Gefahren jener Krisis mit boshafter Schadenfreude betrachtete, und der
heftigste, kühnste und factiöseste Führer dieser Minorität war Howe, den
die Armuth hämischer gemacht hatte als je. Er trug darauf an, daß das
Haus sich zu einem Comité über die Lage der Nation erklären solle, und
das Ministerium -- denn dieses Wort kann jetzt ganz passend angewendet
werden -- stimmte bereitwillig bei. Die wichtige Valutafrage konnte auch
in der That nicht zweckmäßiger erörtert werden als in einem solchen
Ausschusse. Als der Sprecher den Stuhl verlassen hatte, haranguirte Howe
eben so heftig gegen den Krieg, als er in früheren Jahren für denselben
haranguirt hatte. Er wollte Frieden, Frieden unter jeder Bedingung. Die
Nation, sagte er, gleiche einem Verwundeten, der mit Verzweiflung
fortkämpfe, während er Ströme von Blut verlöre. Eine kurze Zeit könne
der Geist den Körper noch aufrecht erhalten, aber bald müsse Entkräftung
eintreten. Keine moralische Energie könne lange gegen physische
Erschöpfung ankämpfen. Er fand jedoch sehr geringe Unterstützung. Die
große Mehrzahl seiner Zuhörer war fest entschlossen, eher Alles aufs
Spiel zu setzen, als sich Frankreich zu unterwerfen. Es wurde spöttelnd
bemerkt, daß der Zustand seiner eignen Finanzen ihm das Gleichniß von
einem sich Verblutenden eingegeben habe und daß, wenn man ihm eine
Herzstärkung in der Form eines Gehalts reichte, er sich wenig um die
ausgetrockneten Adern der Nation kümmern würde. „Wir erniedrigten uns
nicht,” sagten die Whigredner, „durch Geschrei nach Frieden, als unsre
Flagge aus unsrem eignen Kanal verdrängt war, als Tourville’s Flotte vor
Torbay ankerte, als die irische Nation gegen uns unter den Waffen stand,
als jede Post aus den Niederlanden die Nachricht von einer Niederlage
brachte, als wir gegen das Genie Louvois’ im Cabinet und gegen das Genie
Luxemburg’s im Felde zu kämpfen hatten. Und jetzt sollten wir zu
Bittenden werden, wo sich nicht einmal im Mittelländischen Meere ein
feindliches Geschwader zu zeigen wagt, wo unsere Waffen auf dem
Continent siegreich sind, wo Gott den großen Staatsmann und den großen
Krieger zu sich genommen hat, deren Talente so lange unsere
Anstrengungen vereitelten, und wo die Schwäche der französischen
Regierung unverkennbar den Einfluß eines weiblichen Günstlings verräth?”
Howe’s Antrag wurde mit Verachtung verworfen, und der Ausschuß ging zur
Erwägung des Zustandes der Valuta über.[88]
[_Polemik über die Valuta._] Inzwischen ruhten die kürzlich befreiten
Pressen der Hauptstadt keinen Augenblick. Unzählige Broschüren und
Flugblätter über die Münzverhältnisse lagen auf den Ladentischen der
Buchhändler und wurden unter die Mitglieder des Parlaments in der
Vorhalle vertheilt. In einer der interessantesten und ergötzlichsten von
diesen Schriften waren Ludwig und seine Minister als in der größten
Besorgniß dargestellt, daß England sich durch das einfache Mittel, neun
Pence einen Schilling zu nennen, zum reichsten Lande der Welt machen
möchte, und es wurde zuversichtlich darin prophezeit, daß eine neue
Revolution ausbrechen würde, wenn man den alten Münzfuß beibehielte.
Einige Schriftsteller opponirten heftig gegen die Behauptung, daß die
Nation die Kosten der Herstellung der Valuta tragen müsse; andere
forderten die Regierung dringend auf, diese Gelegenheit zu benutzen und
das englische Geld dem Gelde der Nachbarstaaten zu assimiliren; ein
Projectenmacher war dafür, Gulden zu prägen, ein andrer dafür, Thaler zu
prägen.[89]
[_Maßregeln des Parlaments in Bezug auf die Valuta._] Innerhalb der
Mauern des Parlaments dauerten die Debatten mehrere bange Tage hindurch.
Endlich brachte Montague, nachdem er zuerst Diejenigen, welche die Dinge
bis zum Frieden unverändert lassen wollten, und dann auch Diejenigen
geschlagen hatte, welche für den kleinen Schilling waren, elf
Resolutionen durch, in denen die Umrisse seines Planes dargelegt waren.
Es wurde beschlossen, daß die Landesmünzen sowohl in Gewicht als in
Feingehalt nach dem alten Fuße umgeprägt, daß alle neuen Stücken
geprägt, nicht geschlagen werden, daß der Staat den Verlust an dem
beschnittenen Gelde tragen, daß ein Termin bestimmt werden sollte, nach
welchem beschnittenes Geld nur noch in Zahlungen an die Regierung
genommen, und daß ein späterer Termin festgesetzt werden sollte, nach
welchem beschnittenes Geld gar nicht mehr genommen werden sollte. Was
für Abstimmungen im Ausschusse stattfanden, läßt sich nicht ermitteln.
Bei der Berichterstattung über die Resolutionen fand eine Abstimmung
statt, und zwar über die Frage, ob der alte Gewichtsfuß beibehalten
werden solle. Es stimmten hundertvierzehn Mitglieder mit Nein,
zweihundertfünfundzwanzig mit Ja.[90]
Es wurde angeordnet, daß eine auf die Resolutionen basirte Bill
eingebracht werden sollte. Einige Tage darauf erklärte der Kanzler der
Schatzkammer den Gemeinen in einem Ausschusse zur Berathung der Mittel
und Wege den Plan, wie er die Kosten der Umprägung zu decken gedachte.
Es sei unmöglich, sagte er, den zur Deckung des Ausfalls an den
beschnittenen Münzen erforderlichen Betrag mit Genauigkeit zu bestimmen.
Aber es sei gewiß, daß mindestens zwölfhunderttausend Pfund dazu nöthig
sein würden. Die Bank von England war bereit, diese zwölfhunderttausend
Pfund auf gute Sicherheit vorzustrecken. Es war ein unter den
Finanzmännern angenommener Satz, daß die Regierung keine so gute
Sicherheit mehr bieten könne, wie die Kaminsteuer gewesen war. So
verhaßt diese Abgabe auch Denen war, die sie hatten zahlen müssen, im
Schatzamt und in der City wünschte man sie jetzt sehnlich zurück. Der
Kanzler der Schatzkammer meinte, daß sich vielleicht eine Abgabe auf die
Häuser aussinnen lassen werde, die nicht minder einträglich und nicht
minder sicher sein könne als die Herdsteuer, aber nicht so schwer auf
dem Armen lasten und durch ein weniger drückendes Verfahren erhoben
werden könne. Die Anzahl der Kamine in einem Hause sei ohne Besichtigung
der Wohnungen nicht zu ermitteln. Die Fenster aber könne ein Einnehmer
zählen, ohne die Schwelle zu überschreiten. Montague schlug vor, daß die
Bewohner von Hütten, welche von den Einsammlern des Kamingeldes so
herzlos bedrückt worden seien, von der neuen Abgabe gänzlich frei
bleiben sollten. Sein Plan wurde vom Ausschusse für die Mittel und Wege
gebilligt und vom Hause ohne Abstimmung genehmigt. Dies war der Ursprung
der Fenstersteuer, einer Abgabe, die zwar immerhin ein großes Uebel ist,
im Vergleich zu dem Fluche aber, von dem sie die Nation erlöste, als ein
Segen betrachtet werden muß.
Bis hierher war Alles gut gegangen. Jetzt aber kam eine Krisis, welche
die geschickteste Leitung erforderte. Die Nachricht, daß das Parlament
und die Regierung eine Reform der Valuta beabsichtigten, erzeugte unter
dem gemeinen Volke einen Unwissenheitsschrecken. Jedermann wollte seine
beschnittenen Kronen und halben Kronen los sein, und Niemand wollte sie
nehmen. In der Hälfte der Straßen London’s entstanden Zänkereien, welche
an Tumulte grenzten. Die Jakobiten, welche an einem Tage des
Mißgeschicks und der öffentlichen Gefahr, stets mit Freude und Hoffnung
erfüllt waren, liefen mit eifrigen Mienen und geschäftigen Zungen hin
und her. In Tavernen und Bierhäusern wurde ganz offen auf das Wohl
Jakob’s getrunken. Viele Parlamentsmitglieder, welche bisher die
Regierung unterstützt hatten, begannen zu schwanken, und damit nichts an
den Schwierigkeiten des Moments fehlte, entstand über einen
Privilegiumspunkt ein Streit zwischen den beiden Häusern. Die in
Uebereinstimmung mit Montague’s Resolutionen entworfene Umprägungsbill
war den Peers zugesandt worden und mit Abänderungen zurückgekommen, von
denen einige die Lords nach der Ansicht der Gemeinen nicht zu machen
berechtigt waren. Die Sache war zu wichtig, um einen Verzug zu
gestatten. Montague brachte eine neue Bill ein, welche factisch mit
seiner ersten übereinstimmte, aber in einigen Punkten den Wünschen der
Lords gemäß modificirt war; die Lords, obgleich mit der neuen Bill noch
nicht ganz zufrieden, nahmen sie unverändert an, und der König
genehmigte sie unverzüglich. Der 4. Mai, ein Tag, dessen man sich im
ganzen Lande und insbesondere in der Hauptstadt lange erinnerte, war als
der Tag festgesetzt, an welchem die Regierung aufhörte, beschnittenes
Geld bei Steuerzahlungen anzunehmen.[91]
Die Prinzipien der Umprägungsacte sind vortrefflich. Einige von den
Einzelnheiten sowohl dieser Acte als auch einer Ergänzungsacte, welche
zu einem späteren Zeitpunkte der Session erlassen wurde, beweisen, daß
Montague nicht gehörig erwogen hatte, was die Gesetzgebung erreichen
kann und was nicht. Er überredete zum Beispiel das Parlament zu
verordnen, daß es strafbar sein sollte, mehr als zweiundzwanzig
Schillinge für eine Guinee zu geben oder zu nehmen. Man darf mit
Gewißheit behaupten, daß Locke diese Verordnung weder vorgeschlagen
hatte, noch sie billigte. Er wußte sehr wohl, daß der hohe Preis des
Geldes nicht das Uebel war, an dem der Staat laborirte, sondern bloß ein
Symptom dieses Uebels, und daß der Umprägung des Silbers unvermeidlich
ein Fallen des Goldpreises folgen werde, daß aber keine menschliche
Macht oder Einsicht bewirken könne, daß es der Umprägung vorausgehe. Die
Strafbestimmung scheint auch factisch gar keine Wirkung hervorgebracht
zu haben, weder eine gute noch eine schlechte. So lange das geprägte
Silber noch nicht in Circulation gesetzt war, galt die Guinee trotz des
Gesetzes nach wie vor dreißig Schillinge. Als aber das geprägte Silber
reichlich circulirte, fiel die Guinee nicht nur auf zweiundzwanzig
Schilling, was der vom Gesetz gestattete höchste Preis war, sondern auf
einundzwanzig Schilling sechs Pence.[92]
Anfang Februar legte sich der Schrecken, den die ersten Debatten über
die Valuta hervorgerufen hatten, und von dieser Zeit bis zum 4. Mai
wurde der Geldmangel nicht sehr gefühlt. Die Umprägung begann. Die
Schmelzöfen wurden im Garten hinter dem Schatzamt errichtet und täglich
wurden große Haufen beschnittener und entstellter Kronen und Schillinge
in mächtige Silberklumpen verwandelt, welche sofort in die Münze im
Tower befördert wurden.[93]
[_Annahme der Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens in
Hochverrathsfällen._] Mit dem Schicksale des Gesetzes, das die Valuta
herstellte, war das Schicksal eines andren Gesetzes eng verknüpft, das
mehrere Jahre der Erwägung des Parlaments unterlegen und mehrere
lebhafte Streitigkeiten zwischen dem erblichen und dem wählbaren Zweige
der Legislatur verursacht hatte. Die Session hatte kaum begonnen, als
die Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen
wieder auf den Tisch der Gemeinen gelegt wurde. Von den Debatten, zu
denen sie Veranlassung gab, wissen wir nichts mehr; nur ein
interessanter Umstand ist durch Ueberlieferung auf uns gekommen. Unter
Denen, welche die Bill unterstützten, zeichnete sich ein junger Whig von
hohem Range, großem Vermögen und vorzüglichen Anlagen aus, welche durch
Studium sorgfältig ausgebildet worden waren. Dies war Anton Ashley
Cooper, Lord Ashley, ältester Sohn des zweiten Earls von Shaftesbury und
Enkel des berühmten Staatsmannes, der in den Tagen Karl’s II. zu einer
Zeit der grundsatzloseste Minister, zu einer andren Zeit der
grundsatzloseste Demagog gewesen war. Ashley war eben als Vertreter des
Burgfleckens Poole ins Parlament gewählt worden und stand in seinem
fünfundzwanzigsten Lebensjahre. Im Laufe seiner Rede stockte er,
stammelte und schien den Faden seines Ideenganges zu verlieren. Das
Haus, welches damals so gut wie jetzt nachsichtig gegen Neulinge war und
wohl wußte, daß bei einem ersten öffentlichen Auftreten die
Unsicherheit, eine Wirkung der Bescheidenheit und der Gefühlswärme, ein
eben so gutes Zeichen ist als Geläufigkeit im Ausdruck und
Unbefangenheit des Benehmens, munterte ihn auf fortzufahren. „Kann ich
wohl, Sir,” sprach der junge Redner, sich wieder sammelnd, „ein
gewichtigeres Argument zu Gunsten dieser Bill anführen, als mein eignes
Stocken? Mein Vermögen, mein Ruf, mein Leben stehen nicht auf dem
Spiele. Ich habe ein Auditorium vor mir, dessen freundliche Nachsicht
mich wohl zu ermuthigen geeignet ist. Und doch habe ich, aus bloßer
Gemüthsbewegung, aus bloßem Mangel an Uebung im Reden vor zahlreichen
Versammlungen, meinen Gedankengang verloren, so daß ich nicht im Stande
bin, in meiner Beweisführung fortzufahren. Wie hülflos muß dann erst ein
armer Mann sein, der, nachdem er noch nie öffentlich gesprochen hat,
aufgefordert wird, ohne sich einen Augenblick vorzubereiten, den
gewandtesten und erfahrensten Advokaten des Königreichs zu antworten,
und dessen Geisteskräfte durch den Gedanken gelähmt werden, daß er,
wenn es ihm nicht gelingt, seine Zuhörer zu überzeugen, in wenigen
Stunden am Galgen sterben und Die, welche ihm das Theuerste sind, in
Armuth und Schande zurücklassen wird.” Man darf vielleicht mit einigem
Grunde vermuthen, daß Ashley’s Befangenheit und seine kluge Benutzung
derselben sorgfältig vorausbedacht waren. Doch jedenfalls machte seine
Rede großen Eindruck und erweckte wahrscheinlich Erwartungen, welche
nicht in Erfüllung gingen. Seine Gesundheit war zart, sein Geschmack bis
zur Launenhaftigkeit verfeinert; er überließ die Politik bald Männern,
deren Körper und Geist von gröberem Stoffe waren als die seinigen, gab
sich nur geistigen Genüssen hin, vertiefte sich in die Irrgänge der
alten akademischen Philosophie und strebte nach dem Ruhme, die alte
akademische Beredtsamkeit wieder zu beleben. Seine gekünstelte und
blumenreiche, oft aber wunderbar schöne und melodische Diction
bezauberte viele junge Enthusiasten. Er hatte nicht bloß Schüler,
sondern Anbeter, sein Leben war kurz, aber er lebte lange genug, um der
Gründer einer neuen Secte englischer Freidenker zu werden, dem directen
Gegensatze von derjenigen Secte von Freidenkern, deren Orakel Hobbes
war. Viele Jahre lang blieben seine „Characteristiken” das Evangelium
der romantischen und sentimentalen Ungläubigen, während das Evangelium
der kaltblütigen und hartköpfigen Ungläubigen der „Leviathan” war.
Die so oft eingebrachte und so oft verworfene Bill wurde von den
Gemeinen ohne Abstimmung angenommen und den Lords zugesandt. Sie kam
bald mit der lange streitigen Klausel zurück, welche die Verfassung des
Gerichtshofes des Lord High Steward abänderte. Eine zahlreiche Partei
unter den Vertretern des Volks war noch immer nicht geneigt, dem
Hochadel irgend ein neues Privilegium zu bewilligen; aber der Moment war
kritisch. Die Meinungsverschiedenheit, welche zwischen den beiden
Häusern wegen der Umprägungsbill entstanden war, hatte Nachtheile
erzeugt, die auch einen beherzten Staatsmann wohl beunruhigen konnten.
Man mußte ein Zugeständniß durch ein andres erkaufen. Die Gemeinen
traten mit hundertzweiundneunzig gegen hundertfunfzig Stimmen dem
Amendement bei, auf dem die Lords vier Jahre lang so hartnäckig
bestanden hatten, und die Lords genehmigten dagegen unverzüglich die
Umprägungsbill ohne Amendement.
Man hatte sich viel über den Zeitpunkt gestritten, zu welchem das neue
System des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen in Kraft treten
sollte, und die Bill war einmal in Folge eines Streites über diesen
Punkt gescheitert. Viele waren der Meinung, daß die Aenderung nicht vor
dem Ende des Kriegs Platz greifen dürfe. Es sei notorisch, sagten sie,
daß der auswärtige Feind von nur zu vielen einheimischen Verräthern
aufgehetzt werde, und zu solchen Zeiten dürften die Gesetze, welche den
Staat gegen die Machinationen schlechter Bürger schütze, nicht gelockert
werden. Endlich wurde beschlossen, daß die neuen Vorschriften mit dem
25. März, nach dem alten Kalender dem ersten Tage des Jahres 1696, in
Kraft treten sollten.
[_Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien in
Wales an Portland._] Am 21. Januar erhielten die Umprägungsbill und die
Bill zur Regulirung des Prozeßverfahrens in Hochverrathsfällen die
königliche Genehmigung. Am folgenden Tage begaben sich die Gemeinen in
einer Angelegenheit, die sowohl ihnen als auch dem Könige durchaus
nicht angenehm war, nach Kensington. Sie waren in ihrer Gesammtheit fest
entschlossen, um jeden Preis und auf jede Gefahr hin den König gegen
jeden äußeren wie inneren Feind zu schützen. Aber sie waren, wie jede
Versammlung von fünfhundertdreizehn englischen Gentlemen, gleichviel
durch welches Verfahren sie zusammengebracht sein mochte, es naturgemäß
sein mußte, eifersüchtig auf die Gunst, die er seinen Jugendfreunden
bewies. Er hatte sich vorgenommen, das Haus Bentinck in Ruhm und Glanz
auf gleiche Stufe mit den Häusern Howard und Seymour, Russell und
Cavendish zu stellen. Einige der schönsten Erbdomänen der Krone waren
Portland verliehen worden, nicht ohne Murren von Seiten der Whigs wie
der Tories. Es war allerdings nichts geschehen, was nicht mit dem
Buchstaben des Gesetzes und mit einer langen Reihe von Präcedenzfällen
im Einklang gestanden hätte. Seit undenklichen Zeiten hatte jeder
englische Souverain die Güter, in deren Besitz er kraft seines Amtes
getreten war, als sein Privateigenthum betrachtet. Jede Familie, die in
England mächtig gewesen war, von den De Vere bis herab zu den Hyde, war
durch königliche Schenkungen bereichert worden. Karl II. hatte aus
seinen Erbgütern Herzogthümer für seine Bastarde herausgeschnitten. Auch
enthielt die Rechtsbill nicht ein Wort, welches dahin hätte gedeutet
werden können, daß es dem Könige nicht vollkommen freistände, sich jeden
Theils der Krongüter zu entäußern. Anfangs rief daher Wilhelm’s
Freigebigkeit gegen seine Landsleute, wenn sie auch viel Unzufriedenheit
erregte, keine Remonstrationen von Seiten des Parlaments hervor. Aber er
ging endlich zu weit. Im Jahre 1695 befahl er den Lords des Schatzes
eine Urkunde auszufertigen, welche Portland eine prachtvolle Herrschaft
in Denbighshire verlieh. Diese Herrschaft sollte über hunderttausend
Pfund werth sein. Der jährliche Ertrag derselben kann sich daher auf
kaum weniger als sechstausend Pfund belaufen haben, und die der Krone
vorbehaltene Jahresrente betrug nur sechs und acht Pence. Dies war
jedoch noch nicht das Schlimmste. Mit dem Besitze waren ausgedehnte
Regalien untrennbar verbunden, welche die Bewohner von Nordwales nicht
geduldig in den Händen irgend eines Unterthanen sehen konnten. Mehr als
hundert Jahre früher hatte Elisabeth einen Theil des nämlichen Gebiets
ihrem Günstling Leicester verliehen. Bei dieser Gelegenheit hatte sich
das Volk von Denbighshire mit bewaffneter Hand erhoben, und nach vielen
tumultuarischen Auftritten und mehreren Hinrichtungen hatte Leicester es
für rathsam gehalten, die Schenkung seiner Gebieterin zurückzugeben. Die
Opposition gegen Portland war minder gewaltthätig, aber eben so
erfolgreich. Einige der angesehensten Gentlemen des Gebiets machten den
Ministern, durch deren Bureaux das Dokument gehen mußte, nachdrückliche
Vorstellungen und brachten endlich den Gegenstand bis vor das Unterhaus.
Es wurde einstimmig eine Adresse votirt, welche den König ersuchte, die
Schenkung zurückzunehmen; Portland bat, daß man ihn nicht zu einem
Zankapfel zwischen seinem Gebieter und dem Parlamente machen möchte, und
der König fügte sich, wenn auch tief verletzt, dem allgemeinen Wunsche
der Nation.[94]
Diese unglückliche Geschichte hinterließ, wenn sie auch nicht in einen
offenen Streit ausging, doch viel böses Blut. Der König war aufgebracht
gegen die Gemeinen und noch aufgebrachter gegen die whiggistischen
Minister, die es nicht gewagt hatten, seine Schenkung zu vertheidigen.
Die loyale Zuneigung, welche das Parlament ihm in den ersten Tagen der
Session bewiesen hatte, war merklich erkaltet, und er war fast so
unpopulär wie er es je gewesen, als ein Ereigniß eintrat, das ihm
plötzlich die Herzen von Millionen wiedergewann und ihn auf einige Zeit
in eben dem Grade zum Abgott der Nation machte, wie er es zu Ende des
Jahres 1688 gewesen war.[95]
[_Zwei jakobitische Complots geschmiedet._] Der im vergangenen Frühjahr
entworfene Mordplan war in Folge der Abreise Wilhelm’s nach dem
Continent aufgegeben worden. Der im Sommer entworfene Insurrectionsplan
war wegen Mangel an Beistand von Seiten Frankreich’s ebenfalls
aufgegeben worden. Vor Ende des Herbstes aber wurden beide Pläne wieder
aufgenommen. Wilhelm war nach England zurückgekehrt, und die
Möglichkeit, sich seiner durch einen glücklichen Schuß oder Degenstoß zu
entledigen, wurde wieder ernstlich discutirt. Die französischen Truppen
hatten ihre Winterquartiere bezogen, und das Armeecorps, welches
Charnock vergebens verlangt hatte, als der Kampf um Namur wüthete,
konnte jetzt ohne Nachtheil entbehrt werden. Es wurde daher jetzt ein
Complot geschmiedet, furchtbarer als irgend eines, das bisher den Thron
und das Leben Wilhelm’s bedroht hatte, oder es wurden vielmehr, wie dies
mehr als einmal in unsrer Geschichte vorgekommen ist, zwei Complots
geschmiedet, eines in dem andren. Der Zweck des größeren Complots war
ein offener Aufstand, ein Aufstand, der durch eine ausländische Armee
unterstützt werden sollte. In dieses Complot waren fast alle angesehenen
Jakobiten mehr oder weniger verwickelt. Einige häuften Waffen auf,
andere kauften Pferde, noch andere entwarfen Listen von den Dienern und
Untergebenen, auf die sie sich fest verlassen konnten. Die minder
kriegerischen Mitglieder der Partei konnten wenigstens Humpen auf den
König über dem Wasser leeren und durch bedeutungsvolles Achselzucken und
Geflüster zu verstehen geben, daß er nicht lange mehr über dem Wasser
sein werde. Es wurde allgemein bemerkt, daß die Unzufriedenen weiser als
sonst aussahen, wenn sie nüchtern waren, und daß sie lauter als sonst
schwatzten, wenn sie betrunken waren.[96] In das kleinere Complot, das
die Ermordung Wilhelm’s zum Zweck hatte, waren nur einige wenige
auserlesene Hochverräther eingeweiht.
[_Berwick’s Complot._] Jedes dieser beiden Complots stand unter der
Leitung eines speciell dazu von Saint-Germains abgeschickten Führers.
Die ehrenhaftere Sendung war Berwick anvertraut. Er war beauftragt, sich
mit der jakobitischen Noblesse und Gentry in Vernehmen zu setzen,
auszumitteln, welche Streitmacht sie ins Feld stellen konnten und einen
Zeitpunkt für die Erhebung festzusetzen. Er war ermächtigt ihnen zu
versichern, daß die französische Regierung Truppen und Transportschiffe
bei Calais zusammenziehe und daß, sobald man dort erführe, daß ein
Aufstand in England ausgebrochen sei, sein Vater sich mit zwölftausend
Veteranen einschiffen und in einigen Stunden bei ihnen sein würde.
[_Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay._] Eine gefährlichere Rolle
war einem Emissär von niedererem Range aber großer Gewandtheit,
Thätigkeit und Unerschrockenheit übertragen. Dies war Sir Georg Barclay,
ein schottischer Gentleman, der mit Ehren unter Dundee gedient und der
sich, als der Krieg in den Hochlanden zu Ende war, nach Saint-Germains
zurückgezogen hatte. Barclay wurde in das königliche Cabinet beschieden
und empfing seine Instructionen aus dem Munde des Königs selbst. Er
erhielt Befehl, sich heimlich über den Kanal nach London zu begeben. Es
wurde ihm gesagt, daß einige auserlesene Offiziere und Soldaten ihm zu
Zweien und Dreien auf dem Fuße folgen würden, und damit sie ihn leicht
finden könnten, sollte er Montags und Donnerstags nach Einbruch der
Dunkelheit unter dem Säulengange vom Coventgarden umhergehen und ein
weißes Tuch aus seiner Rocktasche hervorblicken lassen. Er erhielt eine
bedeutende Summe Geldes und eine Vollmacht, welche Jakob nicht nur
unterzeichnet, sondern, von Anfang bis zu Ende eigenhändig geschrieben
hatte. Diese Vollmacht autorisirte den Inhaber von Zeit zu Zeit
diejenigen Acte von Feindseligkeit gegen den Prinzen von Oranien und
seine Anhänger zu unternehmen, welche den Zwecken des Königs am meisten
entsprechen würden. Welche nähere Erklärung Jakob diesen weit
umfassenden Worten mündlich gab, wissen wir nicht.