Bericht. Kein Erfolg. Der Junge schrieb zwar noch immer, aber er
steckte jedesmal, wenn Rayburn in seiner Nähe erschien, mit einer
unbefangenen Miene sein Papier in die Tasche. Zweimal war er in der
Stadt in einen alten verlassenen Stall hineingegangen, war eine Minute
oder zwei darin geblieben und dann wieder herausgekommen. Man konnte
solche Dinge nicht auf die leichte Achsel nehmen -- sie sahen sehr
verdächtig aus. Nun muß ich selber eingestehen, daß ich anfing, mich
unbehaglich zu fühlen. Ich begab mich in meine Privatwohnung und ließ
den nächsthöheren Offizier holen -- einen klugen Offizier von gesundem
Urteil, Sohn des Generals James Watson Webb. Er war überrascht und
beunruhigt. Wir besprachen die Angelegenheit des langen und breiten und
kamen zu dem Schluß, es sei wohl angebracht, eine geheime Nachforschung
anzustellen. Ich übernahm dies selber. So ließ ich mich denn um zwei
Uhr morgens wecken und war einen Augenblick später im Schlafsaal
der Musiker. Auf dem Bauch zwischen den schnarchenden Soldaten den
Boden entlang kriechend, gelangte ich schließlich, ohne jemanden
aufzuwecken, zur Pritsche meines schlummernden kleinen Vagabunden,
erfaßte seine Kleider und seinen Tornister und kroch vorsichtig wieder
zurück. In meiner Wohnung fand ich Webb, der in großer Erwartung des
Ergebnisses harrte. Wir gingen sofort an die Untersuchung. Die Kleider
enttäuschten uns; wir fanden in den Taschen unbeschriebenes Papier und
einen Bleistift, sonst nichts außer einem Taschenmesser und allerhand
nichtigem Tand, womit Knaben sich herumzuschleppen pflegen. Wir gingen
hoffnungsvoll an den Tornister heran. Wieder bloß ein Fehlschlag. Eine
kleine Bibel lag darin, und auf dem Vorsatzblatt stand geschrieben:
›Fremder, sei freundlich zu meinem Knaben, um seiner Mutter willen.‹
Ich sah Webb an -- er schlug die Augen nieder; er sah mich an -- ich
schlug die meinigen nieder. Keiner von uns sprach ein Wort. Ich legte
das Buch ehrfürchtig wieder auf seinen Platz. Plötzlich stand Webb auf
und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Nach einer Weile nahm ich mich
zusammen, um meine nicht gerade angenehme Aufgabe zu vollenden, und
brachte den Plunder wieder an seinen Ort. Ich kroch dabei wieder wie
vorher auf dem Bauch; das schien mir auch für eine solche Tätigkeit die
einzig angemessene Haltung zu sein.
Ich war aufrichtig froh, als alles vorüber und fertig war.
Um die Mittagsstunde des nächsten Tages kam Rayburn wie gewöhnlich, um
Meldung zu machen. Ich fuhr ihn an und sagte:
»Hören Sie jetzt auf mit diesem Unsinn! Wir machen einen Popanz aus
einem armen kleinen Burschen, der so harmlos ist, wie ein Gesangbuch!«
Der Sergeant machte ein erstauntes Gesicht und sagte:
»Hm, Sie wissen doch, es war Ihr eigener Befehl, Herr Major, und ich
habe etwas von seiner Schreiberei erwischt!«
»Und was soll’s damit? Wie bekamen Sie’s?«
»Ich guckte durch das Schlüsselloch und sah ihn schreiben. Als ich
dachte, er wäre wohl ungefähr damit fertig, hustete ich ein bißchen,
und da sah ich, wie er’s zusammenknäuelte und ins Feuer warf; dann
guckte er sich nach allen Seiten um, ob jemand käme, und dann setzte
er sich so bequem und harmlos wie nur irgend einer zurecht. Und dann
kam ich herein und sagte ihm freundlich Guten Tag und schickte ihn
mit einem Auftrag weg. Er sah durchaus nicht verlegen drein, sondern
ging ohne weiteres. Im Kamin war eben ein Kohlenfeuer angemacht; das
Geschreibsel lag hinter einem Kohlenblock verborgen; aber ich holte es
heraus, und hier ist es; es ist, wie Sie sehen, kaum eben angesengt.«
Ich sah mir das Papier an und las einen oder zwei Sätze. Hieran
schickte ich den Sergeanten fort und ließ durch ihn Webb sagen, er
möchte zu mir kommen.
Der Zettel lautete wörtlich:
Fort Trumbull, den 8.
Herr Oberst! Ich war im Irrtum betreffs des Kalibers der drei
Geschütze, die ich am Schluß meiner Liste aufführte. Es sind
Achtzehnpfünder; im übrigen ist jedoch die Armierung so, wie
ich angab. Die Garnison ist noch so, wie ich zuletzt berichtet;
indessen bleiben die beiden Kompanien leichte Infanterie, die
nach dem Kriegsschauplatz abgehen sollten, augenblicklich noch
hier -- für wie lange noch, das kann ich jetzt nicht sagen,
werde es aber bald herausbekommen. Wir sind der Meinung, daß
es in Anbetracht der ganzen Sachlage besser sei, es noch zu
verschieben bis ...
Hier brach das Schreiben ab -- gerade an dieser Stelle hatte Rayburn
gehustet und den Schreiber unterbrochen. Alle meine Zuneigung zu
dem Knaben, all meine Achtung vor ihm und mein Mitleid wegen seiner
trostlosen Lage schwanden augenblicklich angesichts dieser Schurkerei,
die eine kaltblütige Niederträchtigkeit enthüllte.
Doch darum handelte es sich jetzt nicht. Hier gab es Arbeit --
Arbeit, die eine tiefgehende Aufmerksamkeit erforderte, und zwar
augenblicklich. Webb und ich betrachteten die Sachlage von allen Seiten
und Gesichtspunkten, und Webb sagte:
»Wie jammerschade, daß er unterbrochen wurde! Irgend etwas soll
verschoben werden, bis ... bis wann? Und was ist das für ein ›es‹?
Möglicherweise hätte er’s noch erwähnt, das heuchlerische kleine
Reptil.«
»Ja,« sagte ich, »wir haben eine Gelegenheit verpaßt. Und was bedeutet
das ›Wir‹ in dem Brief? Bezieht sich das auf Verschwörer innerhalb
oder außerhalb des Forts?«
In dem ›Wir‹ lagen recht unbequeme Möglichkeiten angedeutet. Indessen
es lohnte sich nicht, uns darüber in Vermutungen zu ergehen, und so
gingen wir zu Sachen über, die eine praktischere Bedeutung hatten.
Vor allen Dingen beschlossen wir die Schildwachen zu verdoppeln und
die allerstrengste Wachsamkeit zu beobachten. Sodann dachten wir
daran, uns Wicklow kommen zu lassen und ihn zum Sprechen zu bringen;
das schien uns indessen doch nicht das Klügste zu sein, solange nicht
alle anderen Methoden uns im Stich ließen. Wir mußten uns noch einiges
mehr von seinen Schreibereien beschaffen; hierauf richteten wir also
unsere Pläne. Und da hatten wir einen Einfall. Wicklow ging niemals zum
Postamt -- vielleicht war der leerstehende Stall sein Postbureau. Wir
ließen meinen Privatsekretär kommen, einen jungen Deutschen, Namens
Stern, der eine Art von geborenem Detektiv war. Wir machten ihn mit den
näheren Umständen bekannt und sagten ihm, er möchte ans Werk gehen.
Binnen einer Stunde bekamen wir Bescheid, daß Wicklow wieder etwas
schreibe. Kurz darauf kam die Meldung, er habe um Stadturlaub gebeten.
Er wurde eine kurze Weile hingehalten, und in der Zwischenzeit lief
Stern in die Stadt und versteckte sich im Stall. Nach einiger Zeit
sah der Deutsche, wie Wicklow hereingeschlendert kam, sich nach allen
Seiten umsah, dann etwas unter einem Schutthaufen im Winkel versteckte
und sich gemächlich wieder entfernte. Stern fiel über den versteckten
Gegenstand her -- es war ein Brief. Er brachte ihn uns. Das Schreiben
hatte weder eine Adresse noch eine Unterschrift. Zunächst waren darin
die Sätze wiederholt, die wir bereits gelesen hatten, dann hieß es
weiter:
Wir halten es für das beste, es aufzuschieben bis die beiden
Kompanien fort sind. Ich meine damit, daß die vier drinnen
so denken; mit den anderen habe ich mich nicht in Verbindung
setzen können -- befürchte Aufmerksamkeit zu erregen. Ich
sage ›vier‹, weil wir zwei verloren haben; sie waren kaum
eben angeworben und ins Fort gekommen, als sie eingeschifft
wurden, um zur Front abzugehen. Es wird unbedingt notwendig
sein, an ihrer Stelle zwei andere hier zu haben. Die beiden
Abgegangenen waren die Brüder von Thirtymile-Point. Ich habe
etwas von der größten Wichtigkeit mitzuteilen, darf es aber
diesem Verkehrsweg nicht anvertrauen. Werde es auf dem anderen
versuchen.
»Der kleine Schuft!« rief Webb. »Wer hätte auch annehmen können, daß
er ein Spion wäre? Indessen, lassen wir das! Wir wollen einmal die
einzelnen Umstände, so wie sie sind, aufrechnen und sehen, wie die
Angelegenheit in diesem Augenblick steht. Erstens: Wir haben in unserer
Mitte einen Rebellenspion, den wir kennen. Zweitens: Wir haben in
unserer Mitte noch drei andere, die wir _nicht_ kennen. Drittens: Diese
Spione sind durch das einfache und leichte Mittel, sich als Soldaten
in die Unionsarmee einreihen zu lassen, in das Fort hineingeschmuggelt
worden -- und offenbar sind zwei von ihnen dabei angeführt worden,
indem sie nach dem Kriegsschauplatz abrücken mußten. Viertens: Es sind
noch verbündete Spione ›draußen‹ vorhanden; Zahl derselben unbestimmt.
Fünftens: Wicklow ist im Besitz sehr wichtigen Materials, das er
sich nicht getraut auf dem ›gewöhnlichen Wege‹ mitzuteilen -- will’s
›auf dem anderen versuchen‹. So steht also der Fall zur Zeit. Sollen
wir Wicklow beim Kragen packen und ihn zum Geständnis zwingen oder
sollen wir die Person abfangen, die die Briefe aus dem Stall abholt,
und sollen wir diese zum Sprechen bringen? Oder sollen wir uns ruhig
verhalten, um noch mehr zu erfahren?«
Wir entschieden uns für das letztere. Es schien uns nicht nötig,
schon jetzt zu durchgreifenden Maßregeln überzugehen, denn aller
Wahrscheinlichkeit nach würden die Verschwörer warten, bis die beiden
Kompanien leichte Infanterie ihnen nicht mehr im Wege wären. Wir gaben
Stern ziemlich weitgehende Vollmachten und sagten ihm, er müsse sich
die größte Mühe geben, um Wicklows anderes Verkehrsmittel ausfindig
zu machen. Wir gedachten ein kühnes Spiel zu spielen und wollten zu
dem Zweck die Spione so lange wie möglich nicht merken lassen, daß wir
Verdacht geschöpft hatten. Wir befahlen daher Stern, sofort wieder nach
dem Stall zu gehen und dort, wenn er die Luft rein fände, Wicklows
Brief wieder an dem Ort zu verstecken wo er ihn hergenommen, und ihn
dort zu lassen, damit die Verschwörer ihn finden möchten.
Die Nacht brach an, ohne daß sich etwas Weiteres ereignet hätte. Es
war kalt und finster; ein rauher Wind blies und brachte Hagelschauer.
Trotzdem verließ ich in dieser Nacht mehrere Male mein warmes Bett
und machte in eigener Person die Runde, um nachzusehen, ob alles
in Ordnung, und ob jede Schildwache auf dem Posten wäre. Ich fand
sie stets wach und aufmerksam. Augenscheinlich war ein Gewisper
von geheimnisvollen Gefahren umgegangen, und die Verdoppelung der
Wachtposten hatte diesen Gerüchten einen gewissen Rückhalt verliehen.
Gegen Morgen begegnete ich bei einer solchen Runde Webb, der sich dem
schneidend kalten Wind entgegen seinen Weg bahnte; ich hörte von ihm,
daß er ebenfalls mehreremale die Runde gemacht, um nach dem Rechten zu
sehen.
Der nächste Tag brachte die Ereignisse in ziemlich lebhaften Schwung.
Wicklow schrieb abermals einen Brief. Stern lief nach dem Stall voraus
und sah, wie er ihn dort niederlegte; er nahm ihn an sich, sobald
Wicklow wieder draußen war, dann schlich er sich ebenfalls hinaus
und folgte dem kleinen Spion in einiger Entfernung. Ihm selber war
ein Detektiv in Alltagskleidern unmittelbar auf den Fersen, denn wir
hielten es für ratsam, für den Notfall gleich die Hilfe des Gesetzes
zur Hand zu haben. Wicklow ging nach dem Bahnhof und lungerte dort
herum, bis der Zug von New York einlief; dann musterte er scharfen
Blickes die Gesichter der Passagiere, die den Wagen entströmten.
Auf einmal kam ein alter Herr mit grüner Brille und einem Stock
herangehinkt, blieb in Wicklows Nachbarschaft stehen und begann sich
umzusehen, als ob er jemanden erwartete. Blitzschnell trat Wicklow
vor, drückte ihm einen Briefumschlag in die Hand, glitt hinweg und
verschwand im Gedränge. Im nächsten Augenblick hatte Stern den Brief
erhascht; er eilte an dem Geheimpolizisten vorüber und flüsterte
diesem zu: »Folgen Sie dem alten Herrn; verlieren Sie ihn nicht aus den
Augen!« Dann entfernte er sich eiligst mit der Menge und begab sich
geraden Weges nach dem Fort.
Wir berieten bei geschlossenen Türen und wiesen den Wachtposten draußen
an, daß wir durchaus keine Störung haben wollten.
Zunächst öffneten wir den im Stall abgefangenen Brief. Er lautete:
_~Heilige Allianz!~_ Fand in der gewöhnlichen Kanone Befehle
vom Meister, die in der vergangenen Nacht dort hinterlassen
waren; die Weisungen, die ich bisher vom untergeordneten
Kommando empfing, sind dadurch umgestoßen. Ließ in der Kanone
das gewöhnliche Zeichen, daß die Befehle in die richtige Hand
gekommen sind ...
Hier unterbrach Webb mich mit der Frage:
»Ist denn der Bursche jetzt nicht unter beständiger Beobachtung?«
Ich bejahte dies; er wäre seit der Beschlagnahme des vorigen Briefes
unablässig streng bewacht worden.
»Wie konnte er dann irgendwas in eine Kanone stecken oder etwas
herausnehmen, ohne dabei gefaßt zu werden?«
»Nun ja,« sagte ich, »dies gefällt mir ganz und gar nicht.«
»Mir erst recht nicht,« bemerkte Webb. »Es bedeutet ganz einfach, daß
sogar unter den Schildwachen Verschwörer sind. Wenn diese nicht in der
einen oder der anderen Weise mit im Einverständnis wären, so wäre die
Sache nicht möglich gewesen.«
Ich ließ Rayburn kommen und befahl ihm, die Batterien zu durchsuchen
und sich Mühe zu geben, etwas zu finden. Dann las ich den Brief weiter:
Die neuen Befehle lauten sehr bestimmt: die ~M.M.M.M.~
sollen morgen früh um 3 Uhr ~F.F.F.F.F.~ sein. Zweihundert
werden in kleinen Trupps mit der Eisenbahn und auf anderen
Wegen aus verschiedenen Richtungen ankommen und zur rechten
Zeit am verabredeten Ort sein. Ich werde heute das Zeichen
verteilen. Erfolg ist augenscheinlich sicher, obwohl irgend
etwas ausgekommen sein muß, denn die Schildwachen sind
verdoppelt worden und die höheren Offiziere machten letzte
Nacht mehreremale die Runde. ~W.W.~ kommt heute von Süden her
und wird heute geheime Befehle empfangen -- auf dem andern
Wege. Ihr müßt alle sechs genau um 2 Uhr morgens in 166 sein.
Dort findet ihr ~B.B.~, der euch genaue Weisungen geben wird.
Losungswort dasselbe wie letztesmal, nur umgekehrt -- setzt
erste Silbe hinten und letzte Silbe vorne an. ~_Gedenket_
XXXX!~ Vergeßt das nicht! Seid guten Mutes; bevor wieder die
Sonne aufgeht, werdet ihr Helden sein! Euer Ruhm wird ewig sein
und ihr werdet der Weltgeschichte ein unvergängliches Blatt
hinzugefügt haben. ~_Amen_.~
»Donner und Mars!« rief Webb »Aber da kommen wir ja, wie mir scheint,
in eine ganz brenzliche Geschichte hinein!«
Ich antwortete, es sei keine Frage, daß die Sache sehr ernst auszusehen
anfinge.
»Ein verzweifeltes Unternehmen,« sagte ich, »ist im Gange, das ist ganz
klar. Diese Nacht ist die dafür angesetzte Zeit -- das ist ebenfalls
klar. Die wahre Natur des Anschlags -- ich meine die Art und Weise der
Ausführung -- ist durch diese Bündel von ~F~ und ~M~ verschleiert,
aber das Endziel, scheint mir, ist die Ueberrumpelung des Forts.
Jetzt gilt es scharf zu überlegen und schnell zu handeln. Ich glaube
mit Fortsetzung der geheimen Ueberwachung Wicklows kann nichts mehr
erreicht werden. Wir _müssen_ wissen, und zwar so schnell wie möglich,
wo ›166‹ gelegen ist, sodaß wir um zwei Uhr in der Frühe die Bande dort
fangen können; die schnellste Methode, diese Kenntnis zu erlangen,
besteht ohne Zweifel darin, daß wir den Burschen zum Geständnis
zwingen. Aber vor allen Dingen muß ich, ehe wir irgend einen wichtigen
Schritt vornehmen, den Sachverhalt dem Kriegsdepartement unterbreiten
und um Vollmachten bitten.«
Es wurde ein chiffriertes Telegramm aufgesetzt; ich las und genehmigte
es und sandte es sofort ab.
Damit schloß unsere Beratung in betreff des Spionenbriefes, und
ich öffnete den anderen, welchen Stern dem lahmen Herrn aus der
Hand gerissen hatte. Er enthielt nichts weiter, als zwei vollkommen
unbeschriebene Blätter aus einem Notizbuch! Das war ein kalter Guß
auf unsere hochgespannten heißen Erwartungen. Einen Augenblick lang
kamen wir uns so leer vor wie das Papier, und zweimal so albern.
Aber das dauerte nur einen Augenblick, denn natürlich dachten wir
unmittelbar darauf an ›sympathetische Tinte‹. Wir hielten das Papier
dicht übers Feuer und dachten, nun würden unter dem Einfluß der Hitze
die Buchstaben gleich zum Vorschein kommen, aber es erschien nichts als
ein paar schwache Striche, aus denen wir nicht klug werden konnten.
Wir ließen darauf den Regimentsarzt rufen und beauftragten ihn, alle
ihm bekannten chemischen Verfahren anzuwenden, bis er auf das richtige
träfe. Sobald er die Schriftzeichen an die Oberfläche brächte, sollte
er mir sofort den Inhalt des Briefes mitteilen. Der Fehlschlag war
uns im höchsten Grade ärgerlich, und natürlich tobten wir über die
Verzögerung; denn wir hatten steif und fest erwartet, durch den Brief
einige von den wichtigsten Geheimnissen der Verschwörung zu erfahren.
Nun erschien Sergeant Rayburn. Er zog aus der Tasche ein etwa fußlanges
Stück Bindfaden mit drei Knoten und hielt es in die Höhe.
»Ich fand es in einer Kanone an der Wasserseite,« sagte er. »Ich nahm
die Mündungsdeckel von allen Geschützen ab und sah ganz genau nach;
diese Schnur war das einzige, was in irgend einer Kanone war.«
Dies Endchen Bindfaden war also Wicklows Zeichen, wodurch er kundgab,
daß des ›Meisters‹ Befehle nicht in falsche Hände gekommen waren. Ich
befahl, jeden Mann, der während der letzten vierundzwanzig Stunden
in der Nähe jenes Geschützes Schildwache gestanden war, sofort in
Einzelgewahrsam zu setzen und mit keinem Menschen ohne meine ganz
besondere Erlaubnis verkehren zu lassen.
Vom Staatssekretär des Kriegsdepartements kam ein Telegramm, welches
folgendermaßen lautete:
Suspendieret Habeascorpus-Akte. Erkläret die Stadt in
Belagerungszustand. Veranlaßt die notwendigen Verhaftungen.
Handelt energisch und schnell. Haltet das Kriegsdepartement auf
dem Laufenden.
Jetzt waren wir soweit, daß wir ans Werk gehen konnten. Ich schickte
Leute aus, die ohne Aufsehen zu erregen den lahmen Herrn verhafteten
und ihn ebenso unauffällig ins Fort brachten; ich gab ihm eine
Schildwache und verbot, mit dem Mann zu sprechen oder ihn anzuhören.
Anfangs hatte er Lust großen Lärm zu machen, aber das ließ er bald.
Dann kam eine Meldung, es sei beobachtet worden, wie Wicklow zweien
von unseren neuen Rekruten etwas zugesteckt habe; die Leute seien, so
wie er den Rücken gedreht, festgenommen und in Haft gebracht worden.
Bei jedem von ihnen fand man einen kleinen Papierzettel, worauf mit
Bleistift geschrieben stand:
~Adlers Dritter Flug.
Gedenke XXXX.~
166.
Meinen Weisungen gemäß telegraphierte ich dem Departement in Chiffren,
welche neuen Entdeckungen wir gemacht und beschrieb zugleich die neu
gefundenen Zettel. Unsere Stellung schien jetzt stark genug zu sein,
um Wicklow gegenüber die Maske fallen lassen zu können; ich ließ ihn
also holen. Ferner ließ ich den mit sympathetischer Tinte geschriebenen
Brief wieder einfordern; der Regimentsarzt sandte ihn zurück mit der
Bemerkung, daß seine Bemühungen bisher vergeblich gewesen seien, es
gebe aber noch andere Verfahren, die er anwenden könne, falls ich es
wünschen sollte.
Wicklow trat ein. Es lag etwas Müdes und Erwartungsvolles in seinem
Blick, aber er war gefaßt und unbefangen, und wenn er irgend einen
Verdacht hegte, so trat dieser jedenfalls in seinen Gesichtszügen und
in seinem Benehmen nicht zu Tage. Ich ließ ihn ein paar Augenblicke
stehen; dann sagte ich freundlich:
»Na, mein Junge, warum gehst du denn so oft nach dem alten Stall?«
Er antwortete einfach und ohne Verlegenheit:
»Ja, Herr Major, das weiß ich selber nicht recht; es ist eigentlich
kein besonderer Grund vorhanden, als daß ich gerne allein bin, und daß
ich mich dort unterhalte.«
»Ach so, du unterhältst dich dort?«
»Jawohl, Herr Major,« antwortete er so einfach und unschuldig wie zuvor.
»Und weiter tust du da nichts?«
»Nein, Herr Major,« sagte er, und dabei sah er mich mit einem Ausdruck
kindlicher Verwunderung in seinen großen sanften Augen an.
»Weißt du das auch ganz gewiß?«
»Jawohl, Herr Major, ganz gewiß.«
Nach einer Pause fragte ich weiter:
»Wicklow, warum schreibst du so viel?«
»Ich? Ich schreibe nicht viel, Herr Major.«
»Nicht?«
»Nein, Herr Major. O, wenn Sie ›kritzeln‹ meinen -- kritzeln tue ich
manchmal zu meiner Unterhaltung.«
»Was machst du denn mit deinem Gekritzel?«
»Nichts, Herr Major -- ich werfe es weg.«
»Schickst du’s niemals an irgend jemand?«
»Nein.«
Plötzlich hielt ich ihm den Brief an den ›Oberst‹ vors Gesicht. Er fuhr
leicht zusammen, faßte sich aber sofort wieder. Eine flüchtige Röte
überzog seine Wangen.
»Wie kamst du dann aber dazu, _dieses_ Gekritzel abzuschicken?«
»Ich dach ... ich dachte mir gar nichts Böses dabei, Herr Major!«
»Nichts Böses dabei! Du verrätst die Armierung des Forts und die Stärke
der Besatzung und denkst dir nichts Böses dabei?«
Er ließ den Kopf hängen und schwieg.
»Höre, sprich frei von der Leber weg und laß das Lügen sein! Für wen
war dieser Brief bestimmt?«
Er verriet jetzt Zeichen von Angst; doch schnell hatte er sich wieder
zusammengenommen und erwiderte im Tone tiefsten Ernstes:
»Ich will Ihnen die Wahrheit sagen, Herr Major -- die ganze Wahrheit.
Der Brief war überhaupt niemals für irgend einen Menschen bestimmt. Ich
schrieb ihn bloß für mich selbst, um mir einen Spaß zu machen. Ich sehe
jetzt ein, wie verkehrt und wie albern das war; aber das ist auch das
einzige Anstößige dabei, Herr Major, bei meiner Ehre.«
»Ah, das freut mich. Es ist gefährlich, solche Briefe zu schreiben. Ich
hoffe, du bist sicher, daß dies der einzige ist, den du schriebst.«
»Jawohl, Herr Major, vollkommen sicher.«
Diese Verstocktheit war verblüffend. Er sagte seine Lüge mit dem
ehrbarsten Gesicht von der Welt. Ich wartete einen Augenblick, um den
in mir aufsteigenden Aerger niederzuzwingen; dann sagte ich:
»Wicklow, rüttle jetzt mal ein bißchen dein Gedächtnis auf und sieh zu,
ob du mir nicht bei zwei oder drei kleinen Sachen helfen kannst, die
ich gerne wissen möchte.«
»Ich will mir die allergrößte Mühe geben, Herr Major.«
»Also, zunächst: Wer ist der ›Meister‹?«
Meine Frage hatte die Wirkung, daß er schnell einen unruhigen Blick
über unsere Gesichter gleiten ließ. Aber das war auch alles. In einem
Augenblick war er wieder heiter und antwortete ruhig:
»Ich weiß es nicht, Herr Major.«
»Du weißt es nicht?«
»Ich weiß es nicht.«
»Du weißt es _ganz bestimmt_ nicht?«
Er bot alle Kraft auf, um mir fest in die Augen zu sehen; aber das war
zu viel für ihn. Sein Kinn sank langsam auf die Brust nieder und er
schwieg. Er stand da und drehte nervös an einem Knopf. Er sah kläglich
aus, und ich fühlte unwillkürlich trotz seinen niederträchtigen
Handlungen Mitleid mit ihm. Dann unterbrach ich plötzlich die Stille
mit der Frage:
»Was ist die ›Heilige Allianz‹?«
Er zuckte sichtlich zusammen und machte eine halb unbewußte Bewegung
mit den Händen, wie ein verzweifeltes Geschöpf, das um Mitleid fleht.
Aber kein Laut kam über seine Lippen. Er hielt hartnäckig seine Augen
auf den Fußboden geheftet. Wir sahen ihn an und warteten, daß er
sprechen möchte, und da bemerkten wir, wie die dicken Tränen anfingen,
ihm über die Backen zu rollen. Aber er blieb still. Nach einer kleinen
Weile sagte ich:
»Du mußt mir antworten, mein Junge, und mußt mir die Wahrheit sagen.
Wer ist die ›Heilige Allianz‹?«
Er weinte leise weiter. Schließlich sagte ich ziemlich scharf:
»Antworte auf die Frage!«
Er bemühte sich, seiner Stimme wieder Herr zu werden; dann sagte er
mit einem flehenden Blick auf uns und die Worte mühsam zwischen seinem
Schluchzen herauspressend:
»O haben Sie Erbarmen mit mir, Herr Major! Ich kann nicht antworten,
denn ich weiß nichts!«
»Was?!«
»Gewiß, Herr Major, ich spreche die Wahrheit. Ich habe bis zu diesem
Augenblick niemals was von der ›Heiligen Allianz‹ gehört. Bei meiner
Ehre, Herr Major, so ist es!«
»Himmelherrgott ... Sieh mal hier deinen zweiten Brief an. Da, siehst
du hier die Worte: ›_Heilige Allianz_‹? Was sagst du jetzt?«
Er starrte mir ins Gesicht mit dem beleidigten Blick eines Menschen,
dem man ein großes Unrecht angetan hat. Dann sagte er in empfindlichem
Ton:
»Das ist irgend ein grausamer Scherz, Herr Major. Und wie konnte man
mir so was antun -- mir, der sich alle Mühe gab, das Rechte zu tun, und
der niemals einem Menschen etwas zuleide getan hat! Irgend einer hat
meine Handschrift nachgemacht; ich schrieb niemals eine Zeile davon;
ich habe diesen Brief nie vorher gesehen.«
»O, du über alle Maßen frecher Lügner! Sieh her, was sagst du hierzu?«
Und ich riß den Brief mit der sympathetischen Tinte aus meiner Tasche
und hielt ihm denselben vor die Augen.
Sein Gesicht wurde weiß! -- so weiß, wie wenn er ’ne Leiche gewesen
wäre. Er schwankte auf den Füßen und faßte mit der Hand nach der Wand,
um sich zu stützen. Einen Augenblick darauf fragte er mit so schwacher
Stimme, daß man’s kaum hören konnte:
»Haben -- Sie’s gelesen?«