Ein andrer Name, der später eine nur zu weit verbreitete Ber

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Thomas Babington Macaulay’s

Geschichte von England

seit der

Thronbesteigung Jakob’s des Zweiten.

Aus dem Englischen.

Vollständige und wohlfeilste

+Stereotyp-Ausgabe.+

Elfter Band:

enthaltend Kapitel 21 und 22.

Leipzig, 1856.

G. H. Friedlein.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Wilhelm III.

Inhalt.

Seite

Eindruck von Mariens Tode auf dem Continent 5

Luxemburg’s Tod 6

Wilhelm’s Schmerz 6

Parlamentsverhandlungen; Emancipation der Presse 7

Halifax’ Tod 8

Parlamentarische Untersuchungen wegen der Corruption in den

öffentlichen Aemtern 10

Tadelsvotum gegen den Sprecher des Hauses der Gemeinen 13

Foley zum Sprecher erwählt 14

Untersuchung der Rechnungen der Ostindischen Compagnie 14

Verdächtiges Treiben Seymour’s 15

Bill gegen Sir Thomas Cook 15

Untersuchung durch einen vereinigten Ausschuß der Lords und

Gemeinen 16

Anklage gegen Leeds 18

Leeds’ Entlassung 21

Lords Justices ernannt 21

Aussöhnung zwischen Wilhelm und der Prinzessin Anna 22

Jakobitische Verschwörungen gegen Wilhelm’s Leben 24

Charnock 25

Porter 26

Goodman 26

Parkyns 26

Fenwick 27

Session des schottischen Parlaments 27

Untersuchung des Gemetzels von Glencoe 27

Krieg in den Niederlanden; der Marschall Villeroy 34

Der Herzog von Maine 35

Jakobitische Complots gegen die Regierung während Wilhelm’s

Abwesenheit 36

Belagerung von Namur 37

Uebergabe der Stadt Namur 40

Uebergabe des Kastells von Namur 44

Verhaftung Boufflers’ 44

Wirkung der Emancipation der englischen Presse 47

Wilhelm’s Rückkehr nach England; Auflösung des Parlaments 51

Wilhelm unternimmt eine Reise durch das Land 52

Die Wahlen 55

Beunruhigender Zustand der Geldverhältnisse 59

Zusammentritt des Parlaments; Loyalität des Hauses der Gemeinen 70

Polemik über die Valuta 72

Maßregeln des Parlaments in Bezug auf die Valuta 72

Annahme der Acte zur Regulirung des Prozeßverfahrens in

Hochverrathsfällen 75

Parlamentsverhandlungen wegen der Verleihung von Kronländereien

in Wales an Portland 76

Zwei jakobitische Complots geschmiedet 78

Berwick’s Complot 78

Das Ermordungscomplot; Sir Georg Barclay 79

Berwick’s Complot scheitert 84

Entdeckung des Mordanschlags 86

Parlamentarische Schritte bezüglich des Mordanschlags 90

Stand der öffentlichen Stimmung 91

Prozeß Charnock’s, King’s und Keyes’ 92

Hinrichtung Charnock’s, King’s und Keyes’ 95

Prozeß Friend’s 96

Parkyn’s Prozeß 96

Hinrichtung Friend’s und Parkyn’s 98

Prozesse Rookwood’s, Cranburne’s und Lowick’s 99

Der Verein 100

Bill zur Regulirung der Wahlen 103

Acte zur Errichtung einer Landbank 105

[_Eindruck von Mariens Tode auf dem Continent._] Auf dem Continent

machte die Nachricht von Mariens Tode einen sehr verschiedenen Eindruck.

Die Hugenotten beweinten in allen Gegenden Europa’s, wohin sie

verschlagen waren, die Auserwählte, die ihren königlichen Aufwand

beschränkt hatte, um dem verfolgten Volke Gottes Brot und Obdach zu

geben.[1] In den Vereinigten Provinzen, wo sie genau gekannt und immer

populär gewesen war, wurde ihr Tod aufrichtig bedauert. Matthias Prior,

dem seine Talente und Kenntnisse die Gönnerschaft des freigebigen Dorset

verschafft hatten und der jetzt der Gesandtschaft im Haag attachirt war,

schrieb, daß die kälteste und für Gefühlsaffecte unempfänglichste aller

Nationen berührt sei. Der Marmor selbst, sagte er, weine.[2] Die Klagen

von Cambridge und Oxford fanden in Leyden und Utrecht Wiederhall. Die

Generalstaaten legten Trauer an. Auf allen Kirchthürmen Hollands ertönte

jeden Tag Trauergeläute.[3] Inzwischen verbot Jakob in Saint-Germains

jede Trauerfeier aufs Strengste, und bestimmte Ludwig, ein gleiches

Verbot auch in Versailles zu erlassen. Einige der vornehmsten Edelleute

Frankreich’s, unter andern die Herzöge von Bouillon und von Duras, waren

mit dem Hause Nassau verwandt und hatten jedesmal, wenn der Tod dieses

Haus heimsuchte, die schicklichen Trauerceremonien genau beobachtet.

Diesmal wurde ihnen untersagt, sich schwarz zu kleiden, und sie fügten

sich; aber die Macht des großen Königs ging nicht so weit, daß er seine

hochgebildeten und geistreichen Höflinge hätte verhindern können

einander zuzuflüstern: es liege doch etwas Erbärmliches in dieser Rache,

die der Lebende an dem Todten, ein Vater an seinem Kinde nehme.[4]

Die Hoffnungen Jakob’s und seiner Exilgefährten waren jetzt größer als

sie seit der Schlacht von La Hogue je gewesen. Die Staatsmänner, sowohl

bei uns, als auch auf dem Continent, waren in der That allgemein der

Ansicht, daß es Wilhelm nicht möglich sein werde, sich noch lange auf

dem Throne zu halten. Ohne den Beistand seiner Gemahlin, sagte man,

würde er sich nicht einmal so lange haben halten können. Ihre

Leutseligkeit habe Viele gewonnen, die sein kaltes Benehmen und seine

kurzen Antworten abgestoßen hätten. Ihr englischer Accent, ihre

englischen Gesinnungen und Neigungen hätten Viele bezaubert, denen sein

holländischer Accent und seine holländischen Gewohnheiten zuwider

gewesen seien. Obgleich sie der Hochkirchenpartei nicht angehört, habe

sie doch dieses Ritual geliebt und sich gern und ehrerbietig einigen

Ceremonien anbequemt, die er zwar nicht als sündhaft, doch als kindisch

angesehen und an denen Theil zu nehmen er schwer habe über sich gewinnen

können. So lange der Krieg daure, müsse er nothwendig fast die Hälfte

des Jahres außerhalb England’s zubringen. Bisher habe sie in seiner

Abwesenheit ihn vertreten, und gut vertreten. Wer solle ihn jetzt

vertreten? In welchen Stellvertreter könne er gleiches Vertrauen setzen?

Welchem Stellvertreter werde die Nation gleiche Achtung zollen? Alle

Staatsmänner Europa’s stimmten daher in der Ansicht überein, daß seine

zum mindesten schwierige und gefährliche Lage durch den Tod der Königin

noch schwieriger und gefährlicher geworden sei. Aber alle Staatsmänner

Europa’s täuschten sich, und merkwürdigerweise war seine Regierung nach

dem Ableben Mariens entschieden glücklicher und ruhiger als zu ihren

Lebzeiten.

[_Luxemburg’s Tod._] Wenige Stunden nachdem er das zärtlichste und

geliebteste aller ihm befreundeten Wesen verloren hatte, wurde er von

dem gefürchtetsten aller seiner Feinde befreit. Der Tod hatte in Paris

so gut wie in London ein Opfer gefordert. Während Tenison an Mariens

Sterbelager betete, reichte Bourdaloue dem Marschall von Luxemburg die

letzte Oelung. Der große französische General war nie ein Günstling des

französischen Hofes gewesen; als man aber erfuhr, daß sein

schwächlicher, durch Kriegsstrapatzen und sinnliche Genüsse erschöpfter

Körper einer gefährlichen Krankheit erliege, wurde der Werth seiner

Dienste zum ersten Male vollständig gewürdigt; die königlichen Leibärzte

wurden zu ihm gesandt, um Heilmittel zu verordnen, die Schwestern von

Saint-Cyr erhielten Befehl, für ihn zu beten, aber Heilmittel und Gebete

waren vergebens. „Wie wird sich der Prinz von Oranien freuen,” sagte

Ludwig, „wenn er Kenntniß von unsrem Verluste erhält!” Er irrte sich.

Die Nachricht kam Wilhelm in einem Augenblicke zu, wo er an keinen

andren Verlust zu denken vermochte, als der ihn selbst betroffen

hatte.[5]

[_Wilhelm’s Schmerz._] Während des ersten Monats nach Mariens Tode war

der König zu keiner Anstrengung fähig. Selbst auf die Adressen der

beiden Parlamentshäuser antwortete er nur mit einigen unartikulirten

Lauten. Die Antworten, welche in die Protokolle aufgenommen sind, waren

nicht mündlich von ihm gesprochen, sondern schriftlich eingereicht. Die

unaufschiebbaren Geschäfte wurden durch die Vermittelung Portland’s

erledigt, der selbst vom Kummer gebeugt war. Einige Wochen lang ruhte

die wichtige und vertrauliche Correspondenz zwischen dem Könige und

Heinsius. Endlich zwang sich Wilhelm, diese Correspondenz wieder

aufzunehmen; aber sein erster Brief war der Brief eines Mannes, dessen

Herz gebrochen war. Selbst sein kriegerisches Feuer war durch den

Schmerz gedämpft worden. „Ich sage Ihnen im Vertrauen,” schrieb er, „daß

ich mich für das Militärcommando nicht mehr tauglich fühle. Ich will

indessen versuchen meine Pflicht zu thun und hoffe, daß Gott mir Kraft

verleihen wird.” So verzagt sah er dem glänzendsten und glücklichsten

seiner vielen Feldzüge entgegen.[6]

[_Parlamentsverhandlungen; Emancipation der Presse._] Die

parlamentarische Thätigkeit wurde nicht unterbrochen. Während die Abtei

wegen des Leichenbegängnisses der Königin schwarz ausgeschlagen war,

kamen die Gemeinen zu einem Beschlusse, der damals wenig Aufmerksamkeit

und gar keine Aufregung hervorrief, den voluminöse Annalisten unerwähnt

gelassen haben und dessen Geschichte man nur unvollständig aus den

Parlamentsarchiven ersehen kann, der aber für die Freiheit und

Civilisation mehr gethan hat als die Große Charte oder die Rechtsbill.

Kurz nach Beginn der Session war ein gewählter Ausschuß beauftragt

worden zu ermitteln, welche temporären Gesetze dem Erlöschen nahe seien,

und um zu erwägen, welche von diesen Gesetzen fortbestehen zu lassen

zweckmäßig sein würde. Der Bericht wurde erstattet, und alle in diesem

Berichte enthaltenen Vorschläge wurden, bis auf einen, angenommen. Unter

den Gesetzen, deren Erneuerung der Ausschuß dem Hause anempfahl, befand

sich auch das, welches die Presse einer Censur unterwarf. Es wurde die

Frage gestellt, „ob das Haus mit dem Comité in dem Beschlusse

übereinstimme, daß die Acte unter dem Titel: Acte zur Verhütung von

Mißbräuchen beim Drucken aufrührerischer, hochverrätherischer und

unerlaubter Pamphlets und zur Regulirung des Buchdrucks und der

Buchdruckerpressen, fortbestehen solle.” Der Sprecher erklärte, daß die

Neins überwögen, und die Jas hielten es nicht für rathsam, ein

Scrutinium vornehmen zu lassen.

Eine Bill zu Verlängerung aller übrigen temporären Gesetze, die man nach

der Ansicht des Ausschusses zweckmäßigerweise nicht erlöschen lassen

könne, wurde eingebracht, angenommen und den Lords zugesandt. Diese Bill

kam sehr bald mit einem wichtigen Amendement versehen zurück. Die Lords

hatten in der Liste der zu verlängernden Acten diejenige mit

aufgenommen, welche die Presse der Aufsicht von Censoren unterstellte.

Die Gemeinen beschlossen, dem Amendement nicht beizutreten, verlangten

eine Conferenz und ernannten einen Ausschuß von Wortführern. Der

leitende Wortführer war Eduard Clarke, ein entschiedener Whig, welcher

Taunton vertrat, seit fünfzig unruhigen Jahren das Bollwerk der

bürgerlichen und religiösen Freiheit.

Clarke überreichte den Lords im gemalten Zimmer ein Schriftstück,

welches die Gründe enthielt, die das Unterhaus bestimmt hatten, die

Censuracte nicht zu erneuern. Dieser Aufsatz vertheidigt siegreich den

Beschluß, zu dem die Gemeinen gekommen waren. Aber er beweist zu

gleicher Zeit, daß sie nicht wußten was sie thaten, welche Revolution

sie herbeiführten, welche Macht sie ins Leben riefen. Sie hoben kurz,

klar, nachdrücklich und zuweilen mit einer nicht unpassenden ernsten

Ironie die Widersinnigkeiten und Unbilligkeiten des Gesetzes hervor, das

im Begriff war zu erlöschen. Aber man wird finden, daß alle ihre

Einwürfe sich auf Details beziehen. Ueber die große Prinzipfrage, über

die Frage, ob die Preßfreiheit im Ganzen ein Segen oder ein Fluch für

die Gesellschaft sei, ist kein Wort gesagt. Die Censuracte wird

verdammt, nicht als etwas dem Wesen nach Schlimmes, sondern nur wegen

der kleinen Unzuträglichkeiten, wegen der Erpressungen, der

Beeinträchtigungen, der Handelsbeschränkungen, der Haussuchungen, welche

aus ihr entsprangen. Sie wird für nachtheilig erklärt, weil sie die

Sortimentsbuchhändler in den Stand setzt, von den Verlegern Geld zu

erpressen, weil sie die Agenten der Regierung ermächtigt, unter der

Autorität von Generalvollmachten Haussuchungen vorzunehmen, weil sie den

ausländischen Buchhandel auf den Hafen von London beschränkt, weil sie

werthvolle Bücherballen im Zollhause zurückhält, bis die Blätter

verschimmelt sind. Die Gemeinen hoben hervor, daß der Betrag der

Gebühren, die der Censor verlangen kann, nicht festgestellt sei. Sie

hoben hervor, daß es einem Zollbeamten bei Strafe verboten sei, eine von

auswärts kommende Bücherkiste anders als in Anwesenheit eines der

Censoren der Presse zu öffnen. Wie soll der Beamte wissen, wird sehr

richtig gefragt, ob Bücher in der Kiste sind, so lange er sie nicht

geöffnet hat? Dies waren die Argumente, welche erreichten, was Milton’s

Areopagitica nicht gelungen war.

Die Lords fügten sich ohne Kampf. Sie erwarteten wahrscheinlich, daß

eine weniger Einwendungen zulassende Bill zur Regulirung der Presse

ihnen bald zugesandt werden würde, und eine solche Bill wurde auch

wirklich im Hause der Gemeinen eingebracht, zweimal gelesen und einem

gewählten Ausschusse überwiesen. Aber die Session ging zu Ende, bevor

der Ausschuß seinen Bericht erstattet hatte, und die englische Literatur

wurde von der Aufsicht der Presse befreit, und für immer befreit.[7]

Dieses hochwichtige Ereigniß ging fast unbeachtet vorüber. Evelyn und

Luttrell hielten es nicht der Mühe werth, es in ihren Tagebüchern zu

erwähnen, so wenig wie die holländischen Gesandten in ihren Depeschen.

Auch in den Monthly Mercuries findet sich keine Notiz darüber. Die

öffentliche Aufmerksamkeit war von anderen und weit aufregenderen Dingen

in Anspruch genommen.

[_Halifax’ Tod._] Eines dieser Dinge war der Tod des gebildetsten,

erleuchtetsten und trotz großer Fehler achtungswerthesten der in dem

verderbten und ausschweifenden Whitehall der Restauration

gebildeten Staatsmänner. Ungefähr einen Monat nach dem glänzenden

Leichenbegängnisse Mariens bewegte sich ein Leichenzug von fast

prahlerischer Einfachheit um den Schrein Eduards’ des Bekenners nach der

Kapelle Heinrich’s VII. Dort steht, wenige Fuß von ihrem Sarge, der

Sarg Georg Savile’s, Marquis von Halifax.

Halifax und Nottingham waren seit langer Zeit Freunde, und Lord Eland,

jetzt Halifax’ einziger Sohn, war mit Lady Marie Finch, Nottingham’s

Tochter, verlobt. Der Tag der Vermählung war festgesetzt, eine heitere

Gesellschaft versammelte sich in Burley on the Hill, dem Schlosse des

Vaters der Braut, das von einer der schönsten Terrassen der ganzen Insel

auf prächtige Buchen- und Eichenwälder, auf das fruchtbare Thal von

Catmos und auf den Kirchthurm von Oakham herabsieht. Der Vater des

Bräutigams wurde durch eine Unpäßlichkeit, die man nicht für gefährlich

hielt, in London zurückgehalten. Plötzlich nahm die Krankheit einen

beunruhigenden Character an. Man sagte ihm, daß er nur noch einige

Stunden zu leben habe. Er hörte die Mittheilung mit ruhiger Fassung an.

Es wurde vorgeschlagen, seinen Sohn durch einen Expressen nach der Stadt

holen zu lassen. Aber Halifax, bis zum letzten Augenblicke gutmüthig,

wollte die Freude des Hochzeitstages nicht stören. Er gab strengen

Befehl, daß die Beerdigung in aller Stille vor sich gehen solle, und

bereitete sich auf den großen Wechsel durch Andachtsübungen vor, welche

Diejenigen in Erstaunen setzten, die ihn für einen Atheisten hielten,

und starb mit der heiteren Ruhe eines Philosophen und eines Christen,

während seine Freunde und Verwandten, seine Gefahr nicht ahnend,

Weinmolken tranken und die Gardine zogen.[8]

Seine legitime männliche Nachkommenschaft starb bald aus. Doch kein

geringer Theil seines Geistes und seiner Beredtsamkeit ging auf seinen

Tochtersohn, Philipp Stanhope, vierten Earl von Chesterfield über. Aber

es ist wahrscheinlich nicht allgemein bekannt, daß einige Abenteurer,

die sich, ohne die Vortheile des Reichthums oder der Stellung zu

besitzen, durch die bloße Kraft des Talents einen Namen gemacht haben,

das Blut Halifax’ erbten. Er hinterließ einen natürlichen Sohn, Heinrich

Carey, dessen Dramen einst zahlreiche Zuschauer ins Theater lockten und

von dessen heiteren und geistreichen Versen einige noch im Gedächtniß

von Hunderttausenden leben. Von Heinrich Carey stammte Edmund Kean ab,

der sich in unsrer Zeit so wundervoll in Shylock, Jago und Othello

verwandelte.

Mehr als ein Schriftsteller ist der Parteilichkeit für Halifax

beschuldigt worden. Allerdings hat auch das Gedächtniß Halifax’ ganz

besonderen Anspruch auf den Schutz der Geschichte. Denn was ihn vor

allen anderen englischen Staatsmännern auszeichnet, ist der Umstand, daß

er während einer langen öffentlichen Laufbahn und durch häufige und

heftige Umwälzungen in der öffentlichen Meinung, von den großen Fragen

seiner Zeit fast stets diejenige Ansicht faßte, welche die Geschichte

schließlich angenommen hat. Er wurde unbeständig genannt, weil seine

relative Stellung zu den streitenden Parteien fortwährend wechselte.

Eben so gut könnte man den Polarstern unbeständig nennen, weil er bald

östlich bald westlich von den Zeigern steht. Die alte und gesetzliche

Verfassung des Reichs zu der einen Zeit gegen eine aufständische

Volksmasse, zu einer andren Zeit gegen eine despotische Regierung

vertheidigt zu haben; der hervorragendste Vertheidiger der Ordnung in

dem stürmischen Parlamente von 1680, und der hervorragendste

Vertheidiger der Freiheit in dem servilen Parlamente von 1685 gewesen

zu sein; in den Tagen des papistischen Complots gegen die

Römisch-Katholischen, in den Tagen des Ryehousecomplots gegen die

Exclusionisten gerecht und nachsichtig gewesen zu sein; alles in seiner

Macht Stehende gethan zu haben, um sowohl Stafford’s Kopf als auch

Russell’s Kopf zu retten: dies war eine Laufbahn, welche Zeitgenossen,

die von der Leidenschaft erhitzt und durch Namen und Parteizeichen

verblendet waren, leicht begreiflicherweise wankelmüthig nennen konnten,

die aber von Seiten der späten Gerechtigkeit der Nachwelt eine ganz

andre Bezeichnung verdient.

Ein dunkler Flecken, aber auch nur einer, lastet auf dem Andenken dieses

ausgezeichneten Mannes. Es ist ein schmerzlicher Gedanke, daß er, der

eine so große Rolle in der Convention gespielt hatte, sich später dazu

erniedrigen konnte, mit Saint-Germains zu verkehren. Das Factum läßt

sich nicht bestreiten; für ihn aber giebt es Entschuldigungsgründe,

welche für Andere, die des nämlichen Verbrechens schuldig waren, nicht

geltend gemacht werden können. Er hinterging nicht, wie Marlborough,

Russell, Godolphin und Shrewsbury, einen Gebieter, der ihm Vertrauen

schenkte und mit Wohlthaten überhäufte. Die Undankbarkeit und Bosheit

der Whigs trieben ihn dazu, einen Augenblick bei den Jakobiten Schutz zu

suchen. Es muß jedoch hinzugesetzt werden, daß er den Fehler, zu dem ihn

die Leidenschaft verführte, bald bereute, daß er, obwohl nie mit dem

Hofe wieder ausgesöhnt, sich durch seinen Eifer für die nachdrückliche

Fortsetzung des Kriegs auszeichnete und daß sein letztes Werk eine

Schrift war, in der er seine Landsleute ermahnte zu bedenken, daß die

öffentlichen Lasten, so drückend sie auch scheinen mochten, leicht seien

im Vergleich zu dem Joche Frankreich’s und Rom’s.[9]

Etwa vierzehn Tage nach Halifax’ Tode traf seinen alten Nebenbuhler und

Feind, den Lordpräsidenten, ein viel härterer Schlag als der Tod. Dieser

talentvolle, ehrgeizige und kühne Staatsmann wurde abermals von der Höhe

der Macht herabgestürzt. Sein erster Sturz hatte, so heftig er auch

gewesen war, doch etwas Würdevolles gehabt, und indem er mit

seltener Geschicklichkeit eine außerordentliche Krisis in den

Staatsangelegenheiten benutzte, hatte er sich noch einmal zur höchsten

Stellung unter den englischen Unterthanen emporgeschwungen. Der zweite

Sturz war zwar minder heftig als der erste; aber er war schimpflich und

nicht wieder gut zu machen.

[_Parlamentarische Untersuchungen wegen der Corruption in den

öffentlichen Aemtern._] Die Unterschleife und die Bestechungen, durch

welche die damaligen Beamten sich zu bereichern pflegten, hatten das

Volk in eine Stimmung versetzt, die früher oder später nothwendig eine

furchtbare Explosion zur Folge haben mußte. Aber die Gewinne wurden auf

der Stelle gemacht, der Tag der Vergeltung war ungewiß und die Plünderer

des Staats waren so gierig und frech wie je, als die lange gedrohte und

lange verzögerte Rache plötzlich den Stolzesten und Mächtigsten von

ihnen ereilte.

Das erste Grollen des herannahenden Sturmes verrieth nicht im mindesten

die Richtung, die er nehmen, oder die Wuth, mit der er ausbrechen würde.

Ein in Royston liegendes Infanterieregiment hatte von den Bewohnern

dieser Stadt und deren Umgegend Contributionen erhoben. Die erpreßte

Summe war nicht bedeutend. In Frankreich oder Brabant würde die

Mäßigkeit des Verlangten für wunderbar gehalten worden sein. Den

englischen Kaufleuten und Landwirthen aber war die militärische

Erpressung zum Glück etwas ganz Neues und Unerträgliches. Es wurde den

Gemeinen eine Petition übersandt, und die Gemeinen forderten die

Ankläger und Angeklagten vor die Schranke. Es stellte sich bald heraus,

daß ein schweres Vergehen verübt worden, daß aber die Verbrecher

einigermaßen zu entschuldigen waren. Die öffentlichen Gelder, welche die

Schatzkammer zu ihrer Löhnung und ihrem Unterhalte hergegeben hatte,

waren von ihrem Obersten und seinen Agenten betrügerischerweise

zurückgehalten worden. Es war kein Wunder, wenn Leute, welche Waffen

hatten und denen es an den nothwendigsten Bedürfnissen fehlte, wenig

nach der Bitte um Recht und nach der Rechtserklärung fragten. Aber

empörend war es, daß der Soldat, während der Bürger schwer besteuert

war, damit dem Soldaten der höchste in Europa bekannte Militärsold

bezahlt werden konnte, durch gänzlichen Mangel dazu getrieben wurde, den

Bürger zu brandschatzen. Dies wurde in einer Vorstellung, welche die

Gemeinen Wilhelm vorlegten, nachdrücklich hervorgehoben. Wilhelm, der

schon längst gegen Mißbräuche kämpfte, welche die Wirksamkeit seiner

Armee empfindlich beeinträchtigten, freute sich, daß seine Hand auf

diese Weise gekräftigt wurde. Er versprach vollständige Genugthuung,

cassirte den schuldigen Obersten, gab strengen Befehl, daß den Truppen

ihr Sold regelmäßig ausgezahlt werde und ernannte eine Militärbehörde

zur Entdeckung und Bestrafung solcher Ungebührlichkeiten, wie sie in

Royston vorgekommen waren.[10]

Aber die ganze Verwaltung war in einem solchen Zustande, daß es kaum

möglich war, einen Schuldigen zu bestrafen, ohne zehn andere zu

entdecken. Im Laufe der Untersuchung über das Benehmen der Truppen in

Royston kam es an den Tag, daß Heinrich Guy, Parlamentsmitglied für

Heydon und Sekretär des Schatzamts, eine Bestechungssumme von

zweihundert Guineen angenommen hatte. Guy wurde sogleich in den Tower

geschickt, nicht ohne großen Jubel seitens der Whigs, denn er war eines

von den Werkzeugen, welche zugleich mit den Gebäuden und Einrichtungen

der öffentlichen Aemter von Jakob auf Wilhelm übergegangen waren; er

spielte die Rolle eines Hochkirchlichen, und man wußte, daß er mit

einigen Oberhäuptern der Torypartei, und namentlich mit Trevor, eng

befreundet war.[11]

Ein andrer Name, der später eine nur zu weit verbreitete Berühmtheit

erlangte, wurde damals dem Publikum zuerst bekannt. Jakob Craggs hatte

seine Laufbahn als Barbier begonnen. Dann war er Bedienter der Herzogin

von Cleveland geworden. Seine ausgezeichneten, wenn auch nicht durch

Unterricht ausgebildeten Naturgaben hatten ihn in der Welt emporgehoben,

und er betrat jetzt eine Laufbahn, die nach einem Viertel Jahrhundert

des Glücks mit unbeschreiblichem Elend und Verzweiflung endigen sollte.

Er war Tuchlieferant für die Armee geworden. Er wurde über seinen

Geschäftsverkehr mit den Regimentsobersten vernommen, und da er sich

hartnäckig weigerte, seine Bücher vorzulegen, wurde er in den Tower

geschickt, um Guy Gesellschaft zu leisten.[12]

Wenige Stunden nachdem Craggs ins Gefängniß geworfen worden war, legte

ein Ausschuß, der ernannt war, um die Begründung einer von einigen

Miethkutschern London’s eingereichten Petition zu untersuchen, einen

Bericht auf den Tisch des Hauses nieder, der allgemeinen Abscheu und

Unwillen erregte. Es ergab sich, daß diese armen ihr Brot sauer

verdienenden Menschen von der Behörde, unter deren Aufsicht sie eine

Acte der vorigen Session gestellt hatte, schwere Unbill erfahren hatten.

Sie waren nicht allein von den Commissaren, sondern auch von dem

Bedienten eines Commissars und von der Concubine eines andren

gebrandschatzt und insultirt worden. Die Gemeinen richteten eine Adresse

an den König und der König entsetzte die Schuldigen ihrer Stellen.[13]

Inzwischen aber begann Verbrechern, die in Macht und Rang weit höher

standen, bange zu werden. Bei jeder neuen Entdeckung wuchs die Aufregung

sowohl innerhalb als auch außerhalb der Mauern des Parlaments. Das

entsetzliche Ueberhandnehmen von Bestechung, Corruption und Erpressung

bildete überall den Gegenstand des Tagesgesprächs. Ein zeitgenössischer

Pamphletist vergleicht den damaligen Zustand der politischen Welt mit

dem Zustande einer Stadt, in der man so eben das Herrschen einer

Pestseuche entdeckt hat und in der die Schreckensworte „Gott sei uns

gnädig” bereits an einigen Thüren zu lesen sind.[14] Geflüster, das zu

einer andren Zeit rasch verklungen und vergessen worden wäre, schwoll

jetzt zu Murren und dann zu lautem Geschrei an. Es entstand und

verbreitete sich das Gerücht, daß die Gelder der beiden reichsten

Corporationen des Landes, der City von London und der Ostindischen

Compagnie, in bedeutendem Maße zur Bestechung hochgestellter Männer

verwendet worden seien, und es wurden die Namen Trevor, Seymour und

Leeds genannt.

Die Nennung dieser Namen verursachte eine große Aufregung in den Reihen

der Whigs. Trevor, Seymour und Leeds waren alle Drei Tories und übten

auf verschiedenen Wegen einen größeren Einfluß aus, als vielleicht

irgend drei andere Tories des Königreichs. Wenn sie alle Drei zu

gleicher Zeit mit beflecktem Rufe aus dem öffentlichen Leben verdrängt

werden konnten, so hatten dann die Whigs im Parlament wie im Cabinet das

entschiedene Uebergewicht.

Wharton war nicht der Mann, sich eine solche Gelegenheit entgehen zu

lassen. In White’s Kaffeehause, unter den jungen vornehmen Herren, die

in Politik und Ausschweifung seine Schüler waren, würde er gewiß

herzlich gelacht haben über die Wuth, mit der die Nation plötzlich Leute

deshalb zu verfolgen begann, weil sie etwas thaten, was Jedermann stets

gethan hatte und stets zu thun versuchte. Aber wenn die Menschen einmal

Thoren sein wollten, so war es Sache eines Staatsmannes, ihre Thorheit

zu benutzen. Die Sprache der politischen Reinheit war den Lippen

Wharton’s nicht so geläufig als gotteslästerliche und unzüchtige Reden;

aber seine Manieren waren so geschmeidig und seine Unverschämtheit so

groß, daß er vor der Welt als ein sittenstrenger Patriot aufzutreten

wagte, der über die Feilheit und Treulosigkeit eines entarteten

Zeitalters trauerte. Während er, von dem heftigen Parteigeiste beseelt,

der bei rechtschaffenen Männern für einen Fehler gegolten haben würde,

der aber bei ihm fast eine Tugend war, seine Freunde eifrig

aufstachelte, eine Untersuchung über die Wahrheit der circulirenden

schlimmen Gerüchte zu verlangen, wurde der Gegenstand plötzlich und

nachdrücklich in den Vordergrund gedrängt. Der Zufall wollte, daß, als

eine Bill von geringem Interesse bei den Gemeinen berathen wurde, der

Briefträger mit zahlreichen Briefen an Mitglieder ankam, und die

Vertheilung erfolgte an der Schranke unter einem Gemurmel, das die

Stimmen der Redner übertäubte. Seymour, den sein gebieterischer

Character beständig antrieb zu befehlen und zu moniren, verwies den

Plaudernden die anstößige Ordnungswidrigkeit ihres Benehmens und

forderte den Sprecher auf, es zu rügen. Es erfolgte ein heftiger

Wortwechsel und einer der Schuldigen ließ sich so weit hinreißen, daß er

auf die über Seymour und den Sprecher umlaufenden Geschichten anspielte.

„Es ist allerdings unpassend zu plaudern, während eine Bill berathen

wird; aber noch viel schlimmer ist es, Geld anzunehmen, um eine Bill

durchzubringen. Wenn wir eine leichte Formverletzung so streng rügen

wollen, wie streng sollten wir dann erst gegen die Corruption auftreten,

welche das Wesen unserer Institutionen selbst untergräbt!” Das war

genug; der Funke war gefallen, der Pulverfaden lag bereit, die Explosion

erfolgte augenblicklich und mit furchtbarer Heftigkeit. Nach einer

stürmischen Debatte, in der sich zu wiederholten Malen der Ruf: „der

Tower!” vernehmen ließ, traf Wharton Anstalt, sein Vorhaben

durchzusetzen. Bevor das Haus die Sitzung aufhob, wurde ein Ausschuß zur

Prüfung der Bücher der City von London und der Ostindischen Compagnie

ernannt.[15]

[_Tadelsvotum gegen den Sprecher des Hauses der Gemeinen._] Foley wurde

zum Präsidenten des Ausschusses ernannt. Vor Ablauf einer Woche

berichtete er, daß der Sprecher, Sir Johann Trevor, unter der vorigen

Session von der City tausend Guineen zur Beschleunigung einer Lokalbill

erhalten habe. Diese Entdeckung freute die Whigs, welche Trevor von

jeher haßten, ungemein und war selbst vielen Tories nicht unangenehm.

Seit sechs geschäftsreichen Sessionen hatte seine schmutzige Habgier ihn

zum Gegenstand des allgemeinen Abscheus gemacht. Die gesetzlichen

Einkünfte seines Postens betrugen ungefähr viertausend Pfund jährlich;

aber man glaubte, daß er sich auf mindestens zehntausend Pfund gestanden

habe.[16] Seine Schamlosigkeit und sein Hochmuth waren selbst dem

engelgleichen Character Tillotson’s zu stark gewesen, und man wollte den

sanften Erzbischof etwas von einem Schurken haben murmeln hören, als der

Sprecher bei ihm vorüberging.[17] Doch so groß die Verbrechen dieses

abscheulichen Mannes waren, seine Strafe war ihnen vollkommen

angemessen. Sobald der Ausschußbericht verlesen war, wurde beantragt zu

resolviren, daß er sich eines schweren Verbrechens und Vergehens

schuldig gemacht habe. Er mußte aufstehen und die Frage stellen. Es

erhob sich alsbald ein lautes Jageschrei. Er rief die Neins auf, und

fast keine einzige Stimme ließ sich vernehmen. Er sah sich gezwungen zu

erklären, daß die Jas überwögen. Ein Mann von Ehre würde vor Reue und

Scham in die Erde gesunken sein, und die unsägliche Schande dieses

Augenblicks ließ selbst in dem verstockten Herzen und auf der frechen

Stirn Trevor’s ihre Spuren zurück. Wäre er am folgenden Tage wieder in

der Kammer erschienen, so würde er über seine eigne Ausstoßung die Frage

haben stellen müssen. Er schützte daher Unpäßlichkeit vor und schloß

sich in sein Schlafzimmer ein. Wharton überbrachte den Gemeinen bald

eine königliche Botschaft, die sie ermächtigte, einen andren Sprecher zu

wählen.

[_Foley zum Sprecher erwählt._] Die Whighäupter wollten Littleton auf

den Präsidentenstuhl bringen; aber es gelang ihnen nicht, diese Absicht

zu erreichen. Foley wurde gewählt, vorgestellt und bestätigt. Obwohl er

neuerdings in der Regel mit den Tories gestimmt hatte, nannte er sich

noch immer einen Whig und war auch vielen Whigs nicht unangenehm. Er

besaß sowohl die Talente als auch die Kenntnisse, deren es bedurfte, um

den Debatten mit Würde präsidiren zu können; was aber in der

eigenthümlichen Lage, in der sich das Haus damals befand, nicht ohne

Grund als seine empfehlendste Eigenschaft betrachtet wurde, das war sein

unversöhnlicher Abscheu vor Betrug und Corruption, den er ein wenig

prahlerisch zur Schau trug, aber auch ohne Zweifel wirklich empfand. Den

Tag darauf, nachdem er seine Functionen angetreten hatte, wurde sein

Vorgänger ausgestoßen.[18]

[_Untersuchung der Rechnungen der Ostindischen Compagnie._] Die

Unbesonnenheit Trevor’s war eben so groß gewesen als seine

Schlechtigkeit, und seine Schuld war bei der ersten Prüfung der

Rechnungen der City zu Tage getreten. Die Rechnungen der Ostindischen

Compagnie waren verwickelter. Der Ausschuß berichtete, daß er sich nach

Leadenhall Street begeben, die Papiere untersucht, die Directoren und

Commis befragt habe, aber nicht im Stande gewesen sei, dem Geheimnisse

der Widerrechtlichkeit auf den Grund zu kommen. Einige höchst

verdächtige Buchungen habe man unter der Bezeichnung „besonderer

Dienstaufwand” entdeckt. Die Ausgaben dieses Conto’s hätten im Jahre

1693 über achtzigtausend Pfund betragen. Es sei erwiesen, daß die

Directoren bezüglich der Verausgabung dieses Geldes dem Gouverneur, Sir

Thomas Cook, unbedingtes Vertrauen geschenkt hätten. Er habe ihnen nur

in allgemeinen Ausdrücken gesagt, daß er in Angelegenheit der Concession

dreiundzwanzigtausend, fünfundzwanzigtausend, dreißigtausend Pfund habe

ausgeben müssen, und die Directoren hätten ihm, ohne specielle

Rechnungsablage zu verlangen, für seine Sorgfalt gedankt und ihm ohne

weiteres Anweisungen auf diese bedeutenden Summen ausstellen lassen.

Einige aufsässige Directoren hätten zwar über diese enorme Ausgabe

gemurrt und einen detaillirten Status verlangt; aber sie hätten keine

andre Antwort aus Cook herausbekommen können, als daß es nothwendig

gewesen sei, einige hochgestellte Personen zu beschenken.

[_Verdächtiges Treiben Seymour’s._] Der Ausschuß berichtete ferner, daß

er ein contractliches Uebereinkommen gefunden habe, kraft dessen die

Compagnie sich verpflichtet habe, einer Person, Namens Colston,

zweihundert Tonnen Salpeter zu liefern. Auf den ersten Anblick schien

dieses Geschäft kaufmännisch und in Ordnung zu sein. Bald aber kam man

dahinter, daß Colston nur ein Agent Seymour’s war. Dies erweckte

Verdacht. Die verwickelten Bedingungen des Contracts wurden genau

untersucht und sie ergaben sich als in der Weise festgestellt, daß in

jedem möglichen Falle eine Summe von zehn- bis zwölftausend Pfund von

Seymour gewonnen und von der Compagnie verloren werden mußte. Alle

Sachverständigen waren der Ansicht, daß der Contract ein bloßes

Scheindocument sei, das eine Bestechung verdecken sollte. Die Maske war

aber so geschickt gemacht, daß die Landgentlemen sich nicht hineinfinden

konnten und daß selbst die Juristen zweifelten, ob solche Beweise von

Bestechung vorlägen, wie sie ein Gerichtshof für genügend erachten

würde. Seymour kam sogar ohne Tadelsvotum davon und nahm nach wie vor

einen leitenden Antheil an den Debatten der Gemeinen.[19] Aber die

Autorität, die er lange im Hause und in den westlichen Grafschaften

ausgeübt hatte, war, wenn auch nicht vernichtet, doch sichtbar

vermindert, und bis an das Ende seines Lebens blieb sein Salpeterhandel

ein Lieblingsthema für whiggistische Pamphletisten und Dichter.[20]

[_Bill gegen Sir Thomas Cook._] Das Entrinnen Seymour’s fachte den Eifer

Wharton’s und seiner Verbündeten nur noch mehr an. Sie waren

entschlossen zu entdecken, wohin die achtzig- bis neunzigtausend Pfund

„geheimer Dienstaufwand” gekommen waren, welche die Ostindische

Compagnie Cook anvertraut hatte. Cook, welcher Abgeordneter für

Colchester war, wurde auf seinem Platze befragt; er weigerte sich Rede

zu stehen, wurde in den Tower geschickt, und eine Bill wurde

eingebracht, des Inhalts, daß, wenn er bis zu einem bestimmten Tage

nicht die ganze Wahrheit gestände, er nie mehr fähig sein solle, ein

Amt zu bekleiden, der Compagnie die ganze ihm anvertraute ungeheure

Summe zurückerstatten und außerdem eine Geldbuße von zwanzigtausend

Pfund an die Krone bezahlen müsse. So reich er auch war, diese Geldbußen

würden ihn an den Bettelstab gebracht haben. Die Gemeinen waren in einer

solchen Stimmung, daß sie die Bill ohne eine einzige Abstimmung

annahmen.[21] Seymour trat zwar, obgleich sein Salpetercontract das

Stadtgespräch bildete, mit frecher Stirn auf, um seinen Complicen in

Schutz zu nehmen; aber seine Frechheit schadete der Sache nur, die er

vertheidigte.[22] Im Oberhause wurde die Bill vom Herzoge von Leeds in

den stärksten Ausdrücken verurtheilt. Die Hand auf das Herz gelegt,

erklärte er auf sein Wort, auf seine Ehre, daß er kein persönliches

Interesse an der Sache habe und daß er durch kein andres Motiv als das

einer reinen Gerechtigkeitsliebe getrieben werde. Seine Beredtsamkeit

erhielt eine mächtige Stütze an den Thränen und Wehklagen Cooks, der von

der Schranke aus die Peers beschwor, ihn nicht einer den milden Gesetzen

England’s unbekannten Tortur zu unterwerfen. „Nehmen Sie,” sagte er,

„anstatt dieser grausamen Bill eine Indemnitätsbill an, und ich werde

Ihnen Alles sagen.” Die Lords hielten sein Verlangen für nicht ganz

unbillig. Nach einigen Verhandlungen mit den Gemeinen wurde beschlossen,

daß ein gemeinsamer Ausschuß ernannt werden sollte, um zu untersuchen,

wofür der geheime Dienstaufwand der Ostindischen Compagnie verausgabt

worden sei, und es wurde rasch eine Acte angenommen, welche bestimmte,

daß, wenn Cook diesem Ausschusse offene und vollständige Enthüllungen

mache, er für die einzugestehenden Verbrechen nicht bestraft werden, daß

er aber, bis er ein solches Geständniß ablege, im Tower bleiben solle.

Gegen dieses Arrangement opponirte Leeds öffentlich so entschieden, als

er es schicklicherweise thun konnte. Insgeheim wendeten Diejenigen, die

sich schuldig fühlten, allerhand Kunstgriffe an, um einer Untersuchung

vorzubeugen. Man raunte sich zu, daß Dinge an den Tag kommen würden, von

denen jeder gute Engländer wünschen müßte, daß sie verborgen blieben,

und daß der größte Theil der durch Cook’s Hände gegangenen Summen an

Portland zum Gebrauch Sr. Majestät bezahlt worden sei. Aber das

Parlament und die Nation waren entschlossen, die Wahrheit zu erfahren,

gleichviel wer durch die Enthüllung leiden würde.[23]

[_Untersuchung durch einen vereinigten Ausschuß der Lords und

Gemeinen._] Sobald die Indemnitätsbill die königliche Genehmigung

erhalten hatte, trat der vereinigte Ausschuß, bestehend aus zwölf Lords

und vierundzwanzig Mitgliedern des Hauses der Gemeinen, im Sitzungssaale

der Schatzkammer zusammen. Wharton wurde zum Vorsitzenden ernannt und in

wenigen Stunden wurden wichtige Entdeckungen gemacht.

Der König und Portland gingen mit unbefleckter Ehre aus der Untersuchung

hervor. Der König hatte nicht nur keinen Theil an den von Cook

verausgabten geheimen Dienstgeldern, sondern er hatte sogar seit einigen

Jahren nicht einmal das gewöhnliche Geschenk erhalten, das die

Compagnie unter früheren Regierungen alljährlich am Fuße des Thrones

niedergelegt. Es ergab sich, daß Portland nicht weniger als

fünfzigtausend Pfund angeboten und von ihm zurückgewiesen worden waren.

Das Geld lag ein ganzes Jahr bereit, um ihm ausgezahlt zu werden, wenn

er andren Sinnes werden sollte. Endlich sagte er Denen, die in ihn

drangen, diese ungeheure Bestechungssumme anzunehmen, daß sie ihn zu

einem Feinde ihrer Compagnie machen würden, wenn sie ihn noch länger

durch ein solches Anerbieten beleidigten. Viele wunderten sich über die

Rechtschaffenheit, die er bei dieser Gelegenheit bewies, denn er galt

allgemein für eigennützig und habgierig. Das Wahre an der Sache scheint

zu sein, daß er zwar das Geld liebte, aber ein Mann von strenger

Rechtschaffenheit und Ehre war. Er nahm ohne Besinnen Alles was er mit

Ehren nehmen zu können glaubte, war aber unfähig, sich zu einer

Gemeinheit zu erniedrigen. Er fühlte sich sogar durch die Complimente

beleidigt, die ihm bei dieser Gelegenheit gesagt wurden.[24]

Nottingham’s Rechtschaffenheit konnte nicht Wunder nehmen. Auch ihm

waren zehntausend Pfund angeboten, aber zurückgewiesen worden. Die Zahl

der Fälle, in denen stattgefundene Bestechung vollständig erwiesen

wurde, war klein. Ein großer Theil der Summe, welche Cook aus der Casse

der Compagnie gezogen hatte, war wahrscheinlich von den Agenten

unterschlagen worden, deren er sich bei dem Bestechungswerke bedient

hatte, und wohin das Uebrige gekommen war, konnte man aus den

widerstrebenden Zeugen, welche vor den Ausschuß gebracht wurden, nicht

leicht erfahren. Ein Lichtstrahl zeigte sich jedoch; man ging ihm nach,

und er führte zu einer Entdeckung von der höchsten Wichtigkeit. Eine

bedeutende Summe war von Cook einem Agenten, Namens Firebrace, und von

Firebrace einem andren Agenten, Namens Bates, verabfolgt worden, von dem

man genau wußte, daß er mit der Hochkirchenpartei und insbesondere mit

Leeds in enger Beziehung stand. Bates wurde vorgeladen, aber er machte

sich aus dem Staube; man schickte Boten zu seiner Verfolgung ab, er

wurde ergriffen, in das Schatzkammergericht gebracht und vereidigt. Die

Geschichte, die er erzählte, bewies, daß er zwischen der Furcht, seine

Ohren zu verlieren, und der Furcht, seinem Gönner zu schaden, hin und

her schwankte. Er gestand, daß er es auf sich genommen habe, Leeds zu

bestechen, daß ihm zu dem Ende fünftausendfünfhundert Guineen übergeben

worden seien, daß er diese Guineen Sr. Gnaden angeboten und dieselben

mit Erlaubniß Sr. Gnaden in dessen Hause einem Schweizer, Namens Robart,

eingehändigt habe, der Sr. Gnaden vertrauter Geschäftsmann sei. Man

sollte meinen, daß diese Thatsache nur eine Deutung zuließe. Bates

schwur jedoch, der Herzog habe sich geweigert, auch nur einen Farthing

anzunehmen. „Warum,” fragte man, „wurde dann das Gold mit seiner

Bewilligung in seinem Hause und in den Händen seines Dieners

zurückgelassen?” -- „Weil ich schlecht Geld zählen kann,” antwortete

Bates. „Ich bat deshalb Se. Gnaden um die Erlaubniß, die Goldstücke

dalassen zu dürfen, damit Robart sie für mich zählen möchte, und Se.

Gnaden hatte die Güte, dies zu gestatten.” Es lag auf der Hand, daß,

wenn diese wunderliche Geschichte wahr gewesen wäre, die Guineen in

einigen Stunden hätten wieder abgeholt werden müssen. Aber Bates mußte

eingestehen, daß sie ein halbes Jahr da geblieben waren, wo er sie

zurückgelassen hatte. Allerdings war das Geld schließlich -- und dies

war im vorliegenden Falle einer der verdächtigsten Umstände, -- von

Robart gerade an dem Morgen zurückgezahlt worden, wo der Ausschuß seine

erste Zusammenkunft im Schatzkammergericht hielt. Wer konnte glauben,

daß, wenn die Geschichte frei von jedem Anschein von Bestechung gewesen

wäre, die Guineen, so lange Cook schweigen konnte, zurückgehalten und an

dem elften Tage wo er genöthigt war sich auszusprechen, zurückerstattet

worden sein würden?

[_Anklage gegen Leeds._] Wenige Stunden nach dem Verhöre Bates’

berichtete Wharton den Gemeinen was im Schatzkammergericht vorgegangen

war. Die Entrüstung war allgemein und heftig. „Sie begreifen jetzt,”

sagte Wharton, „warum uns bei jedem Schritte Hindernisse in den Weg

gelegt wurden, warum wir die Wahrheit tropfenweis herauspressen mußten,

warum der Name Sr. Majestät arglistig genannt wurde, damit wir von einer

Untersuchung abstehen sollten, die nichts zu Tage gebracht hat, was Sr.

Majestät nicht zur Ehre gereichte. Dürfen wir uns wundern, daß wir mit

so großen Schwierigkeiten zu kämpfen hatten, wenn wir die Macht,

Gewandtheit und Erfahrung des Mannes bedenken, der uns im Geheimen

entgegenarbeitete? Es ist Zeit, der Welt einmal schlagend zu beweisen,

daß kein Verbrecher sich so schlau zu verbergen oder so hoch zu klimmen

vermag, daß wir ihn nicht aufspüren oder erreichen könnten. Nie hat es

ein schändlicheres Beispiel von Bestechung gegeben, nie hat ein

Verbrecher weniger Anspruch auf Nachsicht gehabt. Die Verpflichtungen,

welche der Herzog von Leeds gegen sein Vaterland hat, sind nicht

gewöhnlicher Art. Eine große Schuld haben wir schon großmüthig

gestrichen; aber die Art und Weise, wie unsre Großmuth vergolten worden

ist, zwingt uns zu berücksichtigen, daß er vor langer Zeit angeklagt

war, Geld aus Frankreich zu beziehen. Wie können wir sicher sein, so

lange ein Mann, dessen Feilheit erwiesen ist, Zugang zum Ohre des Königs

hat? Unsere am besten vorbereiteten Unternehmungen sind vereitelt,

unsere geheimsten Beschlüsse sind verrathen worden. Und dürfen wir uns

darüber wundern? Können wir daran zweifeln, daß er neben seinem

inländischen Handel mit Concessionen einen einträglichen auswärtigen

Handel mit Geheimnissen treibt? Können wir zweifeln, das der Mann, der

uns Einen an den Andren verkauft, für einen guten Preis uns Alle an den

gemeinsamen Feind verkaufen wird?” Wharton schloß mit dem Antrage, daß

Leeds wegen schwerer Verbrechen und Vergehen in Anklagestand versetzt

werden solle.[25]

Leeds hatte viele Freunde und Anhänger im Hause der Gemeinen, aber sie

konnten wenig sagen. Wharton’s Antrag wurde ohne Abstimmung angenommen

und er selbst beauftragt, an die Schranke der Lords zu gehen und dort

den Herzog im Namen der Gemeinen England’s anzuklagen. Noch ehe er aber

diesen Auftrag ausführen konnte, wurde gemeldet, daß Se. Gnaden an der

Thür sei und um Gehör bitten lasse.

Während Wharton bei den Gemeinen seinen Bericht erstattete, hatte Leeds

eine Ansprache an die Lords gehalten. Er leugnete unter den

feierlichsten Versicherungen, daß er jemals Geld für sich angenommen

habe. Dagegen aber gestand er zu und rühmte sich dessen sogar, daß er

Bates dazu aufgemuntert habe, von der Compagnie Geld zu nehmen, und er

schien der Meinung, daß dies ein Dienst sei, den der Freund eines am

Staatsruder stehenden Mannes billigerweise von diesem erwarten könne.

Nur zu Viele machten damals in der That einen höchst albernen und

verderblichen Unterschied zwischen einem Minister, der seinen Einfluß

benutzte, um sich selbst Geschenke zu verschaffen, und einem Minister,

der seinen Einfluß benutzte, um für seine Anhänger Geschenke zu

erlangen. Jener war schlecht, dieser nur gutherzig. Leeds erzählte

hierauf mit großer Selbstgefälligkeit eine Geschichte von sich, die in

unseren Zeiten einen Staatsdiener nicht nur aus dem Amte, sondern aus

jeder anständigen Gesellschaft vertreiben würde. „Als ich zu König

Karl’s Zeiten Schatzmeister war, Mylords, sollte die Accise verpachtet

werden. Es waren mehrere Bewerber da. Harry Savile, den ich sehr hoch

schätzte, theilte mir mit, daß sie ihn um seine Fürsprache bei mir

ersucht hätten, und bat mich ihnen zu sagen, er habe sein Möglichstes

für sie gethan. „Wie?” entgegnete ich, „das soll ich ihnen Allen sagen,

während doch nur Einer den Pacht haben kann?” -- „Thut nichts,”

versetzte Harry, „sagen Sie es nur Allen; Der, welcher den Pacht

bekommt, wird dann glauben, daß er ihn mir verdankt.” Die Herren kamen

und ich sagte jedem von ihnen besonders: „Sie sind Mr. Savile sehr zu

Dank verpflichtet, Sir;” oder: „Mr. Savile hat Ihnen einen großen

Freundschaftsdienst erzeigt, Sir.” Schließlich erhielt Savile ein

anständiges Präsent, und ich gratulirte ihm dazu. Ich war damals sein

Schatten. Jetzt bin ich Mr. Bates’ Schatten.”

Der Herzog hatte diese Anekdote, die ein so grelles Licht auf den

damaligen Zustand der politischen Moralität wirft, kaum erzählt, als ihm

unter der Hand mitgetheilt wurde, daß im Hause der Gemeinen der Antrag

gestellt worden sei, ihn in Anklagestand zu versetzen. Er eilte dahin,

aber noch ehe er ankam, war die Frage bereits gestellt und angenommen.

Dessenungeachtet drang er auf Einlaß, und er wurde eingelassen. Nach

altem Brauche wurde innerhalb der Schranke ein Stuhl für ihn hingestellt

und ihm angezeigt, daß das Haus bereit sei ihn anzuhören.

Geschichte von England seit der Thronbesteigung Jakob's des Zweiten. Elfter Band: enthaltend Kapitel 21 und 22. · 第 1 / 25 段