[_Krieg in den Niederlanden; der Marschall Villeroy._] Inzwischen waren

die Blicke von ganz Europa mit gespannter Erwartung auf die Niederlande

gerichtet. Der große Feldherr, der bei Fleurus, bei Steenkerke und bei

Landen gesiegt, hatte keinen ihm Ebenbürtigen zurückgelassen. Aber

Frankreich besaß noch Marschälle, die sich für hohe Commandos sehr wohl

eigneten. Catinat und Boufflers hatten bereits Beweise von Tüchtigkeit,

Entschlossenheit und Eifer für die Interessen des Staats gegeben. Jeder

dieser beiden ausgezeichneten Offiziere wurde ein Luxemburg’s würdiger

Nachfolger und ein Wilhelm’s würdiger Gegner gewesen sein, aber ihr

Gebieter zog zu seinem Unglücke Beiden den Herzog von Villeroy vor. Der

neue General war Ludwig’s Spielkamerad gewesen, als sie Beide noch

Kinder waren, war dann ein Günstling geworden und hatte nie aufgehört,

es zu sein. In den äußern Vorzügen, wegen denen die französische

Aristokratie damals in ganz Europa berühmt war, zeichnete sich Villeroy

selbst unter der französischen Aristokratie aus. Er war von hoher Statur

und hatte angenehme Züge, seine Manieren waren von edler und etwas

hochmüthiger Artigkeit, sein Anzug, sein Ameublement, seine Equipagen

und seine Tafel prächtig. Niemand erzählte eine Anekdote mit größerer

Lebendigkeit; Niemand ritt besser bei einer Jagdpartie; Niemand hatte

mehr Glück bei dem schönen Geschlecht; Niemand setzte und verlor Haufen

von Gold mit liebenswürdigerem Gleichmuth; Niemand kannte die Abenteuer,

die Freunde und die Feinde der Herren und Damen, welche täglich die Säle

von Versailles füllten, genauer als er. Besonders zwei Charactere hatte

dieser vollendete Cavalier seit vielen Jahren studirt und alle ihre

Falten und Winkel kennen gelernt: den Character des Königs und den der

Frau, die in Allem, dem Namen ausgenommen, Königin war. Damit aber waren

Villeroy’s Kenntnisse zu Ende. In der Literatur sowohl wie in

geschichtlichen Dingen war er völlig unwissend. Im Staatsrathe öffnete

er nie den Mund, ohne sich Blößen zu geben. Für den Krieg besaß er keine

einzige Qualification außer dem persönlichen Muthe, den er mit der

ganzen Klasse gemein hatte, der er angehörte. In jeder wichtigen Krisis

seiner politischen und militärischen Laufbahn war er abwechselnd trunken

von Arroganz oder völlig muthlos. Kurz bevor er einen bedeutungsvollen

Schritt that, war sein Selbstvertrauen grenzenlos; er hörte auf keinen

Rath und ließ den Gedanken, daß ein Fehlschlagen möglich sei, gar nicht

in sich aufkommen. Bei der ersten Niederlage aber gab er Alles verloren,

wurde unfähig zu leiten und anzuordnen und rannte in hilfloser

Verzweiflung hin und her. Ludwig liebte ihn jedoch, und man muß Villeroy

die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß er Ludwig ebenfalls liebte.

Die Güte des Gebieters war gegen alles Unheil probefest, das die

Unbesonnenheit und Schwäche des Dieners über sein Königreich brachte,

und die Dankbarkeit des Dieners äußerte sich bei mehr als einer

Gelegenheit nach dem Tode des Gebieters in ehrenvoller, wenn auch nicht

wohlbegründeter Weise.[44]

[_Der Herzog von Maine._] Ein solcher Mann war der General, dem die

Leitung des Feldzugs in den Niederlanden anvertraut wurde. Der Herzog

von Maine wurde hingeschickt, um unter diesem Lehrer die Kriegskunst zu

erlernen. Maine, der natürliche Sohn Ludwig’s von der Herzogin von

Montespan, war von Kindheit auf von Frau von Maintenon erzogen worden

und wurde von Ludwig mit der Liebe eines Vaters, von Frau von Maintenon

mit der nicht minder zärtlichen Liebe einer Pflegemutter geliebt. Ernste

Männer nahmen Anstoß daran, daß der König, während er eine so große

Frömmigkeit zur Schau trug, in so auffälliger Weise seine Vorliebe für

diese Frucht eines doppelten Ehebruchs an den Tag legte. Allerdings,

sagten sie, sei ein Vater seinem Kinde Zuneigung schuldig, aber ein

Souverain sei seinem Volke auch die Beobachtung der Schicklichkeit

schuldig. Trotz dieses Murrens war der Sohn öffentlich anerkannt, mit

Reichthum und Ehre überhäuft, zum Herzog und Pair creirt, durch einen

außerordentlichen Act königlicher Gewalt über Herzöge und Pairs von

älterem Datum gestellt, mit einer Prinzessin von königlichem Geblüt

vermählt und zum Großmeister der Artillerie des Reichs ernannt worden.

Mit Talenten und Muth hätte er eine große Rolle in der Welt spielen

können. Aber sein Geist war beschränkt, seine Nerven schwach, und die

Weiber und Priester, die ihn erzogen, hatten die Natur wirksam

unterstützt. Er war orthodox in seinem Glauben, correct in seiner

moralischen Führung, einschmeichelnd in seinem Benehmen, ein Heuchler,

ein Unheilstifter und ein Feigling.

Man erwartete in Versailles, daß Flandern in diesem Jahre der

Hauptkriegsschauplatz sein werde. Es wurde daher dort eine große Armee

zusammengezogen. Starke Linien wurden von der Lys bis zur Schelde

gebildet, und Villeroy nahm sein Hauptquartier in der Nähe von Tournay.

Boufflers beobachtete mit etwa zwölftausend Mann die Ufer der Sambre.

Auf der andren Seite standen die britischen und holländischen Truppen

unter Wilhelm’s unmittelbarem Commando in der Nähe von Gent. Der

Kurfürst von Baiern lag an der Spitze eines starken Corps bei Brüssel.

Eine kleinere Heeresabtheilung, hauptsächlich aus Brandenburgern

bestehend, lagerte nicht weit von Huy.

Anfangs Juni begannen die militärischen Operationen. Die ersten

Bewegungen Wilhelm’s waren bloße Scheinbewegungen, durch welche er die

französischen Generäle verhindern wollte, seine wirkliche Absicht zu

muthmaßen. Er hatte sich vorgenommen, Namur wieder zu nehmen. Der

Verlust dieser Festung war der empfindlichste von allen Unfällen eines

unglücklichen Feldzugs gewesen. Die Wichtigkeit Namur’s vom

militärischen Gesichtspunkte war stets groß gewesen und war während der

seit der letzten Belagerung verflossenen drei Jahre größer geworden als

je. Die alten Vertheidigungsmittel, welche Cohorn mit Aufbietung seiner

ganzen Kunst errichtet hatte, waren durch neue Befestigungen, die

Meisterwerke Vauban’s, verstärkt worden. Die beiden berühmten Ingenieurs

hatten so geschickt mit einander gewetteifert und waren der Natur so

geschickt zu Hülfe gekommen, daß die Festung für die stärkste in ganz

Europa galt. Ueber dem einen Thore hatte man eine prahlerische Inschrift

angebracht, welche die Verbündeten herausforderte, den Preis den Händen

Frankreich’s zu entreißen.

Wilhelm hielt seine Absicht so sorgfältig geheim, daß nicht die

leiseste Andeutung davon ruchbar wurde. Einige hielten Dünkirchen,

Andere Ypern für das Ziel seiner Operationen. Die Märsche und

Scharmützel, durch die er sein Vorhaben verdeckte, wurden von

Saint-Simon mit den Zügen eines geschickten Schachspielers verglichen.

Feuquières, der in der Kriegswissenschaft weit gründlicher bewandert war

als Saint-Simon, sagt uns, daß einige von diesen Zügen gewagt gewesen

seien und ein solches Spiel nicht ungestraft gegen Luxemburg hätte

gespielt werden können, und dies ist wahrscheinlich richtig; aber

Luxemburg war nicht mehr und was Luxemburg für Wilhelm gewesen war, das

war jetzt Wilhelm für Villeroy.

[_Jakobitische Complots gegen die Regierung während Wilhelm’s

Abwesenheit._] Während der König so beschäftigt war, begnügten sich zu

Hause die Jakobiten, da sie in seiner Abwesenheit ihre Pläne gegen seine

Person nicht verfolgen konnten, mit Conspiriren gegen seine Regierung.

Sie wurden etwas weniger scharf bewacht als während des vorhergehenden

Jahres, denn der Ausgang der Untersuchungen in Manchester hatte Aaron

Smith und seine Agenten entmuthigt. Trenchard, der sich durch seine

Wachsamkeit und Strenge zu einem Gegenstande des Schreckens und Hasses

gemacht hatte, war nicht mehr und hatte in dem was man den

untergeordneten Staatssekretärposten nennen kann, Sir Wilhelm Trumball

zum Nachfolger erhalten, einen gelehrten Juristen und erfahrenen

Diplomaten von gemäßigten Ansichten und einer Behutsamkeit, die an

Zaghaftigkeit grenzte.[45] Die Mißvergnügten wurden durch die Milde der

Regierung kühn gemacht. Wilhelm war kaum nach dem Continent abgesegelt,

so hielten sie an einem ihrer Lieblingszusammenkunftsorte, dem Old

King’s Head in Leadenhall Street, ein großes Meeting. Charnock, Porter,

Goodman, Parkyns und Fenwick waren anwesend. Auch der Earl von Aylesbury

war zugegen, ein Mann, dessen Anhänglichkeit an das exilirte Königshaus

notorisch war, der es aber stets in Abrede stellte, daß er je daran

gedacht habe, durch unmoralische Mittel eine Restauration

herbeizuführen. Sein Leugnen würde mehr Anspruch auf Glaubwürdigkeit

haben, hätte er nicht dadurch, daß er der Regierung, gegen die er

beständig intriguirte, die Eide geleistet, das Recht verwirkt, als ein

Mann von Gewissen und Ehre betrachtet zu werden. Ferner nahm Sir John

Friend an der Versammlung Theil, ein Eidverweigerer, der zwar einen sehr

schwachen Verstand besaß, sich aber als Brauer ein sehr großes Vermögen

erworben hatte, das er bereitwillig auf Insurrectionspläne verwendete.

Nach dem Diner -- denn die Pläne der Jakobiten wurden gewöhnlich beim

Weine entworfen und zeigten in der Regel einige Spuren von der heiteren

Gemüthsstimmung, in der sie entstanden waren -- wurde resolvirt, daß die

Zeit zu einem Aufstande und zu einer französischen Invasion gekommen sei

und daß ein besonderer Abgesandter die Ansicht der Versammlung nach

Saint-Germains überbringen sollte. Charnock wurde dazu auserwählt. Er

nahm den Auftrag an, fuhr über den Kanal, sprach mit Jakob und hatte

Unterredungen mit den Ministern Ludwig’s, konnte aber nichts zu Stande

bringen. Die englischen Mißvergnügten wollten nichts unternehmen, bevor

nicht zehntausend Mann französischer Truppen auf der Insel wären, und

zehntausend Mann konnten nicht ohne große Gefahr der Armee entzogen

werden, welche in den Niederlanden gegen Wilhelm kämpfte. Als Charnock

zurückkehrte, um die Erfolglosigkeit seiner Sendung zu berichten, fand

er einige seiner Bundesgenossen im Gefängniß. Sie hatten sich während

seiner Abwesenheit nach ihrer Weise die Zeit damit vertrieben, daß sie

am 10. Juni, dem Geburtstage des unglücklichen Prinzen von Wales, einen

Aufstand in London anzustiften versuchten. Sie versammelten sich in

einem Wirthshause in Drury Lane, und nachdem sie sich die Köpfe durch

Wein erhitzt hatten, brachen sie unter Anführung Porter’s und Goodman’s

mit den Degen in der Hand auf, zogen mit Trommelwirbel durch die

Straßen, entfalteten Banner und begannen Freudenfeuer anzuzünden. Aber

die Wache, vom Volke unterstützt, war zu stark für die Unruhstifter. Sie

wurden in die Flucht geschlagen, das Wirthshaus, in dem sie geschwelgt

hatten, wurde vom Pöbel demolirt, die Rädelsführer wurden verhaftet, vor

Gericht gestellt und mit Geldbußen und Gefängnißhaft bestraft, erlangten

aber Zeit genug ihre Freiheit wieder, um sich an einem weit strafbareren

Anschlage zu betheiligen.[46]

[_Belagerung von Namur._] Inzwischen war Alles zur Ausführung des von

Wilhelm entworfenen Planes bereit. Dieser Plan war den übrigen

Befehlshabern der alliirten Truppen mitgetheilt worden und hatte

lebhaften Beifall gefunden. Vaudemont wurde mit einem beträchtlichen

Armeecorps in Flandern gelassen, um Villeroy zu überwachen. Der König

marschirte mit dem Reste seiner Armee direct auf Namur. In dem nämlichen

Augenblicke rückte der Kurfürst von Bayern von der einen und die

Brandenburger von einer andren Seite gegen denselben Punkt heran. Diese

Bewegungen waren so gut verabredet worden und wurden so rasch

ausgeführt, daß der geschickte und energische Boufflers nur eben noch

Zeit hatte, sich in die Festung zu werfen. Er hatte sieben

Dragonerregimenter, ein starkes Corps Artilleristen, Sappeurs und

Mineurs und einen Offizier Namens Megrigny bei sich, der mit Ausnahme

Vauban’s für den besten Ingenieur in französischen Diensten galt. Wenige

Stunden nachdem Boufflers in die Festung eingezogen war, umzingelten die

Belagerungstruppen sie von allen Seiten und die Circumvallationslinien

wurden rasch gebildet.

Die Nachricht erweckte keine Besorgniß am französischen Hofe. Man

zweifelte dort nicht, daß Wilhelm sehr bald gezwungen werden würde, mit

schwerem Verlust und Schande von seinem Unternehmen abzustehen. Die

Stadt war stark befestigt, das Kastell galt für uneinnehmbar, die

Magazine waren mit Lebensmitteln und Munition hinreichend versehen, um

bis zu der Zeit vorzuhalten, wo man von den Armeen der damaligen Zeit

erwartete, daß sie ihre Winterquartiere beziehen würden; die Besatzung

bestand aus sechzehntausend Mann der besten Truppen der Welt, sie wurde

von einem ausgezeichneten General befehligt, dem ein ausgezeichneter

Ingenieur zur Seite stand, und überdies zweifelte man nicht, daß

Villeroy mit seiner großen Armee zur Unterstützung Boufflers’

herbeieilen und daß die Belagerer dann in größerer Gefahr sein würden

als die Belagerten.

Diese Hoffnungen wurden durch die Depeschen Villeroy’s aufrechterhalten.

Er gedenke, sagte er, zuerst Vaudemont’s Armeecorps zu vernichten und

dann Wilhelm von Namur zu vertreiben. Vaudemont werde vielleicht einer

Schlacht auszuweichen versuchen, aber er könne nicht entrinnen. Der

Marschall ging so weit, daß er seinem Gebieter die Nachricht von einem

vollständigen Siege innerhalb der nächsten vierundzwanzig Stunden

versprach. Ludwig brachte einen ganzen Tag in ungeduldiger Erwartung zu.

Endlich kam anstatt eines mit englischen und holländischen Fahnen

beladenen Offiziers von hohem Range ein Courier an, der die Nachricht

brachte, daß Vaudemont fast ohne allen Verlust seinen Rückzug

bewerkstelligt habe und unter den Mauern von Gent in Sicherheit sei.

Wilhelm lobte das Feldherrntalent seines Unterbefehlshabers in den

wärmsten Ausdrücken. „Mein Vetter,” schrieb er an ihn, „Sie haben sich

als einen größeren Meister in Ihrer Kunst erwiesen, als wenn Sie eine

offene Feldschlacht gewonnen hätten.”[47] Im französischen Lager jedoch

und am französischen Hofe war man allgemein der Ansicht, daß Vaudemont

weniger durch seine eigene Geschicklichkeit als durch das fehlerhafte

Verfahren seiner Gegner gerettet worden sei. Einige warfen die ganze

Schuld auf Villeroy, und Villeroy machte keinen Versuch, sich zu

rechtfertigen. Man glaubte aber allgemein, daß er sich wenigstens zum

großen Theil hätte rechtfertigen können, wenn ihm die königliche Gunst

nicht lieber gewesen wäre als militärischer Ruhm. Sein Plan, sagte man,

hätte gelingen können, wäre die Ausführung desselben nicht dem Herzoge

von Maine übertragen worden. Bei dem ersten Schimmer von Gefahr sei dem

Bastard der Muth gesunken. Er habe seine Angst nicht zu verbergen

vermocht. Zitternd, stammelnd und nach seinem Beichtvater rufend, habe

er dagestanden, während die ihn umgebenden alten Offiziere ihn mit

Thränen in den Augen beschworen hätten vorzurücken. Eine kurze Zeit

wurde die Schande des Sohnes dem Vater verschwiegen. Aber Villeroy’s

Stillschweigen bewies, daß ein Geheimniß dahinter stak, die Spötteleien

der holländischen Journale klärten das Geheimniß bald auf, und Ludwig

erfuhr, wenn auch nicht die ganze Wahrheit, doch genug, um sich

unglücklich zu fühlen. Noch nie während seiner langen Regierung war er

so bewegt gewesen. Einige Stunden lang hielt seine finstre Gereiztheit

seine Diener, seine Höflinge und selbst seine Priester in Schrecken. Er

vergaß die Liebenswürdigkeit und den edlen Anstand, wegen denen er in

der ganzen Welt berühmt war, so weit, daß er vor den Augen einer

glänzenden Schaar von Herren und Damen, welche nach Marly gekommen

waren, um ihn speisen zu sehen, einen Stock auf dem Rücken eines Lakaien

zerschlug und den armen Teufel noch mit dem abgebrochenen Griffe

verfolgte.[48]

Inzwischen wurde die Belagerung von Namur von den Verbündeten energisch

betrieben. Der wissenschaftliche Theil ihrer Operationen stand unter der

Leitung Cohorn’s, der durch Wetteifer angespornt wurde, seine ganze

Geschicklichkeit aufzubieten. Drei Jahre früher hatte er die Kränkung

erfahren, die von ihm befestigte Stadt durch seinen großen Lehrmeister

Vauban genommen zu sehen. Sie jetzt, nachdem die Festungswerke neue

Verbesserungen erhalten hatten, wiederzunehmen, wäre eine würdige

Revanche gewesen.

Am 2. Juli wurden die Laufgräben eröffnet. Am 8. wurde ein tapferer

Ausfall französischer Dragoner tapfer zurückgeschlagen, und spät an

demselben Abend erstürmte ein starkes Infanteriecorps, mit den

englischen Fußgarden voran, nach einem blutigen Kampfe die Außenwerke

auf der Brüsseler Seite. Der König leitete persönlich den Angriff, und

seine Unterthanen erfuhren mit Entzücken, daß er, als der Kampf am

heißesten war, seine Hand auf die Schulter des Kurfürsten von Bayern

legte und ausrief: „Sehen Sie, sehen Sie meine wackeren Engländer!” Eine

besondere Tapferkeit selbst unter diesen tapferen Engländern legte Cutts

an den Tag. In dem Bulldoggenmuthe, der vor keiner noch so

fürchterlichen Gefahr zurückschreckt, hatte er nicht seines Gleichen. Es

hielt zwar nicht schwer, verwegene Freiwillige, Deutsche, Holländer und

Briten zu finden, die das Aeußerste wagten; aber Cutts war der Einzige,

der eine solche Expedition als eine Lustpartie zu betrachten schien. Er

fühlte sich in dem heftigsten Feuer der französischen Batterien so

behaglich, daß seine Soldaten ihm den ehrenvollen Beinamen des

Salamanders gaben.[49]

Am 17. wurde die erste Contrescarpe der Stadt angegriffen. Die Engländer

und Holländer wurden dreimal mit großem Blutvergießen zurückgeschlagen

und kehrten dreimal zum Angriff zurück. Endlich blieben die

Angreifenden, trotz der Anstrengungen der französischen Offiziere,

welche mit dem Degen in der Hand auf dem Glacis fochten, Herren der

streitigen Werke. Während der Kampf wüthete, erblickte Wilhelm, der im

dichtesten Kugelregen seine Befehle ertheilte, mit Erstaunen und Verdruß

unter den Offizieren seines Stabes Michael Godfrey, den Vicegouverneur

der Bank von England. Dieser Gentleman war in das Hauptquartier des

Königs gekommen, um einige Anordnungen zur schnellen und sicheren

Beförderung von Geld aus England zur Armee in den Niederlanden zu

treffen, und war neugierig, einmal wirklichen Krieg mit anzusehen.

Solche Neugierde konnte Wilhelm nicht leiden. „Mr. Godfrey,” sagte er zu

ihm, „Sie sollten sich nicht diesen Gefahren aussetzen; Sie sind kein

Soldat und können uns hier nichts nützen.” -- „Sire,” erwiederte

Godfrey, „ich bin keiner größeren Gefahr ausgesetzt als Eure Majestät.”

-- „Nicht doch,” entgegnete Wilhelm, „ich bin da, wo meine Pflicht mir

zu sein gebietet, und ich kann ohne Anmaßung mein Leben in Gottes Hand

legen; aber Sie --” Während sie noch so mit einander sprachen, streckte

eine Kanonenkugel von den Wällen Godfrey todt zu den Füßen des Königs

nieder. Man fand jedoch nicht, daß die Furcht, „gegodfreyt” zu werden --

dies war einige Zeit der gebräuchliche Ausdruck -- müßige Zuschauer

abhielt, in die Laufgräben zu kommen.[50] Obgleich Wilhelm seinen

Kutschern, Bedienten und Köchen verbot, sich auszusetzen, sah er sie

doch zu wiederholten Malen an den gefährlichsten Orten umherstreifen, um

einen Blick auf den Kampf zu werfen. Er soll sich zuweilen haben

hinreißen lassen, sie mit der Reitpeitsche aus dem Bereich der

französischen Kanonen zu treiben, und die Anekdote ist, mag sie wahr

oder erdichtet sein, jedenfalls sehr bezeichnend.

[_Uebergabe der Stadt Namur._] Am 20. Juli bemächtigten sich die Bayern

und Brandenburger unter Cohorn’s Leitung nach hartem Kampfe einer Linie

von Vertheidigungswerken, welche Vauban in festes Gestein von der Sambre

bis zur Maas gehauen hatte. Drei Tage später setzten sich die Engländer

und Holländer, Cutts wie gewöhnlich in vorderster Reihe, in der zweiten

Contrescarpe fest. Alles war zu einem Hauptsturme bereit, als eine weiße

Fahne auf den Wällen erschien. Der Effectivbestand der Besatzung betrug

jetzt noch wenig mehr als die Hälfte von dem was er bei Eröffnung der

Laufgräben gewesen war. Boufflers fürchtete, daß es unmöglich sein

werde, mit achttausend Mann den ganzen Gürtel der Mauern noch viel

länger zu vertheidigen; aber er war überzeugt, daß ein solches

Truppencorps hinreichen werde, das Kastell auf dem Gipfel des Felsens zu

behaupten. Ueber die Kapitulationsbedingungen wurde man bald einig. Ein

Thor wurde den Verbündeten preisgegeben. Den Franzosen wurden

achtundvierzig Stunden bewilligt, um sich in das Kastell zurückzuziehen,

und es wurde ihnen die Versicherung gegeben, daß die Verwundeten, welche

sie unten ließen, etwa fünfzehnhundert an der Zahl, gut behandelt werden

sollten. Am 6. rückten die Alliirten ein. Der Kampf um den Besitz der

Stadt war vorüber, und ein neuer und furchtbarerer Kampf begann um den

Besitz der Citadelle.[51]

Villeroy hatte unterdessen einige kleine Eroberungen gemacht. Dixmuyden,

das einigen Widerstand hätte leisten können, hatte ihm nicht ohne

dringenden Verdacht der Verrätherei von Seiten des Gouverneurs, seine

Thore geöffnet. Deynse, das weniger im Stande war, sich zu vertheidigen,

war diesem Beispiele gefolgt. Die Besatzungen der beiden Städte waren in

offener Verletzung eines zur Auswechselung der Gefangenen getroffenen

Uebereinkommens nach Frankreich geschickt worden. Der Marschall rückte

hierauf gegen Brüssel vor, wahrscheinlich in der Hoffnung, durch

Bedrohung dieser schönen Hauptstadt die Verbündeten zur Aufhebung der

Belagerung des Kastells von Namur zu bestimmen. Sechsunddreißig Stunden

lang warf er Bomben und glühende Kugeln in die Stadt. Die Kurfürstin von

Bayern, die sich innerhalb der Mauern befand, abortirte vor Schreck.

Sechs Klöster wurden zerstört. Fünfzehnhundert Häuser standen zu

gleicher Zeit in Flammen. Die ganze untere Stadt würde bis auf den Grund

niedergebrannt sein, hätten nicht die Bewohner durch Sprengung

zahlreicher Gebäude dem Feuer Schranken gesetzt. Ungeheure Massen der

kostbarsten Spitzen und Teppiche wurden vernichtet, denn die Industrie

und der Handel, welche Brüssel in der ganzen Welt berühmt gemacht

hatten, waren bisher durch den Krieg wenig beeinträchtigt worden.

Mehrere von den Prachtgebäuden, welche den Marktplatz umgaben, wurden in

Trümmer geschossen. Selbst das Rathhaus, das prächtigste der vielen

prächtigen Senatshäuser, welche die Bürger der Niederlande erbaut haben,

war in der größten Gefahr. All’ diese Verwüstung bewirkte jedoch weiter

nichts, als daß sie viele Privatleute unglücklich machte. Wilhelm ließ

sich weder durch Furcht noch durch Herausforderung bewegen, die Hand,

mit der er Namur umklammert hielt, zu lockern. Das Feuer, das seine

Batterien rings um das Kastell unterhielten, war von der Art, wie man es

noch in keinem Kriege gesehen hatte. Die französischen Kanoniere wurden

durch den Kugelregen von ihren Geschützen vertrieben und gezwungen, in

unterirdischen gewölbten Gallerien Schutz zu suchen. Cohorn wettete

jubelnd mit dem Kurfürsten von Bayern um vierhundert Pistolen, daß der

Platz bis zum 31. August neuen Styls fallen werde. Der große Ingenieur

verlor zwar seine Wette, aber nur um wenige Stunden.[52]

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 4 / 25 段