[_Die Wahlen._] Inzwischen waren die Wahlen ziemlich zu Ende. In allen

Theilen des Landes zeigte es sich deutlich, daß die Wahlkörper im

allgemeinen für den König und für den Krieg waren. Die City von London,

welche im Jahre 1690 vier Tories gewählt hatte, wählte 1695 vier Whigs.

Ueber die Vorgänge zu Westminster ist ein Bericht von mehr als

gewöhnlicher Umständlichkeit auf uns gekommen. Im Jahre 1690 hatten die

über die Sacheverell’sche Klausel entrüsteten Wähler zwei Tories

gewählt. Im Jahr 1695 wurde, sobald man erfuhr, daß wahrscheinlich ein

neues Parlament einberufen werden würde, ein Meeting gehalten, in

welchem beschlossen wurde, eine Deputation mit einer Einladung an zwei

Commissare des Schatzes, Karl Montague und Sir Stephan Fox, abzusenden.

Sir Walter Clarges repräsentirte das toryistische Interesse. An dem Tage

des Vorschlags der Candidaten zogen nahe an fünftausend Wähler zu Pferde

durch die Straßen. Sie waren in drei Abtheilungen getheilt, und an der

Spitze jeder Abtheilung ritt einer der Candidaten. Es war leicht, auf

den ersten Blick die comparative Stärke der Parteien zu schätzen, denn

die Cavalcade, welche Clarges folgte, war die mindest zahlreiche von den

dreien, und man wußte sehr wohl, daß die Anhänger Montague’s für Fox und

die Anhänger Fox’ für Montague stimmen würden. Die Geschäfte des Tages

wurden durch lautes Geschrei gestört. Die Whigs schmähten den

jakobitischen Candidaten, der es dahin bringen wolle, daß die Engländer

in die Messe gingen, Frösche äßen und Holzschuhe trügen. Die Tories

schimpften auf die beiden Staatsbeamten, welche mit der geraubten Habe

der armen überlasteten Nation Schätze aufhäuften. Von Worten gingen die

erbitterten Parteien zu Thätlichkeiten über und es entstand ein Tumult,

der nicht ohne Mühe gedämpft werden konnte. Der Oberbailiff ging dann um

die drei Reiterschaaren herum und erklärte nach flüchtiger Ueberzählung

derselben, daß Montague und Fox ordnungsgemäß gewählt seien. Es wurde

eine genaue Stimmenzählung verlangt. Die Tories boten alles Mögliche

auf; weder Geld noch Tinte wurden gespart. Clarges gab in wenigen

Stunden zweitausend Pfund aus, eine bedeutende Summe zu einer Zeit, wo

das durchschnittliche Einkommen eines Parlamentsmitgliedes auf nicht

mehr als achthundert Pfund jährlich geschätzt wurde. Im Laufe der auf

die Proklamirung der Candidaten folgenden Nacht wurden Flugblätter voll

Schmähungen gegen die beiden höfischen Emporkömmlinge, die sich durch

Schurkerei aus Armuth und Dunkelheit zu Reichthum und Macht erhoben

hätten, durch die ganze Hauptstadt verstreut. Der Bischof von London

warb offen Stimmen gegen die Regierung, denn die Einmischung von

Peers in die Wahlen war noch nicht von den Gemeinen für eine

Privilegiumsverletzung erklärt worden. Doch es war Alles umsonst.

Clarges stand am Ende der Stimmliste, ohne Aussicht sich zu erheben. Er

zog sich zurück und Montague wurde auf den Schultern einer ungeheuren

Menge von der Westminsterabtei nach seinem Amtsbureau in Whitehall

getragen.[65]

Die nämliche Gesinnung trat an vielen anderen Orten zu Tage. Die

Freisassen von Cumberland wiesen ihre Vertreter an, den König zu

unterstützen und jede zur Fortsetzung des Kriegs für nöthig erachtete

Summe zu bewilligen, und diesem Beispiele folgten noch mehrere andere

Grafschaften und Städte.[66] Russell kam erst in England an, als die

Ausschreiben erlassen waren. Aber er brauchte nur zu wählen, für welchen

Ort er im Parlamente sitzen wollte. Seine Popularität war enorm, denn

seine Schurkereien waren unbekannt, während seine dem Staate geleisteten

Dienste allgemein bekannt waren. Er hatte die Schlacht von La Hogue

gewonnen. Er hatte zwei Jahre im mittelländischen Meere commandirt. Er

hatte daselbst die französischen Flotten in den Hafen von Toulon

eingeschlossen und hatte die französischen Armeen in Catalonien

aufgehalten und zurückgetrieben. Er hatte viele Schiffe, darunter zwei

Linienschiffe genommen und hatte während seines langen Aufenthalts in

einem entfernten Meere weder durch Krieg noch durch Unwetter ein

einziges Fahrzeug verloren. Er hatte das rothe St. Georgskreuz zu einem

Gegenstande des Schreckens für alle Fürsten und Republiken Italien’s

gemacht. Das Resultat seiner Erfolge war, daß Gesandtschaften aus

Florenz, Genua und Venedig unterwegs waren, um Wilhelm nachträglich zu

seiner Thronbesteigung Glück zu wünschen. Russell’s Verdienste, von den

Whigs geschickt vergrößert, machten einen solchen Eindruck, daß er nicht

allein von Portsmouth, wo seine amtliche Stellung ihm einen großen

Einfluß verlieh, und von Cambridgeshire, wo er bedeutende

Privatbesitzungen hatte, sondern auch von Middlesex ins Parlament

gewählt wurde. Diese letztere Auszeichnung verdankte er allerdings

hauptsächlich seinem Namen. Vor seiner Ankunft in England hatte man

allgemein geglaubt, daß für die hauptstädtische Grafschaft zwei Tories

gewählt werden würden. Somers und Shrewsbury waren der Meinung, daß

diesem Unglück auf keinem andren Wege vorzubeugen sei, als indem man den

Namen des tugendhaftesten aller Märtyrer der englischen Freiheit

heraufbeschwöre. Sie baten Lady Russell, es zu gestatten, daß ihr

ältester Sohn, ein fünfzehnjähriger Knabe, der eben seine Studien in

Cambridge beginnen sollte, auf die Candidatenliste gesetzt werde. Er

müsse, sagten sie, seinen neuen Titel Marquis von Tavistock auf einen

Tag ablegen und sich Lord Russell nennen. Es würden keine Kosten

erwachsen und kein Kampf stattfinden. Tausende von berittenen Gentlemen

würden ihn zu den Wahlbühnen geleiten, Niemand würde es wagen gegen ihn

aufzutreten, und er würde nicht nur selbst gewählt werden, sondern auch

noch einen andren Whig ins Parlament bringen. Die verwittwete Mutter

weigerte sich in einem mit ihrer ganzen vortrefflichen Einsicht und

Gesinnung geschriebenen Briefe, ihren Sohn ihrer Partei zu opfern. Seine

Erziehung, sagte sie, würde dadurch unterbrochen werden, der Kopf würde

ihm schwindeln, sein Sieg würde ihm zum Verderben gereichen. Gerade in

diesem Augenblicke kam der Admiral an. Er erschien vor den auf der Höhe

von Hampstead Hill versammelten Wählern von Middlesex und wurde ohne

Opposition gewählt.[67]

Gleichzeitig erhielten mehrere angesehene Mißvergnügte Beweise des

öffentlichen Mißfallens. Johann Knight, der factiöseste und

übermüthigste von denjenigen Jakobiten, welche ehrloserweise dem Könige

Wilhelm Treue geschworen hatten, um sich für den Sitz im Parlamente zu

qualificiren, hörte auf, die große Stadt Bristol zu vertreten. Exeter,

die Hauptstadt des Westens, war in heftiger Aufregung. Man hatte lange

geglaubt, daß die Befähigung, die Beredtsamkeit, die Erfahrung, das

große Vermögen und die vornehme Abkunft Seymour’s es unmöglich machen

würden, ihn zu verdrängen. Aber sein moralischer Ruf, der nie weit her

gewesen, war während der letzten drei oder vier Jahre immer tiefer und

tiefer gesunken. Er war ein giftiges Mitglied der Opposition gewesen,

Bis er eine Stelle erlangt hatte. So lange er diese bekleidete, hatte er

auch die unpopulärsten Maßregeln der Regierung vertheidigt, und sobald

er aus dem Amte getreten war, war er wieder ein giftiger Opponent

geworden. Sein Salpetercontract hatte einen tiefen Flecken auf seiner

persönlichen Ehre zurückgelassen. Es wurden ihm daher zwei Candidaten

gegenübergestellt und ein Wahlkampf, der längste und heftigste jener

Zeit, fesselte die Aufmerksamkeit des ganzen Königreichs und wurde

selbst von auswärtigen Regierungen mit Spannung beobachtet. Die

Stimmenliste war fünf Wochen geöffnet. Die Geldausgaben waren auf beiden

Seiten enorm. Die Wahlmänner von Exeter, welche, so lange die Wahl

dauerte, herrlich und in Freuden lebten, sehnten sich durchaus nicht

nach baldiger Beendigung ihres luxuriösen Carnevals. Sie aßen und

tranken nach Herzenslust; sie zogen jeden Abend mit tüchtigen Knitteln

aus, um für Mutter Kirche, oder für König Wilhelm zu streiten; aber die

Stimmen fanden sich nur sehr langsam ein. Erst am Vorabend des

Zusammentritts der Parlamentshäuser kam die Wahl zu Stande. Seymour war

zu seinem großen Aerger geschlagen und mußte zu dem kleinen Wahlflecken

Totneß seine Zuflucht nehmen.[68]

Es ist auffallend, daß Johann Hampden auch bei dieser Wahl, wie bei der

vorhergehenden, keinen Sitz erlangte. Seitdem er nicht mehr

Parlamentsmitglied war, hatte er über seinen Unstern und seine

unauslöschliche Schande gebrütet und gelegentlich seinem Unmuth in

bitteren Pamphlets gegen die Regierung Luft gemacht. Als die Whigs am

Hofe und im Parlamente zur Herrschaft gelangt waren, als Nottingham

zurückgetreten und Caermarthen in Anklagestand versetzt worden war,

faßte Hampden, wie es scheint, wieder Hoffnung, noch eine große Rolle im

öffentlichen Leben spielen zu können. Aber den Führern seiner Partei war

offenbar an einem Bundesgenossen von so hämischem und unruhigem Geiste

nichts gelegen. Daher sah er sich immer vom Hause der Gemeinen

ausgeschlossen. Er führte seit einigen Monaten ein trauriges Leben,

indem er seine Sorgen bald unter den eleganten Spielern und den zarten

Schönheiten, welche die Gesellschaftszimmer der Herzogin von Mazarine

füllten, zu vergessen suchte, bald in religiöse Schwermuth versank. Der

Gedanke an einen Selbstmord stieg oft in ihm auf. Nicht lange, so kam

die Vertretung von Buckinghamshire zur Erledigung, der Grafschaft, die

ihn und seine Vorfahren zu wiederholten Malen ins Parlament geschickt

hatte, und er hoffte, daß er mit Hülfe Wharton’s, der über die Whigs von

Buckinghamshire eine unumschränkte Herrschaft ausübte, ohne

Schwierigkeit gewählt werden würde. Aber Wharton verwendete seinen

Einfluß zu Gunsten eines andren Candidaten. Dies war ein vernichtender

Schlag. Die Stadt wurde durch die Nachricht in Aufregung versetzt, daß

Johann Hampden sich die Kehle durchschnitten, daß er noch einige Stunden

gelebt, daß er tiefe Reue über seine Sünden an den Tag gelegt, Burnet’s

geistlichen Beistand erbeten und der Herzogin von Mazarine eine

feierliche Warnung zugesandt habe. Eine Coronersjury erklärte ihn für

wahnsinnig. Der Unglückliche war mit den schönsten Aussichten ins Leben

getreten. Er trug einen Namen, der mehr als adelig war. Er war der Erbe

eines großen Vermögens und eines noch weit kostbareren Gutes: des

Vertrauens und der Zuneigung von Hunderttausenden seiner Landsleute.

Seine natürlichen Anlagen waren bedeutend und sie waren sorgfältig

ausgebildet worden. Leider trieben Ehrgeiz und Parteigeist ihn an, sich

in eine Lage voll Gefahren zu versetzen. Diesen Gefahren erwies seine

Characterstärke sich nicht gewachsen. Er erniedrigte sich zu Bitten, die

ihn zwar retteten, aber auch entehrten. Von diesem Augenblicke an kannte

er keinen Seelenfrieden mehr. Seine Stimmung wurde verbittert und durch

seine Stimmung wurde sein Verstand zerrüttet. Er suchte in

Andachtsübungen und in Racheplänen, in fashionablen Vergnügungen und in

politischen Bewegungen Erleichterung zu finden. Aber der schwarze

Schatten wich nie wieder aus seinem Geiste, bis endlich im zwölften

Jahre seiner Demüthigung ein trauriger Tod seinem traurigen Leben ein

Ziel setzte.[69]

Das Ergebniß der allgemeinen Wahl bewies, daß Wilhelm einen günstigen

Augenblick zur Auflösung gewählt hatte. Die Zahl der neuen Abgeordneten

betrug ungefähr hundertsechzig und die meisten waren als der Regierung

entschieden zugethan bekannt.[70]

[_Beunruhigender Zustand der Geldverhältnisse._] Es war von der höchsten

Wichtigkeit, daß das Haus der Gemeinen in jenem Augenblicke geneigt war,

in aufrichtigem Einklang mit dem Könige zu handeln. Denn es war durchaus

nothwendig, ein Heilmittel gegen ein inneres Uebel anzuwenden, das

allmälig eine furchtbare Ausdehnung erlangt hatte. Das Silbergeld,

welches damals die feste Münzwährung des Landes bildete, befand sich in

einem Zustande, der selbst die kühnsten und aufgeklärtesten Staatsmänner

erschreckte.[71]

Bis zur Regierung Karl’s II. waren unsere Münzen vermittelst eines

Verfahrens geschlagen worden, das noch aus dem 13. Jahrhunderte stammte.

Eduard I. hatte geschickte Künstler aus Florenz kommen lassen, das zu

seiner Zeit London gegenüber das war, was zur Zeit Wilhelm’s III.

London Moskau gegenüber war. Die Instrumente, welche damals in unsrer

Münze eingeführt worden waren, blieben, mit unbedeutenden Abänderungen,

noch mehrere Generationen hindurch in Gebrauch. Das Metall wurde mit der

Scheere zerschnitten und dann geformt und mit dem Hammer geprägt. Bei

diesen Operationen war der Hand und dem Auge des Arbeiters viel

überlassen. Es kam ganz natürlich vor, daß manche Stücke etwas mehr,

andere etwas weniger als die gehörige Quantität Silber enthielten; nur

selten waren sie vollkommen rund; und die Ränder waren nicht markirt.

Man kam daher mit der Zeit dahinter, daß das Beschneiden des Geldes eine

der leichtesten und einträglichsten Arten des Betrugs war. Unter der

Regierung Elisabeth’s war es für nöthig erachtet worden zu verordnen,

daß die Geldbeschneider, wie dies bei den Falschmünzern schon längst der

Fall war, den auf den Hochverrath gesetzten Strafen unterworfen sein

sollten.[72] Doch das Geldbeschneiden war ein zu einträgliches Geschäft,

als daß es durch solche Maßregeln hätte verhindert werden können, und um

die Zeit der Restauration begannen die Leute gewahr zu werden, daß ein

großer Theil der coursirenden Kronen, halben Kronen und Schillinge eine

kleine Verstümmelung erfahren hatten.

Die damalige Zeit war fruchtbar an Versuchen und Erfindungen in allen

Zweigen der Wissenschaft. Es wurde eine große Verbesserung im Formen und

Prägen der Münzen vorgeschlagen und im Tower von London ein Prägewerk

aufgestellt, das in großem Umfange die menschliche Hand ersetzte. Dieses

Werk wurde durch Pferde getrieben und würde von den Mechanikern unsrer

Zeit wahrscheinlich eine rohe und schwache Maschine genannt werden. Die

Münzen, die es lieferte, gehörten jedoch zu den besten in Europa. Sie

waren nicht leicht nachzumachen, und da sie vollkommen rund und auf dem

Rande mit einer Umschrift versehen waren, so war auch kein Beschneiden

zu fürchten.[73]

Die gehämmerten Münzen und die geprägten Münzen coursirten nun zusammen,

und sie wurden bei öffentlichen und folglich auch bei Privatzahlungen,

ohne Unterschied genommen. Die damaligen Finanzmänner scheinen erwartet

zu haben, daß das neue Geld, welches vortrefflich war, das alte

schlechte bald verdrängen werde. Jeder Mensch mit gesundem Verstande

hätte jedoch einsehen müssen, daß, wenn der Staat vollwichtige Münzen

und zu leichte Münzen als gleich im Werthe behandelt, nicht die

vollwichtigen Münzen die zu leichten aus dem Verkehr verdrängen werden,

sondern ihrerseits verdrängt werden müssen. Eine beschnittene Krone galt

auf englischem Gebiet bei Bezahlung einer Steuer oder einer Schuld

ebensoviel als eine geprägte Krone. Sobald aber die geprägte Krone in

den Schmelztiegel geworfen oder über den Kanal gebracht war, wurde sie

viel werthvoller als eine beschnittene Krone. Man hätte daher so

zuversichtlich voraussagen können, wie nur irgend etwas sich voraussagen

läßt, was von menschlichem Willen abhängt, daß die geringeren Geldstücke

auf dem einzigen Markte bleiben würden, auf dem sie den nämlichen Preis

erlangen konnten wie die besseren Stücke, und daß die besseren eine Form

annehmen oder an einen Ort eilen würden, wo aus ihrem höheren Werthe ein

Gewinn zu ziehen war.[74]

Die Staatsmänner der damaligen Zeit übersahen jedoch in der Regel diese

sehr naheliegenden Betrachtungen. Sie waren höchst erstaunt darüber, daß

Jedermann so verkehrt sein sollte, sich lieber leichten Geldes als guten

Geldes zu bedienen. Mit anderen Worten, sie wunderten sich, daß Niemand

Lust hatte, zwölf Unzen Silber zu bezahlen, wenn zehn es auch thaten.

Das Pferd im Tower ging noch immer im Kreise herum. Frische

Wagenladungen guten Geldes gingen noch immer aus dem Prägewerke hervor

und verschwanden noch immer eben so schnell als sie zum Vorschein kamen.

Große Massen wurden eingeschmolzen, große Massen ausgeführt, große

Massen zurückgelegt; aber kaum ein einziges neues Geldstück war in der

Kasse eines Kaufladens oder in dem ledernen Beutel zu finden, den der

Landwirth vom Viehmarkte mit nach Hause nahm. Bei den Einnahmen und

Ausgaben der Schatzkammer überstieg der Betrag des geprägten Geldes

nicht zehn Schilling auf hundert Pfund. Ein damaliger Schriftsteller

erzählt einen Fall, wo ein Kaufmann in einer Summe von fünfunddreißig

Pfund nur eine einzige halbe Krone geprägten Silbers empfing.

Mittlerweile waren die Scheeren der Kipper in fortwährender Thätigkeit.

Auch die Falschmünzer vermehrten sich und machten gute Geschäfte, denn

je schlechter das Courantgeld wurde, um so leichter war es nachzumachen.

Seit mehr als dreißig Jahren war dieses Uebel in stetem Wachsen

begriffen. Anfangs hatte man es nicht beachtet; aber es war nach und

nach ein unerträglicher Fluch für das Land geworden. Umsonst wurden die

strengen Gesetze gegen Falschmünzer und Kipper mit Strenge gehandhabt.

Bei jeder Session der Old Bailey wurden furchtbare Exempel statuirt.

Schleifen mit vier, fünf, sechs Elenden, welche überführt waren, die

Reichsmünzen nachgemacht oder verstümmelt zu haben, wurden jeden Monat

Holborn Hill hinaufgezogen. An einem einzigen Morgen wurden sieben

Männer und eine Frau wegen Geldbeschneidens verbrannt. Aber Alles war

vergebens. Der Gewinn war so bedeutend, daß er gesetzlosen Menschen die

Gefahr mehr als aufzuwiegen schien. Einige Kipper sollten großes

Vermögen erworben haben. Einer insbesondere bot sechstausend Pfund für

seine Begnadigung. Die Bestechungssumme wurde zwar nicht angenommen;

aber der Ruf von seinem Reichthume verminderte sehr stark den Eindruck,

den man durch das Schauspiel seiner Hinrichtung hervorzubringen

bezweckte.[75] Ja die Härte der Strafen ermuthigte sogar zu dem

Verbrechen. Denn so schädlich das Beschneiden war, erweckte es doch bei

dem großen Haufen nicht einen solchen Abscheu, wie Mord, Brandstiftung,

Raub, und selbst Diebstahl. Der Nachtheil, den die Gesammtheit der

Kipper der ganzen Gesellschaft zufügte, war allerdings enorm; aber jeder

einzelne Act des Beschneidens war eine Kleinigkeit. Eine halbe Krone

auszugeben, nachdem man für einen Penny Silber davon abgeschnitten,

erschien als ein geringfügiges, fast unmerkliches Vergehen. Selbst als

die Nation am lautesten unter der Noth seufzte, welche der Zustand der

Valuta erzeugte, hatte jeder Einzelne, der mit dem Tode bestraft wurde,

weil er dazu beigetragen, die Valuta in diesen Zustand zu bringen, die

allgemeine Theilnahme auf seiner Seite. Die Constabler wollten die

Schuldigen nicht verhaften. Die Richter wollten sie nicht einsperren

lassen. Die Zeugen wollten nicht die ganze Wahrheit sagen. Die

Geschwornen wollten das Wort Schuldig nicht aussprechen. Umsonst sagte

man dem Volke, daß die Verstümmler der Münzen weit mehr Unheil

anrichteten als alle Straßenräuber und Diebe auf der ganzen Insel. Denn

so groß auch die Gesammtmasse des Uebels war, auf den einzelnen

Uebelthäter kam nur ein unendlich kleiner Theil dieses Uebels. Man hatte

sich daher allgemein verschworen, den ordentlichen Gang des Gesetzes zu

hemmen. So zahlreich auch die Verurtheilungen scheinen mochten, ihre

Zahl war nur gering im Vergleich zu den Vergehen, und die verurtheilten

Uebelthäter betrachteten sich als Gemordete und waren der festen

Ueberzeugung, daß ihr Verbrechen, wenn es überhaupt ein Verbrechen war,

eben so verzeihlich sei wie das eines Schulknaben, der sich im Garten

des Nachbars einige Nüsse holt. Die ganze Beredtsamkeit des

Gefängnißgeistlichen konnte sie nur selten dahin bringen, sich dem

heilsamen Gebrauche anzubequemen, in ihren letzten Augenblicken die

Größe ihrer Ruchlosigkeit anzuerkennen.[76]

Das Uebel verbreitete sich mit fortwährend zunehmender Schnelligkeit. Im

Herbst des Jahres 1695 endlich konnte man kaum noch sagen, daß das Land

zu praktischen Zwecken einen Maßstab für den Werth der Waaren besitze.

Es ließ sich durchaus nicht mehr bestimmen, ob ein Geldstück, das ein

Schilling genannt wurde, in Wirklichkeit ein Zehnpencestück oder ein

Grot war. Das Resultat einiger Versuche, welche damals gemacht wurden,

verdient erwähnt zu werden. Die Beamten der Schatzkammer wogen

siebenundfunfzigtausendzweihundert Pfund geschlagenen Geldes, welche

kürzlich eingegangen waren. Das Gewicht hätte eigentlich über

zweihundertzwanzigtausend Unzen betragen sollen. Aber es betrug noch

nicht hundertvierzehntausend Unzen.[77] Drei angesehene Londoner

Goldschmiede wurden aufgefordert, jeder hundert Pfund Silbergeld

einzuliefern, um es zu wiegen. Diese dreihundert Pfund hätten ungefähr

zwölfhundert Unzen wiegen sollen. Es ergab sich aber, daß ihr wirkliches

Gewicht nur sechshundertvierundzwanzig Unzen betrug. Die nämliche

Prüfung wurde in verschiedenen Gegenden des Landes vorgenommen. Man

überzeugte sich dadurch, daß hundert Pfund, welche etwa vierhundert

Unzen hätten wiegen sollen, thatsächlich in Bristol zweihundertvierzig

Unzen, in Cambridge zweihundertdrei, in Exeter einhundertachtzig, und in

Oxford nur hundertsechzehn Unzen wogen.[78] Im Norden gab es allerdings

noch einige Districte, in welche das beschnittene Geld erst angefangen

hatte, seinen Weg zu finden. Ein ehrlicher Quäker, der in einem dieser

Districte wohnte, erwähnt in einigen noch vorhandenen Notizen das

Erstaunen, mit welchem auf einer seiner Reisen nach dem Süden die

Kaufleute und Gastwirthe die großen und schweren Halbkronen anstarrten,

mit denen er seine Bedürfnisse bezahlte. Sie fragten ihn, woher er komme

und wo es solches Geld gebe. Die Guinee, für die er in Lancaster

zweiundzwanzig Schillinge bezahlte, hatte auf jeder Station seiner Reise

einen andren Werth. Als er nach London kam, kostete sie dreißig

Schillinge und sie würde noch mehr gegolten haben, hätte nicht die

Regierung diesen Preis als den höchsten festgesetzt, zu welchem das Gold

bei Steuereinzahlungen genommen werden sollte.[79]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 7 / 25 段