seine eigenen dem Staate geleisteten Dienste. Ohne ihn, sagte er,
würde es kein Haus der Gemeinen gegeben haben, das ihn hätte anklagen
können, eine Prahlerei, die so überspannt war, daß seinen Zuhörern
nothwendig die Lust vergehen mußte, ihm dasjenige Lob zuzugestehen,
das sein Verhalten zur Zeit der Revolution wirklich verdiente. Ueber
die gegen ihn erhobene Anklage sagte er nicht viel mehr als daß er
unschuldig sei, daß man schon längst mit dem böswilligen Plane umgehe,
ihn ins Verderben zu stürzen, daß er nicht auf Einzelnheiten eingehen
wolle, daß die Facta, welche bewiesen worden seien, zweierlei Deutungen
zuließen, und daß von diesen beiden Deutungen billigerweise die
günstigere angenommen werden müsse. Er entfernte sich, nachdem er das
Haus gebeten hatte, den eben gefaßten Beschluß noch einmal zu erwägen,
oder, wenn dies nicht sein könne, ihm wenigstens bald Gerechtigkeit
widerfahren zu lassen.
Seine Freunde fühlten wohl, daß seine Rede keine Vertheidigung war, und
sie versuchten es daher auch gar nicht, den Beschluß rückgängig zu
machen, der unmittelbar vor seiner Anhörung gefaßt worden war. Wharton
begab sich in zahlreicher Begleitung zu den Lords und zeigte ihnen an,
daß die Gemeinen beschlossen hätten, den Herzog in Anklagestand zu
versetzen. Es wurde ein Ausschuß ernannt, um die Artikel aufzusetzen und
die Beweise vorzubereiten.[26]
Die Anklageartikel waren bald aufgesetzt, aber in der Beweiskette fehlte
ein Glied. Dieses Glied konnte aller Wahrscheinlichkeit noch Robart
liefern, wenn er streng verhört und mit anderen Zeugen confrontirt
wurde. Die Gemeinen erließen eine Vorladung an ihn. Ein Bote begab sich
damit nach der Wohnung des Herzogs von Leeds und erhielt dort den
Bescheid, daß der Schweizer schon seit drei Tagen abwesend sei und daß
der Portier nicht sagen könne, wo er sich aufhalte. Die Lords richteten
unverzüglich eine Adresse an den König, worin sie ihn ersuchten, Befehl
zu geben, daß die Häfen gesperrt und der Flüchtling festgenommen werde.
Aber Robart war schon in Holland auf dem Wege nach seinen heimischen
Bergen.
Die Flucht dieses Mannes machte es den Gemeinen unmöglich, die Sache
weiter zu verfolgen. Sie beschuldigten Leeds mit Heftigkeit, daß er den
Zeugen entfernt habe, der allein den juristischen Beweis für Thatsachen
liefern konnte, welche durch moralische Beweise bereits festgestellt
waren. Leeds, der jetzt wegen des Ausgangs der Anklage beruhigt war, gab
sich das Ansehen eines schwer Beleidigten. „Mylords,” sagte er, „das
Verfahren der Gemeinen ist beispiellos. Sie beschuldigen mich eines
schweren Verbrechens, sie versprechen es zu beweisen; dann finden sie,
daß sie nicht die Mittel haben es zu beweisen, und sie machen mir
Vorwürfe, daß ich ihnen diese Mittel nicht liefere. Sie hätten gewiß
eine solche Anklage nicht erheben sollen, ohne wohl zu überlegen, ob sie
auch genügende Beweise hatten, um sie aufrecht zu erhalten, oder nicht.
Wenn Robart’s Zeugniß, wie sie jetzt sagen, unerläßlich ist, warum
ließen sie ihn nicht kommen und ihn seine Geschichte erzählen, ehe sie
sich zur Anklage entschlossen? Sein Verschwinden haben sie ihrer eignen
Maßlosigkeit, ihrer eignen Uebereilung zuzuschreiben. Er ist ein
Ausländer, er ist ängstlich, er hört, daß ein Vorgang, bei dem er
betheiligt gewesen, vom Hause der Gemeinen für höchst strafbar erklärt,
daß sein Herr angeklagt, daß sein Freund Bates im Gefängniß sei und daß
jetzt an ihn die Reihe kommen solle. Natürlich bekommt er Furcht,
flüchtet sich in sein Vaterland, und so weit ich ihn kenne, möchte ich
wohl behaupten, daß er sich sobald nicht wieder in den Bereich einer
Vorladung des Sprechers wagen wird. Aber was geht das Alles mich an?
Soll ich mein ganzes Leben lang das Brandmal einer solchen Beschuldigung
mit mir herumtragen, lediglich deshalb, weil die Heftigkeit meiner
Ankläger ihren Zeugen aus England getrieben hat? Ich verlange sofortige
Prozessirung. Ich fordere Eure Lordschaften auf zu beschließen, daß die
Anklage zurückgewiesen werden soll, wenn die Gemeinen dieselbe nicht vor
dem Schlusse der Session anbringen.” Einige befreundete Stimmen riefen:
„Gut beantragt!” Aber die Peers im allgemeinen waren nicht geneigt einen
Schritt zu thun, der für das Unterhaus und die große Masse Derer,
welche dieses Haus vertrat, im höchsten Grade beleidigend gewesen wäre.
Der Antrag des Herzogs fiel durch und einige Stunden darauf wurde das
Parlament prorogirt.[27]
[_Leeds’ Entlassung._] Die Anklage wurde nie wieder erneuert. Der
Beweis, der eine formelle Schuldigerklärung begründet haben würde,
konnte nicht beigebracht werden, und eine formelle Schuldigerklärung
würde Wharton’s Zweck schwerlich besser entsprochen haben, als die
unformelle Schuldigerklärung, welche die ganze Nation bereits
ausgesprochen hatte. Das Werk war vollbracht, die Whigs hatten die
Oberhand. Leeds war nicht mehr erster Minister, ja überhaupt gar nicht
mehr Minister. Wilhelm vermied, wahrscheinlich aus Achtung für das
Andenken der geliebten Frau, die er vor kurzem verloren und der Leeds
eine besondere Zuneigung bewiesen hatte, Alles was wie Härte aussehen
konnte. Der gestürzte Staatsmann durfte noch eine beträchtliche Zeit
lang den Titel Lordpräsident beibehalten und bei öffentlichen
Gelegenheiten zwischen dem Großen Siegel und dem Geheimsiegel gehen.
Aber man gab ihm zu verstehen, daß er wohl thun würde, nicht mehr im
Ministerium zu erscheinen; die Geschäfte und das Patronat selbst
desjenigen Departements, dessen nominelles Oberhaupt er war, gingen in
andere Hände über, und der Posten, den er zum Scheine noch bekleidete,
wurde in den politischen Kreisen als thatsächlich erledigt
betrachtet.[28]
Er eilte in die Provinz und verbarg sich dort einige Monate vor den
Augen der Oeffentlichkeit. Als jedoch das Parlament wieder zusammentrat,
kam er aus seinem Versteck hervor. Obwohl er in weit vorgerückten Jahren
stand und von Krankheit gequält wurde, war sein Ehrgeiz doch noch so
glühend als je. Mit rastloser Energie begann er zum dritten Male zu
klimmen, um, wie er sich schmeichelte, die schwindelnde Höhe wieder zu
erreichen, auf der er schon zweimal gestanden hatte und von der er schon
zweimal herabgestürzt war. Er nahm lebhaft Theil an der Debatte; aber
wenn auch seine Beredtsamkeit und seine Kenntnisse ihm jederzeit die
Aufmerksamkeit seiner Zuhörer sicherten, so wurde ihm doch nie wieder,
selbst als die Torypartei am Ruder war, der kleinste Antheil an der
Leitung der öffentlichen Angelegenheiten bewilligt.
[_Lords Justices ernannt._] Eine große Demüthigung konnte ihm nicht
erspart werden. Wilhelm stand auf dem Punkte, das Commando der Armee in
den Niederlanden zu übernehmen, und bevor er absegelte, mußte er
bestimmen, von wem die Regierung in seiner Abwesenheit verwaltet werden
sollte. Bisher hatte Marie die Viceregentschaft geführt, wenn er
außerhalb England’s war; aber sie war nicht mehr. Er übertrug daher
seine Autorität sieben Lords Justices: Tenison, Erzbischof von
Canterbury, Somers, Großsiegelbewahrer, Pembroke, Geheimsiegelbewahrer,
Devonshire, Lord Obersthofmeister, Dorset, Lord Kammerherr, Shrewsbury,
Staatssekretär, und Godolphin, erster Commissar des Schatzes. Es ist
aus dieser Namenliste leicht zu ersehen, nach welcher Seite die
Wagschale der Macht sich jetzt neigte. Unter den sieben war Godolphin
der einzige Tory. Der Lordpräsident, unter den hohen Laienwürdenträgern
des Reichs noch immer der Zweite im Range, war übergangen, und diese
Auslassung wurde allgemein als eine officielle Ankündigung seiner
Ungnade betrachtet.[29]
[_Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna._] Manche
wunderten sich, daß die Prinzessin von Dänemark nicht zur Viceregentin
ernannt wurde. Die Aussöhnung, welche begonnen hatte, als Marie im
Sterben lag, war seit ihrem Tode, wenigstens dem äußeren Scheine nach,
vollendet worden. Dies war eine von denjenigen Gelegenheiten, bei denen
Sunderland sich besonders nützlich machen konnte. Er eignete sich
vortrefflich dazu, eine persönliche Unterhandlung zu leiten, Groll zu
mildern, verletzten Stolz zu beschwichtigen, von allen Gegenständen des
irdischen Verlangens den zu wählen, von dem sich am ehesten erwarten
ließ, daß er das Gemüth, mit dem er es zu thun hatte, anziehen werde.
Bei dieser Gelegenheit war seine Aufgabe nicht schwer, denn er hatte
zwei treffliche Stützen: Marlborough im Hofstaate Anna’s, und Somers im
Cabinet Wilhelm’s.
Marlborough wünschte jetzt eben so sehr die Regierung zu unterstützen,
wie er einst gewünscht hatte, sie zu stürzen. Mariens Tod hatte eine
vollständige Umwandlung in allen seinen Plänen hervorgebracht. Es gab
ein Ereigniß, dem er mit dem sehnlichsten Verlangen entgegensah: die
Erhebung der Prinzessin auf den englischen Thron. Es war gewiß, daß er
von dem Tage an, wo sie zu regieren begann, an ihrem Hofe alles das
wurde, was Buckingham am Hofe Jakob’s I. gewesen war. Marlborough muß
sich überdies noch ganz andere Talente zugetraut haben als sie
Buckingham besaß: ein Genie für die Politik, nicht geringer als das
Richelieu’s, ein Genie für den Krieg, nicht geringer als das Turenne’s.
Vielleicht sah der entlassene General in seiner Dunkelheit und
Unthätigkeit noch eine Zeit kommen, wo seine Macht, in Europa zu nützen
und zu schaden, der der mächtigsten europäischen Fürsten gleich sein
würde, wo der Kaiser auf der einen und Ludwig der Große auf der andren
Seite ihm kriechend schmeicheln und den Hof machen und wo er jedes Jahr
das größte Vermögen, das irgend ein englischer Unterthan jemals
aufgehäuft hatte, um neue hunderttausend Pfund vermehren würde. Dies
Alles konnte geschehen, wenn Mrs. Morley Königin wurde. Aber daß Mr.
Freeman jemals Mrs. Morley als Königin sehen würde, war bis vor kurzem
nicht sehr wahrscheinlich gewesen. Maria versprach viel länger zu leben
als er und mindestens eben so lange als ihre Schwester. Daß Wilhelm
Nachkommen erhalten würde, stand nicht zu erwarten. Dagegen erwartete
man allgemein, daß er bald sterben würde. Seine Wittwe konnte sich
wieder vermählen und Kinder hinterlassen, die ihr auf dem Throne folgen
würden. Unter diesen Umständen konnte Marlborough mit Recht denken, daß
er sehr wenig Interesse an der Aufrechthaltung der von der Convention
festgestellten Thronfolgeordnung habe. Nichts versprach seinem Zwecke
besser zu dienen, als Verwirrung und Bürgerkrieg, als eine neue
Revolution, eine neue Abdankung, eine neue Erledigung des Thrones. Es
war möglich, daß die Nation, gegen Wilhelm erbittert, und doch nicht
mit Jakob ausgesöhnt, zwischen dem Hasse gegen Ausländer und dem Hasse
gegen Jesuiten schwankend, dem holländischen sowohl als dem papistischen
Könige eine Prinzessin vorzog, die zugleich eine Tochter unsres Landes
und ein Mitglied unsrer Kirche war. Daß dies die wirkliche Erklärung von
Marlborough’s dunklen und verwickelten Complotten war, davon waren, wie
wir gesehen haben, einige von den eifrigsten Jakobiten fest überzeugt,
und es ist auch in hohem Grade wahrscheinlich. Es ist ausgemacht, daß er
seit mehreren Jahren keine Mühe gespart hatte, um die Armee und die
Nation gegen die Regierung aufzubringen. Doch jetzt war Alles anders.
Marie war nicht mehr. Durch die Rechtsbill war die Krone nach dem Tode
Wilhelm’s Anna gesichert, und Wilhelm’s Tod konnte nicht mehr fern sein.
In der That, alle Aerzte, die ihn behandelten, wunderten sich, daß er
noch lebte, und wenn man zu den Gefahren der Krankheit die Gefahren des
Kriegs rechnete, hatte es alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß er in
wenigen Monaten im Grabe liegen werde. Marlborough sah ein, daß es jetzt
Wahnsinn sein würde, Alles in Verwirrung zu bringen und Alles auf’s
Spiel zu setzen. Er hatte sein Möglichstes gethan, den Thron zu
erschüttern, so lange es nicht wahrscheinlich war, daß Anna ihn je
anders würde besteigen können, als durch gewaltsame Mittel. Aber er that
sein Möglichstes, ihn zu befestigen, sobald es wahrscheinlich wurde, daß
sie bald nach dem regelmäßigen Laufe der Natur und des Gesetzes berufen
werden würde, ihn einzunehmen.
Die Prinzessin wurde durch die Churchill leicht bewogen, ein
unterwürfiges und herzliches Beileidsschreiben an den König zu
richten. Der König, welcher niemals sonderlich geneigt war, sich in
einen Austausch unaufrichtiger Complimente einzulassen, und der noch
von der ersten Heftigkeit seines Schmerzes zu Boden gedrückt wurde,
schien wenig Lust zu haben, ihrem Entgegenkommen zu entsprechen. Somers
aber, welcher erkannte, daß Alles auf dem Spiele stand, ging nach
Kensington und verschaffte sich Zutritt in das königliche Cabinet.
Wilhelm saß darin, so tief in schwermüthige Gedanken versunken, daß er
den Eintritt eines Besuchs gar nicht zu bemerken schien. Nach einer
ehrerbietigen Pause brach der Lord Siegelbewahrer das Schweigen und
beschwor Se. Majestät, gewiß mit all’ der vorsichtigen Delikatesse, die
ihm eigen war und die ihn so vorzüglich befähigte, wunde Stellen des
Gemüths zu berühren, ohne sie zu verletzen, sich mit der Prinzessin
zu versöhnen. „Thun Sie was Sie wollen,” sagte Wilhelm, „ich kann
an keine Geschäftsangelegenheit denken.” Auf diese Ermächtigung hin
schlossen die Vermittler eiligst einen Vertrag.[30] Anna kam nach
Kensington und wurde freundlich aufgenommen; sie erhielt eine Wohnung
im St. Jamespalaste, bekam wieder eine Ehrenwache, und nach langer
Unterbrechung zeigten die Nummern der Gazette wieder an, daß auswärtige
Gesandte die Ehre gehabt hätten, ihr vorgestellt zu werden.[31] Auch
die Churchill durften wieder unter dem königlichen Dache wohnen. Aber
Wilhelm schloß sie zuerst nicht in die Aussöhnung ein, die er mit
ihrer Gebieterin angebahnt hatte. Marlborough blieb von militärischen
und politischen Aemtern ausgeschlossen, und nicht ohne Schwierigkeit
erlangte er Zutritt in dem königlichen Zirkel zu Kensington und
Erlaubniß, dem Könige die Hand zu küssen.[32] Das Gefühl, mit dem der
König ihn betrachtete, erklärt es hinreichend, warum Anna nicht zur
Regentin ernannt wurde. Die Regentschaft Anna’s würde die Regentschaft
Marlborough’s gewesen sein, und es kann nicht Wunder nehmen, daß ein
Mann, dem man kein Amt im Staate oder Heere zu übertragen für rathsam
hielt, nicht mit der gesammten Verwaltung des Landes betraut wurde.
Wäre Marlborough stolzen und rachsüchtigen Charakters gewesen, so hätte
er sich angereizt fühlen können, einen neuen Streit in der königlichen
Familie zu entzünden und neue Cabalen in der Armee anzuzetteln; aber er
hatte alle seine Leidenschaften, mit Ausnahme des Ehrgeizes und der
Habsucht, streng in der Gewalt. Er kannte das Gefühl der Rache so wenig
als das Gefühl der Dankbarkeit. Er hatte gegen die Regierung conspirirt,
während sie ihn mit Gunstbezeigungen überhäufte. Jetzt unterstützte er
sie, obgleich sie seine Unterstützung mit Schimpf vergalt. Er erkannte
sein Interesse vollkommen, er beherrschte sein Temperament vollkommen,
und so ertrug er mit Anstand die Unannehmlichkeiten seiner gegenwärtigen
Lage und begnügte sich, den Eintritt eines Ereignisses zu erwarten, das
ihn für einige Jahre der Geduld reichlich entschädigen konnte. Er hörte
zwar nicht auf, mit dem Hofe von Saint-Germains zu correspondiren, aber
die Correspondenz wurde nach und nach immer spärlicher und scheint
seinerseits nur aus unbestimmten Versicherungen und leeren
Entschuldigungen bestanden zu haben.
Das Ereigniß, das allen Aussichten Marlborough’s eine andre Gestalt
gegeben, hatte die Gemüther heftigerer und starrsinnigerer Politiker mit
hochfliegenden Hoffnungen und abscheulichen Plänen erfüllt.
[_Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben._] Während der
ersten dritthalb Jahre nach Grandval’s Hinrichtung war kein ernstlicher
Anschlag gegen das Leben Wilhelm’s geschmiedet worden. Einige
hitzköpfige Mißvergnügte hatten wohl Pläne zu seiner Entführung und
Ermordung gemacht; aber diese Pläne waren, so lange seine Gemahlin
lebte, von deren Vater nicht begünstigt worden. Jakob hegte keine
Bedenken und war auch, diese Gerechtigkeit muß man ihm widerfahren
lassen, kein solcher Heuchler, daß er Bedenken dagegen hätte vorgeben
sollen, seine Feinde durch Mittel aus dem Wege zu räumen, die er mit
Recht für gemein und schändlich gehalten hatte, als sie von seinen
Feinden gegen ihn angewendet wurden. Und wenn ja ein solches Bedenken in
ihm aufgestiegen wäre, so fehlte es unter seinem Dache nicht an
Casuisten, welche den Willen und die Fähigkeit hatten, sein Gewissen
durch Sophismen zu beschwichtigen, wie sie die viel edleren Naturen
eines Anton Babington und eines Eberhard Digby verdorben hatten. Die
Rechtmäßigkeit des Meuchelmords, in Fällen wo Meuchelmord die Interessen
der Kirche fördern konnte, in Zweifel ziehen, hieß die Autorität der
berühmtesten Jesuiten, Bellarmine’s und Suarez’, Molina’s und Mariana’s
bestreiten, ja sich gegen den Stuhl St. Peter’s selbst auflehnen. Ein
Papst war zu Ehren des heimtückischen Gemetzels, in welchem Coligny
umgekommen war, an der Spitze seiner Cardinäle in einer Prozession
einhergeschritten, hatte ein Jubiläum proklamirt und die Kanonen von St.
Angelo abfeuern lassen. Ein andrer Papst hatte in einer feierlichen
Allocution die Ermordung Heinrich’s III. von Frankreich in
hinreißender, der Ode des Propheten Habakuk entlehnten Sprache besungen
und den Mörder über Pinehas und Judith erhoben.[33] Wilhelm wurde in
Saint-Germains als ein Ungeheuer betrachtet, in Vergleich zu welchem
Coligny und Heinrich III. Heilige waren. Gleichwohl weigerte sich
Jakob einige Jahre lang, irgend ein Attentat gegen die Person seines
Neffen zu sanctioniren. Die Gründe, die er für seine Weigerung anführte,
sind so wie er sie eigenhändig niederschrieb, auf uns gekommen. Er
heuchelte nicht den Glauben, daß Meuchelmord eine Sünde sei, die ein
Christ verabscheuen müsse, oder eine Schurkerei, die eines Gentleman
unwürdig sei, sondern er sagte bloß, daß die Schwierigkeiten groß seien
und daß er seine Freunde nicht drängen wolle, sich einer großen Gefahr
auszusetzen, da es nicht in seiner Macht stehe, sie wirksam zu
unterstützen.[34] So lange Marie lebte, war es allerdings sehr
zweifelhaft, ob die Ermordung ihres Gemahls der jakobitischen Sache
wirklich nützen werde. Durch seinen Tod hätte die Regierung die aus
seinen eminenten persönlichen Eigenschaften hervorgehende Kraft
verloren, wäre aber zugleich auch von der Last seiner persönlichen
Unpopularität befreit worden. Seine ganze Macht wäre mit einemmal auf
seine Wittwe übergegangen, und die Nation würde sich wahrscheinlich mit
Begeisterung um sie geschaart haben. Waren ihre politischen Fähigkeiten
auch den seinigen nicht gleich, so besaß sie dagegen nicht sein
abstoßendes Wesen, seinen fremden Accent und seine Parteilichkeit für
alles Holländische und alles Calvinistische. Viele, die sie eines
strafwürdigen Mangels an kindlicher Pietät beschuldigten, würden der
Meinung gewesen sein, daß sie jetzt gewiß aller Pflichten gegen einen
Vater entbunden sei, der sich mit dem Blute ihres Gatten befleckt habe.
Die ganze Regierungsmaschine wäre ohne die Unterbrechung, welche
gewöhnlich auf die Niederlegung der Krone folgte, in regelmäßigem Gange
geblieben. Es hätte keine Auflösung des Parlaments, keine Suspension der
Zölle und Accisen stattgefunden; alle Ernennungen hätten ihre Gültigkeit
behalten, und Jakob hätte durch den Sturz seines Feindes nichts gewonnen
als eine unfruchtbare Rache.
Der Tod der Königin änderte Alles. Wenn jetzt ein Dolch oder eine Kugel
Wilhelm’s Herz traf, so war es wahrscheinlich, daß sofort allgemeine
Anarchie eintrat. Das Parlament und der Geheimrath hörten auf zu
existiren. Die Autorität der Minister und Richter erlosch mit Dem, von
dem sie ausging. Es war nicht unwahrscheinlich, daß in einem solchen
Augenblicke sich ohne Schwertstreich eine Restauration bewerkstelligen
lassen würde.
[_Charnock._] Marie war daher kaum in die Gruft gesenkt, so begannen
unruhige und gewissenlose Menschen ernstlich gegen das Leben Wilhelm’s
zu conspiriren. Unter diesen Männern stand Charnock in Talenten, Muth
und Energie obenan. Er hatte eine liberale Erziehung genossen und war
unter der vorigen Regierung Fellow des Magdalenencollegiums zu Oxford
gewesen. Er allein in dieser großen Gesellschaft hatte das gemeinsame
Interesse verrathen, hatte sich zum Werkzeuge der Hohen Commission
hergegeben, war öffentlich von der englischen Kirche abgefallen, und
hatte zu der Zeit, wo sein Collegium ein papistisches Seminar war, das
Amt des Vicepräsidenten bekleidet. Die Revolution kam und gab dem ganzen
Laufe seines Lebens sofort eine andre Richtung. Aus dem stillen
Kreuzgange und dem alten Eichenhaine am Ufer des Cherwell vertrieben,
besuchte er Orte ganz andrer Art. Mehrere Jahre führte er das
gefahrvolle und bewegte Leben eines Verschwörers, reiste mit geheimen
Aufträgen zwischen England und Frankreich hin und her, wechselte öfters
seine Wohnung in London und war in verschiedenen Kaffeehäusern unter
verschiedenen Namen bekannt. Seine Dienste waren mit einem von dem
verbannten Könige unterzeichneten Hauptmannspatent belohnt worden.
[_Porter._] Mit Charnock eng verbunden war Georg Porter, ein Abenteurer,
der sich einen Katholiken und Royalisten nannte, der aber in
Wirklichkeit jeder Religion und jedes politischen Grundsatzes
ermangelte. Selbst seine Freunde konnten nicht leugnen, daß er ein
Wüstling und ein Narr war, daß er trank und fluchte, daß er extravagante
Lügen über seine angeblichen Liebschaften erzählte und daß er wegen
eines Dolchstichs, den er bei einer Rauferei im Theater Jemanden
versetzt hatte, des Todtschlags schuldig befunden worden war. Seine
Feinde behaupteten, daß er ekelhaften und abscheulichen Arten der
Ausschweifung ergeben sei, daß er sich die Mittel, seinen schändlichen
Neigungen zu fröhnen, durch Betrug und Diebstahl verschaffe, daß er
einer Bande von Geldbeschneidern angehöre, daß er sich zuweilen spät
Abends verkleidet zu Pferde fortstehle und daß, wenn er von diesen
geheimnißvollen Ausflügen zurückkehre, sein Aussehen den Verdacht
rechtfertige, daß er in Hounslow Heath oder Finchley Common Geschäfte
gemacht habe.[35]
[_Goodman._] Cardell Goodman, im Volksmunde Scum (Auswurf) Goodman
genannt, ein wo möglich noch verworfenerer Schurke als Porter, war
ebenfalls in dem Complot. Goodman war Schauspieler gewesen, war, gleich
einigen viel bedeutenderen Männern, von der Herzogin von Cleveland
unterhalten, in ihr Haus aufgenommen, von ihr mit Geschenken überhäuft
worden und hatte ihre Güte damit vergolten, daß er zwei ihrer Kinder
durch einen italienischen Quacksalber vergiften lassen wollte. Da das
Gift nicht beigebracht worden war, konnte Goodman nur wegen eines
Vergehens zur Untersuchung gezogen werden. Er wurde prozessirt, schuldig
befunden und zu einer schweren Geldstrafe verurtheilt. Seitdem hatte er
sich als einer der ersten Banknotenfälscher einen Namen gemacht.[36]
[_Parkyns._] Sir Wilhelm Parkyns, ein reicher, zur juristischen Laufbahn
erzogener Ritter, der sich in den Tagen der Ausschließungsbill unter den
Tories ausgezeichnet hatte, war eines der bedeutendsten Mitglieder des
Bundes. Er genoß eines viel besseren Rufes als die meisten seiner
Complicen; in einer Beziehung aber war er strafbarer als alle anderen.
Denn um ein einträgliches Amt zu behalten, das er beim Kanzleigericht
bekleidete, hatte er dem Fürsten, gegen dessen Leben er jetzt
conspirirte, den Eid der Treue geleistet.