Gericht gestellt werden. Die nötigen Maßnahmen wurden getroffen
und es wurden die erforderlichen Anträge in Washington gestellt;
denn in Amerika gehören nach dem neuen Paragraphen, der im Jahre
1889 der Verfassung hinzugefügt wurde, Prozesse zweiter Instanz
nicht in den Machtbereich der Einzelstaaten, sondern es sind
Nationalangelegenheiten, und sie müssen vor die erhabene Körperschaft
des Landes, den ›Höchsten Gerichtshof der Vereinigten Staaten‹
gebracht werden. Die Richter wurden also zur Tagung nach Chicago
berufen. Die Sitzung fand vorgestern statt und wurde mit den üblichen
eindrucksvollen Förmlichkeiten eröffnet: die neun Richter erschienen in
ihren schwarzen Talaren und der neue Höchste Richter (Lemaître) führte
den Vorsitz. Der letztere eröffnete die Verhandlung und sprach:
»Meiner Meinung nach ist die Sache ganz einfach: Der Angeklagte war
beschuldigt, einen gewissen Szczepanik ermordet zu haben; er wurde
wegen Ermordung des Szczepanik vor Gericht gestellt; er wurde wegen
Ermordung des Szczepanik in aller Form Rechtens schuldig gesprochen
und zum Tode verurteilt. Es stellt sich heraus, daß der Szczepanik
überhaupt nicht ermordet wurde. Nach der Entscheidung der französischen
Gerichtshöfe im Fall Dreyfus steht es unbestreitbar fest, daß
_Entscheidungen von Gerichtshöfen ewig gelten und nicht nachgeprüft
werden können_. Wir sind gehalten, diesen Präzedenzfall zu achten und
uns zu eigen zu machen. Auf Präzedenzfälle ist das ewige Gebäude der
Rechtswissenschaft gegründet. Der Angeklagte ist in aller Form Rechtens
wegen Ermordung des Szczepanik zu Tode verurteilt worden, und es gibt
meiner Meinung nach in dieser Angelegenheit nur einen einzigen Weg, den
wir einschlagen können: er muß gehängt werden!«
Richter Crawford sagte:
»Aber Exzellenz, er wurde wegen dieser Tat auf dem Schafott begnadigt!«
»Die Begnadigung ist nicht gültig und kann nicht gültig sein, denn er
wurde begnadigt wegen der Ermordung Szczepaniks -- eines Mannes, den
er nicht getötet hatte. Niemand kann wegen eines Verbrechens begnadigt
werden, das er nicht begangen hat; das wäre eine Abgeschmacktheit.«
»Aber Exzellenz, er tötete einen Menschen!«
»Das ist ein außerhalb der Sache liegender Umstand; wir haben damit
nichts zu tun. Der Gerichtshof kann sich mit diesem Verbrechen nicht
eher beschäftigen, als bis der Angeklagte das andere gesühnt hat.«
Richter Halleck bemerkte:
»Wenn wir seine Hinrichtung anordnen, Exzellenz, so werden wir damit
nur einen Mißgriff der Justiz veranlassen, denn der Gouverneur wird ihn
abermals begnadigen.«
»Dazu wird er nicht die Macht haben. Er kann keinen Menschen wegen
eines Verbrechens begnadigen, das dieser nicht begangen hat. Dies
würde, wie ich bereits bemerkte, eine Abgeschmacktheit sein.«
Nach einer Beratung mit seinen Kollegen sagte Richter Wadsworth:
»Mehrere von uns sind zum Schluß gekommen, Exzellenz, daß es ein Irrtum
sein würde, den Angeklagten wegen des an Szczepanik begangenen Mordes
zu henken anstatt wegen der Ermordung des anderen Mannes; denn es ist
bewiesen, daß er Szczepanik nicht getötet hat.«
»Im Gegenteil, es ist bewiesen, daß er Szczepanik tötete. Aus dem
französischen Präzedenzfall geht klar hervor, daß wir bei dem Spruch
des Gerichtshofes verbleiben müssen.«
»Aber Szczepanik lebt ja noch.«
»Dreyfus auch.«
Kurz und gut, es wurde für unmöglich befunden, den französischen
Präzedenzfall zu ignorieren oder ihn zu umgehen. Es war nur ein
Ergebnis möglich: Clayton wurde dem Henker überantwortet. Dies bewirkte
eine ungeheure Erregung; der Staat Illinois erhob sich wie _ein_ Mann
und verlangte Claytons Begnadigung und die _Wiederaufnahme seines
Prozesses_. Der Gouverneur sprach die Begnadigung aus, aber der Höchste
Gerichtshof mußte sie pflichtgemäß für ungültig erklären; er tat es,
und der arme Clayton wurde gestern gehenkt.
Die Stadt trauert in Schwarz, und dies kann man in der Tat vom ganzen
Staate sagen. Ganz Amerika hallt wider von verächtlichem Zorn gegen
›Französische Gerechtigkeit‹ und gegen die bösartigen Offizierchen, die
dies Ding erfanden und andere Christenländer damit straften.
[Illustration]
Das Todeslos.[9]
[9] Nach einer wahren Begebenheit, die ~Carlyle~ in seinen
~Letters and Speeches of Oliver Cromwell~ erwähnt.
~M. T.~
Es war zur Zeit Oliver Cromwells. Oberst Mayfar, der jüngste Offizier
dieses Ranges im Heere des Protektors, war erst dreißig Jahre alt, aber
trotz seiner Jugend doch ein Veteran, wetterfest und kriegsgewohnt,
denn er hatte schon mit 17 Jahren seine militärische Laufbahn
begonnen. In vielen Schlachten hatte er gefochten, war von Stufe zu
Stufe gestiegen und hatte sich durch Verdienste im Feld nicht nur die
allgemeine Achtung, in der er stand, sondern auch seine Stellung im
Heere erworben. Aber jetzt bedrückte ihn große Sorge; ein Schatten war
auf sein Glück gefallen.
Der Winterabend war hereingebrochen; draußen stürmte es in der
Dunkelheit; drinnen ein melancholisches Schweigen. Der Oberst und sein
junges Weib hatten über ihre Not und Sorge gesprochen, hatten ihr
abendliches Bibelkapitel gelesen und das Abendgebet gesprochen. Jetzt
blieb nichts mehr zu tun übrig, als Hand in Hand ins Feuer zu blicken
und nachzudenken und -- zu warten. Lange würden sie nicht zu warten
haben; das wußten sie, und die Frau schauderte bei dem Gedanken.
Sie hatten _ein_ Kind -- Abby, 7 Jahre alt; es war ihr Abgott. Sie
wußten, es würde sogleich zum Gute-Nacht-Kuß kommen, und der Oberst
sagte:
»Trockne deine Tränen und laß uns glücklich scheinen -- ihr zulieb. Wir
müssen für den Augenblick vergessen, was uns bevorsteht.«
»Ja, ich will es versuchen. Ich will versuchen, ob ich den Gram in mein
Herz verschließen kann, ohne daß es bricht.«
»Und wir wollen auf uns nehmen, was uns zu tragen bestimmt ist, mit
Geduld, und nicht vergessen, daß alles, was Er tut, wohl getan ist und
zu unserem Besten ...«
»Sein Wille geschehe! Ja, ich kann es mit gläubiger Seele sprechen --
ich wollte, ich könnte es auch von ganzem Herzen sagen. O, wenn ich das
könnte! Aber der Gedanke, daß diese liebe Hand, die ich zum letztenmal
drücke und küsse -- -- --«
»Still, mein Schatz, sie kommt.«
Eine kleine Gestalt mit lockigem Haar kam im Nachtkleid zur Tür herein
und sprang auf den Vater zu, der das Kind an seine Brust drückte und
leidenschaftlich küßte, ein, zwei, drei Mal.
»Halt, Papa, du darfst mich nicht so arg küssen; du zerzausest mir
meine Haare.«
»Ach, das tut mir aber furchtbar leid; vergibst du mir, mein Liebling?«
»Ei natürlich, Papa. Aber ist’s dir _wirklich_ leid? Tust du nicht bloß
so, sondern bist du im Ernst traurig darüber?«
»Du wirst’s gleich selber sehen, Abby,« sagte der Oberst, bedeckte
sein Gesicht mit beiden Händen und tat als ob er schluchzte. Das Kind
erschrak über diese tragische Wendung, die es verursacht hatte, fing
selber an zu weinen, mühte sich, dem Vater die Hände von den Augen zu
ziehen und rief:
»O, nicht weinen, lieber Papa! Abby hat es nicht bös gemeint; Abby
will’s nie, nie wieder tun. Bitte, Papa!« Sie zog an den großen Händen
und versuchte, sie auseinanderzuschieben. Dabei erspähte sie zufällig
ein Auge hinter denselben und rief: »O, du böser Papa, du hast ja gar
nicht geweint; du hast mir bloß ’was vorgemacht! Und Abby geht jetzt
zur Mama; die behandelt Abby besser.«
Sie wollte von seinem Schoß klettern, aber ihr Vater schlang die Arme
um sie und sagte: »Nein, liebes Kind, bleibe bei mir; Papa ist unartig
gewesen, aber er gesteht es ein, und es tut ihm leid -- komm, laß ihn
deine Tränen wegküssen -- und er bittet dich um Verzeihung, und will
zur Strafe alles tun, was Abby sagt; so, jetzt sind sie alle weggeküßt
und keine einzige Locke zerzaust -- und was Abby befiehlt -- --«
Sogleich trat wieder lachender Sonnenschein auf des Kindes Gesicht; es
streichelte seinem Vater die Backen und nannte die Strafe: -- »Eine
Geschichte, eine Geschichte!«
Horch!
Die Eltern hielten den Atem an und lauschten. Schritte, kaum vernehmbar
in dem Sausen des Windes, kamen näher, immer näher ... wurden lauter
... immer lauter, dann gingen sie vorbei und erstarben in der Ferne.
Die beiden Eltern atmeten erleichtert auf, und der Vater sagte: »Also
eine Geschichte? Eine lustige?«
»Nein, Papa, eine schreckliche.«
Papa versuchte, sie zu einer lustigen zu überreden, aber die Kleine
bestand auf ihrem Recht, daß der Papa alles tun sollte, was sie
befehlen würde. Er war ein guter puritanischer Soldat und hatte sein
Wort gegeben -- er sah, daß er es halten müsse. »Papa,« rief Abby, »wir
müssen nicht immer lustige Geschichten haben. Meine Betty sagt, daß
die Leute nicht lauter lustige Zeiten hätten. Ist das wahr, Papa? Sie
sagt so.«
Die Mutter seufzte, und ihre Angst legte sich wieder schwer auf ihr
Herz. Der Vater antwortete freundlich: »Ja, das ist wahr, mein Schatz.
Die Sorgen bleiben nicht aus. Das ist leider so.«
»O, dann erzähle _davon_ eine Geschichte, Papa, -- eine recht
schreckliche, so daß es uns allen gruselt, als ob _wir_ es wären. Komm
ganz dicht hierher, Mama, und nimm eines von Abbys Händchen. Weißt du,
wenn’s dann zu schrecklich wird, können wir es leichter aushalten, wenn
wir alle beieinander sitzen und du meine Hand hältst. So Papa, jetzt
kannst du anfangen.«
»Nun also ... es waren einmal drei Obersten ...«
»O das ist fein! Ich weiß ganz gut was Obersten sind, weil du auch
einer bist, und ich kenne ihren Anzug. Bitte weiter, Papa.«
»Und in einer Schlacht hatten sie sich gegen die Disziplin vergangen.«
Das fremde Wort gefiel dem Kind; voll Neugier und Staunen sah es auf
und sagte:
»Ist das etwas Gutes zum Essen, Papa?«
Die Eltern lachten beinahe, und der Vater antwortete:
»Nein, Kind, das ist ganz etwas anderes. Sie überschritten ihre
Befehle.«
»Ist das etwas -- -- --«
»Nein, das ist ebensowenig zu essen, wie das andere. Sie hatten den
Befehl, in einer unglücklichen Schlacht einen Scheinangriff auf eine
feste Stellung zu machen, um den Soldaten den Rückzug zu ermöglichen.
Aber in ihrem Eifer überschritten sie ihre Befehle, denn sie machten
einen wirklichen Angriff, nahmen die Stellung im Sturm und gewannen die
Schlacht. Der Obergeneral war zwar ihres Lobes voll, aber sehr erbost
über ihren Ungehorsam und schickte sie nach London, damit dort über ihr
Leben vor Gericht entschieden würde.«
»Ist das er große General Cromwell, Papa?«
»Ja.«
»O, _den_ habe ich gesehen, Papa! Wenn er so stolz auf seinem großen
Pferd mit den Soldaten bei unserem Hause vorbeikommt, dann macht er ein
Gesicht ... so ... ich weiß selbst nicht recht wie, aber er sieht aus,
als ob er unzufrieden wäre, und man kann sehen, daß die Leute Angst vor
ihm haben. Aber ich habe keine Angst vor ihm, denn mich hat er nicht so
angesehen.«
»O du liebe kleine Plaudertasche! Also die Obersten wurden gefangen
nach London gebracht und auf Ehrenwort entlassen, um ihre Familien noch
zum letztenmal ...«
Horch!
Sie horchten. Wieder Schritte; doch sie gingen abermals vorbei. Die
Mutter lehnte ihren Kopf an des Gatten Schulter, um ihre Blässe zu
verbergen.
»Sie sind heute morgen angekommen.«
Die Augen des Kindes öffneten sich weit.
»Sag’ mal, Papa, ist es denn eine _wahre_ Geschichte?«
»Gewiß, Herzchen.«
»O, wie fein; das ist ja viel viel besser; bitte Papa, wie geht die
Geschichte weiter? Ei Mama ... liebe Mama, weinst du denn?«
»Komm, laß mich, Kind. Ich dachte nur an die ... an die armen Familien.«
»Aber du mußt nicht weinen, liebe Mama; es wird noch alles gut werden,
du wirst sehen; das ist immer so bei Geschichten. Bitte Papa, erzähle
weiter, bis wo es heißt: Und sie lebten glücklich bis an ihr Ende.
Nicht wahr, Mama, dann weinst du nicht mehr? Papa, bitte erzähle
weiter.«
»Zuerst brachte man die Gefangenen in den Tower, ehe man sie nach Hause
gehen ließ.«
»_Ich_ kenne den Tower! Wir können ihn von hier aus sehen.«
»Im Tower saß das Kriegsgericht eine Stunde lang über sie zu Gericht
und fand sie schuldig. Sie wurden verurteilt, erschossen zu werden.«
»_Tot_geschossen, Papa?«
»Ja.«
»O wie abscheulich! Liebe Mama, du weinst ja wieder; nicht weinen Mama!
Die Geschichte wird gleich an die gute Stelle kommen, du wirst schon
sehen. Mach’ schnell, Papa, der Mama zulieb; du erzählst nicht schnell
genug.«
»Du hast ganz recht; das kommt wohl daher, daß ich mich so oft besinnen
muß.«
»Aber du mußt dich nicht besinnen Papa, du mußt immer weiter erzählen.«
»Ja, mein Kind -- diese drei Obersten ...«
»Kennst du sie, Papa?«
»Ja, ich kenne sie.«
»O wenn ich sie nur auch kennen würde! Ich habe alle Obersten so gern.
Glaubst du, daß sie sich von mir küssen ließen?« Des Obersten Stimme
zitterte ein wenig, als er antwortete:
»_Einer_ von ihnen sicher. Komm’, küsse mich statt seiner.«
»Da Papa -- -- und diese zwei sind für die beiden andern. Ich glaube
doch, sie würden sich von mir küssen lassen; ich würde sagen: ›Mein
Papa ist auch ein Oberst, und sehr tapfer; er würde ganz ebenso
gehandelt haben wie ihr, und so kann es nichts Böses sein, mögen die
Leute sagen, was sie wollen. Ihr braucht euch also nicht ein kleines
bißchen zu schämen‹. Dann würden sie sich küssen lassen, nicht wahr
Papa?«
»Mit Freuden, das weiß Gott, mein Kind!«
»Mama! O nicht weinen, gute Mama; jetzt kommt gleich die Stelle, wo sie
alle glücklich werden. Papa, bitte erzähle weiter.«
»Dann waren einige von ihnen traurig -- sie alle waren es; ich meine
das Kriegsgericht. Und sie gingen zum Obergeneral, und sagten, sie
hätten ihre Pflicht getan, -- denn weißt du, es _war_ ihre Pflicht --
und jetzt bäten sie darum, daß zwei von den Obersten begnadigt würden,
und bloß einer erschossen werden sollte. Das würde genügen, um bei der
Armee ein Exempel zu statuieren. Aber der Obergeneral war sehr streng
und lehnte ihre Bitten ab, denn wenn _sie_ ihre Pflicht getan und nach
ihrem Gewissen gehandelt hätten, so wolle _er_ sich seiner Pflicht
auch nicht entziehen und seine Soldatenehre nicht beflecken. Sie aber
erwiderten, daß sie ihn um nichts gebeten hätten, was sie nicht auch
tun würden, wenn sie an seiner Stelle stünden und das hohe Vorrecht
hätten, Gnade zu üben. Das machte Eindruck auf ihn, er überlegte eine
Weile und die Härte wich etwas aus seinen Zügen. Dann hieß er sie
warten und zog sich in sein Zimmer zurück, um sich im Gebet bei Gott
Rat zu erholen. Als er wiederkam, sagte er: ›Sie sollen das Los ziehen;
einer muß sterben; zwei sollen leben‹.«
»Haben sie gelost, Papa? Und welcher muß sterben? Ach, der arme Mann!«
»Nein, sie haben sich geweigert.«
»Sie wollen es nicht tun, Papa?«
»Nein.«
»Weshalb nicht?«
»Sie sagten, daß derjenige, welcher das Todeslos zöge, sich durch seine
eigene freiwillige Handlung zum Tod verurteilte und das sei nichts
anderes als Selbstmord, man möge sagen was man wolle. Sie aber seien
Christen, und die Bibel verböte ihnen, sich das Leben zu nehmen. Diese
Antwort schickten sie dem Obergeneral und ließen ihm sagen, sie seien
bereit, man solle das Urteil des Kriegsgerichts vollstrecken.«
»Was heißt denn das, Papa?«
»Daß sie ... daß sie alle erschossen werden.«
Horch!
Der Wind? Nein. Trapp -- trapp -- trapp -- r-r-rumbledibum,
r-r-rumbledibum -- -- --
»Im Namen des Obergenerals, macht auf!«
»Papa, sieh’ nur, es sind Soldaten! Ich habe die Soldaten so gern! Darf
ich ihnen aufmachen? Bitte, bitte, Papa!«
Sie sprang herunter, lief zur Tür und machte sie auf, indem sie
vergnügt rief: »Kommt nur herein, kommt nur herein! Abby macht euch
auf. Hier sind sie, Papa! Grenadiere! Die Grenadiere kenn’ ich zu gut!«
Die kleine Abteilung marschierte herein und stellte sich in Linie
auf, Gewehr in Arm; ihr Offizier grüßte, der verurteilte Oberst
stand aufrecht da und erwiderte den Gruß, sein Weib stand neben ihm,
totenbleich und mit schmerzdurchwühlten Zügen -- aber sonst verriet sie
durch kein Zeichen ihren trostlosen Jammer. Das Kind sah auf die Szene
mit leuchtenden Augen ...
Eine lange Umarmung von Vater, Mutter und Kind; dann der Befehl »zum
Tower -- Marsch!« Mit fester Haltung und militärischem Schritt verließ
der Oberst sein Haus, gefolgt von der Abteilung. Dann schloß sich die
Tür.
»O Mama, war das nicht wunderschön! Ich habe dir’s ja immer gesagt, daß
die Geschichte so ausgehen würde. Und jetzt gehen sie zum Tower, und
da kann er die Obersten sehen. Er -- -- --«
»Komm in meine Arme, du armes unschuldiges Ding! ...«
* * * * *
Am andern Morgen war die unglückliche Mutter nicht imstande, das Bett
zu verlassen. Aerzte und barmherzige Schwestern saßen bei ihr und
flüsterten ab und zu miteinander; Abby durfte nicht ins Zimmer kommen;
man hatte ihr gesagt, sie solle auf die Straße gehen und spielen --
Mama sei sehr krank. Ganz eingepackt in dicke Wintersachen ging das
Kind vors Haus und spielte eine Weile; dann kam ihr der Gedanke, es
sei doch sonderbar und eigentlich unrecht, daß Papa so lange im Tower
bliebe, während Mama so krank war. Sie wollte mal nach Papa sehen.
Eine Stunde später trat das Kriegsgericht vor den Obergeneral.
Aufrecht, mit finsterer Miene, die Fingerknöchel auf den Tisch
gestützt, stand er da und bedeutete dem Wortführer durch eine Gebärde,
zu sprechen. Dieser sagte: »Wir haben sie dringend ersucht, sich die
Sache noch einmal zu überlegen; wir haben sie beschworen, allein sie
bleiben bei ihrer Weigerung, das Los zu ziehen. Sie sind willens, zu
sterben, aber nicht die Vorschriften ihrer Religion zu übertreten.«
Der Protektor machte ein finsteres Gesicht, jedoch er schwieg. Eine
Zeitlang blieb er in Gedanken versunken, dann sprach er: »Sie sollen
nicht alle sterben; das Los soll _für sie gezogen werden_.« Die
Anwesenden vernahmen es voll Dankbarkeit. »Holt sie her! Führt sie in
dieses Zimmer hier! Dort sollen sie sich aufstellen. Mit dem Gesicht
nach der Wand, die Hände hinter sich gekreuzt. Meldet mir, wenn sie da
sind.«
Als Cromwell wieder allein war, setzte er sich und gab einem Adjutanten
den Befehl: »Bringen Sie mir das nächste beste kleine Kind herein, das
draußen vorbei geht!«
Kaum hatte sich die Tür hinter dem jungen Offizier geschlossen, als
er auch schon wieder zurückkam, mit Abby an der Hand, auf deren
Kleidern der Schnee schimmerte. Die Kleine ging ohne Scheu auf das
Staatsoberhaupt zu, bei dessen bloßem Namen Fürsten und Könige
zitterten; sie kletterte ihm auf den Schoß und sagte:
»_Dich_ kenne ich; du bist der Obergeneral; ich habe dich schon
gesehen, als du einmal an meinem Haus vorbeigekommen bist. Alle
hatten Furcht vor dir, aber _ich_ nicht, weil du _mich_ nicht so bös
angesehen hast. Nicht wahr, das weißt du noch! Ich hatte mein rotes
Kleid an -- das mit den blauen Dingern vorne. Weißt du das nicht mehr?«
Ein Lächeln ging durch die harten Züge des Protektors, und er zögerte
diplomatisch mit der Antwort.
»Ja, doch ... ich muß mich besinnen, ... es war ...«
»Ich stand gerade vor dem Haus, vor _meinem_ Haus, weißt du.«
»Hm! ... du liebes kleines Ding, es ist ja eine Schande, aber ich weiß
wirklich ...«
Das Kind unterbrach ihn vorwurfsvoll:
»Ach, du hast es _doch_ vergessen. Aber _ich_ nicht.«
»Ich schäme mich auch wirklich darüber, aber jetzt will ich dich gewiß
nicht mehr vergessen, auf mein Wort. Nicht wahr, du vergibst mir, und
wir wollen von jetzt an immer gute Freunde sein?«
»O, natürlich, obgleich ich nicht verstehe, wie du mich hast vergessen
können. Du mußt recht vergeßlich sein, aber das bin ich auch manchmal;
meine Betty hat es mir gesagt. Doch, ich verzeihe dir, denn ich glaube,
du bist doch gut, ebenso gut wie ... aber du mußt mich besser auf
deinen Schoß setzen, und in den Arm nehmen, so wie Papa -- es ist
kalt.«
»Komm’, schmieg dich nur ordentlich an, du kleine neue Freundin; von
jetzt ab bist du dann meine _alte_ Freundin, nicht wahr? Du erinnerst
mich an mein kleines Mädchen -- jetzt ist es freilich schon lange
nicht mehr klein -- aber es war ein liebes, süßes, zierliches kleines
Dingelchen und hatte denselben Zauberreiz wie du, du kleine Fee. Mit
deinem holdseligen Vertrauen zu jedermann, ob Freund oder Fremder,
machst du alle zu willigen Sklaven, auf die dein Zauberbann fällt. So
wie du jetzt, lag sie auch früher in meinen Armen, vertrieb mir die
Müdigkeit und Sorge aus dem Herzen und gab ihm Frieden, gerade so, wie
du jetzt. Und wir zwei waren Freunde und Spielkameraden. Es ist lange,
lange her, daß dieser Himmel voller Freuden für mich verschwunden ist
im Dunkel der Zeit, und du bringst ihn mir jetzt wieder; -- nimm dafür
den Segen eines Mühseligen und Beladenen, du kleines Ding, das mir Last
und Sorge für England abnimmt, dieweil ich ruhe.«
»Hast du sie arg, arg, _arg_ gerne gehabt?«
»Das kannst du daran sehen: Sie brauchte nur zu befehlen, und ich
gehorchte!«
»Du bist so gut! Willst du mich küssen?«
»Von ganzem Herzen ... ich bin sogar stolz darauf. Da -- der ist für
dich ... und der ist für sie. Du hast mich darum gebeten, und du
hättest es mir befehlen können, denn du vertrittst jetzt ihre Stelle,
und was du mir befiehlst, muß ich ausführen.«
Das Kind klatschte in die Hände vor Freude über diese neue
Machtstellung, dann schlug ein Geräusch an ihr Ohr: der gleichmäßige
Schritt marschierender Männer.
»Soldaten! Soldaten! Abby möchte sie so gerne sehen.«
»Du sollst sie sehen, mein Kind; aber warte einen Augenblick, ich habe
einen Auftrag für dich.«
Ein Offizier trat ein, grüßte und sprach: »Die Verurteilten sind zur
Stelle, Sir.« Dann grüßte er wieder und ging.
Das Staatsoberhaupt gab Abby drei kleine Kugeln aus Siegelwachs.
Zwei davon waren weiß und eine rot; diese sollte den Oberst, der sie
erhielt, zum Tod verurteilen. »O, was für eine schöne rote! Sind die
alle für mich?«
»Nein, Herzchen, sie sind für andere Leute. Die Türe dort, die der
Vorhang verdeckt, ist offen, gehe hindurch in das anstoßende Zimmer;
dort wirst du drei Männer in einer Reihe stehen sehen, mit den Händen
auf dem Rücken, -- so -- und jeder hält eine Hand offen, wie eine
Schale. In jede von den drei offenen Händen lege eine von diesen Kugeln
und komme dann zurück zu mir.«
Abby verschwand hinter dem Vorhang und der Protektor blieb allein. Er
sagte mit heiliger Ehrfurcht: »In meiner Verwirrung kam mir dieser
Gedanke gewiß von Ihm, der eine allgegenwärtige Hilfe ist denen, die
bedrängt sind und seinen Beistand suchen. Er weiß, auf wen die Wahl
fallen soll, und hat mir diesen sündenreinen Boten geschickt, damit
sein Wille geschehe. Wir Menschen können irren, aber Er irret nie.
Wunderbar sind Seine Wege und unergründlich Seine Weisheit ... gelobet
sei sein heiliger Name!«
Als die kleine Elfe den Vorhang hinter sich fallen ließ, betrachtete
sie einen Augenblick mit lebhafter Neugier das Zimmer, die
unbeweglichen Gestalten der Soldaten und die drei Gefangenen. Dann
glitt ein Leuchten über ihr Gesicht und sie dachte bei sich: »Einer
davon ist Papa; ich kenne ihn von hinten. Er soll die schönste haben!«
Vergnügt lief sie hinzu und legte die Wachskugel in die offenen Hände;
dann wandte sie, unter dem Arm ihres Vaters hindurchguckend, diesem ihr
lachendes Gesicht zu und rief:
»Papa, Papa! Sieh’ nur, was du bekommen hast. _Ich_ habe es dir
gegeben!«
Der Oberst warf einen Blick auf die unheilvolle Gabe, sank in die Kniee
und drückte, überwältigt von Liebe und Leid, die unschuldige kleine
Vollstreckerin seines Todesurteils an die Brust. Soldaten, Offiziere,
die beiden begnadigten Obersten, alle standen einen Augenblick wie
gelähmt von der Ungeheuerlichkeit dieser Tragödie, dann aber übermannte
sie die Rührung über den jammervollen Auftritt; ihre Augen füllten sich
mit Tränen, und sie schämten sich nicht zu weinen. Ein feierliches,
tiefes Schweigen herrschte während der nächsten Minuten, dann ging der
Offizier der Wache mit Widerstreben auf seinen Gefangenen zu, berührte
ihn an der Schulter und sagte in sanftem Ton:
»So leid es mir tut, Sir ... aber meine Pflicht gebietet mir.«
»Gebietet was?« fragte das Kind.
»Ich muß ihn wegführen ...«
»Wegführen? Wohin denn?«
»Nach ... nach ... Gott stehe mir bei! ... nach einem anderen Teil der
Festung.«
»Aber das geht jetzt wirklich nicht. Meine Mama ist krank und ich hole
ihn nach Haus.«
Sie wand sich los und kletterte ihrem Vater auf den Rücken, indem sie
ihre Arme um seinen Hals schlang: »Komm, Papa, wir wollen jetzt gehen.«
»Mein ärmstes Kind, ich kann nicht. Ich muß mit ihm gehen.« Das Kind
sprang zu Boden und sah verwundert um sich. Dann lief es auf den
Offizier zu, stampfte mit dem kleinen Fuß ärgerlich auf den Boden und
rief:
»Ich habe dir doch gesagt, daß meine Mama krank ist, und du hast es
wohl gehört. Laß’ _ihn_ gehen -- du _mußt_!«
»Armes Kind, wollte Gott, ich könnte es, aber ich kann nicht anders,
ich muß ihn wegführen. Achtung, Wache! ... das Gewehr über! ...«