Villeroy ruhte. Dieser war von Brüssel nach Enghien gerückt, hatte dort
aus den entferntesten Festungen der Niederlande alle entbehrlichen
Truppen zusammengezogen und marschirte nun an der Spitze von mehr als
achtzigtausend Mann auf Namur. Mittlerweile stieß Vaudemont zu den
Belagerern. Wilhelm hielt sich daher für stark genug, Villeroy eine
Schlacht anzubieten, ohne die Operationen gegen Boufflers einen
Augenblick einzustellen. Dem Kurfürsten von Bayern wurde die
unmittelbare Leitung der Belagerung übertragen. Der König von England
nahm auf der Westseite der Stadt eine stark verschanzte Stellung ein und
erwartete hier die von Enghien heranrückenden Franzosen. Alles schien
anzudeuten, daß ein wichtiger Tag bevorstehe. Zwei der zahlreichsten und
besten Armeen, welche Europa je gesehen, standen einander gegenüber. Am
15. August erblickten die Vertheidiger des Kastells von ihren
Wachtthürmen das mächtige Heer ihrer Landsleute. Zwischen diesem Heere
aber und der Citadelle war das nicht minder mächtige Heer Wilhelm’s in
Schlachtordnung aufgestellt. Villeroy gab Boufflers durch eine Salve von
neunzig Kanonenschüssen das Versprechen eines baldigen Entsatzes, und in
der Nacht mahnte Boufflers durch Signalfeuer, welche weithin über die
ausgedehnte Ebene der Maas und Sambre zu sehen waren, Villeroy an die
schleunige Erfüllung dieses Versprechens. In den Hauptstädten
Frankreich’s und England’s war Alles in der ängstlichsten Spannung.
Ludwig schloß sich in sein Betzimmer ein, beichtete, genoß das heilige
Abendmahl und gab Befehl, daß die Hostie in seiner Kapelle ausgestellt
werden solle. Seine Gemahlin hieß alle ihre Nonnen niederknien.[53]
London wurde durch eine Reihenfolge von Gerüchten, theils von Jakobiten,
theils von Börsenspekulanten fabricirt, in einem Zustande heftiger
Aufregung erhalten. Eines frühen Morgens wurde mit Bestimmtheit
behauptet, es habe eine Schlacht stattgefunden, die Verbündeten seien
geschlagen, der König getödtet und die Belagerung aufgehoben worden.
Sobald die Börse geöffnet wurde, war sie gedrängt voll Leute, welche
hören wollten, ob die Nachricht wahr sei. Die Straßen waren den ganzen
Tag mit Gruppen von Schwatzenden und Zuhörenden angefüllt. Am Nachmittag
beruhigte die Gazette, welche ungeduldig erwartet worden war und von
Tausenden begierig gelesen wurde, die Aufregung, jedoch nicht
vollkommen, denn man wußte, daß die Jakobiten durch Kaper und
Schmuggler, die bei jedem Wetter in See gingen, früher Nachrichten
erhielten als sie dem Staatssekretär in Whitehall auf dem regelmäßigen
Wege zukamen. Noch vor dem Abend hatte sich die Aufregung völlig gelegt;
aber sie wurde durch einen frechen Betrug plötzlich wieder angefacht.
Ein Reiter in der Uniform der Garden sprengte durch die City und
meldete, daß der König gefallen sei. Er würde wahrscheinlich einen
ernsten Aufruhr veranlaßt haben, hätten ihn nicht einige für die
Revolution und den protestantischen Glauben schwärmende junge Handwerker
zu Boden geschlagen und nach Newgate transportirt. Der vertraute
Correspondent der Generalstaaten berichtete nach dem Haag, daß man trotz
aller Geschichten, welche die mißvergnügte Partei erfinde und
aussprenge, allgemein der Ueberzeugung sei, daß die Alliirten siegen
würden. Der Probierstein der Aufrichtigkeit in England, schrieb er,
seien die Wetten. Die Jakobiten seien zwar stets bereit zu beweisen, daß
Wilhelm geschlagen werden müsse, oder zu behaupten, daß er schon
geschlagen sei; aber sie wollten gleichwohl keine höheren Einsätze
wetten als ihre Gegner und seien kaum zu bewegen, überhaupt eine Wette
einzugehen. Die Whigs seien hingegen bereit, Tausende von Guineen auf
den Ausgang des Kriegs und auf den Glücksstern des Königs zu wetten.[54]
Die Ereignisse rechtfertigten das Vertrauen der Whigs und die
Zurückhaltung der Jakobiten. Am 16., 17. und 18. August standen die
Armeen Villeroy’s und Wilhelm’s einander gegenüber. Man erwartete mit
Bestimmtheit, daß der 19. der entscheidende Tag sein werde. Die
Alliirten waren schon vor Tagesanbruch kampffertig. Um vier Uhr stieg
Wilhelm zu Pferde und ritt bis acht Uhr Abends von Posten zu Posten,
seine Truppen vertheilend und die Bewegungen des Feindes beobachtend.
Der Feind näherte sich seinen Verschanzungen an mehreren Stellen
hinreichend um zu sehen, daß es nicht leicht sein würde, ihn daraus zu
vertreiben; aber es kam zu keinem Gefecht. Er legte sich zur Ruhe nieder
und erwartete mit Sonnenaufgang angegriffen zu werden. Aber als die
Sonne aufging, sah er, daß die Franzosen sich einige Meilen
zurückgezogen hatten. Er schickte sofort einen Boten an den Kurfürsten
von Bayern und ersuchte ihn, unverzüglich das Kastell zu erstürmen.
Während man die nöthigen Vorbereitungen dazu traf, wurde Portland
abgeschickt, um die Besatzung zum letzten Male zur Uebergabe
aufzufordern. Es sei klar, sagte er zu Boufflers, daß Villeroy alle
Hoffnung aufgegeben habe, die Belagerung aufheben zu können. Es würde
daher eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben sein, wenn er den Kampf
noch länger fortsetze. Boufflers war jedoch der Meinung, daß zur Wahrung
der französischen Waffenehre noch ein Tag des Gemetzels erforderlich
sei, und Portland kehrte zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben.[55]
In den ersten Nachmittagsstunden wurde der Sturm durch vier Divisionen
des verbündeten Heeres an vier Stellen zu gleicher Zeit unternommen. Ein
Punkt war den Brandenburgern, ein andrer den Holländern, ein dritter den
Bayern und der vierte den Engländern angewiesen. Die Engländer waren
zuerst minder glücklich, als sie seither gewesen. Dies kam daher, weil
die meisten diensterfahrenen Regimenter mit Wilhelm gegen Villeroy
marschirt waren. Sobald als das Zeichen durch Sprengen zweier
Pulverfässer gegeben war, rückte Cutts zuerst an der Spitze einer
kleinen Schaar Grenadiere unter Trommelwirbel und mit fliegenden Fahnen
aus den Laufgräben vor. Dieses tapfere Corps sollte durch vier
Bataillone unterstützt werden, welche noch nie im Feuer gewesen waren
und die, obgleich vom muthigsten Geiste beseelt, noch der Festigkeit
entbehrten, die ein so gefährlicher Dienst erforderte. Die Offiziere
fielen rasch hintereinander. Jeder Oberst und jeder Oberstleutnant wurde
getödtet oder schwer verwundet, Cutts erhielt eine Kugel in den Kopf,
die ihn für einige Zeit kampfunfähig machte. Die unerfahrenen Rekruten,
so fast ohne alte Führung, drangen mit Ungestüm vorwärts, bis sie in
Unordnung und außer Athem unter einem mörderischen Feuer und einem fast
ebenso mörderischen Hagel von Fels- und Mauerstücken, vor einem Abgrunde
ankamen. Sie verloren den Muth und wichen in Verwirrung zurück, bis es
Cutts, dessen Wunde inzwischen verbunden worden war, gelang, sie wieder
zu sammeln. Er führte sie nun nicht dahin von wo sie zurückgetrieben
worden waren, sondern auf einen andren Punkt, wo ein furchtbarer Kampf
wüthete. Die Bayern hatten tapfer, aber erfolglos ihren Sturmangriff
gemacht; ihr General war gefallen und sie begannen schon zu wanken, als
die Ankunft des Salamanders und seiner Leute das Schicksal des Tages
änderte. Zweihundert englische Freiwillige, welche die Unehre ihres
vorherigen Zurückweichens um jeden Preis wieder gut machen wollten,
waren die Ersten, die sich mit dem Säbel in der Faust einen Weg durch
die Palissaden bahnten, eine Batterie erstürmten, die unter den Bayern
arg aufgeräumt hatte, und die Kanonen gegen die Besatzung richteten.
Unterdessen hatten die vortrefflich disciplinirten und vortrefflich
commandirten Brandenburger ohne großen Verlust die ihnen zuertheilte
Aufgabe gelöst. Die Holländer waren ebenso glücklich gewesen. Als der
Abend hereinbrach, hatten die Verbündeten die Außenwerke des Kastells
auf eine Meile im Umfang im Besitz. Dieser Vortheil War mit dem Verluste
von zweitausend Mann erkauft worden.[56]
Jetzt endlich glaubte Boufflers Alles gethan zu haben, was seine Pflicht
erheischte. Am andren Morgen bat er um einen achtundvierzigstündigen
Waffenstillstand, um die Hunderte von Leichen, welche die Gräben füllten
und welche bald unter den Belagerern wie unter den Belagerten
Krankheiten erzeugt haben würden, wegräumen und beerdigen zu lassen.
Sein Ansuchen wurde bewilligt, und noch vor Ablauf der festgesetzten
Zeit ließ er sagen, daß er geneigt sei zu kapituliren. Er wolle, sagte
er, das Schloß binnen zehn Tagen übergeben, wenn er bis dahin nicht
entsetzt würde. Es wurde ihm darauf erwiedert, daß die Verbündeten auf
solche Bedingungen nicht mit ihm unterhandeln könnten und daß er sich
entweder zu einer sofortigen Uebergabe verstehen oder auf einen
unverzüglichen Sturm gefaßt machen müsse. Er gab nach und man kam
überein, daß ihm und seinen Leuten freier Abzug gestattet werden, und
daß er die Citadelle, die Artillerie und die Vorräthe den Siegern
überlassen solle. Drei Salven aus sämmtlichen Feuerschlünden der
verbündeten Armee verkündeten Villeroy den Fall der Festung, der er
vergebens Unterstützung zu bringen versucht hatte. Er zog sich
augenblicklich auf Mons zurück und ließ Wilhelm im ungestörten Genusse
eines Triumphes, welcher durch die Erinnerung an vieles Mißgeschick noch
erhöht wurde.
[_Uebergabe des Kastells von Namur._] Der 26. August war zu einem
Schauspiele bestimmt worden, wie es der älteste Soldat in Europa noch
nie gesehen und wie es noch vor wenigen Wochen der jüngste Soldat kaum
zu erleben gehofft hatte. Von Condé’s erster bis zu Luxemburg’s letzter
Schlacht hatte die Fluth des militärischen Erfolgs ohne erhebliche
Unterbrechung fortwährend eine und dieselbe Richtung beibehalten. Jetzt
wendete sich das Kriegsglück. Zum ersten Male, sagte man, seit
Frankreich Marschälle habe, sollte ein Marschall von Frankreich eine
Festung einem siegreichen Feinde übergeben.
Die in einer Doppelreihe aufgestellten verbündeten Truppen, Infanterie
und Cavallerie, bildeten eine prächtige Gasse von der Bresche, um welche
vor kurzem mit so verzweifelter Tapferkeit gekämpft worden war, bis ans
Ufer der Maas. Der Kurfürst von Bayern, der Landgraf von Hessen und
viele hohe Offiziere hielten zu Pferde in der Umgebung des Kastells.
Wilhelm befand sich nahe bei ihnen in seinem Wagen. Die auf ungefähr
fünftausend Mann zusammengeschmolzene Besatzung kam mit Trommelwirbel
und wehenden Fahnen heraus. Boufflers schloß mit seinem Stabe den Zug.
Es war einige Schwierigkeit über die Form der Begrüßung entstanden,
welche zwischen ihm und den verbündeten Souverainen gewechselt werden
mußte. Ein Kurfürst von Bayern hatte kaum Anspruch darauf, von einem
Marschall von Frankreich mit dem Degen salutirt zu werden. Ein König von
England hatte unbestreitbar Anspruch auf ein solches Zeichen von
Ehrerbietung; aber Frankreich erkannte Wilhelm nicht als König von
England an. Endlich verstand sich Boufflers dazu, die Salutirung zu
verrichten, ohne zu zeigen, welchem der beiden Souveraine sie gelte. Er
senkte seinen Degen. Wilhelm allein erwiederte das Compliment. Hierauf
folgte eine kurze Unterredung. Um den Gebrauch der Worte Sire und
Majestät zu vermeiden, wendete sich der Marschall nur an den Kurfürsten.
Dieser theilte Wilhelm das Gesagte mit allen Zeichen der Ehrerbietung
mit, und Wilhelm berührte kalt seinen Hut. Die Offiziere der Garnison
nahmen die Nachricht mit in ihr Vaterland, daß der Emporkömmling, der in
Paris nur der Prinz von Oranien genannt wurde, von den stolzesten
Potentaten des deutschen Staatenbundes mit ebenso tiefer Ehrerbietung
behandelt wurde, als Ludwig sie von seinen Kammerherren verlangte.[57]
[_Verhaftung Boufflers’._] Die Ceremonie war jetzt vorüber, und
Boufflers ritt weiter; aber er hatte erst eine kurze Strecke Wegs
zurückgelegt, als er von Dykvelt angehalten wurde, der die verbündete
Armee als Deputirter der Generalstaaten begleitete. „Sie müssen in die
Stadt zurückkehren, mein Herr,” redete Dykvelt ihn an. „Der König von
England hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie sein Gefangener sind.”
Boufflers war außer sich vor Wuth. Seine Offiziere schaarten sich um ihn
und schwuren, ihn bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen: Aber von
Widerstand konnte nicht die Rede sein, denn eine starke Abtheilung
holländischer Reiterei kam heran, und der Brigadier verlangte den Degen
des Marschalls. Der Marschall äußerte laut seinen Unwillen. „Das ist ein
abscheulicher Wortbruch! Lesen Sie die Bedingungen der Kapitulation. Was
habe ich gethan, um einen solchen Affront zu verdienen? Habe ich mich
nicht als Mann von Ehre benommen? Muß ich nicht als ein solcher
behandelt werden? Bedenken Sie wohl was Sie thun, meine Herren. Ich
diene einem Gebieter, der mich rächen kann und wird.” -- „Ich bin
Soldat, mein Herr,” entgegnete der Brigadier, „und es ist meine Pflicht,
erhaltenen Befehlen zu gehorchen, ohne mich um das Weitere zu
bekümmern.” Dykvelt erwiederte sodann ruhig und artig auf die unwilligen
Aeußerungen des Marschalls: „Der König hat nur mit Widerstreben das von
Ihrem Gebieter gegebene Beispiel nachgeahmt. Die Soldaten, welche die
Besatzungen von Dirmuyden und Deynse bildeten, sind trotz gegebenen
Zusicherungen als Gefangene nach Frankreich geschickt worden. Der Fürst,
dem sie dienen, würde seiner Pflicht gegen sie uneingedenk sein, wenn er
nicht Wiedervergeltung übte. Se. Majestät hätte mit vollem Rechte alle
Franzosen, die in Namur waren, zurückhalten können. Aber er will einem
Präcedenzfalle, den er mißbilligt, nicht so weit Folge geben. Er hat
beschlossen, Sie, und nur Sie allein gefangen zu nehmen, und Sie dürfen
eine Maßregel, welche thatsächlich ein Zeichen seiner besonderen Achtung
gegen Sie ist, nicht als eine Beleidigung ansehen. Wie kann er Ihnen ein
glänzenderes Compliment machen, als indem er Ihnen beweist, daß er Sie
als ein vollkommenes Aequivalent für die fünf- bis sechstausend Mann
betrachtet, welche Ihr Souverain widerrechtlich als Gefangene
zurückhält? Ich will Sie sogar noch jetzt ungehindert Ihres Weges ziehen
lassen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, wieder hierher zurückzukehren,
im Fall die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse nicht binnen vierzehn
Tagen in Freiheit gesetzt werden.” -- „Ich weiß nicht, warum mein
Gebieter jene Soldaten zurückhält, und daher kann ich Ihnen keine
Hoffnung darauf machen, daß er sie freilassen wird. Sie haben eine Armee
hinter Sich; ich bin allein; handeln Sie nach Ihrem Belieben.” Er
lieferte seinen Degen ab, kehrte nach Namur zurück und wurde von dort
nach Huy gebracht, wo er einige Tage in luxuriöser Ruhe verlebte, nach
Gefallen ausgehen und ausreiten durfte wann er wollte, und von Denen,
die ihn bewachten, mit ausgezeichneter Rücksicht behandelt wurde. In der
kürzesten Zeit, in der es möglich war, von dem Orte, wo er in Haft
gehalten wurde, an den französischen Hof zu schreiben und Antwort zurück
zu erhalten, empfing er die Ermächtigung, zu versprechen, daß die
Besatzungen von Dirmuyden und Deynse zurückgeschickt werden sollten. Er
wurde sogleich in Freiheit gesetzt und reiste nach Fontainebleau ab, wo
ein ehrenvoller Empfang seiner wartete. Er wurde zum Herzog und Pair
ernannt. Damit er den nöthigen Aufwand seiner neuen Würden bestreiten
konnte, erhielt er zugleich eine bedeutende Summe Geldes, und Ludwig
bewillkommnete ihn in Anwesenheit des gesammten französischen Adels mit
einer herzlichen Umarmung.[58]
In allen gegen Frankreich verbündeten Ländern wurde die Nachricht von
dem Falle Namur’s mit Freude begrüßt; bei uns aber war der Jubel am
größten. Seit mehreren Generationen hatten unsere Vorfahren zu Lande
keine bedeutende Waffenthat gegen auswärtige Feinde vollführt. Wir
hatten zwar unseren Bundesgenossen zuweilen kleine Hülfscorps geliefert,
welche die Ehre der Nation in gutem Ansehen erhielten. Aber von dem Tage
an, wo die beiden tapferen Talbot, Vater und Sohn, in dem vergeblichen
Versuche, Guienne wieder zu erobern, umgekommen waren, bis zur
Revolution, hatte auf dem Continent kein Feldzug stattgefunden, in
welchem die Engländer eine Hauptrolle gespielt hätten. Endlich hatten
unsere Vorfahren nach einer Pause von nahe an dritthalb Jahrhunderten
wieder angefangen, den Kriegern Frankreich’s die Palme des militärischen
Ruhmes streitig zu machen. Es war ein harter Kampf gewesen. Das Genie
Luxemburg’s und die ausgezeichnete Disciplin der Haustruppen Ludwig’s
hatten in zwei großen Schlachten die Oberhand behalten; aber der Ausgang
dieser Schlachten war lange zweifelhaft gewesen, der Sieg war theuer
erkauft worden, und der Sieger hatte nicht viel mehr gewonnen als die
Ehre, Herr des Schlachtfeldes geblieben zu sein. Inzwischen bildete er
selbst seine Gegner aus. Die Rekruten, welche seine strenge Schule
überlebten, wurden rasch Veteranen. Steenkerke und London hatten die
Freiwilligen gebildet, welche Cutts durch die Palissaden von Namur
folgten. Der Ausspruch aller großen Krieger, welche sämmtliche Nationen
des westlichen Europa’s an den Zusammenfluß der Sambre und Maas gesandt
hatten, lautete, daß der englische Subalternoffizier und der englische
Gemeine keinem Subalternoffizier und keinem Gemeinen der Christenheit
nachstehe. Die englischen Offiziere höheren Ranges dagegen wurden kaum
für würdig erachtet, eine solche Armee zu commandiren. Cutts hatte sich
zwar durch seine Unerschrockenheit ausgezeichnet. Aber selbst
Diejenigen, die ihn am meisten bewunderten, gestanden zu, daß er weder
die Befähigung noch die Kenntnisse besaß, deren ein General bedurfte.
Die Freude der Sieger wurde erhöht durch die Erinnerung an die drei
Jahre früher auf dem nämlichen Punkte erlittene Niederlage und an den
Uebermuth, mit welchem ihr Feind damals über sie triumphirt hatte. Jetzt
war die Reihe zu triumphiren an ihnen. Die Holländer prägten Denkmünzen,
die Spanier sangen Te Deums. Es erschienen eine Menge theils ernster,
theils launiger Gedichte, von denen nur eines uns erhalten worden ist.
Prior travestirte mit köstlichem Geist und Humor die bombastischen
Verse, in welchen Boileau die erste Einnahme von Namur verherrlicht
hatte. Die beiden Oden, welche nebeneinander gedruckt erschienen, wurden
mit großem Vergnügen gelesen, und die Kritiker bei Will’s erklärten, daß
England sowohl im Witz als in den Waffen den Sieg davon getragen habe.
Der Fall von Namur war das große militärische Ereigniß dieses Jahres.
Der türkische Krieg beschäftigte noch immer einen großen Theil der
kaiserlichen Truppen mit unentscheidenden Operationen an der Donau.
Weder in Piemont noch am Rhein geschah etwas Erwähnenswerthes. In
Catalonien erlangten die Spanier einige unbedeutende Vortheile, die sie
ihren englischen und holländischen Bundesgenossen verdankten, welche
alles Mögliche gethan zu haben scheinen, um einer Nation zu helfen, die
niemals sonderlich geneigt gewesen ist, sich selbst zu helfen. Die
Ueberlegenheit England’s und Holland’s zur See war jetzt notorisch
erwiesen. Während des ganzen Jahres war Russell der unbestrittene Herr
des mittelländischen Meeres, fuhr zwischen Spanien und Italien hin und
her, bombardirte Palamos, verbreitete Schrecken längs der ganzen Küste
der Provence und hielt die französische Flotte im Hafen von Toulon
eingeschlossen. Mittlerweile war Berkeley der unbestrittene Herr des
Kanals, kreuzte angesichts der Küsten des Artois, der Picardie, der
Normandie und der Bretagne, warf Bomben nach Saint-Malo, Calais und
Dünkirchen und brannte Granville bis auf den Grund nieder. Ludwig’s
Flotte, welche fünf Jahre früher die furchtbarste in Europa gewesen, die
unbehindert von den Dünen bis Land’s End umhergefahren war, die bei
Torbay geankert und Teignmouth in Asche gelegt hatte, gab jetzt kein
Lebenszeichen mehr, außer durch das Plündern von Kauffahrern, welche
nicht von Kriegsschiffen begleitet waren. In diesem einträglichen Kriege
waren, die französischen Kaper gegen Ende des Sommers sehr glücklich.
Mehrere mit Zucker beladene Schiffe aus Barbados wurden aufgebracht. Die
Verluste der unglücklichen, von Schwierigkeiten schon umgebenen und
durch grenzenlose Verschwendung in Bestechungen sehr geschwächten
Ostindischen Compagnie waren enorm. Fünf große aus den östlichen Meeren
zurückkehrende Schiffe mit Ladungen, deren Werth allgemein auf eine
Million geschätzt wurde, fielen in die Hände des Feindes. Diese Unfälle
erregten einiges Murren auf der Börse. Im Ganzen aber war die Stimmung
der Hauptstadt und der Nation besser als sie seit einigen Jahren
gewesen.
Inzwischen fanden in London Ereignisse statt, welche kein früherer
Geschichtsschreiber der Erwähnung werth gehalten hat, die aber von weit
größerer Wichtigkeit waren als die Waffenthaten von Wilhelm’s Armee oder
von Russell’s Flotte. Ein großes Experiment wurde gemacht, eine große
Revolution war im Gange: es waren Zeitungen erschienen.
[_Wirkung der Emancipation der englischen Presse._] So lange die
Censuracte in Kraft war, gab es in England keine Zeitungen außer der
London Gazette, welche von einem Beamten des Staatssekretariats redigirt
wurde und die nichts enthielt als was der Staatssekretär die Nation
wissen lassen wollte. Periodische Schriften gab es zwar viele, aber
keine derselben konnte eine Zeitung genannt werden. Welwood, ein
eifriger Whig, gab ein Journal, der Observator genannt, heraus; aber
sein Observator enthielt ebenso wie der früher von Lestrange
herausgegebene keine politischen Neuigkeiten, sondern nur politische
Abhandlungen. Ein geistesschwacher Buchhändler, Namens Johann Dunton,
gab den Athenian Mercury heraus; aber der Athenian Mercury erörterte nur
Fragen der Naturwissenschaften, der Casuistik und der Galanterie. Ein
Mitglied der königlichen Societät, Namens Johann Houghton, gab eine
periodische Schrift heraus, die er eine Sammlung zur Hebung der
Industrie und des Handels nannte. Aber seine Sammlung enthielt nicht
viel mehr als die Course der Actien, Erklärungen der Art und Weise des
Geschäftsganges in der City, Anpreisungen neuer Projecte, Ankündigungen
von Büchern, Geheimmitteln, Chokolade, Mineralwasser, Zibethkatzen und
Gesuche brodloser Schiffschirurgen, herrenloser Bedienten und
heirathslustiger Damen. Wenn er ja einmal eine politische Nachricht
mittheilte, so war sie aus der Gazette abgedruckt. Die Gazette aber war
eine so parteiische und so magere Chronik der Begebenheiten, daß sie,
obgleich ohne alle Concurrenz, doch nur eine geringe Verbreitung hatte.
Die Auflage betrug nur achttausend, so daß also bei weitem noch nicht
ein Exemplar auf jedes Kirchspiel des Landes kam. In der That, wer die
Geschichte seiner Zeit nur aus der Gazette studirt hätte, dem würden
viele Ereignisse von höchster Wichtigkeit unbekannt geblieben sein. Er
würde zum Beispiel nichts von dem Kriegsgericht über Torrington, von den
Untersuchungen in Lancashire, von dem Verbrennen des Hirtenbriefes des
Bischofs von Salisbury, oder von der Anklage gegen den Herzog von Leeds
erfahren haben. Doch wurden die Lücken der Gazette bis zu einem gewissen
Grade in London durch die Kaffeehäuser und in der Provinz durch die
Neuigkeitsbriefe ausgefüllt.