ein Todesdatum verzeichnet, rechts begann

dieselbe Handschrift weiter zu schreiben, und Dolores las wie folgt:

»Heut' am 15. des Mayen, =anno domini= 1618, zwo Tage nach dem Tode meines

Herrn Vatters trat ich, der Freyherr Ferdinand von Falkner, mein Erbe auf

dem Falkenhofe an. Gott gebe mir Seinen Segen dazu.

Die Beysetzung meines Herrn Vatters war fein und pomphafft, wie es sich

vor einen Falkner ziemt, und außer einer großen Menge frembder Damen

und Kavaliere waren von der Sippschaft gegenwärtig meine Frau Mutter,

die verwittibte Freyfrau, ich, der regierende Freyherr, mein Herr Bruder

Lupold, Kayserlicher Reuter-Hauptmann, mein Herr =oncle=, der Freyherr

Robert, und Maria Dolorosa, dessen wunderholtes Töchterlein, deren Frau

Mutter eine Hofjungfer der Königinn in Hispanien gewesen, dahero sie ihre

dunklen Augen hat, wohingegen ihr roth Gelock an ihre teutsche Abstammung

gemahnt. Ich sahe den Oheim wenig bis dato, sein Töchterlein nie, aber

mein Bruder scheint sehr bekannt mit ihnen von seinem Aufenthalt in Wien

her, allwo sein Regiment steht, allwo der Oheim wohnt und Maria

Dolorosa Hofjungfer ist bey der teutschen Kayserinn, von wegen der

Hispanisch-Habspurgischen Blutverwandtschaft.«

Diesem Bericht fügt der Schreiber eine genaue Beschreibung der Beisetzung

hinzu und fährt dann fort:

»_Am letzten May, dasselbe Jahr._ Wir alle von der Familie sind noch

beysamm, auf meine Bitt, dieweil ich mein Herz verloren an meine schöne

Bas. Darob freut sich meine Frau Mutter sehr, und sprach davon mit dem

Freyherrn Robert, und der verschwur sich hoch und teuer, keine andre als

sein Töchterlein solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Dazu sag' ich

Amen, denn ich schwur dasselbe schon vor ihm.

_Am Tage darauf._ Warum nur wollen Weiberherzen so schwer gewonnen werden?

Warum nur sprühen Funken aus den Augen der schönen Base, wenn ich ihr

süße Worte flüstere? Wohl, ich will um sie freien, langsam und trew, wie

sie es will.

_Mitte Junii._ Ich möchte schier verzweiffeln -- warum nur will meine

Werbung nicht fruchten?

_Am 20 Junii._ Heut' ward sie mir verlobt, aber sie sah finster dabey

drein. Warum? Ist doch eine schöne Sach', Herrin zu werden im Falkenhoff.

Und über vier Wochen ist die Hochzeit! Der Oheim will nicht die weite

Reise machen bis Wien, und Maria Dolorosa bleibt unter dem Schutze

meiner Mutter bis zum Hochzeittag. Und Lupold ward abgesandt, es der

Frau Kayserinn in der Hofburg zu melden, und ihre Erlaubniß zu holen zur

Vermählung auf daß die hohe Frau sie freigebe aus ihrem Dienst.

_Am 30 Junii._ Wir rüsten auf den frohen Tag. Wie ist mein Bräutchen so

schön -- es malt sie ein Herr Maler aus der Residenz im Brautgewand

und Jungfernkranz, ich meine, das Bild wird gar ähnlich. Der Maler ward

eigentlich beordert, mein Conterfey zu nehmen, aber sie ist doch ein

schöner Modell, und auch ein Hofmaler zu Wien soll sie gebannt haben auf

Elfenbein, und ich bat sie um das Bild. Da erröthete sie tief -- tiefer

als ich's je gesehen und sagte schnell, das Bild sei in Wien verblieben.

Und ihr Herr Vatter sagte, es sey eine =copia= davon genommen worden. Zum

Unglück ist die auch in Wien. Aber Lupold wird Alles mitbringen, was ihr

gehört, wenn er zur Hochzeitfeier zurückkehrt, da wird das Kapselbild auf

Elfenbein doch mein, denn das große kommt in den Ahnensaal.

_Am 19 Julii._ Es ist der Vorabend meiner Hochzeit, doch um mich hängt es

wie Trauerflöre und braust es wie rothes Blut, das wider mich zum Himmel

schreit. Wie soll ich's sagen, was geschehen? Ich muß es dem Blatt hier

anvertrauen, sonst find' ich nicht Kraft für den morgigen Tag. Heut' früh

kam er an, Lupold von Wien mit der Kayserinn Erlaubniß und Hochzeitsgabe

und einem Missale, schön in Samt und mit Goldklammern gebunden für Maria

Dolorosa. Und -- wie ich vor einer Stunde hinaus schritt zum Walde, da traf

ich sie an, meine Braut, in den Armen meines leiblichen Bruders. Und wie

ich zustürmte auf beide, da schrie er, daß er vermählt sei mit ihr

seit Monden, heimlich in Wien, gegen den Willen ihres Vatters, der sein

Töchterlein dem Manne nicht geben wolle, der nichts habe, als seinen

Degen, und sie weinte und sagte, ihr Vatter wolle sie zwingen mein zu

werden, obwohl er's ahne, wie es um sie und Lupold stehe, und daß sie

fliehen wollten heut Nacht --! Mich aber ergriff es im Liebeswahn für

die treulose, schöne Braut, und in dem Jähzorn gegen den falschen Bruder,

daß ich das Schwert zog und ihm zuschrie, er müsse sich vertheidigen,

wenn ihm sein Leben lieb sei -- -- und ich drang auf ihn ein -- -- und

ehe er sein Schwert ziehen konnte, lag er todt und blutend am Boden --

vor ihren Augen. Da ward sie furchtbar bleich und sagte nur das Wörtlein:

_Kain_. Und da brauste es vor meinen Ohren, und ich sagte ihr, jetzt sei

sie frei, und morgen wollte ich meines Bruders Wittib zum Weibe nehmen. Da

warf sie sich über ihn und schrie laut auf!

Ich weiß nicht, wie mir ist, aber um mich singt und klingt es wie des

Teufels Melodien und die Buchstaben tanzen vor meinen Augen -- und --

_Am 20 Julii_ Morgens. Der Oheim kam und sagte mir, er hätte den Leichnam

entdeckt gestern Abend und Maria Dolorosa bewußtlos neben ihm, er habe ihn

verhüllt mit Laub und Reisig, auf daß er erst gefunden werde, wenn Maria

Dolorosa mein Weib sei. Er wolle sie schon zwingen, es zu werden,

dann könne sie nicht zeugen wider mich, ihren Eheherrn. Zudem habe er

geschworen, sein Kind solle Herrin werden auf dem Falkenhof. Mir graute

vor dem Hehler wie mir vor dem Mörder graut, und mich schüttelt es wie im

Fieber und jedwedes Vögelein scheint mir das Wörtlein Kain zuzusingen. O

wie elend bin ich! Wie wird es enden?

_Fünf Stunden später._ Soeben ward sie mein Weib. Man zieht aus, meinen

Bruder zu suchen, den man seit gestern Abend vermißt. Keines ahnt,

wie nahe ihnen der Mörder ist, sie würden ihn sonst dem Hochgerichte

überliefern. Der Oheim will an einen Raub glauben machen, hat ihm

abgenommen, was er an Werth besaß und mir gegeben. Darunter eine Kapsel

mit sein und ihrem Bilde und dem Spruch:

Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet,

Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.

Es ist gelöst -- ich hab's gelöst und meines Bruders Wittib gefreit. Die

Kapsel habe ich aber vernichtet mit den anderen Dingen. Und ich liebe

sie doch, die schöne Falkin -- bleich wie der Tod stand sie neben mir

am Traualtare, mit seltsam auf mich geheftetem Blick -- -- still, man

kommt --«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hier endeten die Aufzeichnungen des unglücklichen Ferdinand. Auf der

nächsten Seite stand in festen, großen Schriftzügen:

»Am 20 Julii =anno domini= 1618 vermählte sich der Freyherr Ferdinand von

Falkner auf dem Falkenhofe mit seiner Base, der Freiin Maria Dolorosa von

Falkner, Hofjungfer der teutschen Kayserinn. Die Braut ward am selben Abend

vom Wahnsinn befallen und verwundete ihren Eheherrn im Brautgemach tödlich

mit einem hispanischen Stilet. In den Frühstunden des 21. Julii starb

er. Gott schenke seiner Seele das Paradies und gehe nicht in's Gericht mit

ihr.«

Weiter unten stand von derselben Hand geschrieben:

»Am selben Morgen fanden sie des Lupold Leiche: Keiner weiß, wer die That

gethan.«

Die folgende Seite trug oben die Inschrift:

»Heut' am Neujahrstage =anno domini= 1619 gebar die verwittibte Freyfrau

Maria Dolorosa von Falkner den Herren des Falkenhofes; Jost, Freyherr von

Falkner wird sein Name heißen. Sein Vormund bleibt der Freyherr Robert,

sein Großvater. Seiner Mutter Irrsinn ist nicht gewichen bis zur

gegenwärtigen Stunde.«

Unten stand: »Am 24 Junii, =a. d.= 1620 verschied sanft die Freyfrau

Maria Dolorosa zu einem besserm Leben. Sie war meine geliebte Tochter. Ich

schwöre, sie that die That im Irrsinn, und ich habe sie dazu getrieben.

Mir bricht das Herz in Reue, denn ihr umnachteter Geist hinderte sie, mir

zu vergeben! Wollte Gott, ihr Sohn fände besseres Loos, als Lupold, sein

Vater, und möchte nimmer lernen mir zu fluchen oder an seiner Mutter

Schuld zu glauben -- sie that es im Wahnsinn, so wahr ein Gott im Himmel

lebt. Robert Freiherr von Falkner.«

Unter diesen Zeilen standen folgende Worte:

»Der Großvater fiel bei Lützen. Er ruhe in Frieden, -- ich wills

versuchen ihm zu vergeben, was er an seinem eignen Kind gethan. Meiner

Mutter kann keine Schuld beigemessen werden, denn man rechnet nicht mit

denen, deren Geist umnachtet ist, aber ich kann's nicht hindern, daß das

Volk sie als meines _Vaters_ (für den sie den Freiherrn Ferdinand halten)

Mörderin bezeichnet. Ich weiß es nun besser, aber das Herz ist mir fast

gebrochen an der Erkenntniß.

»Am Tage, da ich zuerst diese Blätter gelesen, am 1 Junius 1644, dem

Tage meiner Volljährigkeit. Jost, Freyherr von Falkner.«

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Das war der Epilog zu der Tragödie, die hier verzeichnet und zwischen den

Zeilen zu lesen stand, und erschüttert beugte Dolores ihr Haupt vor den

Leiden der schmerzensreichen Ahnfrau, die schuldig und doch unschuldig war.

Die Chronik sprach von der Vernichtung der Kapsel des unseligen Lupold

-- diese vor ihr mußte also der armen Maria Dolorosa gehört haben.

Tiefbewegt sah Dolores auf das liebliche Bild herab, das ihr so sehr glich,

und dachte, wie seltsam es sei, daß sie eine spanische Mutter gehabt,

wie jene, daß sie denselben Namen trage! Dann las sie noch einmal die

Prophezeiung, die jene am Abend vor ihrem Tode niedergeschrieben, als der

Wahnsinn von ihr wich für eine kurze Frist, und wieder fragte sie sich,

ob sie dazu ersehen sei, die Erlöserin zu werden, nach der die Seele der

Unglücklichen begehrte? Und doch, wie sollte es geschehen? Die Worte waren

so voll von verborgenem Sinn, bis auf die ersten vier Zeilen:

Wenn sich die Bas' dem Vetter soll vermählen,

Wird sich der Falk ein dauernd Nestlein wählen.

Kann sich das Edelfalkenpaar nicht finden,

So wird ihr Stamm erlöschen und verschwinden. --

War sie und Alfred Falkner dazu berufen, dies »Edelfalkenpaar« zu sein?

Es schoß ihr glühend heiß vom Herzen empor und unmutig schloß sie

Kapsel und Bücher.

»Thorheiten,« sagte sie leise. »Das kommt davon, wenn man nachts

allein in einem alten Schlosse Familien-Schauergeschichten liest und

Prophezeiungen. Wo blieb mein klares, ruhiges Denken? Ich habe geträumt,

ein Zufall ließ mich das Buch der armen Wahnsinnigen finden, ein Zufall

stimmte es zusammen mit der Familiengeschichte vergangener Zeiten --

=voilà tout!=« --

Sie nahm Kapsel und Missale, denn die wollte sie bewahren, wo sie sie

gefunden, ergriff den Leuchter und schickte sich an, das Zimmer zu

verlassen, als ein leises Geräusch, wie eine ins Schloß fallende Thür

sie erschreckte -- es kam vom Kamin her, dessen war sie sicher. Ruhig legte

sie nieder, was sie trug, und durchsuchte sorgfältig den Kamin, und da

sich hier nichts fand, auch das übrige Zimmer; dabei durchfuhr es

sie, daß dasselbe wohl in Verbindung stehen müsse mit dem nördlichen

Schloßflügel, doch es fand sich nichts, was diese Vermutung bestätigen

konnte. »Ramo mag danach forschen,« dachte sie. »Wie nervös bin ich

doch geworden als Schloßfrau vom Falkenhofe!«

* * * * *

In dem rosenumdufteten, lindenumrauschten Schlößchen Monrepos waren seit

einigen Tagen die Jalousien geöffnet, die Rouleaux in die Höhe gezogen

und der frischen warmen Maienluft gestattet worden, frei einzutreten in die

Rokokoräume dieses, wie ein Schmuckkästchen ausgestatteten =buen retiro=

eines regierenden Fürsten, der sich hier die schönsten Sommermonate

hindurch zwanglos ausruhte von den Regierungsgeschäften, die er nicht

hatte, da das Reich, unter dessen Oberhoheit er stand, ihm dieselben

freundlichst abnahm, und nur seine Unterschriften erbat. Doch Urkunden

unterzeichnen, Orden verleihen, Cour abhalten und Hofbälle geben sind

Arbeiten, die schließlich eine Erholung nötig machen, und Se. Hoheit der

Fürst Leopold war ein leidenschaftlicher Rosenzüchter. Dieser Liebhaberei

konnte er während des Winteraufenthaltes in der Residenz nur durch die

Pflege von Topfrosen frönen -- das war zwar immerhin etwas, aber

doch wenig genug. Hier in Monrepos dagegen durfte Hoheit im leichten

Leinenröckchen und einen großen Panamapflanzerhut auf dem Haupt ungeniert

unter seinen Lieblingen stehen, okulierend, schneidend, aufbindend und die

Raupen hinwegputzend, glücklich in seiner Beschäftigung, ohne über die

Launen des Schicksals zu philosophieren, das den einen zum Fürsten macht,

der eher zum Gärtner getaugt hätte, und umgekehrt.

Gestern Abend erst war die fürstliche Familie auf Monrepos angelangt, und

heut' früh schon stand der Herzog und begann seine Rosen in Ordnung zu

bringen, die lange, hagere Gestalt im einfachsten Sommeranzug von rohem

Leinenzeug, das faltige, glattrasierte Antlitz freundlich lächelnd, oder

leise eine moderne Operettenmelodie pfeifend.

Auf der Terrasse vor dem Gartensalon, im kühlen Schatten saß die übrige

herzogliche Familie, bestehend aus dem Erbprinzen und seinen Schwestern,

denn die Herzogin war seit Jahren tot und hatte sterbend an ihren Platz,

d. h. den der repräsentierenden, die Würde und Etikette des Hofes,

ihres Haushaltes, aufrecht erhaltenden Hausfrau und Fürstin ihre älteste

Tochter gestellt; »denn Höfe, denen der weibliche Zügel fehlt, geraten

leicht auf abschüssige Bahn,« pflegte sie zu sagen. Aber sie that

nicht nur das allein, sondern empfahl ihrer Tochter auch das Wohl ihrer

Geschwister, das versöhnende, belebende, immer fester knüpfende Prinzip

zu sein zwischen dem Herzog und seinen Kindern, zwischen dem Hof, dem Adel

und dem Volke.

Wie die Tochter dies Vermächtnis erfüllt, wußte man allerorten zu

rühmen. Sie war dem Vater die treueste Gefährtin und beste Ratgeberin,

sie war den Geschwistern alles und ließ sie doch nichts anderes empfinden,

als schwesterliche Liebe, sie vermittelte des Erbprinzen Wünsche und

dämmte sie ein, wenn's nötig war, sie stand dem Hofe vor als Hausfrau,

sie zog zu ihm heran, was bedeutend und gut war, sie stieg hinab in die

Hütten der Armut und überzeugte sich selbst, wo Hilfe not that. Dafür

liebte und verehrte man auch die Prinzessin Alexandra in allen Kreisen,

und mancher Bewerber um die Hand der Fürstentochter, die so seltene

Eigenschaften besaß, war schon erschienen, aber sie hatte keine derselben

angenommen, denn sie meinte, damit hätte es Zeit, bis der Erbprinz

vermählt und versorgt sei.

Heut' saß sie auf der schattigen Terrasse, das Skizzenbuch vor sich

auf dem Tische, und zeichnete, denn sie verdiente wohl den Namen einer

Künstlerin auf dem Felde der Malerei, der ihre ganze Neigung gehörte.

Ihre imposante Gestalt umfloß weich eine lose, spitzenüberrieselte

Morgenrobe von mattschimmernder, roher chinesischer Seide, ein kleines

englisches Spitzenhäubchen verhüllte halb das dunkle Haar und kleidete

den bedeutenden Kopf mit den regelmäßigen, ruhigen Zügen recht anmutig.

Prinzeß Alexandra zählte jetzt siebenundzwanzig Jahre, sie stand mithin

auf der Grenze reifer Jugend, in welcher andere Fürstentöchter längst

vermählt sind oder sein sollten. Sie wußte das, aber sie wußte auch,

daß ihr daheim ein Feld der Wirksamkeit beschieden war, das sie ausfüllte

und nicht, ohne es zu schädigen, verlassen konnte -- wenigstens so lange

nicht, bis ihre anderen Geschwister versorgt waren, und nicht mehr ihrer

oft benötigten Oberhoheit bedurften.

Ihr zunächst saß der Erbprinz, ein junger Mann von fünfundzwanzig

Jahren, von hoher schlanker Gestalt mit feinem, länglichem, blassem

Antlitz und leichtem Bärtchen auf der Oberlippe. Er hielt ein Buch in der

Hand und strich von Zeit zu Zeit mit goldenem Crayon ganze Sätze darin an.

Ihm gegenüber saß Prinzeß Eleonore, gewöhnlich Lolo genannt, ein

kleines, elfenhaftes Geschöpfchen von achtzehn Jahren, rosig wie ein

halb erschlossenes Moosröschen mit farblosem Flachshaar und gefährlichen

Vergißmeinnichtaugen, mit feinem =retroussé=-Näschen und winzigem,

süßem, zum Lachen geschaffenem Mündchen, kurz, das verzogene =enfant

gâtée= des Hofes und aller Welt. Sie schaukelte sanft ihre zierliche

Gestalt im lichtblauen Negligé im Schaukelstuhl hin und her und

balancierte ein lichtblaues Pantöffelchen mit roten Talons auf der

vorgestreckten rechten Fußspitze, dem Spiel ihre ganze Aufmerksamkeit

widmend.

Plötzlich beugte sie sich herab, ergriff den Pantoffel und warf ihn über

den Tisch hinüber, direkt auf das Buch, in dem der Erbprinz las.

»Bei allen Rosen Papas, was seid ihr beide heut' langweilig,« rief sie

dabei.

»Lolo!« fuhr der Erbprinz auf und schleuderte den Pantoffel vor die

Füße seiner Schwester. »Was sind das wieder für unziemliche Späße!«

Die kleine Prinzeß verzog ein wenig das Mäulchen.

»Warum bist du auch so langweilig,« klagte sie, »warum mußten wir

überhaupt hierher gehen, uns zu langweilen --«

»O, das ist nur auf deiner Seite, Kind,« sagte Prinzeß Alexandra ruhig.

»Papa, Emil und ich, wir sind so glücklich hier in unserer Ruhe, unseren

liebsten Beschäftigungen, in denen kein Zwang uns stört. Möchtest du dir

nicht auch solch' eine Lieblingsbeschäftigung suchen, liebe Lolo?«

»Die sie haben möchte, findet sie nicht hier,« grollte Prinz Emil, nicht

ohne Bezug.

»Nun?« Prinzeß Alexandra sah fragend auf.

»Mit aller Welt zu kokettieren,« ergänzte der Erbprinz.

»Emil!« sagte die älteste Schwester ernst und vorwurfsvoll, indes die

Jüngste wie eine Rose erglühte und mit ihrem Pantoffel Ball zu spielen

begann.

Der Prinz legte sein Buch auf den Tisch und kreuzte die Arme.

»Ich weiß, was ich sage,« rief er, »und ich will es auch verantworten,

es hat mich oft genug empört, dieses ewige Blicke werfen, dies Lächeln

und bezeichnende Fächerspiel.«

»Bist du fertig?« fragte die kleine Prinzeß spöttisch, als ihr Bruder

schwieg.

»Mein Gott, Emil, wie meinst du das alles?« rief Prinzeß Alexandra

beunruhigt.

»Ihr waret so sehr erstaunt, daß ich auf die Versetzung des Leutnants von

Fels drang,« fuhr der Erbprinz heftiger fort, »wohl, es geschah, weil ich

den armen jungen Menschen, der bis über die Ohren in Lolo verliebt war,

vor schweren Enttäuschungen bewahren wollte. Sie, die Prinzessin von

Nordland hätte ihm zeigen _müssen_, daß seine Hoffnungen vermessen

waren, aber statt dessen ermutigte sie ihn fortwährend. Das war schlecht

von dir, und unwürdig deines Ranges!«

Prinzeß Lolo war jetzt etwas blässer geworden und schlug mit ihrem

Pantoffel einen Marsch am Tischrande.

»Fels ist das reine Baby an Verstand,« sagte sie wegwerfend. »Er fahre

hin!«

»Mit tief verwundetem Herzen,« grollte der Erbprinz.

»O, Unsinn,« rief Prinzeß Lolo leicht. »Die Männer trösten sich so

schnell!«

»Dürfte ich fragen, von wannen diese achtzehnjährige Ansicht kommt?«

Aus den süßen Vergißmeinnichtaugen der Kleinen schoß jetzt ein scharfer

Strahl, sie antwortete aber nicht.

»Lolo, wenn du wüßtest, wie sehr mich das betrübt,« sagte Prinzeß

Alexandra leise, die Schwester mit traurigem Blicke messend.

»Um Gottes willen, keine Lektion! Das fehlte noch in diesem

weltvergessenen Winkel,« rief Prinzeß Lolo, indem sie aufsprang und sich

beide Ohren zuhielt. »Ich möchte wissen, wie es _euch_ gefallen würde,

dieses ewige Hofmeistern! Glaubt ihr, daß es mir Spaß macht? Die Ehre,

eine Prinzessin von Nordland zu sein, ist sehr langweilig, soviel weiß

ich, und ich werde mich nächstens dafür bedanken!«

Mit diesen Worten streifte sie ihren Pantoffel auf den Fuß und sprang die

Treppen der Terrasse hinab, dem Rosenrondel zu, an dem der Herzog schaffte.

»Sie ist meinem Einfluß entwachsen,« sagte Alexandra traurig. »Ich habe

sie gehütet und gepflegt und die bösen Triebe zu entfernen gesucht,

wie Papa es mit seinen Rosen thut! Sie war ja immer eigenwillig, aber sie

fügte sich doch -- das aber war offene Rebellion!«

»Und in zwei Jahren ist ihre Ausbildung zur Erzkoketten vollendet,« rief

der Erbprinz.

»Emil, du bist zu hart,« sagte die Prinzeß mit leisem Vorwurf.

»Bedenke, sie ist unsere Schwester, und noch so jung -- ein Kind!«

»Eben dafür sind ihre geselligen Anfänge aller Ehren wert. Bedenke nur,

liebe Sascha, sie hat im vergangenen Winter ihr erstes Auftreten in der

Welt gemacht; sie hat, was bei ihrem Liebreiz und ihrer =beauté du diable=

sehr natürlich ist, enorm gefallen, sie hat Epoche gemacht an unserem

Hofe, und alles verwöhnt sie. Dieses süße Gift hat seine Wirkung auf

sie nicht verfehlt, sie weiß sich angebetet, sie fühlt sich souverän und

frei von unserem Einfluß, und ihre bessere Einsicht muß zurücktreten.«

»Wie aber kann da geholfen werden?« rief Prinzeß Alexandra bekümmert.

»Man muß Lolo vermählen -- ich sehe kein anderes Mittel! Einem Manne

vermählen, der es versteht, sie zu leiten und ihren Eitelkeitsrausch zu

dämpfen. Natürlich bleibt bei allen Chancen noch die Furcht, daß

ihre Ehe eine unglückliche ist. Sie müßte denn ihren Gemahl wahrhaft

lieben!«

»Lieben!« wiederholte die Prinzeß, »ach, dann sind unsere Aussichten

traurig, denn wo finden wir armen Fürstentöchter Liebe bei uns

Ebenbürtigen. Die Liebe führt bei uns den modernen Namen Konvenienz.«

»Dann ist es unsere Pflicht, Lolo so zu lieben, daß ihr gestattet sein

muß, sich dem Manne ihrer Wahl zu vermählen,« sagte der Erbprinz fein,

und dabei leuchtete es in seinem Antlitz gar freundlich auf.

»Eine Mesalliance?« Prinzeß Alexandra war etwas blaß geworden. »Emil,

du weißt, wie sehr ich dagegen bin, nicht aus Hochmut oder Vorurteil,

sondern weil es nicht gut thut, wenn Menschen aus dem Stande, in dem sie

geboren und erzogen wurden, heraustreten. Die Prinzipien, in denen sie

aufgewachsen, lassen sich nicht ausreißen, wie man eine Pflanze dem

Erdreich entreißt, sie brechen früher oder später doch da durch, wo sie

eine tiefe, mitunter unüberbrückbare Kluft reißen.«

»Sehr richtig, liebe Schwester, für den Fall, daß ein Fürstenkind in

kleinbürgerliche Verhältnisse gerät. Aber Lolo könnte ja einen Edelmann

wählen!«

»O, Emil, laß mich das alles erst überdenken! Wenn du wüßtest, in

welches Dilemma ich hier geraten bin -- und wer kann mir sagen, wie ich

recht handle als Schwester an Mutterstatt! Ich baue noch auf Lolos Jugend

-- ihr Charakter ist noch ungeformt --«

»Aber ungeformt ist der weiche Stoff schon erhärtet von dem süßen Gift

der Bewunderung! Das hat einen festen Panzer gelegt um das junge Herz,

an dem gleiten unsere Bemühungen ab, besonders, da Lolo eine wirklich

gefährliche Anlage hat, eine Kokette zu werden. Und ich muß gestehen, ich

fürchte für sie, wenn unsere diesjährigen Sommergäste kommen und sie in

dieser Zurückgezogenheit keine andere Gelegenheit hat, ihren Zauber wirken

zu lassen!«

»Es kommen Baron Falkner und Herr Keppler« -- sagte die Prinzeß

nachdenkend.

»O,« meinte der Prinz, »was Falkner betrifft, so ist er nicht der Mann,

sich davon fangen zu lassen, in dieser Beziehung können wir ruhig

sein. Aber Keppler ist ein interessanter Mensch in den besten Jahren,

empfänglich für alles Schöne, besonders, wenn er berufen ist, dieses

Schöne zu malen. Wir müssen eben acht geben, um im nötigen Moment

einzugreifen!«

Hier wurden die Geschwister unterbrochen, denn der Kammerdiener des Herzogs

brachte auf einer silbernen Platte die eingelaufenen Briefe und Zeitungen,

und der alte Herr nahte sich deshalb der Terrasse, am Arm seine jüngste

Tochter, die ihm vorplauderte und vorlachte, daß das faltige Antlitz

dieses Souveräns =en miniature= zu strahlen begann.

»Gott sei Dank, daß wir wieder auf dem Lande sind,« rief er vergnügt,

indem er die Briefe zu sortieren begann.

»Ich finde es in der Stadt amüsanter,« sagte die kleine Prinzeß

seufzend.

»Warum nicht gar,« ereiferte sich der Herzog, »du sprichst, wie ein

Blinder von der Farbe, Lolo! Ich möchte wissen, was hübscher ist,

Monrepos oder das große Residenzschloß, in dem ein paar Regimenter Platz

zum Wohnen hätten, he? Ich liebe Monrepos jedes Jahr mehr und sehe schon

den Moment kommen, wenn ich es ganz bewohnen und die Regierung niederlegen

werde --«

»Um Gottes willen, Papa --!« rief der Erbprinz erschrocken, aber

Prinzeß Alexandra lächelte.

»O, es ist nicht so ernst gemeint,« sagte sie, indes Prinzeß Lolo mit

weit vor Erstaunen offnen Augen dastand.

»So, woher will das meine Hausfrau so genau wissen?« meinte der Herzog

freundlich. »Kinder, ich sage euch, die Natur hat sich geirrt, indem sie

mich zum Herrscher machte -- ich bin Landwirt, das heißt Gärtner mit Leib

und Seele! Aber Scherz beiseite, Emil, du mußt anfangen, dich mehr

mit Regierungsgeschäften vertraut zu machen -- es ist mein Wille, mein

Wunsch!«

Der Erbprinz verbeugte sich.

»Wie Eure Hoheit befehlen!«

»Nun, nun,« meinte der Herzog, seinen Sohn auf die Schulter klopfend,

»ich spreche nicht als Herzog, sondern als Vater, und ich will nicht, daß

du im geeigneten Momente als Ignorant auftrittst, sondern selbständig zu

handeln weißt mit Würde und Takt, denn wir Fürsten kleiner Staaten

haben heutzutage einen schwierigen Stand, und du sollst die Souveränität

unseres Hauses so lange als möglich bewahren.«

»Hoffentlich bist du noch recht lange dazu berufen, lieber Vater,«

entgegnete Prinz Emil herzlich, aber der alte Herr zuckte mit den Achseln.

»=Chi lo sa!=« meinte er. »Ich verspüre längst Abdikationsgelüste,

und je schöner die Sonne scheint, und je schöner die Rosen blühen, desto

lieber vertauschte ich die Krone mit einem Gärtnerhute. Sieh' nicht so

perplex aus, Emil, einmal mußt du doch dran!«

»=Cela s'arrangera plus tard!=« rief Prinzeß Alexandra, ihre

Überraschung mit den sich daran knüpfenden Sorgen unter einem heitern

Ton verbergend, denn so bestimmt hatte der Herzog noch nie dieses Thema

verfolgt. »Einstweilen wollen wir hier recht vergnügt sein und uns der

schönen, freien Sommertage freuen!«

»Ich wollte, sie wären vergangen,« trällerte Prinzeß Lolo.

Jetzt sah der Herzog ernst auf.

»Wenn dir der Aufenthalt hier unangenehm ist, so will ich dich zu meiner

Schwester, der Fürstin Äbtissin ins Stift schicken,« sagte er, »da hast

du fünfzig Stiftsdamen zur Unterhaltung!«

Die kleine Prinzeß wurde ganz blaß vor Schreck.

»Um des Himmels willen, Papa, das wäre entsetzlich,« rief sie halb

weinend. »Die ernste, alte Tante und die uralten Damen alle! --

Nein, nein, da wäre es schöner, allein in der Lüneburger Haide zu

wohnen --!«

»Du hast die Wahl zwischen Monrepos und dem Stift,« entgegnete der Herzog

trocken.

»Ich wähle Monrepos,« rief das Prinzeßchen, wieder lachend, »es lebe

Monrepos! Ach, Sascha, ich beneide dich nicht um die glänzende Aussicht,

Äbtissin zu Tannenburg zu werden!«

»Und wenn Sascha sich vermählt, und du nicht, so wirst du's,« warf der

Erbprinz ein, aber Lolo schüttelte indigniert das blonde Köpfchen.

»Ich mich nicht vermählen! Daran ist doch gar nicht zu denken,« meinte

sie.

»Es ist nur gut, daß du deiner Sache so sicher bist,« erwiderte der

Erbprinz sarkastisch.

»Ich weiß nicht, was du gegen Monrepos hast,« nahm der Herzog das vorige

Thema wieder auf. »Daß es einsam ist, macht es mir und Sascha und Emil

gerade wert! Warum suchst du keine Beschäftigung, wie wir? Du hast so viel

Anlage für Musik, aber wenn du ein paar Bravourstücke auf dem Flügel

heruntergerast hast, bist du schon fertig. Warum machst du dich nicht mit

den klassischen Meistern vertraut?« Prinzeß Lolo verzog das Mäulchen.

»Ah, die sind so langweilig, Papa!«

»Kind, du _mußt_ versuchen, weniger oberflächlich zu sein,« sagte

der Herzog ernst. »Studiere und übe die Musik, sie wird dir in allen

Lebenslagen die treueste Freundin sein und bleiben. Denke, wie öde und

einsam dein Leben mitten im Strudel der Geselligkeit sein würde, hättest

du nichts, was deine stillen Stunden verschönte!«

»Ja, aber ich kann doch nicht den ganzen Tag üben, Papa!« rief Prinzeß

Lolo weinerlich wie ein Kind.

Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band. · 第 9 / 13 题