Aber uns machte er Unannehmlichkeiten genug und wirklich endlose

Scherereien. Sie begreifen: auf seine Veranlassung hin hatten wir

fünfzehn oder zwanzig Leute aufs Fort gebracht und sie, mit einer

Schildwache vor jeder Tür, in Einzelhaft gesetzt. Zum Teil waren

die Verhafteten Soldaten und dergleichen Leute, und denen gegenüber

brauchte ich mich nicht zu entschuldigen. Aber die übrigen waren

Herrschaften erster Güte, aus allen Gegenden der Union, und so viele

Entschuldigungen, wie die verlangten, konnte ich gar nicht zu stande

bringen! Sie schäumten und tobten einfach vor Wut und machten einen

unendlichen Lärm. Und dann die beiden Damen -- die eine war die

Gemahlin eines Kongreßmannes aus Ohio, die andere die Schwester eines

Bischofs aus dem Westen -- na, _der_ verächtliche Hohn und _die_

ärgerlichen Tränen, womit sie mich überschütteten! Ich dachte mir

gleich, die Damen würde ich wohl recht lange im Gedächtnis behalten

-- und so ist’s wirklich eingetroffen und wird auch so bleiben. Der

lahme alte Herr mit der grünen Brille war ein College-Vorsteher von

der Universität Philadelphia, der nach New London gekommen war, um dem

Begräbnis eines Neffen beizuwohnen. Er hatte natürlich Jung-Wicklow

niemals vorher gesehen. Nun, er versäumte nicht nur die Beerdigung

und wurde als Rebellenspion ins Loch gesteckt, sondern Wicklow war in

meiner Wohnung vor ihn hingetreten und hatte ihn ganz kaltblütig als

Urkundenfälscher, Niggerhändler, Pferdedieb und Brandstifter aus der

verruchtesten Schurkenhöhle in Galveston bezeichnet, und das war etwas,

was der arme alte Herr anscheinend durchaus nicht verdauen konnte.

Und das Kriegsdepartement! -- Aber du lieber Gott, ziehen wir lieber

den Vorhang darüber zu!

_Anmerkung_: Ich zeigte mein Manuskript dem Major, und

er sagte: »Ihre geringe Vertrautheit mit militärischen

Verhältnissen hat Sie zu einigen kleinen Mißverständnissen

verleitet. Indessen, da sie der Geschichte sogar einen ganz

hübschen Aufputz geben -- lassen wir sie stehen. Militärs

werden darüber lächeln, und andere Leser werden sie gar nicht

bemerken. Sie haben die Hauptzüge der Geschichte richtig erfaßt

und sie genau so wiedergegeben, wie sie sich zugetragen haben.«

~M. T.~

Aus den ›London Times‹ von 1904[8]

[8] Veröffentlicht wurde diese Phantasie im Jahre 1900.

I.

Bericht der ›London Times‹.

Chicago, den 5. April 1904.

Ich setze mittels Kabeltelephons den gestern abgebrochenen Bericht

fort. Seit vielen Stunden hat jetzt die ungeheure Stadt -- und mit

ihr natürlich auch der übrige Teil des Erdballs -- von nichts anderem

gesprochen als von dem außerordentlichen Auftritt, den ich in meinem

letzten Bericht erwähnte. Den Weisungen der Redaktion entsprechend will

ich jetzt den Roman in seinem ganzen Verlauf schildern, vom Anfang bis

zu dem Gipfelpunkt von gestern -- oder heute; nennen Sie den Tag wie

Sie wollen. Infolge eines eigentümlichen Zufalls war ich selber in

einem Teil des Dramas persönlicher Mitwirkender. Die Eröffnungsszene

spielt in Wien. Datum: ein Uhr morgens am 31. März 1898. Ich war den

Abend zu Tisch eingeladen gewesen und hatte ungefähr um Mitternacht

zusammen mit den Militärattachés der Britischen, der Italienischen und

der Amerikanischen Botschaft die Gesellschaft verlassen, um zum Schluß

noch eine späte Zigarre zu rauchen. Dies sollte im Hause des Leutnants

Hillyer, des dritten von den oben genannten Attachés, vor sich gehen.

Bei unsrer Ankunft fanden wir mehrere Besucher im Salon: den jungen

Szczepanik; Herrn K., der Szczepaniks Projekte finanzierte; Herrn W.,

den Sekretär des Herrn K., und Leutnant Clayton von der Armee der

Vereinigten Staaten. Der Krieg zwischen Spanien und den Vereinigten

Staaten drohte damals gerade auszubrechen, und Leutnant Clayton war in

militärischen Angelegenheiten nach Europa geschickt worden. Den jungen

Szczepanik und seine beiden Freunde kannte ich recht gut, Clayton

dagegen nur oberflächlich. Ich hatte ihn vor Jahren in West Point

getroffen, als er dort Kadett war. Es war zur Zeit, als General Merritt

Kommandeur der Militärschule war. Clayton galt für einen befähigten

Offizier, zugleich aber für leicht erregbar und ziemlich gerade in

seinen Worten.

Die Herren, die nunmehr im Rauchzimmer versammelt waren, waren zum

Teil in geschäftlichen Angelegenheiten erschienen. Dieses Gespräch

betraf eine Beratung über die Verwendbarkeit des elektrischen

Fernsehers oder Telelektroskops für den militärischen Dienst. Es

klingt jetzt sonderbar genug, ist aber trotzdem wahr, daß damals

die Erfindung von keinem Menschen ernst genommen wurde, außer vom

Erfinder selber. Sogar der Gönner, der das Geld hergab, betrachtete

sie lediglich als ein merkwürdiges und interessantes Spielzeug. Er war

sogar so überzeugt hievon, daß er einen Vertrag abgeschlossen hatte,

durch welchen die Einführung des Fernsehers im Weltverkehr bis zum Ende

des zur Rüste gehenden Jahrhunderts hinausgeschoben wurde; für zwei

Jahre hatte er nämlich das Recht des ausschließlichen Betriebes einem

Syndikat überlassen, das die Erfindung auf der Pariser Weltausstellung

auszubeuten gedachte. Als wir das Rauchzimmer betraten, fanden wir

Clayton und Szczepanik in einen in deutscher Sprache geführten hitzigen

Disput über das Telelektroskop verwickelt. Clayton sagte gerade:

»Nun, Sie kennen jedenfalls meine Meinung darüber!« -- und dabei schlug

er nachdrucksvoll mit der Faust auf den Tisch.

»Und ich mache mir aus Ihrer Meinung nichts!« versetzte der junge

Erfinder mit herausfordernder Ruhe in Ton und Haltung.

Clayton wandte sich zu Herrn K. und sagte:

»Ich kann einfach nicht begreifen, warum Sie Ihr Geld an eine

solche Spielerei vergeuden. Ich bin überzeugt, niemals wird der Tag

erscheinen, wo sie irgend einem menschlichen Wesen einen wirklichen

Dienst leistet, der auch nur einen Farthing wert wäre.«

»Das kann sein; ja, das kann sein; trotzdem habe ich mein Geld da

hineingesteckt, und ich bin zufrieden, daß ich’s getan habe. Ich

glaube selber, daß es nur Spielerei ist; aber Szczepanik stellt seine

Erfindung höher, und so wie ich ihn kenne, glaube ich, daß er weiter

blickt als ich -- und zwar sowohl mit seinem Telelektroskop als ohne

dasselbe.«

Die freundliche Antwort kühlte Claytons Aerger nicht ab, sie schien

ihn im Gegenteil nur noch mehr zu reizen, und er wiederholte in noch

stärkeren Ausdrücken seine Versicherung, er sei überzeugt, daß die

Erfindung keinem Menschen jemals für einen Farthing wirklichen Nutzen

bringen werde. Diesmal sprach er sogar von einem ›kupfernen Farthing‹.

Dann legte er einen englischen Farthing auf den Tisch und fuhr fort:

»Nehmen Sie ihn, Herr K., und stecken Sie ihn ein; und wenn der

elektrische Fernseher jemals einem Menschen einen wirklichen Dienst

leistet -- ich betone: einen _wirklichen_ Dienst -- so schicken Sie ihn

mir bitte als Erinnerungszeichen zu, und ich werde alsdann meine Worte

zurücknehmen Wollen Sie?«

»Ich will’s,« sagte K. und steckte die Münze in die Tasche.

Clayton wandte sich nun zu Szczepanik und begann eine höhnische

Bemerkung, die er aber nicht zu Ende brachte, denn Szczepanik

unterbrach sie mit einem starken Ausdruck und schlug ihm unmittelbar

darauf ins Gesicht. Ein paar Augenblicke lang schlugen die beiden

Männer aus allen Kräften aufeinander los, dann wurden sie von den

Attachés getrennt ...

* * * * *

Jetzt wird die Szene nach Chicago verlegt. Zeit: Herbst 1901. Sobald

der Vertrag für die Pariser Weltausstellung abgelaufen war, wurde

der Fernseher dem öffentlichen Gebrauch übergeben, und es dauerte

nicht lange, so war er an das Fernsprechernetz der ganzen Welt

angeschlossen. Auf einmal wurde auch der verbesserte ›Fernsprecher für

unbegrenzte Entfernungen‹ eingeführt, und die Tagesereignisse auf dem

ganzen Erdball konnten jetzt von jedermann mit angesehen werden, und

Augenzeugen, die unzählige Meilen von einander entfernt waren, konnten

sich in bequem verständlicher Weise über die Geschehnisse unterhalten.

Nach einiger Zeit kam Szczepanik in Chicago an. Clayton, der inzwischen

Hauptmann geworden war, stand dort in Garnison. Die beiden Männer

nahmen ihren Wiener Streit vom Jahre 1898 wieder auf. Dreimal gerieten

sie an verschiedenen Orten aneinander und mußten durch die Anwesenden

getrennt werden. Dann verstrichen zwei Monate, während welcher Zeit

Szczepanik von keinem seiner Bekannten gesehen wurde; anfangs nahm man

an, er habe eine Vergnügungsreise angetreten und werde bald von sich

hören lassen. Aber nein; es kam keine Nachricht von ihm. Darauf dachte

man, er sei nach Europa zurückgekehrt. Wieder verging einige Zeit,

und man hörte immer noch nichts von ihm. Indessen beunruhigte kein

Mensch sich deswegen, denn er war wie die meisten Erfinder und andere

Dichtersleute: er folgte in Kommen und Gehen seinen eigenen Launen und

pflegte gewöhnlich seine Absichten nicht vorher anzukündigen.

Nun kommt die Tragödie. Am 29. Dezember wurde in einem finstern und

unbenutzten Raum des Kellers unter Hauptmann Claytons Haus durch eins

von Claytons Dienstmädchen ein Leichnam entdeckt. Bekannte Szczepaniks

erklärten, es sei dieser. Der Mann war eines gewaltsamen Todes

gestorben. Clayton wurde verhaftet, angeklagt und wegen dieses Mordes

vor Gericht gestellt. Der Augenschein sprach in jeder Einzelheit und in

völlig unanfechtbarer Weise gegen ihn. Clayton gab dieses selber zu. Er

sagte, ein vernünftiger Mann, der alle Anzeichen mit leidenschaftslosem

Sinn erwöge, müßte dadurch überzeugt werden -- und würde trotzdem sich

irren! Clayton schwor, er habe den Mord nicht begangen und sei in

keiner Weise daran beteiligt gewesen.

Er wurde, wie Ihre Leser sich erinnern werden, zum Tode verurteilt. Er

hatte zahlreiche und mächtige Freunde, und sie gaben sich große Mühe,

ihn zu retten, denn keiner von ihnen bezweifelte die Wahrheit seiner

Versicherung. Ich half nach meinen schwachen Kräften mit, denn ich war

jetzt seit langer Zeit eng mit ihm befreundet und glaubte bestimmt zu

wissen, daß es nicht in seinem Charakter lag, einen Feind in einen

Winkel zu locken und dort zu ermorden. Während der Jahre 1902 und 1903

wurde ihm mehrere Male vom Gouverneur Aufschub der Strafe bewilligt;

noch einmal wurde ihm zu Anfang des gegenwärtigen Jahres Frist gewährt

und die Vollstreckung des Urteils bis zum 31. März verschoben.

Der Gouverneur befand sich vom Tage der Verurteilung an in einer

peinlichen Lage -- denn Claytons Gattin ist eine Nichte des

Gouverneurs. Die Heirat fand im Jahre 1899 statt, als Clayton 34 und

das Mädchen 23 Jahre alt war, und die Ehe war eine glückliche. Es ist

ein Kind vorhanden, ein dreijähriges kleines Mädchen. Mitleid mit der

armen Mutter und dem Kindchen schloß anfangs den Nörglern den Mund;

aber dies konnte nicht immer so bleiben, denn in Amerika spricht bei

allen Verhältnissen die Politik mit -- und allmählich begannen des

Gouverneurs politische Gegner die öffentliche Aufmerksamkeit darauf zu

lenken, daß in diesem Fall dem Gesetz nicht ungehemmter Lauf gelassen

werde. Diese Winke wurden in letzter Zeit immer häufiger und immer

deutlicher. Natürlich wurden des Gouverneurs eigne Parteigenossen

dadurch nervös gemacht. Die Führer der Partei fingen an sich in

Springfield einzufinden und lange vertrauliche Besprechungen mit dem

Gouverneur zu halten. Dieser befand sich jetzt zwischen zwei Feuern.

Auf der einen Seite flehte seine Nichte ihn an, ihren Gatten zu

begnadigen, auf der andern bestanden die Parteiführer darauf, er müsse

seine klare Pflicht als erster Beamter des Staates erfüllen und dürfe

Claytons Hinrichtung nicht länger aufhalten. Das Pflichtgefühl gewann

in diesem Kampf die Oberhand, und der Gouverneur gab sein Wort, er

werde dem Verurteilten keinen Aufschub mehr gewähren. Dies war vor zwei

Wochen; Frau Clayton ging nun zum Gouverneur und sagte ihm:

»Jetzt, wo du dein Wort gegeben hast, ist meine letzte Hoffnung

geschwunden, denn ich weiß, du wirst es niemals zurücknehmen. Aber du

hast für John alles getan, was du konntest, und ich mache dir keinen

Vorwurf. Du liebst ihn und liebst mich, und wir wissen, wenn du ihn

in Ehren retten könntest, so würdest du es tun. Ich will jetzt zu ihm

gehen, ihm beistehen, so gut ich kann, und ihm die paar Tage bis zu der

grauenvollen Nacht, die für mich kein Ende haben wird, so angenehm wie

möglich machen. Du wirst an jenem Tage bei mir sein? Du wirst mich’s

nicht allein tragen lassen?«

»Ich will dich selber zu ihm bringen, armes Kind, und ich will bis zum

letzten Augenblick dir zur Seite stehen.«

Auf des Gouverneurs Befehl wurde Clayton jetzt jede von ihm gewünschte

Annehmlichkeit gewährt, die seinen Geist anregen und die Härten der

Gefangenschaft ihm mildern konnte. Tagsüber waren Weib und Kind bei

ihm; nachts leistete ich ihm Gesellschaft. Er wurde aus der engen Zelle

herausgebracht, die er während einer so langen traurigen Zeit bewohnt

hatte, und erhielt die geräumige und behaglich eingerichtete Wohnung

des Oberaufsehers. Sein Geist beschäftigte sich fortwährend mit der

Katastrophe seines Lebens und mit dem abgeschlachteten Erfinder, und

so kam es ihm denn in den Sinn, er möchte gern das Telelektroskop

haben und sich damit unterhalten. Sein Wunsch wurde erfüllt. Sein

Zimmer wurde mit der internationalen Fernsprechstelle verbunden, und

Tag für Tag und Nacht für Nacht rief er ein Erdenfleckchen nach dem

andern an und betrachtete das Leben und die seltsamen Gewohnheiten und

sprach mit den Leuten dort und begriff, daß er dank diesem wunderbaren

Instrument fast so frei war wie ein Vogel in der Luft, ob er gleich als

Gefangener hinter Schloß und Riegel saß. Selten sprach er mit mir, und

ich unterbrach ihn niemals, wenn er mit seiner Lieblingsunterhaltung

beschäftigt war. Ich saß in seinem Wohnzimmer und las und rauchte, und

die Nächte waren sehr ruhig und verliefen friedlich und angenehm in

seiner Gesellschaft. Ab und zu hörte ich ihn sagen: »Bitte Yeddo!«, und

dann gleich darauf: »Bitte Hongkong!« und wieder: »Bitte Melbourne.«

Und ich rauchte und las in aller Bequemlichkeit, während er fern in

der Welt auf der andern Seite des Erdballs herumwanderte, wo die Sonne

leuchtend am Himmel stand und die Menschen ihrem Tagwerk nachgingen.

Zuweilen interessierte mich das Gespräch, das aus jenen fernen Gegenden

kam und vermöge des mit dem Fernseher verbundenen Mikrophons in unsrem

Zimmer vernehmbar war, und dann hörte ich zu.

Gestern -- ich bleibe dabei, von ›gestern‹ zu sprechen, und zwar aus

gewissen, ganz natürlichen, Gründen -- gestern blieb das Instrument

unbenutzt, und das war ebenfalls natürlich, denn es war der Tag vor der

Hinrichtung. Er verging mit Weinen und Wehklagen und Abschiednehmen.

Der Gouverneur und Claytons Weib und Kind blieben bis nachts um viertel

nach elf, und die Auftritte, die ich miterlebte, schnitten einem ins

Herz. Die Hinrichtung sollte um vier Uhr morgens stattfinden. Kurz

nach elf tönte ein Schall von Hammerschlägen durch die stille Nacht,

und draußen wurde es hell, und das Kind rief: »Was ist das, Papa?« und

lief ans Fenster, ehe man es zurückhalten konnte, und klatschte in die

Händchen und rief: »O komm doch, Mama, und sieh was für ein hübsches

Ding sie da machen!« Die Mutter wußte, was sie machten -- und sank in

Ohnmacht. Es war der Galgen!

Sie wurde nach ihrer Wohnung fortgeschafft, die arme Frau, und Clayton

und ich waren allein -- allein und brüteten über unseren Gedanken und

träumten. So bewegungslos und still saßen wir, daß man uns hätte für

Bildsäulen halten können. Es war eine wilde Nacht draußen, denn der

Winter war noch einmal zurückgekehrt zu einem kurzen Besuch, wie es

in unserer Gegend in der ersten Frühjahrszeit meistens der Fall ist.

Der Himmel war sternenlos und schwarz, und ein starker Wind blies

vom See her. Das Schweigen im Zimmer war so tief, daß alle Laute von

draußen infolge des Gegensatzes übertrieben stark erschienen. Diese

Laute paßten zur Stunde, sie entsprachen der Lage und den Umständen;

sausend und prasselnd fuhr der Sturm in plötzlichen Stößen über

Dächer und Kamine, bis der Lärm an den Wasserrinnen und Häuserecken

zu einem Pfeifen und Winseln erstarb; ab und zu schlug knatternd

ein Hagelschauer an die Fensterscheiben -- und dazu fortwährend die

schauerlichen gedämpften Hammerschläge der Zimmerleute, die im Hofe den

Galgen aufrichteten. Als dies fertig war, drang nach einer Ewigkeit

ein anderer Ton zu uns -- aus weiter Ferne und nur ganz schwach

durch den Aufruhr des Sturmes hindurchklingend -- eine Glocke schlug

zwölf! Wieder eine Ewigkeit -- dann schlug es abermals. Und dann --

noch einmal. Dann folgte eine entsetzlich lange Pause und dann tönte

wiederum der Geisterklang zu uns herüber: Eins! -- Zwei! -- Drei! --

Und diesmal stockte uns der Atem dabei: Noch sechzig Minuten zu leben!

Clayton stand auf und trat ans Fenster. Er schaute hinaus in den

schwarzen Himmel und horchte auf das Prasseln des Hagels und das

Pfeifen des Windes. Dann sagte er: »Und _das_ sollten eines Mannes

letzte Augenblicke auf Erden sein?!« Und nach einer kurzen Weile:

»Ich muß noch einmal die Sonne sehen -- die Sonne!« Und im nächsten

Augenblick rief er in fieberhafter Erregung: »China! Verbinden Sie mich

mit China -- Peking!«

Ich selber war in seltsamer Aufregung und dachte bei mir: »Wie

unglaublich -- ein gewöhnlicher Mensch vollbringt dieses unermeßliche

Wunder: wandelt Winter in Sommer, Nacht in Tag, Sturm in Windstille,

gibt einem Gefangenen in seiner Zelle freien Verkehr mit dem ganzen

großen Erdball und läßt einen Mann, der in ägyptischer Finsternis

stirbt, die Sonne in ihrem nackten Schönheitsglanz schauen!«

Ich hörte dem Gespräch zu:

»Was für ein Licht! welch ein Glanz! welche Strahlenfülle! ... Das ist

Peking?«

»Ja.«

»Welche Zeit?«

»Mitten am Nachmittag.«

»Was will die große Menge, was bedeuten die prachtvollen Kleider?

Welche Massen und Massen von reicher Farbenpracht und barbarischem

Glanz! Und wie sie blitzen und sprühen und glühen in dem flutenden

Sonnenlicht! Was bedeutet denn das alles?«

»Die Krönung unseres neuen Kaisers -- des Zaren.«

»Aber ich dachte, die hätte gestern stattfinden sollen.«

»Unser ›heute‹ ist für Sie -- ›gestern‹.«

»Ach so, natürlich. Aber ich bin dieser Tage etwas verwirrt -- aus

guten Gründen ... Ist dies der Beginn des Festzugs?«

»O nein; er fing schon vor einer Stunde an, sich in Bewegung zu setzen.«

»Wird noch mehr davon zu sehen sein?«

»Der Vorbeimarsch dauert noch zwei volle Stunden. Warum seufzen Sie?«

»Weil ich gerne alles gesehen hätte.«

»Und warum können Sie das nicht?«

»Ich muß gehen -- gleich jetzt im Augenblick.«

»Sie haben eine Verpflichtung?«

Pause. Dann ein leises »Ja«. Wieder eine Pause. Dann: »Wer sind die

Leute unter dem prachtvollen Zeltdach?«

»Die kaiserliche Familie und Fürstlichkeiten, die aus allen Gegenden

der Welt als Gäste gekommen sind.«

»Und wer sind die anderen in den anstoßenden Zelten zur Rechten und zur

Linken?«

»Unter dem Zeltdach rechts Gesandte mit Familien und Gefolge; zur

Linken Fremde ohne amtlichen Charakter.«

»Wenn Sie so gut sein wollen, ich ...«

_Bumm!_ Wieder erscholl durch das Unwetter von Sturm und Hagel die

ferne Glocke und meldete mit schwacher Stimme die halbe Stunde. Die Tür

ging auf, und der Gouverneur trat ein; mit ihm Mutter und Kind -- die

Frau im Witwengewand! Mit leidenschaftlichen Tränen warf sie sich ihrem

Gatten an die Brust und ich -- ich mußte hinaus; ich konnte es nicht

ertragen. Ich ging in das Schlafzimmer und schloß die Tür. Dort saß ich

und wartete -- wartete -- wartete, und lauschte dem Hagelgeprassel

und Sturmesgesause. Mir war’s, als verginge eine lange lange Zeit,

dann hörte ich ein Geraschel und Hinundhergehen im Wohnzimmer, und ich

wußte, jetzt waren der Geistliche, der Sheriff und der Gefängniswärter

eingetreten. Dann wurde leise gesprochen; dann alles still; dann ein

Gebet, mit Schluchzen untermischt; auf einmal der Klang von Schritten

-- der Aufbruch zum Schafott; und dann noch des Kindes glückliche

Stimme: »Ach weine doch nicht mehr, Mama; jetzt haben wir da doch Papa

wieder und nehmen ihn mit nach Hause!«

Die Tür fiel zu; sie waren fort. Ich schämte mich; ich war des zum

Sterben Bestimmten einziger Freund, der keine geistige Kraft, keinen

Mut hatte. Ich trat ins Wohnzimmer und sagte laut, ich wollte ein Mann

sein und auch hingehen. Aber über uns selbst können wir nicht hinaus --

können es mit dem besten Willen nicht. Ich ging nicht.

Aufgeregt lief ich im Zimmer herum; auf einmal ging ich ans Fenster,

öffnete es leise -- von dem fürchterlichen Bann erfaßt, den

entsetzliche Ereignisse ausüben -- und sah auf den Hof hinunter. Bei

dem prahlerischen Licht der elektrischen Lampen sah ich die kleine

Gruppe der eingeladenen Zeugen, die Frau, die an ihres Onkels Brust

weinte, den Verurteilten, der auf dem Schafott stand. Schon hatte er

den Strick um den Hals, seine Arme waren an den Leib gebunden, die

schwarze Kappe bedeckte seinen Kopf. Der Sheriff an seiner Seite hielt

die Hand am Fallbrett; ihm gegenüber stand der Geistliche barhäuptig

und mit dem Buch in der Hand.

»_Ich bin die Auferstehung und das Leben_ --«

Ich drehte mich um; ich konnte es nicht mit anhören, ich konnte es

nicht mit ansehen. Ich wußte nicht, wohin ich ging und was ich tat.

Mechanisch und unbewußt legte ich meine Augen an das merkwürdige

Instrument, den elektrischen Fernseher -- und da war Peking und der

Krönungszug des Zaren.

Im nächsten Augenblick beugte ich mich aus dem Fenster hinaus --

atemlos, nach Luft ringend. Ich versuchte zu sprechen, aber ich war

gerade infolge der Notwendigkeit, ohne jeden Verzug zu sprechen, wie

betäubt. Der Prediger konnte sprechen, aber ich, der ich so dringend

Worte finden mußte ...

»_Und möge Gott Gnade haben mit deiner Seele. Amen._«

Der Sheriff zog die schwarze Kappe herunter und legte die Hand an den

Hebel. Da fand ich meine Stimme wieder!

»Halt! Um Gottes willen halt! Der Mann ist unschuldig. Kommt her und

seht Szczepanik von Angesicht zu Angesicht!«

Kaum drei Minuten darauf stand der Gouverneur an meiner Stelle am

Fenster und rief:

»Nehmt ihm die Fesseln ab und laßt hin frei!«

Drei Minuten später waren alle wieder im Zimmer. Der Leser wird sich

die Szene vorstellen können; ich brauche sie nicht zu beschreiben. Es

war eine Art von wahnsinnigem Freudentaumel.

Ein Bote brachte Szczepanik Meldung nach dem Zuschauerzelt, und wir

konnten sehen, wie ein angstvolles Erstaunen sein Antlitz überzog, als

er die Geschichte vernahm. Dann begab er sich an den Apparat und sprach

mit Clayton und dem Gouverneur und anderen. Und die Frau dankte ihm mit

überströmendem Gefühl, daß er ihres Gatten Leben gerettet, und küßte

ihn in ihrer tiefen Dankbarkeit über zwölftausend Meilen hinweg.

Die elektrischen Fernseher auf dem ganzen Erdball traten in Tätigkeit,

und viele Stunden lang sprachen Könige und Königinnen -- und ab und

zu auch ein Reporter -- mit Szczepanik und priesen ihn; und die

wenigen wissenschaftlichen Gesellschaften, die ihn noch nicht zum

Ehrenmitglied erhoben hatten, beglückten ihn jetzt mit dieser Gunst.

Wie war es zugegangen, daß er aus unserer Mitte verschwand? Dies war

leicht erklärt. Er hatte noch nicht die Uebung erlangt, seinen Weltruhm

zu tragen, und hatte nicht anders gekonnt als sich vor dem Glück,

überall der Löwe des Tages zu sein, aus dem Staube zu machen; denn

dieses ›Glück‹ machte jede Ruhe und Selbsteinkehr unmöglich. Er ließ

sich also einen Bart wachsen, setzte eine blaue Brille auf, verkleidete

sich auch selbst noch ein bißchen, nahm einen falschen Namen an und

ging davon, um in Frieden die Welt zu durchwandern.

Das ist der Verlauf des Dramas, das im Frühling 1898 mit einem

unbedeutenden Streit in Wien begann und im Frühling 1904 beinahe als

Tragödie geendet hätte.

II.

Korrespondenz der ›London Times‹.

Chicago, den 1. April 1904.

Heute kam von der ›Electric Line‹ mit einem elektrischen Eilschiff

und vom Hafen ab mit der elektrischen Eisenbahn befördert, ein

Briefumschlag aus Wien an Hauptmann Clayton. Inhalt: ein englischer

Farthing. Der Empfänger war recht gerührt. Er ließ sich mit Wien

verbinden, begrüßte Herrn K’s wohlbekanntes Gesicht und sagte:

»Ich brauche nichts zu sagen; Sie können alles auf meinem Antlitz

lesen. Meine Frau hat den Farthing. Seien Sie unbesorgt -- sie wird ihn

nicht wegwerfen.«

III.

Korrespondenz der ›London Times‹.

Chicago, den 23. April 1904.

Da jetzt die späteren Entwickelungen des ›Falls Clayton‹ ihren

Lauf genommen -- und beendigt haben, so will ich das Ganze kurz

zusammenfassen. Claytons romantische Rettung vor einem schmachvollen

Tode versetzte die ganze Gegend in einen Zaubertaumel von freudiger

Ueberraschung. Er hielt die sprichwörtlichen neun Tage an. Dann folgte

die Ernüchterung, und einige begannen nachzudenken und zu sagen: »_Aber

ein Mann wurde getötet_ -- und Clayton tötete ihn.« Andere antworteten:

»Das ist wahr; diesen wichtigen Umstand haben wir übersehen; wir haben

uns von unserer Erregung zu weit fortreißen lassen.«

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 11 / 14 段