Die Noth, welche am 4. Mai 1696 begann, während der nächsten fünf Monate
fast unerträglich war und von dem Tage, an welchem die Gemeinen
erklärten, daß es ihr unabänderlicher Entschluß sei, den alten Münzfuß
beizubehalten, leichter wurde, hörte im März 1697 auf, schmerzlich
gefühlt zu werden. Einige Monate sollten jedoch noch vergehen, bevor
sich der Credit von dem furchtbarsten Stoße, den er je erhalten hatte,
vollkommen wieder erholte. Aber schon war der tiefe und feste Grund
gelegt, auf dem sich das riesigste Gebäude von Handelsblüthe erheben
sollte, das die Welt je gesehen. Die große Masse der Whigs schrieb die
Wiedergenesung des Staats dem Genie und der Festigkeit ihres Führers
Montague zu. Selbst seine Feinde mußten, wenn auch mit Unmuth und mit
höhnischem Lächeln, gestehen, daß jeder seiner Pläne gelungen sei: die
erste Banksubscription, die zweite Banksubscription, die Umprägung, die
allgemeine Verpfändung und die Schatzkammerscheine. Einige Tories aber
murmelten, daß er nicht mehr Lob verdiene als ein Verschwender, der sein
ganzes Vermögen aufs Spiel setzt und der fortwährend Glück hat. England
habe zwar glücklich eine furchtbare Krisis überstanden und sei um so
kräftiger, weil es dieselbe bestanden; aber es sei in großer Gefahr
gewesen unterzugehen, und der Minister, der es dieser Gefahr ausgesetzt
habe, verdiene nicht gelobt, sondern gehängt zu werden. Andere gaben zu,
daß die Pläne, welche allgemein Montague zugeschrieben wurden,
vortrefflich seien, leugneten aber, daß diese Pläne Montague angehörten.
Die Stimme der Verleumdung wurde jedoch auf einige Zeit durch den lauten
Beifall des Parlaments und der City übertäubt. Die Autorität, welche der
Kanzler der Schatzkammer im Hause der Gemeinen besaß, war ohne Beispiel
und ohne Rivalität. Auch im Cabinet nahm sein Einfluß mit jedem Tage zu.
Im Schatzamte war ihm Keiner mehr überlegen. In Folge des Fenwick’schen
Bekenntnisses war der letzte Tory, der ein hohes und einflußreiches Amt
im Staate bekleidete, entfernt worden, und es gab endlich ein reines
Whigministerium.
[_Folgen des Fenwick’schen Bekenntnisses._] Man hatte es nicht
verhindern können, daß Gerüchte über dieses Bekenntniß in Umlauf kamen.
Der Gefangene hatte sogar Mittel gefunden sich mit seinen Freunden in
Communication zu setzen und hatte ihnen wahrscheinlich zu wissen gethan,
daß er nichts gegen sie, sehr viel aber gegen die Creaturen des
Usurpators gesagt habe. Wilhelm wünschte die Sache den gewöhnlichen
Gerichten zu überlassen und wollte durchaus nicht, daß sie anderwärts
untersucht würde. Seine Räthe aber, welche die Denkweise zahlreicher und
getheilter Versammlungen besser kannten als er, waren der Meinung, daß
eine parlamentarische Discussion wenn auch vielleicht nicht
wünschenswerth, doch unvermeidlich sei. Es stand in der Macht eines
einzelnen Mitglieds jedes der beiden Häuser, eine solche Discussion zu
erzwingen, und es gab in beiden Häusern Mitglieder, welche entweder aus
Pflichtgefühl oder aus bloßem Hang zum Unheilstiften, entschlossen waren
zu erfahren, ob der Angeklagte, wie erzählt wurde, gegen einige der
vornehmsten Männer des Königreichs schwere Beschuldigungen erhoben habe.
Wenn einmal eine Untersuchung stattfinden mußte, so war es gewiß
wünschenswerth, daß die beschuldigten Staatsmänner zuerst darauf
antrugen. Es war jedoch eine große Schwierigkeit dabei. Die Whigs,
welche die Majorität des Unterhauses bildeten, waren bereit, wie ein
Mann für die völlige Freisprechung Russell’s und Shrewsbury’s zu
stimmen, und sie verlangten auch nicht danach, Marlborough, der nicht
mehr im Staatsdienste war und daher wenig Neid erweckte, ein Brandmal
aufzudrücken. Aber eine große Anzahl ehrenwerther Gentlemen, wie Wharton
sie nannte, war durch nichts zu bewegen, einem Beschlusse beizutreten,
der Godolphin freigesprochen hätte. Ihnen war Godolphin ein Dorn im
Auge. Alle übrigen Tories, welche in den ersten Jahren der Regierung
Wilhelm’s eine Hauptrolle bei der Leitung der öffentlichen
Angelegenheiten gespielt hatten, waren nach einander entlassen worden.
Nottingham, Trevor, Leeds waren nicht mehr am Ruder. Pembroke war kaum
ein Tory zu nennen und war niemals wirklich am Ruder gewesen, Godolphin
aber bekleidete seinen Posten in Whitehall noch, und den Männern der
Revolution schien es unerträglich, daß ein Mann, der im Staatsrathe
Karl’s und Jakob’s gesessen und für eine Regentschaft gestimmt hatte,
erster Finanzminister war. Die so Denkenden hatten mit boshafter
Schadenfreude erfahren, daß der erste Lord des Schatzes in dem
Bekenntnisse genannt war, von dem Jedermann sprach, und sie hatten sich
vorgenommen, eine so günstige Gelegenheit, ihn aus dem Amte zu
vertreiben, nicht unbenutzt vorübergehen zu lassen. Auf der andren Seite
mußte Jeder, der Fenwick’s Schrift gelesen und nicht im Rausche der
Parteileidenschaft allen Sinn für Vernunft und Gerechtigkeit verloren
hatte, nothwendig einsehen, daß es unmöglich war, zwischen zwei Theilen
dieser Schrift einen Unterschied zu machen und alles auf Russell und
Shrewsbury Bezügliche als falsch, alles auf Godolphin Bezügliche als
wahr zu betrachten. Dies gab selbst Wharton zu, der von allen
Staatsmännern am wenigsten von Gewissensscrupeln oder von
Schamgefühlsregungen beunruhigt wurde.[56]
[_Godolphin’s Rücktritt._] Hätte Godolphin sich beharrlich geweigert,
seine Stelle aufzugeben, so würden die Whighäupter in eine höchst
unangenehme Verlegenheit gerathen sein. Aber ein Staatsmann von nicht
gewöhnlicher Gewandtheit übernahm es, sie aus ihrer Verlegenheit zu
reißen. In der Kunst, in den Herzen der Menschen zu lesen und sie zu
leiten, hatte Sunderland nicht seines Gleichen, und er wünschte, wie er
dies schon seit mehreren Jahren that, alle hohen Aemter im Königreiche
mit Whigs besetzt zu sehen. Durch seine geschickte Bearbeitung wurde
Godolphin bewogen, sich ins königliche Cabinet zu begeben und um die
Erlaubniß zu bitten, sich aus dem Staatsdienste zurückzuziehen, und
Wilhelm gab diese Erlaubniß mit einer Bereitwilligkeit, über welche
Godolphin weit mehr erstaunt als erfreut war.[57]
[_Stimmung der Whigs über Fenwick._] Eines von den Mitteln, welche die
Whigjunta anwendete, um in allen Reihen der Whigs eine noch nie
dagewesene Disciplin einzuführen und aufrechtzuerhalten, war die häufige
Abhaltung von Zusammenkünften der Mitglieder des Hauses der Gemeinen.
Einige dieser Zusammenkünfte waren zahlreich, andere waren gewählt. Die
zahlreicheren wurden in der „Rose” gehalten, einer in den politischen
Libellen jener Zeit häufig genannten Taverne;[58] die kleineren bei
Russell in Covent Garden, oder bei Somers in Lincoln’s Inn Fields.
An dem Tage, an welchem Godolphin sein hohes Amt niederlegte, wurden
zwei gewählte Meetings veranstaltet. Am Morgen war Russell’s Haus der
Zusammenkunftsort. Am Nachmittag fand sich eine zahlreiche Gesellschaft
bei dem Lordsiegelbewahrer ein. Fenwick’s Bekenntniß, das bis dahin
wahrscheinlich den meisten Anwesenden nur vom Hörensagen bekannt war,
wurde vorgelesen. Die Entrüstung der Zuhörer wurde in hohem Grade
erregt, namentlich durch eine Stelle, welche sagen zu wollen schien, daß
nicht allein Russell, nicht allein Shrewsbury, sondern die große Masse
der Whigpartei im Herzen jakobitisch sei, und zwar schon seit langer
Zeit. „Der Mensch behauptet,” sagte man, „daß selbst das Mordcomplot ein
whiggistischer Anschlag gewesen sei.” Die allgemeine Ansicht war, daß
man über eine solche Beschuldigung nicht leicht hinweggehen dürfe. Es
müsse eine feierliche Debatte und Entscheidung im Parlamente
stattfinden. Das beste Verfahren werde sein, wenn der König selbst zu
dem Gefangenen ginge und ihn verhörte und wenn Russell dann um die
königliche Erlaubniß nachsuchte, den Gegenstand vor das Haus der
Gemeinen zu bringen. Da Fenwick für die Geschichten, die er erzählte,
keine andre Autorität zu haben behaupte als bloßes Hörensagen, so könne
es nicht schwer halten, eine Resolution, die ihn als Verleumder
brandmarkte, und eine Adresse an den Thron durchzubringen, welche um
seine sofortige Prozessirung wegen Hochverraths ersuchte.[59]
[_Wilhelm verhört Fenwick._] Die Ansicht der Versammlung wurde Wilhelm
durch seine Minister mitgetheilt, und er verstand sich, wenn auch nicht
ohne Widerstreben, dazu, mit dem Gefangenen zu sprechen. Fenwick wurde
in das königliche Cabinet zu Kensington gebracht. Einige von den hohen
Staatsbeamten und die Kronanwälte waren anwesend. „Ihre Schrift, Sir
John,” sagte der König, „ist ganz und gar unbefriedigend. Anstatt mir
eine Darstellung der von Ihnen und Ihren Mitschuldigen geschmiedeten
Complots zu geben, deren Details Ihnen alle genau bekannt sein müssen,
erzählen Sie mir Geschichten ohne Autorität, ohne Daten, ohne
Ortsangaben, von Cavalieren und Gentlemen, mit denen Sie gar nicht in
Verkehr gestanden zu haben behaupten. Kurz, Ihr Bekenntniß scheint
offenbar eine Erdichtung zu sein, welche Diejenigen, die wirklich
Anschläge gegen mich entworfen haben, meinen Blicken verbergen und mich
veranlassen will, Diejenigen, denen ich guten Grund habe Vertrauen zu
schenken, mit Mißtrauen zu betrachten und aus meiner Nähe zu entfernen.
Wenn Sie auf irgend eine Vergünstigung von mir hoffen, so geben Sie mir
diesen Augenblick und hier an dieser Stelle eine vollständige und offene
Darlegung dessen was Sie aus Sich selbst wissen.” Fenwick erwiederte,
dieses Verlangen treffe ihn zu unvorbereitet, und bat um Zeit. „Nein,
Sir,” sagte der König, „wozu können Sie Zeit brauchen? Sie können nur
dann Zeit brauchen, wenn Sie eine zweite Schrift wie diese aufsetzen
wollen. Aber was ich von Ihnen verlange, ist eine einfache Erzählung
dessen was Sie selbst gethan und gesehen haben, und eine solche
Erzählung können Sie, wenn Sie sonst wollen, ohne Feder und Tinte
geben.” Fenwick weigerte sich auf das Bestimmteste, irgend etwas zu
sagen. „Nun, es sei denn,” sagte Wilhelm. „So will ich weder von Ihnen
noch über Sie weiter etwas hören.”[60]
Fenwick wurde in sein Gefängniß zurückgeführt. Er hatte bei dieser
Audienz eine Kühnheit und Entschiedenheit gezeigt, welche Diejenigen,
die sein Benehmen beobachtet hatten, in Erstaunen setzten. Während der
ganzen bisherigen Dauer seiner Haft hatte er stets ängstlich und muthlos
geschienen und doch hatte er jetzt, bei dem Wendepunkte seines
Schicksals, dem Zorne des Fürsten getrotzt, den er kurz zuvor demüthig
um Nachsicht angefleht. In wenigen Stunden wurde das Räthsel aufgeklärt.
Unmittelbar vor seiner Vorladung nach Kensington hatte er von seiner
Gattin die Mittheilung erhalten, daß sein Leben nicht gefährdet sei, daß
nur ein Belastungszeuge gegen ihn existire, daß es ihr und ihren
Freunden gelungen sei, Goodman zu bestechen.[61]
[_Verschwinden Goodman’s._] Goodman war eine Freiheit gestattet worden,
wegen der man nachmals die Regierung mit einigem Grunde getadelt hat.
Denn seine Aussage war von der höchsten Wichtigkeit, sein Character war
notorisch schlecht, die gemachten Versuche Porter zu verführen,
bewiesen, daß, wenn Fenwick’s Leben mit Geld zu retten war, solches
nicht gespart werden würde, und Goodman war nicht, wie Porter,
behülflich gewesen, Jakobiten an den Galgen zu bringen, und war daher
nicht, wie Porter, durch ein unauflösliches Band an die Sache Wilhelm’s
gekettet. Die Familien der gefangenen Verschwörer bedienten sich der
Vermittelung eines schlauen und kühnen Abenteurers, Namens O’Brien.
Dieser Mann kannte Goodman genau. Sie hatten in der That einer und der
nämlichen Räuberbande angehört. Im „Hund” in Drury Lane, einer Taverne,
welche von gesetzlosen und verzweifelten Menschen frequentirt wurde,
trafen sie miteinander zusammen. O’Brien war von einem andren Jakobiten
von entschlossenem Character begleitet. Sie stellten Goodman die
einfache Alternative, entweder zu verschwinden und als Belohnung ein
Jahrgeld von fünfhundert Pfund zu erhalten, oder auf der Stelle ermordet
zu werden. Er willigte theils aus Habsucht, theils aus Furcht ein.
O’Brien war nicht der Mann sich prellen zu lassen wie Clancy. Von dem
Augenblicke an wo der Handel abgeschlossen, wich er nicht eher wieder
von Goodman’s Seite als bis sie in Saint-Germains waren.[62]
Am Nachmittage des Tages, an welchem Fenwick vom Könige in Kensington
befragt worden war, begann sich das Gerücht zu verbreiten, daß Goodman
vermißt werde. Er war seit vielen Stunden vom Hause abwesend und man
hatte ihn nicht an den Orten gesehen, die er zu besuchen pflegte. Zuerst
entstand der Verdacht, daß die Jakobiten ihn ermordet hätten, und dieser
Verdacht wurde durch einen sonderbaren Umstand verstärkt. Kurz nach
seinem Verschwinden war ein vom Rumpfe getrennter Menschenkopf gefunden
worden, der so furchtbar zerfleischt war, daß sich kein Zug im Gesicht
mehr erkennen ließ. Die Menge, von dem Gedanken besessen, daß es kein
Verbrechen gebe, zu dessen Verübung sich nicht ein irischer Papist
finden würde, war zu dem Glauben geneigt, daß das Schicksal Godfrey’s
ein neues Opfer betroffen habe. Bei näherer Untersuchung stellte es sich
jedoch als gewiß heraus, daß Goodman sich absichtlich entfernt hatte. Es
erschien eine Bekanntmachung, welche Demjenigen, der den Flüchtling
ergreifen würde, eine Belohnung von tausend Pfund versprach; aber es war
zu spät.[63]
Dieser Vorfall erbitterte die Whigs über die Maßen. Keine Jury
konnte jetzt Fenwick des Hochverraths schuldig erklären. Sollte er
also davon kommen? Sollte eine lange Reihe von Verbrechen gegen den
Staat ungestraft bleiben, lediglich weil zu diesen Verbrechen noch
das neue Verbrechen gekommen war, einen Zeugen zu bestechen, damit
er seine Aussage unterdrücke und sich der Bürgschaftleistung durch
die Flucht entziehe? Gab es kein außergewöhnliches Mittel, durch das
die Justiz einen Verbrecher erreichen konnte, der einzig und allein
weil er schlimmer war als andere Verbrecher außer dem Bereiche des
gewöhnlichen Gesetzes stand? Es gab ein solches Mittel, das durch
zahlreiche Präcedenzfälle autorisirt war, das während der Wirren des
16. Jahrhunderts die Papisten sowohl als die Protestanten, und während
der Wirren des 17. Jahrhunderts die Rundköpfe sowohl als die Cavaliere
angewendet hatten, ein Mittel, das kein Führer der Torypartei verdammen
konnte, ohne sich selbst zu verurtheilen, und über das sich Fenwick
anständigerweise nicht beklagen konnte, da er selbst wenige Jahre
früher eifrig dafür gewesen war, es gegen den unglücklichen Monmouth
anzuwenden. Zu diesem Mittel beschloß die Partei, die jetzt im Staate
die Oberhand hatte, zu greifen.
[_Parlamentarische Maßnahmen in Bezug auf Fenwick’s Geständnisse._] Bald
nachdem die Gemeinen am Morgen des 6. Novembers zusammengetreten waren,
erhob sich Russell auf seinem Platze und bat um Gehör. Die Aufgabe die
er übernommen hatte, erforderte einen Muth nicht von der ehrenwerthesten
Art; aber ihm fehlte es an keiner Art von Muth. Sir John Fenwick, sagte
er, habe dem Könige eine Schrift übersandt, in der schwere
Beschuldigungen gegen einige Diener Sr. Majestät erhoben wären, und Se.
Majestät habe auf Ersuchen seiner angeklagten Diener zu befehlen geruht,
daß diese Schrift dem Hause vorgelegt werde. Das Bekenntniß wurde
vorgelesen. Hierauf verlangte der Admiral mit einem Muthe und einer
Würde, die eines besseren Mannes werth gewesen wären, Gerechtigkeit für
sich und Shrewsbury. „Wenn wir unschuldig sind, so reinigen Sie uns.
Wenn wir schuldig sind, so bestrafen Sie uns wie wir es verdienen. Ich
übergebe mich Ihnen als meinem Vaterlande und bin bereit, nach Ihrem
Urtheilsspruche zu stehen oder zu fallen.”
Es wurde sofort angeordnet, daß Fenwick schleunigst vor die Schranke
gebracht werden solle. Cutts, der als Abgeordneter für Cambridgeshire im
Hause saß, wurde angewiesen, für eine genügende Eskorte zu sorgen, und
ihm noch besonders eingeschärft, darauf Bedacht zu nehmen, daß der
Gefangene auf dem Wege von Newgate nach Westminster keine Gelegenheit
habe, eine mündliche oder schriftliche Mittheilung zu geben oder zu
empfangen. Dann vertagte sich das Haus bis zum Nachmittag.
Um fünf Uhr, damals eine späte Stunde, wurde das Scepter wieder auf den
Tisch gelegt und das Haus und die Vorhallen sorgfältig von Fremden
gesäubert. Fenwick wartete draußen unter starker Wache. Er ward
hereingerufen und vom Sprecher aufgefordert, ein vollständiges und
offenes Geständniß abzulegen. Er zögerte und machte Ausflüchte. „Ich
kann ohne Erlaubniß des Königs nichts sagen. Es könnte Sr. Majestät
mißfällig sein, wenn etwas, was nur er erfahren darf, Anderen
mitgetheilt würde.” Es wurde ihm hierauf entgegnet, daß seine
Besorgnisse ungegründet seien. Der König wisse sehr wohl, daß es das
Recht und die Pflicht seiner getreuen Gemeinen sei, Alles zu
untersuchen, was die Sicherheit seiner Person und seiner Regierung
betreffe. „Mein Prozeß kann in einigen Tagen beginnen,” sagte der
Gefangene. „Man kann nicht von mir verlangen, etwas zu sagen, was vor
Gericht gegen mich sprechen könnte.” -- „Sie haben nichts zu fürchten,”
erwiederte der Sprecher, „wenn Sie nur vollständige und unumwundene
Enthüllungen machen. Nie hat Jemand Ursache gehabt, es zu bereuen, daß
er gegen die Gemeinen England’s aufrichtig gewesen war.” Nun bat Fenwick
um Aufschub. Er sei kein gewandter Redner, er habe ein schlechtes
Gedächtniß, er müsse Zeit haben, um sich vorzubereiten. Man sagte ihm,
wie dies schon einige Tage vorher im königlichen Cabinet geschehen war,
daß er, ob vorbereitet oder nicht, sich doch nothwendig der
hauptsächlichsten Complots, bei denen er betheiligt gewesen sei, und der
Namen seiner Hauptmitschuldigen erinnern müsse. Wenn er das was er
unmöglich vergessen haben könne, ehrlich erzählte, so würde das Haus
alle billigen Rücksichten nehmen und ihm Zeit lassen, sich auf
untergeordnete Details zu besinnen. Dreimal wurde er von der Schranke
entfernt und dreimal wurde er dahin zurückgebracht. Man machte ihn mit
feierlichem Ernste darauf aufmerksam, daß die ihm jetzt gegebene
Gelegenheit, sich die Gunst der Gemeinen zu erwerben, wahrscheinlich die
letzte sein werde. Er beharrte in seiner Weigerung und wurde nach
Newgate zurückgebracht.
Es wurde nun beantragt zu resolviren, daß sein Bekenntniß falsch und
verleumderisch sei. Coningsby schlug den Zusatz vor, daß es den Zweck
habe, Mißtrauen zwischen dem Könige und guten Unterthanen hervorzurufen,
um wirkliche Verräther dem Arme der Gerechtigkeit zu entziehen. Einige
unversöhnliche und starrköpfige Whigs, deren Haß gegen Godolphin durch
seinen Rücktritt nicht gemildert worden war, sprachen Zweifel aus, ob
das ganze Schriftstück verworfen werden dürfe. Aber nach einer Debatte,
in der sich Montague besonders auszeichnete, wurde der Antrag
angenommen. Ein paar Stimmen riefen zwar „Nein,” aber Niemand wagte es
eine Abstimmung zu verlangen.
[_Bill zur Verurtheilung Fenwick’s._] So weit war Alles mit Ruhe
abgegangen; aber in wenigen Minuten brach der Sturm los. Das furchtbare
Wort Verurtheilungsbill wurde ausgesprochen und alsbald erwachten alle
heftigen Leidenschaften der beiden großen Parteien. Die Tories waren
überrascht worden und viele von ihnen hatten das Haus verlassen. Die
Zurückgebliebenen erklärten laut, daß sie nie in eine solche Verletzung
der ersten Grundsätze der Gerechtigkeit willigen würden. Die Whigs waren
nicht minder heftig und ihre Reihen waren ungelichtet. Der Antrag auf
Erlaubniß zur Einbringung einer Verurtheilungsbill gegen Sir John
Fenwick wurde spät Abends mit hunderteinundsiebzig gegen einundsechzig
Stimmen angenommen, aber es war unzweifelhaft, daß der Kampf lang und
heiß werden würde.[64]
Der Parteigeist war in der That selten heftiger erregt gewesen. Es war
allerdings auf beiden Seiten viel ehrlicher Eifer, aber ein
beobachtendes Auge würde auf beiden Seiten auch Furcht, Haß und Habsucht
unter den schimmernden Vorwänden der Gerechtigkeit und des Gemeinwohls
entdeckt haben. Die bedauerliche Hitze der Parteisucht brütete rasch
eine Menge giftiges Gewürm aus, das lange erstarrt gelegen hatte:
verabschiedete Spione und verurtheilte falsche Zeugen, welche die
Peitsche, das Brenneisen und die Scheere verschont hatten. Selbst Fuller
hoffte wieder Leichtgläubige zu finden, die ihn anhören würden. Seitdem
er am Pranger gestanden, hatte die Welt ihn vergessen. Er hatte jetzt
die Stirn an den Sprecher zu schreiben, um Gehör vor der Schranke zu
bitten und viele wichtige Aufschlüsse über Fenwick und Andere zu
versprechen. Am 9. November zeigte der Sprecher dem Hause den Empfang
dieser Mittheilung an; aber das Haus weigerte sich geziemenderweise, den
Brief eines so notorischen Schurken nur vorlesen zu lassen.
[_Debatten der Gemeinen über die Verurtheilungsbill._] An dem nämlichen
Tage wurde die Verurtheilungsbill, nachdem sie von dem Generalfiskal und
dem Generalprokurator vorbereitet worden, eingebracht und zum ersten
Male gelesen. Das Haus war gefüllt und die Debatte heiß. John Manley,
Mitglied für Bossiney, einer von den starren Tories, die sich während
der vorhergehenden Session lange geweigert hatten, dem Verein
beizutreten, beschuldigte die Majorität in nicht eben gemäßigten
Ausdrücken, daß sie dem Hofe schmeichle und die Freiheiten des Volks
verrathe. Seine Worte wurden zu Protokoll genommen und obgleich er sie
wegzuerklären versuchte, wurde er doch in den Tower geschickt. Seymour
sprach nachdrücklich gegen die Bill und führte die Rede an, welche Cäsar
im römischen Senate gegen den Antrag hielt, daß die Mitschuldigen
Catilina’s unregelmäßigerweise vom Leben zum Tode gebracht werden
sollten. Ein whiggistischer Redner bemerkte hierauf sarkastisch, der
würdige Baronet vergesse, daß Cäsar selbst sehr stark in dem Verdacht
gestanden habe, bei Catilina’s Complot betheiligt gewesen zu sein.[65]
In diesem Stadium stimmten hundertsechsundneunzig Mitglieder für die
Bill, hundertundvier gegen dieselbe. Es wurde Fenwick eine Abschrift
übersandt, damit er sich auf seine Vertheidigung vorbereiten könne. Er
hielt darum an, sich durch einen Advokaten vertheidigen lassen zu
dürfen; dieser Wunsch wurde ihm gewährt und der 13. zum Anhören der
Vertheidigung anberaumt.
Die ältesten Mitglieder konnten sich nicht erinnern, daß jemals
ein solcher Andrang nach dem Hause stattgefunden wie am Morgen des
13. Novembers. Es kostete einige Mühe, die Zugänge frei zu halten
und keine Fremden, Peers ausgenommen, wurden eingeladen. Der Zudrang
der Peers war so groß, daß ihre Anwesenheit einen bemerkbaren Einfluß
auf die Debatte ausübte. Selbst Seymour, der als ehemaliger Sprecher
des Rangtitels der Gemeinen ganz besonders eingedenk hätte sein
sollen, vergaß sich einmal so auffallend, daß er sie mit „Mylords”
anredete. Nachdem Fenwick von den Sheriffs von London der Form gemäß
dem Stabträger übergeben worden, wurde er vor die Schranke gebracht,
begleitet von zwei Advokaten, deren sich jakobitische Angeklagte
gewöhnlich bedienten: von Sir Thomas Powis und Sir Bartholomäus Shower.
Zur Vertheidigung der Bill hatte das Haus seinerseits Rechtsanwälte
bestellt.