unterworfen hatte. Innerhalb der nächsten vierzehn Tage erließ ein
entschiedener alter Whig, Namens Harris, der in den Tagen der
Ausschließungsbill den Versuch gemacht hatte, eine Zeitung unter dem
Titel „Intelligence Domestic and Foreign” zu begründen, aber diesen Plan
bald wieder hatte aufgeben müssen, die Anzeige, daß die vor vierzehn
Jahren durch die Tyrannei unterdrückte „Intelligence Domestic and
Foreign” wieder erscheinen würde. Zehn Tage nach der ersten Nummer der
Intelligence erschien die erste Nummer des „English Courant”. Dann kam
das „Packet Boat from Holland and Flanders”, der „Pegasus”, der „London
Newsletter”, die „London Post”, die „Flying Post”, der „Old Postmaster”,
der „Postboy” und der „Postman”. Die Geschichte der Zeitungen von jener
Zeit bis auf unsere Tage ist ein höchst interessanter und lehrreicher
Theil der Geschichte des Landes. Im Anfang waren sie klein und
unansehnlich. Selbst der Postboy und der Postman, welche die
bestredigirten und gangbarsten gewesen zu sein scheinen, waren
abscheulich auf Blätter von schmutziggrauem Papier gedruckt, wie man es
heutzutage nicht gut genug für Straßenballaden halten würde. Es
erschienen wöchentlich nur zwei Nummern, und eine Nummer enthielt nicht
viel mehr Stoff, als man jetzt in einer einzigen Spalte unserer
Tagesblätter findet. Was man jetzt einen Leitartikel nennt, erschien nur
selten, außer wenn Mangel an Neuigkeiten war, wenn die holländischen
Posten durch den Westwind aufgehalten wurden, wenn die Rapparees im
Sumpfe von Allen sich ruhig verhielten, wenn keine Diligence von
Straßenräubern angefallen, wenn keine eidverweigernde Gemeinde durch
Constabler zerstreut worden, wenn kein Gesandter mit einem langen
Gefolge sechsspänniger Equipagen angekommen war, wenn kein Lord oder
Dichter in der Abtei begraben worden und wenn es in Folge dessen schwer
war, vier dürftige Seiten zu füllen. Indessen waren die Leitartikel,
obgleich sie, wie es scheint, nur in Ermangelung anziehenderen Stoffes
aufgenommen wurden, keineswegs schlecht geschrieben.
Es ist ein bedeutsames Factum, daß die jungen Zeitungen alle auf Seiten
Wilhelm’s und der Revolution waren. Dieses Factum mag sich zum Theil
durch den Umstand erklären lassen, daß anfangs die Existenz der
Herausgeber von ihrem guten Verhalten abhing. Es war keineswegs klar, ob
ihr Gewerbe an sich nicht ungesetzlich war. Das Drucken von Zeitungen
war allerdings durch kein Gesetz verboten; aber gegen das Ende der
Regierung Karl’s II. hatten die Richter erklärt, daß es nach dem
Landrecht ein Vergehen sei, politische Nachrichten ohne Erlaubniß des
Königs zu veröffentlichen. Freilich waren die Richter, welche dieses
Prinzip aufstellten, nach dem Belieben des Königs absetzbar und
beeiferten sich bei jeder Gelegenheit, die königliche Prärogative zu
erhöhen. Wie Holt und Treby die Frage, wenn sie wieder aufgeworfen
worden wäre, entschieden haben würden, ist zweifelhaft, und die Folge
dieser Ungewißheit war, daß die Minister der Krone Nachsicht übten und
daß die Journalisten sich vorsahen. Keiner von beiden Theilen hegte den
Wunsch, die Rechtsfrage zur Erörterung zu bringen. Die Regierung ließ
daher das Erscheinen von Zeitungen stillschweigend hingehen, und die
Herausgeber derselben hüteten sich sorgfältig, etwas zu drucken, was die
Regierung provociren oder beunruhigen konnte. In einer der ersten
Nummern eines der neuen Journale erschien allerdings ein Artikel, der
darauf hindeuten zu wollen schien, daß die Prinzessin Anna sich nicht
aufrichtig über den Fall von Namur freue. Aber der Drucker beeilte sich,
seinen Fehler durch die demüthigsten Entschuldigungen wieder gut zu
machen. Eine geraume Zeit waren die nichtamtlichen Zeitungen, wenn auch
viel plauderhafter und unterhaltender als die amtliche Gazette, fast
eben so höfisch. Wer sie nachliest, wird finden, daß der König stets mit
der größten Ehrerbietung erwähnt wird. Ueber die Debatten und
Abstimmungen der beiden Häuser wird ein ehrfurchtsvolles Stillschweigen
beobachtet. Es kommen zwar viel Schmähungen darin vor; aber diese sind
fast alle gegen die Jakobiten und die Franzosen gerichtet. Es scheint
gewiß, daß die Regierung Wilhelm’s durch die Substituirung dieser unter
beständiger Furcht vor dem Generalfiskal redigirten gedruckten Zeitungen
an Stelle der mit zügelloser Freiheit geschriebenen Neuigkeitsbriefe
nicht wenig gewann.[59]
Die Pamphletisten standen unter minder harten Beschränkungen als die
Journalisten; doch muß Jeder, der die politische Polemik der damaligen
Zeit aufmerksam studirt hat, bemerkt haben, daß die Libelle gegen
Wilhelm’s Person und Verwaltung während der zweiten Hälfte seiner
Regierung entschieden weniger heftig und hämisch waren als während der
ersten Hälfte. Und der Grund davon ist offenbar kein andrer als der,
weil die Presse, welche während der ersten Hälfte seiner Regierung in
Ketten und Banden lag, während der zweiten Hälfte frei war. So lange die
Censur bestand, hatte keine Schrift, welche die Leitung eines
Verwaltungszweiges wenn auch in der gemäßigtsten und anständigsten
Sprache tadelte, Aussicht, mit Genehmigung des Censors gedruckt werden
zu dürfen. Im Allgemeinen blieben daher selbst die achtbaren und
gemäßigten Gegner des Hofes, da sie es nicht über sich gewinnen konnten,
in der vom Gesetz vorgeschriebenen Weise zu drucken, und es nicht für
recht oder rathsam hielten, in einer vom Gesetz verbotenen Weise zu
drucken, lieber ganz still und überließen die Kritik der Verwaltung zwei
Klassen von Menschen: fanatischen Eidverweigerern, welche aufrichtig
glaubten, daß der Prinz von Oranien eben so wenig Anspruch auf Schonung
oder Artigkeit habe, wie der Fürst der Finsterniß, und gemeinen,
boshaften und lästerzüngigen Miethlingen in Grub Street. Daher gab es
unter den Vielen, welche gegen die Regierung zu schreiben pflegten, kaum
einen einzigen Verständigen, Gemäßigten und Rechtschaffenen. Die
Gewohnheit, gegen die Regierung zu schreiben, übte in der That an sich
eine ungünstige Wirkung auf den Character aus, denn wer gewohnt war,
gegen die Regierung zu schreiben, der war auch gewohnt, die Gesetze zu
übertreten, und die Gewohnheit selbst ein unbilliges Gesetz zu
übertreten, führt den Menschen zu völliger Gesetzlosigkeit. Wie absurd
ein Zolltarif auch immer sein mag, ein Schmuggler wird stets nur zu
wahrscheinlich ein Schurke und Spitzbube sein. Wie despotisch ein
Jagdgesetz immer sein mag, der Uebergang von einem Wilddieb zu einem
Mörder ist nur zu leicht. Ebenso war, obgleich sich zu Gunsten der die
Literatur beschränkenden Gesetze nur wenig sagen läßt, doch große Gefahr
vorhanden, daß ein Mann, der diese Gesetze beständig verletzte, kein
Mann von besonderer Ehre und strenger Rechtschaffenheit sein würde. Ein
Autor, der sich vorgenommen hatte, etwas drucken zu lassen, und die
Erlaubniß des Censors dazu nicht erlangen konnte, mußte sich der
Beihülfe bedürftiger und verzweifelter Menschen bedienen, welche, von
den Dienern des Friedensgerichts verfolgt und gezwungen, jede Woche
andere Namen und Verkleidungen anzunehmen, ihr Papier und ihre Typen in
jenen Höhlen des Lasters verbargen, welche die Pest und die Schande
großer Hauptstädte sind. Solche Elende mußte er erkaufen, damit sie sein
Geheimniß bewahrten und sich der Gefahr aussetzten, anstatt seiner
ausgepeitscht zu werden oder die Ohren zu verlieren. Ein Mann, der sich
zu solchen Genossen und zu solchen Hülfsmitteln herabließ, konnte einen
zarten Sinn für Recht und Schicklichkeit kaum unversehrt bewahren. Die
Emancipation der Presse bewirkte eine große und heilsame Aenderung. Die
besten und einsichtsvollsten Männer in den Reihen der Opposition
übernahmen jetzt ein Amt, das bisher den Gewissenlosen und Heißblütigen
überlassen gewesen war. Schriften gegen die Regierung wurden jetzt in
einem Tone geschrieben, dessen sich Staatsmänner und Gentlemen nicht zu
schämen brauchten, und selbst die Producte der niederern und heftigeren
Klasse der Mißvergnügten wurden etwas weniger roh und gemein, als sie es
in den Tagen der Censoren gewesen waren.
Einige schwache Menschen hatten geglaubt, daß Religion und Moral
des Schutzes eines Censors bedürften. Der Lauf der Dinge bewies
schlagend, daß sie im Irrthum waren. Die Censur hatte in der That die
Zügellosigkeit und Profanation so gut als gar nicht beschränkt. Das
„Verlorne Paradies” war mit genauer Noth der Verstümmelung entgangen,
denn das Verlorne Paradies war das Werk eines Mannes, dessen politische
Ansichten den herrschenden Gewalten verhaßt waren. Aber Etherege’s
+She Would If She Could,+ Wycherley’s +Country Wife,+ Dryden’s
„Uebersetzungen aus dem vierten Buche des Lucrez” erlangten ohne Mühe
das Imprimatur, denn Dryden, Etherege und Wycherley waren Höflinge. Von
dem Tage, an welchem die Emancipation unsrer Literatur eintrat, begann
die Läuterung unsrer Literatur. Diese Läuterung wurde nicht durch das
Einschreiten von Senaten oder Magistraten bewirkt, sondern durch die
Ansicht der großen Masse der gebildeten Engländer, denen das Gute und
das Schlechte vor Augen gelegt, und denen es freigestellt wurde, zu
wählen. Seit hundertsechzig Jahren ist die Freiheit unsrer Presse immer
vollständiger geworden, und während dieser hundertsechzig Jahre ist
der Zügel, den die allgemeine Gesinnung der Leser den Schriftstellern
angelegt hat, immer wirksamer geworden. Endlich ist selbst diejenige
Klasse von Schriften, von denen man sonst meinte, daß eine wollüstige
Phantasie sich darin Ausschreitungen gestatten dürfe, wie Liebeslieder,
Lustspiele und Novellen, anständiger geworden, als die Predigten des
17. Jahrhunderts es waren. Heutzutage können Ausländer, die kein
tadelndes Wort gegen die Regierung, unter der sie leben, zu drucken
wagen, nicht begreifen, wie es zugeht, daß die freieste Presse in
Europa die prüdeste ist.
[_Wilhelm’s Rückkehr nach England; Auflösung des Parlaments._] Am
10. October kam der König, dessen Armee ihre Winterquartiere bezogen
hatte, in England an und wurde mit ungewohntem Enthusiasmus empfangen.
Während seines Zuges durch die Hauptstadt nach seinem Palaste gingen
alle Glocken und jede Straße war erleuchtet. Es wurde spät, bevor er
durch die jubelnden Menschenmassen nach Kensington gelangte. Aber
trotz der späten Stunde wurde sofort noch eine Sitzung des Staatsraths
abgehalten. Es war ein wichtiger Punkt zu entscheiden. Sollte das
Haus der Gemeinen beisammen bleiben dürfen oder sollte eine sofortige
Auflösung stattfinden? Der König würde dieses Haus wahrscheinlich
gern bis ans Ende seiner Regierung beibehalten haben. Aber dies stand
nicht in seiner Macht. Die Dreijährigkeitsacte hatte den 25. März als
den letzten Termin für die Existenz des Parlaments festgesetzt. Wenn
daher 1695 keine allgemeine Wahl mehr stattfand, so mußte 1696 eine
solche stattfinden, und wer konnte sagen, in welchem Zustande das
Land im Jahre 1696 sein würde? Es konnte ein unglücklicher Feldzug
stattfinden. Es konnte, und man hatte nur zu triftigen Grund dies
anzunehmen, eine gefährliche Handelskrisis eintreten. In beiden Fällen
war es wahrscheinlich, daß die Mißstimmung groß sein würde. Der Feldzug
von 1695 war glänzend gewesen, die Nation war in einer vortrefflichen
Stimmung, und Wilhelm beschloß wohlweislich, den günstigen Moment
zu benutzen. Es wurden unverweilt zwei Proklamationen erlassen. Die
eine derselben kündigte in der gewöhnlichen Form an, daß Se. Majestät
beschlossen habe, das alte Parlament aufzulösen, und befohlen habe,
Wahlausschreiben zu einem neuen Parlamente ergehen zu lassen. Die
andre Proklamation war ohne vorgängiges Beispiel. Sie that kund und zu
wissen, daß es der Wille des Königs sei, daß jedes in einem Wahlorte
liegende Regiment den Tag vor der Vorschlagung der Wahlcandidaten aus
diesem Orte ausrücken und nicht eher dahin zurückkehren solle, als bis
das Volk seine Wahl getroffen habe. Die Besatzungen der befestigten
Städte und Schlösser waren von diesem Befehle, der allgemein als ein
Zeichen lobenswerther Achtung vor den Rechten des Volks betrachtet
wurde, natürlich ausgenommen.
Obgleich aber Wilhelm sich sorgfältig hütete, die Wahlkörper durch
irgend etwas, das wie Zwang oder Einschüchterung aussah, zu verletzen,
verschmähte er es doch nicht, durch gelindere Mittel auf ihre Stimmen
einzuwirken. Er beschloß, die sechs Wochen der allgemeinen Wahl dazu
anzuwenden, daß er sich den Bevölkerungen vieler Districte zeigte, die
er noch nie besucht hatte. Er hoffte auf diese Weise eine Popularität zu
erlangen, die einen erheblichen Einfluß auf die Wahlen ausüben konnte.
Er zwang sich daher, eine Leutseligkeit und Freundlichkeit an den Tag zu
legen, an denen er es nur zu oft fehlen ließ, und die Folge davon war,
daß er auf jeder Station seiner Reise von seinen Unterthanen Beweise von
Wohlwollen erhielt. Ehe er abreiste, stattete er seiner Schwägerin einen
officiellen Besuch ab und war mit dem ihm zu Theil werdenden Empfange
sehr zufrieden. Der erst sechs Jahr alte Herzog von Gloucester kam
seinem Oheime mit einer kleinen Flinte auf der Schulter entgegen und
präsentirte das Gewehr. „Ich lerne exerciren,” sagte der Knabe, „damit
ich Ihnen helfen kann die Franzosen zu schlagen.” Der König lachte
herzlich und belohnte den kleinen Soldaten einige Tage darauf mit dem
Hosenbandorden.[60]
[_Wilhelm unternimmt eine Reise durch das Land._] Am 17. October ging
die Königin nach Newmarket, gegenwärtig mehr ein Ort des Gewerbfleißes
als des Vergnügens, in den Herbstmonaten des 17. Jahrhunderts aber der
heiterste und luxuriöseste Platz auf der Insel. Es war nichts
Ungewöhnliches, daß der ganze Hof mitsammt dem Cabinet sich dahin begab.
Juweliere und Modistinnen, Schauspieler und Musiker, feile Poeten und
feile Schönheiten folgten massenhaft. Die Communication in den Straßen
wurde durch sechsspännige Equipagen gehemmt. An den öffentlichen
Vergnügungsorten liebäugelten Peers mit Ehrenfräuleins, und Offiziere
der Leibgarde, von Federn und goldenen Tressen strotzend, drängten sich
in buntem Gewühl mit Professoren in schwarzen Roben und Baretten, denn
die benachbarte Universität Cambridge schickte stets ihre höchsten
Würdenträger mit Ergebenheitsadressen und wählte ihre tüchtigsten
Theologen aus, um sie vor dem Souverain und seinem glänzenden Gefolge
predigen zu lassen. In den zügellosen Tagen der Restauration wollte es
zwar auch den gelehrtesten und beredtsamsten Geistlichen zuweilen nicht
gelingen, ein fashionables Auditorium herbeizuziehen, besonders wenn
Buckingham seine Absicht ankündigte, einen Vortrag zu halten; denn
zuweilen gefiel es Sr. Gnaden, die Langweiligkeit eines Sonntagsmorgens
dadurch zu verscheuchen, daß er den Schwarm der eleganten Herren und
Damen mit einer frivolen Ermahnung unterhielt, die er eine Predigt
nannte. Aber der Hof Wilhelm’s war decenter und die akademischen
Würdenträger wurden mit ausgezeichneter Achtung behandelt. Mit den Lords
und Ladies von Saint-James und Soho und den Doctoren des Trinity College
und King’s College war dann noch der Landadel vermischt, fuchsjagende
Squires mit ihren rothwangigen Töchtern, die in schwerfälligen, von
Karrengäulen gezogenen Familienkutschen aus den entferntesten
Kirchspielen einiger Grafschaften herbeigekommen waren, um ihren
Landesherrn zu sehen. Die Haide war von einem lärmenden,
zigeunerähnlichen Lager eingefaßt, denn die Hoffnung, sich von den
Ueberresten so vieler splendiden Tafeln sättigen und einige von den
Guineen und Kronen aufheben zu können, welche die Verschwender von
London wegwarfen, lockte Tausende von Landleuten aus einem Umkreise von
vielen Meilen herbei.[61]
Nachdem Wilhelm an diesem heiteren Orte einige Tage seinen Hof gehalten
und die Huldigungen von Cambridgeshire, Huntingdonshire und Suffolk
entgegengenommen hatte, begab er sich nach Althorpe. Es scheint
befremdend, daß er auf einer Reise, die eigentlich eine
Stimmenwerbungstour war, einem Manne wie Sunderland, der mit so
allgemeinem Mißtrauen und Haß betrachtet wurde, eine so ausgezeichnete
Ehre erwies. Aber die Leute hatten sich einmal vorgenommen, froh und
vergnügt zu sein. Ganz Northamptonshire strömte in die durch den Pinsel
Vandyke’s geschmückte und durch Waller’s Muse zu klassischer Berühmtheit
gelangte prächtige Gallerie, um die königliche Hand zu küssen, und der
Earl versuchte seine Nachbarn mit sich zu versöhnen, indem er sie an
acht mit Silbergeschirr schwer beladenen Tafeln bewirthete. Von Althorpe
ging der König nach Stamford. Der Earl von Exeter, dessen fürstlicher
Landsitz zu den großen Sehenswürdigkeiten England’s gehörte und noch
gehört, hatte nie die Eide geleistet, und um einer Unterredung aus dem
Wege zu gehen, die ihm hätte unangenehm sein müssen, war er unter irgend
einem Vorwande nach London gereist, hatte aber Befehle hinterlassen, daß
der erlauchte Besuch mit gebührender Gastlichkeit empfangen werde.
Wilhelm war ein großer Freund der Baukunst und der Gartenanlagen, und
seine Edelleute konnten ihm mit nichts mehr schmeicheln, als wenn sie
ihn über die Verschönerung ihrer Landsitze um Rath fragten. Zu einer
Zeit, wo viele Sorgen auf seinem Geiste lasteten, nahm er großes
Interesse an dem Baue von Castle Howard und ein hölzernes Modell dieses
Gebäudes, des schönsten Probestücks eines fehlerhaften Styls, wurde ihm
nach Kensington zur Ansicht gesandt. Wir können uns daher nicht wundern,
daß er Burleigh mit großem Vergnügen sah. Er begnügte sich sogar nicht
mit einer Besichtigung, sondern stand am andren Morgen frühzeitig auf,
um das Gebäude noch einmal in Augenschein zu nehmen. Von Stamford begab
er sich nach Lincoln, wo er von dem Klerus in vollem Ornate, von den
Magistratsbeamten in Scharlachmänteln und von einer Menge Baronets,
Rittern und Esquires aus allen Theilen der ungeheuren Ebene, welche
zwischen dem Trent und dem deutschen Ocean liegt, begrüßt wurde. Nachdem
er in der prächtigen Kathedrale dem Gottesdienste beigewohnt, reiste er
wieder ab und wendete sich östlich. An der Grenze von Nottinghamshire
kam der Lordlieutenant der Grafschaft, John Holles, Herzog von
Newcastle, mit einem zahlreichen Gefolge den königlichen Equipagen
entgegen und geleitete sie auf seinen Landsitz in Welbeck, einem von
riesigen Eichen, welche jetzt kaum älter aussehen als an dem Tage, wo
jener glänzende Zug sich unter ihren Schatten dahinbewegte, umgebenen
Schlosse. Das Haus, in welchem Wilhelm damals einige Stunden als Gast
verweilte, ging lange nach seinem Tode durch weibliche Erbfolge von den
Holles auf die Harley und von den Harley auf die Bentinck über und
enthält jetzt die Originale der höchst interessanten Briefe, die
zwischen ihm und seinem treuen Freund und Diener Portland gewechselt
wurden. In Welbeck waren die Großen des Nordens versammelt. Der
Lordmayor von York kam dahin mit einem Gefolge von Magistraten, der
Erzbischof von York mit einem Gefolge von Geistlichen. Wilhelm jagte
mehrere Male in diesem Walde, dem schönsten des Königreichs, wo in alten
Zeiten Robin Hood und Little John hausten und der jetzt in die
fürstlichen Domänen Welbeck, Thoresby, Clumber und Worksop getheilt ist.
Vierhundert berittene Gentlemen nahmen an seinen Jagden Theil. Die
Squires von Nottinghamshire hörten ihn nach einer prächtigen Hirschjagd
mit Entzücken bei Tafel äußern, er hoffe, daß dies nicht das letzte
Rennen sei, das er in ihrer Gesellschaft abgehalten habe, und er müsse
ein Jagdschloß in diesen herrlichen Forsten miethen. Hierauf wendete er
sich südwärts. Er wurde einen Tag von dem Earl von Stamford in Bradgate
bewirthet, dem Orte, wo Lady Jane Grey einsam die letzten Worte
Sokrates’ las, während das vom Schwarme der Hunde und Jäger verfolgte
Hochwild durch den Park flog. Am folgenden Tage empfing Lord Brook
seinen Souverain auf Warwick Castle, der schönsten von den
mittelalterlichen Burgen, welche in friedliche Wohnungen verwandelt
worden sind. Guy’s Thurm war erleuchtet, hundertzwanzig Gallonen Punsch
wurden auf das Wohl Sr. Majestät getrunken und ein mächtiges Feuer
brannte im Mittelpunkte des geräumigen Hofes, der von mit
jahrhundertealtem Epheu bekleideten Ruinen umgeben war. Am nächsten
Morgen reiste der König, von einer Menge berittener Gentlemen aus
Warwickshire begleitet, weiter nach den Grenzen von Gloucestershire. Er
machte einen Abstecher, um bei Shrewsbury auf dessen einsamen Wohnsitze
in den Wolds zu speisen, und ging am Abend nach Burford. Die ganze
Bevölkerung von Burford kam ihm entgegen und bat ihn, ein kleines
Zeichen ihrer Liebe anzunehmen. Burford war damals berühmt durch seine
Sättel. Namentlich ein Bürger der Stadt galt bei den Engländern für den
besten Sattler in Europa. Zwei seiner Meisterstücke wurden ehrerbietig
Wilhelm angeboten, der sie sehr freundlich annahm und sie speciell für
seinen persönlichen Gebrauch aufzubewahren befahl.[62]
In Oxford wurde er mit großem Gepränge empfangen, mit einer lateinischen
Ansprache begrüßt, mit einigen der schönsten Erzeugnisse der
akademischen Presse beschenkt, durch Musikaufführungen unterhalten und
zu einem glänzenden Feste in dem Sheldon’schen Theater eingeladen. Er
reiste nach wenigen Stunden wieder ab, indem er die Kürze seines
Aufenthalts damit entschuldigte, daß er die Collegien schon früher
gesehen habe und daß sein gegenwärtiger Besuch nicht ein Besuch der
Wißbegierde, sondern des Wohlwollens sei. Da man sehr wohl wußte, daß er
die Oxforder nicht liebte und auch von ihnen nicht geliebt wurde, so gab
seine Eile Anlaß zu einigen müßigen Gerüchten, die bei dem großen Haufen
Glauben fanden. Man sagte, er sei deshalb hinweggeeilt, ohne von dem ihm
zu Ehren veranstalteten glänzenden Mahle zu kosten, weil ein anonymer
Brief ihm den warnenden Wink gegeben habe, daß, wenn er im Theater etwas
äße oder tränke, es um ihn geschehen sei. Es ist jedoch schwer zu
glauben, daß ein Fürst, der kaum durch die dringendsten Bitten seiner
Freunde zu bewegen war, die einfachsten Vorsichtsmaßregeln gegen
Meuchelmörder zu beobachten, von deren Anschlägen er notorische Beweise
hatte, sich durch eine so alberne Erdichtung hätte schrecken lassen
sollen, und es ist ganz gewiß, daß die Stationen seiner Reise
festgesetzt waren und daß er so lange in Oxford blieb, als es mit den im
vorhinein getroffenen Arrangements vereinbar war.[63]
Bei seiner Wiederankunft in der Hauptstadt wurde er durch ein prächtiges
Schauspiel bewillkommnet, das während seiner Abwesenheit mit großem
Kostenaufwande vorbereitet worden war. Sidney, jetzt Earl von Romney und
Feldzeugmeister, hatte beschlossen, London durch ein Schauspiel, wie es
England in so großartigem Maßstabe noch nie gesehen hatte, in Erstaunen
zu setzen. Die ganze Geschicklichkeit der Pyrotechniker seines
Departements wurde aufgeboten, um ein Feuerwerk herzustellen, das sich
mit jedem messen konnte, welches man in den Gärten von Versailles oder
auf dem großen Teiche im Haag gesehen hatte. Saint-Jamessquare wurde zum
Schauplatze gewählt. Alle Fenster der prächtigen Paläste auf der
nördlichen, westlichen und östlichen Seite waren mit vornehmen Leuten
besetzt. Der König erschien am Fenster von Romney’s Empfangszimmer. Die
Prinzessin von Dänemark mit ihrem Gemahl und ihrem Hofstaate befand sich
in einem anstoßenden Hause. Das ganze diplomatische Corps war in der
Wohnung des Gesandten der Vereinigten Provinzen versammelt. Eine
mächtige Flammenpyramide warf leuchtende Cascaden aus, welche von den
Hunderttausenden, die sich in den benachbarten Straßen und Parks
drängten, gesehen wurden. Die Generalstaaten erfuhren durch ihren
Correspondenten, daß trotz der ungeheuren Menschenmenge die Nacht ohne
die geringste Störung vergangen sei.[64]