lehrreich, das Schicksal Shrewsbury’s mit dem Schicksale Peterborough’s
zu vergleichen. Shrewsbury’s Ehre war unbefleckt. Er war von den in
Fenwick’s Bekenntniß enthaltenen Anklagen triumphirend freigesprochen
worden. Bald darauf wurde er noch triumphirender von einer noch
abscheulicheren Anklage freigesprochen. Ein schändlicher Spion,
Namens Matthäus Smith, welcher nicht genügend belohnt worden zu sein
meinte und sich gern rächen wollte, behauptete, Shrewsbury habe
frühzeitig Kenntniß von dem Mordcomplot gehabt, habe aber gethan als
wisse er nichts davon, und habe keine Maßregeln ergriffen, um die
Verschwörer an der Ausführung ihres Vorhabens zu hindern. Daß dies
eine niederträchtige Verleumdung war, kann Niemand bezweifeln, der
die Prozeßacten geprüft hat. Der König erklärte, daß er selbst die
Unschuld seines Ministers beweisen könne, und die Peers erklärten,
nachdem sie Smith vernommen hatten, die Anklage für unbegründet.
Shrewsbury war soweit gereinigt, als es in der Macht der Krone und des
Parlaments stand, ihn zu reinigen. Er besaß Macht und Reichthum, die
Gunst des Königs und die Gunst des Volks. Niemand hatte eine größere
Anzahl ergebener Freunde. Er war der Abgott der Whigs, und auch die
Tories waren ihm persönlich nicht abgeneigt. Man sollte demnach
meinen, daß er sich in einer Lage befand, um die ihn Peterborough wohl
beneiden konnte. Aber Glück und Unglück kommen von innen. Peterborough
besaß eines von jenen Gemüthern, deren tiefste Wunden heilen, ohne
Narben zurückzulassen. Er war öffentlich beschuldigt worden, mit
Saint-Germains in Verbindung zu stehen, und obwohl König, Lords
und Gemeine ihn für unschuldig erklärt hatten, sagte ihn doch sein
Gewissen, daß er schuldig sei. Die Lobsprüche, die er nicht verdient
zu haben sich bewußt war, klangen ihm wie Vorwürfe. Er erlangte seinen
verlornen Seelenfrieden nie wieder. Er trat aus dem Amte; aber eine
quälende Erinnerung begleitete ihn in die Zurückgezogenheit. Er verließ
England; aber eine quälende Erinnerung begleitete ihn über die Alpen
und Apenninen. An einem denkwürdigen, für sein Vaterland folgenschweren
Tage trat er jedoch nach einer Reihe unthätiger und ruhmloser Tage
noch einmal als der Shrewsbury von 1688 hervor. Es giebt kaum etwas
Schwermüthigeres in der Geschichte als dieser späte und vereinzelte
Lichtstrahl, der das Ende eines Lebens beleuchtet, das so glänzend
begonnen und das frühzeitig hoffnungslos getrübt und verdüstert worden
war.
[_Die Verurtheilungsbill angenommen._] An dem Tage, an welchem die Lords
die Verurtheilungsbill annahmen, vertagten sie sich für die Dauer der
Weihnachtsfeiertage. Das Schicksal Fenwick’s blieb daher über vierzehn
Tage ungewiß. Während dieser Zeit wurden Fluchtpläne entworfen, und man
hielt es für nöthig, Newgate mit einer starken Militärwache zu
umgeben.[84] Einige Jakobiten kannten Wilhelm so wenig, daß sie anonyme
Briefe an ihn schrieben, worin sie ihm mit Erschießen oder Erstechen
drohten, wenn er dem Gefangenen ein Haar zu krümmen wagte.[85] Am Morgen
des 11. Januars genehmigte er die Bill. Zu gleicher Zeit genehmigte er
auch eine Bill, welche die Regierung ermächtigte, Bernardi und einige
andere Verschwörer ein Jahr lang in Haft zu halten. Am Abend dieses
Tages bildete ein höchst trauriges Ereigniß in London das Stadtgespräch.
Die Gräfin von Aylesbury hatte mit ängstlicher Spannung die Untersuchung
gegen Sir John verfolgt. Ihr Gemahl war eben so tief wie Sir John in
hochverrätherische Pläne verwickelt gewesen, war, wie Sir John, in Haft,
und hatte, wie Sir John, Theil an Goodman’s Flucht genommen. Mit
Schrecken hatte sie erfahren, daß es ein Mittel gab, um ein Verbrechen,
das außer dem Bereiche des ordentlichen Rechtsweges lag, zu bestrafen.
Ihre Angst hatte mit jedem Stadium der Verurtheilungsbill zugenommen. An
dem Tage, an welchem die königliche Genehmigung ertheilt werden sollte,
wurde ihre Aufregung so groß, daß ihre Constitution sie nicht mehr zu
ertragen vermochte. Als sie den Donner der Kanonen vernahm, welche
verkündeten, daß der König sich nach Westminster begab, fiel sie in
Ohnmacht und starb nach wenigen Stunden.[86]
[_Versuche, Fenwick zu retten._] Selbst nachdem die Bill zum Gesetz
erhoben war, wurden noch immer energische Anstrengungen zur Rettung
Fenwick’s gemacht. Seine Gattin fiel Wilhelm zu Füßen und überreichte
ihm ein Gnadengesuch. Er nahm das Gesuch an und sagte sehr freundlich,
es solle erwogen werden, die Sache aber sei von öffentlicher Wichtigkeit
und er müsse daher erst mit seinen Ministern zu Rathe gehen, bevor er
sich entscheiden könne.[87] Sie wendete sich nun an die Lords und sagte
ihnen, daß ihr Gatte seine Verurtheilung nicht erwartet habe, daß er
nicht Zeit gehabt, sich auf den Tod vorzubereiten, daß er während seiner
langen Haft noch keinen Geistlichen bei sich gesehen habe. Sie ließen
sich leicht bewegen, um eine Woche Aufschub für ihn nachzusuchen. Die
Frist wurde bewilligt, aber achtundvierzig Stunden vor Ablauf derselben
überreichte Lady Mary den Lords eine zweite Petition, worin sie sie bat,
sich beim Könige dahin zu verwenden, daß die Strafe ihres Gatten in
Verbannung verwandelt werden möchte. Das Haus war überrascht von dem
Ansinnen und ein Antrag auf Vertagung der Sache wurde mit Mühe mit zwei
Stimmen durchgebracht.[88] Am folgenden Tage, dem letzten, den Fenwick
noch zu leben haben sollte, wurde eine ähnliche Petition den Gemeinen
überreicht. Aber die Whighäupter waren auf ihrer Hut; das Haus war
gefüllt, und ein Antrag auf Uebergang zur Tagesordnung wurde mit
hundertzweiundfunfzig gegen hundertsieben Stimmen angenommen.[89]
Eigentlich konnte auch keiner der beiden Zweige der Legislatur, ohne
sich selbst zu verurtheilen, Wilhelm ersuchen, Fenwick’s Leben zu
schonen. Geschworne, die in Ausübung einer schmerzlichen Pflicht einen
Angeklagten für schuldig erklärt haben, können ihn ohne die mindeste
Inconsequenz der Gnade der Krone empfehlen. Aber die Parlamentshäuser
hätten die Verurtheilungsbill nicht annehmen dürfen, wenn sie nicht
überzeugt waren, nicht nur daß Sir John ein Hochverräther war, sondern
auch daß er nicht ohne ernstliche Gefahr für den Staat am Leben gelassen
werden konnte. Er konnte nicht zu gleicher Zeit ein geeigneter
Gegenstand für eine solche Bill und ein geeigneter Gegenstand für die
königliche Gnade sein.
[_Fenwick’s Hinrichtung._] Am 28. Januar fand die Hinrichtung statt. Aus
Artigkeit gegen die vornehmen Familien, mit denen Fenwick verwandt war,
wurde Befehl gegeben, daß das Ceremoniell in jeder Hinsicht das Nämliche
sein sollte, wie bei der Hinrichtung eines Peers des Reichs. Ein
schwarz behangenes Schaffot war auf Towerhill errichtet, und der
Gefangene wurde von Newgate in der Equipage seines Vetters, des Earls
von Carlisle, die von einer Abtheilung Leibgarden umgeben war, auf den
Richtplatz gebracht. Obgleich der Tag kalt und stürmisch war, hatte sich
doch eine ungeheure Zuschauermenge eingefunden; aber es fand keine
Störung statt, und nichts verrieth, daß das Volk mit dem Verbrecher
sympathisirt hätte. Er benahm sich mit einer Standhaftigkeit, die man
nicht von ihm erwartet hatte. Festen Schrittes bestieg er das Schaffot,
verbeugte sich artig vor den darauf versammelten Personen, sprach aber
mit Niemandem als mit White, dem abgesetzten Bischofe von Peterborough.
White betete ungefähr eine halbe Stunde mit ihm. In dem Gebete wurde der
König dem göttlichen Schutze empfohlen, aber kein Name genannt, der
hätte Anstoß geben können. Fenwick übergab hierauf den Sheriffs ein
versiegeltes Papier, nahm Abschied von dem Bischofe, kniete nieder,
legte den Kopf auf den Block und rief aus: „Herr Jesus, empfange meine
Seele.” Ein einziger Schlag trennte sein Haupt vom Rumpfe. Seine
irdischen Reste wurden in einen prachtvollen Sarg gelegt und noch in
derselben Nacht bei Fackelschein unter den Steinplatten der
Martinskirche beigesetzt. Seitdem hat in England Niemand wieder kraft
einer Verurtheilungsacte die Todesstrafe erlitten.[90]
[_Bill zur Regulirung der Wahlen._] Inzwischen war eine wichtige Frage,
über welche die öffentliche Stimmung sehr aufgeregt war, discutirt
worden. Sobald das Parlament zusammengetreten war, wurde eine Bill zur
Regulirung der Wahlen, die sich im Wesentlichen wenig von der Bill
unterschied, der der König in der vorhergehenden Session seine
Genehmigung versagt hatte, im Hause der Gemeinen eingebracht, von den
Landgentlemen freudig willkommen geheißen und rasch durch alle Stadien
gebracht. Bei der Berichterstattung wurde beantragt, daß fünftausend
Pfund persönliches Vermögen eine genügende Qualification für den
Vertreter einer Stadt oder eines Burgfleckens sein sollten. Doch dieses
Amendement wurde verworfen. Bei der dritten Lesung wurde ein Zusatz
beigefügt, der einem Kaufmanne, welcher fünftausend Pfund besaß,
gestattete, seinen Wohnplatz zu vertreten; aber es war zugleich
bestimmt, daß Niemand als Kaufmann betrachtet werden sollte, weil er
Actien der Bank oder der Ostindischen Compagnie besaß. Der Kampf war
heiß. Cowper zeichnete sich unter den Gegnern der Bill aus. Seine
sarkastischen Bemerkungen über die jagenden Bauern, welche die ganze
Gesetzgebung in ihren Händen behalten wollten, veranlaßte einige heftige
bäuerische Gegenhiebe. Ein schlichter Squire, sagte man ihm, könne dem
Lande voraussichtlich eben so gute Dienste leisten, als der
zungenfertigste Jurist, der für eine Guinee bereit sei zu beweisen, daß
schwarz weiß aussehe. Bei der Abstimmung über die Frage, ob die Bill
angenommen werden solle, betrug die Zahl der Jas zweihundert, die der
Neins hundertsechzig.[91]
Die Lords waren zwölf Monate früher einer ähnlichen Bill bereitwillig
beigetreten; seitdem aber hatten sie sich die Sache noch einmal überlegt
und waren andren Sinnes geworden. Wenn ein Gesetz, das von jedem
Mitgliede des Hauses der Gemeinen den Besitz eines Vermögens in
Landgrundstücken von einigen hundert Pfund Rentenwerth verlangte, streng
hätte durchgeführt werden können, so würde ein solches Gesetz allerdings
den Landgentlemen von mäßigem Grundbesitz sehr vortheilhaft, den Großen
des Reichs aber keineswegs vortheilhaft gewesen sein. Der Besitzer eines
kleinen Gutes würde als Candidat für die Stadt, in deren Nachbarschaft
seine Familie seit Jahrhunderten wohnte, aufgetreten sein, ohne die
mindeste Besorgniß, daß sich ihm ein Alderman von London entgegenstellen
würde, den die Wähler vor dem Tage des Vorschlags nie gesehen hatten und
dessen Hauptanspruch auf ihre Gunst in einer mit Banknoten gefüllten
Brieftasche bestand. Ein reicher Cavalier aber, der ein Vermögen von
zehn- bis zwanzigtausend Pfund jährlicher Einkünfte besaß und über zwei
bis drei Burgflecken zu gebieten hatte, würde ferner nicht mehr im
Stande gewesen sein, seinen jüngeren Sohn, seinen jüngeren Bruder oder
seinen Geschäftsmann ins Parlament zu bringen oder sich den
Hosenbandorden oder einen höheren Grad in der Pairie zu verdienen, indem
er einem Lord des Schatzes oder einem Generalfiskal einen Sitz
verschaffte. Bei dieser Gelegenheit fiel demnach das Interesse der
Häupter der Aristokratie, eines Norfolk und Somerset, eines Newcastle
und Bedford, eines Pembroke und Dorset, mit dem der reichen Kaufleute
der City und der jugendlichen Aspiranten des Temple zusammen und war dem
Interesse eines Squires von tausend bis zwölfhundert Pfund Einkünften
direct entgegengesetzt. An dem zur zweiten Lesung festgesetzten Tage
waren die Lords sehr zahlreich anwesend. Es wurden mehrere Petitionen
von Wahlkörpern, denen es hart dünkte, daß der Ausübung des Wahlrechts
eine neue Beschränkung auferlegt werden sollte, überreicht und
vorgelesen. Nach einer mehrstündigen Debatte wurde die Bill mit
zweiundsechzig gegen siebenunddreißig Stimmen verworfen.[92] Nur drei
Tage später schlug eine von Groll erfüllte zahlreiche Partei unter den
Gemeinen vor, die so eben von den Peers verworfene Bill einer
Grundsteuerbill anzuhängen. Dieser Antrag würde wahrscheinlich
durchgegangen sein, hätte nicht Foley die Obliegenheiten seiner Stellung
ein wenig überschritten und unter dem Vorgeben, der Ordnung das Wort zu
reden, bewiesen, daß ein derartiges Anhängen in der Geschichte unserer
Parlamente ohne Beispiel sei. Als die Frage gestellt wurde, erhoben die
Jas ein so lautes Geschrei, daß man glaubte, sie bildeten die Majorität;
bei der Abstimmung aber ergab es sich, daß ihre Zahl nur
hundertfünfunddreißig betrug, während sich die Neins auf
hundertdreiundsechzig beliefen.[93]
[_Bill zur Regulirung der Presse._] Auch noch andere parlamentarische
Verhandlungen dieser Session verdienen Erwähnung. Während die Gemeinen
eifrig mit dem großen Werke der Wiederherstellung der Finanzen
beschäftigt waren, ereignete sich ein Vorfall, der eine kurze Zeit der
jungen Preßfreiheit verderblich zu werden drohte, der sich aber gerade
als das Mittel zur Befestigung derselben erwies. Eine von den vielen
Zeitungen, welche seit dem Aufhören der Censur gegründet worden, war die
Flying Post. Der Herausgeber, John Salisbury, war das Werkzeug einer
Gesellschaft von Börsenspekulanten der City, in deren Interesse es
zufällig lag, den Cours der Staatspapiere herunterzudrücken. Er
veröffentlichte eines Tages einen unwahren und böswilligen Artikel, der
offenbar den Zweck hatte, die Schatzkammerscheine zu verdächtigen. Von
dem Credit der Schatzkammerscheine hing in diesem Augenblicke die
politische Größe und die Handelsblüthe des Reichs ab. Das Haus der
Gemeinen war empört, und der Sprecher erließ eine Vorladung an
Salisbury. Es wurde ohne Abstimmung beschlossen, daß eine Bill
eingebracht werden sollte, die das Veröffentlichen von Neuigkeiten ohne
Censur verbot. Achtundvierzig Stunden darauf wurde die Bill schon
überreicht und gelesen. Aber die Mitglieder hatten inzwischen Zeit
gehabt, sich abzukühlen. Es gab fast Keinen unter ihnen, dessen
Aufenthalt auf dem Lande im vergangenen Sommer durch die Londoner
Journale nicht angenehmer gemacht worden wäre. So dürftig diese Journale
auch Demjenigen erscheinen müssen, der jeden Morgen die Times auf seinem
Frühstückstische findet, für die damalige Generation waren sie eine neue
und reiche Quelle der Unterhaltung. Kein Gentleman von Devonshire oder
Yorkshire, mochte er ein Whig oder ein Tory sein, konnte den Gedanken
ertragen, wieder sieben Monate des Jahres hindurch in Bezug auf Alles
was in der Welt vorging auf die Neuigkeitsbriefe beschränkt zu sein.
Wäre die Bill angenommen worden, so hätten die Blätter, welche jetzt
zweimal die Woche auf jedem Landsitze des Königreichs so ungeduldig
erwartet wurden, nichts weiter enthalten, als was der Staatssekretär
publik werden zu lassen für gut fand; sie wären factisch lauter London
Gazettes gewesen, und der eifrigste Leser der London Gazette wäre über
die wichtigsten Ereignisse seiner Zeit in Unkenntniß geblieben. Ein paar
Stimmen erhoben sich jedoch auch zu Gunsten der Censur. „Diese Blätter,”
sagten sie, „sind oft schädlichen Inhalts.” -- „Warum werden sie dann
nicht gerichtlich verfolgt?” war die Antwort. „Hat der Generalfiskal
jemals gegen eines von ihnen eine Klage angestellt? Und ist es nicht
absurd, von uns zu verlangen, daß wir ein neues Abhülfsmittel durch ein
Gesetz schaffen sollen, während das Abhülfsmittel, welches das Landrecht
darbietet, noch nie versucht worden ist?” Bei der Abstimmung über die
Frage, ob die Bill zum zweiten Male gelesen werden sollte, beliefen sich
die Jas auf nur sechzehn, die Neins auf zweihundert.[94]
[_Bill zur Abschaffung der Vorrechte von Whitefriars und dem Savoy._]
Eine andre Bill, welche bessere Aufnahme fand, muß als ein Beispiel
von dem langsamen aber stetigen Fortschreiten der Civilisation erwähnt
werden. Die alten Gerechtsame, welche einige Bezirke der Hauptstadt,
unter denen Whitefriars der größte und schmachvollste war, genossen,
hatten Mißbräuche hervorgerufen, die nicht länger geduldet werden
konnten. Die Templeinsassen auf der einen Seite von Alsatia und
die Bürger auf der andren hatten die Regierung und die Legislatur
schon seit langer Zeit gedrängt, einen so empörenden Uebelstand
zu beseitigen. Aber noch immer existirte dieses im Westen von der
großen Schule der englischen Jurisprudenz, im Osten von dem großen
Centralpunkte des englischen Handels begrenzte Labyrinth schmutziger
und winkeliger Häuser, deren jedes vom Keller bis unter das Dach von
dem Abschaume der Bevölkerung vollgepfropft war, dessen ganzes Leben
einen beständigen Kampf mit der Gesellschaft bildete. Der beste Theil
der Bewohner dieses Stadttheils bestand aus Schuldnern, welche die
Bailiffs fürchteten. Die übrigen waren removirte Advokaten, Zeugen,
welche Stroh in ihren Schuhen trugen, zum Zeichen für das Publikum,
daß hier für eine halbe Krone ein falscher Eid zu bekommen sei,
Gauner, Diebshehler, Geldbeschneider, Banknotenfälscher, aufgeputzte
Frauenzimmer mit von Schminke und Branntwein gerötheten Wangen, die im
Zorne häufigen Gebrauch von ihren Nägeln und Scheeren machten, deren
Freundlichkeit aber noch weit gefährlicher war als ihr Zorn. Von diesem
Auswurf der Menschheit wimmelten die engen Gassen des Sanctuariums.
Das Klappern von Würfeln, der Ruf nach mehr Punsch und Wein und das
Geräusch von Flüchen und Zotenliedern hörten die ganze Nacht nicht auf.
Die Vorsteher des inneren Temple konnten den Scandal und Lärm nicht
länger ertragen, und sie ließen den nach Whitefriars führenden Ausgang
zumauern. Die Bewohner von Alsatia versammelten sich in großer Anzahl,
griffen die Arbeiter an, tödteten einen von ihnen, rissen die Mauer
ein, schlugen den Sheriff, der zur Herstellung der Ruhe herbeikam, zu
Boden und nahmen ihm seine goldene Kette, die ohne Zweifel bald in den
Schmelztiegel wanderte. Der Tumult wurde erst unterdrückt, als eine
Compagnie der Fußgarden erschien. Dieser Frevel erregte allgemeinen
Unwillen. Die City, empört über die dem Sheriff zugefügte Mißhandlung,
rief laut nach Gerechtigkeit. Es war jedoch so schwierig, in den Höhlen
von Whitefriars ein gerichtliches Verfahren einzuleiten, daß beinahe
zwei Jahre vergingen, ehe ein einziger Unruhstifter verhaftet wurde.[95]
Das Savoy war ein andrer Platz der nämlichen Art, zwar kleiner und
minder berüchtigt, aber von einer ebenso gesetzlosen Bevölkerung
bewohnt. Ein unglücklicher Schneider, der sich dahin wagte, um eine
Schuldforderung einzutreiben, wurde von dem ganzen Pöbelhaufen
der Gauner, Betrüger und Buhldirnen angefallen. Er erbot sich,
seinem Schuldner die ganze Forderung zu erlassen und das Gesindel
zu tractiren; aber umsonst. Er hatte sich einen Eingriff in ihre
Gerechtsame erlaubt, und dies war ein unverzeihliches Verbrechen.
Er wurde zu Boden geschlagen, ausgezogen, getheert und befiedert.
Dann band man ihm einen Strick um den Leib und schleifte ihn unter
dem Geschrei: „Ein Bailiff! ein Bailiff!” nackend durch die Straßen.
Schließlich mußte er niederknien und seine Eltern verfluchen. Nachdem
er diese Ceremonie verrichtet hatte, erlaubte man ihm -- und die
Erlaubniß wurde von vielen Bewohnern des Savoy getadelt, -- ohne einen
einzigen Lumpen auf dem Leibe nach Hause zu hinken.[96] Der Sumpf von
Allen, die Pässe der Grampians waren nicht unsicherer als dieser
kleine Knäuel von Gassen, der von den Palästen des vornehmsten Adels
eines blühenden und aufgeklärten Königreichs umgeben war.
Endlich im Jahre 1697 ging eine Bill zur Aufhebung der Privilegien
dieser Stadtbezirke in beiden Häusern durch und erhielt die Genehmigung
des Königs; die Bewohner von Alsatia und dem Savoy waren wüthend.
Parlamentsmitglieder, die sich durch eifrige Unterstützung der Bill
ausgezeichnet hatten, empfingen anonyme Zuschriften, worin ihnen mit
Ermordung gedroht wurde; aber derartige Drohungen befestigten nur die
allgemeine Ueberzeugung, daß es hohe Zeit sei, diese Banditennester zu
zerstören. Es wurde eine Gnadenfrist von vierzehn Tagen bewilligt und
bekannt gemacht, daß nach Ablauf dieser Frist das Gesindel, das ein
Fluch für London gewesen war, unbarmherzig ans Tageslicht gezogen und
verfolgt werden würde. Es fand eine tumultuarische Flucht nach Irland,
nach Frankreich, nach den Colonien, nach Kellern und Mansarden in minder
berüchtigten Stadtbezirken statt, und als an dem festgesetzten Tage die
Beamten des Sheriffs die Grenze zu überschreiten wagten, fanden sie die
Straßen, in denen wenige Wochen zuvor der Ruf: „Ein Verhaftsbefehl!”
tausend wüthende Raufbolde und keifende Weiber hervorgelockt haben
würde, eben so ruhig wie den Kreuzgang einer Kirche.[97]
[_Schluß der Session; Beförderungen und Ernennungen._] Am 16. April
schloß der König die Session mit einer Rede, in der er den Häusern
warmen und wohlverdienten Dank sagte für die Energie und Weisheit,
welche die Nation aus commerciellen und finanziellen Verlegenheiten
gerissen hatte, von denen unsre Geschichte kein zweites Beispiel
aufzuweisen hat. Ehe er nach dem Continent abreiste, verlieh er einige
neue Ehrenbezeigungen und traf einige neue ministerielle Arrangements.
Jedes Mitglied der Whigjunta wurde durch einen Beweis der königlichen
Gunst ausgezeichnet. Somers gab das Siegel ab, dessen Bewahrer er war;
er erhielt es alsbald wieder und wurde gleichzeitig beauftragt, es einem
Diplom beizufügen, das ihn zum Baron Somers von Evesham ernannte.[98]
Russell wurde Earl von Oxford und Viscount Barfleur. Noch nie war ein
Titel einem auf fremdem Gebiet liegenden Schlachtfelde entlehnt worden.
Aber der damals aufgestellte Präcedenzfall hat wiederholte Nachahmung
gefunden, und die Namen Saint-Vincent, Trafalgar, Camperdown und Douro
werden jetzt von den Nachkommen großer Commandeurs geführt. Russell
scheint seinen Earltitel nach der ihm eigenen Weise nicht nur ohne
Dankbarkeit, sondern sogar murrend und als ob ihm ein großes Unrecht
geschähe, angenommen zu haben. Was galt ihm eine Adelskrone? Er hatte ja
kein Kind, das sie erben konnte. Die einzige Auszeichnung, die für ihn
einen Werth gehabt haben würde, war der Hosenbandorden, und diesen hatte
Portland erhalten. Solche Dinge, meinte er, seien natürlich nur für die
Holländer, und es sei eine unerhörte Anmaßung von einem Engländer, hätte
er auch einen Sieg erfochten, der den Staat gerettet, zu erwarten, daß
seine Ansprüche berücksichtigt werden könnten, bevor nicht alle Mynheers
im Palaste versorgt seien.[99]
Wharton behielt seine Stelle als Haushofmeister des Königs und wurde
außerdem mit dem einträglichen Amte des Oberrichters in Eyre, südlich
vom Trent, bedacht, und sein Bruder Godwin Wharton wurde zum Lord der
Admiralität ernannt.[100]
Obgleich Godolphin’s Rücktritt im October angenommen worden war, so
wurde doch erst nach der Prorogation eine neue Schatzcommission ernannt.
Ueber die Frage, wer erster Commissar werden sollte, ward lange und
heftig debattirt. Denn Montague hatten seine Fehler viele Feinde
gemacht, und seine Tugenden nicht minder. Starre Formalisten nannten ihn
hohnlächelnd einen Schöngeist und Dichter, der allerdings einige
Gewandtheit in der Debatte besitze, der aber schon viel höher erhoben
worden sei, als seine Leistungen es verdienten und als sein Geist es
vertrüge. Es würde thöricht sein, einem so jungen Laffen bloß deshalb,
weil er fließend und elegant zu sprechen verstehe, in ein Amt
einzusetzen, von dem das Wohl des Königreichs abhänge. Sir Stephan Fox
qualificire sich von allen Lords des Schatzes sicherlich am Besten dazu,
an der Spitze der Commission zu stehen. Er sei ein Mann in reiferen
Jahren, ernst, erfahren, pünktlich und fleißig, und er habe nie in
seinem Leben einen Vers gemacht. Der König schwankte ziemlich lange
zwischen den beiden Candidaten; aber die Zeit gereichte Montague
entschieden zum Vortheil, denn vom ersten bis zum letzten Tage der
Session stieg sein Ruhm fortwährend. Die Stimme des Hauses der Gemeinen
und der City bezeichnete ihn laut als den geeignetsten ersten Minister
der Finanzen. Endlich trat Sir Stephan Fox, wenn auch nicht sehr
bereitwillig, von der Concurrenz zurück. Er wünschte es jedoch in der
London Gazette angezeigt, daß die Stelle des ersten Lords ihm angeboten,
aber von ihm abgelehnt worden war. Eine solche Anzeige wäre eine
Beleidigung für Montague gewesen, und Montague, von Glück und Ruhm
aufgebläht, war nicht in der Stimmung, sich Beleidigungen gefallen zu
lassen. Der Streit wurde beigelegt. Montague ward erster Lord des
Schatzes und den erledigten Sitz im Staatsrathe erhielt Sir Thomas
Littleton, einer der tüchtigsten und consequentesten Whigs im Hause der
Gemeinen. Aus Rücksicht für Fox wurden diese Ernennungen jedoch nicht in
der Gazette angezeigt.[101]