»Nein, das sollst du auch nicht, du magst dann spazieren gehen -- apropos,

Sascha, möchten wir nicht bei der Baronin Falkner anfragen wegen der

Benutzung des Parkes? Die Erlaubnis des verstorbenen Besitzers können wir

doch nicht stillschweigend weiter in Kraft lassen!«

»Nein, Papa, ich werde es arrangieren!« entgegnete Prinzeß Alexandra.

»Aber ich denke, wir unterlassen es vorläufig noch, in Verkehr mit der

Baronin zu treten, bis wir wissen, ob derselbe für uns paßt!«

»Hm, wird sich wohl, da Falkner uns besucht und seine Mutter im Falkenhof

wohnt, kaum vermeiden lassen,« meinte der Herzog.

»Vielleicht ist die neue Schloßherrin selbst so taktvoll, auf diesen

Verkehr zu renoncieren,« rief Lolo altklug.

»Jedenfalls muß ja eine Aufforderung dazu von uns ausgehen,« entschied

Alexandra, »Falkner ist vernünftig und wird es uns nicht verübeln, wenn

wir ihm vertraulich sagen, was uns vom Falkenhof scheidet, das heißt von

seiner jetzigen Herrin.«

»Nun gut,« warf der Erbprinz ein, »dann aber müssen wir nicht um die

Erlaubnis bitten, in ihrem Park spazieren gehen zu dürfen. Eins oder das

andere, Sascha!«

»Emil hat recht,« sagte der Herzog, »es wäre taktlos, die Besitzerin

zu ignorieren, wenn wir ihren Park benutzen wollen. Stehen wir also davon

ab!«

»Wie schade,« rief Lolo schmollend. »Monrepos ist nichts ohne den

Falkenhofer Park!«

»Es wäre freilich schade, wenn er uns verschlossen bliebe,« meinte der

Erbprinz, »aber ich denke, es ließe sich trefflich arrangieren, wenn

z. B. Sascha eines ihrer kleinen netten Briefchen an die Baronin schriebe,

sie aufforderte uns zu besuchen etc. etc. --«

»Wo denkst du hin, Emil,« rief die kleine Prinzeß entsetzt, »eine

Komödiantin -- --«

»Die Baronin Falkner ist eine große Künstlerin,« erwiderte der Erbprinz

sehr ruhig, »der Unterschied zwischen dir und ihr ist der, daß _sie_

Prinzessinnen mit hoher Würde spielt, während du dir für die glatten

Bretter des Hofparketts, die ja auch die Welt bedeuten, die Rolle des

naiven Backfisches gewählt hast.«

»Das ist bei uns so Sitte,

=Chacun à son goût=,«

trällerte Prinzeß Lolo und warf ihrem Bruder eine Hand voll Blumen ins

Gesicht.

»Deine Beweise sind sehr -- treffend,« sagte er schneidend. »Ich glaube

nun auch, daß du auf musikalischem Gebiet mit Baronin Falkner keine

Rivalität zu fürchten brauchst, denn sie singt die leichtgeschürzten

Weisen der ›Fledermaus‹ nicht!«

Jetzt hielt sich der Herzog beide Ohren zu.

»Kinder, sagt euch keine Sottisen,« rief er kläglich, »das fehlte mir

noch -- ich will Ruhe haben.« Er raffte seine Briefe zusammen und steckte

sie in seine Rocktasche. »Macht was ihr wollt, in betreff des Parkes --

das Passendste wäre, wenn Emil der Baronin einen Besuch machte, in

meinem und unserer aller Namen, und zwar ehe Falkner kommt. Das wäre

eine Höflichkeit gegen unseren Gast und zugleich die, welche wir unseren

Nachbarn schuldig sind. Das ist meine Ansicht, aber wie gesagt, macht was

ihr wollt, Kinder!«

Mit diesen Worten entfernte sich Se. Hoheit schleunigst.

Auf Prinzeß Alexandras Bitten verzögerte aber der Erbprinz noch

den vorgeschlagenen Besuch -- sie wünschte erst eine persönliche

Zusammenkunft am dritten Orte mit der Herrin des Falkenhofes, und dieser

Wunsch wurde schließlich respektiert.

Noch am selben Vormittage stellten sich der Graf und die Gräfin Schinga

zum schuldigen Besuch ihrer hohen Nachbarn auf Monrepos ein -- man sprach

die Falkenhofer Angelegenheit noch einmal durch und hielt Arnsdorf für

eine erste Begegnung für den passendsten Ort, sobald die Baronin Falkner

daselbst ihren Besuch gemacht.

Wenige Tage später kamen Richard Keppler und Alfred Falkner in Monrepos an

-- sie sollten neben der Hofdame Fräulein von Drusen und dem

Kammerherrn Baron Desing die einzigen fremden Elemente in dem zwanglosen

Landaufenthalte der herzoglichen Familie sein, und auch dies nur zum Teil,

da der Legationsrat als specieller Freund des Erbprinzen auch dem intimen

Freundeskreise der Familie angehörte, und seine trefflichen Eigenschaften,

wie sein hoher Verstand besonders von Prinzeß Alexandra geschätzt wurden

und diese Schätzung auf Gegenseitigkeit beruhte.

Falkner sah die Prinzessin Eleonore zum erstenmal seit ihrer Einführung

in die Welt -- selten nur war ihm im kleinen Kreise bei ihrer ältesten

Schwester die »Kleine« begegnet, und er hatte ihrer nicht sonderlich

geachtet. Jetzt trat ihm ihre Elfenerscheinung doppelt überraschend

entgegen, und er sagte sich, daß ihm früher eine solche junge, rosige

Mädchenblüte hätte gefährlich werden können, denn »früher« war eine

solche, gerade in dem Genre der kleinen Prinzessin, sein Ideal gewesen.

Aber wie er das bedachte, mußte er lächeln und dann sich selbst zürnen

-- denn dieses »früher« war nur wenig Monde alt, und er hatte nie

gedacht, daß ein bleicher, edler Kopf mit rotem Haar ihm gefährlich

werden könnte. Und nun gar gefährlich! Hatte er diese Gefahr nicht

zurückgewiesen, wollte er ihr jetzt nicht dreist unter die Augen treten?

Er hätte im Zorn gegen sich selbst und sein rebellisch Herz wüten

können, denn wo blieben seine Prinzipien, wenn er diesem Herzen nachgab?

In diesem Kampfe bemühte er sich, Prinzeß Lolo so reizend zu finden als

irgend möglich und in ihrer Erscheinung alles das zu sehen, was ihm sonst

Ideal gewesen, und das hätte ihm ja so schön gelingen können, wenn nicht

die berauschende Erscheinung der Satanella immer und immer zwischen sein

geistiges Auge und andere Frauengestalten getreten wäre.

Als er sich am Tage nach seiner Ankunft auf Monrepos nach dem Falkenhofe

zu gehen anschickte, um daselbst seine Mutter zu begrüßen, stand der

Entschluß in ihm fest, eine Begegnung mit Dolores, selbst auf Kosten der

Höflichkeit zu vermeiden. Bereits an der Grenzscheide der Nachbargüter

stehend, holte ihn Keppler ein.

»Sie gehen nach dem Falkenhofe?«

»Ja.«

»Dann gestatten Sir mir, mich Ihnen anschließen zu dürfen -- ich will

der Baronin Dolores meinen Besuch machen.«

»Bitte!« -- Falkner sagte es sehr kurz und unangenehm berührt --

die Scene im Atelier damals fiel ihm ein, und ein sonderbares Gefühl

beherrschte wieder sein Empfinden -- die Eifersucht. Er wußte, daß er

dazu kein Recht und vielleicht auch keine Berechtigung hatte, aber wer kann

für sein Empfinden?

»Erwartet die Herrin vom Falkenhof Ihren Besuch?« fragte er.

Keppler schüttelte mit dem Kopfe.

»Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß ich ihr so nahe bin,«

sagte er, »und ich weiß nicht, ob ich ihr willkommen sein werde. Doch

gleichviel --«

Er brach kurz ab, und der scharfe Blick Falkners sah es seltsam arbeiten in

des Malers markigen Zügen.

Und er hatte diesen Mann einst auf den Knieen vor dem rothaarigen Mädchen

drüben liegen sehen -- und das Blut stieg ihm zu Kopfe in dem Gedanken

daran.

Schweigend schritten sie dahin durch den schattigen Park, der, kühl,

selbst in der Mittagsstunde einen wonnigen Aufenthalt gewährte, bis sie

an einen freien Plan gelangten, auf dessen smaragdgrüner Rasenfläche

die Sommersonne lagerte und in den Zweigen der Blutbuchen, Linden, Eschen,

Ulmen und Föhren spielte.

»Wie herrlich schön,« rief Keppler aus. »Ich sah niemals einen

wonnigeren Park, in dem Kunst und Natur sich so wunderbar verschmelzen,

daß man die erstere kaum gewahr wird, außer in wohlthuender Weise.«

»Ja, der Falkenhof ist ein herrlicher Besitz,« sagte Falkner warm.

»Er scheint mir ein kleines Königreich,« rief Keppler, »ein

Königreich, dessen Eichenkrone wie geschaffen ist für die weiße Stirn

der Donna Dolores.«

»O ja, ich weiß -- Sie schwärmten stets für diese Dame,« entgegnete

Falkner, nur um etwas zu sagen.

»Schiene die Sonne für sie allein und ließe alle anderen im Dunkel --

ich fände es nur natürlich,« sagte der Maler leise, wie für sich.

»Es ist ein Glück, daß solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen

können,« meinte Falkner spöttisch. »Sie treiben ja den reinsten Kultus

mit Ihrem Ideale, lieber Keppler.«

»Verschmälern Sie mir denselben nicht,« bat der Künstler einfach. »Es

ist ja das einzige, was mir von dem Hoffnungstraume geblieben, den ich

dereinst geträumt.«

»Ah -- Sie wurden verschmäht --!« fuhr es schnell über Falkners

Lippen. »Verzeihen Sie,« fügte er sogleich hinzu, »ich wollte nicht

indiskret sein.«

»Ich weiß es,« erwiderte Keppler, »es bedurfte nicht Ihrer

Versicherung, und am Ende thut es ja doch gut, einmal davon sprechen zu

können. Nein, verschmäht bin ich und meine Hand nicht worden, nur nicht

angenommen. Lächeln Sie nicht über den Narren, der sich ein milderes Wort

für eine herbe Thatsache sucht, Falkner, und die bittere Pille vergoldet.

Nein, das freie offene Geständnis, daß ihr Herz noch nicht gesprochen,

daß sie es ungefragt nicht verschenken könne -- das nennt man nicht

verschmähen -- _den_ Stachel hab' ich nie gefühlt.«

»Aber sie wußte von dem reichen Erbe, sie kannte ihren wahren,

hochgeborenen Namen, mit dem sie Höheres erreichen konnte, als die Frau

eines Künstlers zu werden,« sagte Falkner, und er haßte sich selbst für

diese Worte.

Jetzt hemmte Keppler seinen Schritt.

»Niederes Denken und Gewinnsucht sind Dinge, die der Donna Dolores nie

nahe getreten sind,« sagte er fest und mit solcher Überzeugung, daß

Falkner ihm dankbar war für das gute Wort und doch zornig, daß er es

nicht sprechen konnte.

»Ich werde es nie dulden,« fuhr Keppler fort, »daß der geringste

Flecken dem Namen der Donna Dolores angeheftet wird, sei es, wer immer es

sei, der es thun will!«

»Sie haben recht,« erwiderte Falkner sinnend. »Man muß stets sein Ideal

verteidigen und so hoch stellen, daß kein Staubwirbel von der allgemeinen

Landstraße des Lebens es erreichen und besudeln kann. Wer das nicht thut,

verdient kein Ideal zu haben, und sein Leben wird öde und leer sein.«

Keppler warf einen raschen Blick auf seinen Nachbarn -- der schritt neben

ihm her mit gesenktem Kopf, und durch seine Worte zitterte ein Ton, für

den er selbst vielleicht keinen Namen gehabt hätte.

Schweigend gingen sie weiter, und als sie in die Lindenallee einbogen,

die direkt bis vor das Nordportal des Falkenhofes führte, standen sie

plötzlich einer hohen schwarzgekleideten Gestalt gegenüber, die ihr

goldrotes Haar wie eine Königskrone über der weißen Stirn trug --

Dolores.

Sie stieß einen kleinen Schrei der Überraschung aus, und dabei flog es

rosenrot über ihre Wangen -- sie war wunderschön so, übergossen vom

Sonnenlicht, schöner fast, als in dem dämonischen Kostüm der Satanella

auf dem Scheiterhaufen.

»O Keppler, lieber Freund, sind Sie es wirklich? Wie ich mich freue, Sie

zu sehen!« rief sie herzlich und reichte ihm beide Hände -- ein kaum

merkliches Neigen des Hauptes grüßte dabei den Mann an des Malers Seite.

»Sie kommen gewiß, Ihre Mutter zu besuchen, Baron Falkner,« sagte sie

mit ganz anderem Tonfall als vorher. »Ich kann Ihnen zufällig sagen, daß

sie im Zelte sitzt.«

»Ich danke!«

Meilenweite Entfernungen wünschte er in diesem Augenblick zwischen sich

und sie legen zu können -- unüberbrückbare Klüfte, reißende Ströme,

und doch mußte er neben ihr die ganze lange Allee herschreiten, denn das

»Zelt« lag schnurgerade vor ihm am Ende der Allee und abzubiegen und

einen Umweg zu machen, wäre lächerlich gewesen, und sein Stolz erlaubte

es nicht.

»Und nun sagen Sie mir, Freund Keppler, von wannen der Wind kam, der Sie

hierher geführt,« fuhr Dolores heiter fort. Und Keppler erzählte, wo er

sei und zu welchem Zwecke.

Als aber Falkner urplötzlich, eine leichte Verbeugung machend, schnellen

Schrittes dem Zelte zueilte und Dolores sofort umdrehte, rief er:

»Mein Gott, was ist zwischen ihm und Ihnen geschehen, Donna Dolores? Ist

-- ist es diese Erbschaft?«

»Ja,« nickte sie, und dabei legte sich ein schmerzlicher Zug um ihren

Mund. »Doch lassen wir das! -- für graue Gespenster lacht die Sonne

zu schön herab -- nein, fragen Sie mich nicht, ich tauge nicht zur

Klatschbase,« setzte sie scherzend hinzu. »Ich habe dafür gar kein

Talent.«

»Dafür aber desto mehr, eine Einsiedlerin zu werden,« meinte Keppler,

auf ihre Wendung des Gespräches eingehend.

»O,« rief sie, »ich fange an, selbst daran zu glauben! Es ist so

wonnig, die schönen Tage allein mit seinen Gedanken dahinzuträumen und

zuzuhören, wie die Bäume rauschen und was sich der Wald erzählt. Und

Neigung zum Alleinsein habe ich immer gehabt!«

»Das wäre aber traurig für Ihre Kunst,« warf Keppler ein.

»Ich lasse sie nicht rosten,« sagte Dolores lebhaft, »nein, o nein, wie

könnte ich auch -- ich habe sie ja so lieb, meine Kunst! Nur öffentlich

kann und mag ich sie jetzt nicht üben, das stimmt so schlecht zu dem

schwarzen Kleid, und sie wissen, lieber Freund, ich hasse alle Mißklänge.

Es giebt Dinge, die man eben nicht zu einer Harmonie vereinen kann.«

»Davon könnte ich ein Lied singen,« meinte der Maler leise, fügte aber

schnell hinzu: »Und wenn Sie das Trauergewand abgelegt haben werden --?«

»Dann ist der Sommer dahin, und alles, alles verblüht,« sagte Dolores

traurig.

»Nur Ihr Lorbeer nicht,« mahnte der Künstler.

»Wer weiß,« sprach sie abgewandt, »ich las einmal, daß jedes Menschen

Kranz verblüht, sei er von Rosen, Myrte, Lorbeer oder Dornen gewunden. Und

da war's mir, als höre ich das Rascheln der dürren Lorbeerblätter, die

so schnell welken mußten, weil ihr Spender sie auf Draht geflochten --«

Sie schwieg, kurz abbrechend, und Keppler schüttelte das Haupt.

»Es ist eine sehr, sehr kurze Zeit, die Sie zur Pessimistin gemacht,«

sagte er traurig. »Gott verhüte, daß dies schwarze Trauerkleid zum

Bahrtuch für Ihre Kunst geworden wäre!«

»Nein, o nein,« rief Dolores, »meine Kunst kann nicht sterben, sie

überlebt ja alle ihre Jünger, auch die besten, die auserwähltesten --«

»Und gehören Sie nicht zu diesen? Wer hat Sie an sich selbst zweifeln

gelehrt?«

»Ich zweifle nicht an meinem Können, denn ich bin mir dessen bewußt,«

rief Dolores, und ein Strahl echten, rechten Künstlerstolzes flammte in

ihren dunklen Augen auf. »Aber,« setzte sie leise, ganz leise hinzu,

»aber ich zweifle an meiner Kraft!«

»Warum?« Und die helle Angst leuchtete bei dieser Frage aus Kepplers

Augen. »So müssen Sie nicht reden, Donna Dolores. Sie sind zuviel allein

-- bei Gott, das ist's nur, was aus Ihnen spricht! Ihre Kraft? Die Kunst

hat Sie auf siegreichen Schwingen hinaufgetragen zur sonnigen Höhe des

Ruhmes --«

»Und als Ikaros der Sonne zu nahe kam, versengte sie seine Flügel, und er

sank herab ins Meer -- des Vergessens,« schloß Dolores seufzend.

Keppler schüttelte den Kopf.

»Nein, so darf es nicht mit Ihnen bleiben,« rief er, »Sie dürfen nicht

in der Einsamkeit verderben! Laden Sie Gäste zu sich ins Haus, mit denen

Sie musizieren und eine gute Unterhaltung führen können --«

»Ich hab's versucht, Professor Balthasar hierher zu locken, aber er kann

erst später kommen, im Herbste --«

»So suchen Sie Ihre Nachbarschaft auf!«

»Ich gelobe, morgen bei Gräfin Schinga Besuch zu machen,« rief Dolores

jetzt lachend, »ich fürchte nur, daß die Nahrung, die mein Geist da

empfangen wird, für meinen schwachen Verstand zu schwer ist.«

»Nun, und Monrepos?« fragte Keppler gespannt.

»Monrepos,« wiederholte sie. »O, das ist ein Hof, und zu Hofe muß man

befohlen werden.«

So gingen sie plaudernd auf und nieder, bis nach nicht zu langer Zeit

Falkner die Allee wieder heraufkam, denn er mußte sie, um nach Monrepos zu

gelangen, wieder passieren.

Er hatte die Stirne in Falten gezogen und sah finster genug darein, denn

sein Wunsch, seine Mutter möchte den Falkenhof verlassen, war auf den

hartnäckigsten und entschiedensten Widerstand bei seinem Stiefvater

gestoßen.

»Es liegt ganz und gar nicht in meiner Absicht, die wiederholten,

freundlichen Einladungen unserer lieben Dolores abzulehnen und sie damit

zu kränken,« hatte Doktor Ruß gesagt. »Sie hat nichts gethan, was uns

kränken könnte, im Gegenteil; und daß sie den Falkenhof geerbt, dafür

kann sie nichts -- sie hat ja auch ihr Bestes gethan, ihn abzutreten. Aber

an dem Eisenkopf deines Sohnes, teure Adelheid, scheitern ja alle Fahrzeuge

der besseren Einsicht!«

»Nun, es findet sich vielleicht noch eine andere Lösung dieses

Konfliktes,« hatte Frau Ruß mit Beziehung geantwortet und dabei sehr

schnell gestrickt.

»Wohlan denn, thut, wie es euch beliebt -- ich betrete den Falkenhof

freiwillig nicht wieder,« hatte Alfred erwidert, und finsteren Blickes war

er davon geeilt.

Daß er ihr noch einmal nach der heute erfahrenen Abweisung begegnen

mußte, war ihm entsetzlich fatal, und der Grimm, der in seiner Brust

wohnte gegen das unbegreifliche Gebaren seines Stiefvaters, gegen Keppler

und -- sich selbst, machte, daß er die Hände ballte und die Zähne

zusammenbiß, als er die wunderschöne Gestalt im schwarzen Kleide wieder

vor sich sah.

»Was hat sie davon, meine Mutter und deren Mann hier zu fesseln?« fragte

er sich, denn er wußte ja nicht, daß Dolores die Einladung der ersten

Stunde ihres Seins im Falkenhofe ganz und gar nicht wiederholt hatte.

»Was bezweckt sie damit? Mich zu demütigen und zu ärgern? Wie kann meine

Mutter Wohlthaten aus diesen Händen annehmen!«

Raschen Schrittes eilte er vorwärts und stand nun, leicht den Hut

lüftend, vor Dolores.

»Ich habe eben zu meinem großen Befremden gehört, Baronin,« sagte

er eisig kalt, »daß meine Mutter und mein Stiefvater infolge Ihrer

wiederholten Einladungen auf dem Falkenhof zu bleiben gedenken. Es ist

mir dies, selbstredend, sehr fatal, und kann nur durch Einrichtung

einer eigenen Menage für die Betreffenden, oder aber eine entsprechende

Entschädigung --«

Dolores war sehr blaß geworden und streckte jetzt gebieterisch die Hand

aus, fernere Worte abzuschneiden.

»Nicht weiter, Baron Falkner,« sagte sie, und ihre Augen sprühten

Flammen. »Der Falkenhof wird nicht vermietet -- niemals, so lange ich

hier bin, sei es, unter welcher Form es immer sei. Wollen Ihre Eltern meine

Gäste sein, so werd' ich sie stets als solche ehren -- an _einem_ Tisch

mit mir -- oder gar nicht.«

Damit wandte sie sich ab und schritt die Allee herunter, scheinbar

unbewegt, aber in ihrem Innern wogte es auf und nieder in Schmerz,

Empörung und Pein.

Und ein stiller Zorn stieg auch in Keppler auf gegen den Mann, der stumm

und blaß neben ihm herschritt, denn er hatte _sie_ gekränkt, und er,

der Maler, hatte nicht einmal das Recht, hier für sie einzutreten, wo sie

selbst für sich gesprochen hatte.

Und Falkner? Er hatte sich von seinem heißen Blut hinreißen lassen, und

ihre Antwort hatte ihn nicht gekränkt, denn eine wilde Freude in seiner

Brust sagte ihm, daß sie ja anders nicht hatte antworten dürfen, daß er

sie um einer anderen Antwort willen hätte verachten müssen und doch,

und doch -- er _wollte_ sie hassen um jeden Preis, hätte er sie nur auch

verachten gekonnt!

Am selben Tage noch sprach ihm Prinzeß Alexandra höchst taktvoll von der

Parkangelegenheit, und berührte leicht den delikaten Punkt des Verkehrs

mit seiner Cousine.

»Hoheit verzeihen,« erwiderte Falkner kühl und bestimmt, »wenn ich

in dieser Affaire keine Dienste leisten kann. Ich stehe in absolut keinem

Konnex mit der Baronin, meiner -- nun ja, meiner Cousine, und glaube auch,

daß sich dies alles weit besser durch Fremde arrangieren läßt.«

* * * * *

Am folgenden Tage um die Stunde, wo man in großen Städten Visiten zu

machen pflegt, also gegen fünf Uhr nachmittags, bestieg Dolores ihren

leichten, eleganten Brougham und gab dem Kutscher die Order, nach Arnsdorf

zu fahren.

Leicht und leise rollte der Wagen über den gelben Kiesweg hinaus zum Thore

und die staubige Chaussee entlang nach der äußersten Spitze des Triangels

zu, den die drei Nachbargüter bildeten. Es war ein wunderschöner

Tag, aber fast zu heiß für die schattenlose Chaussee, welche zwar mit

Kirschbäumen rechts und links besetzt war, die aber für den Komfort der

Fahrenden nichts thaten, sondern nur Scharen von Sperlingen anlockten,

welche unter großem Geschrei kamen, um nachzusehen, ob die Kirschen noch

nicht reif seien.

Der Wagen rollte endlich zum großen Staunen der barfüßigen,

flachsköpfigen Jugend in das Dorf und bog in den Hof des Dominiums ein,

in welchem Enten und Gänse einherwatschelten, ein altes Pony einen grünen

Fleck abgraste und mehrere Schweine und Ferkel sich in einer Pfütze

inmitten des Hofes wälzten.

Beim Vorfahren der Equipage vor die Hausthür geriet ein auf der

Schwelle träumender Truthahn in eine blinde Wut und suchte die Pferde zu

attackieren, ein Pfau schrie infolgedessen laut auf, ein Hofhund kam laut

bellend angerannt, die Gänse schnatterten und schrieen, das Pony

wieherte, die Schweine grunzten -- kurz, es entstand ein Höllenkonzert.

Infolgedessen erschien ein neugieriger Kopf an einem der erblindeten,

vielleicht seit Jahren nicht geputzten Fenster, und bald darauf trat der

Inhaber dieses Kopfes, ein Mensch in schäbiger Livree, heraus und kam an

den Wagen.

Da man in dem Spektakel sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, so

reichte Dolores einfach ihre Karte aus dem Wagen heraus, dessen Schlag ihr

eigener Diener inzwischen geöffnet hatte. Der schäbige Lakai prüfte erst

den Namen auf der ihm gereichten Karte, dann verschwand er in dem Hause.

Indes der Hofhund fortfuhr betäubend zu bellen, der Kutscher Not hatte,

die Pferde in Ruhe zu halten und die Gänse und Enten neugierig den Wagen

umstanden, hatte Dolores Muße, das sogenannte Schloß zu betrachten --

ein entsetzlich verwahrlost aussehendes Gebäude aus dem Anfang dieses

Jahrhunderts -- steif und schmucklos, von dessen Mauern der Mörtel

stellenweise abgefallen war, auf dessen Dach die abgefallenen Fachwerke

mitunter das Sparrenwerk sehen ließen.

Doch kaum hatte Dolores diese letztere Bemerkung gemacht, als schwere

Tritte eine Holztreppe herabdröhnten und Graf Schinga selbst seinem Gast

entgegeneilte, aber an Stelle einer Begrüßung erst mit einem donnernden:

»Will er sich wohl kuschen!« auf den Hund losfuhr. Nachdem diese

Einleitung ihre Wirkung gethan, half er Dolores aus dem Wagen und reichte

ihr den Arm.

»Furchtbar nett von Ihnen, Baronin, uns aufzusuchen,« rief er ihr zu.

»Meine Frau freut sich sehr, Sie zu sehen -- führe Sie gleich zu ihr.

Müssen aber entschuldigen, ist noch im Negligé wegen der Hitze. Na, wenn

man auf dem Lande ist, schad't das wohl nichts, was?«

Dolores versicherte, es schade wirklich nichts, sie käme ja wegen der

Gräfin und nicht wegen deren Kleider.

»Hahaha!« lachte Schinga wiehernd los, »gut geantwortet! Passen ganz zu

uns, liebe Baronin! Schönes Wetter, was?«

Endlich waren sie die steile Treppe emporgeklommen, und Schinga öffnete

eine Thüre.

»Die Baronin Falkner, liebe Bronislava!« rief er durch die Spalte.

»=Elle est bienvenue=,« antwortete eine Stimme drinnen. Schinga stieß

die Thür auf und führte Dolores in ein dermaßen verdunkeltes Gemach,

daß diese anfangs nichts sah, zudem schwebte ein fast undurchdringlicher

Dampf von türkischem Tabak in der Luft.

Aus dieser Dämmerung löste sich jetzt eine kolossale weibliche Gestalt in

hängenden, weißen Gewändern, von der Dolores möglichst viel zu erkennen

trachtete, da sie in ihr die Gräfin Schinga vermutete. Ein bis zur Achsel

nackter Arm mit einem sonderbaren spiralförmigen Armband löste sich aus

den bis obenhin geschlitzten Ärmeln, reichte ihr die Hand und die Gestalt

sprach langsam: »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Baronin.

=Comment vous portez-vous?= -- Hippolyt, ziehe doch die Jalousien auf!«

Indes Graf Schinga dieser Aufforderung nachkam, geleitete die Gräfin

Dolores zu dem Sofa, das eigentlich mehr Chaiselongue war, wobei letztere

auch an dem linken Arm ihrer Wirtin den seltsamen Schmuck bemerkte, wie

an dem rechten. Die geöffneten Jalousien und Fenster enthüllten nun

ein einstmals sehr kostbares, aber jetzt stark eingewohntes Gemach im

türkischen Geschmack, dessen Wände, Polster und Dielen, kostbare,

golddurchschossene Teppiche bedeckten, dessen Möbel von Rosenholz schöne

Inkrustierungen zeigten. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag eine dichte, sehr

dichte Staubschicht und auf dieser stand ein Nargileh, ein Kasten mit

Tabak, ein Karton mit kandierten Früchten, und neben diesen lag ein

broschierter Roman von Zola, halb aufgeschnitten.

»So,« sagte Schinga, »nun hätten wir Licht und können gemütlich

plaudern. Also, liebe Baronin -- hu!« unterbrach er sich, indem er sich

sichtlich vor Entsetzen schüttelte und mit einem Satz nach der Thür

retirierte. »Thu' diese scheußlichen Würmer fort, Bronislava!« Die

Gräfin hob lachend beide Arme in die Höhe, und nun fuhr auch Dolores

schaudernd empor -- denn die seltsamen, spiralförmigen Armbänder, die

sie trug, waren lebende, kühle, glitzernde kleine Schlangen, die mit ihren

Köpfen blitzschnell hin und her fuhren.

»Wie, Baronin, Sie fürchten sich auch vor den süßen, kleinen Dingern?«

rief die Gräfin erstaunt. Dolores zog sich schaudernd nach der Thür

zurück.

»Es ist nicht Furcht,« sagte sie, »ich fürchte mich niemals, aber ich

fühle ein solches Grauen vor diesen Tieren, daß ich es fast Idiosynkrasie

nennen möchte. Sie sind es, die mir den Aufenthalt in meiner zweiten

Heimat Brasilien so sehr verleiden --!«

»Kommen Sie, Baronin,« sagte der Graf und sah dabei sehr böse aus. »Wir

wollen bei mir einkehren, denn Sie sehen nun wohl ein, daß man mit meiner

Frau nicht verkehren kann!«

»Bleiben Sie,« rief die Gräfin, sich erhebend. Dann streifte sie die

Schlangen von den üppigen Armen, that sie in einen Korb und schloß dessen

Deckel. »So, nun sind sie gefangen, die armen Dinger. Setzen Sie sich,

Baronin, und nehmen Sie eins von diesen kandierten Ingwerstücken --

oder ziehen Sie ein Nargileh vor? Nicht? Nun, so gestatten Sie mir das

meinige!«

Ihr Grauen überwindend, nahm Dolores wieder Platz, ebenso der Graf, der

dabei den Korb nicht aus den Augen verlor, indes die Gräfin den Schlauch

ihrer türkischen Wasserpfeife ergriff und langsam zu rauchen begann. Sie

mußte einst sehr schön gewesen sein, aber Stürme mancher Art hatten

ihre Züge verschärft, und der mehr als negligéartige Anzug, das wirre,

schwarze, ungekämmte Haar gaben ihr ein Aussehen der Vernachlässigung,

das zu ihrem Alter nicht stimmte, denn sie mochte erst Mitte der Dreißig

sein. Dolores wunderte sich, wie man Besuch in Gegenwart von Herren in

einem Kostüm empfangen könnte, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit

einem Nachthemd hatte, und als ihr Blick einmal an den kolossalen Formen

ihrer Wirtin herabglitt, bemerkte sie in dem rosaseidenen Strumpfe der

Dame, der eben sichtbar war, ein großes Loch, das der stark benutzte

Pantoffel nicht ganz verbergen konnte.

»Hippolyt, schicke uns doch etwas Eis herauf,« wandte sich die Gräfin

nach wenig Worten an ihren Gatten, der mit einer Eile verschwand, die

bewies, wie ungemütlich ihm der Aufenthalt angesichts des bewußten Korbes

sei.

Auch Dolores empfand genug davon, um länger zu bleiben, aber die Gräfin

wollte von einem Aufbruch nichts wissen.

»Nein, nein, Sie müssen noch bleiben,« bat sie, »die Schlangen sind

wirklich ganz sicher dort im Korbe, sie können nicht heraus -- und ich

habe auch nur diese zwei. Außerdem schickt Hippo uns gleich Eis herauf --

der Koch muß im Sommer immer welches bereit haben!«

Dolores ergab sich in ihr Schicksal.

»Aber, Frau Gräfin, was in aller Welt veranlaßt Sie nur, sich solch'

fürchterliche Tiere zu halten?« fragte sie mit leisem Schauer. »Sie

können doch unmöglich Gefallen daran finden, und der Graf graut sich vor

ihnen!«

»Eben deshalb halte ich sie,« erwiderte die Gräfin sehr kaltblütig,

aber als Dolores sie überrascht anblickte, sah sie, daß die dichten,

dunklen Augenbrauen der Dame sich zusammengezogen hatten.

»Nicht wahr, das ist sonderbar?« fuhr die Gräfin fort. »Aber es giebt

viel Sonderbares auf der Welt, von dem _Sie_ nichts ahnen! Heiraten Sie

niemals. Niemals, hören Sie?«

»Ich werde mir's merken,« erwiderte Dolores lächelnd.

»Oder thun Sie's, wenn Sie elend sein wollen fürs ganze Leben,« rief die

Gräfin heftig, »denn Sie glauben's doch nicht, wenn man Sie warnt. Ah, da

kommt das Eis!«

Die Dame des Hauses warf den Schlauch ihres Nargileh beiseite und half dem

eintretenden Diener den Inhalt seiner Platte auf dem Tisch arrangieren:

Krystallmuscheln mit herausgebrochenen Ecken, ordinäre Löffelchen von

Britannia und eine prachtvolle, schwere silberne Schale mit Fuß, darin

das Gefrorene aufgehäuft war. Sie legte ihrem Gast vor und nahm dann sich

selbst, aber schon nach dem ersten Kosten spuckte sie heftig aus und riß

an der Klingelschnur über dem Sofa.

»Was ist das für Eis?« schrie sie dem Diener entgegen.

»Erdbeer und Vanille, gnädige Gräfin --«

»Esel!« Und mit diesem Liebesnamen flog dem in seiner Einfalt

Antwortenden einer der stark getragenen Pantoffeln der Dame an den Kopf.

Dolores fühlte sich aufs peinlichste berührt. Auch sie hatte das Eis

gekostet und zurückgestellt -- es schmeckte wie gefrorenes Salzwasser.

Aber das war in ihren Augen noch kein Grund, den daran unschuldigen Diener

dafür zu strafen, und zudem begriff sie nicht, wie man einen solchen

überhaupt in sein Zimmer treten lassen konnte, wenn man sich in solch'

tiefem Negligé befand, wie ihre Wirtin. Der Mensch räumte alles wieder

fort und ging. Dolores erhob sich.

»Ich glaube, es ist Zeit für mich, zurückzufahren,« sagte sie, aber die

Gräfin zog sie wieder auf das Sofa nieder.

»Bleiben Sie noch, bitte,« sagte sie. »Und wenn Sie's aus Sympathie

nicht thun können, so thun Sie's aus Barmherzigkeit. Ich bin ja immer

allein!«

Dolores sah überrascht auf -- das war wie ein Ruf der Verzweiflung, der

ihr da entgegentönte, es schien als ob das Wundern in diesem Hause kein

Ende nehmen könnte.

»Und Sie werden wiederkommen, nicht wahr? Und ich darf Sie besuchen?«

fuhr die Gräfin fort. »Ach, es ist schrecklich, so jahraus, jahrein

zu sitzen und mit niemand sprechen zu können, denn wir bleiben immer in

Arnsdorf, Sommer und Winter.«

»Aber Ihr Gemahl besucht doch die Residenz?« fragte Dolores, nur um etwas

zu sagen.

»Das berührt _mich_ nicht,« erwiderte Gräfin Schinga kühl. »Ich sehe

ihn ohnehin nur selten, seitdem ich die Schlangen habe. Sie würden mir

nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, welche Mühe es mir gemacht hat,

sie zu zähmen, und sehen Sie, mein Arm weist noch die Narben auf von ihren

Bissen. Aber jetzt kennen sie mich und hören, wenn ich sie rufe!«

»Mein Gott, welche entsetzliche Liebhaberei,« rief Dolores.

»Es ist nicht gerade das,« meinte die Gräfin. »Ich habe mich im Anfang

auch erst an die kühlen, glatten Dinger gewöhnen müssen. Aber was

hilft's? Es ist Notwehr!«

»Notwehr?« wiederholte Dolores verwundert. »Ich meine, ein großer Hund

thäte die besten Dienste.«

»Nicht doch,« lachte die Gräfin. »Sehen Sie, einen Hund würde er

töten, wenn er auf ihn dressiert wäre, ohne jedes Bedenken töten. Aber

die Schlangen wagt er nicht anzurühren, und meidet sogar das Zimmer, in

welchem sie sind.«

»Wer?« fragte Dolores verwundert.

»Nun, mein Mann!«

Es ward einen Augenblick sehr still in dem Gemache, dann aber erhob sich

Dolores wirklich und nahm Abschied.

»Und Sie kommen wieder, nicht wahr?« bat die Gräfin noch an der Thür.

»Es wird mir so wohl thun, Ihr schönes, reines Antlitz zu sehen, das

heißt wenn Sie es vermögen, einer Frau zu nahen, die sich Schlangen

hält, damit ihr Mann ihr fern bleibt, die Zola liest und den ganzen Tag

Nargileh raucht. Sie werden schon noch mehr Untugenden an mir entdecken,

aber darunter doch vielleicht ein Goldkörnchen! Das müssen Sie mir suchen

helfen, Sie liebes, schönes Menschenkind, denn ich hab's verloren, und

weiß nicht, wo ich's finden soll --«

Und damit schlang die seltsame Frau den Arm um den Nacken ihres Gastes und

gab ihr einen Kuß auf die Wange. Dann klappte die Thür zu. Verwirrt stieg

Dolores die steile Treppe hinab, unten empfangen von dem Grafen.

»Na, Gott sei Dank, daß Sie endlich kommen,« schrie er ihr entgegen.

»Jetzt müssen wir unsere Nachbarschaft mit einem Glase Champagner taufen,

in aller Gemütlichkeit, denn dort oben ist's doch zu gruselig von wegen

dieser Bestien --! Na, ich wollte Sie schnell heraushaben aus dieser

Schlangenhöhle, und schüttete deshalb dem Koch eine gute Handvoll

Viehsalz in den Eiscreme -- es hat Sie aber doch nicht schnell genug

herausgetrieben!«

Dolores protestierte erst höflich, dann energisch gegen den Champagner,

aber es half nichts, sie mußte in der Hausthür stehend ein Glas leeren.

Dabei wurde ihr das alte Pony noch einmal angeboten. Endlich saß sie im

Wagen und fuhr unter den Klängen ihres Entreekonzertes wieder zum Thor

hinaus, sie gab sich den Anschein als sähe sie nicht, daß Graf Schinga

ihr, die Champagnerflasche im Arm, in der Hausthür nachwinkte und

die Gräfin droben am Fenster mit ihren lebenden Schlangenarmbändern

erschienen war -- sie war froh, hinauszukommen aus dieser wüsten

Atmosphäre von wirklichem und moralischem Ruin.

An der Schmiede hieß sie den Kutscher halten, stieg aus und schickte

den Wagen heim. Dann schritt sie, den Hut am Arm tragend, hinein in den

kühlen, grünen Wald, dessen reine Luft ihr heute wohlthat wie nie, aber

dabei mußte sie immerzu an die Frau denken, die sie eben verlassen, und

ein scharfes Weh durchzog ihre Brust: mußte der Schmerz überall wohnen,

wo ein Menschenherz schlug, mußte das Leben seine Wunden in jede Seele

schlagen? Warum konnte es nicht Auserwählte des Glückes und des Friedens

geben? Ja, sie kannte wohl Menschen, in deren Herz reiner, heiterer Friede

wohnte, aber ehe er eingezogen war unter der Mönchs- oder Nonnenkutte,

oder aber unter dem Gewande der Welt, hatte dieses Herz erst brechen und

verbluten müssen, ehe der Friede zu ihm kam. Dabei kam es so traurig über

sie, denn vor wenig Wochen nur war sie noch so glücklich gewesen mit ihrer

Kunst, und jetzt? Jetzt stahl sich ein fremdes Wehe über sie, und das

machte das leuchtende Sonnenlicht trübe und die Blumen welk und dürr, und

der Besitz, an den sie in der weiten Ferne mit Sehnsucht gedacht und von

ihm geschwärmt, er ward ihr vergällt, seitdem der, den sie ihm freudigen

Herzens überlassen hätte, ihn ihr verächtlich vor die Füße geworfen.

Ihr ganzer Stolz bäumte sich auf, wenn sie dessen gedachte, und zornig

schüttelte sie das Weh von sich ab, das ihr dabei im Herzen aufstieg,

d. h. sie vermeinte es von sich weisen zu können und wußte nicht, daß

es schon Wurzel gefaßt und nicht mehr auszurotten war. Denn was von

einem anderen angethan ihr nur Empörung verursacht hätte, das schlug von

seiner, von Alfreds Hand, eine Wunde, die kein Kraut zu heilen vermochte.

Ungesehen von den auf der Terrasse zu Monrepos Sitzenden -- sie unterschied

deutlich die Gestalten Falkners und Kepplers und hörte ein silberhelles

Kinderlachen -- huschte sie schnell vorüber. Erst, als sie ihr eigenes

Gebiet wieder betrat, atmete sie auf -- hier hatte sie ja das Recht, umher

zu wandeln -- dort dünkte ihr das jedem Passanten gewährte Privilegium

des Vorübergehens Konterbande unter dem Bann der großen, dunklen Augen,

die stets mit solch' hartem Ausdruck auf ihr ruhten.

Sie nahm den Weg nach dem Hexenloch, dessen von romantischem Zauber

umsponnene Umgebung sie so sehr anzog. Hier ließ sich's so gut träumen

und sinnen an dem kleinen rauschenden Wasserfall, dessen silberhelle Wasser

in dem Tümpel so dunkel aussahen oder, wenn die Sonne durch die prächtige

Blutbuche an der südlichen Uferseite schien, wie Blut.

Durch kühle Laubgänge schritt Dolores langsam dahin und bog dann herum

nach dem stillen, lauschigen Platz, doch wie sie um die Hecke bog, sah sie

sich plötzlich einer Dame im hellen Sommerkleide gegenüber, die auf einem

Baumstumpf saß und eine Aquarellskizze des Hexenlochs machte. Neben ihr,

von rücklings halb auf dem Baumstamm liegend, saß ein junger Mann und las

vor.

Hohe, überschlanke Buchen

Wölben sich zum Schattendach --

Weil sie Licht und Sonne suchen

Ist ihr Wachstum gar so jach.

Und sie streun als weichen Teppich

Dürres Laub gebräunt und dicht,

Doch den Fels umwuchert Eppich

Immer grün und immer licht --

klang es aus Scheffels Aventiure wie gewählt für den Platz herüber.

»Es fehlt uns nur Biterolfs Elfe,« warf die Dame ein, ohne aufzusehen.

»Bei Gott, da ist sie,« rief der junge Mann, der emporgeblickt und

Dolores' lichtes Haupt auf dem tiefgrünen Grunde gewahrte. Im nächsten

Moment aber sprang er auf. »Die Baronin Falkner,« sagte er halblaut.

Da sie sich erkannt sah, trat Dolores näher, die fremde Dame erhob sich

und ging ihr entgegen.

»Baronin, Ihre Gegenwart legt mir die demütigende Bitte um Vergebung

wegen unbefugten Eindringens in Ihr Reich auf,« sagte sie mit

hinreißender Liebenswürdigkeit. »Darf ich, im Namen dieses köstlichen

Fleckes Erde, dessen Konterfei ich mir für mein Album rauben wollte,

Indemnität hoffen?«

»Es soll eine allgemeine Amnestie für dergleichen vergangene,

gegenwärtige und zukünftige Raube erlassen werden,« sagte Dolores in

demselben Tone.

»Wofür ich im Namen der Kunst herzlich danke,« entgegnete die Dame.

»Doch gestatten Sie mir, Baronin, erst die Pflichten der Höflichkeit

zu erfüllen, ehe ich Ihre Erlaubnis ausnutze -- ich bin die Prinzessin

Alexandra von Nordland, und dies ist mein Bruder, der Erbprinz!«

Dolores verbeugte sich noch einmal in ihrer würdevollen, graziösen Weise.

»Man sagte mir, unsere hohen Nachbarn auf Monrepos hätten einen

Passepartout für den Falkenhofer Park nicht verschmäht,« sagte sie. »Es

bedarf wohl kaum der Versicherung, daß ich eine Grenze niemals gezogen

habe!«

»Das ist prächtig, Baronin, und uns hochwillkommen,« erwiderte der

Erbprinz, »denn unser Garten ist verhältnismäßig recht klein und

eigentlich für uns ein =noli me tangere= wegen des Herzogs, meines Vaters,

Rosen.«

»Diese sind aber auch berühmt, Hoheit, und für die Berühmtheit muß man

immer etwas leiden,« entgegnete Dolores.

»Ach ja, keine Rose ohne Dorn,« seufzte der junge Fürstensproß.

Prinzeß Alexandra hatte indes ihren Blick prüfend auf der Lehnsherrin vom

Falkenhof ruhen lassen -- sie gab viel auf den ersten Eindruck, den Fremde

auf sie machten und auf den Blick, mit dem diese ihr ins Auge sahen. Die

tiefdunklen und doch so klaren Augen mit dem reinen, ernsten Blick, in dem

eine köstliche Schelmerei aufleuchten konnte, nahmen sie sogleich für

die Schöpferin und Darstellerin der »Satanella« ein, und wie immer ihrem

Impulse folgend, sagte sie:

»Ich muß Sie ansehen und immer wieder ansehen, Baronin! So jung noch und

schon so berühmt! Mehr noch -- so jung und doch schon so schaffensreich!

Wie viel Schönes werden Sie uns noch schenken nach der Satanella!«

»Wer weiß, Hoheit,« erwiderte Dolores leise. »Vielleicht bin ich wie

jene Musa, die nur eine Blüte hat, welche ihr das Lebensmark kostet. Und

ich wollte ja auch nicht mehr begehren, wenn diese einzige Blüte, dies

eine Werk mich überlebte und die Menschen Freude davon hätten.«

»Aber dieses Werk ist gut -- alle Welt ist einig darüber,« rief der

Erbprinz.

»Ich weiß, es ist noch zuviel vom schäumenden Most der Sturm- und

Drangperiode darin,« entgegnete Dolores kopfschüttelnd.

»Lassen Sie sich das freuen,« meinte Prinzeß Alexandra herzlich, »die

Zeit, wo Ihr Puls langsamer geht und der Hauch höherer Reife sich auf

Ihr Schaffen legt, kommt noch früh genug -- zu früh, und wir werden mit

Schrecken gewahr, wie die Tage schwinden!«

»Das war ein gutes Wort, Hoheit, und ich danke dafür,« sagte Dolores

ernst, und in diesem Augenblick reichte ihr die hohe Dame die Hand zum

warmen Druck, aber als Dolores sich auf diese Hand herabbeugen wollte zum

schuldigen Kuß, wie es die Etikette verlangt, da beugte sich die Prinzeß

herüber und küßte sie auf die schöne, weiße Stirn.

»Aber nun muß ich meine Skizze vollenden,« rief sie, »die Beleuchtung

ist jetzt so herrlich, fast zu schön für meinen armen Pinsel. Sie bleiben

doch hier, Baronin?«

»Gern, Hoheit,« sagte Dolores und setzte schelmisch hinzu: »Wie Hoheit

befehlen, muß es ja heißen!«

»Ach, das ›gern‹ klingt viel hübscher,« meinte der Erbprinz, indes

Prinzeß Alexandra sich mit fröhlichem Lachen an die Arbeit setzte. »Sie

müssen wissen, Baronin, daß wir hier nur Menschen sein wollen, denen

ein freundliches ›gern‹ hübscher klingt, als die steifen Formen des

Hofes.«

»Ich belauschte gestern unfreiwillig die Säulen unseres Landhauses,

Fräulein von Drusen und den Kammerherrn von Dreßing,« plauderte die

Prinzessin, »und hörte zu meiner unbeschreiblichen Belustigung, wie

erstere zu letzterem sagte: ›Gott sei Dank, daß wir da sind, die noch

einigermaßen die Dehors auf Monrepos aufrecht erhalten. Wie würde es ohne

uns hier zugehen!‹«

Die anderen lachten, da es ja bekannt war, mit welcher Würde die Prinzeß

dem fürstlichen Hofe vorstand.

»Es muß auch solche Käuze geben,« citierte der Erbprinz.

Dann war es eine Weile still am Hexenloch. Leise flüsterte die warme

Sommerluft in den Bäumen, und der Wasserfall rauschte -- schnell flog der

geschickte Pinsel der fürstlichen Künstlerin über den auf ihrem Schoß

liegenden Block, träumerisch sah Dolores hin auf das dunkle Wasser, auf

dem einzelne Sonnenstrahlen, die durch das Laub brachen, magisch funkelten,

und Prinz Emil sah wiederum auf die reine, herrliche Profillinie des

schönen Antlitzes neben ihm.

Endlich unterbrach die Prinzeß das Schweigen.

»Ach, wie köstlich ist's doch hier,« sagte sie, zurückgelehnt ihr Werk

betrachtend, »und was für Stümper sind wir, der Natur gegenüber!«

»Das sagt Richard Keppler auch,« nickte Dolores.

»O, er ist doch Adept, aber was bin ich?«

»Berührt vom Strahl des ew'gen Lichts,« sagte Dolores träumerisch.

»Ach, Prinzeß, wer so fein die Farbentöne fühlt, wie Sie, ist selbst

ein Meister --«

»Nur muß man daneben keine Fürstin sein, sonst glaubt's niemand,«

meinte der Erbprinz.

»Die Menschen haben so viele Vorurteile,« rief Dolores, »aber die

meisten haben sie gegen die, welche sich ihre Sachen mit einer Krone -- von

der fünfzackigen bis zur Königskrone, zeichnen lassen können.«

»Und doch steht der Lorbeer den Kronen so schön!« seufzte die Prinzeß.

Wieder ging es mit der Arbeit weiter, und alles, alles rings war still --

da tönten plötzlich unten aus dem Dorf herauf die Abendglocken durch die

reine Luft, und Dolores erhob sich, vom Rande des dunkler werdenden Wassers

Vergißmeinnicht zu pflücken, die da in Menge blühten.

»Jetzt fehlte nichts als ein Lied,« sagte der Erbprinz leise mit

bittendem Tone.

»Ach ja, ein Lied,« wiederholte Prinzeß Alexandra.

Da setzte sich Dolores auf einen moosbewachsenen Stein, hart am Ufer,

und sang, ihren Vergißmeinnichtstrauß mit breitem Grase bindend, in den

fernen Glockenklang hinein.

Fernher tönen Abendglocken

Leis' mit wundersüßem Klang,

Und mir ist's, als hört' ich locken

Engelschöre, Himmelssang.

Und mir ist's, als säh' ich's schweben

Auf und nieder in der Luft,

Und im Abendrot verweben

Windessäuseln, Blumenduft.

Wie auf lichten Engelsschwingen

Zieht der Glockenklang zur Höh',

Wo die Herzen nicht mehr ringen

Und im Licht sich löst das Weh.

Glockenklar, voll und doch so sanft zog die herrliche Stimme durch die

stille Luft und erstarb mit dem letzten fernen Klang aus dem Dorfe drunten.

Der Erbprinz hatte sein Antlitz mit den Händen bedeckt, während die

Prinzeß den Pinsel sinken ließ und auf die Sängerin hinüber sah. Und

als das Lied beendet war, erhob sie sich leise und trat zu Dolores hin.

»Wollen Sie mir diesen kleinen Strauß geben zum Andenken an den heutigen

Abend?« fragte sie und legte ihre Rechte auf das goldige Haupt vor ihr.

»Und auch das Lied?« setzte sie hinzu. »Denn das kam doch aus Ihrem

Herzen, nicht wahr?«

»Ja,« sagte Dolores einfach. »Es kam mir gestern Abend in den Sinn,

als ich einsam hier saß -- ich will es aufschreiben. Und hier ist

der Strauß,« fügte sie aufstehend hinzu. »Aber die kleinen, blauen

Blütenblätter fallen ab, Hoheit, wenn sie trocken sind.«

»Das thut nur die Männertreu', niemals das Vergißmeinnicht,« rief der

Erbprinz hinüber.

»Wirklich?« fragte Dolores fröhlich. »Nun ja, wenn Hoheit selbst es

sagen, muß es wohl wahr sein.«

»Männertreu' ist Spreu im Winde,

Standhaft ist Vergißmeinnicht,

Männertreue welkt geschwinde

Und zerfällt, wenn man sie bricht.

Nur Vergißmeinnicht, das liebe,

Blüht im Herzen ewig neu --

Doch wie Wasser in dem Siebe,

Wie der Wind ist Männertreu' --«

deklamierte der Erbprinz.

»O Emil, wie weise von dir, das selbst zu sagen,« lachte seine Schwester,

»glaubst du wirklich, dem Pfeil damit die Spitze abzubrechen? Ja, ja, die

Männertreu' hat einen bösen Ruf.«

»Da ist's am besten, man erprobt sie nicht,« meinte Dolores ernsthaft.

Die Prinzeß warf einen schnellen, prüfenden Blick auf sie, dann zog sie

ihre Uhr und sah nach der Zeit.

»Ich fürchte, wir sind über Urlaub geblieben, Emil,« rief sie, indem

sie rasch ihre Malutensilien zusammenpackte, und als sie damit fertig war,

reichte sie Dolores die Hand. »Vielen Dank, Baronin, für das Lied. Wir

werden doch gute Nachbarschaft halten, nicht wahr? Es wäre so schön --

und der Sommer ist so bald vorüber, da muß man die Zeit benutzen! Also

auf baldiges Wiedersehen!«

Die fürstlichen Geschwister gingen, Dolores aber blieb noch eine kleine

Weile am Hexenloch zurück, und als sie heimkehrte, hatte sie noch Lust

zu einem Plauderstündchen bei Engels, wo Ida und Knieper sie mit

dem höchsten Ausdruck der Freude empfingen, deren ihre Hunde- resp.

Katzenseelen fähig waren. Denn in der Begegnung mit der edlen,

freundlichen Fürstentochter war es ihr warm geworden ums Herz --

das waren, ausgenommen den alten Engels, die ersten Menschen, die ihr

vorurteilsfrei die Hand reichten auf dem Weichbilde des Falkenhofes, seit

sie dessen Herrin war. Denn bei aller Liebenswürdigkeit, die Doktor Ruß

entfaltete, wollte das Gefühl nicht von ihr weichen, daß es Absicht war,

die aus ihm zu ihr sprach.

Schon am folgenden Tage ließen sich der Kammerherr von Deßing und die

Hofdame von Drusen bei Dolores melden, um im Namen der herzoglichen

Familie ihren Besuch abzustatten. Sie saßen genau fünf Minuten bei der

Schloßherrin in dem Rokokosalon, dessen Mitte jetzt ein kostbarer Flügel

einnahm -- die Hofdame sehr steif, sehr mager, sehr zurückhaltend -- der

Kammerherr sehr beweglich, sehr fein, sehr rund und rosig.

Nach den konventionellen fünf Minuten erhob sich Fräulein von Drusen, der

Kammerherr sprang empor, und bald saßen die beiden nebeneinander in der

Equipage, bis wohin Dolores ihnen gefolgt war, da sie ja die herzogliche

Familie repräsentierten.

Das alte, im Dienste ergraute Paar rollte dahin, erst schweigend, bis

endlich die Hofdame das Eis brach.

»Sie ist eine Dame, lieber Deßing,« sagte sie mit Nachdruck, und der

Kammerherr, der mit Ungeduld auf den Urteilsspruch seiner Pythia gewartet

hatte, stimmte strahlend ein.

»Eine Dame, natürlich eine Dame, verehrte Freundin!«

»Nun, natürlich ist es nicht,« sagte die Hofdame scharf.

»Nein, natürlich ist es nicht,« zog der Kammerherr seinen Enthusiasmus

zurück. »Sie meinen, weil -- --«

Sie nickte.

»Natürlich,« sagte sie schneidend. »Es bleibt ja so leicht etwas von

der Schminke zurück. Aber hier, Gott sei Dank, habe ich nichts bemerkt,

und die Ehren, die sie mir, als Gesandtin unserer Prinzessinnen, erwies,

waren tadellos. Das nennt man Rasse, lieber Deßing.«

»Rasse, liebe Freundin -- die sich nie verleugnen kann,« stimmte der

Kammerherr strahlend zu und rieb sich die Hände, denn er freute sich des

Erfolges dieser Visite sehr, erstens, weil Dolores ihm sehr gefiel, und

dann lebte er gern mit sich und der Welt auf freundschaftlichem Fuße.

Indessen stand auch Doktor Ruß händereibend an dem Fenster seiner

Wohnstube und sah der davon rollenden Hofequipage nach.

»Sieh, sieh,« sagte er kopfnickend, »unsere liebe Nichte Dolores wird ja

hochgeehrt von Monrepos aus. Ei, ei!«

»Jedenfalls eine Aufmerksamkeit für Alfred,« meinte Frau Ruß, eifrig am

anderen Fenster strickend.

»Meinst du?« erwiderte der Doktor leise lachend. »Ich möchte an eine

andere Version glauben, nach dem Benehmen zu schließen, das dein Sohn bis

jetzt beobachtet hat. Aber gleichviel,« setzte er mehr für sich hinzu.

»Jedenfalls wird er ihr häufiger begegnen, und Dolores ist eine zu

große Schönheit, als daß ein Männerauge lange ungerührt auf ihr weilen

könnte.«

Frau Ruß seufzte.

»Es scheint aber fast etwas wie eine Aversion zu sein, die Alfred gegen

Dolores hegt,« sagte sie und ließ ihre Nadeln schneller klappern. »Rote

Haare sind eben nicht für jedermann.«

»Papperlapapp!« ließ sich der Doktor mit leisem Spott vernehmen.

»Natürlich die rote Grete unten im Dorfe mit ihren Sommersprossen und

ihrem häßlichen, naßroten, mit Bleikämmen ekelhaft gemachten Haar wird

einen verfeinerten Geschmack nur abstoßen. Aber Dolores? Das verwöhnteste

Auge wird schönheitstrunken auf ihr weilen, oder es weiß nicht, wie

Schönheit sich offenbart.«

Jetzt sank das Strickzeug der Frau in den Schoß.

»Ei, du bist ja ganz Feuer und Flamme,« sagte sie mit einem drohenden

Blitz aus ihren kalten, harten Fischaugen.

»Gewiß, teure Adelheid, du weißt, daß ich als Ästhetiker beurteilen

kann, was wirklich schön ist,« erwiderte Ruß sehr ruhig, aber unter

seinen Brillengläsern glitt ein unbeschreiblicher Blick über die reizlose

Gestalt der älteren, verbitterten, kalten Frau, an die er sich aus

pekuniären Gründen gefesselt hatte. »Wenn ich Artikel, gesuchte und viel

gelesene Artikel über die Gesetze der Schönheit schreibe, so kann ich das

doch nicht wie ein Blinder von der Farbe thun. Ich schreibe jetzt über die

Schönheit des germanischen Haares --«

»Papperlapapp,« sagte jetzt auch Frau Ruß sehr trocken, denn sie hatte

sich nie für die Artikel ihres Gemahls interessiert, und ihre Begriffe

über Ästhetik waren in tiefstes Dunkel gehüllt. »Es handelt sich hier

gar nicht darum, was du hübsch findest!«

»Sehr richtig bemerkt,« erwiderte der Doktor sarkastisch. »Kommen wir

zur Sache. Ich halte es also für sehr unwahrscheinlich, daß Alfred von so

viel Schönheit ungerührt bleiben kann. Das wird sie selbst wohl am besten

wissen, denn, wie läßt sie ihre ›Satanella‹ singen?

Entfacht der Flamme rote Gluten,

Ihr schafft mich nicht aus dieser Welt,

Denn wo sich Männerhochmut brüstet,

Mein Scepter reiche Ernte hält.

Ich wohn' in jedes Weibes Herzen,

Ich beuge jedes Mannes Macht,

Ich bin die Schlang' im Paradiese,

Und stifte Unheil -- drum hab' acht!

Und da nach des Schöpfers weisem Ratschluß ein wenig Valandine und

Teufelin in jedem Weibe wohnt, und diese Eigenschaften auf den Mann immer

einen gewissen Zauber geübt haben, so hoffe ich das Beste für diesen

verzweifelten Fall.«

»Ich wollte, du sprächest klarer,« sagte Frau Ruß trocken, »aber du

docierst immer, als ob du auf dem Katheder ständest. Gut also, warten wir

ab, was von der Aufnahme Dolores' am Hofe von Monrepos erfolgen wird.«

»Warten wir ab,« wiederholte der Doktor, tief in Gedanken.

»Und wenn unsere Voraussetzungen fehlschlagen, wenn Alfred bei seinem

Benehmen Dolores gegenüber bleibt?« fragte sie gespannt, lauernd. »Was

dann?«

»Ja, was dann, teure Frau? Ich weiß es nicht.«

Jetzt warf Frau Ruß ihr Strickzeug beiseite, sprang auf und trat an ihren

Gatten dicht heran.

»So, du weißt es nicht?« sagte sie schneidend. »Das mache einem andern

weiß -- mich betrügst du nicht, mein Schatz! Denn ich möchte Gift darauf

nehmen, daß deine Pläne bis aufs Tüpfelchen über dem i auf Jahre hinaus

fertig sind!«

Und mit schrillem, kurzem Lachen entfernte sie sich.

Doktor Ruß aber stand noch lange auf demselben Fleck.

»Du hast doch unrecht,« sagte er endlich leise mit seltsamem Lächeln.

»Das Tüpfelchen über dem i ist noch nicht gemacht, denn ich weiß noch

nicht genau, wie ich es machen soll. Sei aber unbesorgt, ich werde das

›wie‹ schon finden -- darin hast du mich wirklich kennen gelernt.«

Sein Blick fiel hinaus aus dem Fenster und dabei bemerkte er Dolores, die,

ein Buch in der Hand, einem schattigen Platz zuschlenderte.

»Wie schön sie ist,« murmelte er. »Aber wir wollen uns wie Siegfried

mit Drachenblut gegen ihren Zauber stählen und Sorge tragen, daß kein

Pfeil uns treffen kann. Was hilft's? Wenn eine Statue des Praxiteles meinen

Weg sperrte, so würde ich sie zerstören, um weiter zu kommen, trotzdem

ich Kunsthistoriker bin. Natürlich ist's besser, sie läßt sich zur Seite

schieben -- aber wenn nicht --? Ich glaube, ich bin ein Stück Fatalist,

denn ich kann ganz kaltblütig denken, daß ihr Schicksal bestimmt ist.«

Und damit wandte sich der Doktor ruhig zu seinem Artikel über die

Schönheit des germanischen Haares.

* * * * *

Prinzeß Alexandra hatte binnen wenig Tagen ihren gewohnten, musikalischen

Zirkel auf Monrepos zu vereinigen gewußt, glücklich darüber, daß auch

Dolores demselben regelmäßig anzugehören versprach.

Da war vor allem der Herzog, der gut und gewandt Violine spielte, Gräfin

Schinga als brillante Virtuosin auf dem Flügel, der Pfarrer von Arnsdorf

als Cellist, Prinzeß Alexandra als Orgelspielerin, Prinz Emil als Sänger.

Prinzeß Lolo war trotz ihrer eminenten Begabung kaum mitzurechnen,

denn sie verdarb oft das Trio, worüber der Herzog sich mehr als nötig

alterieren konnte.

Es war ein wunderschöner, mondheller Abend, der die kleine, musikliebende

und musikalische Gesellschaft auf der Terrasse versammelte. Fräulein von

Drusen besorgte das wichtige Geschäft des Theeaufgießens und versorgte

die Anwesenden mit kleinen, weißen Schalen voll des duftenden, dampfenden

Trankes des Reiches der Mitte, und dazu plauderte man ungezwungen. Hier

saß Se. Hoheit neben der imposanten Gestalt der Gräfin Schinga, die

elegant gekleidet in schwerer, dunkler Seidenrobe ohne Schlangenarmbänder

immerhin noch eine auffallend prachtvolle Erscheinung mit echt slawischem

Typus war. Dort blätterten Prinzeß Alexandra und Keppler in einer

Skizzenmappe -- da stand Alfred von Falkners hohe, gebietende Gestalt

neben dem Elfenfigürchen der Prinzeß Lolo, die ihm, vom Hundertsten ins

Tausendste überspringend, vorplauderte -- und in all' diese Gruppen hinein

machte Graf Schinga mit Donnerstimme seine Bemerkungen, für deren Gehalt

an Geist niemand die Bürgschaft übernommen hätte.

Mitten in diesem Plaudern wurde gegenüber der Terrasse die vergoldete

eiserne Thür geöffnet, und Dolores erschien in dem Garten. Sie trug ein

schwarzes Schleppkleid von schwerer Seide und Samt zusammengestellt, der

Trauer wegen ohne Schmuck von Perlen oder weißen Spitzen. Es schloß sich

hoch am Halse mit schwarzem Spitzenjabot, welches nur mit einer Brosche

von Jett befestigt war, in deren Mitte ein herrlicher Solitär funkelte.

Schwarze, lange Handschuhe bedeckten die Hände bis über den Ellbogen,

und über das leuchtende Haar hatte sie einen spanischen Spitzenschleier

geworfen -- eine Toilette, deren Farblosigkeit ihre aparte Schönheit

wunderbar hob.

»Sie sieht aus, wie eine bleiche, warme Mondnacht,« sagte Keppler, die

Herannahende betrachtend.

»Schöner noch als in den Flammenkleidern der Diavolina,« fuhr es durch

Falkners Sinn, als sein Blick auf sie fiel. »In diesen dämonisch schön,

siegend, sinnverwirrend -- hier königlich, nicht minder siegreich, aber

fern -- unnahbar.«

So schritt sie die Stufen hinauf, geleitet von dem Erbprinzen, der ihr

entgegengegangen und den Arm geboten hatte, oben herzlich begrüßt von

Prinzeß Alexandra, die sie dem Herzog und ihrer Schwester vorstellte.

»Auf gute Nachbarschaft, Baronin,« sagte Se. Hoheit, vergnügt

schmunzelnd, denn er wußte die Schönheit wohl zu würdigen, wo er sie

fand.

Prinzeß Lolo reichte Dolores auch ihr kleines Händchen mit einem fast

schüchternen »Guten Abend.«

»Ich hatte nicht gewußt, daß diese brasilianische Cousine von Ihnen so

schön ist, Baron,« sagte sie gleich darauf zu Falkner. »Und was für

einen Teint sie hat -- diese Morbidezza! Und dabei nicht einen Hauch Puder

darauf --«

»Ich glaube, das findet sich oft zu roten Haaren,« erwiderte Falkner

zerstreut, und blickte nach dem bleichen, wunderschönen Antlitz hinüber,

unter dessen goldener Haarkrone die schwarzen Samtaugen, überragt von den

feinen, sich über der Nasenwurzel vereinenden Brauen jedes ihrer Worte

mit sprechendem Ausdruck begleiteten. Ihn hatten diese Augen nicht einmal

gestreift, und er wußte, daß er selbst sich jedes Anrecht darauf verwirkt

hatte.

»Man sagt, man trifft die Morbidezza häufig bei den Frauen des Südens,«

plauderte Lolo weiter. »Ich finde, ein solcher Teint sieht so furchtbar

apart und interessant aus, nicht wahr?«

»Ich ziehe den rosigen, frischen Teint unserer Nordländerinnen vor,«

erwiderte Falkner laut und sah dabei die kleine Prinzeß an, die in ihrem

weißen Gewande und Rosen im Flachshaar wie Titania selbst vor ihm stand

-- denn eben ging Dolores an ihm vorbei, und ein Dämon in der Brust zwang

ihn, Stachel um Stachel der Dornenkrone zuzugesellen, die er begonnen hatte

für sie zu flechten, seit er ihr zum erstenmal begegnete.

Aber Dolores zuckte nicht -- heiter blickte ihr Auge auf den Rosenflor des

Herzogs hinab -- sie war ja so erhaben über die kleinliche Eitelkeit,

die alle Bewunderung für sich in Anspruch nimmt, und wieder war Falkner

gezwungen, es anzuerkennen.

Wenn die Herrin des Falkenhofes schon in der ersten halben Stunde ein

mit Interesse empfangener Gast des fürstlichen Kreises war, und selbst

Fräulein von Drusen anerkannte, daß sie =ladylike= sei, so wurde sie der

Mittelpunkt aller, nachdem sie gesungen hatte.

Man hatte nach dem Thee den Musiksaal im Parterre des Schlößchens

betreten, und ein Präludium von Bach, auf der kleinen, aber trefflichen

Orgel von Prinzeß Alexandra vorgetragen, eröffnete den Abend. Voll und

mächtig fluteten die erhabenen Klänge durch die offene Glasthür hinaus

in die mondhelle Nacht, gleich einer Hymne, und es war schön zu sehen,

wie die edle Gestalt der Spielerin vor dem Instrumente saß, gleich einer

heiligen Cäcilie -- tiefe Andacht in den ausdrucksvollen Zügen und jeder

der von ihr gespielten Noten mit Verständnis folgend.

Nachdem das Präludium verklungen, öffnete der Herzog seinen Geigenkasten

und hob seine treffliche, alte, braune Geige heraus.

»Und nun zum Trio,« rief er. »Pfarrer, rüsten Sie Ihr Cello -- Gräfin

Schinga, wir bitten um das =a=!«

»Gern, Hoheit,« sagte die Gräfin, sich erhebend, »aber wird nicht

Prinzeß Eleonore -- --«

»Lolo kann allein spielen,« entschied der Herzog. »Sie ist nicht

imstande, Takt zu halten und mit den Instrumenten zu gehen -- nein, zum

Trio brauchen wir ausdauernde, sich ihrer Aufgabe bewußte Spieler.«

Infolge dieses Entscheides trat die Gräfin an den Flügel und gab den Ton

an, und Dolores wunderte sich, ob die Frau im saloppen Hauskostüm wirklich

die Spielerin sei, die der Herzog in ihr voraussetzte.

»Ich bin nur froh, daß ich nicht vor Angst am Flügel zu sterben

brauche,« flüsterte Prinzeß Lolo Falkner zu. »Papa ist so streng, und

diese Trios sind so langweilig -- --«

»Aber klassisch,« erwiderte der Freiherr lächelnd.

»Ja natürlich --! Ich meinte auch nur, sie seien so langweilig zum

Spielen und Studieren.«

»Es muß wohl sehr schwer sein, durch so viel Seiten hindurch aufmerksam

zu bleiben,« meinte Falkner ironisch.

»Ach ja, entsetzlich,« seufzte das Prinzeßchen. »Ich kann immer nur

fünf Minuten in derselben Stimmung bleiben.«

»=Perpetuum mobile=,« sagte er, auf das Flachsköpfchen herabsehend, das

mit sprechenden Vergißmeinnichtaugen zu ihm emporsah und über den Blick

errötete, mit dem er sie maß. Und dabei fuhr es ihm durch den Sinn. »Ob

man mir wohl erlauben würde, die Höhe eines Thrones zu ersteigen, um die

unter dem Purpur erblühte Rose für mich zu pflücken?«

Im nächsten Augenblicke aber verdüsterte sich sein Blick.

»Ich bin ein Thor,« dachte er, »so kühn zu träumen, denn was bin ich?

Ein armer, emporstrebender Diplomat. Ja, wenn ich der Herr vom Falkenhofe

wäre -- --«

Ein brillanter, präludierender Lauf auf dem Flügel unterbrach ihn, und

das Trio begann. Mit Liebe und Eifer vorgetragen, wirkte das Kabinettstück

des naiven Haydn anmutig genug, obgleich dem Kenner die Achillesverse des

Vortrages, der Dilettantismus, oft auffallen mußte, besonders was die

Instrumente betraf, denn Gräfin Schinga beherrschte ihren Flügel mit

Virtuosität, aber -- geistlos.

Immerhin muß man aber Dilettanten bei ihrem Vergnügen ohne zu scharfe

Kritik beharren lassen, denn es ist besser, mittelmäßige Musik zu machen

und schlechte Bilder zu malen, als seinen Nächsten durch den Hechel

liebevoller Gesinnung zu ziehen, zu welchem Zwecke gesellige Vereinigungen

beiderlei Geschlechter meist dienen, besonders Damencafés, welche

überhaupt ein socialer Schaden sind, denn nach den obligaten

Sachverhandlungen über Dienstboten, Filetguipüre, »stilvolle«

Stickmuster und Mignardise muß unfehlbar der liebe Nächste herhalten, bis

kein gutes Haar mehr an ihm bleibt.

Das Trio verklang, und der Herzog war glücklich, denn es war ohne

Hindernis von statten gegangen, ohne Holpern und Stolpern über technische

Schwierigkeiten.

»Glatt wie Wagenschmiere,« bestätigte Graf Schinga laut, und Fräulein

von Drusen neigte sich entrüstet zu Dolores.

»Sollte man es glauben, daß ein Mensch mit solchen Ausdrücken hier

geduldet wird? Da sehen Sie, der Herzog möchte sich ausschütten vor

Lachen, anstatt dergleichen mit einem scharfen Wort ein für allemal zu

verbannen.«

»Graf Schinga ist vielleicht unverbesserlich,« flüsterte Dolores zurück

mit halbem Lächeln.

»Dann muß man ihn aber nicht fürstliche Salons betreten lassen,«

entgegnete die Hofdame, deren Ohren schon viel drastischere Vergleiche aus

derselben Richtung vernommen hatten. »Es ist immer ein Fehler, sogenannten

Originalen ihre Ungezogenheiten durchschlüpfen zu lassen, weil man sie

auf ihre Originalität schiebt. Ich kannte einen Herrn, der den Leuten aus

Originalität die Zunge herausstreckte und sehr unästhetische Worte dazu

sagte. Das ließ man sich sogar allerhöchsten Orts gefallen -- hätte ihn

die Gesellschaft deshalb exmittiert, so hätte er sich diesen ›Krampf‹

bald abgewöhnt!«

Dagegen fand Dolores nichts zu sagen, denn es war richtig.

»Es ist ganz dieselbe Sache mit ›berühmten Leuten,‹« fuhr Fräulein

von Drusen fort. »Man läßt dieselben sich in unseren Salons wie die

Gassenbuben betragen, sie dürfen uns ohne weiteres Grobheiten sagen,

die wir uns von anderen nicht gefallen lassen würden, und warum? ›Weil

berühmte Leute ihre Schrullen haben.‹ Meiner Ansicht nach sollen

berühmte Leute diese Schrullen bei sich zu Hause lassen, wenn sie

ausgehen, und sich besonders durch ein feines Benehmen auszeichnen.«

»Ei gewiß,« meinte Dolores nachdenklich. »Aber Sie haben sehr recht:

dies Betragen berühmter Menschen hängt ganz von der Duldsamkeit der

Gesellschaft ab.«

»Nicht wahr? Nun sehen Sie, Professor Keppler, der doch sicher eine

Berühmtheit ist, giebt uns ein Muster, wie man sich würdevoll, ohne ein

Dandy zu werden, in Salons bewegt, und Sie, liebe Baronin -- ja, Sie sind

eben eine Dame -- damit ist alles gesagt. Das macht das Blut, meine Liebe,

das Blut.«

»Glauben Sie?« fragte Dolores ironisch. »Aber dann verleugnet sich das

Blut bei dem guten Grafen dort gänzlich.«

»Ja, es ist ein Ton in unseren Kreisen mode geworden, der zu meiner Zeit

unmöglich war,« entgegnete die feudale alte Dame ernsthaft.

Man hatte indes das Trio sattsam durchgesprochen in seinen Einzelheiten,

und jetzt kam der Erbprinz und reichte Dolores den Arm, sie zum Flügel zu

führen, und ohne sich nötigen zu lassen, folgte sie dem Rufe -- Gräfin

Schinga übernahm die Begleitung.

Und Dolores sang. Es war ein süßes, gar schönes Lied des so

feinfühlenden Mendelssohn: Es weiß und rät es doch keiner.

Wie ein Hauch nur, leise und anschwellend vorgehend, durchdrang der erste

Satz des Liedes den todstillen Saal, und erst, als es hieß:

Ich wollt', es wäre schon Morgen,

Da fliegen zwei Lerchen auf, --

Die überfliegen einander,

Mein Herz folgt ihrem Lauf,

da tönte die herrlichste Menschenstimme mächtig und doch so weich durch

den Raum, und als sie die Worte wiedergab:

Ich wollte, ich wäre ein Vöglein,

Und flöge über das Meer,

Wohl über das Meer und weiter,

Bis daß ich im Himmel wär',

da lag in dem gesungenen Worte die ganze träumerische Wehmut einer zum

Fluge ins Jenseits bereiten Seele, der es so wohl ist, weil sie weiß,

das Ende naht, und durch deren halbverklärtes Sein nur noch einmal der

irdische Wunsch zieht:

Ach, wüßt' es nur einer, nur einer,

Kein Mensch es sonst wissen sollt'!

Als sie geendet, brach niemand das tiefe Schweigen -- selbst die rohe und

rauhe Natur eines Schinga ward seltsam berührt, und ein Etwas, von dem er

nicht wußte, was es ist, machte das anfangs geplante: »Famos, räuberhaft

schön!« auf seinen Lippen verstummen. O, die Musik ist eine große Macht!

Stumm, Thränen in den seelenvollen Augen, trat Prinzeß Alexandra an

Dolores heran und küßte ihr die bleiche Wange.

»Das ging zum Herzen,« flüsterte sie, »weil es vom Herzen kam. Danken

Sie Gott, daß er Ihnen zu all' seinen Himmelsgaben ein fühlendes Herz

verliehen!«

»Ist das ein Glück?« fragte Dolores fast traurig.

Die Prinzeß sah ihr tief ins Auge.

»Ja,« sagte sie fest. »Und wäre es auch nur von kurzer Dauer.«

Drüben stand am Fenster Richard Keppler und sah stumm hinüber auf die

schlanke, dunkle Gestalt, die ihm so teuer war. Falkner war verschwunden.

Schon während des Liedes war es so eigen über ihn gekommen, und als

der letzte Ton verklungen, da war er hinausgetreten auf die Terrasse, und

während er hinübersah auf den mondbeleuchteten Rosenflor, von dem es

köstlich herüberduftete, da ward es ihm unsäglich traurig zu Mute.

Er wußte plötzlich, daß der Panzer der Vorurteile, mit denen er sich

umgürtet, ihn nicht deckte, er wußte jetzt, in dieser Minute, daß aller

Selbstbetrug ihn nicht mehr über seine Gefühle täuschen konnte. War es

zu spät zur Erkenntnis?

Drüben in den Rosen ward es jetzt rege -- es war der Herzog, der seine

schönsten Theerosen, seine köstlichste =Glorie de Dijon= abschnitt, um

sie Dolores zu übergeben. Ja, jedes dankte ihr in seiner Art -- nur er, er

hatte kein Wort für sie, weder ein gesprochenes, noch ein gedachtes. Und

Prinzeß Alexandra, welche für ihn ein Musterbild edler Weiblichkeit war,

die nur reines und edles in ihrer nächsten Nähe duldete, er sah sie da

drinnen stehen Hand in Hand mit der, die er so bitter gekränkt.

Da trat urplötzlich eine kleine lichte Gestalt neben ihn -- Prinzeß Lolo.

»Ich glaube gar, Sie schwärmen im Mondschein, Baron,« sagte sie in ihrer

neckenden Weise.

Er atmete tief auf.

»Vielleicht, Prinzeß,« sagte er leicht. »Hatten Durchlaucht dieselbe

Absicht?«

Sie schwang sich auf die Balustrade der Terrasse und verzog ein wenig das

rote Mündchen.

»Am liebsten thät' ich's, schon weil es sich für unsereinen nicht

schickt,« meinte sie, mit den Beinen baumelnd wie ein Pensionskind.

»Ei, so rebellisch, Prinzeß?« sagte er, um nur etwas zu sagen.

»Ich wollte, ich könnte die ganze Welt umkehren, mindestens aber Papas

Herzogtum,« schmollte die kleine Durchlaucht, deren Begriffe von der Welt

noch sehr vage waren. »Es ist gar nicht amüsant, Prinzessin zu sein,

wissen Sie. Ich bin aber trotz der alten Drusen hinausgelaufen, denn der

Trara, den sie drinnen über das dumme Lied machen, ist schrecklich. Sie

thaten ganz recht auch zu entfliehen.«

Falkner antwortete nicht, wozu auch? »Backfische machen sich gewöhnlich

aus ernster Musik nichts,« dachte er, und dabei fiel es ihm doch auf, daß

er für die Elfe dort im Mondlicht keinen anderen Namen hatte als den, der

jungen Mädchen dieses Alters geschmackvollerweise von der Welt gegeben

wird.

»Das Lied ist ja recht hübsch,« fuhr die Prinzeß im Protektortone fort,

»aber finden _Sie_ einen Sinn darin? Es ist alles so unklar. Natürlich,

Opernsängerinnen verstehen das alles furchtbar raffiniert vorzutragen,

darin liegt's!«

Es war kein hübscher Ton und kein hübscher Blick, mit dem das naive,

fürstliche Backfischchen dort das Wort: »Opernsängerin« begleitete, und

Falkner ward frappiert davon. War das Eifersucht, was so gehässig aus dem

Kindermunde dort sprach --?

Drinnen ward wieder ein Accord angeschlagen, und sie gingen hinein. Am

Flügel saß der Erbprinz und sang, sich selbst begleitend, mit nicht

großer, aber wohllautender und gut geschulter Stimme das Minnelied des

ritterlichen Troubadours aus der »Satanella«:

Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band. · 第 10 / 13 题