Boufflers begann jetzt einzusehen, daß seine einzige Hoffnung noch auf

Villeroy ruhte. Dieser war von Brüssel nach Enghien gerückt, hatte dort

aus den entferntesten Festungen der Niederlande alle entbehrlichen

Truppen zusammengezogen und marschirte nun an der Spitze von mehr als

achtzigtausend Mann auf Namur. Mittlerweile stieß Vaudemont zu den

Belagerern. Wilhelm hielt sich daher für stark genug, Villeroy eine

Schlacht anzubieten, ohne die Operationen gegen Boufflers einen

Augenblick einzustellen. Dem Kurfürsten von Bayern wurde die

unmittelbare Leitung der Belagerung übertragen. Der König von England

nahm auf der Westseite der Stadt eine stark verschanzte Stellung ein und

erwartete hier die von Enghien heranrückenden Franzosen. Alles schien

anzudeuten, daß ein wichtiger Tag bevorstehe. Zwei der zahlreichsten und

besten Armeen, welche Europa je gesehen, standen einander gegenüber. Am

15. August erblickten die Vertheidiger des Kastells von ihren

Wachtthürmen das mächtige Heer ihrer Landsleute. Zwischen diesem Heere

aber und der Citadelle war das nicht minder mächtige Heer Wilhelm’s in

Schlachtordnung aufgestellt. Villeroy gab Boufflers durch eine Salve von

neunzig Kanonenschüssen das Versprechen eines baldigen Entsatzes, und in

der Nacht mahnte Boufflers durch Signalfeuer, welche weithin über die

ausgedehnte Ebene der Maas und Sambre zu sehen waren, Villeroy an die

schleunige Erfüllung dieses Versprechens. In den Hauptstädten

Frankreich’s und England’s war Alles in der ängstlichsten Spannung.

Ludwig schloß sich in sein Betzimmer ein, beichtete, genoß das heilige

Abendmahl und gab Befehl, daß die Hostie in seiner Kapelle ausgestellt

werden solle. Seine Gemahlin hieß alle ihre Nonnen niederknien.[53]

London wurde durch eine Reihenfolge von Gerüchten, theils von Jakobiten,

theils von Börsenspekulanten fabricirt, in einem Zustande heftiger

Aufregung erhalten. Eines frühen Morgens wurde mit Bestimmtheit

behauptet, es habe eine Schlacht stattgefunden, die Verbündeten seien

geschlagen, der König getödtet und die Belagerung aufgehoben worden.

Sobald die Börse geöffnet wurde, war sie gedrängt voll Leute, welche

hören wollten, ob die Nachricht wahr sei. Die Straßen waren den ganzen

Tag mit Gruppen von Schwatzenden und Zuhörenden angefüllt. Am Nachmittag

beruhigte die Gazette, welche ungeduldig erwartet worden war und von

Tausenden begierig gelesen wurde, die Aufregung, jedoch nicht

vollkommen, denn man wußte, daß die Jakobiten durch Kaper und

Schmuggler, die bei jedem Wetter in See gingen, früher Nachrichten

erhielten als sie dem Staatssekretär in Whitehall auf dem regelmäßigen

Wege zukamen. Noch vor dem Abend hatte sich die Aufregung völlig gelegt;

aber sie wurde durch einen frechen Betrug plötzlich wieder angefacht.

Ein Reiter in der Uniform der Garden sprengte durch die City und

meldete, daß der König gefallen sei. Er würde wahrscheinlich einen

ernsten Aufruhr veranlaßt haben, hätten ihn nicht einige für die

Revolution und den protestantischen Glauben schwärmende junge Handwerker

zu Boden geschlagen und nach Newgate transportirt. Der vertraute

Correspondent der Generalstaaten berichtete nach dem Haag, daß man trotz

aller Geschichten, welche die mißvergnügte Partei erfinde und

aussprenge, allgemein der Ueberzeugung sei, daß die Alliirten siegen

würden. Der Probierstein der Aufrichtigkeit in England, schrieb er,

seien die Wetten. Die Jakobiten seien zwar stets bereit zu beweisen, daß

Wilhelm geschlagen werden müsse, oder zu behaupten, daß er schon

geschlagen sei; aber sie wollten gleichwohl keine höheren Einsätze

wetten als ihre Gegner und seien kaum zu bewegen, überhaupt eine Wette

einzugehen. Die Whigs seien hingegen bereit, Tausende von Guineen auf

den Ausgang des Kriegs und auf den Glücksstern des Königs zu wetten.[54]

Die Ereignisse rechtfertigten das Vertrauen der Whigs und die

Zurückhaltung der Jakobiten. Am 16., 17. und 18. August standen die

Armeen Villeroy’s und Wilhelm’s einander gegenüber. Man erwartete mit

Bestimmtheit, daß der 19. der entscheidende Tag sein werde. Die

Alliirten waren schon vor Tagesanbruch kampffertig. Um vier Uhr stieg

Wilhelm zu Pferde und ritt bis acht Uhr Abends von Posten zu Posten,

seine Truppen vertheilend und die Bewegungen des Feindes beobachtend.

Der Feind näherte sich seinen Verschanzungen an mehreren Stellen

hinreichend um zu sehen, daß es nicht leicht sein würde, ihn daraus zu

vertreiben; aber es kam zu keinem Gefecht. Er legte sich zur Ruhe nieder

und erwartete mit Sonnenaufgang angegriffen zu werden. Aber als die

Sonne aufging, sah er, daß die Franzosen sich einige Meilen

zurückgezogen hatten. Er schickte sofort einen Boten an den Kurfürsten

von Bayern und ersuchte ihn, unverzüglich das Kastell zu erstürmen.

Während man die nöthigen Vorbereitungen dazu traf, wurde Portland

abgeschickt, um die Besatzung zum letzten Male zur Uebergabe

aufzufordern. Es sei klar, sagte er zu Boufflers, daß Villeroy alle

Hoffnung aufgegeben habe, die Belagerung aufheben zu können. Es würde

daher eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben sein, wenn er den Kampf

noch länger fortsetze. Boufflers war jedoch der Meinung, daß zur Wahrung

der französischen Waffenehre noch ein Tag des Gemetzels erforderlich

sei, und Portland kehrte zurück, ohne etwas ausgerichtet zu haben.[55]

In den ersten Nachmittagsstunden wurde der Sturm durch vier Divisionen

des verbündeten Heeres an vier Stellen zu gleicher Zeit unternommen. Ein

Punkt war den Brandenburgern, ein andrer den Holländern, ein dritter den

Bayern und der vierte den Engländern angewiesen. Die Engländer waren

zuerst minder glücklich, als sie seither gewesen. Dies kam daher, weil

die meisten diensterfahrenen Regimenter mit Wilhelm gegen Villeroy

marschirt waren. Sobald als das Zeichen durch Sprengen zweier

Pulverfässer gegeben war, rückte Cutts zuerst an der Spitze einer

kleinen Schaar Grenadiere unter Trommelwirbel und mit fliegenden Fahnen

aus den Laufgräben vor. Dieses tapfere Corps sollte durch vier

Bataillone unterstützt werden, welche noch nie im Feuer gewesen waren

und die, obgleich vom muthigsten Geiste beseelt, noch der Festigkeit

entbehrten, die ein so gefährlicher Dienst erforderte. Die Offiziere

fielen rasch hintereinander. Jeder Oberst und jeder Oberstleutnant wurde

getödtet oder schwer verwundet, Cutts erhielt eine Kugel in den Kopf,

die ihn für einige Zeit kampfunfähig machte. Die unerfahrenen Rekruten,

so fast ohne alte Führung, drangen mit Ungestüm vorwärts, bis sie in

Unordnung und außer Athem unter einem mörderischen Feuer und einem fast

ebenso mörderischen Hagel von Fels- und Mauerstücken, vor einem Abgrunde

ankamen. Sie verloren den Muth und wichen in Verwirrung zurück, bis es

Cutts, dessen Wunde inzwischen verbunden worden war, gelang, sie wieder

zu sammeln. Er führte sie nun nicht dahin von wo sie zurückgetrieben

worden waren, sondern auf einen andren Punkt, wo ein furchtbarer Kampf

wüthete. Die Bayern hatten tapfer, aber erfolglos ihren Sturmangriff

gemacht; ihr General war gefallen und sie begannen schon zu wanken, als

die Ankunft des Salamanders und seiner Leute das Schicksal des Tages

änderte. Zweihundert englische Freiwillige, welche die Unehre ihres

vorherigen Zurückweichens um jeden Preis wieder gut machen wollten,

waren die Ersten, die sich mit dem Säbel in der Faust einen Weg durch

die Palissaden bahnten, eine Batterie erstürmten, die unter den Bayern

arg aufgeräumt hatte, und die Kanonen gegen die Besatzung richteten.

Unterdessen hatten die vortrefflich disciplinirten und vortrefflich

commandirten Brandenburger ohne großen Verlust die ihnen zuertheilte

Aufgabe gelöst. Die Holländer waren ebenso glücklich gewesen. Als der

Abend hereinbrach, hatten die Verbündeten die Außenwerke des Kastells

auf eine Meile im Umfang im Besitz. Dieser Vortheil War mit dem Verluste

von zweitausend Mann erkauft worden.[56]

Jetzt endlich glaubte Boufflers Alles gethan zu haben, was seine Pflicht

erheischte. Am andren Morgen bat er um einen achtundvierzigstündigen

Waffenstillstand, um die Hunderte von Leichen, welche die Gräben füllten

und welche bald unter den Belagerern wie unter den Belagerten

Krankheiten erzeugt haben würden, wegräumen und beerdigen zu lassen.

Sein Ansuchen wurde bewilligt, und noch vor Ablauf der festgesetzten

Zeit ließ er sagen, daß er geneigt sei zu kapituliren. Er wolle, sagte

er, das Schloß binnen zehn Tagen übergeben, wenn er bis dahin nicht

entsetzt würde. Es wurde ihm darauf erwiedert, daß die Verbündeten auf

solche Bedingungen nicht mit ihm unterhandeln könnten und daß er sich

entweder zu einer sofortigen Uebergabe verstehen oder auf einen

unverzüglichen Sturm gefaßt machen müsse. Er gab nach und man kam

überein, daß ihm und seinen Leuten freier Abzug gestattet werden, und

daß er die Citadelle, die Artillerie und die Vorräthe den Siegern

überlassen solle. Drei Salven aus sämmtlichen Feuerschlünden der

verbündeten Armee verkündeten Villeroy den Fall der Festung, der er

vergebens Unterstützung zu bringen versucht hatte. Er zog sich

augenblicklich auf Mons zurück und ließ Wilhelm im ungestörten Genusse

eines Triumphes, welcher durch die Erinnerung an vieles Mißgeschick noch

erhöht wurde.

[_Uebergabe des Kastells von Namur._] Der 26. August war zu einem

Schauspiele bestimmt worden, wie es der älteste Soldat in Europa noch

nie gesehen und wie es noch vor wenigen Wochen der jüngste Soldat kaum

zu erleben gehofft hatte. Von Condé’s erster bis zu Luxemburg’s letzter

Schlacht hatte die Fluth des militärischen Erfolgs ohne erhebliche

Unterbrechung fortwährend eine und dieselbe Richtung beibehalten. Jetzt

wendete sich das Kriegsglück. Zum ersten Male, sagte man, seit

Frankreich Marschälle habe, sollte ein Marschall von Frankreich eine

Festung einem siegreichen Feinde übergeben.

Die in einer Doppelreihe aufgestellten verbündeten Truppen, Infanterie

und Cavallerie, bildeten eine prächtige Gasse von der Bresche, um welche

vor kurzem mit so verzweifelter Tapferkeit gekämpft worden war, bis ans

Ufer der Maas. Der Kurfürst von Bayern, der Landgraf von Hessen und

viele hohe Offiziere hielten zu Pferde in der Umgebung des Kastells.

Wilhelm befand sich nahe bei ihnen in seinem Wagen. Die auf ungefähr

fünftausend Mann zusammengeschmolzene Besatzung kam mit Trommelwirbel

und wehenden Fahnen heraus. Boufflers schloß mit seinem Stabe den Zug.

Es war einige Schwierigkeit über die Form der Begrüßung entstanden,

welche zwischen ihm und den verbündeten Souverainen gewechselt werden

mußte. Ein Kurfürst von Bayern hatte kaum Anspruch darauf, von einem

Marschall von Frankreich mit dem Degen salutirt zu werden. Ein König von

England hatte unbestreitbar Anspruch auf ein solches Zeichen von

Ehrerbietung; aber Frankreich erkannte Wilhelm nicht als König von

England an. Endlich verstand sich Boufflers dazu, die Salutirung zu

verrichten, ohne zu zeigen, welchem der beiden Souveraine sie gelte. Er

senkte seinen Degen. Wilhelm allein erwiederte das Compliment. Hierauf

folgte eine kurze Unterredung. Um den Gebrauch der Worte Sire und

Majestät zu vermeiden, wendete sich der Marschall nur an den Kurfürsten.

Dieser theilte Wilhelm das Gesagte mit allen Zeichen der Ehrerbietung

mit, und Wilhelm berührte kalt seinen Hut. Die Offiziere der Garnison

nahmen die Nachricht mit in ihr Vaterland, daß der Emporkömmling, der in

Paris nur der Prinz von Oranien genannt wurde, von den stolzesten

Potentaten des deutschen Staatenbundes mit ebenso tiefer Ehrerbietung

behandelt wurde, als Ludwig sie von seinen Kammerherren verlangte.[57]

[_Verhaftung Boufflers’._] Die Ceremonie war jetzt vorüber, und

Boufflers ritt weiter; aber er hatte erst eine kurze Strecke Wegs

zurückgelegt, als er von Dykvelt angehalten wurde, der die verbündete

Armee als Deputirter der Generalstaaten begleitete. „Sie müssen in die

Stadt zurückkehren, mein Herr,” redete Dykvelt ihn an. „Der König von

England hat mir befohlen, Ihnen zu sagen, daß Sie sein Gefangener sind.”

Boufflers war außer sich vor Wuth. Seine Offiziere schaarten sich um ihn

und schwuren, ihn bis zum letzten Athemzuge zu vertheidigen: Aber von

Widerstand konnte nicht die Rede sein, denn eine starke Abtheilung

holländischer Reiterei kam heran, und der Brigadier verlangte den Degen

des Marschalls. Der Marschall äußerte laut seinen Unwillen. „Das ist ein

abscheulicher Wortbruch! Lesen Sie die Bedingungen der Kapitulation. Was

habe ich gethan, um einen solchen Affront zu verdienen? Habe ich mich

nicht als Mann von Ehre benommen? Muß ich nicht als ein solcher

behandelt werden? Bedenken Sie wohl was Sie thun, meine Herren. Ich

diene einem Gebieter, der mich rächen kann und wird.” -- „Ich bin

Soldat, mein Herr,” entgegnete der Brigadier, „und es ist meine Pflicht,

erhaltenen Befehlen zu gehorchen, ohne mich um das Weitere zu

bekümmern.” Dykvelt erwiederte sodann ruhig und artig auf die unwilligen

Aeußerungen des Marschalls: „Der König hat nur mit Widerstreben das von

Ihrem Gebieter gegebene Beispiel nachgeahmt. Die Soldaten, welche die

Besatzungen von Dirmuyden und Deynse bildeten, sind trotz gegebenen

Zusicherungen als Gefangene nach Frankreich geschickt worden. Der Fürst,

dem sie dienen, würde seiner Pflicht gegen sie uneingedenk sein, wenn er

nicht Wiedervergeltung übte. Se. Majestät hätte mit vollem Rechte alle

Franzosen, die in Namur waren, zurückhalten können. Aber er will einem

Präcedenzfalle, den er mißbilligt, nicht so weit Folge geben. Er hat

beschlossen, Sie, und nur Sie allein gefangen zu nehmen, und Sie dürfen

eine Maßregel, welche thatsächlich ein Zeichen seiner besonderen Achtung

gegen Sie ist, nicht als eine Beleidigung ansehen. Wie kann er Ihnen ein

glänzenderes Compliment machen, als indem er Ihnen beweist, daß er Sie

als ein vollkommenes Aequivalent für die fünf- bis sechstausend Mann

betrachtet, welche Ihr Souverain widerrechtlich als Gefangene

zurückhält? Ich will Sie sogar noch jetzt ungehindert Ihres Weges ziehen

lassen, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben, wieder hierher zurückzukehren,

im Fall die Besatzungen von Dirmuyden und Deynse nicht binnen vierzehn

Tagen in Freiheit gesetzt werden.” -- „Ich weiß nicht, warum mein

Gebieter jene Soldaten zurückhält, und daher kann ich Ihnen keine

Hoffnung darauf machen, daß er sie freilassen wird. Sie haben eine Armee

hinter Sich; ich bin allein; handeln Sie nach Ihrem Belieben.” Er

lieferte seinen Degen ab, kehrte nach Namur zurück und wurde von dort

nach Huy gebracht, wo er einige Tage in luxuriöser Ruhe verlebte, nach

Gefallen ausgehen und ausreiten durfte wann er wollte, und von Denen,

die ihn bewachten, mit ausgezeichneter Rücksicht behandelt wurde. In der

kürzesten Zeit, in der es möglich war, von dem Orte, wo er in Haft

gehalten wurde, an den französischen Hof zu schreiben und Antwort zurück

zu erhalten, empfing er die Ermächtigung, zu versprechen, daß die

Besatzungen von Dirmuyden und Deynse zurückgeschickt werden sollten. Er

wurde sogleich in Freiheit gesetzt und reiste nach Fontainebleau ab, wo

ein ehrenvoller Empfang seiner wartete. Er wurde zum Herzog und Pair

ernannt. Damit er den nöthigen Aufwand seiner neuen Würden bestreiten

konnte, erhielt er zugleich eine bedeutende Summe Geldes, und Ludwig

bewillkommnete ihn in Anwesenheit des gesammten französischen Adels mit

einer herzlichen Umarmung.[58]

In allen gegen Frankreich verbündeten Ländern wurde die Nachricht von

dem Falle Namur’s mit Freude begrüßt; bei uns aber war der Jubel am

größten. Seit mehreren Generationen hatten unsere Vorfahren zu Lande

keine bedeutende Waffenthat gegen auswärtige Feinde vollführt. Wir

hatten zwar unseren Bundesgenossen zuweilen kleine Hülfscorps geliefert,

welche die Ehre der Nation in gutem Ansehen erhielten. Aber von dem Tage

an, wo die beiden tapferen Talbot, Vater und Sohn, in dem vergeblichen

Versuche, Guienne wieder zu erobern, umgekommen waren, bis zur

Revolution, hatte auf dem Continent kein Feldzug stattgefunden, in

welchem die Engländer eine Hauptrolle gespielt hätten. Endlich hatten

unsere Vorfahren nach einer Pause von nahe an dritthalb Jahrhunderten

wieder angefangen, den Kriegern Frankreich’s die Palme des militärischen

Ruhmes streitig zu machen. Es war ein harter Kampf gewesen. Das Genie

Luxemburg’s und die ausgezeichnete Disciplin der Haustruppen Ludwig’s

hatten in zwei großen Schlachten die Oberhand behalten; aber der Ausgang

dieser Schlachten war lange zweifelhaft gewesen, der Sieg war theuer

erkauft worden, und der Sieger hatte nicht viel mehr gewonnen als die

Ehre, Herr des Schlachtfeldes geblieben zu sein. Inzwischen bildete er

selbst seine Gegner aus. Die Rekruten, welche seine strenge Schule

überlebten, wurden rasch Veteranen. Steenkerke und London hatten die

Freiwilligen gebildet, welche Cutts durch die Palissaden von Namur

folgten. Der Ausspruch aller großen Krieger, welche sämmtliche Nationen

des westlichen Europa’s an den Zusammenfluß der Sambre und Maas gesandt

hatten, lautete, daß der englische Subalternoffizier und der englische

Gemeine keinem Subalternoffizier und keinem Gemeinen der Christenheit

nachstehe. Die englischen Offiziere höheren Ranges dagegen wurden kaum

für würdig erachtet, eine solche Armee zu commandiren. Cutts hatte sich

zwar durch seine Unerschrockenheit ausgezeichnet. Aber selbst

Diejenigen, die ihn am meisten bewunderten, gestanden zu, daß er weder

die Befähigung noch die Kenntnisse besaß, deren ein General bedurfte.

Die Freude der Sieger wurde erhöht durch die Erinnerung an die drei

Jahre früher auf dem nämlichen Punkte erlittene Niederlage und an den

Uebermuth, mit welchem ihr Feind damals über sie triumphirt hatte. Jetzt

war die Reihe zu triumphiren an ihnen. Die Holländer prägten Denkmünzen,

die Spanier sangen Te Deums. Es erschienen eine Menge theils ernster,

theils launiger Gedichte, von denen nur eines uns erhalten worden ist.

Prior travestirte mit köstlichem Geist und Humor die bombastischen

Verse, in welchen Boileau die erste Einnahme von Namur verherrlicht

hatte. Die beiden Oden, welche nebeneinander gedruckt erschienen, wurden

mit großem Vergnügen gelesen, und die Kritiker bei Will’s erklärten, daß

England sowohl im Witz als in den Waffen den Sieg davon getragen habe.

Der Fall von Namur war das große militärische Ereigniß dieses Jahres.

Der türkische Krieg beschäftigte noch immer einen großen Theil der

kaiserlichen Truppen mit unentscheidenden Operationen an der Donau.

Weder in Piemont noch am Rhein geschah etwas Erwähnenswerthes. In

Catalonien erlangten die Spanier einige unbedeutende Vortheile, die sie

ihren englischen und holländischen Bundesgenossen verdankten, welche

alles Mögliche gethan zu haben scheinen, um einer Nation zu helfen, die

niemals sonderlich geneigt gewesen ist, sich selbst zu helfen. Die

Ueberlegenheit England’s und Holland’s zur See war jetzt notorisch

erwiesen. Während des ganzen Jahres war Russell der unbestrittene Herr

des mittelländischen Meeres, fuhr zwischen Spanien und Italien hin und

her, bombardirte Palamos, verbreitete Schrecken längs der ganzen Küste

der Provence und hielt die französische Flotte im Hafen von Toulon

eingeschlossen. Mittlerweile war Berkeley der unbestrittene Herr des

Kanals, kreuzte angesichts der Küsten des Artois, der Picardie, der

Normandie und der Bretagne, warf Bomben nach Saint-Malo, Calais und

Dünkirchen und brannte Granville bis auf den Grund nieder. Ludwig’s

Flotte, welche fünf Jahre früher die furchtbarste in Europa gewesen, die

unbehindert von den Dünen bis Land’s End umhergefahren war, die bei

Torbay geankert und Teignmouth in Asche gelegt hatte, gab jetzt kein

Lebenszeichen mehr, außer durch das Plündern von Kauffahrern, welche

nicht von Kriegsschiffen begleitet waren. In diesem einträglichen Kriege

waren, die französischen Kaper gegen Ende des Sommers sehr glücklich.

Mehrere mit Zucker beladene Schiffe aus Barbados wurden aufgebracht. Die

Verluste der unglücklichen, von Schwierigkeiten schon umgebenen und

durch grenzenlose Verschwendung in Bestechungen sehr geschwächten

Ostindischen Compagnie waren enorm. Fünf große aus den östlichen Meeren

zurückkehrende Schiffe mit Ladungen, deren Werth allgemein auf eine

Million geschätzt wurde, fielen in die Hände des Feindes. Diese Unfälle

erregten einiges Murren auf der Börse. Im Ganzen aber war die Stimmung

der Hauptstadt und der Nation besser als sie seit einigen Jahren

gewesen.

Inzwischen fanden in London Ereignisse statt, welche kein früherer

Geschichtsschreiber der Erwähnung werth gehalten hat, die aber von weit

größerer Wichtigkeit waren als die Waffenthaten von Wilhelm’s Armee oder

von Russell’s Flotte. Ein großes Experiment wurde gemacht, eine große

Revolution war im Gange: es waren Zeitungen erschienen.

[_Wirkung der Emancipation der englischen Presse._] So lange die

Censuracte in Kraft war, gab es in England keine Zeitungen außer der

London Gazette, welche von einem Beamten des Staatssekretariats redigirt

wurde und die nichts enthielt als was der Staatssekretär die Nation

wissen lassen wollte. Periodische Schriften gab es zwar viele, aber

keine derselben konnte eine Zeitung genannt werden. Welwood, ein

eifriger Whig, gab ein Journal, der Observator genannt, heraus; aber

sein Observator enthielt ebenso wie der früher von Lestrange

herausgegebene keine politischen Neuigkeiten, sondern nur politische

Abhandlungen. Ein geistesschwacher Buchhändler, Namens Johann Dunton,

gab den Athenian Mercury heraus; aber der Athenian Mercury erörterte nur

Fragen der Naturwissenschaften, der Casuistik und der Galanterie. Ein

Mitglied der königlichen Societät, Namens Johann Houghton, gab eine

periodische Schrift heraus, die er eine Sammlung zur Hebung der

Industrie und des Handels nannte. Aber seine Sammlung enthielt nicht

viel mehr als die Course der Actien, Erklärungen der Art und Weise des

Geschäftsganges in der City, Anpreisungen neuer Projecte, Ankündigungen

von Büchern, Geheimmitteln, Chokolade, Mineralwasser, Zibethkatzen und

Gesuche brodloser Schiffschirurgen, herrenloser Bedienten und

heirathslustiger Damen. Wenn er ja einmal eine politische Nachricht

mittheilte, so war sie aus der Gazette abgedruckt. Die Gazette aber war

eine so parteiische und so magere Chronik der Begebenheiten, daß sie,

obgleich ohne alle Concurrenz, doch nur eine geringe Verbreitung hatte.

Die Auflage betrug nur achttausend, so daß also bei weitem noch nicht

ein Exemplar auf jedes Kirchspiel des Landes kam. In der That, wer die

Geschichte seiner Zeit nur aus der Gazette studirt hätte, dem würden

viele Ereignisse von höchster Wichtigkeit unbekannt geblieben sein. Er

würde zum Beispiel nichts von dem Kriegsgericht über Torrington, von den

Untersuchungen in Lancashire, von dem Verbrennen des Hirtenbriefes des

Bischofs von Salisbury, oder von der Anklage gegen den Herzog von Leeds

erfahren haben. Doch wurden die Lücken der Gazette bis zu einem gewissen

Grade in London durch die Kaffeehäuser und in der Provinz durch die

Neuigkeitsbriefe ausgefüllt.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 5 / 25 段