Fröhlich erschallet der Jubelgesang --

tönte es drinnen, und leise öffnete sie die eisenbeschlagene Eichenthür.

Ein betäubendes Gekläffe tönte ihr entgegen, denn dazu hielt Knieper,

der Dächsel und stetige Begleiter Engels', sich einmal für verpflichtet.

Seine specielle Freundin, die Hauskatze Ida, mit der er in schönster

Eintracht lebte und damit bewies, daß man nicht wie Hund und Katze zu

leben braucht, fuhr erschrocken aus ihren Träumen auf dem Sofa auf, dehnte

aber bald beruhigt ihr samtschwarzes Fell auf dem gewohnten Lager und

blinzelte die Eingetretene mit ihren bernsteingelben Augen wohlwollend

schnurrend an. Nur Knieper setzte seine gebellten Fragen nach der

Identität dieses Abendbesuches fort und wollte sich durch Dolores'

lachendes: »Wer wird denn so böse sein, bist ein gutes Hundel!« nicht

beruhigen lassen, bis Engels, die Eingetretene erkennend, mit Donnerstimme:

»Will er wohl ruhig sein!« dem Höllenlärm ein Ende setzte. Knieper zog

sich knurrend zurück, indes Dolores dem Verwalter die Hände reichte.

»Da bin ich wieder zum Dämmer-Plauderstündchen, wie vor Jahren,« sagte

sie bewegt.

»Willkommen wie damals,« erwiderte Engels, indem er sie zu dem gewohnten

Sitz auf dem Fenstertritt führte. »Ach wie hat sich manches geändert --

auch wir beiden! Sie sind eine große Dame, eine Berühmtheit geworden, und

ich -- nun, ich bin ein alter Kerl, der darauf wartet, bis der da droben

ihn abruft --« --

»Was, so hoffe ich, nicht bald geschehen wird, denn Sie sollen mir ja

raten und helfen, den großen Besitz zu verwalten, damit wir einst als

›treue Haushälter‹ befunden werden,« sagte Dolores ernst, dem Hünen

die Hand reichend.

Er maß sie einen Augenblick lang.

»Ein Schuft will ich sein, wenn ich's nicht thue,« rief er, einschlagend,

unnötig laut, wie immer, wenn ihn etwas rührte.

Und nun ward's einen Augenblick still in dem Stübchen des alten

Junggesellen. Die Pause aber benutzte Ida, die Katze, die indes mit ihrer

Prüfung der Fremden fertig geworden war; geräuschlos verließ sie das

Sofa und sprang mit dem eigenen Laut dieser Tiere, den sie in freundlicher

Stimmung ausstoßen und der in unserer unvollkommenen Ausdrucksweise nur

mit den Konsonanten: »Mrrr« wiederzugeben, Dolores auf den Schoß.

Eine Liebhaberin aller Tiere, mit Ausnahme kriechender Geschöpfe von

der Raupe bis zur Schlange, empfing sie das schöne, glänzende Tier mit

freundlichem Streicheln; Ida rieb sich schnurrend an ihrer Hand, und ließ

sich dann zur Fortsetzung ihrer Ruhe auf dem gastlichen Schoß nieder, was

für den mit Aufmerksamkeit zusehenden Knieper ein Zeichen war, sich der

also Anerkannten schwanzwedelnd zu nähern, sich mit behaglichem Grunzen

von ihr streicheln zu lassen und endlich definitiv auf der creppbesetzten

Schleppe zur Besiegelung der Freundschaft niederzulassen.

»So ist's recht,« meinte Engels strahlend, »denn das sag' ich: wen das

Tier, das superkluge Naturforscher unvernünftig nennen, als seinen Freund

mit dem feinsten Instinkt der Welt anerkannt, mit dem würd' ich sofort

auch Freundschaft schließen, der ist ein guter Mensch! Ja, ja, Fräulein

Dolores, so ist's! Der Herr Doktor Ruß nennt, wenn er herkommt -- was Gott

sei Dank, nicht oft geschieht -- meine Tiere mit den zärtlichsten Namen,

hat immer Zucker und sonstige Köder, aber Knieper fletscht ihm doch

die Zähne und würde ihm mit Vergnügen, wenn ich's erlaubte, die

Inexpressibels zerreißen, während Ida einen Buckel macht, den Schwanz

sträubt und den Doktor anfaucht. Und da rede einer von Unvernunft!«

Dolores lachte, ihre Liebkosungen gerecht unter das seltene Paar

verteilend. »So wär' ich denn wieder im Türmchen installiert,« sagte

sie. »Älter bin ich geworden, nicht mehr so ausgelassen wie früher, aber

unverändert sonst, darauf können Sie sich verlassen!«

»Wär' ein Glück für Sie, Fräulein Dolores,« erwiderte Engels, einen

schnellen, forschenden Blick aus sein Visavis werfend.

»Ach,« entgegnete sie lachend, »dieses Glück scheint mir doch

zweifelhaft, wenn ich daran denke, wie man damals, vor Jahren hier über

mich urteilte. Hundertmal hat man mir versichert, daß Hopfen und Malz an

mir verloren sei -- ich hab's damals selbst schon geglaubt. Gebessert habe

ich mich natürlich nicht!« --

»Nun, Fräulein Dolores,« meinte Engels, »Sie müssen die

Unfreundlichkeiten, die man auf Sie entlud, vielem zu gute halten. Erstens

der Feindschaft Ihres Vaters mit seinem Bruder, zweitens dem Mißtrauen,

das man Ihrer spanischen Mutter entgegenbrachte, drittens der durch

Kränklichkeit gereizten Laune Ihres Onkels, und viertens dem düstern

Geiste der Grämlichkeit, Unduldsamkeit und Unfreudigkeit am ganzen Dasein,

der den Falkenhof so lange beherrscht, und der erst unter Ihrer Herrschaft

weichen soll!« --

»Geb's Gott,« rief Dolores ernst, »ich habe mit diesem Geiste nichts zu

schaffen. Aber lieber, alter Engels, Sie müssen zugeben, daß all' diese

Reden, diese Versicherungen, ich sei ein Satanskind, genügenden Stoff

enthielten, einen jungen, unentwickelten Charakter, ein Kinderherz zu

vergiften!« --

»Mehr als das,« gab Engels zu. »Aber es ist nicht geschehen!«

»Gottlob, nein -- es war wohl ein ganz besonders gesendeter Engel mir zur

Seite, der diese Reden nicht tief in mein Gemüt dringen ließ,« sagte

Dolores, »im Gegenteil, anstatt ihn zu dämpfen, spornten sie meinen

Mutwillen nur an, und ich gefiel mir ganz gut in der Rolle des ewig

Streiche spielenden Teufels -- =tempi passati!=« --

Wieder ward es still. Die junge Schloßherrin streichelte sinnend das

schwarze, weiche Fell der Katze, und Engels paffte aus seiner kurzen Pfeife

dichte Rauchwolken, durch die er Dolores aufmerksam beobachtete.

»Man sagt, Sie seien reich beladen mit Schätzen im Falkenhofe

eingezogen,« begann er nach einer Weile.

»Wer sagt es?« fragte Dolores schnell.

»Wer? Hm -- nun, Doktor Ruß,« gestand Engels. »Wenigstens flüsterte

er mir zu, Sie hätten Diamanten, um damit das Bassin der großen Fontäne

zuzuschütten, und Ländereien in Brasilien!« --

»Das letztere ist wahr -- ich bin reich in der Heimat meiner Mutter

begütert,« erwiderte Dolores einfach, und setzte, sich vorbeugend, um

Engels besser ins Antlitz sehen zu können, hinzu: »Ich frage nicht nach

den Kommentaren, die Doktor Ruß zu diesen Berichten gemacht hat, denn

diese können nur eine Richtung haben und sind mir gleichgültig; aber

_Ihre_ Gedanken, lieber Engels, möcht' ich darüber hören!«

Engels hustete und machte sich an seiner Pfeife zu schaffen.

»Was liegt Ihnen an meinen Gedanken,« sagte er ausweichend.

»Es liegt mir viel an dem Urteil eines redlichen Menschen und Freundes,«

erwiderte sie ernst.

Wieder huschte sein scharfer, prüfender Blick über sie hin.

»Nun,« sagte er zögernd, »ich dachte mir halt dabei: Wenn sie selbst so

reich ist und sich über kurz oder lang doch verheiratet, so wird sie den

Falkenhof dem letzten Falkner übergeben, damit der alte Stamm darin

neue Sprossen treibe. Den meisten kommt die Nachricht, das Lehen sei

ein Kunkellehen, sehr überraschend, denn es ist das erste Mal seit

Menschengedenken, daß es auf die weibliche Linie übergeht. Man hat den

Baron Alfred allgemein für den Erben gehalten, und er that es wohl auch

selbst.«

»Nun, da wird die Welt wohl den Stab brechen über die habsüchtige

Erbin, die nicht genug haben kann, wenn ich trotzdem auf dem Falkenhof

verbleibe,« sagte Dolores ruhig. »Sie vielleicht vor allen anderen,«

fügte sie hinzu, als Engels betroffen schwieg. »Nun sagen Sie mir

aufrichtig, was Sie denken!«

»Ich denke, die Wege eines Frauenherzens sind unerforschlich, wie Gottes

Wege,« erwiderte er rauh.

»Sehen Sie, daß Sie mich nicht kennen?« rief Dolores fast frohlockend.

»Wenn also der, den ich für meinen einzigen Freund hielt um vergangener

Tage willen, wenn der mich so verkennt, was habe ich da von der Welt zu

erwarten? An ihr liegt mir wenig, an Ihrer Meinung aber liegt mir viel,

mein guter Engels. Und so sage ich's Ihnen allein: Bei Gott und allem was

mir heilig ist, ich habe Alfred Falkner das Erbe in den schonendsten Worten

übergeben, ein für allemal ohne Reserve -- und er hat mir's vor die

Füße geworfen. _Wie_ er's that, das hat das Tischtuch zwischen uns

zerschnitten -- ich darf ihm den Falkenhof nicht zum zweitenmal anbieten,

um meiner Würde willen!«

Engels streckte Dolores seine mächtige Rechte durch den Tabakdampf

entgegen.

»Verzeihen Sie,« sagte er einfach, und sie legte ohne Zögern ihre Hand

in die seine. »Nun seh' aber einer den stolzen Herrn Alfred an -- ein

echter Falkner!«

»Auch ich bin eine echte Falkner,« entgegnete Dolores, »und wenn wir,

die Zweige eines Stammes, einander nicht verstehen können, so sei es drum

-- er hat es so gewollt, nicht ich, dafür ist Gott mein Zeuge.«

»Gut, aber an dem stolzen Freiherrn ist es nun, den Sachverhalt etwaigen

mißverstehenden Gemütern beizubringen.«

»Gleichviel, mir liegt nichts daran,« sagte Dolores, und nach einer

kleinen Pause fügte sie hinzu: »Es wird dunkel -- ich muß ins Schloß

zurück, sonst suchen sie mich am Ende mit Fackeln!«

Sie erhob sich und legte die schnurrende Ida sanft auf das Sofa. Dann

reichte sie Engels die Hand.

»Gute Nacht denn,« sagte sie herzlich, »ich komme wieder zum Plaudern

in der Dämmerstunde, wenn Sie mich mögen. Das thut wohl, wenn man den Tag

mit nicht allzu heiteren Gedanken zugebracht hat, denn, lieber Freund,

es giebt Dinge, die sehr schmerzen, und das, das mit Alfred Falkner _hat_

geschmerzt!« Sie beugte sich herab, den wedelnden Dächsel zu streicheln,

und verließ ohne ein weiteres Wort das »Türmchen.«

* * * * *

Die junge Herrin hatte die erste Nacht auf dem Falkenhof unruhig

zugebracht. Sie lag unter den schweren Damastvorhängen ihres großen

Bettes und konnte doch nicht schlafen, als aber die Müdigkeit gegen Morgen

ihr die Augen schloß, hatten seltsame Träume ihr den Segen dieser kurzen

Rast geraubt.

Sie war endlich spät am Morgen erschreckt emporgefahren und bedurfte

einiger Zeit, sich zu sammeln und sich zu sagen, daß sie wirklich und

wahrhaftig geschlafen und geträumt, und nicht, nach der Manier exaltierter

Leute, Geister gesehen hatte. Und doch, sie hätte darauf schwören mögen,

daß sich die Boiserie dort an der Wand, welche die Bücherei von dem

Schlafgemach trennte, verschoben hatte, und durch die entstandene Öffnung

die »böse Freifrau« getreten war, ganz so, wie sie auf dem Bilde zu

sehen war, daß die schöne Ahne an ihr Bett getreten und sie geküßt und

ihr zugeflüstert hatte: »Ich grüße dich, Dolores, Erlöserin! Ich werde

bei dir sein, bis es erfüllt ist!« -- Dann hatte sie noch einen Kuß

auf ihre Stirn gedrückt, einen langen, innigen Kuß, den Dolores bei

der Erinnerung daran mit leisem Schauern fühlte, und war die Bettestrade

herabgeschritten, direkt auf ein kleines Madonnenbild zu, das über dem

Betstuhl am Fußende des Bettes hing. Auf das Bild hatte sie lächelnd

gedeutet und die eine Stelle des Rahmens mit der Hand berührt, dann hatte

sie diese Hand zum Gruß für Dolores geküßt und war desselben Weges

gegangen, den sie gekommen.

Etwas verwirrt von der Lebhaftigkeit dieses Traumes erhob sich Dolores und

kleidete sich an. Drüben im Turmzimmer stand schon ihr Frühstück bereit,

das Mamsell Köhler selbst zierlich arrangierte. Beim Durchschreiten der

Bildergalerie warf Dolores einen forschenden Blick auf das Porträt, das

sich ihr so lebhaft eingeprägt, daß sie sogar davon geträumt -- die

»böse Freifrau« lächelte ebenso traurig daraus herab, wie gestern.

Mamsell Köhler schien sehr erfreut, ihre Herrin heil und gesund

wiederzusehen.

»Ich hoffe, gnädige Baronesse sind durch nichts molestiert worden,«

sagte sie forschend und schüttelte erstaunt ihre grauen Löckchen, als sie

hörte, daß keine Geister die Nachtruhe der Herrin vom Falkenhof gestört.

»Haben doch auch angenehm geträumt?« setzte sie ihr Examen fort.

Dolores bejahte es nach einem Moment des Überlegens, denn böse war ja ihr

Traum nicht gewesen -- sie war geküßt und angelächelt worden.

Nach dem Frühstück kam Engels, und mit ihm arbeitete sie ein paar Stunden

unausgesetzt, um sich über den geschäftlichen Teil des Falkenhofes

zu informieren und Reformen ins Werk zu setzen, die Engels von dem

eigensinnigen Freiherrn nie hatte erlangen können. Dann besuchte sie mit

ihm die Wirtschaftsgebäude und besichtigte das Inventar des Hauses,

hier den Leuten des Hofes oder ihrer persönlichen Dienerschaft Geschenke

verteilend, dort ein freundliches Wort sprechend, bei allen aber die Ahnung

an eine kommende gute Zeit hinterlassend.

Endlich, gegen Abend ließ sie sich bei Frau Ruß melden, die sie kühl

und zurückhaltend, wie es nun einmal ihre Manier war, empfing, wogegen das

Benehmen des Doktors nicht herzlicher und entgegenkommender sein konnte.

Dolores empfand durchaus keine Antipathien gegen den Mann ihrer Tante, der

sich ihr aufs Freundlichste als »Onkel« empfahl, und sie schätzte das

reiche Wissen des stattlichen Mannes sehr, außerdem aber war sie selbst

eine viel zu ehrliche und aufrichtige Natur, um sich vorzustellen, daß von

der Herzlichkeit des Doktors nicht alles Gold war, was da glänzte.

Ruß hingegen war sich des Vorteils durchaus nicht unbewußt, den seine

glänzenden Gaben ihm vor Dolores einräumten, und er beschloß, sich

diesen Vorteil zu Nutze zu machen.

»Ich hoffe, daß, da Sie uns gestattet haben, den Falkenhof bis auf

weiteres zu bewohnen, wir auch recht gute Freunde werden,« sagte er

in seiner sanften, leisen und sympathischen Art. »Wenigstens wäre das

Gegenteil für beide Teile höchst unerquicklich und fatal.«

»Sie müssen nicht von ›Erlaubnis‹ sprechen,« erwiderte Dolores, und

einem ihrer raschen Impulse folgend, schlang sie ihren Arm um den Hals der

Frau Ruß und küßte die Wange der kalten Frau. »Ginge es nach mir, so

wärst du heut' Herrin im Falkenhofe, liebe Tante, aber dein Sohn hat es

nicht gewollt, und er hat mir sehr weh damit gethan.«

Frau Ruß wechselte mit ihrem Manne einen bedeutungsvollen Blick.

»Gutes Kind,« sagte sie, Dolores die Hand drückend, und das meinte sie

wirklich so, wie sie es sagte in ihrer kalten, harten Weise.

»So bleibt mir nur, den Falkenhof gut und im Hinblick auf deines Sohnes

Descendenz zu verwalten,« fuhr Dolores fort, »und das will ich treulich

thun, bis mein Tod die Annahme des Erbes seinem Stolze nicht mehr

widerstrebt!«

»Nun, mein seliger Schwager hat ja noch einen anderen Weg zur Applanierung

dieser Affaire gebahnt und angedeutet,« bemerkte Doktor Ruß.

»Je weniger wir von diesem Wege sprechen, desto besser,« entgegnete

Dolores ruhig, aber sehr fest, obgleich sie es nicht hindern konnte, daß

ein heißes Erröten sich dabei über ihr Antlitz ergoß.

Natürlich bemerkte Ruß auch das und registrierte es in den Annalen seines

Gedächtnisses.

Es wurde nun verabredet, die Hauptmahlzeit des Tages, das Diner

gemeinschaftlich im Speisesaale des Südflügels einzunehmen und sich zum

Thee abends bei Dolores einzufinden.

»Ich hoffe dabei viel von Ihren reichen Kenntnissen zu profitieren,«

sagte sie zu Doktor Ruß, und dieser erwiderte sofort: »Da können wir uns

ergänzen, denn ich liebe die Musik leidenschaftlich und namentlich übt

Gesang einen großen Zauber auf mich aus!«

»=Va bene=,« rief Dolores munter. »Wo man singt, da laß dich ruhig

nieder, böse Menschen haben keine Lieder.«

Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit machte sie sofort ihre Arrangements

und bestimmte den großen Balkon des Rokokosalons zu dem Raum, in dem

an schönen Abenden der Thee genommen werden sollte, während die

Bildergalerie an trüben und kühlen Tagen zu diesem Zwecke dienen sollte,

denn das Turmgemach reservierte sie sich als =buen retiro=, während der

Salon allein der Musik geweiht bleiben sollte. Sie erließ sofort ein

Schreiben an Ramo und beauftragte ihn, ein bewegliches Thee-Ameublement

anzukaufen zum beliebigen Aufstellen auf dem Balkon oder in der Galerie,

und bestellte für diese selbst Etablissements, Blumentische und Konsolen

mit Figuren in Elfenbeinmasse darauf, »die wir später mit schönen

Marmorbüsten vertauschen können,« sagte sie sich, als sie diese

Vorbereitungen zur Wohnlichmachung der leeren und öden Galerien getroffen.

Dann, nach einem kurzen Nachsinnen, setzte sie abermals die Feder an und

schrieb an den Professor Balthasar.

»Wenn Sie, teurer Freund, mit Ihrer mir so werten und lieben Gemahlin noch

nicht wissen sollten, wohin Sie diesen Sommer zur Erholung gehen, so

kommen Sie hierher, kommen Sie als meine hochwillkommenen Gäste auf den

Falkenhof. Sie müssen dabei bedenken, daß Sie damit ein gutes Werk thun,

denn ich bin nicht mehr ganz ich selbst, seitdem ich mich hier befinde.

Nicht, daß mich das Erbe selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte --

ich schätze Geld und Gut dazu nicht hoch genug, aber, aber werter

Freund, es giebt doch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere

Schulweisheit sich nichts träumen läßt, und von denen ich früher nichts

geahnt -- kurz, ich sehne mich nach Ihrer, dem Dasein Inhalt verleihenden

Gesellschaft, nach Frau Annas herrlichem Gleichgewicht und der

Liebenswürdigkeit, die sie Ihnen und anderen zum Schatze macht. Die

Schönheiten des Falkenhofes, seine herrliche grüne Waldeinsamkeit brauche

ich Ihnen nicht lockend zu schildern, die kennen Sie schon, und so bemerke

ich nur, daß Ihre Künstlerseele auch noch in einer Menge von Porträts

von Kneller, Holbein, Van Dyck, Pesne und wie sie alle heißen, schwelgen

kann, wenn es ihr beliebt notabene. Schreiben Sie nur, ob Sie kommen und

wann!

Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band. · 第 8 / 13 题