[_Congreß von Ryswick._] Auf halbem Wege zwischen Delft und dem Haag

liegt ein Dorf, Namens Ryswick, und in der Nähe desselben stand damals,

in einem von geradlinigen Kanälen umgebenen, in regelmäßige Gehölze,

Blumen- und Melonenbeete eingetheilten rechtwinkeligen Garten ein

Landhaus der Prinzen von Oranien. Das Haus war wie geschaffen für eine

Gesellschaft von Diplomaten, wie sie hier zusammenkommen sollte. Im

Centrum befand sich ein von Honthorst gemalter Saal. Zur Rechten und

Linken waren genau correspondirende Seitenflügel angebaut. Zu jedem der

beiden Flügel führte eine besondere Brücke, ein besonderer Eingang und

eine besondere Avenue. Der eine Flügel wurde den Verbündeten, der andre

den Franzosen, der Saal im Centrum dem Vermittler angewiesen.[111]

Einige Vorfragen der Etikette wurden nicht ohne Mühe erledigt, und

endlich, am 9. Mai, näherten sich eine Menge sechsspänniger Equipagen,

von Läufern, Bedienten und Pagen begleitet, von verschiedenen Seiten

dem Schloß. Der schwedische Gesandte stieg am Haupteingange aus. Der

Zug vom Haag kam durch die rechte Seitenallee an; der Zug von Delft

durch die linke Seitenallee. Bei der ersten Zusammenkunft überreichten

die Vertreter der kriegführenden Regierungen ihre Vollmachten dem

Vermittler. Beim zweiten Zusammentreffen, achtundvierzig Stunden

später, vollzog der Vermittler die Ceremonie der Auswechslung dieser

Vollmachten. Dann wurden mehrere Zusammenkünfte damit hingebracht,

die Zahl der Wagen, Pferde, Lakaien und Pagen festzustellen, welche

jeder Gesandte nach Ryswick mitzubringen berechtigt sein sollte, ob

die Dienstleute Stöcke tragen sollten, ob sie Degen tragen sollten, ob

sie Pistolen in den Halftern haben sollten, wer bei den Ausfahrten den

Vorrang haben und wessen Equipage auf den Straßen ausweichen sollte.

Es zeigte sich bald, daß der Vermittler nicht allein zwischen der

Koalition und den Franzosen, sondern auch zwischen den verschiedenen

Mitgliedern der Coalition zu vermitteln haben würde. Die kaiserlichen

Gesandten beanspruchten das Recht, am Berathungstische obenan zu

sitzen. Der spanische Gesandte wollte dieses Recht nicht anerkennen und

versuchte sich zwischen zwei von jenen einzudrängen. Die kaiserlichen

Gesandten wollten die Gesandten von Kurfürsten und Republiken nicht

Excellenz tituliren. „Wenn ich nicht Excellenz genannt werde,” sagte

der Minister des Kurfürsten von Brandenburg, „so wird mein Gebieter

seine Truppen aus Ungarn zurückziehen.” Die kaiserlichen Gesandten

verlangten ein Zimmer für sich im Gebäude und einen besonderen Platz

im Hofe für ihre Equipagen. Alle anderen Gesandten der Conföderation

erklärten dies für ein durchaus ungerechtfertigtes Verlangen, und eine

ganze Sitzung wurde mit diesem kindischen Streite verschwendet. Man

wird leicht glauben, daß Verbündete, die in ihrem Verkehr unter sich so

kleinlich waren, aller Wahrscheinlichkeit nach in ihrem Verkehr mit dem

Feinde nicht sehr gefällig sein würden. Die Hauptbeschäftigung Harlay’s

und Kaunitz’ bestand darin, gegenseitig ihre Füße zu beobachten.

Keiner von ihnen hielt es für verträglich mit dem Ansehen der Krone,

der er diente, sich dem Andren mit rascheren Schritten zu nähern, als

der Andre sich ihm näherte. Wenn daher der Eine bemerkte, daß er aus

Versehen zu rasch gegangen war, kehrte er bis zur Thür zurück, und die

steife Menuett begann von neuem. Die Gesandten Ludwig’s setzten einen

Vertragsentwurf in ihrer Muttersprache auf. Die deutschen Staatsmänner

protestirten gegen diese Neuerung, gegen diese Beleidigung der Würde

des heiligen römischen Reichs, gegen diesen Eingriff in die Rechte

unabhängiger Nationen und wollten nicht eher etwas von dem Entwurfe

wissen, als bis er aus gutem Französisch in schlechtes Latein übersetzt

war. Schon Mitte April wußte Jedermann im Haag, daß Karl XI., König von

Schweden gestorben und daß sein Sohn ihm auf den Thron gefolgt war;

aber es widerstritt der Etikette, daß irgend einer der versammelten

Gesandten die Kenntniß dieses Ereignisses äußerte, bevor Lilienroth es

förmlich annoncirt hatte; nicht minder widerstritt es der Etikette,

daß Lilienroth diese Anzeige machte, bevor seine Equipagen und seine

Dienerschaft in Trauer gehüllt waren, und es vergingen einige Wochen,

bis seine Wagenbauer und Kleidermacher ihre Aufgabe vollendet hatten.

Endlich, am 12. Juni, kam er in einem schwarz ausgeschlagenen und

von Bedienten in schwarzer Livree begleiteten Wagen nach Ryswick

und kündigte hier in vollem Congreß an, daß es Gott gefallen habe,

den großmächtigsten König Karl XI. zu sich zu nehmen. Sämmtliche

Gesandten bezeigten ihm hierauf ihre Theilnahme an der betrübenden

und unerwarteten Nachricht und begaben sich dann nach Hause, um ihre

Stickereien abzulegen und sich in Trauer zu kleiden. Unter solchen

feierlichen Tändeleien verging eine Woche nach der andren, und es

wurde kein reeller Fortschritt gemacht. Lilienroth hegte keineswegs

den Wunsch, die Sache zu beeilen. So lange der Congreß dauerte, nahm

er eine hochangesehene Stellung ein. Er wäre gern beständig Vermittler

geblieben, und er hätte aufgehört dies zu sein, wenn die Parteien zu

seiner Rechten und Linken aufhörten, mit einander zu hadern.[112]

Im Juni begann die Hoffnung auf Frieden zu sinken. Man erinnerte sich,

daß der vorige Krieg noch Jahre lang fortgedauert hatte, während ein

Congreß in Nymwegen tagte. Die Vermittler hatten im Februar 1676 ihren

Einzug in diese Stadt gehalten, und erst im Februar 1679 war der Vertrag

unterzeichnet worden. Indessen waren die Unterhandlungen von Nymwegen

nicht langsamer von Statten gegangen als die Unterhandlungen von

Ryswick. Es war nur zu wahrscheinlich, daß noch das 18. Jahrhundert

große Armeen einander am Rhein und der Maas gegenüberstehend,

betriebsame Bevölkerungen durch Steuern zu Boden gedrückt, fruchtbare

Provinzen verwüstet, die Schifffahrt auf dem Ocean durch Corsaren

beunruhigt und die Bevollmächtigten Noten wechselnd, Protokolle

aufnehmend und sich über den Platz, wo dieser Minister sitzen und über

den Titel, der jenem Minister bewilligt werden sollte, streitend finden

würde.

[_Wilhelm eröffnet eine bestimmte Unterhandlung._] Wilhelm hatte sich

jedoch fest vorgenommen, dieser Komödie bald ein Ende zu machen. Er

wollte entweder Frieden oder Krieg. Jedes von beiden war seiner Ansicht

nach besser als dieser interimistische Zustand, der die Nachtheile

beider in sich vereinigte. So lange die Unterhandlungen dauerten,

konnten die Lasten, die sein Volk drückten, sich nicht vermindern,

und doch konnte er von seinen Verbündeten kein energisches Handeln

erwarten. Wenn Frankreich wirklich geneigt war, einen Tractat unter

billigen Bedingungen zu schließen, so sollte dieser Tractat trotz der

Bornirtheit des katholischen Königs und trotz der selbstsüchtigen

Arglist des Kaisers zu Stande kommen. Meinte es Frankreich nicht

aufrichtig, dann war es um so besser, je eher die Wahrheit bekannt

wurde, je eher die in Ryswick spielende Posse aufhörte, je eher die

Bevölkerungen England’s und Holland’s -- denn von ihnen hing Alles

ab -- erfuhren, daß sie sich zu großen Anstrengungen und Opfern

entschließen mußten.

Pembroke und Villiers konnten, obgleich ihnen jetzt ein diplomatischer

Veteran, Sir Joseph Williamson, zur Seite stand, wenig oder nichts zur

Beschleunigung der Congreßverhandlungen thun. Denn obwohl Frankreich

versprochen hatte, den Prinzen von Oranien als König von Großbritannien

und Irland anzuerkennen, sobald der Friede zu Stande käme, hatte es

ihn doch noch immer nicht anerkannt. Seine Gesandten verkehrten daher

nicht direct mit Harlay, Crecy und Cailleres. Wilhelm beschloß mit der

Weisheit und Entschlossenheit eines ächten Staatsmannes durch einen

der in den Niederlanden commandirenden französischen Marschälle mit

Ludwig in Unterhandlung zu treten. Der Marschall Villeroy stand unter

ihnen am höchsten im Range. Aber Villeroy war schwach, vorschnell,

hochmüthig und empfindlich. Von einem solchen Unterhändler war weit

eher zu erwarten, daß er die Dinge verwirren, als daß er sie zu einer

gütlichen Ausgleichung bringen werde. Boufflers hingegen war ein

Mann von Einsicht und Mäßigung, und zum Glück hatte er während der

wenigen Tage, die er nach dem Falle Namur’s in Huy zugebracht, unter

der Obhut Portland’s gestanden, der ihn mit der größten Artigkeit

und Freundlichkeit behandelt hatte. In Folge dessen hatte sich ein

freundschaftliches Verhältniß zwischen dem Gefangenen und seinem Hüter

gebildet. Beide waren tapfere Soldaten, ehrenhafte Cavaliere und treue

Diener. Wilhelm glaubte daher mit Recht, daß sie viel eher zu einer

Verständigung kommen würden als Harlay und Kaunitz selbst mit dem

Beistande Lilienroth’s. Portland besaß in der That alle wesentlichen

Eigenschaften eines vorzüglichen Diplomaten. In England war das Volk

gegen ihn eingenommen, weil er ein Ausländer war; sein Earltitel, sein

Hosenbandorden, seine einträglichen Stellen, sein rasch zunehmender

Reichthum erweckten Neid; man verstand seinen Dialect nicht, seine

Manieren waren nicht die der großen Herren, welche in Whitehall

gebildet waren. Daher wurden seine Talente bei weitem nicht gebührend

gewürdigt; man pflegte ihn einen Dummkopf zu nennen, der zu nichts

tauge als zum Ueberbringen von Botschaften. Auf dem Continent aber,

wo er ohne Uebelwollen beurtheilt wurde, machte er einen ganz andren

Eindruck. Es ist ein bemerkenswerthes Factum, daß dieser Mann, der

in den Gesellschaftszirkeln und Kaffeehäusern London’s ein plumper

einfältiger Hogan Mogan[113] -- dies war die gebräuchliche Redensart

-- genannt wurde, in Versailles für einen außerordentlich fein

gebildeten Hofmann und einen höchst gewandten Unterhändler galt.[114]

Seine empfehlendste Eigenschaft war jedoch seine unerschütterliche

Rechtschaffenheit. Es war gewiß, daß die seiner Fürsorge anvertrauten

Interessen ihm eben so theuer sein würden als sein Leben und daß jeder

Bericht, den er seinem Gebieter abstattete, buchstäblich genau sein

würde.

[_Zusammenkünfte Portland’s mit Boufflers._] Gegen Ende Juni ließ

Portland Boufflers freundlich um eine halbstündige Unterredung bitten.

Boufflers schickte sogleich einen Expressen an Ludwig und erhielt in der

kürzesten Zeit, die ein Courier brauchte, um nach Versailles und wieder

zurück zu eilen, Antwort. Ludwig befahl dem Marschall, Portland’s Wunsch

zu erfüllen, so wenig als möglich zu sagen, und so viel als möglich zu

erfahren.[115]

Am 28. Juni nach altem Style, fand in der Nähe von Hal, einer ungefähr

zehn Meilen von Brüssel auf der Straße nach Mons liegenden Stadt die

erste Zusammenkunft statt. Nachdem die ersten Begrüßungen gewechselt

waren, stiegen Boufflers und Portland ab, ihre Begleiter zogen sich

zurück und die beiden Unterhändler blieben in einem Garten allein. Hier

gingen sie zwei Stunden lang auf und ab und erledigten in dieser kurzen

Zeit mehr als die Bevollmächtigten in Ryswick in eben so vielen Monaten

zu erledigen vermochten.[116]

Bis dahin hatte die französische Regierung den zwar natürlichen, aber

durchaus irrigen Verdacht gehegt, daß Wilhelm den Krieg in die Länge

ziehen wolle, daß er sich nur deshalb dazu verstanden habe zu

unterhandeln, weil er es nicht wagen dürfe, sich der öffentlichen

Meinung England’s und Holland’s zu widersetzen, daß er aber das

Scheitern der Unterhandlungen wünsche, und daß das eigensinnige

Verhalten des Hauses Oesterreich und die Schwierigkeiten, die in Ryswick

entstanden waren, hauptsächlich seinen Machinationen zuzuschreiben

seien. Dieser Verdacht war jetzt beseitigt. Kalte und ernste, aber

achtungsvolle Artigkeiten wurden zwischen den beiden großen Fürsten

gewechselt, deren Feindschaft Europa seit einem Vierteljahrhundert in

beständiger Aufregung erhielt. Die Unterhandlungen zwischen Boufflers

und Portland schritten so rasch vorwärts als die Nothwendigkeit häufiger

Referate nach Versailles es gestattete. Ihre fünf ersten Conferenzen

wurden unter freiem Himmel gehalten; bei der sechsten aber zogen sie

sich in ein kleines Haus zurück, in welches Portland Tische und

Schreibmaterialien hatte bringen lassen, und hier wurde das Ergebniß

ihrer Arbeiten zu Papier gebracht.

Die zu erledigenden Hauptpunkte waren vier an der Zahl. Wilhelm hatte

zuerst zwei Zugeständnisse von Ludwig verlangt, und Ludwig hatte zwei

Zugeständnisse von Wilhelm verlangt.

Wilhelm’s erste Forderung war, daß Frankreich sich verpflichten sollte,

keinem Versuche, den Jakob oder seine Anhänger machen könnten, um die

bestehende Ordnung der Dinge in England zu stören, direct oder indirect

Beistand oder Vorschub zu leisten.

Wilhelm’s zweite Forderung war, daß Jakob nicht mehr gestattet sein

sollte, an einem England so gefährlich nahen Orte wie Saint-Germains zu

wohnen.

Auf die erste dieser Forderungen entgegnete Ludwig, daß er vollkommen

bereit sei, sich auf das Feierlichste zu verpflichten, keinem Versuche

zur Störung der bestehenden Ordnung der Dinge in England in irgend einer

Weise Unterstützung oder Vorschub zu leisten, daß es aber mit seiner

Ehre unverträglich sei, daß der Name seines Vetters und Gastes in dem

Vertrage genannt werde.

Auf die zweite Forderung entgegnete Ludwig, daß er einem unglücklichen

Könige, der in seinem Lande eine Zufluchtsstätte gesucht habe, seine

Gastfreundschaft nicht versagen und daß er nicht einmal versprechen

könne, den Wunsch zu äußern, Jakob möchte Saint-Germains verlassen. Aber

Boufflers gab, als ob er seine eigne Idee ausspräche, obgleich er ohne

Zweifel nichts sagte, was nicht mit den Wünschen seines Gebieters

übereinstimmte, zu verstehen, daß die Sache sich wahrscheinlich

arrangiren lassen werde, und nannte Avignon als einen Ort, wo die

verbannte Familie residiren könnte, ohne der englischen Regierung Grund

zu Besorgnissen zu geben.

Ludwig verlangte dagegen seinerseits erstens, daß den Jakobiten eine

allgemeine Amnestie gewährt werden, und zweitens, daß Marie von Modena

ihr Leibgedinge von funfzigtausend Pfund jährlich erhalten sollte.

Die Bewilligung der ersten von diesen beiden Forderungen verweigerte

Wilhelm entschieden. Er werde stets bereit sein, die Vergehen von

Männern zu verzeihen, welche den Willen zeigten, in Zukunft ruhig

unter seiner Regierung zu leben; allein er könne sich nicht dazu

verstehen, die Ausübung seines Begnadigungsrechtes zum Gegenstande

eines Uebereinkommens mit einer auswärtigen Macht zu machen. Das von

Marien von Modena beanspruchte Jahrgeld werde er gern bezahlen, wenn er

die Gewißheit habe, daß es nicht zu Machinationen gegen seinen Thron

und seine Person, zur Unterhaltung eines neuen Etablissements an der

Küste von Kent wie das Hunt’s oder zum Ankauf von Pferden und Waffen zu

einem neuen Attentate wie das von Turnham Green verwendet werden würde.

Boufflers habe von Avignon gesprochen. Wenn Jakob und seine Gemahlin

dort ihren Aufenthalt nähmen, so sollten wegen des Jahrgeldes keine

weiteren Schwierigkeiten gemacht werden.

[_Die Friedensbedingungen zwischen Frankreich und England werden

festgesetzt._] Endlich waren alle streitigen Punkte geordnet. Nach

langen Discussionen wurde ein Artikel aufgesetzt, in welchem Ludwig sein

Ehrenwort gab, daß er keinen Versuch zum Umsturz oder zur Beunruhigung

der bestehenden Regierung England’s irgendwie begünstigen werde. Dagegen

versprach auch Wilhelm, kein Unternehmen gegen die Regierung

Frankreich’s zu begünstigen. Dieses Versprechen hatte Ludwig nicht

verlangt und er schien daher anfangs geneigt, es als eine Beleidigung zu

betrachten. Sein Thron, sagte er, stehe vollkommen fest und Niemand

bestreite sein Recht auf denselben. Es gebe in seinem Lande keine

Eidverweigerer, keine Verschwörer, und er halte es für unvereinbar mit

seiner Würde, einen Vertragspunkt zu genehmigen, in welchem zu liegen

scheine, daß er Complots und Aufstände befürchte, wie sie eine aus einer

Revolution hervorgegangene Dynastie naturgemäß fürchten müsse. Er gab

jedoch in diesem Punkte nach, und man kam überein, daß die Verpflichtung

streng gegenseitig sein sollte. Wilhelm verlangte nicht mehr, daß

Jakob’s Name genannt werde und Ludwig verlangte nicht mehr, daß den

Anhängern Jakob’s eine Amnestie bewilligt werde. Es wurde festgesetzt,

daß in dem Vertrage weder über den Aufenthaltsort des verbannten Königs

von England, noch über das Leibgedinge seiner Gemahlin etwas erwähnt

werden sollte. Aber Wilhelm autorisirte seine Bevollmächtigten beim

Congresse, zu erklären, das Marie von Modena das haben solle, worauf

eine vorzunehmende Untersuchung ihren rechtmäßigen Anspruch darthun

werde. Auf was sie rechtmäßigen Anspruch hatte, war eine Frage, deren

Beantwortung ganz Westminsterhall in Verlegenheit gesetzt haben würde.

Doch es war ausgemacht, daß sie ohne Sträuben so viel erhalten würde,

als sie nur irgend verlangen konnte, sobald sie sich mit ihrem Gemahl in

die Provence oder nach Italien zurückgezogen haben würde.[117]

[_Schwierigkeiten, durch Spanien und den Kaiser veranlaßt._] Vor Ende

Juli war Alles geordnet, soweit Frankreich und England betheiligt waren.

Inzwischen erfuhren die in Ryswick versammelten Gesandten, daß Boufflers

und Portland wiederholte Zusammenkünfte in Brabant gehalten und

daß sie in höchst regelwidriger und unpassender Weise, ohne

Beglaubigungsschreiben, ohne Vermittelung, ohne Noten, ohne Protokolle,

ohne gegenseitig ihre Schritte zu zählen und ohne einander Excellenz zu

nennen, mit einander unterhandelten. Sie waren so barbarisch unerfahren

in den ersten Anfangsgründen der edlen Wissenschaft der Diplomatie, daß

sie das Werk, der Christenheit den Frieden wiederzugeben, beinahe zu

Stande gebracht hatten, während sie unter einigen Aepfelbäumen

umhergingen. Die Engländer und Holländer zollten Wilhelm’s Klugheit und

Entschiedenheit lauten Beifall. Er hatte den Knoten zerhauen, den der

Congreß nur verwirrt und zusammengezogen hatte. Er hatte in einem Monate

gethan, was die im Haag versammelten Formalisten und Pedanten nicht in

zehn Jahren zu Stande gebracht haben würden. Auch die französischen

Bevollmächtigten waren nicht unzufrieden. „Es ist interessant,” sagt

Harlay, ein geistreicher und verständiger Mann, „daß, während die

Gesandten sich bekriegen, die Generäle Frieden schließen.”[118]

Aber Spanien behielt die nämliche Miene arroganter Sorglosigkeit

bei, und die Gesandten des Kaisers, welche offenbar vergaßen, daß

ihr Gebieter wenige Monate früher, ohne Wilhelm zu fragen, einen

Neutralitätsvertrag für Italien abgeschlossen hatte, schienen

es höchst auffallend zu finden, daß Wilhelm sich erdreistete zu

unterhandeln, ohne ihren Gebieter zu fragen. Es zeigte sich mit jedem

Tage deutlicher, daß der Wiener Hof es darauf anfing, den Krieg

in die Länge zu ziehen. Am 10. Juli proponirten die französischen

Gesandten nochmals billige und ehrenvolle Friedensbedingungen, setzten

aber hinzu, daß wenn diese Bedingungen bis zum 21. August nicht

angenommen wären, der Allerchristlichste König sich nicht an sein

Anerbieten gebunden erachten würde.[119] Wilhelm ermahnte umsonst

seine Verbündeten vernünftig zu sein. Alle Argumente prallten an dem

unsinnigen Stolze der einen Linie des Hauses Oesterreich, und an der

selbstsüchtigen Politik der andren ab. Der 21. August kam und verging,

und der Tractat war nicht unterzeichnet; es stand Frankreich somit

frei, seine Forderungen zu steigern, und es that dies. Denn gerade um

diese Zeit traf die Nachricht von zwei harten Schlägen ein, welche

Spanien betroffen hatten, der eine in der alten, der andre in der neuen

Welt. Ein französisches Armeecorps unter Vendome’s Befehlen hatte

Barcelona genommen. Ein französisches Geschwader war heimlich aus

Brest ausgelaufen, hatte die verbündeten Flotten umgangen, war über

das Atlantische Meer gefahren, hatte Carthagena geplündert und war mit

Schätzen beladen nach Frankreich zurückgekehrt.[120] Die spanische

Regierung sprang mit einem Male von übermüthiger Apathie zu niedriger

Angst über und war bereit jede Bedingung anzunehmen, die der Sieger

vorschreiben würde. Die französischen Bevollmächtigten kündigten dem

Congresse an, daß ihr Gebieter entschlossen sei, Straßburg zu behalten,

und daß, wenn die von ihm angebotenen Bedingungen in so modificirter

Gestalt bis zum 10. September nicht angenommen wären, er sich für

berechtigt halten würde, auf weiteren Modificationen zu bestehen.

Noch nie war Wilhelm’s Geduld auf eine härtere Probe gestellt worden.

Er wurde sowohl durch den Starrsinn seiner Verbündeten, wie durch

die gebieterische Sprache des Feindes gereizt. Nicht ohne schweren

Kampf und heftige Seelenqual entschloß er sich, in das zu willigen,

was Frankreich jetzt vorschlug. Aber er fühlte, daß es ganz unmöglich

sein würde, selbst wenn es wünschenswerth gewesen wäre, das Haus der

Gemeinen und die Generalstaaten zu bewegen, den Krieg zu dem Zwecke

fortzusetzen, um Frankreich eine einzelne Festung zu entreißen,

eine Festung, an deren Schicksal weder England noch Holland ein

unmittelbares Interesse hatten, eine Festung, die dem Reiche nur durch

die unverständige Hartnäckigkeit des kaiserlichen Hofes verloren

gegangen war. Er beschloß, die modificirten Bedingungen anzunehmen und

ließ seinen Gesandten in Ryswick die Weisung zukommen, daß sie an dem

festgesetzten Tage unterzeichnen sollten. Die Gesandten Spanien’s und

Holland’s erhielten ähnliche Instructionen. Es unterlag keinem Zweifel,

daß auch der Kaiser trotz seines Murrens und Protestirens dem Beispiele

seiner Bundesgenossen bald folgen würde. Um ihm Zeit zur Ueberlegung

zu lassen wurde festgesetzt, daß er in den Tractat aufgenommen werden

solle, wenn er seinen Beitritt bis zum 1. November anzeigte.

[_Versuche Jakob’s, einen allgemeinen Friedensschluß zu verhindern._]

Inzwischen erregte Jakob durch seine Klagen und Drohungen die Heiterkeit

und das Mitleid von ganz Europa. Er hatte vergebens sein Recht geltend

gemacht, als der alleinige wirkliche König von England einen Gesandten

zu dem Congresse zu schicken.[121] Er hatte umsonst an sämmtliche

römisch-katholische Fürsten der Conföderation eine Denkschrift

gerichtet, in der er sie beschwor, sich mit Frankreich zu einem

Kreuzzuge gegen England zu verbinden, um ihn wieder in sein Erbe

einzusetzen und die gottlose Rechtsbill zu annulliren, welche Mitglieder

der wahren Kirche vom Throne ausschloß.[122] Als er sah, daß diese

Aufforderung unbeachtet blieb, erließ er einen feierlichen Protest gegen

die Gültigkeit jedes Vertrags, an welchem die bestehende englische

Regierung sich betheiligen würde. Er erklärte alle Verpflichtungen, die

sein Königreich seit der Revolution eingegangen war, für null und

nichtig und kündigte an, daß, wenn er wieder zur Gewalt gelangen sollte,

er sich an keine dieser Verpflichtungen gebunden erachten würde. Er gab

zu, daß er durch die Nichtachtung dieser Verpflichtungen große

Calamitäten sowohl über seine eigenen Lande als über die ganze

Christenheit bringen könne; aber er erklärte, daß er sich wegen dieser

Calamitäten weder vor Gott noch vor den Menschen für verantwortlich

halten werde. Es scheint fast unglaublich, daß selbst ein Stuart, ja der

schlimmste und beschränkteste aller Stuarts wähnen konnte, das es die

erste Pflicht nicht nur seiner Unterthanen, sondern der ganzen

Menschheit sei, seine Rechte zu vertheidigen; das Franzosen, Deutsche,

Italiener und Spanier ein Verbrechen begingen, wenn sie nicht Jahr auf

Jahr für ihn ihr Blut vergössen und ihr Geld opferten; daß die

Interessen der sechzig Millionen Menschen, für welche der Friede ein

Segen gewesen wäre, im Vergleich mit den Interessen eines Einzelnen von

gar keinem Gewicht seien.[123]

[_Der Tractat von Ryswick unterzeichnet._] Trotz aller seiner Proteste

rückte der Tag des Friedensschlusses heran. Am 10. September

versammelten sich die Gesandten Frankreich’s, England’s, Spanien’s und

der Vereinigten Provinzen in Ryswick. Es waren drei Verträge zu

unterzeichnen, und man stritt sich lange über die wichtige Frage,

welcher zuerst unterzeichnet werden sollte. Es war ein Uhr Morgens, als

man sich endlich dahin einigte, daß der Tractat zwischen Frankreich und

den Generalstaaten den Vorzug haben sollte, und erst bei Tagesanbruch

waren sämmtliche Instrumente vollzogen. Dann beglückwünschten die

Bevollmächtigten einander unter vielen Verbeugungen, daß sie die Ehre

gehabt hatten, zu einem so großen Werke etwas beizutragen.[124]

Eine Schaluppe erwartete Prior. Er eilte an Bord und nachdem er einen

Aequinoctialsturm überstanden, landete er am dritten Tage an der Küste

von Suffolk.[125]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 23 / 25 段