Monmouth’s über sonderbare Pläne. Er hatte jetzt eine Altersstufe
erreicht, wo sich seine Fehler nicht mehr durch Jugend entschuldigen
ließen; aber er war launenhafter und excentrischer als je. Sein
geistiger sowohl als sein moralischer Character besaß eine reiche
Fülle jener schönen Eigenschaften, die man Luxuseigenschaften nennen
kann; dagegen fehlte es ihm in bedauerlichem Maße an den unerläßlich
nöthigen gediegeneren Eigenschaften. Er besaß glänzenden Witz und
prompte Erfindungsgabe ohne praktischen Verstand, und ritterliche
Hochherzigkeit und Delikatesse ohne wahre Rechtschaffenheit. Er war
fähig, sich zu der Rolle des schwarzen Prinzen zu erheben, und doch
auch fähig, sich zu der Rolle eines Fuller zu erniedrigen. Sein
politisches Leben war durch einige höchst unehrenwerthe Handlungen
befleckt, obwohl er nicht unter dem Einflusse der Triebfedern stand,
denen die meisten unehrenwerthen Handlungen von Staatsmännern
zugeschrieben werden müssen. Die Macht hatte wenig, das Geld noch
weniger Werth für ihn. Für die Furcht war er gänzlich unempfänglich.
Wenn er sich zuweilen soweit erniedrigte, ein Schurke zu sein -- denn
kein milderes Wort kommt der Wahrheit nahe genug -- so that er dies
nur zu seinem Vergnügen und um andere Leute in Erstaunen zu setzen.
In bürgerlichen wie in militärischen Dingen liebte er Hinterhalte,
Ueberfälle und nächtliche Angriffe. Er glaubte jetzt eine glänzende
Gelegenheit zu haben, Aufsehen zu machen, eine große Erschütterung
hervorzurufen und die Versuchung war für einen so ruhelosen Geist wie
der seinige unwiderstehlich.
Er wußte oder vermuthete wenigstens stark, daß die Geschichten, welche
Fenwick nach dem Hörensagen erzählt hatte und die der König, die Lords
und die Gemeinen, die Whigs und die Tories einmüthig als Verleumdungen
behandelten, in der Hauptsache wahr seien. Sollte es nicht möglich sein,
zu beweisen, daß sie wahr waren, das weise Verfahren Wilhelm’s zu
durchkreuzen, mit einem Male einige der hochstehendsten Männer beider
Parteien zu brandmarken, die ganze politische Welt in eine unlösbare
Verwirrung zu stürzen?
Nichts konnte ohne die Beihülfe des Gefangenen geschehen, und mit
diesem direct zu verkehren, war unmöglich. Man mußte sich der
Vermittelung mehr als einer Agentin bedienen. Die Herzogin von Norfolk
war eine Mordaunt und Monmouth’s erste Cousine. Sie war bekannt wegen
ihrer Galanterien und ihr Gemahl hatte einige Jahre früher seine
adeligen Collegen zu bestimmen versucht, eine Bill zur Auflösung
seiner Ehe anzunehmen, aber der Versuch war, zum Theil in Folge des
Eifers, mit dem Monmouth die Sache seiner Cousine verfochten hatte,
gescheitert. Die Dame lebte, obgleich von ihrem Gatten getrennt,
auf einem ihrem Range angemessenen Fuße und hatte Umgang mit vielen
vornehmen Frauen, unter andern mit Lady Marie Fenwick und mit einer
Verwandten derselben, Namens Elisabeth Lawson. Durch Vermittlung der
Herzogin ließ Monmouth dem Gefangenen mehrere Papiere zukommen, welche
sehr klug entworfene Rathschläge enthielten. Sir John, -- dies war
der wesentliche Inhalt dieser Rathschläge -- möge dreist behaupten,
daß sein Bekenntniß wahr sei, daß er Beschuldigungen, zwar nur nach
Hörensagen, aber nicht nach gewöhnlichem Hörensagen, erhoben habe, daß
er seine Kenntniß der behaupteten Facta aus den hochstehendsten Duellen
schöpfe, und er möge ein Mittel angeben, wodurch seine Wahrhaftigkeit
leicht auf die Probe gestellt werden könne. Er möge darum bitten, daß
die Earls von Portland und von Romney, welche anerkanntermaßen das
Vertrauen des Königs besäßen, aufgefordert würden zu erklären, ob
sie nicht, im Besitz von Nachrichten seien, welche mit den von ihm
erzählten Dingen übereinstimmten. Er möge darum bitten, daß der König
ersucht würde, dem Parlamente die Aufschlüsse, welche die plötzliche
Entlassung Lord Marlborough’s zur Folge gehabt, und alle Briefe
vorzulegen, die auf dem Wege zwischen Saint-Germains und Lord Godolphin
aufgefangen worden seien. „Wenn,” sagte Monmouth zu seinen Agentinnen,
„Sir John nicht unter dem Einflusse eines Verhängnisses steht, wenn
er nicht ganz von Sinnen ist, so wird er meinen Rath befolgen. Thut
er es, so sind sein Leben und seine Ehre gerettet. Thut er es nicht,
so ist er ein todter Mann.” Hierauf schmähte dieser kühne Intrigant
mit seiner gewöhnlichen frechen Redeweise Wilhelm wegen dessen, was
eigentlich einer seiner Hauptansprüche auf Ruhm war. „Er ist der
schlechteste Mensch. Er hat schändlich gehandelt. Er giebt vor, diese
Beschuldigungen gegen Shrewsbury, Russell, Marlborough und Godolphin
nicht zu glauben, obgleich er weiß” -- und Monmouth bekräftigte diese
Behauptung mit einem entsetzlichen Schwure, -- „daß jedes Wort der
Beschuldigungen wahr ist.”
Die von Monmouth aufgesetzten Schriftstücke wurden von Lady Mary ihrem
Gemahl übergeben. Wäre der Rath, den sie enthielten, befolgt worden, so
unterliegt es kaum einem Zweifel, daß der Zweck des Rathgebers erreicht
worden wäre. Der König würde sich heftig geärgert haben, es würde ein
allgemeiner panischer Schrecken unter den Staatsmännern jeder Farbe
entstanden sein; selbst Marlborough’s heiterer Gleichmuth würde auf eine
harte Probe gestellt worden sein, und Shrewsbury würde sich
wahrscheinlich erschossen haben. Ob aber Fenwick seine Lage dadurch
verbessert haben würde, ist sehr zweifelhaft. Dies war auch seine
Meinung. Er sah ein, daß der Schritt, zu dem man ihn drängte, ein sehr
gefährlicher war. Er wußte, daß er nicht deshalb zu diesem Schritte
gedrängt wurde, weil er möglicherweise dadurch gerettet werden konnte,
sondern weil er gewiß Anderen dadurch schaden mußte, und er war
entschlossen, nicht Monmouth’s Werkzeug zu sein.
[_Debatten der Lords über die Verurtheilungsbill._] Am 1. December
passirte die Bill ohne Abstimmung das erste Stadium. Hierauf wurde
Fenwick’s Bekenntniß, das auf Befehl des Königs auf den Tisch gelegt
worden war, vorgelesen, und dann erhob sich Marlborough. „Es kann
Niemanden Wunder nehmen,” sagte er, „daß ein Mensch, dessen Kopf in
Gefahr ist, sich durch Anschuldigung Anderer zu retten versucht. Ich
versichere Euren Lordschaften, daß ich seit der Thronbesteigung der
gegenwärtig regierenden Majestät mit Sir John wegen keines Gegenstandes
irgendwie verkehrt habe, und ich erkläre dies auf mein Ehrenwort.”[71]
Marlborough’s Behauptung mag wahr gewesen sein, aber sie vertrug sich
vollkommen mit Allem was Fenwick gesagt hatte. Godolphin ging weiter.
„Ich bin allerdings bis zum letzten Augenblicke im Dienste Jakob’s und
seiner Gemahlin geblieben, und ich wurde von ihnen Beiden geschätzt.
Aber ich kann dies nicht für ein Verbrechen halten. Möglich, daß sie und
ihre Umgebungen noch jetzt glauben, ich sei ihrer Sache ergeben; dafür
kann ich nicht. Aber es ist durchaus unwahr, daß ich mit dem Hofe von
Saint-Germains in einem Verkehr gestanden habe, wie das Schriftstück
angiebt, das Euren Lordschaften so eben vorgelesen worden ist.”[72]
Fenwick wurde nun eingeführt und gefragt, ob er noch etwas zu gestehen
habe. Mehrere Peers befragten ihn, aber erfolglos. Monmouth, der nicht
glauben konnte, daß die Papiere, die er nach Newgate gesandt, keine
Wirkung gehabt haben sollten, richtete in freundlichem und ermuthigendem
Tone verschiedene Fragen an den Gefangenen, durch die er ihm Antworten
zu entlocken hoffte, welche den angeklagten Lords durchaus nicht
angenehm gewesen sein würden. Aber keine solche Antwort war aus Fenwick
herauszubringen. Monmouth sah, daß seine sinnreichen Machinationen ihren
Zweck verfehlt hatten. Aufgebracht und enttäuscht, machte er nun
plötzlich kehrt und wurde ein so eifriger Fürsprecher der Bill als
irgend ein andrer Peer im Hause. Jedermann fiel der plötzliche Umschlag
in seiner Stimmung und seinem Benehmen auf, aber man schrieb diesen
Umschlag anfangs lediglich seiner wohlbekannten Unbeständigkeit zu.
Am 8. December wurde die Bill aufs neue in Erwägung gezogen, und an
diesem Tage war Fenwick in Begleitung seines Vertheidigers anwesend.
Bevor man ihn jedoch hereinrief, wurde eine Vorfrage gestellt. Mehrere
vornehme Tories, namentlich Nottingham, Rochester, Normanby und Leeds
sagten, daß es ihrer Ansicht nach unnütz sei, die Schuld oder Unschuld
des Gefangenen zu untersuchen, wenn das Haus ihn nicht für einen so
gefährlichen Menschen hielte, daß er, wenn schuldig, durch eine
Parlamentsacte verurtheilt werden müsse. Sie wollten gar keine Beweise
hören, sagten sie. Denn selbst angenommen, daß die Beweise keinen
Zweifel an seiner Strafbarkeit übrig ließen, würden sie es dennoch für
besser halten, ihn nicht zu bestrafen, als erst ein Gesetz zu seiner
Bestrafung zu machen. Die allgemeine Ansicht war jedoch entschieden
dafür, die Sache weiter zu verfolgen.[73] Es wurde dem Gefangenen und
seinem Vertheidiger noch eine Woche bewilligt, um sich vorzubereiten,
und endlich am 15. December begann der Kampf allen Ernstes.
Die Debatten waren die längsten und heftigsten, die Abstimmungen die
häufigsten, die Proteste die am zahlreichsten unterschriebenen, die man
in der ganzen Geschichte des Hauses der Peers je gekannt hatte. Die
Bänke waren mehrmals von zehn Uhr Morgens bis nach Mitternacht
gefüllt.[74] Die Gesundheit vieler Lords litt darunter, denn der Winter
war grimmig kalt; aber die Majorität war nicht zur Nachsicht geneigt.
Eines Abends wurde Devonshire unwohl; er schlich sich fort und legte
sich ins Bett; aber der schwarze Stab wurde ihm bald nachgeschickt, um
ihn zurückzuholen. Leeds, der äußerst kränklicher Constitution war,
beschwerte sich laut. „Junge Gentlemen,” sagte er, „mögen sich ohne
Nachtheil um zwei Uhr Morgens zum Abendessen und zum Weine niedersetzen
können; aber einige von uns bejahrten Leuten dürften hier wohl eben so
viel werth sein als sie, und wir werden bald im Grabe liegen, wenn wir
zu einer solchen Jahreszeit so lange aushalten müssen.”[75] Der
Parteigeist war jedoch in solchem Grade erregt, daß diese Beschwerde
unberücksichtigt blieb und das Haus vierzehn- bis funfzehnstündige
Sitzungen hielt. Die Hauptgegner der Bill waren Rochester, Nottingham,
Normanby und Leeds. Die Hauptredner auf der andren Seite waren
Tankerville, der trotz der heftigen Erschütterungen, welche ein
ausnehmend unglückliches Leben seinem öffentlichen wie seinem Privatrufe
zugefügt hatte, stets mit einer die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer
fesselnden Beredtsamkeit sprach; Burnet, der eine große historische
Gelehrsamkeit entfaltete, Wharton, dessen lebhafte und familiäre
Ausdrucksweise, die er sich im Hause der Gemeinen angewöhnt, zuweilen
das Förmlichkeitsgefühl der Lords verletzte, und Monmouth, der die
Redefreiheit stets bis an den Rand der Zügellosigkeit getrieben hatte
und der jetzt nie den Mund öffnete, ohne den Gefühlen eines Gegners eine
Wunde zu schlagen. Einige wenige Edelleute von großem Gewicht,
Devonshire, Dorset, Pembroke und Ormond, bildeten eine dritte Partei.
Sie wollten die Verurtheilungsbill als ein Folterwerkzeug gebrauchen, um
dem Gefangenen ein ausführliches Geständniß auszupressen. Aber sie waren
entschlossen, nicht für seine Verurtheilung zum Tode zu stimmen.
Die erste Abstimmung betraf die Frage, ob die Bestätigung dessen was
Goodman hätte beweisen können, durch einen sekundären Zeugen zugelassen
werden sollte. Bei dieser Gelegenheit schloß Burnet die Debatte mit
einer gewaltigen Rede, auf welche keiner der toryistischen Redner
unvorbereitet zu antworten wagen konnte. Es waren hundertsechsundzwanzig
Lords anwesend, eine in unsrer Geschichte beispiellose Zahl. Darunter
waren dreiundsiebzig zufrieden und dreiundfunfzig nicht zufrieden.
Sechsunddreißig von der Minorität protestirten gegen die Entscheidung
des Hauses.[76]
Die nächste große Kraftprobe fand bei der Frage statt, ob die Bill zum
zweiten Male gelesen werden sollte. Eine interessante Episode brachte
eine Diversion in die Debatte. Monmouth machte in einer heftigen Rede
einige harte und wohlverdiente Bemerkungen über den verstorbenen Lord
Jeffreys. Der Titel und ein Theil des übelerworbenen Vermögens Jeffreys’
war auf seinen Sohn übergegangen, einen ausschweifenden jungen Mann, der
vor kurzem mündig geworden war und damals schon einen Sitz im Hause
hatte. Der junge Mann fing Feuer, als er seinen Vater tadeln hörte. Das
Haus mußte sich ins Mittel legen und den beiden Disputanten das
Versprechen abnehmen, die Sache nicht weiter zu treiben. An diesem Tage
waren hundertachtundzwanzig Peers anwesend. Die Frage der zweiten Lesung
ging mit dreiundsiebzig gegen fünfundfunfzig Stimmen durch, und
neunundvierzig von den fünfundfunfzig protestirten.[77]
Viele glaubten jetzt, daß Fenwick der Muth sinken werde. Es war bekannt,
daß er nicht gern sterben wollte. Bisher konnte er sich mit der Hoffnung
geschmeichelt haben, daß die Bill scheitern werde. Jetzt aber, wo sie in
dem einen Hause angenommen worden war und wo es gewiß zu sein schien,
daß sie auch in dem andren angenommen werden würde, war es
wahrscheinlich, daß er sich durch Enthüllung alles dessen was er wußte,
retten würde. Er wurde aufs neue vor die Schranke gebracht und verhört.
Er weigerte sich zu antworten, aus dem Grunde, weil seine Antworten von
der Krone vor der Old Bailey gegen ihn gebraucht werden möchten. Man
versicherte ihm, daß das Haus ihn in Schutz nehmen werde; aber er
behauptete, diese Versicherung sei nicht genügend, das Haus bleibe nicht
immer beisammen und er könne während einer Vertagung prozessirt und
gehängt werden, bevor ihre Lordschaften wieder zusammenträten. Das Wort
des Königs allein, sagte er, werde ihm eine vollständige Garantie sein.
Die Peers ließen ihn wieder fortführen und beschlossen unmittelbar
darauf, daß Wharton sich nach Kensington begeben und Se. Majestät bitten
sollte, das Versprechen zu geben, das der Gefangene verlangte. Wharton
eilte nach Kensington und kam mit einer günstigen Antwort zurück.
Fenwick wurde wieder vor die Schranke gebracht. Man sagte ihm, der König
habe sein Wort gegeben, daß nichts von dem was er an dieser Stelle
aussagen würde, an einem andren Orte zu seinem Nachtheil benutzt werden
sollte. Er machte indeß noch immer Schwierigkeiten. Wenn er auch Alles
gestehe was er wisse, sagte er, könne man doch glauben, er verschweige
noch immer etwas. Kurz, er werde nichts sagen, bis er die Zusicherung
seiner Begnadigung habe. Er wurde nun zum letzten Male feierlich vom
Wollsacke aus gewarnt. Es wurde ihm versichert, daß, wenn er offen gegen
die Lords sei, sie sich am Fuße des Thrones für ihn verwenden und daß
ihre Fürsprache nicht erfolglos sein würde. Wenn er jedoch obstinat
bliebe, so würden sie die Bill weiter verfolgen. Es ward ihm eine kurze
Bedenkzeit bewilligt und er dann aufgefordert, seine definitive Antwort
zu geben. „Ich habe sie bereits gegeben,” sagte er; „ich habe keine
Sicherheit. Wenn ich sie hätte, würde ich den Wünschen des Hauses sehr
gern entsprechen.” Er wurde hierauf in seine Zelle zurückgebracht, und
die Peers trennten sich nach einer Sitzung, welche bis tief in die Nacht
hinein gedauert hatte.[78] Die Peers, welche Fenwick angeklagt hatte,
hielten sich zu verschiedenen Seiten. Marlborough stimmte beharrlich mit
der Majorität und bewog den Prinzen Georg das Nämliche zu thun.
Godolphin stimmte ebenso beharrlich mit der Minorität, enthielt sich
aber mit characteristischer Vorsicht, Gründe für seine Voten anzugeben.
Keine Periode seines Lebens berechtigt uns dazu, sein Verfahren einem
höheren Motive zuzuschreiben. Wahrscheinlich hielt er es, nachdem er
durch die Whigs aus dem Amte vertrieben und gezwungen worden war, sich
zu den Tories zu flüchten, für rathsam mit seiner Partei zu gehen.[79]
[_Schritte gegen Monmouth._] Sobald die Bill zum dritten Male gelesen
war, wurde die Aufmerksamkeit der Peers auf einen Gegenstand gelenkt,
der die Ehre ihres Standes nahe berührte. Lady Marie Fenwick war
begreiflicherweise über das Benehmen Monmouth’s höchlich entrüstet. Er
war, nachdem er den ernsten Willen geäußert, ihren Gatten zu retten,
plötzlich zurückgetreten und der unbarmherzigste Verfolger ihres Gatten
geworden, und dies Alles lediglich deshalb, weil der unglückliche
Gefangene sich nicht als Werkzeug zur Vollführung eines phantastischen
Unheilplanes hatte gebrauchen lassen wollen. Sie war wohl zu
entschuldigen, wenn sie dachte, daß Rache süß sein müsse. In ihrer Wuth
zeigte sie ihrem Vetter, dem Earl von Carlisle, die Papiere, die sie von
der Herzogin von Norfolk erhalten hatte. Carlisle brachte die
Angelegenheit vor die Lords. Die Papiere wurden vorgelegt. Lady Mary
erklärte, daß sie sie von der Herzogin erhalten, die Herzogin erklärte,
daß sie sie von Monmouth erhalten habe, und Elisabeth Lawson bestätigte
die Aussage ihrer beiden Freundinnen. Alle bitteren Dinge, die der kecke
Earl über Wilhelm gesagt hatte, wurden wiederholt. Die Wuth der beiden
großen Parteien brach mit unbändiger Heftigkeit aus. Die Whigs waren
durch die Entdeckung erbittert, daß Monmouth im Geheimen darauf
hingearbeitet hatte, zwei hochstehende Männer, mit deren Ruf der Ruf der
ganzen Partei verknüpft war, in Schande und Verderben zu stürzen. Die
Tories beschuldigten ihn, heimtückisch und grausam gegen den Gefangenen
und dessen Gemahlin gehandelt zu haben. Unter den Whigs sowohl wie unter
den Tories hatte sich Monmouth durch seine Spötteleien und Invectiven
zahlreiche persönliche Feinde gemacht, welche die Furcht vor seinem
scharfen Witze und seinem Degen bisher in Schach gehalten hatte.[80]
Alle diese Feinde erhoben jetzt die Stimme gegen ihn. Man war sehr
neugierig, was er zu seiner Vertheidigung würde sagen können. Seine
Beredtsamkeit, schrieb der Correspondent der Generalstaaten, habe schon
oft Anderen geschadet; jetzt werde er sie aber in vollem Maße brauchen,
um sich selbst zu schützen.[81] Seine Beredtsamkeit war in der That mehr
für den Angriff als für die Vertheidigung geeignet. Monmouth sprach nahe
an drei Stunden verworren und abschweifend, rühmte sich über die Maßen
seiner Dienste und Opfer, sagte dem Hause, daß er eine wichtige Rolle
bei der Revolution gespielt, daß er in den schlimmen Zeiten vier Reisen
nach Holland gemacht, daß er seitdem hohe Aemter ausgeschlagen, daß er
den materiellen Gewinn stets verachtet habe. „Ich habe,” sagte er, sich
bedeutungsvoll zu Nottingham wendend, „keine große Herrschaft gekauft,
ich habe keinen Palast gebaut, ich bin um zwanzigtausend Pfund ärmer als
zu der Zeit meines Eintritts in das öffentliche Leben. Mein altes
Erbschloß droht mir über dem Kopfe einzustürzen. Kann irgend Jemand, der
sich erinnert, was ich für Se. Majestät gethan und gelitten habe,
glauben, daß ich unehrerbietig von ihm sprechen würde?” Er erklärte
feierlich -- und dies war die schwerste von den vielen schweren Sünden
seines langen und bewegten Lebens, -- daß er mit den Papieren, welche so
großes Aergerniß erregt, nichts zu thun habe. Die Papisten, sagte er,
haßten ihn, sie hätten sich vorgenommen, ihn zu verderben, seine
undankbare Cousine habe sich zu ihrem Werkzeuge hergegeben und habe
seine eifrigen Bemühungen, ihre Ehre zu wahren, damit vergolten, daß sie
es versucht habe, die seinige zu untergraben. Als er geendet hatte, trat
ein lange anhaltendes Stillschweigen ein. Er fragte, ob Ihre
Lordschaften wünschten, daß er sich entferne. Jetzt ergriff Leeds, für
dessen treuen Freund er sich einst erklärt, den er aber mit
characteristischer Unbeständigkeit verlassen und mit characteristischer
Rücksichtslosigkeit angegriffen hatte, die Gelegenheit, sich zu rächen.
„Es ist ganz unnöthig,” sagte der schlaue alte Staatsmann, „daß der edle
Earl sich jetzt entfernt. Die Frage, die wir für jetzt zu entscheiden
haben, ist lediglich die, ob diese Papiere unsren Tadel verdienen oder
nicht. Wer sie geschrieben hat, ist eine Frage, die nachher erörtert
werden kann.” Es wurde hierauf beantragt und einstimmig beschlossen, daß
die Papiere verleumderisch seien und daß der Verfasser derselben sich
eines schweren Verbrechens und Vergehens schuldig gemacht habe. Monmouth
selbst mußte sich in Folge dieser geschickten Taktik der Verurtheilung
seiner eigenen Schriftstücke anschließen.[82] Dann ging das Haus zur
Inbetrachtnahme der gegen ihn vorliegenden Beschuldigung über. Seine
Cousine, die Herzogin, stand zwar nicht im besten Rufe; aber ihre
Aussage wurde sowohl durch directes als durch aus den Umständen
geschöpftes Zeugniß bestätigt. Ihr Gemahl sagte mit höhnischem Scherze,
daß er Allem was sie ausgesagt habe, vollkommenen Glauben schenke.
„Mylord Monmouth hielt sie für gut genug, um meine Gattin zu sein, und
wenn sie gut genug ist, um meine Gattin zu sein, so bin ich überzeugt,
daß sie auch gut genug ist, um gegen ihn zu zeugen.” In einem Hause von
nahe an achtzig Peers schienen nur acht bis zehn geneigt, gegen Monmouth
einige Nachsicht zu üben. Er wurde der That, an der er unschuldig zu
sein auf das Feierlichste betheuert hatte, für schuldig erklärt, in den
Tower geschickt und aller seiner Stellen entsetzt, und sein Name aus dem
Rathsbuche gestrichen.[83] Man hätte denken sollen, daß der Verlust
seines Rufes und seines irdischen Glückes unwiederbringlich sein müßte.
Aber seine Natur besaß eine unverwüstliche Elasticität. In seinem
Gefängnisse war er zwar so unbändig wie ein eben in den Käfig gesperrter
Falke, und er würde vor bloßer Ungeduld gestorben sein, wenn er lange in
Haft geblieben wäre. Sein einziger Trost war, wilde und romanhafte Pläne
zu ersinnen, wie er sich aus seiner unangenehmen Lage befreien und sich
an seinen Feinden rächen könne. Als er seine Freiheit wieder erlangte,
stand er allein in der Welt, ein entehrter Mann, von den Whigs mehr
gehaßt als irgend ein Tory, und von den Tories mehr gehaßt als irgend
ein Whig, und zu solcher Armuth reducirt, daß er davon sprach, sich auf
das Land zurückzuziehen, wie ein Pächter zu leben und seine Gemahlin in
die Milchkammer zu stellen, um Butter und Käse zu machen. Doch selbst
nach diesem Sturze erhob sich dieser ruhelose Geist noch einmal und
stieg höher als je. Als er das erste Mal wieder vor den Augen der Welt
erschien, hatte er den Earltitel des Oberhauptes seiner Familie geerbt,
führte nicht mehr den befleckten Namen Monmouth und umgab den Namen
Peterborough bald mit neuem Glanze. Er war noch immer lauter Feuer und
Leben. Sein schlagender Witz und sein unerschrockner Muth machten ihn
gefährlich, einige liebenswürdige Eigenschaften, die mit seinen Lastern
auffallend contrastirten, und einige große Thaten, deren Eindruck durch
die sorglose Leichtfertigkeit, mit der er sie ausführte, noch erhöht
wurde, machten ihn populär und seine Landsleute vergaßen gern, daß ein
Held, auf dessen Thaten sie stolz waren und der sich eben so sehr durch
Talent und Muth, wie durch Ritterlichkeit und Freigebigkeit
auszeichnete, sich zu Streichen erniedrigt hatte, die den Pranger
verdienten.