[_Fenwick._] Der Anschlag wurde Sir John Fenwick mitgetheilt, der wegen

der feigen Beleidigung, die er der verstorbenen Königin zugefügt hatte,

berühmt war. Wenn man Fenwick’s eigner Versicherung glauben darf, war er

wohl geneigt, an einem Aufstande Theil zu nehmen, erschrak aber vor dem

Gedanken des Meuchelmordes und ließ sich seine Gesinnung so deutlich

merken, daß er seinen minder skrupulösen Genossen verdächtig wurde. Er

bewahrte jedoch ihr Geheimniß so streng, als ob er ihnen guten Erfolg

gewünscht hätte.

Es scheint als hätte anfangs ein natürliches Gefühl die Verschwörer

abgehalten, ihren Anschlag beim rechten Namen zu nennen. Selbst bei

ihren geheimen Berathungen sprachen sie vor der Hand noch nicht davon,

den Prinzen von Oranien zu ermorden. Sie wollten versuchen, sich seiner

zu bemächtigen und ihn lebend nach Frankreich zu bringen. Stießen sie

auf Widerstand, so würden sie sich vielleicht genöthigt sehen, von ihren

Degen und Pistolen Gebrauch zu machen, und Niemand könne dann für die

Folgen eines Hiebes oder Schusses stehen. Im Frühjahr 1695 wurde der nur

noch dünn verschleierte Mordplan Jakob mitgetheilt und dringend seine

Sanction erbeten. Aber Woche auf Woche verging und es kam keine Antwort

von ihm. Er schwieg wahrscheinlich in der Hoffnung, daß seine Anhänger

binnen Kurzem es wagen würden, auf eigne Verantwortung zu handeln, und

daß er so den Vortheil ihres Verbrechens, ohne die Schande desselben

haben werde. So scheinen sie ihn in der That verstanden zu haben. Er

habe, sagten sie, das Attentat nicht sanctionirt, aber er habe es auch

nicht verboten, und da er von ihrem Vorhaben Kenntniß gehabt habe, so

sei das Ausbleiben seines Verbots eine genügende Ermächtigung. Sie

beschlossen daher ans Werk zu gehen; aber bevor sie die nöthigen

Anstalten dazu treffen konnten, reiste Wilhelm nach Flandern ab, und der

Anschlag gegen sein Leben mußte nothwendig bis zu seiner Zurückkunft

verschoben werden.

[_Session des schottischen Parlaments._] Es war am 12. Mai, als der

König von Kensington nach Gravesend abging, wo er sich nach dem

Continent einzuschiffen gedachte. Drei Tage vor seiner Abreise war das

schottische Parlament nach einer Pause von ungefähr zwei Jahren wieder

in Edinburg zusammengetreten. Hamilton, der in der vorhergehenden

Session den Thron eingenommen und das Scepter gehalten hatte, war

gestorben, und man mußte sich daher nach einem neuen Lord Obercommissar

umsehen. Der Mann, auf den die Wahl fiel, war Johann Hay, Marquis von

Tweedale, Kanzler des Reichs, ein in den Staatsgeschäften ergrauter

Edelmann, wohl unterrichtet, besonnen, human, tadellos in seinem

Privatleben und im Ganzen genommen so achtungswerth als irgend ein

schottischer Lord, der lange und tief bei der Politik jener unruhigen

Zeiten betheiligt gewesen war.

[_Untersuchung des Gemetzels von Glencoe._] Seine Aufgabe war nicht frei

von Schwierigkeiten. Es war zwar wohl bekannt, daß die Stände im

Allgemeinen geneigt waren, die Regierung zu unterstützen, aber ebenso

wohl bekannt war es, daß ein gewisser Gegenstand die geschickteste und

delikateste Behandlung erforderte. Der Schrei des vor länger als drei

Jahren in Glencoe vergossenen Blutes war endlich gehört worden. Gegen

Ende des Jahres 1693 begann man allgemein die Gerüchte, welche anfangs

als factiöse Verleumdungen geringschätzend verlacht worden waren,

ernster Beachtung werth zu halten. Viele, die sonst nicht so leicht

etwas glaubten, was aus den geheimen Pressen der Jakobiten hervorging,

gestanden, daß zur Ehre der Regierung eine Untersuchung angeordnet

werden müsse. Die liebenswürdige Marie war über das, was sie gehört,

heftig entrüstet gewesen. Auf ihre Anregung hatte Wilhelm den Herzog von

Hamilton und mehrere andere angesehene Schotten ermächtigt, die ganze

Sache zu untersuchen. Aber der Herzog starb, seine Collegen waren in

Erfüllung ihrer Pflicht saumselig, und der König, der von Schottland

wenig wußte und sich wenig darum kümmerte, vergaß sie zu erinnern.[37]

Es zeigte sich jetzt, daß die Regierung eben so klug als recht gehandelt

haben würde, wenn sie den Wünschen des Landes zuvorgekommen wäre. Die

entsetzliche Geschichte, welche die Eidverweigerer beharrlich,

zuversichtlich und mit so vielen Nebenumständen wiederholten, daß man

fast gezwungen war, sie zu glauben, hatte endlich ganz Schottland

aufgeregt. Die Empfindlichkeit eines vorzüglich patriotischen Volks war

durch die Spötteleien der südlichen Pamphletisten gereizt worden, welche

fragten, ob es denn nördlich vom Tweed kein Gesetz, keine Gerechtigkeit,

keine Menschlichkeit, keinen Muth gebe, der selbst für die empörendsten

Unbilden Genugthuung verlangte. Jede der beiden extremen Parteien welche

einander in der allgemeinen Politik direct entgegengesetzt waren, wurden

durch ein eigenes Gefühl angetrieben, eine Untersuchung zu verlangen.

Die Jakobiten waren entzückt über die Aussicht, einen Fall nachweisen zu

können, der dem Usurpator zur Unehre gereichen mußte und der den vielen

Verbrechen gegenübergestellt werden konnte, welche die Whigs Cleverhouse

und Mackenzie zur Last legten. Die eifrigen Presbyterianer freuten sich

nicht minder über die Aussicht, den Master von Stair stürzen zu können.

Sie hatten den Dienst, den er zu den Zeiten der Verfolgung dem Hause

Stuart geleistet, weder vergessen, noch verziehen. Sie wußten, daß er

zwar an der politischen Revolution, die sie von der verhaßten Dynastie

befreit, aufrichtig Theil genommen, doch aber die kirchliche Revolution,

welche in ihren Augen noch wichtiger war, mit Mißfallen betrachtet

hatte. Sie wußten, daß das Kirchenregiment für ihn lediglich eine

Staatsangelegenheit war und daß er in Folge dieser Anschauungsweise die

bischöfliche Form der synodalen vorzog. Sie konnten nicht ohne Besorgniß

einen so schlauen und beredten Feind der reinen Religion, den König auf

jedem Schritt begleiten und ihm beständig Rathschläge zuflüstern sehen.

Sie wünschten daher sehnlichst eine Untersuchung, die, wenn auch nur die

Hälfte von dem was man sich gerüchtweise erzählte wahr war, Dinge an den

Tag bringen mußte, welche der Macht und dem Rufe des Ministers, dem sie

mißtrauten, voraussichtlich zum Verderben gereichten. Auch konnte sich

dieser Minister nicht auf den aufrichtigen Beistand aller Beamten der

Krone verlassen. Sein Genie und sein Einfluß hatten den Neid vieler

minder glücklichen Höflinge, insbesondere seines Mitsekretärs Johnstone

erweckt.

So war am Vorabende des Zusammentritts des schottischen Parlaments

Glencoe im Munde aller Schotten jeder Partei und jeder Glaubensrichtung.

Wilhelm, der eben im Begriff war, nach dem Kontinent abzureisen, sah

ein, daß er in diesem Punkte den Ständen ihren Willen lassen mußte und

daß er nichts Besseres thun konnte als sich selbst an die Spitze einer

Bewegung zu stellen, der er unmöglich zu widerstehen vermochte. Eine

Vollmacht, welche Tweedale und mehrere andere Geheimräthe autorisirte,

den Gegenstand, der das Volk in so große Aufregung versetzt, genau zu

untersuchen, wurde in Kensington vom Könige unterzeichnet, nach Edinburg

gesandt und dort mit dem großen Siegel des Reichs versehen. Dies geschah

gerade noch zur rechten Zeit.[38] Das Parlament hatte seine Geschäfte

kaum begonnen, als ein Mitglied sich erhob, um auf eine Untersuchung der

Umstände des Gemetzels von Glencoe anzutragen. Tweedale konnte nun den

Ständen anzeigen, daß die Güte Sr. Majestät ihren Wünschen

zuvorgekommen, daß wenige Stunden zuvor eine Untersuchungsvollmacht in

allen Formen ausgefertigt worden sei und daß die in diesem Dokumente

bezeichneten Lords und Gentlemen noch vor dem Abend ihre erste

Zusammenkunft halten würden.[39]

Das Parlament votirte dem Könige für diesen Beweis väterlicher Fürsorge

einstimmig seinen Dank; aber Einige von Denen, welche dem Dankvotum

beitraten, äußerten die sehr natürliche Besorgniß, daß die zweite

Untersuchung eben so unbefriedigend enden möchte, als die erste geendigt

hatte. Die Ehre des Landes, sagten sie, sei im Spiele, und die

Commissare seien verpflichtet, mit solcher Beschleunigung zu Werke zu

gehen, daß das Ergebniß der Untersuchung vor dem Schlusse der Session

bekannt würde. Tweedale gab Zusicherungen, welche die Murrenden auf

einige Zeit zum Schweigen brachten[40]. Als aber drei Wochen vergangen

waren, wurden viele Mitglieder aufsätzig und mißtrauisch. Am 14. Juni

wurde beantragt, daß die Commissare angewiesen werden sollten, ihren

Bericht zu erstatten. Der Antrag ging nicht durch, wurde aber jeden Tag

wiederholt. In drei aufeinanderfolgenden Sitzungen gelang es Tweedale,

das Drängen der Versammlung zu zügeln. Als er aber endlich anzeigte, daß

der Bericht vollendet sei, und hinzusetzte, daß er den Ständen nicht

eher vorgelegt werden könne, als bis er dem Könige unterbreitet worden

sei, brach ein heftiges Geschrei aus. Die Neugierde des Publikums war

aufs Höchste gespannt, denn die Untersuchung hatte bei verschlossenen

Thüren stattgefunden, und die Commissare sowohl wie die Schriftführer

waren eidlich zur Geheimhaltung verpflichtet worden. Der König war in

den Niederlanden. Wochen mußten vergehen, bevor seine Willensmeinung

eingeholt werden konnte, und die Session konnte nicht viel länger mehr

dauern. Bei einer vierten Debatte äußerten sich Anzeichen, die es dem

Lord Obercommissar rathsam erscheinen ließen, nachzugeben, und der

Bericht wurde vorgelegt.[41]

Es ist eine Arbeit, welche Denen, die sie entwarfen, viel Ehre macht,

eine vortreffliche Zusammenstellung der Thatsachen, klar,

leidenschaftslos und durchaus gerecht. Keine Quelle, aus der man

werthvolle Aufschlüsse zu schöpfen hoffen konnte, war unbeachtet

gelassen worden. Glengarry und Keppoch, obgleich notorisch der Regierung

abgeneigt, hatten die Erlaubniß erhalten, die Sache ihrer unglücklichen

Stammesgenossen zu führen. Mehrere von den Macdonalds, welche dem

Gemetzel jener Nacht entgingen, waren vernommen worden, unter ihnen der

regierende Mac Jan, der älteste Sohn des ermordeten Häuptlings. Die

Correspondenz des Masters von Stair mit den Militärs, welche in den

Hochlanden Commandos bekleideten, war einer strengen, aber nicht

parteiischen Prüfung unterworfen worden. Das Endresultat, zu welchem die

Commissare kamen und worin jeder einsichtsvolle und unbefangene

Beurtheiler ihnen beipflichten muß, war, daß das Gemetzel von Glencoe

ein barbarischer Mord gewesen und daß die Briefe des Masters von Stair

die alleinige Anregung dazu gegeben hatten.

Daß Breadalbane Theil an dem Verbrechen gehabt, wurde nicht erwiesen;

aber ganz rein ging er nicht aus der Untersuchung hervor. Man hatte im

Laufe derselben zufällig entdeckt, daß, als er Wilhelm’s Geld unter die

hochländischen Häuptlinge vertheilt, er gegen sie den wärmsten Eifer für

die Interessen Jakob’s an den Tag gelegt und ihnen gerathen hatte, von

dem Usurpator zu nehmen, was sie erlangen könnten, aber beständig nach

einer günstigen Gelegenheit zur Zurückführung des rechtmäßigen Königs

auszuspähen. Breadalbane’s Vertheidigung bestand darin, daß er ein

größerer Schurke war als seine Ankläger dachten und daß er sich nur

deshalb für einen Jakobiten ausgegeben hatte, um den jakobitischen

Plänen auf den Grund zu kommen. Die Tiefen der Schändlichkeit dieses

Mannes waren in der That unergründlich. Man konnte unmöglich sagen,

welche von seinen Verräthereien, um die italienische Classification

anzuwenden, einfache Verräthereien und welche doppelte Verräthereien

waren. In dem vorliegenden Falle nahm das Parlament an, daß er sich nur

einer einfachen Verrätherei schuldig gemacht habe, und schickte ihn in

das Staatsgefängniß zu Edinburg. Die Regierung aber schenkte nach

reiflicher Erwägung seiner Versicherung, daß er sich einer doppelten

Verrätherei schuldig gemacht habe, Glauben und setzte ihn wieder in

Freiheit.[42]

Der Bericht der Commission wurde von den Ständen sofort in Berathung

genommen. Sie resolvirten ohne eine einzige abweichende Stimme, daß der

von Wilhelm unterzeichnete Befehl das Gemetzel von Glencoe nicht

autorisirt habe. Sodann resolvirten sie, aber wie es scheint nicht

einstimmig, daß das Gemetzel ein Mord sei.[43] Hierauf nahmen sie noch

mehrere Beschlüsse an, deren Inhalt schließlich in eine Adresse an den

König zusammengefaßt wurde. Wie der auf den Master von Stair bezügliche

Theil der Adresse lauten sollte, war eine Frage, über welche viel

debattirt wurde. Es wurden mehrere von seinen Briefen verlangt und

vorgelesen und mehrere Amendements zu dem Votum beantragt. Die Jakobiten

und die extremen Presbyterianer scheinen, und dies mit nur zu gutem

Grunde, für Strenge gewesen zu sein. Die Majorität acceptirte unter der

geschickten Leitung des Lord Obercommissars Worte, die es dem schuldigen

Minister unmöglich machten, sein Amt zu behalten, die ihn aber nicht für

so strafbar erklärten, daß sein Leben oder sein Vermögen bedroht gewesen

wäre. Sie tadelten ihn, aber sie tadelten ihn in viel zu milden

Ausdrücken. Sie tadelten seinen maßlosen Eifer gegen den unglücklichen

Clan und seine eindringlichen Befehle, die Schlächterei unverhofft

vorzunehmen. Die übermäßige Heftigkeit in seinen Briefen erklärten sie

für die Grundursache des Gemetzels, aber anstatt zu verlangen, daß er

als Mörder vor Gericht gestellt werde, erklärten sie, daß sie es in

Anbetracht seiner Abwesenheit und seiner hohen Stellung der Weisheit des

Königs anheim gäben, so mit ihm zu verfahren, daß die Ehre der Regierung

gewahrt werde.

Die dem Hauptverbrecher bewiesene Nachsicht erstreckte sich nicht auf

seine Untergebenen. Hamilton, der geflüchtet und durch Proklamationen am

Stadtkreuze vergebens aufgefordert worden war, vor den Ständen zu

erscheinen, wurde für nicht rein von dem Blute der Glencoeleute erklärt.

Glenlyon, Hauptmann Drummond, Leutnant Lindsey, Fähnrich Lundie und

Sergeant Barbour wurden noch bestimmter als Mörder bezeichnet und der

König ersucht, dem Lordadvokaten ihre Prozessirung anzubefehlen.

Das schottische Parlament war bei dieser Gelegenheit unzweifelhaft am

unrechten Orte streng und am unrechten Orte nachsichtig. Die Grausamkeit

und Schändlichkeit Glenlyon’s und seiner Kameraden erregen noch heute,

nach Verlauf von hundertsechzig Jahren, eine Entrüstung, die es schwer

macht, unbefangen zu urtheilen. Wer es jedoch über sich gewinnen kann,

das Verfahren dieser Leute mit richterlicher Unparteilichkeit zu

betrachten, wird wahrscheinlich der Ansicht sein, daß sie nicht ohne

großen Nachtheil für das Gemeinwohl als Mörder hätten behandelt werden

können. Sie hatten Niemanden getödtet, dessen Tödtung ihnen nicht von

ihrem commandirenden Offizier auf das Bestimmteste anbefohlen war. Es

würde mit der Subordination, ohne die eine Armee der schlimmste

Pöbelhaufen ist, vorbei sein, wenn jeder Soldat für die Gerechtigkeit

jedes Befehls, in dessen Befolgung er sein Gewehr abfeuert,

verantwortlich sein sollte. Der Fall in Glencoe war allerdings ein

extremer Fall; aber im Prinzip dürfte er schwer von Fällen zu

unterscheiden sein, wie sie im Kriege ganz gewöhnlich sind. Grausame

militärische Executionen sind zuweilen unerläßlich; die Humanität selbst

kann sie gebieten. Wer hat zu entscheiden, ob ein Fall vorliegt, der

Strenge zur wahren Barmherzigkeit macht? Wer hat zu bestimmen, ob es

nothwendig ist oder nicht, eine blühende Stadt in Asche zu legen, eine

zahlreiche Schaar von Meuterern zu decimiren, eine ganze Räuberbande zu

erschießen? Lastet die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden

Offizier oder auf dem Gliede, dem er befiehlt, sich fertig zu machen,

anzulegen und Feuer zu geben? Und wenn es die allgemeine Regel ist, daß

die Verantwortlichkeit auf dem commandirenden Offizier und nicht auf

Denen lastet, die ihm gehorchen, läßt sich dann ein Grund dafür angeben,

den Fall von Glencoe für eine Ausnahme von dieser Regel zu erklären? Es

ist bemerkenswerth, daß kein Mitglied des schottischen Parlaments darauf

antrug, einen der Gemeinen von Argyle’s Regiment wegen Mordes in

Anklagestand zu versetzen. Jedem unter dem Range des Sergeanten

Stehenden wurde völlige Straflosigkeit gewährt. Doch nach welchem

Prinzip? Wenn der militärische Gehorsam keine haltbare Entschuldigung

war, so war gewiß jeder Mann, der in jener fürchterlichen Nacht einen

Macdonald erschoß, ein Mörder. Und wenn der militärische Gehorsam ein

haltbarer Entschuldigungsgrund für den Musketier war, der auf Befehl des

Sergeanten Barbour handelte, warum dann nicht auch für Barbour, der auf

Befehl Glenlyon’s handelte? Und warum nicht auch für Glenlyon, der auf

Befehl Hamilton’s handelte? Es kann wohl schwerlich behauptet werden,

daß der Gemeine seinem Unteroffizier mehr Gehorsam schulde als der

Unteroffizier seinem Hauptmanne oder der Hauptmann seinem Obersten.

Man kann behaupten, die Glenlyon ertheilten Befehle seien so

absonderlicher Art gewesen, daß, wenn er ein tugendhafter Mensch gewesen

wäre, er eher seine Stellung in die Schanze geschlagen, sich dem

Mißfallen des Obersten, des Generals und des Staatssekretärs ausgesetzt

und die schwerste Strafe, die ein Kriegsgericht über ihn verhängen

konnte, auf sich genommen, als die ihm gegebene Ordre vollzogen haben

würde, und dies ist vollkommen wahr; aber es handelt sich nicht darum,

ob er als tugendhafter Mensch verfuhr, sondern ob er etwas that,

weswegen er, ohne eine für die militärische Disciplin und für die

Sicherheit der Nationen wesentliche Regel zu verletzen, als Mörder

gehängt werden konnte. In jenem Falle war Ungehorsam sicherlich eine

moralische Pflicht, aber es folgt daraus noch nicht, daß Gehorsam ein

legales Verbrechen war.

Es scheint daher, daß die Schuld Glenlyon’s und seiner Kameraden nicht

innerhalb der Sphäre des Strafgesetzes lag. Die einzige Strafe, welche

geeignetermaßen über sie verhängt wenden konnte, war die, welche Kain zu

dem Ausrufe veranlaßte, daß sie größer sei, als er sie ertragen könne:

auf der Erde umherzuirren und überall ein Zeichen mit sich

herumzutragen, von dem selbst schlechte Menschen sich schaudernd

abwendeten.

Nicht so war es mit dem Master von Stair. Er war sowohl von der

Untersuchungscommission als von den Ständen des Reichs in vollem

Parlamente feierlich für den ersten Urheber des Gemetzels erklärt

worden. Daß es nicht rathsam war, an seinen Werkzeugen ein Exempel zu

statuiren, war der stärkste Grund, ein solches an ihm zu statuiren.

Jedes Argument, das gegen die Bestrafung des Soldaten geltend gemacht

werden kann, der die Befehle seines Vorgesetzten ausführt, ist ein

Grund, den Vorgesetzten, welcher ungerechte und unmenschliche Befehle

giebt, nach der äußersten Strenge des Gesetzes zu bestrafen. Wo unten

keine Verantwortlichkeit sein kann, da muß oben doppelte

Verantwortlichkeit sein. Was das schottische Parlament einstimmig hätte

verlangen sollen, war, nicht daß ein armer unwissender Sergeant, der für

das blutige Werk, das er gethan, kaum verantwortlicher war als seine

Hellebarde, gehängt, sondern daß der eigentliche Mörder, der klügste,

beredtsamste und mächtigste aller schottischen Staatsmänner, vor ein

öffentliches Gericht gestellt werden und, wenn er schuldig befunden

würde, den Tod eines Verbrechers sterben sollte. Nichts Geringeres als

ein solches Opfer konnte ein solches Verbrechen sühnen. Leider machten

die Stände, indem sie die Schuld des Hauptverbrechers milderten und zu

gleicher Zeit verlangten, daß seine geringen Werkzeuge mit einer

gesetzwidrigen Strenge bestraft werden sollten, den Flecken, den das

Gemetzel auf der Ehre der Nation zurückgelassen, größer und tiefer als

er vorher gewesen.

Auch der König ist von einer großen Pflichtverletzung unmöglich

freizusprechen. Es ist zwar sehr wahrscheinlich, daß er, bevor er den

Bericht seiner Commissare erhielt, über die Umstände des Gemetzels nur

sehr unvollkommen unterrichtet war. Wir können schwerlich annehmen, daß

er viel jakobitische Pamphlets zu lesen pflegte, und wenn er sie gelesen

hätte, würde er darin eine solche Masse absurder und gehässiger

Schmähungen gegen seine Person gefunden haben, daß er sehr wenig geneigt

gewesen wäre, irgend eine der Beschuldigungen zu glauben, die sie auf

seine Diener wälzten. Er würde sich in der einen Schrift beschuldigt

gesehen haben, ein verkappter Papist zu sein, in einer andren, Jeffreys’

im Tower vergiftet zu haben, in einer dritten, es darauf angefangen zu

haben, daß Talmash bei Brest umkommen mußte. Er würde die Behauptung

gefunden haben, daß er einmal in Irland fünfzig Mann von seinen

verwundeten englischen Soldaten habe lebendig verbrennen lassen. Er

würde gesehen haben, daß man die unwandelbare Zuneigung, die er von

seinem Knabenalter bis zu seinem Tode für einige der bravsten und

zuverlässigsten Freunde gehegt, die je ein Fürst zu besitzen das Glück

hatte, zu einem Grunde machte, um ihm so empörende Abscheulichkeiten zur

Last zu legen, wie sie in den Fluthen des todten Meeres begraben sind.

Es war daher ganz natürlich, wenn er Anstand nahm, entsetzliche

Beschuldigungen zu glauben, welche Schriftsteller, die er als

gewohnheitsmäßige Lügner kannte, gegen einen Staatsmann erhoben, dessen

Talente er hochschätzte und dessen Bemühungen er bei einigen wichtigen

Anlässen viel zu danken gehabt hatte. Nachdem er aber die ihm durch

Tweedale von Edinburg übersendeten Actenstücke gelesen, konnte er an der

Schuld des Masters von Stair nicht im Geringsten mehr zweifeln. Diese

schwere Schuld mit einer exemplarischen Strafe heimzusuchen, war die

heilige Pflicht eines Souverains, der mit zum Himmel erhobener Hand

geschworen hatte, daß er in seinem Königreiche Schottland in allen

Klassen und Ständen jeder Unterdrückung steuern und Gerechtigkeit üben

wolle ohne Ansehen der Person, so wie er auf Gnade hoffe von dem Vater

aller Gnade. Wilhelm begnügte sich damit, den Master von Stair seines

Amtes zu entheben. Diesen großen Fehler, einen Fehler, der die Höhe

eines Verbrechens erreichte, versuchte Burnet zwar nicht zu

vertheidigen, aber doch zu entschuldigen. Er wollte uns glauben machen,

daß der König, als er mit Schrecken gewahrte, wie viele Personen bei dem

Gemetzel von Glencoe betheiligt gewesen waren, es für besser hielt, eine

allgemeine Amnestie zu bewilligen, als ein Gemetzel durch ein andres zu

bestrafen. Diese Darstellung ist jedoch das directe Gegentheil der

Wahrheit. Es waren allerdings zahlreiche Werkzeuge bei der Schlächterei

thätig gewesen, aber der Anstoß war bei ihnen Allen von einem Einzigen

ausgegangen. Hoch über dem großen Haufen der Verbrecher stand ein durch

Talente, Kenntnisse, Rang und Macht ausgezeichneter Verbrecher. Zur

Sühne für eine Menge verrätherisch hingeschlachteter Opfer verlangte die

Gerechtigkeit nur ein Opfer, und es muß jederzeit als ein Flecken auf

dem Ruhme Wilhelm’s betrachtet werden, daß dem Verlangen nicht

entsprochen wurde.

Am 17. Juli ward die Session des schottischen Parlaments geschlossen.

Die Stände hatten freigebig eine Geldsumme bewilligt, wie sie das arme

Land, das sie vertraten, geben konnte. Allerdings waren sie durch den

Glauben, daß sie ein Mittel gefunden hatten, dieses arme Land schnell

reich zu machen, in gute Laune versetzt worden. Ihre Aufmerksamkeit war

zwischen der Untersuchung über das Gemetzel von Glencoe und einigen

vielversprechenden commerciellen Projecten getheilt gewesen. In einem

späteren Kapitel wird die Natur dieser Projecte erklärt und ihr

Schicksal berichtet werden.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 3 / 25 段