Wie ein Blitz war Abby davongeschossen. Im nächsten Augenblick kam sie

wieder, den Obergeneral an der Hand hinter sich herziehend. Bei dieser

gefürchteten Erscheinung rafften sich alle zusammen, die Offiziere

grüßten und die Wache salutierte.

»Befiehl du es ihnen! -- Meine Mama ist krank und braucht meinen Papa;

ich hab’s ihnen _gesagt_, aber sie hören gar nicht auf mich und wollen

ihn fortführen.«

Der Obergeneral schien wie vom Schlag gerührt.

»_Dein_ Papa, Kind? Ist das dein Papa?«

»Natürlich! Das war _immer_ mein Papa. Würde ich wohl sonst die hübsche

rote Kugel ihm und keinem andern gegeben haben, wenn ich ihn nicht so

lieb hätte? Gewiß nicht!«

Bestürzung malte sich in des Protektors Zügen, und er sagte:

»Gott helfe mir! Durch des Satans Tücke habe ich das Grausamste

begangen, das je ein Mensch tat -- und keine Hilfe, keine Hilfe! Was

soll ich, was kann ich tun?«

Ungeduldig und betrübt zugleich rief Abby: »Du kannst ihnen doch

befehlen, daß sie ihn gehen lassen!« und sie begann zu schluchzen. »So

sage es ihnen doch! Du hast mir versprochen, ich dürfe nur befehlen,

und jetzt, das erste Mal, daß ich sage, du sollest etwas tun, tust du

es doch nicht!«

Ein milder Schimmer breitete sich über das rauhe Gesicht des alten

Kriegers. Er legte seine Hand auf das Haupt der kleinen Tyrannin

und sprach: »Gott sei Lob und Dank für den rettenden Zufall dieses

gedankenlosen Versprechens; und Heil dir, daß du, von Ihm geleitet,

mich daran erinnert hast. Gottes Auge ruht auf dir, mein Kind! Wache!

Gehorcht ihrem Befehl, -- sie spricht durch meinen Mund. Der Gefangene

ist begnadigt; gebt ihn frei!«

[Illustration]

Zwei kleine Geschichten.

Erste Geschichte:

Der Mann mit einer Mitteilung an den Generaldirektor.

Vor einigen Tagen, im zweiten Monat des Jahres 1900, besuchte mich

nachmittags ein Freund hier in London. Wir sind beide in dem Alter,

wo Männer, wenn sie ihre Pfeife rauchen und sich etwas erzählen,

weniger von den Annehmlichkeiten des Lebens sprechen, als von dessen

Widerwärtigkeiten, und allmählich fing mein Freund an, auf das

Kriegsministerium zu schimpfen. Es stellte sich heraus, daß ein Freund

von ihm etwas erfunden hatte, das für die Soldaten in Südafrika von

großem Nutzen gewesen wäre. Es war ein leichter, sehr billiger Stiefel,

der vollständig wasserdicht war und bei Regenwetter seine Form und

Festigkeit behielt. Der Erfinder wünschte, die Aufmerksamkeit der

Regierung hierauf zu lenken, aber er war ein unbekannter Mann und

wußte, daß die hohen Beamten einer Mitteilung von ihm keine Beachtung

schenken würden.

»Das beweist, daß Ihr Freund ein Esel war -- wie wir’s ja alle sind,«

sagte ich unterbrechend »Doch erzählen Sie nur weiter!«

»Aber wie kommen Sie zu dieser Bemerkung? Der Mann sprach die Wahrheit.«

»Der Mann hat gelogen. Machen Sie nur weiter.«

»Ich will Ihnen _beweisen_, daß er ...«

»Sie können gar nichts beweisen. Ich bin sehr alt und sehr weise.

Sie müssen nicht mit mir rechten wollen; das ist unehrerbietig und

beleidigend. Fahren Sie, bitte, fort.«

»Nun gut, Sie werden ja sogleich sehen. Ich bin nicht unbekannt und

doch war selbst _ich_ nicht imstande, die Mitteilung meines Freundes

beim Generaldirektor des Schuhleder-Departements anzubringen.«

»Das ist wieder eine Lüge. Erzählen Sie nur weiter.«

»Aber ich versichere Sie auf Ehrenwort, daß es mir nicht gelang.«

»O gewiß. _Das_ wußte ich. Sie brauchten mir das gar nicht zu sagen.«

»Ja, worin besteht denn dann die Lüge?«

»Die Lüge liegt in Ihrer Behauptung, daß Sie _nicht imstande_ waren,

die sofortige Aufmerksamkeit des Generaldirektors auf die Mitteilung

Ihres Freundes zu lenken. Das ist eine Lüge, denn Sie _hätten_ seine

sofortige Aufmerksamkeit auf die Sache erreichen können.«

»Ich sage Ihnen aber doch, daß ich’s nicht konnte. In Zeit von drei

Monaten ist es mir nicht gelungen.«

»Ohne Zweifel. Das brauchten Sie mir gar nicht zu erzählen. Aber Sie

_hätten_ sofortige Beachtung gefunden, wenn Sie es auf eine vernünftige

Weise angegriffen hätten; ebenso hätte es Ihr Freund können.«

»Ich _habe_ es auf eine vernünftige Weise angegriffen.«

»Das haben Sie nicht.«

»Was wissen denn _Sie_? Was wissen Sie denn über die näheren Umstände?«

»Ueber die weiß ich rein gar nichts. Aber Sie haben die Sache nicht auf

vernünftige Weise angefangen. Soviel ist sicher.«

»Wie können Sie das behaupten, wenn Sie nicht wissen, welche Methode

ich anwandte?«

»Das sagt mir der Erfolg Ihrer Methode; der ist mir Beweis genug. Sie

sind unvernünftigerweise vorgegangen. Ich bin sehr alt und sehr w ...«

»Ja, ja, das weiß ich. Aber darf ich Ihnen erzählen, _wie_ ich zu Werke

ging? Ich glaube das wird entscheiden, ob es Unvernunft war oder nicht.«

»Nein; das ist schon entschieden. Aber wenn Ihnen so sehr daran liegt,

sich zu blamieren, so erzählen Sie die Geschichte nur. Ich bin sehr

alt ...«

»Ja, gewiß, gewiß. Ich setzte mich hin und schrieb einen sehr höflichen

Brief an den Generaldirektor des Schuhleder-Departements, in dem ich

ihm auseinanders ...«

»Kennen Sie ihn persönlich?«

»Nein.«

»Gibt einen Punkt auf meiner Seite. Sie haben unvernünftig angefangen.

Bitte weiter.«

»In dem Brief legte ich den großen Wert und die große Billigkeit der

Erfindung dar, und bot mich an ...«

»Ihm einen Besuch zu machen? Natürlich! Ein zweiter Punkt gegen Sie.

Ich bin s ...«

»Drei Tage lang blieb ich ohne Antwort.«

»Na, das ist doch klar. Nur weiter.«

»Dann schrieb er mir drei elende Zeilen, dankte für meine Mühe und

schlug mir ...«

»_Nichts_ vor.«

»Ganz richtig; er schlug mir -- gar nichts vor. Dann schrieb ich ihm

einen sorgsam ausgearbeiteten Brief und ...«

»Punkt drei ...«

»... bekam überhaupt keine Antwort. Nach Ablauf einer Woche bat ich

dann schriftlich mit einem Anflug von ungehaltener Grobheit um Antwort

auf den Brief.«

»Vier. Weiter.«

»Darauf kam Antwort, der fragliche Brief sei nicht angekommen, und

man bitte um eine Abschrift desselben. Ich reklamierte bei der Post

und es stellte sich heraus, daß der Brief tatsächlich doch angekommen

war; aber ich sagte nichts und schickte eine Abschrift ab. Zwei Wochen

verstrichen ohne weitere Nachricht für mich. Inzwischen hatte ich mich

wieder abgekühlt, bis zur richtigen Temperatur für höfliche Briefe.

Ich schrieb abermals und erbot mich, am folgenden Tag persönliche

Rücksprache zu nehmen. Ich sagte, wenn ich keine Nachricht erhielte, so

nehme ich das als stillschweigende Einwilligung.«

»Fünfter Punkt für mich.«

»Um zwölf Uhr erschien ich und bekam einen Stuhl angeboten mit

der Weisung, zu warten. Ich wartete bis halb Zwei; dann ging ich

weg, ärgerlich und beschämt. Ich wartete wieder eine Woche um mich

abzukühlen; dann bat ich um eine Audienz für den nächsten Mittag.«

»Punkt sechs.«

»Er antwortete, zustimmend. Ich kam pünktlich und hielt bis halb

Drei einen Stuhl warm. Dann ging ich fort und schüttelte den Staub

dieses Direktorialgebäudes für immer von meinen Schuhen. Was Grobheit,

Unfähigkeit, Indolenz, Gleichgültigkeit gegenüber den Interessen der

Armee anbelangt, so ist der Generaldirektor des Schuhleder-Departements

nach meiner Ans ...«

»Still! Ich bin sehr alt und sehr weise und habe viele anscheinend

gescheite Leute gesehen, die nicht genug gesunden Menschenverstand

hatten, um eine so einfache und leichte Sache wie diese richtig

anzufassen. Sie sind für mich nichts Neues; ich habe persönlich

Millionen und Billionen von Menschen gekannt wie Sie. Sie haben ganz

unnötig drei Monate Zeit verloren; der Erfinder hat drei Monate

verloren, die Soldaten haben drei Monate verloren -- macht zusammen

neun Monate. Jetzt will ich Ihnen eine kleine Geschichte vorlesen, die

ich gestern nacht geschrieben habe. Dann mögen Sie morgen mittag beim

Generaldirektor vorsprechen, und Ihre Sache durchführen.«

»Famos! Kennen Sie ihn?«

»Nein; aber hören Sie jetzt meine Geschichte.«

Zweite Geschichte:

Wie sich der Kesselflicker beim Sultan Gehör verschaffte.

I.

Der Sommer war gekommen und die Starken gingen gebeugt unter der

Last der furchtbaren Hitze und viele von den Schwachen waren

zusammengebrochen und starben. Im Heer wütete eine Ruhrepidemie, die

Geißel des Krieges, und Hilfe war keine zu erwarten. Die Aerzte waren

in Verzweiflung; der Erfolg ihrer Wissenschaft und ihrer Arzeneien --

und er war immer ein recht zweifelhafter gewesen -- war ein Ding der

Vergangenheit und zwar für immer, wie es schien.

Der Sultan befahl den berühmtesten Aerzten, zu einer Beratung vor ihm

zu erscheinen, denn er befand sich in großer Sorge. Er war sehr streng

mit ihnen und sagte, sie seien dafür verantwortlich, daß sie seine

Soldaten sterben ließen und fragte sie, ob sie ihr Geschäft verstünden

oder nicht, und ob sie wirkliche Helfer seien oder bloße Massenmörder.

Der Ober-Massenmörder, der zugleich der älteste Arzt im Reich war und

von äußerst ehrwürdiger Erscheinung, antwortete darauf und sagte:

»O Herr und Gebieter! Wir haben getan, was wir konnten, und deshalb ist

es nur wenig. Keine Arzenei und kein Arzt kann diese Krankheit heilen;

nur eine gute Konstitution und die Natur vermögen das. Ich bin alt

und ich weiß es. Kein Arzt und keine Arzenei können sie heilen -- ich

wiederhole es und betone es. Manchmal scheint es, als ob sie der Natur

ein wenig helfen würden -- ein ganz klein wenig -- aber in der Regel

schaden sie bloß.«

Der Sultan war ein jähzorniger und leidenschaftlicher Mensch und

überschüttete die Aerzte mit rauhen und häßlichen Worten und trieb sie

von seinem Angesicht. Am nächsten Tag wurde er selbst von der grausamen

Krankheit erfaßt. Die Schreckensnachricht flog von Mund zu Mund und

brachte Bestürzung über das ganze weite Reich. Es wurde von nichts

anderem gesprochen, als von dem betrübenden Unglück, und alle Gemüter

waren niedergedrückt, denn nur wenige hatten Hoffnung. Der Sultan

selbst war sehr melancholisch und sagte:

»Der Wille Allahs geschehe! Ruft mir die Massenmörder wieder; ich will

mich drein fügen.«

Sie kamen und fühlten seinen Puls und besahen seine Zunge und holten

ihren Arzeneivorrat, den sie in ihn hineinleerten. Dann setzten sie

sich geduldig nieder und warteten -- denn sie wurden nicht pro Fall

bezahlt, sondern erhielten ein jährliches Gehalt.

II.

Achmet war ein gescheiter Bursche von 16 Jahren, aber er gehörte nicht

zur Gesellschaft; dazu war sein Rang zu niedrig und seine Beschäftigung

zu gemein. Ja, es war überhaupt die niedrigste aller Beschäftigungen,

denn er war bloß der Gehilfe seines Vaters, welcher Kotgruben leerte

und nachts in einem Karren den Straßenkehricht wegschaffte. Achmets

bester Freund war Ali, der Kesselflicker, ein schmächtiger kleiner Kerl

von vierzehn Jahren, ehrbar, fleißig und von gutem Herzen, denn er

unterstützte seine bettlägerige Mutter mit seiner Hände Arbeit.

Ungefähr einen Monat nachdem der Sultan erkrankt war, begegneten

sich diese zwei Burschen eines Abends so gegen neun Uhr. Achmet war

auf dem Weg zu seiner Nachtarbeit und natürlich nicht in seinen

Festtagskleidern, sondern in seinem scheußlichen Arbeitsanzug, und roch

nicht eben nach Rosenwasser. Ali war auf dem Heimweg zu seiner Mutter,

mit rußigem Gesicht und Händen; er hatte seinen Lötofen bei sich und

seinen Lötkolben nebst Hammer und Blechschere.

Sie hockten sich nieder und schwatzten und sprachen natürlich über das

Unglück des Reiches und die Krankheit des Sultans. Niemand sprach ja

von etwas anderem. Ali aber trug sich mit einem großen Plan und brannte

darauf, ihn seinem Freund mitzuteilen. Er sprach:

»Achmet, ich kann den Sultan heilen. Ich weiß wie.«

Achmet war überrascht.

»Was! Du?«

»Ja, ich.«

»Du Narr, die besten Aerzte können’s ja nicht.«

»Ist mir einerlei; ich kann’s. In fünfzehn Minuten kann ich ihn heilen.«

Alis Miene war so ernst, daß Achmet an keinen Spaß glauben konnte.

Deshalb sagte er:

»Ich glaube, dir ist es ernst, Ali; kannst du wirklich den Sultan

heilen?«

»Ich gebe dir mein Wort.«

»Sage mir doch: wie willst du ihn denn heilen?«

»Ich will ihm sagen, er soll eine Schnitte von einer reifen

Wassermelone essen.«

Das kam Achmet ziemlich unvermutet, und er lachte laut auf über die

Absurdität dieses Gedankens, ehe er noch an sich halten konnte. Aber

sein Lachen verstummte plötzlich, als er sah, daß er Ali damit gekränkt

hatte. Er schlug ihn begütigend aufs Knie, und sagte:

»Es tut mir so leid, daß ich gelacht habe, Ali; es war gewiß nicht bös

gemeint, und ich will’s nicht wieder tun. Weißt du, es schien mir so

furchtbar spaßig, denn überall wo ein Soldatenlager ist und die Ruhr,

da pflanzen die Aerzte ein Zeichen auf, welches besagt, daß jedermann,

den man hier mit einer Wassermelone antrifft, mit der neunschwänzigen

Katze zu Tode gepeitscht wird.«

»Ich weiß -- diese Narren!« sagte Ali, Tränen und Aerger in der

Stimme. »Es gibt so viele Wassermelonen und nicht ein einziger von all

den Soldaten hätte es nötig gehabt, zu sterben.«

»Aber Ali, wie kommst du zu dieser Meinung?«

»Das ist keine Meinung, das ist eine Tatsache. Kennst du den alten

grauköpfigen Neger? Der hat schon eine Menge von unsern Freunden

geheilt; das hat meine Mutter selbst mit angesehen und ich auch. Man

braucht nur eine oder zwei Scheiben Wassermelone zu essen und man ist

kuriert, einerlei ob die Krankheit alt oder neu ist.«

»Komisch, so etwas. Aber wenn es wirklich so ist, so sollte man’s dem

Sultan doch sagen.«

»Natürlich, und meine Mutter hat’s auch anderen Leuten gesagt, in der

Hoffnung, sie könnten es ihm sagen. Aber es sind alles arme Leute und

wissen nicht, wie sie es anfangen sollen, damit es der Sultan erfährt.«

»Das ist klar, daß es diese Dummköpfe nicht wissen,« sagte Achmet

verächtlich. »_Ich_ will es ihm sagen.«

»Du? du Mistfink?!« Und diesmal mußte Ali lachen. Aber Achmet erwiderte

mit Ueberzeugung:

»Lache du nur; _ich_ tu’s.«

Das klang so sicher, daß es einen Eindruck auf Ali machte und dieser

frug:

»Kennst du den Sultan?«

»Ob _ich_ ihn kenne? Wie du wieder redest! Ich kenne ihn freilich

nicht.«

»Dann sage mir bloß, wie du es dem Sultan sagen willst?«

»Das ist sehr leicht und einfach. Wie würdest du es denn anfangen?«

»Ich ginge in den Bazar und ließe mir von einem Schreiber einen Brief

schreiben. Den würde ich ihm schicken. Merkwürdig, daß ich bis jetzt

nicht daran dachte. Ich wette, so willst du es auch machen.«

»Ich wette das Gegenteil. Jeder Narr im ganzen Reich macht es ebenso.

Hast du denn daran gar nicht gedacht?«

»Wirklich nicht,« sagte Ali beschämt.

»Du hättest daran denken _können_, wenn du nicht so jung und unerfahren

wärest. Weißt du, wenn irgend ein gewöhnlicher Pascha, oder ein

Dichter, oder der Hofkoch oder sonstwer, der ein bißchen bekannt ist,

krank wird, so empfehlen alle Narren ihre ›unfehlbaren‹ Quacksalbereien

zur Anwendung. Und wenn es sich nun gar um den Sultan selber

handelt ...«

»So machen sie es natürlich noch ärger,« sagte Ali etwas verlegen.

»Selbstverständlich! Glaube mir, Ali, jede Nacht führen wir unsere

fünf, sechs Karren voll solcher Briefe aus dem Hinterhofe des Palastes

fort. Achtzigtausend Briefe in einer Nacht! Glaubst du denn, daß die

überhaupt gelesen werden? Bah! Kein einziger! Mit deinem Brief würde es

gerade so gehen. Aber es führt mehr als ein Weg nach Mekka, und den zu

des Sultans Ohren kenne ich. Verlaß’ dich drauf.«

»Aber so sage mir nur, wie du es angreifen wirst,« bat Ali.

Achmet fühlte sich und hub an:

»Kennst du das zerlumpte arme Wesen, das sich einbildet, ein Schlächter

zu sein, weil es mit einem Korb herumläuft und Katzenfleisch und

halbverfaulte Lebern verkäuft? Dem werde ich es _zunächst_ sagen.«

Ali war schwer enttäuscht und verdrossen.

»Das ist eine Schande, so zu reden, Achmet; das ist nicht schön von

dir. Du weißt doch, daß mir die Sache am Herzen liegt.«

Achmet gab ihm einen liebevollen Klaps und sagte:

»Du brauchst dich nicht zu beunruhigen, Ali. _Ich_ weiß, was ich will.

Du wirst es schon sehen. Dieser Katzenfleischkrämer wird es dem alten

Krüppel erzählen, der die Krapfen an der Straßenecke verkäuft -- das

ist sein bester Freund -- wenn ich ihn darum bitte. Der wiederum wird

es seinem reichen Onkel sagen, der im Bazar die Früchte verkauft, und

der wieder seinem Busenfreund, dem Hammelschlächter; und der erzählt es

seinem Freund von der Leibwache, und der seinem Hauptmann, und der dem

Muezzin; dieser erzählt es dem Kadi, der Kadi dem Mudir, der Mudir dem

Oberst von der Leibwache, der läuft zu seinem Freund, dem ...«

»Bei Mohammed, das ist ein wundervoller Plan, Achmet. Wie kamst du nur

auf ...«

»... Kontre-Admiral und der Kontre-Admiral erzählt es dem Vize-Admiral,

und der Vize-Admiral dem Admiral der Ruderflotte, und der sagt’s dem

Admiral der Segelflotte, und dieser dem Ober-Admiral beider Flotten,

und der dem Wesir, und der Wesir dem ...«

»Weiter, Achmet, weiter!«

»... Scharfrichter, und der erzählt es dem Ober-Scharfrichter, und der

dem Pascha, und der Pascha dem Mufti, und der Mufti dem Hofjagdmeister,

und der Hofjagdmeister sagt es dem Hofmarschall, der Hofmarschall dem

Ober-Stallmeister, der Ober-Stallmeister dem Ober-Küchenmeister, dieser

erzählt es dem Zeremonienmeister des Harems, der dem Ober-Eunuchen,

und der Ober-Eunuch sagt es dem kleinen jungen Lieblingssklaven des

Sultans, der ihm die Fliegen vom Gesicht fächert, und der wird vor

dem Sultan niederknieen und es ihm zuflüstern, -- und das Spiel ist

gewonnen.«

Ali war aufgesprungen.

»Das ist die größte Idee, die je ein Weiser hatte. Wie kamst du nur

darauf?«

»Setze dich hier neben mich, und höre mir zu; ich will dir ein Körnlein

Weisheit schenken, behalte es solange du lebst. Nun denn, wer ist

dein bester Freund, dem du nie im Leben etwas abschlagen möchtest und

könntest?«

»Der bist du, Achmet, das weißt du.«

»Angenommen, du hättest eine ziemlich große Gefälligkeit von dem

Katzenfleisch-Händler zu erbitten. Nun kennst du ihn aber nicht, und

er würde dir die Pest wünschen, wenn du ihn bitten wolltest, denn er

ist nun mal so ein Kauz. Aber er ist mein bester Freund nach dir, und

würde sich die Beine ablaufen, um mir einen Gefallen zu erweisen, --

_jeden_ Gefallen, ganz einerlei welchen. Jetzt frage ich dich: Was

ist vernünftiger -- wenn _du_ zu ihm gehst und ihn bittest, er solle

dem Krapfenmann von deiner Melonenkur erzählen, oder wenn du zu _mir_

kommst, damit _ich_ ihn für dich bitte?«

»Natürlich wenn ich zu dir gehe, damit du es für mich tust. Ich hätte

wirklich nie daran gedacht, Achmet; es ist großartig!«

»Es ist eine _Lebensweisheit_. Sie beruht darauf: Jedermann auf dieser

Welt, groß oder klein, mächtig oder nicht, hat _einen_ speziellen

Freund, einen Freund, dem er mit _Vergnügen_ behilflich ist -- nicht

mit Widerwillen, sondern mit _Vergnügen_ -- mit Vergnügen bis ins

Innerste. Und so, ganz einerlei von wo du ausgehst, kannst du bei

jedem Gehör finden, stehe er noch so hoch und du noch so niedrig. Es

ist ja so einfach: Du brauchst nur den _ersten_ Freund zu finden,

das ist alles; damit ist dein Teil an der Arbeit schon geleistet. Er

findet dann den nächsten Freund schon von selbst, und dieser findet

den dritten, und so fort, Freund nach Freund, Glied nach Glied, wie

bei einer Kette; diese führt dich hinauf oder hinunter, so hoch wie du

willst oder so tief wie du willst.«

»Das ist herrlich, Achmet!«

»Es _ist_ so leicht und einfach, wie einen Esel zu prügeln; aber hast

du je gehört, daß jemand danach gehandelt hätte? Nein; ein jeder ist

ein Narr. Er geht zu einem Fremden, ohne irgendwelche Einführung,

oder schickt ihm einen Brief, und erreicht natürlich nichts, -- und

das geschieht ihm gerade recht. Der Sultan kennt mich nicht, aber das

verschlägt mir nichts. Morgen wird er seine Wassermelone essen; du

wirst sehen. Hallo! Halt! Es ist der Katzenfleischkrämer, ich will ihn

einholen. Allah beschütze dich, Ali!«

Er holte ihn ein und sagte:

»Bitte, willst du mir einen Gefallen tun?«

»Habe ich es je nicht getan, wenn du mich darum batest? Sage mir, was

ich tun soll und ich werde eilen, wie der Wind.«

»Geh’ zu dem Krapfenverkäufer; er soll alles stehen und liegen lassen

und seinem besten Freund mitteilen, daß der Sultan geheilt werden kann,

wenn er zwei Scheiben einer reifen Wassermelone ißt. Und dieser Freund

soll es _seinem_ besten Freund weitersagen und so fort, -- bis zum

Sultan.« Der Katzenfleischverkäufer flog davon.

In diesem Augenblick war die frohe Botschaft des kleinen Kesselflickers

an den Sultan unterwegs.

III.

Um Mitternacht des nächsten Tages saßen die Aerzte im Krankenzimmer

des Sultans und flüsterten leise miteinander, denn sie waren in großer

Not, da es um den Sultan sehr schlimm stand. Sie konnten es sich nicht

verhehlen, daß, so oft sie ihn mit einer neuen Quantität Arzeneien

auffüllten, sein Zustand immer bedenklicher wurde. Das machte sie

traurig, denn sie hatten das erwartet. Der arme abgezehrte Sultan lag

bewegungslos da mit geschlossenen Augen, und sein Lieblingssklave, der

ihm die Mücken fortwedelte, weinte still vor sich hin. Da hörte der

Knabe einen seidenen Vorhang hinter sich rauschen, drehte sich um und

gewahrte den Ober-Eunuchen, der ihm aufgeregt winkte, zu ihm zu kommen.

Geräuschlos auf den Zehenspitzen schlich der Sklave zu seinem geliebten

Freund, welcher sagte:

»Nur du kannst ihn überreden, mein Kind, denn du bist des Sultans

Liebling. Nimm dies hier. Wenn es der Sultan ißt, so ist er gerettet.«

»Bei Allah, er wird es essen.«

Es waren zwei große Scheiben rötlicher Wassermelone, frisch und saftig.

IV.

Durch das ganze Reich flog am nächsten Morgen die Nachricht, daß der

Sultan wieder wohl und gesund sei, und die Köpfe seiner Aerzte die

Zinnen seines Palastes schmückten. Eine Freudenwoge wälzte sich über

das ganze Land, und man rüstete sich zu einem großen Jubelfest.

Nach dem Frühstück saß der Herrscher auf seinem Diwan und überlegte.

Seine Dankbarkeit war unaussprechlich, und er sann über ein Geschenk

nach, das reich genug wäre seinem Wohltäter seine Dankbarkeit darzutun.

Er rief seinen kleinen Sklaven, und fragte ihn, ob er die Kur erfunden

hätte. Der Knabe sagte nein, -- er hätte sie vom Ober-Eunuchen

erfahren. Der Sklave wurde weggeschickt und der Sultan überlegte

wieder. Er würde dem Ober-Eunuchen den Palast und die Ländereien

eines Paschas schenken, der in Ungnade gefallen war, sowie ihm dessen

jährliches Einkommen anweisen. Er ließ ihn rufen, und fragte ihn, ob

er der Erfinder des Heilmittels sei. Aber der Ober-Eunuch war ein

ehrlicher Mann und sagte, er hätte es vom Zeremonienmeister des Harems

erfahren. Er wurde weggeschickt und der Sultan überlegte von neuem.

Er könnte den Ober-Eunuchen absetzen, und den Zeremonienmeister an

seine Stelle setzen. Dazu sollte er vier Pferde aus seinem Stall

zum Geschenk bekommen. Er wurde aber vom Zeremonienmeister an den

Ober-Küchenmeister verwiesen. Abermals überlegte der Sultan, und

dachte sich ein geringeres Geschenk aus. Der Koch aber verwies ihn an

den Ober-Stallmeister und dieser an den Hofmarschall, und jedesmal

mußte der arme Sultan wieder überlegen und sich ein kleineres Geschenk

ausdenken.

Das war ihm jedoch zu langweilig, und um die Sache zu beschleunigen,

ließ er seinen Hohen Geheimen Ober-Detektive kommen, und befahl ihm,

herauszufinden, wer die Melonenkur erfunden hätte, damit er seinen

Wohltäter nach Gebühr belohnen könne.

Um neun Uhr abends kam der Detektive wieder. Er hatte der ganzen langen

Kette von Freunden nachgespürt, bis hinunter zu einem kleinen Burschen,

Namens Ali, einem Kesselflicker. Der Sultan sagte mit tiefem Gefühl:

»Ein braver Junge! Er hat mir das Leben gerettet und soll es nicht

bereuen.«

Und er schickte ihm ein Paar seiner eigenen Schuhe, und zwar das

zweitbeste Paar, das er besaß. Sie waren zu groß für den kleinen Ali,

aber sie paßten dem grauköpfigen Neger gerade, und so war alles gut

und der rechte Mann belohnt.

Schluß der ersten Erzählung.

»Nun -- haben Sie die Idee ergriffen?«

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 13 / 14 段