Unsere Gesichter mußten die Wahrheit geantwortet haben, bevor meine

Lippen das falsche »Ja!« hervorbringen konnten, denn ich sah deutlich,

wie der Mut wieder in des Jungen Augen kam. Ich wartete darauf, daß er

etwas sagen sollte, aber er blieb still. So sagte ich denn zuletzt:

»Nun, was hast du zu den Enthüllungen zu bemerken, die in diesem Brief

enthalten sind?«

Er antwortete völlig gefaßt:

»Nichts -- ausgenommen, daß ich gänzlich harmlos und unschuldig bin;

sie können keinem Menschen Schaden tun.«

Ich war jetzt ein wenig in der Klemme, sintemalen ich seine Behauptung

nicht Lügen strafen konnte. Ich wußte nicht recht, wie ich weiter

vorgehen sollte. Es kam mir indessen zum Glück ein guter Gedanke und

ich sagte:

»Du weißt ganz bestimmt nichts von dem ›Meister‹ und der ›Heiligen

Allianz‹ und schriebst ganz bestimmt auch den Brief nicht, der, wie du

sagst, eine Fälschung ist?«

»Nein, Herr Major -- ganz bestimmt nicht!«

Ich zog langsam den geknoteten Bindfaden hervor und hielt ihm denselben

hin ohne ein Wort zu sprechen. Er sah ihn gleichgültig an, dann wandte

er sich mit einem fragenden Blick zu mir. Meine Geduld war jetzt an

der Grenze angelangt. Ich bezwang indessen meinen Aerger und sagte in

ruhigem Tone:

»Wicklow, siehst du dies?«

»Ja, Herr Major.«

»Was ist es?«

»Es scheint ein Stück Bindfaden zu sein.«

»_Scheint?_ Es _ist_ ein Stück Bindfaden. Erkennst du es?«

»Nein, Herr Major!« antwortete er auf die ruhigste Art von der Welt.

Seine Kaltblütigkeit war geradezu wunderbar! Ich machte jetzt eine

Pause von mehreren Sekunden, um durch das Schweigen den Worten, die ich

äußern wollte, einen größeren Nachdruck zu verleihen. Dann stand ich

auf, legte meine Hand auf seine Schulter und sagte ernst:

»Dein Lügen, armer Junge, wird dir auf der ganzen Welt nicht gut tun.

Dies Zeichen für den ›Meister‹, dieser geknotete Bindfaden, der in

einer der Kanonen an der Wasserseite gefunden ...«

»Gefunden _in_ der Kanone?! O, nein, nein, nein! Sagen Sie nicht in

der Kanone, sondern in einer Fuge des Mündungsdeckels -- er _muß_ in

der Fuge gewesen sein!« Und er fiel auf die Kniee und faltete seine

Hände und hob sein Antlitz zu uns empor, ein Antlitz so bleich und

angstverzerrt, daß er einem Mitleid einflößte.

»Nein, er war _in_ der Kanone.«

»O, dann ist etwas nicht in Ordnung! Mein Gott, ich bin verloren!« Und

er sprang auf und strebte sich den Händen zu entwinden, die sich nach

ihm ausstreckten. Er wollte durchaus entfliehen. Aber das war natürlich

ganz undenkbar. Dann warf er sich wieder auf die Kniee, schrie aus

Leibeskräften und umklammerte meine Beine, und ließ mich nicht los und

bat und flehte und rief: »O, haben Sie Erbarmen mit mir! O, seien Sie

gnädig mit mir! Verlassen Sie mich nicht; sie würden keinen Augenblick

mein Leben verschonen. Beschützen Sie mich, retten Sie mich! Ich will

alles gestehen!«

Wir brauchten ziemlich lange Zeit, um ihn zu beruhigen und ihm die

Angst auszureden und ihn wieder in eine einigermaßen vernünftige

Geistesverfassung zu bringen. Dann begann ich ihn auszufragen: Er

antwortete demütig, mit niedergeschlagenen Augen, von Zeit zu Zeit die

unablässig rinnenden Tränen abwischend.

»Du bist also in deinem Herzen ein Rebell?«

»Ja, Herr Major.«

»Und ein Spion?«

»Ja.«

»Und hast nach gemessenen Befehlen von außerhalb gehandelt?«

»Ja.«

»Mit Freuden, vielleicht?«

»Ja. Es hätte keinen Zweck, das zu leugnen. Der Süden ist mein

Vaterland; mein Herz gehört der Sache des Südens -- Herz und Leib und

Seele!«

»Dann war also die Geschichte, die du mir von euren Leiden und den

Verfolgungen gegen deine Familie erzähltest, reine Erfindung?«

»Sie -- sie befahlen mir es zu sagen, Herr Major!«

»Und du wolltest also die Leute, die dir aus Mitleid Obdach gaben,

verraten und vernichten? Begreifst du, wie gemein das ist, du armes,

mißleitetes Geschöpf?«

Er erwiderte darauf nur mit einem Schluchzen.

»Nun, lassen wir das! Zur Sache! Wer ist der ›Oberst‹ und wo ist er?«

Er fing herzbrechend an zu weinen und bat himmelhoch, ihm die Antwort

zu erlassen. Er sagte, man würde ihn töten, wenn er spräche. Ich

drohte ihm, ich würde ihn in die dunkle Zelle einsperren lassen, wenn

er nicht mit der Sprache herauskäme. Gleichzeitig versprach ich ihm,

ihn gegen jede Gefahr zu beschützen, wenn er durch ein Geständnis sein

Gewissen erleichterte. Er antwortete nicht, sondern preßte die Lippen

zusammen und setzte eine verstockte Miene auf. Es war nichts mit ihm

anzufangen. Schließlich nahm ich ihn mit nach der dunklen Zelle, und

der bloße Blick in ihr Inneres brachte ihn herum. Er brach in ein

leidenschaftliches Weinen und Flehen aus und erklärte, er wolle alles

sagen.

Ich nahm ihn also wieder mit nach meinem Zimmer und er gab den Namen

des ›Obersten‹ an und beschrieb dessen Erscheinung ganz genau. Er wäre

im vornehmsten Gasthof der Stadt in bürgerlicher Kleidung zu finden.

Dann mußte ich neue Drohungen anwenden, bis er mir endlich auch den

›Meister‹ mit Namen nannte und beschrieb. Er sagte, der Meister würde

in New York, Bondstreet Nr. 15 zu finden sein; er wohnte dort unter dem

Namen R. F. Gaylord. Ich telegraphierte Namen und Personalbeschreibung

an den Polizeipräsidenten der Metropole und bat, Gaylord zu verhaften

und festzuhalten, bis ich ihn abholen lassen könnte.

»Nun,« sagte ich, »befinden sich, wie es scheint, verschiedene von

den Verschwörern ›außerhalb‹, vermutlich in New London. Nenne und

beschreibe sie!«

Er nannte und beschrieb drei Männer und zwei Frauen -- sämtlich im

ersten Gasthof von New London wohnend. Ich schickte Leute in die Stadt

und ließ sie nebst dem ›Oberst‹ in aller Ruhe verhaften; bald saßen

sie auf dem Fort in sicherem Gewahrsam.

»Jetzt wünsche ich noch ganz genaue Auskunft über deine drei

Mitverschwörer, die hier im Fort sind.«

Es kam mir vor, als wollte er mir wieder Lügen erzählen; ich brachte

aber die beiden geheimnisvollen Papierschnitzel zum Vorschein, die bei

den Rekruten gefunden worden waren, und dies übte eine heilsame Wirkung

auf ihn aus. Ich sagte ihm, wir hätten zwei von den Leuten schon in

unserer Gewalt, und er müßte uns noch den dritten bezeichnen. Dies

jagte ihm einen fürchterlichen Schreck ein und er rief:

»O, bitte, erlassen Sie mir das; er würde mich auf der Stelle töten.«

Ich sagte ihm, das sei alles Unsinn. Ich würde ihm jemand zum Schutze

mitgeben, außerdem würden die Mannschaften ohne Waffen antreten. Ich

befahl, daß alle unausgebildeten Rekruten zum Appell kommen sollten;

dann mußte der arme, zitternde, kleine Kerl herauskommen; er schritt

die Front ab, wobei er sich bemühte, so gleichgültig wie möglich

dreinzusehen. Schließlich sprach er zu einem von den Leuten ein

einziges Wort, und ehe er fünf Schritte weiter war, war der Mann auch

schon verhaftet.

Sobald Wicklow wieder bei uns war, ließ ich die drei Soldaten

vorführen. Einer von ihnen mußte vortreten und ich sagte:

»Nun, Wicklow, denke dran: weiche nicht um eines Haares Breite von der

strengsten Wahrheit ab. Wer ist der Mann, und was weißt du von ihm?«

Da er nun doch einmal ›festsaß‹, so setzte er alle Gedanken an etwaige

Folgen beiseite, heftete seine Augen auf des Mannes Gesicht und sagte

ohne jedes Zögern:

»Sein wahrer Name lautet: George Brichow. Er ist aus New Orleans; war

vor zwei Jahren zweiter Steuermann auf dem Küstendampfer ›Capitol‹;

ist ein verzweifelter Charakter und ist schon zweimal wegen Totschlags

im Gefängnis gewesen: das einemal, weil er einen Matrosen Namens

Hyde mit einer Handspake getötet hatte, das anderemal, weil er einen

Schiffsarbeiter totschlug, der sich weigerte, das Lot zu heben, womit

auch ein solcher Schiffsarbeiter nichts zu tun hat. Er ist ein Spion

und wurde in dieser Eigenschaft vom Obersten hergeschickt Er war

dritter Steuermann auf dem ›St. Nicholas‹, als dieser Dampfer in der

Nähe von Memphis in die Luft flog, im Jahre 1858, und er wäre beinahe

gelyncht worden, weil er die Toten und Verwundeten ausplünderte,

während sie in einem leeren Holzboot an Land gebracht wurden.«

Und so weiter, und so weiter! Er lieferte eine vollständige

Lebensbeschreibung des Mannes. Als er fertig war, sagte ich zu diesem:

»Was haben Sie dazu zu bemerken?«

»Nichts für ungut, Herr Major -- aber das ist die teuflischste Lüge,

die je gesprochen wurde!«

Ich schickte ihn wieder in Arrest und ließ die beiden anderen einzeln

vortreten. Dasselbe Ergebnis. Der Junge gab über jeden von ihnen eine

bis in die kleinsten Einzelheiten gehende Geschichte, ohne jemals sich

auf ein Wort oder eine Tatsache besinnen zu müssen; aber alles, was

ich aus den beiden Kerlen herauskriegen konnte, war die entrüstete

Versicherung, es sei alles gelogen. Sie wollten nichts gestehen. Ich

ließ sie wieder in Haft abführen und dann die übrigen Gefangenen, einen

nach dem anderen, antreten. Wicklow gab die ausführlichste Auskunft

über sie -- aus welchen Städten im Süden sie waren, und schilderte mit

allen Einzelheiten ihre Beteiligung an der Verschwörung.

Aber sie bestritten sämtlich seine Angabe und kein einziger von ihnen

bekannte das Geringste. Die Männer tobten, die Weiber weinten. So wie

sie es darstellten, waren sie alle unschuldige Leute aus dem Westen

und liebten die Union über alles in der Welt. Voll Ekel ließ ich die

Bande wieder einsperren und fuhr in Wicklows Verhör fort:

»Wo liegt Nr. 166 und wer ist ~B. B.~?«

Aber hier war die Grenze, die er sich selber gesetzt hatte. Weder

Schmeicheln noch Drohen übte irgend welche Wirkung auf ihn. Die Zeit

flog dahin -- es war unumgänglich nötig, zu scharfen Maßregeln zu

greifen. Ich ließ ihn also an den Daumen gebunden hochziehen. Als die

Schmerzen ärger wurden, stieß er ein herzzerreißendes Geschrei aus, das

ich kaum anzuhören vermochte. Aber ich blieb fest, und sehr bald schrie

er heraus:

»O, bitte, bitte, lassen Sie mich herunter; dann will ich sprechen!«

»Nein -- du wirst sprechen, bevor ich dich herunterlasse.«

Jeder Augenblick bedeutete Todesqual für ihn. Und so kam’s heraus:

»Nr. 166, Adler-Gasthof!«

Dies war der Name einer verrufenen Wirtschaft drunten am Hafen, wo

gewöhnliche Arbeiter, Küstenschiffer und zweifelhaftes Gesindel zu

verkehren pflegten.

Ich ließ ihn also los und verlangte sodann Auskunft über den Zweck der

Verschwörung.

»Das Fort heute nacht zu nehmen,« sagte er mürrisch und schluchzend.

»Habe ich alle Häupter der Verschwörung erwischt?«

»Nein. Sie haben sie alle mit Ausnahme derer, die sich bei 166 treffen

sollten.«

»Was bedeutet: ›_Gedenke_ ~XXXX~!‹?«

Keine Antwort.

»Wie lautet das Losungswort für 166?«

Keine Antwort.

»Was bedeuten diese Haufen Buchstaben: ~FFFFF~ und ~MMMM~? Antworte,

oder du kriegst es noch einmal zu fühlen!«

»Ich werde _niemals_ antworten. Lieber sterbe ich. Nun tun Sie, was

Ihnen beliebt!«

»Ueberlege dir, was du sprichst, Wicklow! Ist das dein letztes Wort?«

Er antwortete standhaft und ohne ein Zittern in seiner Stimme:

»Es ist mein letztes Wort. So wahr ich meine mißhandelte Heimat liebe

und so wahr ich alles hasse, was hier im Norden die Sonne bescheint:

ich sterbe eher, als daß ich diese Dinge enthülle!«

Ich ließ ihn abermals an den Daumen hochziehen. Als er die

furchtbarsten Schmerzen litt, da war es herzbrechend, des armen Wesens

Schreie mit anzuhören -- aber wir brachten nichts anderes aus ihm

heraus. Auf jede Frage kreischte er dieselbe Antwort:

»Ich kann sterben und ich will sterben. Aber sprechen werde ich

niemals!«

Nun, wir mußten es aufgeben. Wir waren überzeugt, daß er ganz bestimmt

lieber sterben als gestehen würde. Wir ließen ihn daher herunter und

setzten ihn unter strenger Bewachung in Haft.

Dann hatten wir ein paar Stunden lang alle Hände voll zu tun, um die

telegraphischen Berichte an das Kriegsdepartement abzuschicken und alle

Vorbereitungen für unseren Ueberfall von Nr. 166 zu treffen.

Es ging aufgeregt her in jener schwarzen bitterkalten Nacht. Es war

allerlei durchgesickert, und die ganze Garnison war auf dem Posten. Die

Schildwachen waren verdreifacht, und kein Mensch hätte sich drinnen

oder draußen rühren können, ohne durch eine Gewehrmündung vor seinem

Kopf zum Stehen gebracht zu werden. Webb und ich waren indes jetzt

weniger in Sorgen als zuvor, weil die Verschwörung notwendigerweise in

ziemlich krüppelhaftem Zustande sein mußte, seitdem so viele von den

hervorragendsten Führern in unsere Klauen geraten waren.

Ich beschloß, beizeiten bei Nr. 166 zu sein, ~B. B.~ zu fesseln und zu

knebeln und somit fertig zu sein, wenn die übrigen ankämen. Ungefähr

ein viertel nach eins in der Frühe schlich ich mich an der Spitze von

einem halben Dutzend kräftiger und beherzter altgedienter Soldaten aus

der Festung heraus; bei uns hatten wir den Knaben Wicklow, dem die

Hände auf den Rücken gebunden waren. Ich sagte ihm, wir wären auf dem

Weg nach Nr. 166, und wenn ich fände, er hätte uns abermals belogen und

uns auf eine falsche Fährte gebracht, so müsse er uns den richtigen Ort

zeigen, oder er hätte die Folgen auf sich zu nehmen.

Wir erreichten verstohlen und unter Beobachtung aller

Vorsichtsmaßregeln das Wirtshaus. In der kleinen Schänkstube brannte

ein Licht; sonst war das ganze Haus dunkel. Ich versuchte die Haustür

zu öffnen; sie gab nach, und wir traten leise ein, die Türe hinter

uns schließend. Dann zogen wir unsere Stiefel aus, und ich ging voran

nach der Schänkstube. Da saß der deutsche Wirt in seinem Lehnstuhl

und schlief. Ich weckte ihn vorsichtig und sagte ihm, er solle

seine Stiefel ausziehen und uns den Weg zeigen, dabei aber keinen

Laut äußern. Er gehorchte ohne Widerrede, war aber augenscheinlich

in fürchterlicher Angst. Ich befahl ihm, uns zum Zimmer Nr. 166

voranzugehen. Wir stiegen leise wie die Katzen zwei oder drei Treppen

hinan und gingen einen großen Flur entlang bis fast zu seinem äußersten

Ende. Dort war eine Tür, durch deren matte Glasscheibe wir bemerkten,

daß drinnen ein trübes Licht brannte. Der Wirt tastete sich in der

Dunkelheit zu mir heran und wisperte mir zu, es wäre 166. Ich faßte

den Türgriff an -- die Tür war von innen verschlossen. Dann flüsterte

ich einem von meinen stärksten Soldaten einen Befehl zu; wir stemmten

unsere breiten Schultern gegen die Tür und sprengten sie mit einem

einzigen Druck aus ihren Angeln. Ein schneller Blick zeigte mir

undeutlich eine Gestalt, die in einem Bett lag -- ich sah wie der

Kopf sich der Kerze näherte; aus ging das Licht, und wir standen in

pechschwarzer Finsternis! Mit einem einzigen großen Satz war ich auf

dem Bett und hielt den darin Liegenden mit meinen Knieen nieder. Mein

Gefangener wehrte sich kräftig, aber ich kriegte seine Gurgel mit

meiner linken Hand zu packen, und das war eine gute Hilfe für meine

Kniee. Dann riß ich flugs meinen Revolver heraus, spannte ihn und legte

den kalten Lauf zur Warnung gegen seine Wange. Dabei rief ich:

»Jetzt zünde schnell einer ein Licht an! Ich hab’ ihn sicher.«

Ein Streichholz flammte auf. Ich sah mir meinen Gefangenen an und --

Himmeldonnerwetter! es war ein junges Frauenzimmer.

Ich ließ sie los und sprang vom Bett herunter. Ich kam mir ziemlich

dämlich vor. Jeder von uns sah verdutzt seinen Nachbar an. Es war, als

hätten wir alle die Vernunft verloren, so plötzlich und überwältigend

wirkte die Ueberraschung. Das junge Frauenzimmer begann zu schreien

und bedeckte sich das Gesicht mit dem Bettlaken. Der Wirt sagte in

demütigem Ton:

»Meine Tochter hat wohl was getan, das nicht recht ist, nicht wahr?«

»Ihre Tochter? Ist das Ihre Tochter?«

»O ja, das ist meine Tochter. Die ist gerade heute abend von Cincinnati

ein klein bißchen krank nach Hause gekommen.«

»Verflucht nochmal, der Bengel hat also wieder gelogen! Das ist nicht

die richtige Nr. 166, das ist nicht ~B. B.~ Höre, Wicklow, jetzt wirst

du uns die richtige Nr. 166 finden, sonst -- hallo! wo ist denn der

Junge?«

Fort war er -- das war bombensicher. Und noch mehr, es gelang uns

nicht, eine Spur von ihm zu finden. Das war eine eklige Klemme! Ich

verwünschte meine Dummheit, daß ich ihn nicht an einen von den Leuten

angebunden hatte; aber es hatte ja keinen Zweck, jetzt darüber zu

fluchen. Was sollte ich unter den obwaltenden Umständen tun? -- Das

war die Frage. Das Mädchen _konnte_ immerhin doch ~B. B.~ sein. Ich

glaubte das allerdings nicht, aber es wäre ja nicht angängig gewesen,

Zweifel für Gewißheit anzunehmen. Schließlich ließ ich meine Leute ein

leeres Zimmer auf der anderen Seite des Flurs gegenüber von Nr. 166

beziehen und befahl ihnen, jeden, der sich des Mädchens Zimmer nähere,

ohne Unterschied zu verhaften; den Wirt hatten sie bis auf weiteren

Befehl unter strenger Bewachung zu halten. Dann eilte ich nach dem Fort

zurück, um zu sehen, ob dort alles in Ordnung sei.

Ja, da war alles in Ordnung. Und alles blieb in Ordnung. Ich blieb

die ganze Nacht auf, um sicher zu gehen. Es passierte nichts. Ich

war unbeschreiblich froh, als ich den Morgen dämmern sah und an das

Kriegsdepartement telegraphieren konnte, daß die Sterne und Streifen

noch immer über Fort Trumbull wehten.

Ein ungeheurer Druck war mir vom Herzen genommen. Trotzdem ließ ich

natürlich in meiner Wachsamkeit und Tätigkeit nicht nach; dazu lag

der Fall zu ernst. Ich ließ die Verhafteten einen nach dem anderen

vorführen und machte ihnen ganz gehörig die Hölle heiß, um sie zum

Gestehen zu bringen -- aber das nützte mir nichts. Sie knirschten bloß

mit den Zähnen und rauften sich die Haare aus, aber sie verrieten

nichts.

Gegen Mittag kamen Nachrichten über meinen verschwundenen Jungen. Man

hatte ihn um sechs Uhr früh etwa acht Meilen von der Stadt auf der

Landstraße gesehen. Er wanderte westwärts. Sofort schickte ich einen

Kavallerieleutnant mit einem Gemeinen auf seine Spur. Zwanzig Meilen

von der Stadt bekamen sie ihn zu Gesicht. Er war über einen Zaun

geklettert und schleppte sich ermattet quer über eine morastige Wiese

auf ein großes altmodisches Haus zu, das am Ende eines Dorfes lag.

Sie ritten durch ein kleines Gehölz hindurch, machten einen Umweg und

näherten sich dem Hause von der entgegengesetzten Seite. Dann stiegen

sie ab und liefen schnell in die Küche. Da war niemand. Sie schlüpften

in das nächste Zimmer, das ebenfalls leer war; die Tür nach dem Vorder-

oder Wohnzimmer stand offen. Sie wollten gerade hineingehen, als sie

eine leise Stimme hörten: irgend jemand sagte ein Gebet. Sie blieben

daher ehrfurchtsvoll stehen, und der Leutnant streckte seinen Kopf vor

und sah einen alten Mann und eine alte Frau, die in einer Ecke des

Wohnzimmers auf den Knieen lagen. Der Betende war der alte Mann, und

gerade als er mit seinem Gebet zu Ende war, machte Jung-Wicklow die

Vordertür auf und trat ein. Die beiden alten Leute sprangen auf ihn zu

und umarmten ihn voll Zärtlichkeit und riefen:

»Unser Junge! Unser Liebling! Gott sei gepriesen! Der Verlorene ist

wiedergefunden. Der tot war, ist wieder am Leben!«

Nun, mein lieber Herr, was meinen Sie dazu: Die junge Kröte war da in

dem Hause geboren und aufgewachsen und war sein ganzes Leben lang nicht

weiter als fünf Meilen weg gewesen, bis er vor vierzehn Tagen in meine

Wohnung gestrolcht kam und mich mit seiner rührseligen Räubergeschichte

an der Nase herumführte! Das ist so wahr wies Evangelium. Der alte Mann

war sein Vater -- ein gelehrter alter Geistlicher, der sich zur Ruhe

gesetzt hatte, und die alte Dame war seine Mutter.

Ich möchte mit ein paar Worten erklären, wie der Junge auf seine

Streiche verfallen war. Er war, wie sich herausstellte, ein rasender

Leser von Schauergeschichten und Sensationszeitungen -- dunkle

Geheimnisse und strahlende Heldentaten waren daher gerade so recht

sein Fall. Er hatte in den Zeitungen gelesen, daß sich Rebellenspione

fortwährend in unserer Mitte herumtrieben; die Geschichten von

ihren grauslichen Absichten und von den zwei oder drei aufregenden

Heldentaten, die sie wirklich ausführten, hatten auf seine

Einbildungskraft gewirkt, bis sie schließlich in hellen Flammen stand.

Mehrere Monate lang war sein beständiger Kamerad ein Yankeejüngling

von großer Zungenbegabung und lebhafter Phantasie gewesen. Dieser

hatte als ›Dreckschreiber‹ d. i. Unterzahlmeister, auf mehreren von

den Dampfbooten gedient, die den Verkehr von New Orleans zwei- oder

dreihundert Meilen den Mississippi aufwärts vermitteln -- daher seine

Gewandtheit in der Verwendung der Namen und gewisser Einzelheiten,

die sich auf jene Gegend bezogen. Nun hatte ich selber in jenem Teil

von Louisiana vor dem Ausbruch des Krieges zwei oder drei Monate

zugebracht und ich wußte gerade genug, um mit Leichtigkeit auf die

Geschichten des Burschen hineinzufallen, während hingegen ein geborener

Louisianer ihn wahrscheinlich binnen fünfzehn Minuten bei seinem

Schwindeln ertappt haben würde. Und wissen Sie, warum er sagte, er

wollte lieber sterben, als gewisse Rätsel seiner Verschwörung erklären?

Ganz einfach, weil er sie nicht erklären _konnte_. Sie hatten gar keine

Bedeutung; er hatte sie ohne jeden Hinter- oder Vordergedanken reinweg

aus seiner Einbildung geschöpft; als nun plötzlich von ihm verlangt

wurde, eine Erklärung davon zu geben, da konnte er diese nicht so

schnell erfinden. So z. B. konnte er das in dem mit ›sympathetischer

Tinte‹ geschriebenen Brief verborgene Geheimnis nicht enthüllen --

aus dem mehr als hinreichenden Grunde, weil darin überhaupt nichts

verborgen war; es war bloß leeres Papier. Er hatte nichts in einer

Kanone verborgen und hatte nie die Absicht gehabt, es zu tun -- denn

seine Briefe waren sämtlich an Personen geschrieben, die nur in seiner

Phantasie existierten. Er wußte also auch nichts von dem geknoteten

Bindfaden, denn er sah das Ding zum erstenmal, als ich es ihm zeigte.

Sobald er aber von mir herausgebracht hatte, wo die Schnur gefunden

war, machte er sich den Umstand in seinem romantischen Gemüt sofort

zu Nutze und erzielte einige schöne Effekte damit. Er erfand Herrn

›Gaylord‹; es gab zufällig gerade damals gar keine Nr. 15 in Bondstreet

-- das Haus war drei Monate vorher abgebrochen worden. Er erfand den

›Oberst‹; er erfand die mit glatter Zunge erzählten Geschichten der

unglückseligen Leute, die ich verhaftete und ihm gegenüberstellte. Er

erfand ›~B. B.~‹; er erfand sogar, sozusagen, Nr. 166, denn er wußte

nicht eher, daß es im Gasthof zum Adler diese Zimmernummer gab, als

bis wir mit ihm hingingen. Er war bereit, alles und jedes zu erfinden,

wie es gerade erforderlich war. Wenn ich nach Spionen ›außerhalb des

Forts‹ fragte, nun da beschrieb er sofort Fremde, die er im Hotel

gesehen und deren Namen er zufällig gehört hatte. Ah, er lebte in einer

ungeheuerlichen, geheimnisvollen, romantischen Welt während dieser paar

Tage, und ich glaube, für ihn war es _Wirklichkeit_ und er hatte an ihr

seine Lust bis in die tiefste Tiefe seiner Seele hinein.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 10 / 14 段