Am 3. Mai 1695 erlosch das Gesetz, das die Presse einer Censur

unterworfen hatte. Innerhalb der nächsten vierzehn Tage erließ ein

entschiedener alter Whig, Namens Harris, der in den Tagen der

Ausschließungsbill den Versuch gemacht hatte, eine Zeitung unter dem

Titel „Intelligence Domestic and Foreign” zu begründen, aber diesen Plan

bald wieder hatte aufgeben müssen, die Anzeige, daß die vor vierzehn

Jahren durch die Tyrannei unterdrückte „Intelligence Domestic and

Foreign” wieder erscheinen würde. Zehn Tage nach der ersten Nummer der

Intelligence erschien die erste Nummer des „English Courant”. Dann kam

das „Packet Boat from Holland and Flanders”, der „Pegasus”, der „London

Newsletter”, die „London Post”, die „Flying Post”, der „Old Postmaster”,

der „Postboy” und der „Postman”. Die Geschichte der Zeitungen von jener

Zeit bis auf unsere Tage ist ein höchst interessanter und lehrreicher

Theil der Geschichte des Landes. Im Anfang waren sie klein und

unansehnlich. Selbst der Postboy und der Postman, welche die

bestredigirten und gangbarsten gewesen zu sein scheinen, waren

abscheulich auf Blätter von schmutziggrauem Papier gedruckt, wie man es

heutzutage nicht gut genug für Straßenballaden halten würde. Es

erschienen wöchentlich nur zwei Nummern, und eine Nummer enthielt nicht

viel mehr Stoff, als man jetzt in einer einzigen Spalte unserer

Tagesblätter findet. Was man jetzt einen Leitartikel nennt, erschien nur

selten, außer wenn Mangel an Neuigkeiten war, wenn die holländischen

Posten durch den Westwind aufgehalten wurden, wenn die Rapparees im

Sumpfe von Allen sich ruhig verhielten, wenn keine Diligence von

Straßenräubern angefallen, wenn keine eidverweigernde Gemeinde durch

Constabler zerstreut worden, wenn kein Gesandter mit einem langen

Gefolge sechsspänniger Equipagen angekommen war, wenn kein Lord oder

Dichter in der Abtei begraben worden und wenn es in Folge dessen schwer

war, vier dürftige Seiten zu füllen. Indessen waren die Leitartikel,

obgleich sie, wie es scheint, nur in Ermangelung anziehenderen Stoffes

aufgenommen wurden, keineswegs schlecht geschrieben.

Es ist ein bedeutsames Factum, daß die jungen Zeitungen alle auf Seiten

Wilhelm’s und der Revolution waren. Dieses Factum mag sich zum Theil

durch den Umstand erklären lassen, daß anfangs die Existenz der

Herausgeber von ihrem guten Verhalten abhing. Es war keineswegs klar, ob

ihr Gewerbe an sich nicht ungesetzlich war. Das Drucken von Zeitungen

war allerdings durch kein Gesetz verboten; aber gegen das Ende der

Regierung Karl’s II. hatten die Richter erklärt, daß es nach dem

Landrecht ein Vergehen sei, politische Nachrichten ohne Erlaubniß des

Königs zu veröffentlichen. Freilich waren die Richter, welche dieses

Prinzip aufstellten, nach dem Belieben des Königs absetzbar und

beeiferten sich bei jeder Gelegenheit, die königliche Prärogative zu

erhöhen. Wie Holt und Treby die Frage, wenn sie wieder aufgeworfen

worden wäre, entschieden haben würden, ist zweifelhaft, und die Folge

dieser Ungewißheit war, daß die Minister der Krone Nachsicht übten und

daß die Journalisten sich vorsahen. Keiner von beiden Theilen hegte den

Wunsch, die Rechtsfrage zur Erörterung zu bringen. Die Regierung ließ

daher das Erscheinen von Zeitungen stillschweigend hingehen, und die

Herausgeber derselben hüteten sich sorgfältig, etwas zu drucken, was die

Regierung provociren oder beunruhigen konnte. In einer der ersten

Nummern eines der neuen Journale erschien allerdings ein Artikel, der

darauf hindeuten zu wollen schien, daß die Prinzessin Anna sich nicht

aufrichtig über den Fall von Namur freue. Aber der Drucker beeilte sich,

seinen Fehler durch die demüthigsten Entschuldigungen wieder gut zu

machen. Eine geraume Zeit waren die nichtamtlichen Zeitungen, wenn auch

viel plauderhafter und unterhaltender als die amtliche Gazette, fast

eben so höfisch. Wer sie nachliest, wird finden, daß der König stets mit

der größten Ehrerbietung erwähnt wird. Ueber die Debatten und

Abstimmungen der beiden Häuser wird ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen

beobachtet. Es kommen zwar viel Schmähungen darin vor; aber diese sind

fast alle gegen die Jakobiten und die Franzosen gerichtet. Es scheint

gewiß, daß die Regierung Wilhelm’s durch die Substituirung dieser unter

beständiger Furcht vor dem Generalfiskal redigirten gedruckten Zeitungen

an Stelle der mit zügelloser Freiheit geschriebenen Neuigkeitsbriefe

nicht wenig gewann.[59]

Die Pamphletisten standen unter minder harten Beschränkungen als die

Journalisten; doch muß Jeder, der die politische Polemik der damaligen

Zeit aufmerksam studirt hat, bemerkt haben, daß die Libelle gegen

Wilhelm’s Person und Verwaltung während der zweiten Hälfte seiner

Regierung entschieden weniger heftig und hämisch waren als während der

ersten Hälfte. Und der Grund davon ist offenbar kein andrer als der,

weil die Presse, welche während der ersten Hälfte seiner Regierung in

Ketten und Banden lag, während der zweiten Hälfte frei war. So lange die

Censur bestand, hatte keine Schrift, welche die Leitung eines

Verwaltungszweiges wenn auch in der gemäßigtsten und anständigsten

Sprache tadelte, Aussicht, mit Genehmigung des Censors gedruckt werden

zu dürfen. Im Allgemeinen blieben daher selbst die achtbaren und

gemäßigten Gegner des Hofes, da sie es nicht über sich gewinnen konnten,

in der vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu drucken, und es nicht für

recht oder rathsam hielten, in einer vom Gesetz verbotenen Weise zu

drucken, lieber ganz still und überließen die Kritik der Verwaltung zwei

Klassen von Menschen: fanatischen Eidverweigerern, welche aufrichtig

glaubten, daß der Prinz von Oranien eben so wenig Anspruch auf Schonung

oder Artigkeit habe, wie der Fürst der Finsterniß, und gemeinen,

boshaften und lästerzüngigen Miethlingen in Grub Street. Daher gab es

unter den Vielen, welche gegen die Regierung zu schreiben pflegten, kaum

einen einzigen Verständigen, Gemäßigten und Rechtschaffenen. Die

Gewohnheit, gegen die Regierung zu schreiben, übte in der That an sich

eine ungünstige Wirkung auf den Character aus, denn wer gewohnt war,

gegen die Regierung zu schreiben, der war auch gewohnt, die Gesetze zu

übertreten, und die Gewohnheit selbst ein unbilliges Gesetz zu

übertreten, führt den Menschen zu völliger Gesetzlosigkeit. Wie absurd

ein Zolltarif auch immer sein mag, ein Schmuggler wird stets nur zu

wahrscheinlich ein Schurke und Spitzbube sein. Wie despotisch ein

Jagdgesetz immer sein mag, der Uebergang von einem Wilddieb zu einem

Mörder ist nur zu leicht. Ebenso war, obgleich sich zu Gunsten der die

Literatur beschränkenden Gesetze nur wenig sagen läßt, doch große Gefahr

vorhanden, daß ein Mann, der diese Gesetze beständig verletzte, kein

Mann von besonderer Ehre und strenger Rechtschaffenheit sein würde. Ein

Autor, der sich vorgenommen hatte, etwas drucken zu lassen, und die

Erlaubniß des Censors dazu nicht erlangen konnte, mußte sich der

Beihülfe bedürftiger und verzweifelter Menschen bedienen, welche, von

den Dienern des Friedensgerichts verfolgt und gezwungen, jede Woche

andere Namen und Verkleidungen anzunehmen, ihr Papier und ihre Typen in

jenen Höhlen des Lasters verbargen, welche die Pest und die Schande

großer Hauptstädte sind. Solche Elende mußte er erkaufen, damit sie sein

Geheimniß bewahrten und sich der Gefahr aussetzten, anstatt seiner

ausgepeitscht zu werden oder die Ohren zu verlieren. Ein Mann, der sich

zu solchen Genossen und zu solchen Hülfsmitteln herabließ, konnte einen

zarten Sinn für Recht und Schicklichkeit kaum unversehrt bewahren. Die

Emancipation der Presse bewirkte eine große und heilsame Aenderung. Die

besten und einsichtsvollsten Männer in den Reihen der Opposition

übernahmen jetzt ein Amt, das bisher den Gewissenlosen und Heißblütigen

überlassen gewesen war. Schriften gegen die Regierung wurden jetzt in

einem Tone geschrieben, dessen sich Staatsmänner und Gentlemen nicht zu

schämen brauchten, und selbst die Producte der niederern und heftigeren

Klasse der Mißvergnügten wurden etwas weniger roh und gemein, als sie es

in den Tagen der Censoren gewesen waren.

Einige schwache Menschen hatten geglaubt, daß Religion und Moral

des Schutzes eines Censors bedürften. Der Lauf der Dinge bewies

schlagend, daß sie im Irrthum waren. Die Censur hatte in der That die

Zügellosigkeit und Profanation so gut als gar nicht beschränkt. Das

„Verlorne Paradies” war mit genauer Noth der Verstümmelung entgangen,

denn das Verlorne Paradies war das Werk eines Mannes, dessen politische

Ansichten den herrschenden Gewalten verhaßt waren. Aber Etherege’s

+She Would If She Could,+ Wycherley’s +Country Wife,+ Dryden’s

„Uebersetzungen aus dem vierten Buche des Lucrez” erlangten ohne Mühe

das Imprimatur, denn Dryden, Etherege und Wycherley waren Höflinge. Von

dem Tage, an welchem die Emancipation unsrer Literatur eintrat, begann

die Läuterung unsrer Literatur. Diese Läuterung wurde nicht durch das

Einschreiten von Senaten oder Magistraten bewirkt, sondern durch die

Ansicht der großen Masse der gebildeten Engländer, denen das Gute und

das Schlechte vor Augen gelegt, und denen es freigestellt wurde, zu

wählen. Seit hundertsechzig Jahren ist die Freiheit unsrer Presse immer

vollständiger geworden, und während dieser hundertsechzig Jahre ist

der Zügel, den die allgemeine Gesinnung der Leser den Schriftstellern

angelegt hat, immer wirksamer geworden. Endlich ist selbst diejenige

Klasse von Schriften, von denen man sonst meinte, daß eine wollüstige

Phantasie sich darin Ausschreitungen gestatten dürfe, wie Liebeslieder,

Lustspiele und Novellen, anständiger geworden, als die Predigten des

17. Jahrhunderts es waren. Heutzutage können Ausländer, die kein

tadelndes Wort gegen die Regierung, unter der sie leben, zu drucken

wagen, nicht begreifen, wie es zugeht, daß die freieste Presse in

Europa die prüdeste ist.

[_Wilhelm’s Rückkehr nach England; Auflösung des Parlaments._] Am

10. October kam der König, dessen Armee ihre Winterquartiere bezogen

hatte, in England an und wurde mit ungewohntem Enthusiasmus empfangen.

Während seines Zuges durch die Hauptstadt nach seinem Palaste gingen

alle Glocken und jede Straße war erleuchtet. Es wurde spät, bevor er

durch die jubelnden Menschenmassen nach Kensington gelangte. Aber

trotz der späten Stunde wurde sofort noch eine Sitzung des Staatsraths

abgehalten. Es war ein wichtiger Punkt zu entscheiden. Sollte das

Haus der Gemeinen beisammen bleiben dürfen oder sollte eine sofortige

Auflösung stattfinden? Der König würde dieses Haus wahrscheinlich

gern bis ans Ende seiner Regierung beibehalten haben. Aber dies stand

nicht in seiner Macht. Die Dreijährigkeitsacte hatte den 25. März als

den letzten Termin für die Existenz des Parlaments festgesetzt. Wenn

daher 1695 keine allgemeine Wahl mehr stattfand, so mußte 1696 eine

solche stattfinden, und wer konnte sagen, in welchem Zustande das

Land im Jahre 1696 sein würde? Es konnte ein unglücklicher Feldzug

stattfinden. Es konnte, und man hatte nur zu triftigen Grund dies

anzunehmen, eine gefährliche Handelskrisis eintreten. In beiden Fällen

war es wahrscheinlich, daß die Mißstimmung groß sein würde. Der Feldzug

von 1695 war glänzend gewesen, die Nation war in einer vortrefflichen

Stimmung, und Wilhelm beschloß wohlweislich, den günstigen Moment

zu benutzen. Es wurden unverweilt zwei Proklamationen erlassen. Die

eine derselben kündigte in der gewöhnlichen Form an, daß Se. Majestät

beschlossen habe, das alte Parlament aufzulösen, und befohlen habe,

Wahlausschreiben zu einem neuen Parlamente ergehen zu lassen. Die

andre Proklamation war ohne vorgängiges Beispiel. Sie that kund und zu

wissen, daß es der Wille des Königs sei, daß jedes in einem Wahlorte

liegende Regiment den Tag vor der Vorschlagung der Wahlcandidaten aus

diesem Orte ausrücken und nicht eher dahin zurückkehren solle, als bis

das Volk seine Wahl getroffen habe. Die Besatzungen der befestigten

Städte und Schlösser waren von diesem Befehle, der allgemein als ein

Zeichen lobenswerther Achtung vor den Rechten des Volks betrachtet

wurde, natürlich ausgenommen.

Obgleich aber Wilhelm sich sorgfältig hütete, die Wahlkörper durch

irgend etwas, das wie Zwang oder Einschüchterung aussah, zu verletzen,

verschmähte er es doch nicht, durch gelindere Mittel auf ihre Stimmen

einzuwirken. Er beschloß, die sechs Wochen der allgemeinen Wahl dazu

anzuwenden, daß er sich den Bevölkerungen vieler Districte zeigte, die

er noch nie besucht hatte. Er hoffte auf diese Weise eine Popularität zu

erlangen, die einen erheblichen Einfluß auf die Wahlen ausüben konnte.

Er zwang sich daher, eine Leutseligkeit und Freundlichkeit an den Tag zu

legen, an denen er es nur zu oft fehlen ließ, und die Folge davon war,

daß er auf jeder Station seiner Reise von seinen Unterthanen Beweise von

Wohlwollen erhielt. Ehe er abreiste, stattete er seiner Schwägerin einen

officiellen Besuch ab und war mit dem ihm zu Theil werdenden Empfange

sehr zufrieden. Der erst sechs Jahr alte Herzog von Gloucester kam

seinem Oheime mit einer kleinen Flinte auf der Schulter entgegen und

präsentirte das Gewehr. „Ich lerne exerciren,” sagte der Knabe, „damit

ich Ihnen helfen kann die Franzosen zu schlagen.” Der König lachte

herzlich und belohnte den kleinen Soldaten einige Tage darauf mit dem

Hosenbandorden.[60]

[_Wilhelm unternimmt eine Reise durch das Land._] Am 17. October ging

die Königin nach Newmarket, gegenwärtig mehr ein Ort des Gewerbfleißes

als des Vergnügens, in den Herbstmonaten des 17. Jahrhunderts aber der

heiterste und luxuriöseste Platz auf der Insel. Es war nichts

Ungewöhnliches, daß der ganze Hof mitsammt dem Cabinet sich dahin begab.

Juweliere und Modistinnen, Schauspieler und Musiker, feile Poeten und

feile Schönheiten folgten massenhaft. Die Communication in den Straßen

wurde durch sechsspännige Equipagen gehemmt. An den öffentlichen

Vergnügungsorten liebäugelten Peers mit Ehrenfräuleins, und Offiziere

der Leibgarde, von Federn und goldenen Tressen strotzend, drängten sich

in buntem Gewühl mit Professoren in schwarzen Roben und Baretten, denn

die benachbarte Universität Cambridge schickte stets ihre höchsten

Würdenträger mit Ergebenheitsadressen und wählte ihre tüchtigsten

Theologen aus, um sie vor dem Souverain und seinem glänzenden Gefolge

predigen zu lassen. In den zügellosen Tagen der Restauration wollte es

zwar auch den gelehrtesten und beredtsamsten Geistlichen zuweilen nicht

gelingen, ein fashionables Auditorium herbeizuziehen, besonders wenn

Buckingham seine Absicht ankündigte, einen Vortrag zu halten; denn

zuweilen gefiel es Sr. Gnaden, die Langweiligkeit eines Sonntagsmorgens

dadurch zu verscheuchen, daß er den Schwarm der eleganten Herren und

Damen mit einer frivolen Ermahnung unterhielt, die er eine Predigt

nannte. Aber der Hof Wilhelm’s war decenter und die akademischen

Würdenträger wurden mit ausgezeichneter Achtung behandelt. Mit den Lords

und Ladies von Saint-James und Soho und den Doctoren des Trinity College

und King’s College war dann noch der Landadel vermischt, fuchsjagende

Squires mit ihren rothwangigen Töchtern, die in schwerfälligen, von

Karrengäulen gezogenen Familienkutschen aus den entferntesten

Kirchspielen einiger Grafschaften herbeigekommen waren, um ihren

Landesherrn zu sehen. Die Haide war von einem lärmenden,

zigeunerähnlichen Lager eingefaßt, denn die Hoffnung, sich von den

Ueberresten so vieler splendiden Tafeln sättigen und einige von den

Guineen und Kronen aufheben zu können, welche die Verschwender von

London wegwarfen, lockte Tausende von Landleuten aus einem Umkreise von

vielen Meilen herbei.[61]

Nachdem Wilhelm an diesem heiteren Orte einige Tage seinen Hof gehalten

und die Huldigungen von Cambridgeshire, Huntingdonshire und Suffolk

entgegengenommen hatte, begab er sich nach Althorpe. Es scheint

befremdend, daß er auf einer Reise, die eigentlich eine

Stimmenwerbungstour war, einem Manne wie Sunderland, der mit so

allgemeinem Mißtrauen und Haß betrachtet wurde, eine so ausgezeichnete

Ehre erwies. Aber die Leute hatten sich einmal vorgenommen, froh und

vergnügt zu sein. Ganz Northamptonshire strömte in die durch den Pinsel

Vandyke’s geschmückte und durch Waller’s Muse zu klassischer Berühmtheit

gelangte prächtige Gallerie, um die königliche Hand zu küssen, und der

Earl versuchte seine Nachbarn mit sich zu versöhnen, indem er sie an

acht mit Silbergeschirr schwer beladenen Tafeln bewirthete. Von Althorpe

ging der König nach Stamford. Der Earl von Exeter, dessen fürstlicher

Landsitz zu den großen Sehenswürdigkeiten England’s gehörte und noch

gehört, hatte nie die Eide geleistet, und um einer Unterredung aus dem

Wege zu gehen, die ihm hätte unangenehm sein müssen, war er unter irgend

einem Vorwande nach London gereist, hatte aber Befehle hinterlassen, daß

der erlauchte Besuch mit gebührender Gastlichkeit empfangen werde.

Wilhelm war ein großer Freund der Baukunst und der Gartenanlagen, und

seine Edelleute konnten ihm mit nichts mehr schmeicheln, als wenn sie

ihn über die Verschönerung ihrer Landsitze um Rath fragten. Zu einer

Zeit, wo viele Sorgen auf seinem Geiste lasteten, nahm er großes

Interesse an dem Baue von Castle Howard und ein hölzernes Modell dieses

Gebäudes, des schönsten Probestücks eines fehlerhaften Styls, wurde ihm

nach Kensington zur Ansicht gesandt. Wir können uns daher nicht wundern,

daß er Burleigh mit großem Vergnügen sah. Er begnügte sich sogar nicht

mit einer Besichtigung, sondern stand am andren Morgen frühzeitig auf,

um das Gebäude noch einmal in Augenschein zu nehmen. Von Stamford begab

er sich nach Lincoln, wo er von dem Klerus in vollem Ornate, von den

Magistratsbeamten in Scharlachmänteln und von einer Menge Baronets,

Rittern und Esquires aus allen Theilen der ungeheuren Ebene, welche

zwischen dem Trent und dem deutschen Ocean liegt, begrüßt wurde. Nachdem

er in der prächtigen Kathedrale dem Gottesdienste beigewohnt, reiste er

wieder ab und wendete sich östlich. An der Grenze von Nottinghamshire

kam der Lordlieutenant der Grafschaft, John Holles, Herzog von

Newcastle, mit einem zahlreichen Gefolge den königlichen Equipagen

entgegen und geleitete sie auf seinen Landsitz in Welbeck, einem von

riesigen Eichen, welche jetzt kaum älter aussehen als an dem Tage, wo

jener glänzende Zug sich unter ihren Schatten dahinbewegte, umgebenen

Schlosse. Das Haus, in welchem Wilhelm damals einige Stunden als Gast

verweilte, ging lange nach seinem Tode durch weibliche Erbfolge von den

Holles auf die Harley und von den Harley auf die Bentinck über und

enthält jetzt die Originale der höchst interessanten Briefe, die

zwischen ihm und seinem treuen Freund und Diener Portland gewechselt

wurden. In Welbeck waren die Großen des Nordens versammelt. Der

Lordmayor von York kam dahin mit einem Gefolge von Magistraten, der

Erzbischof von York mit einem Gefolge von Geistlichen. Wilhelm jagte

mehrere Male in diesem Walde, dem schönsten des Königreichs, wo in alten

Zeiten Robin Hood und Little John hausten und der jetzt in die

fürstlichen Domänen Welbeck, Thoresby, Clumber und Worksop getheilt ist.

Vierhundert berittene Gentlemen nahmen an seinen Jagden Theil. Die

Squires von Nottinghamshire hörten ihn nach einer prächtigen Hirschjagd

mit Entzücken bei Tafel äußern, er hoffe, daß dies nicht das letzte

Rennen sei, das er in ihrer Gesellschaft abgehalten habe, und er müsse

ein Jagdschloß in diesen herrlichen Forsten miethen. Hierauf wendete er

sich südwärts. Er wurde einen Tag von dem Earl von Stamford in Bradgate

bewirthet, dem Orte, wo Lady Jane Grey einsam die letzten Worte

Sokrates’ las, während das vom Schwarme der Hunde und Jäger verfolgte

Hochwild durch den Park flog. Am folgenden Tage empfing Lord Brook

seinen Souverain auf Warwick Castle, der schönsten von den

mittelalterlichen Burgen, welche in friedliche Wohnungen verwandelt

worden sind. Guy’s Thurm war erleuchtet, hundertzwanzig Gallonen Punsch

wurden auf das Wohl Sr. Majestät getrunken und ein mächtiges Feuer

brannte im Mittelpunkte des geräumigen Hofes, der von mit

jahrhundertealtem Epheu bekleideten Ruinen umgeben war. Am nächsten

Morgen reiste der König, von einer Menge berittener Gentlemen aus

Warwickshire begleitet, weiter nach den Grenzen von Gloucestershire. Er

machte einen Abstecher, um bei Shrewsbury auf dessen einsamen Wohnsitze

in den Wolds zu speisen, und ging am Abend nach Burford. Die ganze

Bevölkerung von Burford kam ihm entgegen und bat ihn, ein kleines

Zeichen ihrer Liebe anzunehmen. Burford war damals berühmt durch seine

Sättel. Namentlich ein Bürger der Stadt galt bei den Engländern für den

besten Sattler in Europa. Zwei seiner Meisterstücke wurden ehrerbietig

Wilhelm angeboten, der sie sehr freundlich annahm und sie speciell für

seinen persönlichen Gebrauch aufzubewahren befahl.[62]

In Oxford wurde er mit großem Gepränge empfangen, mit einer lateinischen

Ansprache begrüßt, mit einigen der schönsten Erzeugnisse der

akademischen Presse beschenkt, durch Musikaufführungen unterhalten und

zu einem glänzenden Feste in dem Sheldon’schen Theater eingeladen. Er

reiste nach wenigen Stunden wieder ab, indem er die Kürze seines

Aufenthalts damit entschuldigte, daß er die Collegien schon früher

gesehen habe und daß sein gegenwärtiger Besuch nicht ein Besuch der

Wißbegierde, sondern des Wohlwollens sei. Da man sehr wohl wußte, daß er

die Oxforder nicht liebte und auch von ihnen nicht geliebt wurde, so gab

seine Eile Anlaß zu einigen müßigen Gerüchten, die bei dem großen Haufen

Glauben fanden. Man sagte, er sei deshalb hinweggeeilt, ohne von dem ihm

zu Ehren veranstalteten glänzenden Mahle zu kosten, weil ein anonymer

Brief ihm den warnenden Wink gegeben habe, daß, wenn er im Theater etwas

äße oder tränke, es um ihn geschehen sei. Es ist jedoch schwer zu

glauben, daß ein Fürst, der kaum durch die dringendsten Bitten seiner

Freunde zu bewegen war, die einfachsten Vorsichtsmaßregeln gegen

Meuchelmörder zu beobachten, von deren Anschlägen er notorische Beweise

hatte, sich durch eine so alberne Erdichtung hätte schrecken lassen

sollen, und es ist ganz gewiß, daß die Stationen seiner Reise

festgesetzt waren und daß er so lange in Oxford blieb, als es mit den im

vorhinein getroffenen Arrangements vereinbar war.[63]

Bei seiner Wiederankunft in der Hauptstadt wurde er durch ein prächtiges

Schauspiel bewillkommnet, das während seiner Abwesenheit mit großem

Kostenaufwande vorbereitet worden war. Sidney, jetzt Earl von Romney und

Feldzeugmeister, hatte beschlossen, London durch ein Schauspiel, wie es

England in so großartigem Maßstabe noch nie gesehen hatte, in Erstaunen

zu setzen. Die ganze Geschicklichkeit der Pyrotechniker seines

Departements wurde aufgeboten, um ein Feuerwerk herzustellen, das sich

mit jedem messen konnte, welches man in den Gärten von Versailles oder

auf dem großen Teiche im Haag gesehen hatte. Saint-Jamessquare wurde zum

Schauplatze gewählt. Alle Fenster der prächtigen Paläste auf der

nördlichen, westlichen und östlichen Seite waren mit vornehmen Leuten

besetzt. Der König erschien am Fenster von Romney’s Empfangszimmer. Die

Prinzessin von Dänemark mit ihrem Gemahl und ihrem Hofstaate befand sich

in einem anstoßenden Hause. Das ganze diplomatische Corps war in der

Wohnung des Gesandten der Vereinigten Provinzen versammelt. Eine

mächtige Flammenpyramide warf leuchtende Cascaden aus, welche von den

Hunderttausenden, die sich in den benachbarten Straßen und Parks

drängten, gesehen wurden. Die Generalstaaten erfuhren durch ihren

Correspondenten, daß trotz der ungeheuren Menschenmenge die Nacht ohne

die geringste Störung vergangen sei.[64]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 6 / 25 段