Dorset legte seine Stelle als Oberkammerherr nieder, doch nicht mit

Unmuth, und zog sich, mit königlichen Gunstbezeigungen beladen, ins

Privatleben zurück. Sein Nachfolger war Sunderland, der auch,

nicht ohne viel Murren von verschiedenen Seiten, zu einem der

Lords Justices ernannt wurde.[102] Von den Tories wurde Sunderland

gründlich verabscheut. Einige von den Whighäuptern hatten seinem

einschmeichelnden Wesen nicht widerstehen können, und andre waren

dankbar für die Dienste, die er unlängst der Partei geleistet. Doch die

Führer vermochten nicht ihre Anhänger zurückzuhalten. Verständige

Männer, die der bürgerlichen Freiheit und der protestantischen Religion

zugethan waren, die sich außer dem Bereiche von Sunderland’s

unwiderstehlichem Zauber befanden und welche wußten, daß er in der Hohen

Commission gesessen, bei der Indulgenzerklärung mitgewirkt, als Zeuge

gegen die sieben Bischöfe aufgetreten war und die Hostie von einem

papistischen Priester empfangen hatte, konnten ihn nicht ohne Unwillen

und Beschämung mit dem Stabe in der Hand zur Seite des Thrones stehen

sehen. Noch empörender war es, daß einem solchen Manne in Abwesenheit

des Souverains die Administration der Regierung anvertraut werden

sollte. Wilhelm begriff diese Gesinnungen nicht. Sunderland war ein

talentvoller und brauchbarer Diener; er war zwar ohne Grundsätze, aber

dies waren alle englischen Staatsmänner dieser Generation, welche unter

der unseligen Tyrannei der Frommen die Tugend verachten gelernt hatten

und während des wilden Jubels der Restauration in die schmachvollste

Lasterhaftigkeit versunken waren. Er war ein ächtes Musterexemplar

seiner Klasse, vielleicht ein wenig schlechter als Leeds oder Godolphin

und ungefähr eben so schlecht als Russell oder Marlborough. Warum er aus

der Heerde vertrieben werden sollte, konnte der König nicht begreifen.

Trotz der Unzufriedenheit, welche Sunderland’s Erhebung erweckt hatte,

war England diesen Sommer vollkommen ruhig und in vortrefflicher

Stimmung. Jedermann, die fanatischen Jakobiten allein ausgenommen,

freute sich über das rasche Wiederaufleben des Handels und über die nahe

Aussicht auf Frieden. Auch Irland und Schottland waren nicht minder

ruhig.

[_Zustand Irland’s._] In Irland hatte sich, seitdem Sidney nicht mehr

Lordlieutenant war, nichts ereignet, was umständlichere Erwähnung

verdiente. Die Regierung hatte die Colonisten ungehindert über die

eingeborne Bevölkerung dominiren lassen, und die Colonisten hatten sich

dafür der Regierung durchaus unterwürfig bezeigt. Die Verhandlungen der

in Dublin tagenden lokalen Legislatur waren in keiner Hinsicht wichtiger

oder interessanter gewesen als die Verhandlungen der gesetzgebenden

Versammlung von Barbados. Das nennenswertheste Ereigniß in der

parlamentarischen Geschichte Irland’s zu jener Zeit war vielleicht ein

Streit zwischen den beiden Häusern, welcher durch eine Collision

zwischen dem Wagen des Sprechers und dem Wagen des Kanzlers entstanden

war. Es gab zwar Parteispaltungen, aber sie entsprangen lediglich aus

persönlichen Prätensionen und Animositäten. Die Namen Whig und Tory

waren über den St. Georgskanal gebracht worden, hatten aber unterwegs

ihre ganze Bedeutung verloren. Ein Mann, der in Dublin ein Tory genannt

wurde, würde in Westminster für einen eben so entschiedenen Whig

gegolten haben als Wharton. Die Hochkirchlichsten in Irland

verabscheuten und fürchteten den Papismus so sehr, daß sie geneigt

waren, jeden Protestanten als einen Bruder zu betrachten. Sie erinnerten

sich der Tyrannei Jakob’s, der Beraubungen, der Verbrennungen, der

Confiscationen, des Kupfergeldes und der Verurtheilungsacte mit bitterem

Grolle, und verehrten Wilhelm als ihren Befreier und Erhalter. Ja selbst

für das Gedächtniß Cromwell’s konnten sie nicht umhin eine gewisse

Achtung zu hegen, denn was er auch sonst gewesen sein mochte, er war

immer der Vertheidiger und Rächer ihres Stammes gewesen. Die

Parteispaltungen England’s hatten daher mit den Parteispaltungen

Irland’s fast gar nichts gemein. In England gab es zwei Parteien von

gleichem Stamme und Glauben, die mit einander kämpften; in Irland gab es

zwei Kasten verschiedenen Stammes und Glaubens, von denen die eine die

andre mit Füßen trat.

[_Zustand Schottland’s._] Auch Schottland war ruhig. Die Ernte des

letzten Jahres war zwar knapp ausgefallen und es herrschte daher viel

Noth. Aber der Muth der Nation wurde durch hochfliegende Hoffnungen

aufrechterhalten, die in schmerzliche Enttäuschung ausgehen sollten. Ein

schöner Traum von Wohlstand und Herrschaft erfüllte die Gemüther der

Leute so vollständig, daß sie die gegenwärtige Noth kaum fühlten. Wie

dieser Traum entstand und durch welches schreckliche Erwachen er

zerstört wurde, soll nachher erzählt werden.

[_Eine Parlamentssession in Edinburg._] Im Herbste des Jahres 1696

traten die schottischen Stände in Edinburg zusammen. Die Sitzungen waren

spärlich besucht, und die Session dauerte nur fünf Wochen. Es wurde eine

Summe von wenig über hunderttausend Pfund bewilligt und zwei Acten zur

Sicherung der Regierung angenommen. Die eine von diesen beiden Acten

verlangte von allen öffentlichen Angestellten die Unterzeichnung einer

Vereinsurkunde ähnlich der, welche im Süden der Insel so allgemein

unterzeichnet worden war. Die andre Acte bestimmte, daß das schottische

Parlament durch den Tod des Königs nicht aufgelöst werden sollte.

[_Acte zur Errichtung von Schulen._] Das bei weitem wichtigste Ereigniß

dieser kurzen Session war jedoch die Annahme einer Acte zur Errichtung

von Schulen. Durch dieses denkwürdige Gesetz wurde, nach schottischer

Ausdrucksweise, bestimmt und verordnet (+statuted and ordained+), daß

jede Gemeinde im Lande für ein geräumiges Schulhaus sorgen und einen

Lehrer mit mäßigem Gehalte anstellen sollte. Die Folgen dieses Gesetzes

konnten natürlich nicht sogleich empfunden werden. Aber noch ehe ein

Menschenalter verstrichen war, begann es sich unverkennbar zu zeigen,

daß das gemeine Volk Schottland’s in der Intelligenz dem gemeinen Volke

jedes andren Landes in Europa überlegen war. In welches Land der Schotte

auch auswandern, welchem Berufe er sich widmen mochte, in Amerika oder

in Indien, im Handel oder im Kriege, überall erhob ihn der Vortheil

seiner ersten Schulbildung über seine Concurrenten. Wenn er als

Ausläufer in ein Waarengeschäft aufgenommen ward, wurde er bald der

erste unter seinen Collegen. Trat er in die Armee ein, so wurde er bald

Sergeant. Zu gleicher Zeit machte Schottland, trotz seines sterilen

Bodens und seines rauhen Klima’s, im Landbau, im Fabrikwesen, im Handel,

in der Literatur, in den Wissenschaften, kurz in Allem was die

Civilisation ausmacht, so bedeutende Fortschritte, wie die alte Welt sie

nie gesehen und wie sie selbst in der neuen Welt kaum übertroffen worden

sind.

Diese wunderbare Veränderung ist, wenn nicht einzig und allein, doch

hauptsächlich dem nationalen Unterrichtssystem zuzuschreiben. Den

Männern aber, durch welche dieses System eingeführt wurde, ist die

Nachwelt keinen Dank schuldig. Sie wußten nicht was sie thaten; sie

waren die unbewußten Werkzeuge der Aufklärung des Geistes und der

Humanisirung der Herzen von Millionen. Ihr eigner Geist aber war so

beschränkt und ihre Herzen so verhärtet wie die der Familiaren der

Inquisition in Lissabon. In dem nämlichen Monate, in welchem die Acte

zur Errichtung von Schulen mit dem Scepter berührt wurde, begannen die

Häupter der Kirche und des Staats in Schottland mit Nachdruck zwei des

zehnten Jahrhunderts würdige Verfolgungen, eine Verfolgung der Hexen und

eine Verfolgung der Ungläubigen. Eine Anzahl unglücklicher Weiber, deren

einziges Verbrechen darin bestand, daß sie alt und arm waren, wurden des

Verkehrs mit dem Teufel angeklagt. Der Geheime Rath schämte sich nicht,

ein Decret zur Prozessirung von zweiundzwanzig dieser unglücklichen

Geschöpfe zu erlassen.[103] In den Läden der Edinburger Buchhändler

wurde strenge Nachsuchung nach ketzerischen Schriften gehalten. Gottlose

Bücher, zu denen die Weisen des Presbyteriums Thomas Burnet’s +Sacred

Theory of the Earth+ rechneten, wurden aufs Strengste verboten.[104]

Aber die bloße Vernichtung von Papier und Schafleder genügte den

Bigotten nicht. Ihr Haß verlangte Opfer, welche Gefühl hatten, und sie

ruhten nicht eher als bis sie ein Verbrechen verübt, wie es seitdem nie

wieder unsre Insel geschändet hat.

[_Der Prozeß Thomas Aikenhead’s._] Ein achtzehnjähriger Student, Namens

Thomas Aikenhead, von großem Fleiß und tadelloser sittlicher Führung,

war im Verlaufe seiner Studien auf einige von den gewöhnlichen

Argumenten gegen die Bibel gestoßen. Er glaubte einen der übrigen

Menschheit verborgenen Weisheitsschatz entdeckt zu haben und theilte

seine Entdeckung mit dem eitlen Stolze, von dem lebhafte junge Leute

selten frei sind, vier oder fünf seiner Stubengenossen mit. Dreiheit in

der Einheit, sagte er, sei ein eben so großer Widerspruch wie die

Quadratur des Zirkels. Esra sei der Verfasser des Pentateuchs. Die

Apokalypse sei ein allegorisches Buch über den Stein der Weisen. Moses

habe in Egypten Zauberei gelernt. Das Christenthum sei eine Täuschung,

die nicht bis zum Jahre 1800 dauern würde. Wegen dieses albernen

Geschwätzes, dessen er sich wahrscheinlich noch lange vor seinem

fünfundzwanzigsten Jahre geschämt haben würde, wurde er von dem

Lordadvokaten in Anklagestand versetzt. Der Lordadvokat war jener James

Stewart, der so oft ein Whig und so oft ein Jakobit gewesen war, daß es

schwer ist, seine Abfälle zu zählen. Er war jetzt zum dritten, wenn

nicht zum vierten Male ein Whig. Nach dem schottischen Gesetz hätte

Aikenhead allerdings mit Gefängniß bestraft werden können, bis er seine

Irrthümer widerrufen und vor der Congregation seines Kirchspiels Abbitte

gethan haben würde, und jeder Verständige und Humane würde dies als eine

hinreichende Strafe für das Geschwätz eines vorlauten Knaben betrachtet

haben. Stewart aber, der eben so grausam als schlecht war, verlangte

Blut. Es gab unter den schottischen Gesetzen eines, das Schmähungen oder

Verwünschungen des höchsten Wesens oder einer Person der Dreieinigkeit

zu einem Kapitalverbrechen stempelte. Von dem, was Aikenhead gesagt

hatte, konnte jedoch nichts in den Bereich dieses Gesetzes gebracht

werden, ohne seinen Worten den gewaltsamsten Zwang anzuthun. Aber der

Lordadvokat bot seine ganze Spitzfindigkeit auf. Der arme junge Mann

hatte keinen Vertheidiger und er war durchaus unfähig, sich selbst zu

vertheidigen. Er wurde für schuldig befunden und dazu verurtheilt,

gehängt und am Fuße des Galgens begraben zu werden. Umsonst widerrief er

mit Thränen in den Augen seine Irrthümer und bat kläglich um Gnade.

Einige von Denen, die ihn im Kerker besuchten, hielten seinen Widerruf

für aufrichtig, und es ist auch keineswegs unwahrscheinlich, daß bei ihm

wie bei vielen anderen vermeintlichen Philosophen, welche die Religion

ihrer Kindheit völlig abgestreift zu haben wähnen, die nahe Aussicht auf

den Tod eine totale Umwandlung in seinen Ansichten bewirkt hatte. Er

reichte bei dem Geheimen Rathe das Bittgesuch ein, daß, wenn ihm das

Leben nicht geschenkt werden könnte, man ihm wenigstens eine kurze Frist

bewilligen möchte, damit er sich mit Gott, den er beleidigt habe,

aussöhnen könne. Einige Staatsräthe waren für Gewährung dieser kleinen

Nachsicht. Andere meinten, sie dürfe nur dann bewilligt werden, wenn die

Edinburger Geistlichen sich verwendeten. Die beiden Parteien hielten

einander die Wage und die Frage wurde durch die den Ausschlag gebende

Stimme des Kanzlers gegen den Angeklagten entschieden. Der Kanzler war

ein Mann, der im Laufe dieser Geschichte häufig, aber nie mit Ehren

erwähnt worden ist. Es war jener Sir Patrick Hume, dessen streit- und

parteisüchtiges Wesen der Unternehmung Argyle’s zum Verderben gereicht

und der Regierung Wilhelm’s nicht wenig zu schaffen gemacht hatte. In

dem Club, der dem Könige getrotzt und über das Parlament dominirt, hatte

es keinen lärmenderen Republikaner gegeben. Aber ein Titel und ein Amt

hatten eine merkwürdige Bekehrung herbeigeführt. Sir Patrick hieß jetzt

Lord Polwarth, er hatte das große Siegel Schottland’s in Verwahrung,

führte den Vorsitz im Geheimen Rathe, und so lag es in seiner Macht, die

schlechteste That seines schlechten Lebens zu begehen.

Es blieb nun noch übrig zu sehen wie die Edinburger Geistlichkeit

handeln würde. Man sollte es kaum für möglich halten, daß Geistliche

gegen das Flehen eines reumüthigen Verbrechers, der nicht Begnadigung,

sondern nur ein wenig Zeit verlangt, um ihre Belehrungen zu empfangen

und den Himmel um die Gnade zu bitten, die ihm auf Erden nicht gewährt

werden kann, taub bleiben konnten. Dennoch war es so. Die Geistlichen

verlangten nicht nur seine Hinrichtung, sondern seine sofortige

Hinrichtung, mochte es auch sein ewiger Tod sein. Selbst von den Kanzeln

herab forderten sie seine Abschlachtung. Es ist wahrscheinlich, daß der

eigentliche Grund, warum sie ihm eine Frist von einigen Tagen

verweigerten, die Besorgniß war, daß die Umstände seines Prozesses nach

Kensington berichtet und daß der König, der bei Ablegung des

Krönungseides vom Throne herab erklärt hatte, kein Verfolger sein zu

wollen, den bestimmten Befehl geben könnte, das Urtheil nicht zu

vollstrecken. Aikenhead wurde zwischen Edinburg und Leith gehängt. Er

zeigte aufrichtige Reue und erlitt den Tod mit der Bibel in der Hand.

Die Bevölkerung von Edinburg wurde, obgleich durchaus nicht geneigt,

sein Vergehen leicht zu nehmen, durch seine Jugend, seine Reue und die

grausame Eile, mit der man ihn aus der Welt beförderte, zu Mitleid

gerührt. Man schien zu befürchten, daß ein Versuch zu seiner gewaltsamen

Befreiung gemacht werden möchte, denn ein starkes Corps Füseliere stand

unter den Waffen, um die Civilgewalt zu unterstützen. Die Priester,

welche die eigentlichen Mörder des jungen Mannes waren, umgaben den

Galgen und beleidigten während seines letzten Todeskampfes den Himmel

durch Gebete, welche ärgere Blasphemien waren als Alles was der arme

Mensch je gesagt hatte. Wodrow hat keine größere Abscheulichkeit von

Dundee erzählt.[105]

[_Militärische Operationen in den Niederlanden._] Im Ganzen genommen

waren die britischen Inseln seit zehn Jahren nie so frei von inneren

Unruhen gewesen als in dem Augenblicke wo Wilhelm, Ende April 1697, nach

dem Continent aufbrach. Der Krieg in den Niederlanden wurde ein wenig,

aber auch nur ein wenig lebhafter betrieben als im vorhergehenden Jahre.

Die französischen Generäle eröffneten den Feldzug mit der Einnahme der

kleinen Stadt Aeth. Hierauf faßten sie eine bei Weitem wichtigere

Eroberung ins Auge. Sie machten einen plötzlichen Angriff auf Brüssel,

und ohne Wilhelm’s Umsicht würde ihr Vorhaben wahrscheinlich gelungen

sein. Er campirte auf einer Stelle in unmittelbarer Nähe des Löwen von

Waterloo, als er spät Abends die Nachricht erhielt, daß die Hauptstadt

der Niederlande in Gefahr sei. Er setzte unverzüglich seine Truppen in

Bewegung, marschirte die ganze Nacht und nachdem er die Ebene, welche

hundertachtzehn Jahre später eine schreckliche Berühmtheit erlangen

sollte, sowie die langen Defilés des Waldes von Soignies passirt hatte,

erschien er am Morgen auf dem Punkte, von wo aus Brüssel zwei Jahre

früher bombardirt worden war und aufs Neue bombardirt worden sein würde,

wenn er nur drei Stunden später angekommen wäre. Hier umgab er sich mit

Verschanzungen, welche der Feind nicht anzugreifen wagte. Dies war das

wichtigste militärische Ereigniß, das während dieses Sommers in den

Niederlanden stattfand. Man war in beiden Lagern nicht geneigt, am

Vorabend eines allgemeinen Friedensschlusses viel aufs Spiel zu setzen.

[_Von Frankreich offerirte Friedensbedingungen._] Ludwig hatte zu Anfang

des Frühjahrs zum ersten Male seit seiner langen Regierung aus freiem

Antriebe seinen Feinden billige und ehrenvolle Bedingungen angeboten. Er

hatte sich bereit erklärt, die Eroberungen, die er im Laufe des Kriegs

gemacht, zurückzugeben, Lothringen seinem eigenen Herzoge abzutreten,

Luxemburg an Spanien, Straßburg an das deutsche Reich zurückzugeben und

die bestehende Regierung England’s anzuerkennen.[106] Wer sich der

großen Leiden erinnerte, die sein wortbrüchiger und erbarmungsloser

Ehrgeiz über Europa gebracht hatte, konnte mit gutem Grunde vermuthen,

daß diese ungewohnte Mäßigung nicht Gefühlen der Gerechtigkeit oder

Humanität zuzuschreiben sei. Aber was ihn auch bestimmt haben mochte,

solche Bedingungen anzubieten, es war offenbar das Interesse und die

Pflicht der Conföderation, sie anzunehmen. Denn man hatte in der That

wenig Hoffnung ihm durch Krieg größere Zugeständnisse abzuzwingen, als

die, welche er jetzt freiwillig als Friedenspreis anbot. Die

sanguinischsten seiner Feinde konnten schwerlich eine lange Reihe so

glücklicher Feldzüge wie der von 1695 erwarten. Und selbst in einer

langen Reihe ebenso glücklicher Feldzüge wie der von 1695 würden die

Verbündeten schwerlich im Stande gewesen sein, Alles das

wiederzuerobern, was er jetzt zurückzugeben sich bereit erklärte.

Wilhelm, der, wie gewöhnlich, eine klare und staatsmännische Ansicht von

der ganzen Situation faßte, stimmte jetzt eben so entschieden für

Friedensschluß, als er in früheren Jahren für energische Fortsetzung

des Kriegs gestimmt hatte, und er wurde durch die öffentliche Meinung

England’s sowohl als Holland’s unterstützt. Leider aber begannen gerade

in dem Augenblicke, wo die beiden Mächte, welche allein unter den

Mitgliedern der Koalition in dem langen Kampfe treulich ihre Pflicht

gethan hatten, anfingen sich in der nahen Aussicht auf Ruhe zu erfreuen,

einige von den Regierungen, welche niemals ihre vollen Contingente

gestellt hatten, welche nie zur rechten Zeit schlagfertig gewesen waren,

und die zum Dank für empfangene Subsidien stets Entschuldigungen

geschickt hatten, Schwierigkeiten zu erheben, welche die Drangsale

Europa’s bis ins Unendliche zu verlängern drohten.

[_Verhalten Spanien’s._] Spanien hatte, wie Wilhelm in seinem Unmuth an

Heinsius schrieb, für die gemeinsame Sache nichts beigetragen als

Rodomontaden. Es hatte keine energische Anstrengung gemacht, auch nur

sein eignes Gebiet gegen Einfälle zu vertheidigen. Ohne die englischen

und holländischen Armeen würde es Flandern und Brabant verloren haben.

Ohne die englischen und holländischen Flotten würde es Katalonien

verloren haben. Das Mailändische hatte es nicht durch Waffengewalt,

sondern dadurch gerettet, daß es trotz der Vorstellungen von Seiten der

englischen und holländischen Regierungen einen schimpflichen

Neutralitätsvertrag abschloß. Es besaß kein einziges Kriegsschiff das

einen Windstoß hätte aushalten können. Es besaß kein einziges Regiment,

das nicht schlecht bezahlt und schlecht disciplinirt, schlecht gekleidet

und halb verhungert gewesen wäre. Dennoch hatte es in den letzten zwei

Jahren sowohl Wilhelm als die Generalstaaten mit einer Impertinenz

behandelt, welche bewies, daß es seine Stellung unter den Staaten

gänzlich verkannte. Es wurde jetzt über die Maßen anspruchsvoll,

verlangte von Ludwig Concessionen, die es nach dem Verlaufe des Kriegs

nicht zu erwarten berechtigt war, und schien es hart zu finden, daß

Verbündete, die es fortwährend unwürdig behandelte, keine Lust hatten,

ihr Blut und Geld noch weitere acht Jahre für ein solches Land zu

opfern.

[_Verhalten des Kaisers._] Das Verhalten Spaniens ist lediglich der

Arroganz und Thorheit zuzuschreiben. Aber die Abgeneigtheit des

Kaisers, selbst in die billigsten Friedensbedingungen zu willigen,

war eine Wirkung selbstsüchtigen Ehrgeizes. Der katholische König

war kinderlos und kränklich, sein Leben war keine drei Jahre mehr

werth, und wenn er starb, so wurden seine Besitzungen der Zankapfel

für eine Menge Prätendenten. Das Haus Oesterreich sowohl als das Haus

Bourbon hatten Ansprüche auf diese große Erbschaft. Es lag offenbar

im Interesse des Hauses Oesterreich, daß der bedeutungsvolle Tag,

mochte er kommen wann er wollte, eine große europäische Coalition

gegen das Haus Bourbon gerüstet fände. Der Zweck des Kaisers war

daher, daß der Krieg so wie er bisher geführt worden, mit geringen

Kosten für ihn selbst und mit großen Kosten für England und Holland

fortgeführt werde, nicht bis billige Friedensbedingungen erlangt

werden könnten, sondern einfach bis zum Tode des Königs von Spanien.

„Die Minister des Kaisers,” schrieb Wilhelm an Heinsius, „sollten

sich ihrer Handlungsweise schämen. Es ist unerträglich, daß eine

Regierung, die alles Mögliche thut, um den Erfolg der Unterhandlungen

zu hintertreiben, nichts zur gemeinsamen Vertheidigung beiträgt.”[107]

Es ist kein Wunder, daß unter solchen Umständen das Friedenswerk geringe

Fortschritte machte. Das Völkerrecht hat, wie jedes andre Recht, seine

Chikanen, seine Spitzfindigkeiten, seine technischen Formen, welche nur

zu leicht dazu angewendet werden können, es unwirksam zu machen. Es

wurde daher denjenigen streitenden Theilen, welche den Streit nicht bald

beendigt zu sehen wünschten, nicht schwer, Verzögerungen herbeizuführen.

Es wurde lange über den Ort disputirt, wo die Conferenzen gehalten

werden sollten. Der Kaiser schlug Aachen vor. Die Franzosen machten

Einwendungen und schlugen den Haag vor. Dagegen machte der Kaiser wieder

Einwendungen. Endlich kam man dahin überein, daß die Gesandten der

verbündeten Mächte im Haag und die französischen Bevollmächtigten fünf

Meilen davon in Delft zusammenkommen sollten.[108] Nach Delft begaben

sich demgemäß Harlay, ein Mann von ausgezeichnetem Geist und feiner

Bildung, Crecy, ein schlauer, geduldiger und fleißiger Diplomat, und

Cailleres, der, obgleich er in den Accreditiven als Dritter genannt war,

über alle Punkte, welche voraussichtlich zu berathen waren, viel besser

unterrichtet war als jeder seiner beiden Collegen.[109] Im Haag befanden

sich der Earl von Pembroke, und Eduard, Viscount Villiers, welche

England repräsentirten. Prior begleitete sie in der Eigenschaft eines

Sekretärs. An der Spitze der kaiserlichen Gesandtschaft stand Graf

Kaunitz, an der Spitze der spanischen Don Francisco Bernardo de Quiros;

die Gesandten untergeordneten Ranges aufzuzählen würde ermüdend

sein.[110]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 22 / 25 段