von der Art, daß man sie für werth gehalten hätte, eine wichtige
Stelle in der Geschichte einzunehmen. Es dürfte jedoch wohl zu
bezweifeln sein, ob all’ das Elend, das in einem Vierteljahrhundert
durch schlechte Könige, schlechte Minister, schlechte Parlamente
und schlechte Richter über England gebracht worden war, dem Elende
gleichkam, welches die schlechten Kronen und schlechten Schillinge
in einem einzigen Jahre verursachten. Die Ereignisse, welche einer
ergreifenden oder zornigen Beredtsamkeit den besten Stoff liefern,
sind nicht immer diejenigen, welche das Wohl der großen Masse des
Volks am meisten beeinträchtigen. Die schlechte Verwaltung Karl’s
und Jakob’s, so arg sie auch immer gewesen sein mochte, hatte den
gewöhnlichen Geschäftsverkehr nicht verhindert, seinen stetigen und
gedeihlichen Fortgang zu nehmen. Während die Ehre und Unabhängigkeit
des Staats an eine fremde Macht verkauft, während in wohlverbriefte
Rechte eingegriffen und Grundgesetze verletzt wurden, arbeiteten und
handelten Hunderttausende von ehrbaren und betriebsamen Familien, aßen
und tranken und legten sich in Behaglichkeit und Sicherheit zur Ruhe
nieder. Mochten Whigs oder Tories, Protestanten oder Jesuiten die
Oberhand haben, der Landwirth trieb sein Vieh zu Markte, der Krämer wog
seine Rosinen ab, der Tuchhändler schnitt seine Tuche aus, das Gewühl
der Käufer und Verkäufer war so lebhaft als je in den Städten, das
Erntefest wurde so fröhlich als je auf dem Lande gefeiert, der Rahm
füllte die Krüge von Cheshire, der Aepfelsaft schäumte in den Pressen
von Herefordshire, das Steingut glühte in den Oefen am Trent, und die
Kohlenkarren rollten rasch über die hölzernen Schienenwege am Tyne.
Als aber das große Tauschmittel in völlige Unordnung gerieth, war aller
Handel und aller Gewerbfleiß wie gelähmt. Das Uebel wurde täglich und
stündlich an fast jedem Orte und von fast jeder Klasse empfunden, in
der Milchkammer und auf der Dreschtenne, am Amboß und am Webstuhl,
auf den Wogen des Weltmeers und in den Tiefen der Bergwerke. Nichts
konnte ohne Streit gekauft werden. An jedem Ladentisch gab es Zank
und Hader vom Morgen bis zum Abend. Jeden Sonnabend stritt sich der
Arbeiter regelmäßig mit dem Arbeitgeber. An einem Meß- oder Markttage
hörten Geschrei, Vorwürfe, Schmähungen und Flüche nicht auf, und man
konnte von Glück sagen, wenn es keine umgeworfenen Buden und keine
blutigen Köpfe gab.[80] Kein Kaufmann wollte eine Waarenlieferung
contrahiren, ohne wegen der Qualität der Münze, in der die Zahlung
geleistet werden sollte, eine besondere Bestimmung zu treffen.
Selbst Geschäftsmänner konnten sich aus der Verwirrung, die in allen
Geldgeschäften herrschte, oft nicht herausfinden. Die Einfältigen
und Sorglosen wurden von Wucherern, deren Anforderungen noch rascher
wuchsen als das Geld zusammenschrumpfte, unbarmherzig geplündert. Der
Preis der nothwendigsten Lebensbedürfnisse, der Fußbekleidung, des
Biers, des Hafermehls, stieg in rascher Progression. Der Arbeiter
fand, daß das Geldstück, das, wenn er es empfing, ein Schilling hieß,
kaum noch einen Sixpence werth war, wenn er einen Krug Bier oder ein
Laib Roggenbrot kaufen wollte. Wo Arbeiter von mehr als gewöhnlicher
Intelligenz in großer Anzahl beisammen waren, da konnten sie ihren
Beschwerden Gehör verschaffen und einige Abhülfe erlangen.[81] Der
unwissende und hülflose Landmann aber wurde zwischen einer Klasse,
die das Geld nur nach der Stückzahl ausgeben, und einer andren, die
es nur nach dem Gewicht nehmen wollte, herzlos gedrückt. Doch seine
Leiden waren schwerlich größer als die des unglücklichen Geschlechts
der Autoren. Ueber die Art und Weise, wie unbekannte Schriftsteller
behandelt wurden, können wir uns aus den noch vorhandenen Briefen von
Dryden an seinen Buchhändler Tonson leicht eine Vorstellung bilden.
Einmal schickt ihm Tonson vierzig Kupferschillinge, ungerechnet
das beschnittene Geld. Ein andermal bezahlt er eine Schuld mit so
schlechten Stücken, daß Niemand sie wiedernehmen will. Der große
Dichter schickt sie alle zurück und verlangt anstatt ihrer Guineen
zu neunundzwanzig Schilling das Stück: „Ich erwarte,” sagt er in
einem Briefe, „gutes Silber, nicht solches, wie ich früher bekommen
habe.” -- „Wenn Sie etwas leidliches Silbergeld haben,” schreibt er
in einem andren Briefe, „so wird meine Frau sich sehr freuen. An der
letzten Zahlung von fünfzig Pfund habe ich dreißig Schilling oder
noch mehr verloren.” Diese Klagen und Bitten, deren Erhaltung wir nur
der hervorragenden Stellung des Schreibers derselben verdanken, sind
wahrscheinlich nur eine kleine Probe von der Correspondenz, welche
mehrere Monate lang alle Briefbeutel England’s füllte.
Eine Klasse befand sich inmitten der allgemeinen Noth außerordentlich
wohl: die Bankiers, und unter ihnen konnte sich keiner in Bezug
auf Geschicklichkeit oder Glück mit Karl Duncombe messen. Er war
noch nicht viele Jahre früher ein Goldschmied von sehr mäßigem
Vermögen gewesen. Auch er hatte wahrscheinlich, nach der Sitte seiner
Berufsklasse, unter den Arkaden der Börse Kunden zu gewinnen gesucht,
hatte die Kaufleute mit tiefen Verbeugungen begrüßt und um die Ehre
gebeten, ihr baares Geld zu verwahren. Gegenwärtig aber benutzte
er so geschickt jede Gelegenheit zu Gewinn, welche die allgemeine
Verwirrung in den Preisen einem Geldwechsler darbot, daß er in dem
Augenblicke, wo der Handel des Königreichs auf die niedrigste Stufe
herabgedrückt war, gegen neunzigtausend Pfund für die Herrschaft
Helmsley im Nordbezirk von Yorkshire bezahlte. Diese große Besitzung
hatten die Gemeinen England’s in einer unruhigen Zeit ihrem siegreichen
General Fairfax verliehen und sie hatte einen Theil des Heirathsgutes
gebildet, das Fairfax’ Tochter dem glänzenden und verschwenderischen
Buckingham zubrachte. Dorthin hatte sich Buckingham, nachdem er in
toller sinnlicher wie geistiger Unmäßigkeit die herrlichsten Gaben der
Natur und des Glückes vergeudet, mit den schwachen Ueberresten seines
schönen Aeußern und seines glänzenden Geistes zurückgezogen, und dort
hatte er sein buntbewegtes Leben unter dem bescheidenen Dache und auf
dem einfachen Krankenlager beschlossen, welche der große Satyriker
der folgenden Generation in unsterblichen Versen geschildert hat. Die
große Herrschaft ging auf ein neues Geschlecht über, und binnen wenigen
Jahren erhob sich ein glänzenderer und kostspieligerer Palast, als der
prachtliebende Villiers ihn je bewohnt hatte, inmitten der schönen
Wälder und Teiche, die er sein genannt hatte, und nahm den einst
geringen Namen Duncombe an.
Seit der Revolution war der Zustand des Courantgeldes zu wiederholten
Malen im Parlamente discutirt worden. Im Jahre 1689 war ein Ausschuß der
Gemeinen ernannt worden, um den Gegenstand zu prüfen, hatte aber keinen
Bericht erstattet. Im Jahre 1690 hatte ein neuer Ausschuß berichtet, daß
ungeheure Quantitäten Silber von Juden, die für Geldgewinn Alles thäten,
außer Landes geschafft würden. Es wurden Pläne entworfen, um die Einfuhr
der edlen Metalle zu befördern und die Ausfuhr zu verhindern. Eine
thörichte Bill nach der andren wurde eingebracht und fallen gelassen. Zu
Anfang des Jahres 1695 endlich nahm die Sache ein so bedenkliches
Aussehen an, daß die Häuser sie in ernste Erwägung zogen. Doch das
einzige praktische Resultat ihrer Berathungen war ein neues Strafgesetz,
von dem man hoffte, daß es dem Beschneiden des geschlagenen Geldes und
dem Einschmelzen und Ausführen des geprägten Geldes Einhalt thun werde.
Es wurde verordnet, daß Jeder, der einen Kipper denuncirte, Anspruch auf
eine Belohnung von vierzig Pfund, und jeder Kipper, der zwei andere
Kipper denuncirte, Anspruch auf Begnadigung haben, und daß Jeder, in
dessen Besitz Silber-Feilspäne oder Abfälle gefunden würden, mit einem
glühenden Eisen auf der Wange gebrandmarkt werden solle. Bestimmte
Beamte wurden ermächtigt, nach ungemünztem Silber zu suchen. Wurde in
einem Hause oder an Bord eines Schiffes ungemünztes Silber gefunden, so
mußte der Eigenthümer den Beweis führen, daß es nicht von Reichsmünzen
herrührte. Gelang es ihm nicht, den Ursprung jedes solchen Metallstücks
in befriedigender Weise darzuthun, so verfiel er harten Strafen. Dieses
Gesetz war, wie sich erwarten ließ, völlig wirkungslos. Während des
nächstfolgenden Sommers und Herbstes verschwand das gute Geld immer
mehr und mehr und der Nothschrei aus allen Grafschaften des Landes wurde
lauter und dringender.
Zum Glück für England befanden sich unter seinen Staatsmännern einige,
welche klar erkannten, daß der sinkende Gewerbfleiß und Handel nicht
durch Strang und Brenneisen wieder gehoben werden könnten. Der Zustand
des Metallgeldes beschäftigte seit einiger Zeit die ernste
Aufmerksamkeit von vier durch öffentliche und private Bande eng mit
einander verbundenen ausgezeichneten Männern. Zwei davon waren
Staatsmänner, welche inmitten ihrer amtlichen und parlamentarischen
Geschäfte niemals aufgehört hatten, die Wissenschaft zu lieben und zu
verehren; die beiden anderen waren Philosophen, in denen die Gewohnheit
des abstrakten Denkens den gesunden praktischen Verstand, ohne den in
der Politik selbst das Genie Unheil anrichtet, nicht geschmälert hatte.
Nie hatte es eine Gelegenheit gegeben, welche zugleich praktische und
theoretische Befähigung dringender erfordert hätte, und nie hatte die
Welt die glänzendsten praktischen und theoretischen Talente in einem so
engen, so harmonischen und so ehrenwerthen Bunde vereinigt gesehen, wie
er Somers und Montague mit Locke und Newton verknüpfte.
Es ist sehr zu bedauern, daß wir nicht eine ausführliche Geschichte der
Conferenzen dieser Männer besitzen, denen England die Herstellung seiner
Valuta und die lange Reihe glücklicher Jahre verdankt, welche mit dieser
Herstellung beginnt. Es müßte interessant sein zu sehen, wie das von den
beiden Philosophen gefundene reine Gold der wissenschaftlichen Wahrheit
von den beiden Staatsmännern gerade mit derjenigen Quantität Zusatz
vermischt wurde, die zur praktischen Ausführung nöthig war. Es würde
interessant sein, die mannichfachen Pläne zu studiren, welche
vorgeschlagen, erörtert und, einige als unpraktisch, andere als
ungerecht, noch andere als zu kostspielig, wieder andere als zu gewagt
verworfen wurden, bis endlich ein Plan ausgesonnen wurde, dessen
Weisheit sich durch den besten Beweis, durch vollständigen Erfolg,
bewährte.
Newton hat der Nachwelt keine Darlegung seiner Ansichten in Bezug auf
die Valuta hinterlassen. Aber Locke’s Abhandlungen über diesen
Gegenstand sind glücklicherweise noch vorhanden, und es ist die Frage,
ob in irgend einer seiner Schriften, selbst in den genialen und
tiefdurchdachten Kapiteln über die Sprache, welche vielleicht den
werthvollsten Theil seiner Essays über den menschlichen Verstand bilden,
die Kraft seines Geistes sichtbarer zu Tage tritt. Ob er je mit Dudley
North bekannt gewesen ist, wissen wir nicht. Hinsichtlich des
moralischen Characters hatten die beiden Männer wenig mit einander
gemein. Sie gehörten verschiedenen Parteien an. In der That, hätte Locke
nicht in Holland Schutz vor der Tyrannei gesucht, so ist es durchaus
nicht unmöglich, daß er durch eine von Dudley North zusammengestellte
Jury nach Tyburn geschickt worden wäre. In geistiger Beziehung dagegen
hatten der Whig und der Tory Vieles mit einander gemein. Jeder von ihnen
hatte sich seine eigne Theorie der Nationalökonomie ausgedacht, die im
Wesentlichen mit der übereinstimmt, welche späterhin Adam Smith
aufstellte. In manchen Beziehungen war sogar die Theorie Locke’s und
North’s vollkommener und symmetrischer als die ihres berühmten
Nachfolgers. Adam Smith ist oft mit Recht getadelt worden, daß er in
directem Widerspruche mit allen seinen Grundsätzen behauptete, der
Zinsfuß müsse vom Staate regulirt werden, und er ist um so mehr zu
tadeln, als lange bevor er geboren ward Locke, und North gelehrt
hatten, daß es ebenso absurd sei, Gesetze zu machen, die den Preis des
Geldes feststellten, als Gesetze, die den Preis der Eisenwaaren oder des
Tuches bestimmten.[82]
Dudley North starb 1693. Noch kurz vor seinem Tode veröffentlichte er
anonym eine kleine Schrift, die einen kurzen Umriß eines Planes zur
Herstellung der Valuta enthält. Dieser Plan war in der Hauptsache der
nämliche wie der, welchen Locke später ausführlich entwickelte und
geschickt vertheidigte.
Eine Frage, die ohne Zweifel vielfach eifrig discutirt wurde, war die,
ob etwas geschehen sollte, so lange der Krieg noch fortdauerte. Auf
welchem Wege man auch immer die Besserung der Münzen bewerkstelligen
mochte, es mußten große Opfer entweder von der ganzen Gesellschaft,
oder doch von einem Theile der Gesellschaft gebracht werden. Und
solche Opfer zu einer Zeit zu verlangen, wo die Nation bereits
Steuern bezahlte, deren Erhebung zehn Jahre früher kein Finanzmann
für möglich gehalten hätte, war allerdings ein sehr gefährlicher
Schritt. Aengstliche Politiker waren für Aufschub, aber die reiflich
erwogene Ueberzeugung der großen Whigführer war, daß etwas gewagt
werden müsse, oder daß Alles verloren sei. Montague insbesondere soll
sich nachdrücklich dahin ausgesprochen haben, daß er entschlossen
sei, zu tödten oder zu heilen. Wenn man hatte hoffen können, daß
das Uebel nicht schlimmer werden würde als es war, so wäre es
allerdings vielleicht weise gewesen, ein Experiment, das die Kraft des
Staatskörpers auf eine harte Probe stellen mußte, bis zur Rückkehr
des Friedens zu verschieben. Aber das Uebel machte mit jedem Tage
Fortschritte, die fast mit Händen zu greifen waren. Im Jahre 1694 hätte
man eine Umprägung mit der Hälfte der Gefahr vornehmen können, der man
sich im Jahre 1696 aussetzen mußte, und wie groß auch die Gefahr im
Jahre 1696 sein mochte, sie mußte noch viel größer werden, wenn man die
Umprägung bis zum Jahre 1698 verschob.
Die Politiker, welche für den Aufschub waren, erweckten indeß noch nicht
soviel Besorgniß als eine andre Klasse von Politikern, welche für
allgemeine und sofortige Umprägung waren, aber darauf drangen, daß der
neue Schilling nur neun oder zehnthalb Pence werth sein sollte. An der
Spitze dieser Partei stand Wilhelm Lowndes, Sekretär des Schatzamts und
Parlamentsmitglied für den Burgflecken Seaford, ein höchst achtbarer und
fleißiger Staatsdiener, aber in den Details seines Amtes viel
bewanderter als in den höheren Zweigen der Staatswissenschaft. Er hatte
nicht die entfernteste Ahnung davon, daß ein Stück Metall mit dem
Bildnisse des Königs eine Waare war, deren Preis durch die nämlichen
Gesetze geregelt wurde, welche den Preis eines in einen Löffel oder in
eine Schnalle geformten Stückes Metall regeln, und daß es eben so wenig
in der Macht des Parlaments stand, das Land reicher zu machen, indem man
eine Krone ein Pfund nannte, als das Land größer zu machen, indem man
einen Furlong[83] eine Meile nannte. Er war, so unglaublich es scheinen
mag, allen Ernstes überzeugt, daß, wenn man die Unze Silber in sieben,
statt in fünf Schillinge theilte, das Ausland uns seine Weine und seine
Seidenstoffe für eine geringere Anzahl Unzen verkaufen würde. Er hatte
einen bedeutenden Anhang, der zum Theil aus beschränkten Menschen, die
wirklich glaubten was er ihnen sagte, zum Theil aus verschmitzten Köpfen
bestand, die gar zu gern wollten, daß das Gesetz sie ermächtigte,
hundert Pfund mit achtzig zu bezahlen. Wären seine Argumente
durchgedrungen, so würden zu den vielen anderen Uebeln, unter denen die
Nation bereits seufzte, noch die Uebel einer großartigen Confiscation
gekommen sein; der öffentliche Credit, noch in seiner zarten und
schwächlichen Kindheit, wäre vernichtet worden und es würde sehr
wahrscheinlich eine allgemeine Meuterei in der Flotte und im Heere
ausgebrochen sein. Zum Glück wurde Lowndes durch Locke in einer zu
Somers’ Gebrauch geschriebenen Abhandlung gründlich widerlegt. Somers
war entzückt über diese kleine Schrift und wünschte, daß sie gedruckt
werden möchte. Sie wurde bald das Textbuch aller aufgeklärten Politiker
des Reichs und man kann sie noch jetzt mit Vergnügen und Nutzen lesen.
Die Wirkung von Locke’s kräftiger und klarer Logik wird nicht wenig
erhöht durch seinen unverkennbaren ernsten Willen, die Wahrheit zu
ergründen, und durch die seltene Generosität und liebenswürdige
Artigkeit, womit er einen an geistiger Befähigung tief unter ihm
stehenden Gegner behandelt. Flamsteed, der königliche Astronom,
bezeichnete die Polemik sehr treffend, indem er sagte, es handle sich
darum, ob fünf sechs oder nur fünf sei.[84]
Soweit stimmten Somers und Montague mit Locke vollkommen überein; über
die Art und Weise aber, wie die Herstellung der Valuta zu
bewerkstelligen sei, herrschte einige Meinungsverschiedenheit. Locke
empfahl, was schon Dudley North empfohlen hatte, der König solle durch
öffentliche Bekanntmachung einen nicht fernen Tag bestimmen, nach
welchem das geschlagene Geld bei allen Zahlungen nur nach dem Gewicht
angenommen werden sollte. Die Vortheile dieses Planes waren
unzweifelhaft groß und in die Augen springend. Es war der einfachste und
zugleich der praktischste. Was durch Haussuchungen, Geldstrafen,
Brandmarkungen, Hinrichtungen und Verbrennungen nicht zu erreichen
gewesen war, mußte in einem Augenblicke geschehen sein. Das Beschneiden
der geschlagenen Münzen und das Einschmelzen der geprägten Münzen mußte
sogleich aufhören. Große Massen guten Geldes mußten aus geheimen Kästen
und Schränken zum Vorschein kommen. Das verstümmelte Silber mußte nach
und nach in die Münze fließen und in einer Gestalt wieder daraus
hervorgehen, die jede Verstümmelung unmöglich machte. In kurzer Zeit
mußte das ganze Courantgeld des Landes in einem gesunden Zustande sein
und während diese große Umwandlung vor sich ging, konnte nicht ein
Augenblick Mangel an baarem Gelde eintreten.
Dies waren gewichtige Betrachtungen und die vereinigte Autorität
North’s und Locke’s verdient in einer solchen Angelegenheit große
Achtung. Doch kann man nicht leugnen, daß ihr Plan einen ernsten
Einwand zuließ, der ihnen zwar nicht ganz entging, den sie aber doch
zu leicht genommen zu haben scheinen. Die Herstellung der Valuta
war eine Wohlthat für die ganze Gesellschaft. Nach welchem Prinzip
konnte man unter diesen Umständen die Kosten dieser Herstellung nur
einem Theile der Gesellschaft aufbürden? Es war allerdings höchst
wünschenswerth, daß die Worte Pfund und Schilling wieder eine
feststehende Bedeutung erhielten und daß Jedermann wußte, wie er seine
Contracte zu verstehen hatte und was sein Eigenthum werth war. Aber
war es gerecht, diesen vortrefflichen Zweck durch Mittel zu erreichen,
welche nothwendig zur Folge haben mußten, daß jeder Pächter, der
hundert Pfund zur Bezahlung seines Pachtes, und jeder Gewerbtreibende,
der hundert Pfund zur Deckung seiner laufenden Wechsel zurückgelegt
hatte, diese hundert Pfund in einem Augenblicke auf fünfzig oder
sechzig Pfund reducirt sah? Daß die Kronen und halben Kronen eines
solchen Pächters oder Gewerbtreibenden nicht vollwichtig waren, dafür
konnte er nicht. Der Staat selbst war daran Schuld. Das Uebel, das der
Staat veranlaßt hatte, war der Staat verbunden wieder gut zu machen,
und es wäre offenbar unrecht gewesen, die Kosten der Reparation einer
einzelnen Klasse aufzubürden, lediglich deshalb, weil diese Klasse sich
in einer Lage befand, in der sie mit Bequemlichkeit geplündert werden
konnte. Es würde eben so vernünftig gewesen sein, von den Holzhändlern
zu verlangen, daß sie die sämmtlichen Kosten der Ausrüstung der
Kanalflotte, oder von den Büchsenmachern, daß sie die sämmtlichen
Kosten der Versorgung der flandrischen Regimenter mit Waffen trügen,
als die Landeswährung auf Kosten derjenigen Personen herstellen zu
wollen, in deren Händen sich das beschnittene Silber in einem gegebenen
Augenblicke zufällig befand.
Locke erklärte, daß er die Verluste bedaure, die, wenn sein Rath
angenommen würde, die Besitzer von beschnittenem Gelde treffen mußten.
Es schiene ihm aber, daß die Nation zwischen verschiedenen Uebeln eines
wählen müsse. Es war auch allerdings viel leichter, den allgemeinen Satz
aufzustellen, daß die Kosten der Wiederherstellung der Valuta von der
Nation getragen werden müßten, als auf ein Mittel zu sinnen, wie diese
Kosten ohne große Nachtheile und Gefahren von derselben getragen werden
könnten. Sollte man bekanntmachen, daß Jeder, der innerhalb eines Jahres
oder eines halben Jahres eine beschnittene Krone in die Münze
ablieferte, dafür eine geprägte Krone erhalten würde und daß der
Werthunterschied zwischen den beiden Stücken aus der Staatskasse gedeckt
werden solle? Dies wäre eben so gut gewesen, als hätte man eine Prämie
auf das Beschneiden gesetzt. Die Scheeren würden thätiger gewesen sein
als je. Das zu leichte Geld würde mit jedem Tage noch leichter geworden
sein. Die Differenz, welche die Steuerzahlenden zu decken gehabt hätten,
würde nach Ablauf der Frist wahrscheinlich um eine Million größer
gewesen sein als am Anfang, und diese ganze Million wäre Uebelthätern zu
Gute gekommen. Durch bedeutende Verkürzung der Frist zum Einliefern der
geschlagenen Münzen würde man die Gefahr des ferneren Beschneidens
verhältnißmäßig vermindert haben, aber es würde dann wieder eine andre
Gefahr eingetreten sein. Das Silber wäre in diesem Falle so bedeutend
schneller in die Münze geströmt, als es wieder aus derselben
hervorströmen konnte, daß auf einige Monate ein drückender Geldmangel
entstehen mußte.
Somers verfiel auf ein außerordentlich kühnes und sinnreiches
Auskunftsmittel, das von Wilhelm gebilligt wurde. Es bestand darin, daß
ganz im Geheimen eine Proklamation vorbereitet und gleichzeitig in allen
Theilen des Königreichs veröffentlicht werden sollte. Diese Proklamation
sollte ankündigen, daß geschlagene Münzen fortan nur nach dem Gewicht
genommen werden sollten. Aber jeder Besitzer derartiger Münzen sollte
aufgefordert werden, sie binnen drei Tagen in einem versiegelten Packete
der nächsten Behörde einzuliefern. Die Münzen sollten dann untersucht,
gezählt, gewogen und dem Eigenthümer mit einer an seine Ordre gestellten
Anweisung zurückgegeben werden, gegen welche er späterhin die Differenz
zwischen dem wirklichen Silbergehalt seiner Münzen und dem Gehalt, den
sie nach dem gesetzlichen Münzfuße hätten haben sollen, bei der
Staatskasse erheben konnte.[85] Wäre dieser Plan adoptirt worden, so
würde dem Beschneiden, dem Einschmelzen und dem Exportiren sofort
Einhalt gethan und die Kosten der Herstellung der Valuta, wie es recht
und billig war, von der Nation getragen worden sein. Die aus einem
Mangel an baarem Gelde erwachsende Unzuträglichkeit wäre nur von sehr
kurzer Dauer gewesen, denn die beschnittenen Stücke würden dem Verkehr
nur so lange entzogen worden sein, bis sie gezählt und gewogen werden
konnten; dann würden sie der Circulation zurückgegeben worden sein und
die Umprägung würde allmälig und ohne bemerkbare Unterbrechung und
Störung des Geschäftsverkehrs vor sich gegangen sein. Diesen großen
Vortheilen aber ließen sich Bedenken entgegenstellen, denen Somers wohl
zu trotzen bereit war, vor denen aber, und dies war nicht zu verwundern,
Politiker von minder erhabenem Character zurückschreckten. Der Weg, den
er seinen Collegen anempfahl, war zwar für das Land der beste,
keineswegs aber für sie. Sein Plan konnte nur dann gelingen, wenn er
plötzlich ins Werk gesetzt wurde, und er konnte nicht plötzlich ins Werk
gesetzt werden, wenn zuvor die Genehmigung des Parlaments erbeten und
erlangt werden mußte; einen Schritt von so folgenschwerer Bedeutung aber
ohne die vorgängige Genehmigung des Parlaments zu thun, hieß, sich
Tadel, Anklagen, Gefängnißstrafe und Verderben aussetzen. Der König und
der Lordsiegelbewahrer standen allein im Geheimen Rathe. Selbst Montague
war unschlüssig, und es wurde beschlossen, nichts ohne die Ermächtigung
der Legislatur zu thun. Montague nahm es auf sich, den Gemeinen einen
Plan vorzulegen, der zwar nicht ohne Gefahren und Nachtheile, aber
wahrscheinlich der beste war, den er durchzubringen hoffen durfte.
[_Zusammentritt des Parlaments; Loyalität des Hauses der Gemeinen._]
Am 22. November traten die Häuser zusammen. Foley wurde an diesem
Tage wieder zum Sprecher erwählt. Am darauffolgenden Tage wurde er
vorgestellt und genehmigt. Der König eröffnete die Session mit einer
sehr geschickt abgefaßten Rede. Er beglückwünschte seine Zuhörer
wegen des günstigen Verlaufs des Feldzugs auf dem Continent. Diesen
günstigen Verlauf schrieb er in Worten, welche ihren Gefühlen
geschmeichelt haben müssen, der Tapferkeit der englischen Armee zu. Er
sprach von den Uebeln, welche aus dem beklagenswerthen Zustande der
Münzen entsprungen seien und von der Nothwendigkeit, ein schleuniges
Heilmittel dagegen anzuwenden. Er gab sehr deutlich zu verstehen, daß
seiner Meinung nach die Kosten der Herstellung der Valuta vom Staate
getragen werden müßten; aber er erklärte zugleich, daß er die ganze
Angelegenheit der Weisheit des Großen Rathes anheimgebe. Ehe er seine
Rede schloß, wendete er sich noch speciell an das neugewählte Haus der
Gemeinen und drückte mit Wärme seinen Beifall über die vortreffliche
Wahl aus, die sein Volk getroffen habe. Die Rede wurde mit einem
leisen aber sehr bezeichnenden Beifallsgemurmel sowohl diesseits als
jenseits der Schranke begrüßt, und wurde vom Publikum eben so günstig
aufgenommen als vom Parlamente.[86] Bei den Gemeinen wurde eine
Dankadresse beantragt, von Musgrave schwach bekämpft, ohne Abstimmung
angenommen und vom ganzen Hause nach Kensington überbracht. Im Palaste
äußerte sich die Loyalität des Hauses in einer Weise, die man jetzt
schwerlich mit der senatorischen Würde vereinbar halten dürfte. Als
im Vorzimmer Erfrischungen gereicht wurden, füllte der Sprecher sein
Glas und schlug zwei Toaste vor: einen auf das Wohl König Wilhelm’s,
und einen andren auf den Untergang König Ludwig’s, und beide wurden
unter lauten Acclamationen ausgebracht. Ein aufmerksamer Beobachter
konnte jedoch erkennen, daß die Vertreter der Nation, obgleich in
ihrer Gesammtheit von Eifer für die bürgerliche Freiheit und für die
protestantische Religion beseelt, und bereit, lieber Alles zu ertragen,
als das Land wieder in Abhängigkeit zurückgeworfen zu sehen, besorgt
und muthlos waren. Alle dachten an den Zustand der Münzen, Alle sagten,
daß etwas geschehen müsse, und Alle gestanden, daß sie nicht wüßten,
was geschehen sollte. „Ich fürchte,” sagte ein Mitglied, das die
Gesinnungen Vieler aussprach, „die Nation wird weder die Krankheit noch
die Heilung ertragen.”[87]