[_Entdeckung des Mordanschlags._] Doch über Verschwörungen wie die

Barclay’s und Charnock’s hat bei uns zu Lande immer ein eignes

Verhängniß geschwebt. Die Engländer betrachten den Meuchelmord

mit einem ihnen eigenen Widerwillen und haben ihn seit mehreren

Jahrhunderten stets so betrachtet. Dieses Gefühl ist in der That so

specifisch englisch, daß es selbst heute noch nicht irisch genannt

werden kann und bis vor Kurzem auch nicht schottisch war. In Irland

wird der Schurke, der aus einem Hinterhalte auf seinen Feind schießt,

noch jetzt nur zu oft durch die öffentliche Sympathie gegen die

Gerechtigkeit in Schutz genommen. In Schottland wurden Mordpläne

während des 16. und 17. Jahrhunderts nicht selten glücklich ausgeführt,

obgleich eine Menge Leute darum wußten. Die Ermordungen Beaton’s,

Rizzio’s, Darnley’s, Murray’s und Sharpe’s sind sprechende Beispiele.

Die Royalisten, welche Lisle in der Schweiz ermordeten, waren Irländer;

die Royalisten, welche Ascham in Madrid ermordeten, waren Irländer;

die Royalisten, welche Dorislaus im Haag ermordeten, waren Schotten.

Sobald in England ein solcher Plan aufhört, ein in den Falten eines

unzufriedenen und verderbten Herzens verborgenes Geheimniß zu sein,

ist die Gefahr der Entdeckung und des Scheiterns sehr groß. Felton

und Bellingham vertrauten sich keinem menschlichen Wesen an, und

sie waren daher im Stande, ihr böses Vorhaben auszuführen. Aber

Babington’s Verschwörung gegen Elisabeth, Fawke’s Verschwörung gegen

Jakob, Gerard’s Verschwörung gegen Cromwell, das Ryehousecomplot,

die Verschwörung von Cato Street wurden alle entdeckt, vereitelt und

bestraft. Einer solchen Verschwörung droht bei uns in der That gleich

große Gefahr von Seiten der guten wie der schlechten Eigenschaften

der Verschwörer. Ein Engländer, der nicht ohne alles Gewissen und

Ehrgefühl ist, wird sich schwerlich in ein Complot zur Ermordung eines

nichtsahnenden Mitmenschen einlassen; und ein Schurke, der weder

Gewissen noch Ehrgefühl hat, wird sehr wahrscheinlich viel über die

Gefahr, der er ausgesetzt ist, wenn er seinen Genossen treu bleibt,

und über die Belohnung nachdenken, die er zu erwarten hat, wenn er sie

verräth. Allerdings giebt es auch Menschen, in denen der religiöse

oder politische Fanatismus jedes moralische Gefühl in einem gewissen

Punkte erstickt, im allgemeinen aber dieses Gefühl unversehrt gelassen

hat. Ein solcher Mensch war Digby. Er trug kein Bedenken, König, Lords

und Gemeinen in die Luft zu sprengen. Seinen Mitschuldigen aber war er

gewissenhaft und ritterlich treu, und selbst die Furcht vor der Folter

vermochte nicht ihm ein Wort auszupressen, das ihnen hätte nachtheilig

werden können. Doch diese Vereinigung von Schlechtigkeit und Heroismus

ist höchst selten. Die große Mehrzahl der Menschen ist nicht verderbt

genug oder nicht tugendhaft genug, um treue und aufopfernde Mitglieder

verrätherischer und blutiger Bündnisse zu sein, und wenn ein einziges

Mitglied entweder nicht die nöthige Schlechtigkeit oder nicht die

nöthige Tugend besitzt, so ist das ganze Bündniß in Gefahr. Einen

Verein von vierzig Engländern zusammenzubringen, die sämmtlich

gefühllose Kehlabschneider und dabei doch so rechtschaffen und

hochherzig sind, daß weder die Hoffnung auf Reichthum noch die Furcht

vor dem Galgen Einen von ihnen verleiten könnte, gegen die Uebrigen

falsch zu sein, ist bisher unmöglich gewesen und wird es hoffentlich

immer bleiben.

Es befanden sich unter Barclay’s Anhängern Leute, die zu schlecht, und

Leute, die zu gut waren, als daß man ihnen ein Geheimniß wie das seinige

hätte anvertrauen können. Der Erste, dem der Muth sank, war Fisher.

Schon ehe noch Zeit und Ort des Verbrechens festgesetzt waren, suchte er

um eine Audienz bei Portland nach und theilte diesem Lord mit, daß ein

Anschlag auf das Leben des Königs im Werke sei. Einige Tage darauf

brachte Fisher noch genauere Nachrichten. Doch sein Ruf war nicht von

der Art, daß seine Aussagen besonderen Glauben verdient hätten, und die

Schurkereien Fuller’s, Young’s, Whitney’s und Taafe’s hatten verständige

Männer etwas ungläubig gegen Verschwörungsgeschichten gemacht. Portland

scheint daher, obgleich er in der Regel sehr leicht zu beunruhigen war,

wo es sich um das Wohl und Wehe seines Gebieters und Freundes handelte,

wenig Gewicht auf die Sache gelegt zu haben. Am Abend des 14. Februars

aber erhielt er einen Besuch von Jemandem, dessen Aussage er nicht

leicht nehmen konnte. Dies war ein katholischer Gentleman von

anerkanntem Muthe und ehrenhafter Gesinnung, Namens Pendergraß. Er war

den Tag vorher aus Hampshire in die Stadt gekommen in Folge einer

dringenden Einladung von Porter, der bei aller seiner Sittenlosigkeit

und Characterlosigkeit Pendergraß stets der liebevollste Freund, ja fast

ein Vater gewesen war. Bei einem jakobitischen Aufstande würde

Pendergraß wahrscheinlich einer der Ersten gewesen sein. Aber mit

Entsetzen vernahm er, daß man von ihm die Betheiligung an einer

abscheulichen und schimpflichen That erwartete. Er sah sich in einer von

den Lagen, welche für edle und gefühlvolle Naturen am quälendsten sind.

Was sollte er thun? Sollte er einen Mord begehen? Sollte er einen Mord

geschehen lassen, den er verhindern konnte? Doch sollte er einen Mann

verrathen, der, wie strafbar er auch sein mochte, ihn stets mit

Wohlthaten überhäuft hatte? War es nicht vielleicht möglich, Wilhelm zu

retten, ohne Porter zu schaden? Pendergraß beschloß, den Versuch zu

machen. „Mylord,” sagte er zu Portland, „wenn Ihnen das Leben des Königs

Wilhelm lieb ist, so lassen Sie ihn morgen nicht zur Jagd fahren. Er ist

der Feind meiner Religion; aber meine Religion gebietet mir, ihm diesen

Wink zu geben. Die Namen der Verbrecher bin ich jedoch entschlossen zu

verschweigen; einige von ihnen sind meine Freunde, einer insbesondere

ist mein Wohlthäter, und ich mag sie nicht verrathen.”

Portland begab sich sogleich zum Könige; dieser aber nahm die

Mittheilung sehr kalt auf und schien entschlossen, sich durch eine

solche müßige Geschichte nicht das Vergnügen eines guten Jagdtages

verderben zu lassen. Portland demonstrirte und bat vergebens. Endlich

sah er sich gezwungen, die Drohung auszusprechen, daß er die ganze

Geschichte auf der Stelle öffentlich bekannt machen würde, wenn Se.

Majestät nicht einwilligte, den folgenden Tag zu Hause zu bleiben; und

diese Drohung wirkte.[109]

Sonnabend der 15. erschien. Die Vierzig waren bereit zu Pferde zu

steigen, als sie von den Ordonnanzen, welche Kensington House bewachten,

die Meldung erhielten, daß der König diesen Morgen nicht auf die Jagd zu

gehen gedenke. „Der Fuchs,” sagte Chambers mit rachsüchtiger Bitterkeit,

„bleibt in seinem Baue.” Dann öffnete er sein Hemd, zeigte die große

Narbe auf seiner Brust und gelobte Wilhelm Rache.

Der erste Gedanke der Verschwörer war, daß ihr Vorhaben entdeckt sei.

Aber sie wurden bald darüber beruhigt. Es wurde ausgesprengt, das Wetter

habe den König zu Hause zurückgehalten, und der Tag war in der That kalt

und stürmisch. Es zeigte sich keine ungewöhnliche Bewegung im Palaste.

Es wurden keine außerordentlichen Vorsichtsmaßregeln getroffen. Es

fanden keine Verhaftungen statt. Man hörte in den Kaffeehäusern kein

ominöses Geflüster. Die Verzögerung war unangenehm, aber im Grunde war

der nächste Sonnabend, der 22., eben so gut.

Ehe jedoch der nächste Sonnabend herankam, war ein dritter Angeber, De

la Rue, im Palaste erschienen. Sein Lebenswandel verlieh ihm zwar keinen

großen Anspruch auf Achtung; aber seine Erzählung stimmte mit den

Angaben Fisher’s und Pendergraß’ so genau überein, daß selbst Wilhelm an

eine wirkliche Gefahr zu glauben begann.

Sehr spät am Freitagabend, dem 21., wurde Pendergraß, der bis

jetzt noch viel weniger enthüllt hatte, als die beiden anderen

Angeber, dessen einfaches Wort aber mehr werth war als Beider Eide

zusammengenommen, ins königliche Cabinet beschieden. Der treue Portland

und der tapfere Cutts waren die einzigen Zeugen der sonderbaren

Unterredung zwischen dem Könige und seinem hochherzigen Feinde.

Wilhelm drang mit einer Artigkeit und Lebhaftigkeit, die er selten

zeigte, aber niemals anwendete, ohne damit einen tiefen Eindruck zu

machen, in Pendergraß, sich offen auszusprechen. „Sie sind ein Mann

von wahrer Rechtschaffenheit und Ehre, und ich bin Ihnen zu großem

Danke verpflichtet; aber Sie müssen einsehen, daß die nämlichen

Betrachtungen, die Sie bewogen haben, uns so viel zu sagen, Sie

bestimmen sollten, uns noch mehr zu sagen. Die warnenden Winke, die Sie

bis jetzt gegeben haben, sind nur geeignet, mich gegen Jeden, der in

meine Nähe kommt, mißtrauisch zu machen. Sie sind hinreichend, mir das

Leben zu verbittern, nicht aber es mir zu erhalten. Sie müssen mir die

Namen dieser Leute nennen.” Ueber eine halbe Stunde fuhr der König fort

zu bitten, Pendergraß, sich zu weigern. Endlich sagte Pendergraß, daß

er die verlangten Aufschlüsse geben wolle, wenn man ihm die Zusicherung

gebe, daß sie nur zur Verhinderung des Verbrechens und nicht zum

Verderben der Verbrecher benutzt werden sollten. „Ich gebe Ihnen mein

Ehrenwort,” sagte Wilhelm, „daß Ihre Aussage gegen Niemanden ohne

Ihre freie Zustimmung benutzt werden wird.” Es war längst Mitternacht

vorüber, als Pendergraß die Namen der Hauptverschwörer aufschrieb.

Während dies in Kensington geschah, schwelgte ein großer Theil der

Mörder in einem jakobitischen Wirthshause in Maiden Lane. Hier empfingen

sie ihre letzten Befehle für den folgenden Tag. „Morgen oder nie,” sagte

King. „Morgen Kinder,” rief Cassels mit einem Fluche, „wollen wir reine

Wirthschaft machen.” Der Morgen kam. Alles war bereit; die Pferde waren

gesattelt, die Pistolen geladen, die Degen geschliffen, die Ordonnanzen

auf ihrem Posten. Letztere schickten frühzeitig die Meldung aus dem

Palaste, daß der König gewiß auf die Jagd fahre; alle gewöhnlichen

Anstalten seien getroffen, eine Abtheilung Garden sei über Kingston

Bridge nach Richmond geschickt worden; die königlichen Wagen, jeder mit

sechs Pferden bespannt, seien aus den Ställen von Charing Croß nach

Kensington abgegangen. Die Hauptmörder versammelten sich in der

heitersten Stimmung in Porter’s Wohnung. Pendergraß, der auf Befehl des

Königs ebenfalls in ihrer Mitte erschien, wurde mit wildem Jubel

empfangen. „Pendergraß,” sagte Porter, „Sie sind zu einem der Acht

ernannt, die ihn hinüber befördern sollen. Ich habe ein Musketon für

Sie, das acht Kugeln hält.” -- „Mr. Pendergraß,” sagte King, „bitte,

scheuen Sie sich nicht, die Glasscheiben zu zertrümmern.” Von Porter’s

Wohnung begab sich die Gesellschaft nach den „Blue Posts” in Spring

Gardens, wo sie einige Erfrischungen einzunehmen gedachte, bevor sie

nach Turnham Green aufbrach. Sie saßen bei Tische, als von einer der

Ordonnanzen die Meldung kam, daß der König sich anders besonnen habe und

nicht auf die Jagd fahren werde; und kaum hatten sie sich von ihrem

Erstaunen über diese unheilverkündende Botschaft erholt, als Keyes, der

ausgegangen war, um unter seinen ehemaligen Kameraden zu recognosciren,

mit noch unheilverkündenderen Nachrichten ankam, „Die Wagen sind nach

Charing Croß zurückgekehrt. Die nach Richmond vorausgeschickten Garden

sind so eben im gestreckten Galopp, die Flanken ihrer Pferde mit Schaum

bedeckt, wieder in Kensington angelangt. Ich habe mit einem der Blauen

einige Worte gesprochen, und er sagte mir, daß ganz wunderliche Dinge

gemunkelt würden.” Die Gesichter der Mörder verlängerten sich und das

Herz sank ihnen in der Brust. Porter machte einen schwachen Versuch,

seine Unruhe zu verbergen. Er nahm eine Orange und zerdrückte sie. „Was

heute nicht geschehen kann, kann ein andermal geschehen. Kommen Sie,

meine Herren, lassen Sie uns, bevor wir auseinandergehen, noch ein Glas

auf das Zerquetschen der faulen Orange trinken.” Man trank auf das

Zerquetschen der faulen Orange und die Gesellschaft zerstreute

sich.[110]

Noch wenige Stunden und sämmtliche Verschwörer gaben jede Hoffnung auf.

Einige von ihnen schöpften Trost aus dem Gerücht, daß der König Arzenei

eingenommen habe und daß dies der einzige Grund gewesen, warum er nicht

nach Richmond gefahren sei. Wenn dies wahr sei, könne der Schlag noch

immer geführt werden. Zwei Sonnabende seien ungünstig gewesen; aber der

Sonntag stehe bevor, und man könne einen der früher besprochenen und

aufgegebenen Pläne wieder in Erwägung ziehen. Man könne den Usurpator am

Rande von Hydepark auf seinem Wege in die Kapelle überfallen. Charnock

war zu jedem, auch noch so verzweifelten Unternehmen bereit. Wenn die

Jagd einmal begonnen habe, meinte er, sei es besser, bis zum letzten

Athemzuge um sich beißend und kratzend zu sterben, als sich ohne

Widerstand oder Rache zu Tode hetzen zu lassen. Er berief einige seiner

Complicen in eines der zahlreichen Häuser, in denen er eine Wohnung

hatte, und setzte ihnen mit Toasten auf den König, die Königin, den

Prinzen und den großen Monarchen, wie sie Ludwig XIV. nannten, hart

zu. Aber die Angst und Muthlosigkeit der Bande waren stärker, als die

Macht des Weines, und es hatten sich so Viele heimlich fortgeschlichen,

daß die Zurückgebliebenen wenig ausrichten konnten. Im Laufe des

Nachmittags erfuhr man, daß die Palastwachen verstärkt worden seien, und

bald nach Einbruch der Dunkelheit eilten Boten des Staatssekretärs mit

Fackeln, begleitet von Musketierpikets, durch die Straßen. Vor Anbruch

des Sonntagmorgens war Charnock in Sicherheit gebracht. Ein wenig später

wurden Rookwood und Bernardi in einem jakobitischen Alehause auf Tower

Hill im Bett gefunden. Im Laufe des Vormittags wurden noch siebzehn

weitere Verräther ergriffen und auch drei Mann von den Blauen in Arrest

geschickt. Es wurde noch diesen Morgen eine Staatsrathssitzung gehalten,

und sobald sie aufgehoben war, ging ein Expresser nach Flandern ab, um

einige Regimenter von dort zurückzuberufen; Dorset reiste nach Sussex

ab, dessen Lordlieutenant er war; Romney, der Aufseher der Fünfhäfen,

begab sich an die Küste von Kent, und Russell eilte die Themse hinunter,

um das Commando der Flotte zu übernehmen. Am Abend hielt der Staatsrath

wieder Sitzung. Einige der Gefangenen wurden verhört und ins Gefängniß

geschickt. Der anwesende Lordmayor wurde von der gemachten Entdeckung in

Kenntniß gesetzt und speciell beauftragt, für die Ruhe der Hauptstadt zu

sorgen.[111]

Am Montagmorgen waren alle Milizen der City unter den Waffen. Der König

begab sich mit feierlichem Gepränge ins Haus der Lords, ließ die

Gemeinen entbieten und sagte dem Parlamente vom Throne herab, daß er

ohne den Schutz einer allgütigen Vorsehung in diesem Augenblicke eine

Leiche und eine französische Armee unterwegs sein würde, um in das

Königreich einzufallen. Die Gefahr einer Invasion, setzte er hinzu, sei

noch immer groß, aber er habe bereits diejenigen Anordnungen getroffen,

die, wie er hoffe, zum Schutze des Landes hinreichen würden. Einige

Verräther seien eingezogen, gegen andere seien Verhaftsbefehle erlassen;

er werde in dieser Krisis seine Schuldigkeit thun und hege das feste

Vertrauen zu den Häusern, daß sie auch die ihrige thun würden.[112]

[_Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags._] Die beiden

Häuser votirten sofort eine gemeinschaftliche Adresse, in der sie

dankbar die göttliche Güte anerkannten, die ihn seinem Volke erhalten,

und ihn beschworen, mehr als gewöhnlich Acht auf seine Person zu haben.

Sie schlossen mit der dringenden Mahnung, alle Diejenigen, die er für

gefährlich halte, festnehmen und in Sicherheit bringen zu lassen. An dem

nämlichen Tage wurden zwei wichtige Bills bei den Gemeinen eingebracht.

Durch die eine wurde die Habeascorpusacte suspendirt. Die andre

bestimmte, daß das Parlament durch Wilhelm’s Tod nicht aufgelöst werden

solle. Sir Rowland Gwyn, ein achtbarer Landgentleman, stellte einen

Antrag, dessen wichtige Folgen er gewiß nicht im entferntesten ahnete.

Er schlug vor, daß die Mitglieder einen Verein zur Vertheidigung ihres

Souverains und ihres Vaterlandes bilden sollten. Montague, der die

besondere Gabe besaß, einen Wink rasch aufzufassen und zu benutzen,

erkannte sogleich, wie sehr ein solcher Verein die Regierung und die

Whigpartei kräftigen mußte.[113] Es wurde unverzüglich ein Dokument

aufgesetzt, durch das die Vertreter des Volks, jeder für seine Person,

feierlich Wilhelm als rechtmäßigen und gesetzlichen König anerkannten

und sich verpflichteten, ihm und einander unter sich gegen Jakob und

dessen Anhänger beizustehen. Schließlich gelobten sie, daß, wenn Sr.

Majestät Leben gewaltsam abgekürzt werden sollte, sie ihn exemplarisch

an seinen Mördern rächen und einmüthig die durch die Rechtsbill

festgestellte Thronfolge energisch aufrechterhalten würden. Es wurde

angeordnet, daß die Mitglieder des Hauses am nächsten Morgen namentlich

aufgerufen werden sollten.[114] Sie fanden sich in Folge dessen sehr

zahlreich ein, die Associationsurkunde lag in einer Reinschrift auf

Pergament auf dem Tische und die Mitglieder unterzeichneten dieselbe

nach der Reihenfolge der Grafschaften.[115]

[_Stand der öffentlichen Stimmung._] Die Rede des Königs, die

gemeinsame Adresse der beiden Häuser, der von den Gemeinen gebildete

Verein und eine Proklamation, die eine Liste der Verschwörer enthielt

und eine Belohnung von tausend Pfund auf die Ergreifung eines jeden

derselben aussetzte, wurden bald in allen Straßen der Hauptstadt

zum Verkauf ausgeboten und durch alle Posten über das ganze Land

verbreitet. Ueberall wohin die Nachricht kam, gerieth das Volk in

Bewegung. Die beiden verhaßten Worte Meuchelmord und Invasion wirkten

wie ein Zauberspruch. Es bedurfte keines Preßgangs. Die Matrosen

kamen zu Tausenden aus ihren Verstecken hervor, um die Flotte zu

bemannen. Nur drei Tage nach der Berufung des Königs an die Nation

verließ Russell mit einem starken Geschwader die Themse. Ein andres

lag bei Spithead schlagfertig. Die Milizen aller Küstengrafschaften,

vom Wash bis Land’s Ende standen unter den Waffen. Leute, welche

bloßer politischer Vergehen wegen angeklagt waren, fanden in der Regel

viel Theilnahme. Aber auf Barclay’s Mordgenossen machte die ganze

Bevölkerung wie auf Wölfe Jagd. Der Abscheu, den die Engländer seit

vielen Generationen gegen Haussuchungen und alle diejenigen Hindernisse

empfinden, welche die Polizei der festländischen Staaten den Reisenden

in den Weg legt, ruhte für einige Zeit. Die Thore der City von London

wurden mehrere Stunden verschlossen gehalten, während drinnen genaue

Durchsuchungen stattfanden. Die Behörden fast aller umwallten Städte

des Königreichs folgten dem Beispiele der Hauptstadt. Auf jeder

Landstraße waren Militärpikets postirt, mit dem Befehl, Reisende

von verdächtigem Aussehen anzuhalten. Einige Tage lang war es fast

unmöglich, ohne Paß zu reisen oder ohne besondere Autorisation eines

Friedensrichters Postpferde zu erhalten. Und keine einzige Stimme erhob

sich gegen diese Vorsichtsmaßregeln. Das gemeine Volk entwickelte sogar

einen wo möglich noch größeren Eifer als die öffentlichen Beamten,

um die Verräther in die Hände der Justiz zu bringen. Dieser Eifer

mag vielleicht zum Theil der großen Belohnung zugeschrieben werden,

welche die königliche Proklamation versprach. Der Haß, den jeder gute

Protestant gegen die papistischen Mörder empfand, wurde nicht wenig

verstärkt durch die Lieder, in denen die Straßenpoeten den glücklichen

Miethkutscher besangen, der einen Hochverräther abgefaßt, seine tausend

Pfund in Empfang genommen und sich als Gentleman zur Ruhe gesetzt

hatte.[116] Der Eifer des Volks konnte an einigen Orten nur mit Mühe

in den gesetzlichen Schranken gehalten werden. Auf Parkyns’ Landsitze

in Warwickshire wurden Waffen und Armaturstücke zur Equipirung einer

ganzen Reiterschwadron gefunden. Sobald dies bekannt wurde, rottete

sich ein wüthender Pöbelhaufen zusammen, demolirte das Haus und

verwüstete die Gartenanlagen vollständig.[117] Parkyns selbst wurde

bis in eine Dachkammer im Temple verfolgt. Porter und Keyes, welche

nach Surrey geflüchtet waren, wurden mit Steckbriefen verfolgt, bei

Leatherhead durch das Landvolk angehalten, nach schwachem Widerstande

festgenommen und ins Gefängniß geworfen. Friend wurde im Hause eines

Quäkers versteckt gefunden. Knightley wurde in der Verkleidung einer

eleganten Dame ergriffen und trotz Schönpflästerchen und Schminke

erkannt. In wenigen Tagen waren alle Hauptverschwörer in sicherem

Gewahrsam, mit Ausnahme Barclay’s, dem es gelang, nach Frankreich zu

entkommen.

Zu gleicher Zeit wurden einige notorische Mißvergnügte eingezogen

und eine Zeit lang auf Verdachtgründe hin in Haft gehalten. So

wurde der greise Roger Lestrange, der jetzt in seinem achtzigsten

Lebensjahre stand, ergriffen. Ferguson wurde in Gray’s Inn Lane

unter einem Bett versteckt gefunden und zur allgemeinen Freude in

Newgate eingesperrt.[118] Inzwischen wurde eine Specialcommission zur

Prozessierung der Hochverräther eingesetzt. An Zeugen fehlte es nicht,

denn von den ergriffenen Verschwörern waren zehn oder zwölf bereit,

ihre Köpfe dadurch zu retten, daß sie als Belastungszeugen gegen ihre

Genossen auftraten. Niemand war strafbarer und Niemand hatte eine

verächtlichere Furcht vor dem Tode als Porter. Die Regierung willigte

ein, sein Leben zu schonen und erlangte dadurch nicht nur sein Zeugniß,

sondern auch das viel achtbarere Zeugniß Pendergraß’. Pendergraß war

nicht in Gefahr, er hatte nichts begangen, sein Ruf war unbescholten

und seine Aussagen mußten daher bei einer Jury viel größeres Gewicht

haben als die Aussagen einer Menge von Angebern, welche nur schwuren,

um ihre Hälse zu retten. Aber er hatte das Ehrenwort des Königs, daß er

nicht ohne seine freie Zustimmung als Ankläger benutzt werden sollte,

und er war fest entschlossen, nur dann als solcher aufzutreten, wenn

ihm die Zusicherung gegeben wurde, daß Porter nichts geschehen sollte.

Diese Zusicherung war jetzt gegeben und Pendergraß nahm nun keinen

Anstand mehr, die ganze Wahrheit zu erzählen.

[_Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’._] Charnock, King und Keyes

wurden zuerst prozessirt. Die Oberrichter der drei Civilgerichtshöfe und

mehrere andere Richter waren auf der Bank, und unter den Zuhörern

bemerkte man viele Mitglieder beider Parlamentshäuser.

Es war der 11. März. Die neue Acte, welche das Verfahren in

Hochverrathsfällen regulirte, sollte erst am 25. in Kraft treten. Die

Angeklagten verlangten, daß, da die Legislatur durch Erlassung dieser

Acte den Anspruch eines des Hochverraths Beschuldigten auf Einsicht

seiner Anklage als begründet anerkannt und ihm den Beistand eines

Advokaten zugestanden habe, das Tribunal ihnen entweder das was die

höchste Autorität für eine gerechte Vergünstigung anerkannt, bewilligen

oder die Untersuchung vierzehn Tage aufschieben müsse. Die Richter aber

wollten in keinen Aufschub willigen. Sie sind deshalb von späteren

Schriftstellern beschuldigt worden, den todten Buchstaben des Gesetzes

angewendet zu haben, um Menschen ins Verderben zu stürzen, die, wenn das

Gesetz nach seinem wahren Geiste ausgelegt worden wäre, einige Aussicht

gehabt hätten davonzukommen. Diese Beschuldigung ist ungerecht. Die

Richter brachten unzweifelhaft die wirkliche Intention des Gesetzes zur

Anwendung, und wenn eine Ungerechtigkeit begangen wurde, so ist die

Legislatur und nicht die Richter dafür verantwortlich zu machen. Die

Worte „25. März” haben sich nicht aus Versehen in die Acte

eingeschlichen. Alle Parteien im Parlamente waren über das Prinzip der

neuen Verordnungen längst einverstanden. Der einzige noch strittige

Punkt war die Zeit, zu welcher diese Verordnungen in Kraft treten

sollten. Nach langen Debatten, die sich durch mehrere Sessionen zogen,

nach wiederholten Abstimmungen mit verschiedenen Resultaten, war ein

Vergleich getroffen worden, und es stand den Gerichtshöfen sicherlich

nicht zu, die Bestimmungen dieses Vergleichs abzuändern. Man kann sogar

zuversichtlich behaupten, daß die Häuser, wenn sie das Mordcomplott

vorausgesehen hätten, nicht einen früheren, sondern einen späteren Tag

für den Anfang des neuen Systems bestimmt haben würden. Unbestreitbar

verdiente das Parlament und insbesondere die Whigpartei ernsten Tadel.

Denn wenn die alten Procedurregeln der Krone keinen unbilligen Vortheil

gewährten, so war kein Grund vorhanden, sie abzuändern, und wenn sie,

wie allgemein angenommen wurde, der Krone einen unbilligen Vortheil

gewährten, und dies gegen einen auf Leben und Tod Angeklagten, so

durften sie dieselben nicht einen einzigen Tag länger fortbestehen

lassen. Den Gerichten aber kann man keinen Vorwurf daraus machen, daß

sie nicht in directem Widerspruch mit dem Buchstaben wie mit dem Geiste

des Gesetzes handelten.

Die Regierung hätte allerdings die Untersuchungen so lange aufschieben

können, bis die neue Acte in Kraft trat, und es würde eben so weise als

gerecht gewesen sein, wenn sie dies gethan hätte, denn die Angeklagten

würden dadurch nichts gewonnen haben. Der gegen sie vorliegende Fall war

einer von Denen, auf welche der Scharfsinn der Juristenfacultäten keinen

Eindruck machen konnte. Porter, Pendergraß, De la Rue und Andere gaben

Aussagen ab, die keine Entgegnung zuließen. Charnock sagte das Wenige

was er zu sagen hatte, mit Gewandtheit und Geistesgegenwart. Die Jury

fand alle Angeklagten schuldig. Es gereicht der damaligen Zeit eben

nicht zu großer Ehre, daß die Verkündigung des Verdicts von der

Volksmenge, welche das Gerichtshaus umgab, mit lauten Hurrahs begrüßt

wurde. Diese Hurrahs wiederholten sich, als die drei Unglücklichen,

nachdem sie ihr Urtheil angehört, in Begleitung einer Wache fortgeführt

wurden.[119]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 11 / 25 段