aber wieder in seiner Zelle war, verließ ihn seine Standhaftigkeit und
er bat flehentlich um Gnade. Er wolle zufrieden sein, sagte er, wenn er
den Rest seiner Tage in leichter Haft zubringen dürfe. Nur um sein Leben
bitte er. Dafür werde er dann auch von den Anschlägen der Jakobiten
gegen die Regierung Alles entdecken was er wisse. Wenn es sich
herausstellen sollte, daß er Winkelzüge mache oder etwas verschweige, so
sei er bereit, sich der äußersten Strenge des Gesetzes zu
unterwerfen. Dieses Anerbieten rief große Aufregung und einige
Meinungsverschiedenheit unter Wilhelm’s Räthen hervor. Der König aber
entschied, wie in solchen Fällen fast immer, mit Weisheit und Großmuth.
Er sah, daß die Entdeckung des Mordcomplots die ganze Lage der Dinge
verändert hatte. Sein vor kurzem schwankender Thron stand jetzt auf
einer unerschütterlich festen Basis. Seine Popularität war mit
ungestümer Schnelligkeit eben so hoch gestiegen, als zur Zeit seines
Marsches von Torbay nach London. Viele, die mit seiner Verwaltung
unzufrieden gewesen waren und in ihrem Unmuth mit Saint-Germains Verkehr
gepflogen hatten, machten die betrübende Erfahrung, daß sie
gewissermaßen mit Mördern verbündet gewesen waren. Er wollte diese Leute
nicht zur Verzweiflung treiben, er wollte sie nicht einmal beschämen.
Sie sollten nicht nur ungestraft bleiben, es sollte ihnen auch die
Demüthigung einer Begnadigung erspart werden. Er wollte gar nicht
wissen, daß sie gesündigt hatten. Charnock wurde jedoch seinem
Schicksale überlassen.[120] Nachdem er die Ueberzeugung gewonnen, daß er
keine Aussicht hatte, als Ueberläufer aufgenommen zu werden, affectirte
er den würdevollen Stolz eines Märtyrers und führte seine Rolle bis zu
Ende durch. Um mit möglichstem Anstande aus der Welt zu gehen, bestellte
er sich einen schönen neuen Rock für seine Hinrichtung und ließ an
seinem Todestage seine Perrücke mit besonderer Sorgfalt pudern und
frisiren.[121] Unmittelbar vor seiner Aufknüpfung händigte er den
Sheriffs ein Schriftstück ein, worin er gestand, daß er gegen das Leben
des Prinzen von Oranien conspirirt, aber feierlich leugnete, daß Jakob
den Mordplan irgendwie autorisirt habe. Diese Behauptung war allerdings
buchstäblich richtig; aber Charnock leugnete nicht und hätte auch
sicherlich nicht leugnen können, daß er eine von Jakob geschriebene und
unterzeichnete Vollmacht gesehen, welche Worte enthielt, die, ohne der
Wahrheit im Geringsten Gewalt anzuthun, als eine Autorisirung des
mörderischen Ueberfalls von Turnham Green ausgelegt werden konnten und
von Allen, denen sie zu Gesicht kamen, auch wirklich so ausgelegt
wurden.
In einem andren Schriftstücke, das noch existirt, aber nie gedruckt
worden ist, führt Charnock in der That eine ganz andre Sprache. Er sagt
darin offen, daß er aus Gründen, welche zu nahe lägen, als daß sie
besonderer Erwähnung bedürften, in dem Papiere, das er den Sheriffs
übergeben, nicht die ganze Wahrheit habe sagen können. Er gab zu, daß
das Complot, in das er verwickelt gewesen sei, selbst vielen loyalen
Unterthanen als höchst strafbar erschiene. Sie nannten ihn einen
Meuchelmörder und Todtschläger. Doch was habe er Schlimmeres gethan als
Mucius Scävola? Ja, was habe er Schlimmeres gethan als Jeder gethan
habe, der gegen den Prinzen von Oranien die Waffen getragen? Wenn
plötzlich eine Armee von zwanzigtausend Mann in England gelandet wäre
und den Usurpator überfallen hätte, so würde man dies rechtmäßigen Krieg
genannt haben. Hänge der Unterschied zwischen Krieg und Mord lediglich
von der Anzahl der dabei betheiligten Personen ab? Welches sei dann die
geringste Anzahl, die einen Feind rechtmäßigerweise überfallen dürfe?
Seien es fünftausend, tausend oder hundert Personen? Jonathan und sein
Waffenträger seien ihrer nur Zwei gewesen, und doch hätten sie ein
großes Blutbad unter den Philistern angerichtet. Sei das Mord gewesen?
Nicht der Act an sich, sagte Charnock, könne das Tödten zum Meuchelmord
machen, sondern nur die Ursache, aus der es geschieht. Daraus folge, daß
es kein Mord sein könne, Jemanden zu tödten -- und hier ließ der dem
Tode Geweihte seinem ganzen Hasse freien Lauf -- der allen loyalen
Unterthanen einen Vernichtungskrieg erklärt, der Jeden, der für das
Recht aufgestanden sei, gehängt, geschleift und geviertheilt, der
England ausgesogen habe, um die Holländer zu bereichern. Charnock gab
zu, daß sein Unternehmen nicht zu rechtfertigen gewesen wäre, wenn Jakob
es nicht autorisirt gehabt hätte; aber er behauptete, daß Jakob es
autorisirt habe, wenn auch nicht ausdrücklich, so doch stillschweigend.
Se. Majestät habe zwar früher ähnliche Attentate verboten, aber er habe
sie nicht als an sich strafbar, sondern nur als unter diesen oder jenen
Umständen unzweckmäßig verboten. Die Umstände hätten sich geändert, und
man habe daher das Verbot mit gutem Grunde als aufgehoben betrachten
dürfen. Sr. Majestät getreue Unterthanen hätten sich dann nur an die
Worte seiner Vollmacht zu halten gehabt, und diese Worte autorisirten
unbestreitbar zu einem Angriffe auf die Person des Usurpators.[122]
[_Hinrichtung Charnock’s, King’s und Keyes’._] King und Keyes erlitten
zugleich mit Charnock den Tod. King benahm sich mit Muth und Anstand. Er
bekannte sein Verbrechen und sagte, daß er es bereue. Er hielt es für
eine Pflicht gegen die Kirche, deren Mitglied er war und auf die sein
Benehmen einen Vorwurf gebracht, zu erklären, daß er nicht durch eine
Casuistik über Tyrannenmord, sondern lediglich durch die Heftigkeit
seiner eigenen bösen Leidenschaften irregeleitet worden sei. Der arme
Keyes war in einer fürchterlichen Todesangst. Seine Thränen und
Wehklagen machten das Mitleid einiger Zuschauer rege. Es wurde damals
gesagt und ist seitdem oft wiederholt worden, daß ein Diener, der durch
seinen Herrn zu einem Verbrechen verleitet wird, gegründeten Anspruch
auf die königliche Gnade habe. Aber Diejenigen, welche die Strenge
tadeln, die gegen Keyes geübt wurde, haben den wichtigen Umstand außer
Acht gelassen, der ihn von jedem andren Verschwörer unterschied. Er
hatte dem Corps der Blauen angehört und hatte bis zum letzten
Augenblicke in Verkehr mit seinen ehemaligen Kameraden gestanden. Noch
an dem für den Mord festgesetzten Tage hatte er sich unter sie gemischt,
um etwas von ihnen zu erfahren. Das Regiment war so stark von
Illoyalität angesteckt, daß man es für nöthig erachtet hatte, einige
Leute zu verhaften und eine bedeutend größere Anzahl zu entlassen.
Gewiß, wenn an irgend Jemandem ein Exempel statuirt werden mußte, so war
es der Agent, durch dessen Vermittelung die Leute, die den König
erschießen wollten, mit den Leuten verkehrten, welche die Obliegenheit
hatten, ihn zu bewachen.
[_Prozeß Friend’s._] Friend wurde zunächst in Untersuchung gezogen. Sein
Verbrechen war nicht so schwarzer Natur wie das der drei Verschwörer,
welche so eben den Tod erlitten hatten. Er hatte zwar auswärtige Feinde
aufgefordert, in das Land einzufallen, und hatte Anstalten getroffen,
sich ihnen anzuschließen; aber wenn er auch um den Mordplan gewußt
hatte, war er doch kein Theilnehmer an demselben gewesen. Doch sein
großes Vermögen und der Gebrauch, den er, wie man sehr wohl wußte, davon
gemacht hatte, bezeichneten ihn als ein passendes Strafobject. Er bat,
wie Charnock, um einen Vertheidiger, aber eben so vergebens wie dieser.
Die Richter konnten den Gang des Gesetzes nicht hemmen, und der
Generalfiskal wollte den Prozeß nicht aufschieben. Die Verhandlungen
jenes Tages sprechen stark zu Gunsten der Acte, von deren Wohlthat
Friend ausgeschlossen war. Man kann sie, selbst nach so langer Zeit,
nicht lesen, ohne Mitleid mit einem beschränkten und verbildeten, durch
die Todesgefahr entmuthigten, einem kaltblütigen, klugen und erfahrenen
Antagonisten gegenüberstehenden Manne zu empfinden. Charnock hatte sich
und Die, welche mit ihm prozessirt wurden, so gut vertheidigt, wie
irgend ein Advokat von Profession es vermocht hätte. Der arme Friend
aber war hülflos wie ein Kind. Er wußte wenig mehr zu sagen, als daß er
ein Protestant, und seine Ankläger Papisten seien, die von ihren
Priestern Dispensationen zum Meineid hatten und die es für ein
verdienstvolles Werk hielten, Ketzer ums Leben zu schwören. Er war so
völlig unwissend in den Gesetzen und der Geschichte des Landes, daß er
glaubte, das unter der Regierung Eduards III., zu einer Zeit, wo es
nur eine Religion im westlichen Europa gab, erlassene Hochverrathsgesetz
enthalte eine Bestimmung des Inhalts, daß kein Papist vor Gericht zeugen
dürfe, so daß der Sekretär des Gerichtshofes sich genöthigt sah, die
ganze Acte von Anfang bis zu Ende vorzulesen. Es war unmöglich, daß ein
Vernünftiger an seiner Schuld zweifeln konnte. Er wurde für schuldig
befunden, was sicherlich auch geschehen sein würde, wenn ihm die
Vorrechte, die er beansprucht hatte, bewilligt worden wären.
[_Parkyns’ Prozeß._] Nach Friend kam Parkyns an die Reihe. Er war bei
dem schlimmsten Theile des Complots tief betheiligt gewesen, und war in
einer Beziehung weniger zu entschuldigen als irgend einer seiner
Complicen, denn sie alle waren Eidverweigerer, er aber hatte der
bestehenden Regierung Treue geschworen. Auch er verlangte, daß er nach
den Bestimmungen der neuen Acte prozessirt werde. Aber die Staatsanwälte
bestanden auf ihrem äußersten Rechte und sein Gesuch wurde abgeschlagen.
Da er ein Mann von bedeutenden Talenten war und die Rechtswissenschaft
studirt hatte, so machte er wahrscheinlich Alles zu seinen Gunsten
geltend, was ein Advokat hätte geltend machen können, und dies Alles war
sehr wenig. Er wurde für schuldig befunden und sechs Stunden vor dem
Augenblicke wo das Gesetz, dessen Wohlthat er umsonst beansprucht hatte,
in Kraft treten sollte, zum Tode verurtheilt.[123]
Die Hinrichtung der beiden Ritter wurde von der Bevölkerung London’s
begierig erwartet. Die Generalstaaten wurden von ihrem Correspondenten
benachrichtigt, daß das Hängen eines Menschen von allen Schauspielen
dasjenige sei, an welchem die Engländer das meiste Vergnügen fänden, und
daß von allen Hängescenen, die seit Menschengedenken stattgefunden, die
Hinrichtung Friend’s und Parkyns’ das meiste Interesse erregte. Das
gemeine Volk war durch Gerüchte über die unerhört schlechte Qualität des
von ihm gebrauten Biers gegen ihn aufgereizt worden. Man hatte sogar
ausgesprengt, daß er in seinem Eifer für die jakobitische Sache alles
der Flotte gelieferte Bier vergiftet habe. In Folge dessen strömte eine
unabsehbare Menschenmasse nach Tyburn. Es waren Gerüste erbaut worden,
die ein ungeheures Amphitheater rund um den Galgen bildeten. Auf diesen
Gerüsten standen die wohlhabenderen Zuschauer in dichtgedrängten Reihen,
und die Erwartung war aufs Höchste gespannt, als die Meldung kam, daß
das Schauspiel aufgeschoben sei. Die Menge entfernte sich in sehr übler
Laune und nicht ohne zahlreiche Kämpfe zwischen Denen, die ihre Plätze
bezahlt hatten, und Denen, die sich weigerten, das Geld
zurückzugeben.[124]
Die Ursache dieser unangenehmen Enttäuschung war ein von den Gemeinen
plötzlich gefaßter Beschluß. Ein Mitglied hatte vorgeschlagen, daß ein
Ausschuß in den Tower geschickt werden sollte, mit der Ermächtigung, die
Gefangenen zu verhören und ihnen Hoffnung zu machen, daß sie durch ein
vollständiges und unumwundenes Geständniß die Fürsprache des Hauses
erlangen könnten. Aus den dürftigen Mittheilungen, die auf uns gekommen
sind, geht hervor, daß die Debatte höchst interessant gewesen sein muß.
Die Parteien schienen die Rollen gewechselt zu haben. Man hätte erwarten
sollen, daß die Whigs unerbittlich streng sein würden und daß, wenn sich
einige Theilnahme für die Unglücklichen kund gäbe, diese Theilnahme auf
Seiten der Tories hätte sein müssen. Aber viele von den Whigs hofften,
daß sie durch Schonung zweier Verbrecher, welche unschädlich gemacht
waren, zahlreiche Verbrecher vornehmen Standes und hoher amtlicher
Stellung würden entdecken und vernichten können. Auf der andren Seite
sah Jeder, der einmal in directem oder indirectem Verkehr mit
Saint-Germains gestanden oder der sich für eine Person, die
möglicherweise in einem solchen Verkehr gestanden haben könnte,
interessirte, mit ängstlicher Besorgniß den Enthüllungen entgegen,
welche die Furcht vor dem Tode den Gefangenen auspressen konnte. Seymour
widersetzte sich einfach deshalb, weil er im Hochverrath weiter als
irgend ein andres Mitglied des Hauses gegangen war, heftiger als irgend
ein andres Mitglied des Hauses jeder Nachsicht gegen seine Mitverräther.
Wollten die Gemeinen sich die geheiligtste Prärogative der Krone
anmaßen? Seiner Majestät und nicht ihnen stehe es zu, zu beurtheilen, ob
ein gesetzlich verwirktes Leben ohne Gefahr geschont werden könnte. Doch
die Whigs setzten ihr Vorhaben durch. Ein aus allen im Hause anwesenden
Staatsräthen bestehender Ausschuß brach unverzüglich nach Newgate auf.
Friend und Parkyns wurden verhört, aber ohne Erfolg. Nachdem ihnen das
Urtheil gesprochen war, hatten sie anfangs einige Symptome von Schwäche
gezeigt; aber ihr Muth war durch die Ermahnungen eidverweigernder
Geistlicher gehoben worden, welche Zutritt in das Gefängniß erlangt
hatten. Man erzählte sich, daß Parkyns ohne die Bitten seiner Tochter,
die ihn beschworen habe, wie ein Mann für die gute Sache zu sterben,
nachgegeben haben würde. Die Verurtheilten gestanden ein, daß sie die
Handlungen, deren sie für schuldig befunden worden, begangen hätten,
weigerten sich aber mit einer Standhaftigkeit, die um so achtungswerther
ist, als sie nicht aus natürlichem Trotze, sondern aus ehrenhafter
Gesinnung und Religiosität entsprungen zu sein schien, etwas zu sagen,
was Andere compromittiren konnte.[125]
[_Hinrichtung Friend’s und Parkyns’._] Nach wenigen Stunden versammelte
sich das Volk wieder auf Tyburn, und diesmal wurden die Schaulustigen
nicht um ihr Vergnügen gebracht. Sie genossen sogar einen Anblick, den
sie nicht erwartet hatten und der größere Sensation erregte als die
Hinrichtung selbst. Jeremias Collier und zwei andere minder berühmte
eidverweigernde Geistliche, Namens Cook und Snatt, hatten die Gefangenen
in Newgate besucht und waren mit in dem Richtkarren am Fuße des Galgens.
Als die Gebete vorüber waren, kurz ehe der Henker sein Amt zu verrichten
begann, erhoben sich die drei schismatischen Priester und legten ihre
Hände auf die Köpfe der beiden Verurtheilten, welche noch auf den Knien
lagen. Collier sagte eine aus dem Dienste für Krankenbesuche entlehnte
Absolutionsformel her und seine Amtsbrüder sprachen Amen!
Diese Ceremonie rief ein lautes Geschrei hervor, das noch lauter wurde,
als einige Stunden nach der Execution die Schriftstücke veröffentlicht
wurden, welche die beiden Hochverräther den Sheriffs übergeben hatten.
Man hatte erwartet, daß wenigstens Parkyns einige Reue über das
Verbrechen, das ihn an den Galgen gebracht, an den Tag legen werde.
Hatte er doch vor dem Ausschusse der Gemeinen selbst eingestanden, daß
das Mordcomplot nicht zu rechtfertigen sei. In seiner letzten Erklärung
aber bekannte er seine Theilnahme an diesem Complot nicht nur ohne ein
Wort, das Reue verrathen hätte, sondern sogar mit einer Art von
Frohlocken. War das ein Mann, den christliche Priester absolviren
durften, dies vor den Augen vieler Tausende und mit einer Feierlichkeit,
die offenbar darauf berechnet war, die öffentliche Aufmerksamkeit zu
erregen und von der weder im allgemeinen Gebetbuche noch in den
Gebräuchen der englischen Kirche eine Spur zu finden war!
In Journalen, Broschüren und Flugblättern wurde die Frechheit der drei
Leviten, wie man sie nannte, scharf getadelt. Es wurden bald
Verhaftsbefehle gegen sie erlassen. Cook und Snatt wurden ergriffen und
ins Gefängniß geworfen; Collier aber gelang es sich zu verbergen, und er
ließ mit Hülfe einer der Pressen, welche im Dienste seiner Partei
standen, aus seinem Versteck eine Rechtfertigung seines Verfahrens vom
Stapel. Er erklärte, daß er den Mord eben so verabscheue, wie irgend
einer von Denen, die ihn schmähten, und sein allgemeiner Character
berechtigt uns zu dem Glauben, daß diese Erklärung vollkommen aufrichtig
war. Aber die übereilte Handlung, zu der er sich durch den Parteigeist
hatte hinreißen lassen, lieferte seinen Gegnern sehr plausible Gründe,
an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln. Es erschienen eine Menge Antworten
auf seine Vertheidigung. Von hervorragender Bedeutung war darunter ein
feierliches Manifest, unterzeichnet von den beiden Erzbischöfen und
sämmtlichen damals in London anwesenden Bischöfen, zwölf an der Zahl.
Selbst Crew von Durham und Sprat von Rochester setzten ihre Namen unter
dieses Dokument. Sie verurtheilten das Verfahren der drei
eidverweigernden Geistlichen als der Form nach regelwidrig und dem Wesen
nach gottlos. Die Sünden unbußfertiger Sünder zu vergeben, sei ein
entweihender Mißbrauch der Gewalt, welche Christus seinen Dienern
übertragen habe. Es werde nicht geleugnet, daß Parkyns einen Mord
beabsichtigt habe. Es werde nicht behauptet, daß er Reue darüber an den
Tag gelegt. Daraus ergebe sich die ganz natürliche Folgerung, daß die
Geistlichen, die ihn absolvirt hatten, es nicht für eine Sünde hielten,
König Wilhelm zu ermorden. Collier replicirte; aber obgleich ein
schlagfertiger Polemiker, scheute er doch bei dieser Gelegenheit einen
nachdrücklichen Kampf und zog sich so gut er konnte unter einer Wolke
von Citaten aus Tertullian, Cyprian und Hieronymus, Albaspinäus und
Hammond, dem Concil von Karthago und dem Concil von Toledo vom
Kampfplatze zurück. Die öffentliche Meinung war entschieden gegen die
drei Absolvirer. Aber die Regierung beschloß wohlweislich, ihnen nicht
die Ehre des Märtyrerthums zu Theil werden zu lassen. Die große Jury von
Middlesex fand Grund zu einer Anklage gegen sie; aber sie wurden nicht
prozessirt. Cook und Snatt wurden nach kurzer Haft in Freiheit gesetzt,
und Collier würde eben so mild behandelt worden sein, wenn er
eingewilligt hätte, Bürgschaft zu stellen. Aber er hatte sich
vorgenommen, nichts zu thun, was als eine Anerkennung der usurpirenden
Regierung hätte ausgelegt werden können. Er wurde daher geächtet, und
als er nach mehr als dreißig Jahren starb, war seine Acht noch nicht
aufgehoben.[126]
[_Prozesse Rookwood’s, Cranburne’s und Lowick’s._] Parkyns war der
letzte Engländer, der nach dem alten Procedursystem wegen Hochverraths
gerichtet wurde. Der Erste, der nach dem neuen System prozessirt wurde,
war Rookwood. Er wurde von Sir Bartholomäus Shower vertheidigt, der sich
unter der vorhergehenden Regierung als ein serviler und herzloser
Sykophant eben keine beneidenswerthe Berühmtheit erworben, der von Jakob
die Stelle des Recorders von London erhalten, als Holt dieselbe
ehrenvollerweise niederlegte, und der, als Recorder, Soldaten wegen
Verstößen gegen die militärische Disciplin an den Galgen geschickt
hatte. Seine servile Grausamkeit hatte ihm den Beinamen des
Menschenjägers verschafft. Shower verdiente mehr als irgend ein
Verbrecher von der Indemnitätsacte ausgenommen und der ganzen Strenge
der Gesetze überlassen zu werden, die er so schamlos verdreht hatte.
Doch er war durch Wilhelm’s Milde verschont worden und hatte diese
Milde mit hartnäckiger und hämischer Opposition vergolten.[127] Shower
wurde ohne Zweifel wegen seiner bekannten Hinneigung zum Jakobitismus
bei dieser Gelegenheit als Vertheidiger benutzt. Er erhob einige
technische Einwendungen, welche der Gerichtshof verwarf. Die Sache
selbst konnte er nicht vertheidigen. Das Verdict der Jury lautete auf
Schuldig. Hierauf wurden Cranburne und Lowick prozessirt und ebenfalls
schuldig befunden. Sie erlitten mit Rookwood den Tod und damit hatten
die Hinrichtungen ein Ende.[128]
[_Der Verein._] Die Stimmung der Nation war von der Art, daß die
Regierung noch viel mehr Blut hätte vergießen können, ohne den Vorwurf
der Grausamkeit auf sich zu laden. Die Gesinnung, welche durch die
Entdeckung des Complots erweckt worden war, nahm noch mehrere Wochen
lang mit jedem Tage zu. Diese Gesinnung benutzten die an der Spitze der
Whigpartei stehenden talentvollen Männer mit ausgezeichneter Umsicht.
Sie sahen ein, daß die öffentliche Begeisterung, wenn sie sich selbst
überlassen bliebe, in Hurrahs, Toasten und Freudenfeuern verrauchen
würde, daß sie aber unter einer klugen Leitung das Mittel werden könnte,
eine große und nachhaltige Wirkung zu erzeugen. Der Verein, den die
Gemeinen gebildet hatten, während ihnen die Rede des Königs noch in den
Ohren klang, bot das Mittel dar, um vier Fünftel der Nation zu einem
großen Club zur Vertheidigung der Thronfolgeordnung, mit der die
kostbarsten Freiheiten des englischen Volks untrennbar verknüpft waren,
und zur Einführung eines Testes zu verbinden, welcher Diejenigen, die
für jene Thronfolgeordnung begeistert waren, von Denen unterscheiden
würde, die sie nur mit Unmuth und Widerstreben acceptirten. Von den
fünfhundertdreißig Mitgliedern des Unterhauses unterzeichneten ungefähr
vierhundertzwanzig freiwillig das Dokument, welches Wilhelm als
rechtmäßigen und gesetzlichen König von England anerkannte. Im Oberhause
wurde beantragt, die nämliche Form zu adoptiren; aber die Tories erhoben
Einwendungen dagegen. Der stets gewissenhafte und ehrenwerthe, aber
engherzige Nottingham erklärte, daß er den Worten „rechtmäßig” und
„gesetzlich” nicht beistimmen könne. Er war noch immer der Meinung, der
er von Anfang an gewesen war, daß ein Fürst, der die Krone nicht kraft
seines Geburtsrechts, sondern als ein Geschenk der Convention trug, von
Rechtswegen nicht so genannt werden könne. Wilhelm sei allerdings
factischer König und habe als solcher Anspruch auf den Gehorsam der
Christen. „Kein Mensch,” sagte Nottingham, „hat Sr. Majestät treuer
gedient und wird ihm auch fernerhin treuer dienen als ich. Aber unter
dieses Dokument kann ich meinen Namen nicht setzen.” Rochester und
Normanby führten eine ähnliche Sprache. Dagegen ermahnte Monmouth die
Lords in einer dritthalbstündigen Rede dringend, den Gemeinen
beizutreten. Burnet sprach heftig für dieselbe Ansicht. Wharton, dessen
Vater unlängst gestorben war und der nunmehr Lord Wharton hieß, stand
ebenfalls in der vordersten Reihe der whiggistischen Peers. Am meisten
aber zeichnete sich in der Debatte ein Mann aus, dessen öffentliches
sowohl als Privatleben eine lange Reihe von Sünden und Unglücksfällen
war: der blutschänderische Geliebte Henriette Berkeley’s, der
unglückliche Leutnant Monmouth’s. Seit kurzem führte er nicht mehr den
befleckten Namen Grey von Wark, sondern hieß jetzt Earl von Tankerville.
Er sprach an diesem Tage mit großer Energie und Beredtsamkeit für die
Worte „rechtmäßig und gesetzlich.” Leeds übernahm das Amt eines
Vermittlers, nachdem er sein Bedauern ausgedrückt, daß eine Frage über
eine bloße Phrase unter Edelleuten, welche alle dem regierenden
Souverain mit gleicher Treue ergeben seien, Uneinigkeit hervorgerufen
habe. Er schlug vor, daß Ihre Lordschaften, anstatt Wilhelm als
rechtmäßigen und gesetzlichen König anzuerkennen, erklären sollten, er
habe das gesetzliche Recht auf die englische Krone und kein Andrer habe
irgend ein Recht auf diese Krone. Sonderbarerweise waren fast alle
Tories durch den Vorschlag Leeds’ vollkommen befriedigt. Die Whigs
jedoch waren zum Theil nicht geneigt, in eine Veränderung zu willigen,
die trotz ihrer Geringfügigkeit zu dem Glauben Anlaß geben konnte, daß
über einen Gegenstand von hoher Wichtigkeit zwischen beiden Häusern eine
Meinungsverschiedenheit stattfinde. Aber Devonshire und Portland
erklärten sich zufrieden, ihre Autorität drang durch, und die Aenderung
wurde vorgenommen. In wiefern ein rechtmäßiger und gesetzlicher Besitzer
sich von einem Besitzer unterscheidet, der nach dem Gesetz das
ausschließliche Recht hat, ist eine Frage, die ein Whig ohne irgend ein
peinliches Gefühl von Beschämung als über seinen Horizont gehend
bezeichnen und deren Erörterung er den Hochkirchlichen überlassen kann.
Dreiundachtzig Peers setzten auf der Stelle ihre Namen unter die
amendirte Associationsformel, und Rochester war unter ihnen. Nottingham,
noch nicht ganz befriedigt, bat um Bedenkzeit.[129]