Der von Devonshire abgesandte Bote fand Wilhelm in Loo. Der König

las das Bekenntniß und durchschaute sogleich in welcher Absicht es

aufgesetzt worden war. Es enthielt wenig mehr als was er längst wußte,

aber kluger- und hochherzigerweise nicht zu wissen sich gestellt

hatte. Wenn er Männer, die falsch gegen ihn gehandelt hatten, schonte,

anstellte und beförderte, so täuschte er sich deshalb noch keineswegs

über sie. Er besaß eine scharfe und richtige Beobachtungsgabe,

war gut unterrichtet und hatte seit einigen Jahren von vielem was

Fenwick nur nach vagen Gerüchten kannte, Beweise in Händen. Es ist

Manchen auffällig erschienen, daß ein Fürst von starrem Sinne und

unfreundlichem Wesen, Diener, die ihn so schwer gekränkt, mit einer

Milde behandelte, die man kaum von dem sanftesten Menschen hätte

erwarten können. Aber Wilhelm war vor Allem Staatsmann. Ueble Laune,

die natürliche und verzeihliche Folge großer körperlicher und geistiger

Leiden, konnte ihn zuweilen zu einer barschen Antwort hinreißen. Nie

aber ließ er sich bei irgend einem wichtigen Anlasse auf Kosten der

großen Interessen, deren Hüter er war, von seinen Leidenschaften

beherrschen. So stolz und gebieterisch er von Natur war, um dieser

Interessen willen unterwarf er sich geduldig harten Beschränkungen,

ertrug heftige Kränkungen und Enttäuschungen mit einem Anschein von

Heiterkeit und verzieh nicht nur Beleidigungen, die ihn gewiß empörten,

sondern stellte sich sogar, als ob er sie gar nicht bemerkt hätte.

Er wußte daß er nun einmal mit solchen Werkzeugen arbeiten mußte,

wie er sie hatte. Wenn er England regieren sollte, mußte er sich

auch der Staatsmänner England’s bedienen, und zu seiner Zeit waren

die Staatsmänner England’s bei großer Geschicklichkeit in vielen

Dingen insgesammt niedrigdenkend und unmoralisch. Allerdings gab es

Ausnahmen. Solche waren Nottingham unter den Tories und Somers unter

den Whigs. Aber die Mehrheit der toryistischen wie der whiggistischen

Minister Wilhelm’s waren Männer, deren Character in den Tagen der

antipuritanischen Reaction ihre Richtung bekommen hatte. Sie waren in

zwei schlimmen Schulen gebildet, an dem gewissenlosesten aller Höfe

und in der gewissenlosesten aller Oppositionen, an einem Hofe, der

seinen Character von Karl entlehnte, und einer Opposition, an deren

Spitze Shaftesbury stand. Von so geschulten Männern uneigennützige und

beharrliche Treue für irgend eine Sache zu erwarten, würde unvernünftig

gewesen sein. Aber wenn sie auch kein Vertrauen verdienten, so waren

sie doch zu brauchen und konnten nützlich werden. Auf ihre Grundsätze

konnte man sich nicht verlassen, um so mehr aber konnte man auf ihre

Hoffnungen und auf ihre Befürchtungen bauen, und von den beiden

Königen, welche Anspruch auf den englischen Thron machten, war der

im Besitz des Thrones befindliche derjenige, von dem am meisten zu

hoffen und am meisten zu fürchten war. Wenn daher Wilhelm auch wenig

Ursache hatte diese Staatsmänner für seine aufrichtigen Freunde zu

halten, so hatte er doch noch weniger Ursache, sie zu seinen heftigen

Feinden zu zählen. So tadelnswerth ihr Benehmen gegen ihn war, konnte

es doch im Vergleich zu ihrem Benehmen gegen Jakob noch rechtschaffen

genannt werden. Dem regierenden Souverain hatten sie werthvolle Dienste

geleistet, dem verbannten Souverain wenig mehr als Versprechungen und

Versicherungen gegeben. Shrewsbury mochte in einer Anwandlung von Groll

oder Schwäche mit jakobitischen Agenten verkehrt haben; aber sein

allgemeines Verhalten hatte bewiesen, daß er so weit davon entfernt

war als je, ein Jakobit zu sein. Godolphin war gegen die verbannte

Dynastie verschwenderisch mit schönen Worten gewesen, aber er hatte

die Einkünfte der am Ruder befindlichen Dynastie sparsam und geschickt

verwaltet. Russell hatte geschworen, daß er mit der englischen Flotte

desertiren werde, aber er hatte die französische Flotte verbrannt.

Selbst Marlborough’s bekannte Verräthereien -- denn von seinem Antheil

an dem Unglücke von Brest und an dem Tode Talmash’s hatte man keine

Ahnung -- hatte nicht soviel Schaden gethan, als seine Thaten bei

Walcourt, bei Cork und bei Kinsale Nutzen gebracht. Wilhelm hatte

sich daher wohlweislich vorgenommen, seine Augen einer Perfidie zu

verschließen, die, so schändlich sie immer sein mochte, ihm keinen

Nachtheil gebracht hatte, und sich noch immer mit gehöriger Vorsicht

der ausgezeichneten Talente zu bedienen, die einige seiner ungetreuen

Räthe besaßen. Da er sich einmal zu diesem Verfahren entschlossen und

es seit langer Zeit mit glücklichem Erfolge beobachtet hatte, so mußte

ihn Fenwick’s Bekenntniß nothwendig verdrießen und reizen. Es war klar,

daß Sir John sich für einen Macchiavel hielt. Wenn sein Streich gelang,

so wurde die Prinzessin, mit der man es um keinen Preis verderben

durfte, durch Marlborough’s Entlassung der Regierung entfremdet, die

gesammte Whigpartei, die festeste Stütze des Thrones, wurde durch die

Entlassung Russell’s und Shrewsbury’s entfremdet, und doch konnte

keinem von denjenigen Verschwörern, von denen Fenwick wußte, daß sie in

Insurrections-, Invasions- und Ermordungspläne tief verwickelt gewesen

waren, etwas geschehen. Der schlaue Plänemacher sollte jedoch erfahren,

daß er es mit keinem Anfänger zu thun hatte. Anstatt daß Wilhelm seine

angeschuldigten Diener von ihren Posten entfernte, übersandte er das

Bekenntniß Shrewsbury mit der Weisung es den Lords Justices vorzulegen.

„Ich bin erstaunt,” schrieb der König, „über die Frechheit dieses

Menschen. Sie kennen mich zu gut, als daß Sie glauben sollten, daß

derartige Geschichten den geringsten Eindruck auf mich machen können.

Bemerken Sie nur die Aufrichtigkeit des wackeren Mannes. Er hat gegen

Niemanden als gegen meine Freunde etwas zu sagen. Kein Wort von den

Plänen seiner jakobitischen Genossen.” Der König schloß damit, daß er

den Lords Justices befahl, Fenwick so schleunig als möglich vor ein

Geschwornengericht zu stellen.[38]

Der Eindruck, den Wilhelm’s Brief machte, war eigenthümlich. Jede

der angeschuldigten Personen benahm sich in ganz characteristischer

Weise. Marlborough, der Schuldigste von Allen, bewahrte eine heitere,

majestätische und etwas verächtliche Ruhe. Russell, der fast eben so

strafbar war als Marlborough, gerieth in heftigen Zorn und schnaubte

Rache gegen den schurkischen Angeber. Godolphin war besorgt, aber

behutsam, zurückhaltend, sich vollkommen beherrschend, und machte sich

bereit, die Defensive zu beobachten. Shrewsbury aber, der von allen

Vieren den wenigsten Tadel verdiente, war ganz zu Boden geschmettert.

Er schrieb in der größten Angst an Wilhelm, erkannte mit warmen

Dankesversicherungen die seltene Großmuth des Königs an und betheuerte,

daß Fenwick geringfügige Kleinigkeiten boshafterweise zu schweren

Verbrechen übertrieben und entstellt habe. „Mylord Middleton” -- das

war der wesentliche Inhalt seines Briefes -- „stand allerdings um

die Zeit der Schlacht von La Hogue mit mir in Verbindung. Wir sind

Verwandte, wir sahen uns häufig und gerade vor seiner Abreise nach

Frankreich speisten wir noch zusammen, bei welcher Gelegenheit ich ihm

versprach, seine hiesigen Interessen wahrzunehmen, während er sich

dagegen erbot, mir dort gefällig zu sein; aber ich sagte ihm, daß ich

zu tief verletzt habe, um Verzeihung erwarten zu können und daß ich

mich auch nicht herablassen werde, um Verzeihung zu bitten.” Dies,

versicherte Shrewsbury, sei sein ganzes Verbrechen.[39] Es ist nur zu

vollständig erwiesen, daß dieses Geständniß kein offenes war, auch

ließ sich Wilhelm dadurch wahrscheinlich nicht täuschen. Aber er hatte

sich vorgenommen, dem reuigen Verräther die Demüthigung zu ersparen,

einen Fehler einzugestehen und deshalb um Verzeihung zu bitten. „Ich

kann,” schrieb der König, „in dem was Sie zugegeben haben, durchaus

kein Verbrechen erblicken. Sein Sie versichert, daß diese Verleumdungen

keinen ungünstigen Eindruck auf mich gemacht haben. Sie sollen sogar

erfahren, daß sie mein Vertrauen zu Ihnen noch vermehrt haben.”[40]

Ein von Grund aus verdorbener Mensch würde durch eine so vollständige,

ihm in so gnädigen Ausdrücken zugesicherte Freisprechung völlig beruhigt

worden sein. Aber Shrewsbury war ganz vernichtet durch eine Milde, die

er, wie er wohl wußte, nicht verdient hatte. Er erschrak vor dem

Gedanken, dem Gebieter unter die Augen zu treten, gegen den er sich

vergangen und der ihm verziehen hatte, und sich den scharfen Blicken der

Peers auszusetzen, unter denen seine Geburt und seine Talente ihm eine

Stellung erworben hatten, der er sich unwürdig fühlte. Der Feldzug in

den Niederlanden war beendigt, die Parlamentssession stand bevor und man

erwartete daher den König mit dem ersten günstigen Winde. Shrewsbury

verließ die Stadt und zog sich in die Wolds von Gloucestershire zurück.

In diesem Districte, damals einem der wildesten im Süden der Insel,

besaß er einen von freundlichen Gartenanlagen und Fischteichen umgebenen

kleinen Landsitz. Wilhelm hatte auf seiner Reise im vorhergehenden Jahre

diesen Wohnsitz besucht, der weit von jeder Landstraße und von jeder

Marktstadt entfernt lag, und war erstaunt gewesen über die Stille und

Einsamkeit des Ortes, wo er den liebenswürdigsten und glänzendsten aller

englischen Höflinge fand.

[_Wilhelm’s Rückkehr nach England._] Am 6. October um ein Uhr Morgens

landete der König in Margate, und spät am Abend traf er in Kensington

ein. Am folgenden Morgen drängte sich ein glänzender Schwarm von

Ministern und Edelleuten zum Handkusse; aber er vermißte ein Gesicht,

das darunter hätte sein sollen, und er fragte wo der Herzog von

Shrewsbury sei und wann er zurückerwartet werde. Am andren Morgen

kam ein Brief von dem Herzoge, worin er versicherte, daß er eben auf

der Jagd einen schlimmen Fall gethan habe. Er habe sich die Seite

gequetscht, seine Lunge habe gelitten, er habe Blut gespuckt und

dürfe es nicht wagen, eine Reise zu unternehmen.[41] Daß er gefallen

war und sich verletzt hatte, war richtig; aber selbst Diejenigen,

die ihm am meisten zugethan waren, vermutheten, und nicht ohne

triftigen Grund, daß er den zu so gelegener Zeit eingetretenen Unfall

schlimmer darstellte, als er wirklich war, und daß er die Reise ohne

Schwierigkeit hätte machen können, wenn er sich nicht gescheut hätte,

vor der Oeffentlichkeit zu erscheinen. Seine Freunde, mit denen

er correspondirte, sagten ihm, daß er, wenn sein Zustand wirklich

so schlimm sei, als er glaube, er wohl thun werde, die Aerzte und

Chirurgen der Hauptstadt zu consultiren. Namentlich Somers bat ihn auf

das Dringendste, nach London zu kommen. Jede Stunde Zeitverlust sei

von Nachtheil. Se. Gnaden müsse seine Empfindlichkeit überwinden. Er

brauche der Verleumdung nur muthig entgegenzutreten, und sie werde in

nichts zerfallen.[42] Der König drückte in einigen freundlichen Zeilen

sein Bedauern über den Unfall aus. „Sie fehlen uns hier sehr,” schrieb

er: „ich kann es kaum erwarten, Sie zu umarmen und Ihnen zu versichern,

daß meine Achtung gegen Sie sich nicht vermindert hat.”[43] Shrewsbury

antwortete, daß er entschlossen sei, die Siegel abzugeben.[44] Somers

beschwor ihn, keinen so folgenschweren Fehler zu begehen. Wenn Se.

Gnaden diesen Augenblick aus dem Amte träte, was könnte die Welt

dann Andres denken, als daß sein eignes Gewissen ihn verurtheilt

habe? Er würde sich factisch für schuldig bekennen und würde einen

Flecken auf seine Ehre wie auf die Ehre aller Derjenigen werfen,

denen man Gleiches zur Last lege. Es würde dann nicht mehr möglich

sein, Fenwick’s Geschichte als einen Roman zu behandeln. „Verzeihen

Sie es mir,” schrieb Somers, „daß ich so freimüthig spreche; aber ich

gestehe, daß ich in diesem Punkte mich schwer mäßigen kann.”[45] Wenige

Stunden später schrieb Wilhelm noch einmal in dem nämlichen Sinne. „Ich

achte Sie so hoch, daß ich, wenn ich könnte, Ihnen positiv verbieten

würde, etwas zu thun, was einen so schweren Verdacht auf Sie bringen

muß. Ich würde zu jeder Zeit Ihren Rücktritt als ein Unglück für mich

betrachten; aber ich versichere Ihnen, daß ich diesen Augenblick

Ihr Bleiben in meinem Dienste mehr um Ihret- als um meinetwillen

wünsche.”[46] Sunderland, Portland, Russell und Wharton vereinigten

ihre Bitten mit denen ihres Gebieters, und Shrewsbury willigte endlich

ein, dem Namen nach Staatssekretär zu bleiben. Aber nichts konnte ihn

bewegen, dem Parlamente, das im Begriff war, sich zu versammeln, unter

die Augen zu treten. Man schickte ihm von London eine Sänfte, aber

vergebens. Er reiste zwar ab, erklärte aber, daß es ihm nicht möglich

sei, die Reise fortzusetzen, und er flüchtete sich wieder auf seinen

einsamen Wohnsitz im Gebirge.[47]

[_Zusammentritt des Parlaments; Lage des Landes._] Während diese Dinge

geschahen, begaben sich die Mitglieder der beiden Häuser aus allen

Theilen des Landes nach Westminster. Nicht allein England, sondern ganz

Europa sah der Eröffnung der Session mit der größten Spannung entgegen.

Der öffentliche Credit hatte durch das Nichtzustandekommen der Landbank

einen gewaltigen Stoß bekommen. Die Wiederherstellung der Valuta war

noch nicht zur Hälfte vollendet. Der Mangel an Geld war noch immer

äußerst empfindlich. Ein großer Theil des gemünzten Geldes wurde in

geheime Schränke vergraben so wie es aus der Münze kam. Diejenigen

Politiker, welche für die Erhöhung des Nominalwerthes der Münzen waren,

hatten nur zu bereitwilliges Gehör bei einer unter schwerer Bedrängniß

seufzenden Bevölkerung gefunden, und einmal schien die allgemeine

Stimme der Nation auf ihrer Seite zu sein.[48] Natürlich häufte Jeder,

der eine Herabsetzung des Münzfußes für wahrscheinlich hielt, soviel

Geld auf als er irgend konnte, und so vermehrte das Geschrei nach

kleinen Schillingen noch die Bedrängniß, aus der es entsprungen war.[49]

Sowohl die Bundesgenossen als die Feinde England’s glaubten, daß seine

Hülfsquellen erschöpft, daß sein Muth gebrochen sei, daß die Gemeinen,

selbst in ruhigen und blühenden Zeiten so oft klagsüchtig und knauserig,

sich jetzt entschieden weigern würden, eine neue Last zu tragen, und mit

unwiderstehlichem Nachdruck darauf dringen würden, Frieden zu haben um

jeden Preis.

[_Rede König Wilhelm’s bei Eröffnung der Session._] Doch alle diese

Prophezeiungen wurden durch die Festigkeit und Geschicklichkeit der

Whigführer und durch die Beharrlichkeit der Whigmajorität zu Schanden

gemacht. Am 20. October traten die Häuser zusammen, Wilhelm hielt eine

Rede an sie, die sich unter den vielen ausgezeichneten Reden, in denen

seine eigenen Gedanken und Absichten in der würdevollen und verständigen

Sprache Somers’ ausgedrückt sind, besonders auszeichnete. Man habe,

sagte der König, alle Ursache, sich Glück zu wünschen. Allerdings seien

die in der vorhergehenden Session zur Bestreitung der Kriegskosten

votirten Gelder nicht aufgebracht worden und die Umprägung habe große

Noth erzeugt. Dennoch aber habe der Feind auswärts keinen Vortheil

erlangt, der Staat sei durch keine innere Erschütterung zerrissen

worden, die Loyalität, welche die Armee und die Nation unter schweren

Prüfungen bewiesen, habe alle Hoffnungen Derer vereitelt, welche England

übelwollten. Es seien Friedensanträge gemacht worden, deren Erfolg noch

ungewiß sei; soviel aber sei gewiß, daß es keinen sicheren und

ehrenvollen Frieden für eine Nation geben könne, die nicht vorbereitet

sei, den Krieg energisch fortzusetzen. „Ich bin überzeugt wir stimmen

Alle in der Ansicht überein, daß wir nur mit dem Schwerte in der Hand

mit Frankreich unterhandeln können.”

[_Beschlüsse des Hauses der Gemeinen._] Die Gemeinen kehrten in ihren

Saal zurück und Foley verlas die Rede von seinem Stuhle herab. Darauf

folgte eine Debatte, welche durch die ganze Christenheit wiederhallte.

Das war der stolzeste Tag in Montague’s Leben und einer der stolzesten

Tage in der Geschichte des englischen Parlaments. Im Jahre 1798 stellte

Burke die Verhandlungen jenes Tages, den Staatsmännern, denen im Kampfe

mit der riesigen Macht der französischen Republik der Muth gesunken war,

als Beispiel auf. Im Jahre 1822 stellte Huskisson die Verhandlungen

jenes Tages einer Legislatur, die sich unter dem Drucke einer harten

Bedrängniß versucht fühlte, den Werthregulator zu ändern und gegen die

Staatsgläubiger wortbrüchig zu werden, als Beispiel auf. Ehe das Haus

auseinanderging, schlug der junge Kanzler der Schatzkammer, dessen

überwiegender Einfluß seit dem lächerlichen Scheitern des toryistischen

Finanzplanes unbestritten war, drei denkwürdige Beschlüsse vor und

setzte sie durch. Der erste, der mit einem einzigen halblauten Nein

angenommen wurde, erklärte, daß die Gemeinen den König gegen alle

fremden und einheimischen Feinde unterstützen und ihn in den Stand

setzen würden, den Krieg energisch fortzuführen. Der zweite, der zwar

nicht ohne Opposition, doch ohne Abstimmung durchging, erklärte, daß der

Münzfuß weder in Feingehalt, noch in Gewicht, noch in Benennung geändert

werden sollte. Der dritte, gegen den nicht ein einziger Opponent der

Regierung seine Stimme zu erheben wagte, machte es dem Hause zur

Pflicht, alle Ausfälle in sämmtlichen seit der Thronbesteigung des

Königs errichteten parlamentarischen Fonds zu decken. Die Aufgabe, eine

Antwort auf die Thronrede zu entwerfen, wurde einem ausschließlich aus

Whigs bestehenden Comité übertragen. Montague war Präsident, und die

beredte und lebendige Adresse, die er aufsetzte, kann noch jetzt in den

Protokollen mit Interesse und Stolz gelesen werden.[50]

Binnen vierzehn Tagen wurden dritthalb Millionen für den Militäraufwand

des Jahres, und beinahe ebensoviel für den Marineaufwand bewilligt. Die

Mittel zur Unterhaltung von vierzigtausend Seeleuten wurden ohne Streit

bewilligt. Ueber die Stärke des Landheeres fand eine Abstimmung statt.

Der König verlangte siebenundachtzigtausend Soldaten und die Tories

hielten diese Zahl für zu hoch. Die Forderung des Königs wurde mit

zweihundertdreiundzwanzig gegen siebenundsechzig Stimmen bewilligt.

Die Mißvergnügten schmeichelten sich einige Zeit mit der Hoffnung, daß

die energischen Beschlüsse der Gemeinen nichts weiter als Beschlüsse

bleiben, daß es sich als unmöglich herausstellen würde, den öffentlichen

Credit wiederherzustellen, Vorschüsse von Kapitalisten zu erlangen, oder

der nothleidenden Bevölkerung Steuern auszupressen, und daß daher die

vierzigtausend Seeleute und die siebenundachtzigtausend Soldaten nur auf

dem Papiere existiren würden. Howe, der am ersten Tage der Session

schüchterner gewesen, als man es bei ihm gewohnt war, versuchte acht

Tage später, dem Ministerium entgegenzutreten. „Der König,” sagte er,

„muß schlecht unterrichtet sein, sonst würde Se. Majestät nimmermehr das

Parlament über den ruhigen Zustand des Landes beglückwünscht haben. Ich

komme aus Gloucestershire, und ich kenne diesen Theil des Königreichs

genau. Die Leute leben dort alle von Almosen oder sind durch

Almosengeben ruinirt. Der Soldat verschafft sich seine Bedürfnisse mit

dem Säbel in der Hand. Es haben bereits ernste Tumulte stattgefunden und

noch ernstere sind zu befürchten.” Die Mißbilligung des Hauses sprach

sich nachdrücklich aus. Mehrere Mitglieder erklärten, daß in ihren

Grafschaften Alles ruhig sei. Wenn Gloucestershire sich in einem

unruhigeren Zustand befinde als das übrige England, könne dies nicht

daher rühren, daß es mit einem böswilligeren und gewissenloseren

Agitator beglückt sei als irgend ein andrer Theil England’s einen

aufzuweisen habe? Einige Gentlemen aus Gloucestershire bestritten Howe

auch die von ihm behaupteten Thatsachen. Es herrschte dort, sagten sie,

keine solche Noth, keine solche Unzufriedenheit, keine solche Unruhe wie

er sie geschildert habe. In dieser wie in jeder andren Grafschaft sei

die große Masse der Bevölkerung fest entschlossen, den König so lange

in der kräftigen Fortführung des Kriegs zu unterstützen, bis er einen

ehrenvollen Frieden schließen könnte.[51]

[_Rückkehr des Wohlstandes._] Thatsächlich war die Fluth bereits im

Zurückgehen begriffen. Von dem Augenblicke an wo die Gemeinen ihren

festen Entschluß kundgaben, den Nominalwerth der Münzen nicht zu

erhöhen, begann das geprägte Geld aus tausend Geldkassen und geheimen

Fächern wieder zum Vorschein zu kommen. Es herrschte zwar noch

Geldmangel, aber er wurde von Tag zu Tag weniger fühlbar. Die Nation

war, obwohl noch immer leidend, von Freude und Dankbarkeit erfüllt. Ihre

Stimmung glich der eines Menschen, welcher, nachdem er lange von einer

Krankheit gepeinigt worden ist, die ihm das Leben verbitterte, sich

endlich entschlossen hat, sich dem Messer des Wundarztes zu unterwerfen,

eine schmerzhafte Operation glücklich bestanden hat und zwar noch die

Schmerzen des Stahles fühlt, aber viele Jahre der Gesundheit und des

heiteren Lebensgenusses vor sich sieht und Gott dankt, daß das

Schlimmste überstanden ist.

Schon vier Tage nach dem Zusammentritt des Parlaments nahm der

Handelsverkehr einen bemerkbaren Aufschwung. Der Discont auf Banknoten

war um ein Dritttheil niedriger. Der Preis der Kerbhölzer, welche nach

einem aus einem rohen Zeitalter auf uns gekommenen Gebrauch als

Quittungen für an die Schatzkammer geleistete Zahlungen gegeben wurden,

war gestiegen, der Wechselcours, der seit mehreren Monaten für England

sehr ungünstig stand, begann in die Höhe zu gehen.[52]

[_Einfluß der Maßnahmen des Hauses der Gemeinen auf die auswärtigen

Regierungen._] Bald machte sich die Wirkung der edlen Festigkeit des

Hauses der Gemeinen an jedem europäischen Hofe fühlbar. Das Haus war

sogar in einer so freudigen Stimmung, daß es dem Könige schwer wurde,

die Whigs von der Beantragung und Durchsetzung einer Resolution

abzuhalten, nach welcher ihm eine Adresse überreicht werden sollte, die

ihn ersuchte, sich in keine Unterhandlung mit Frankreich einzulassen,

bis es ihn als König von England anerkannt habe.[53] Eine solche Adresse

war unnöthig. Die Beschlüsse des Parlaments hatten Ludwig bereits die

Ueberzeugung aufgedrungen, daß keine Aussicht zu einer Contrerevolution

war. Ebensowenig Aussicht war dazu vorhanden, daß es ihm gelingen werde,

den Vergleich zu Stande zu bringen, auf den er im Laufe der

Unterhandlungen hingedeutet hatte. Es war nicht zu hoffen, daß Wilhelm

oder die englische Nation jemals darein willigen würde, die englische

Thronfolge zu einem Handelsobjecte mit Frankreich zu machen. Und selbst

wenn Wilhelm und die englische Nation geneigt gewesen wären, den Frieden

mit einem solchen Opfer des Ansehens zu erkaufen, würde es auf einer

andren Seite unüberwindliche Schwierigkeiten gegeben haben. Jakob konnte

von dem Auskunftsmittel, welches Ludwig vorgeschlagen, gar nicht

sprechen hören. „Ich kann es ertragen,” sagte der Verbannte zu seinem

Wohlthäter, „ich kann es mit christlicher Geduld ertragen, von dem

Prinzen von Oranien beraubt zu sein; nie aber werde ich darein willigen,

von meinem eigenen Sohne beraubt zu werden.” Ludwig erwähnte den

Gegenstand auch nie wieder, Callieres erhielt Befehl, das Zugeständniß

zu machen, von welchem der Friede der civilisirten Welt abhing. Er und

Dykvelt kamen zusammen in den Haag zu dem Baron Lilienroth, dem

Repräsentanten des Königs von Schweden, dessen Vermittelung die

kriegführenden Mächte angenommen hatten. Dykvelt theilte Lilienroth mit,

daß der Allerchristlichste König sich verpflichtet habe, den Prinzen von

Oranien als König von Großbritannien anzuerkennen, sobald der

Friedenstractat unterzeichnet sein würde, und er setzte mit einer sehr

deutlichen Anspielung auf den von Frankreich vorgeschlagenen Vergleich

hinzu, daß die Anerkennung ohne Beschränkung, Bedingung, oder Vorbehalt

stattfinden werde. Callieres erklärte sodann, daß er das was Dykvelt

gesagt habe, im Namen seines Gebieters betätige.[54] Ein Brief von

Prior, der die erfreuliche Nachricht enthielt, wurde Jakob Vernon, dem

Unterstaatssekretär, im Hause der Gemeinen übergeben. Die Nachricht lief

durch die Bänke -- so drückt Vernon sich aus -- wie Feuer über ein

Stoppelfeld. Jedes Herz war von einer Last befreit und Alles war Freude

und Triumph.[55] Die whiggistischen Mitglieder konnten sich allerdings

mit gutem Grunde Glück wünschen, denn der Weisheit und Entschlossenheit,

die sie in einem Augenblicke der größten Gefahr und Noth bewiesen

hatten, verdankte ihr Vaterland die nahe Aussicht auf einen ehrenvollen

Frieden.

[_Besserung der Finanzen._] Inzwischen war der öffentliche Credit, der

im Herbste auf den Nullpunkt gesunken war, in raschem Steigen begriffen.

Gewöhnliche Finanzmänner waren starr vor Entsetzen, als sie erfuhren,

daß zur Deckung der Ausfälle früherer Jahre mehr als fünf Millionen

erfordert würden. Montague aber war kein gewöhnlicher Finanzmann. Ein

von ihm vorgeschlagener kühner und einfacher Plan, im Volksmunde die

Generalverpfändung (+General Mortgage+) genannt, stellte das Vertrauen

wieder her. Es wurden neue Steuern ausgeschrieben, alte erhöht oder

verlängert und so ein consolidirter Fond gebildet, der hinreichte, um

jeder gerechten Anforderung an den Staat zu begegnen. Zu gleicher Zeit

wurde die Bank von England durch eine neue Subscription erweitert, und

die Bestimmungen wegen Einzahlung der Subscriptionsbeträge wurden

solchergestalt entworfen, daß sowohl der Werth der Noten der Corporation

als auch der der Staatsschuldscheine stieg.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 17 / 25 段