Der Trust versteht sich aufs Geschäft. Er läßt sich nicht in die

Karten gucken. Nicht von uns unverschämten Neugierigen und nicht

einmal von seinen eigenen Jüngern. Höchstens erfährt man, es sei eine

›Demonstration vorgenommen worden.‹ Ab und zu erzählt einer von den

Laienbrüdern der Christlichen Wissenschaft mit freudigem Stolz, Frau

Eddy sei ungeheuer reich. Aber damit hat seine Mitteilsamkeit ein

Ende; ob ein Teil des Geldes wohltätigen Zwecken zufließt, darüber kann

er keine Auskunft geben. Der Trust besteht aber doch aus Menschen;

und darum kann man wohl mit Recht annehmen, daß wir gewiß bald etwas

davon hören würden, falls der Trust in seinen Rechnungen Ausgaben für

Wohltätigkeitszwecke hätte, deren er sich nicht zu schämen brauchte.

Der Wahlspruch der Christlichen Wissenschaft lautet: ›Jeder Arbeiter

ist seines Lohnes wert‹. Und nachdem wir bei uns selber ›eine

Demonstration darüber vorgenommen haben,‹ finden wir als wahre

Bedeutung dieses Spruches die Lehre: ›Uebernehmt alle und jede

Arbeit, die ihr bekommen könnt; laßt sie euch bar bezahlen und zwar

pränumerando‹.

Der Trust scheint mir eine Reinkarnation zu sein. Exodus, 32,4.[7]

[7] Der Vers lautet: Und er nahm sie (die goldenen Ohrringe)

von ihren Händen und entwarf es mit einem Griffel und

machte ein gegossen Kalb u. s. w.

A. d. Ueb.

Ich habe keine Achtung vor Frau Eddy und den anderen Mitgliedern des

Trust -- wenn’s überhaupt andere Mitglieder gibt -- aber ich habe

volle Achtung vor der aufrichtigen Ueberzeugung der Laien, die sich

zur neuen Kirche bekennen. Ohne jeden Zweifel sind diese Laien völlig

ehrlich in ihrem Glauben, und ich glaube, daß jede ehrliche Meinung

stets Achtung verdient, ganz gleich, aus welcher Quelle sie sich ihre

Ueberzeugung geholt hat.

Ich will damit dem Menschengeschlecht kein Kompliment machen, ich

spreche damit nur meine Meinung aus.

Worin liegt denn nun die Ursache des Erfolges, den die Christliche

Wissenschaft bereits gehabt hat und in unendlich viel größerem Maße

noch haben wird? In dem gut gewählten Namen? Ich glaube, dieser Umstand

hat nur zu einem ganz kleinen Teil dazu beigetragen. Ich glaube, das

Geheimnis liegt anderswo:

Die Christliche Wissenschaft hat ihr Geschäft _organisiert_! Und das

war ganz gewiß eine riesenhafte Idee! Darin liegt mehr Geisteskraft,

als man zur Abfassung von ein paar Millionen Eddyschen Bibelanhängen

brauchen würde.

So lange die Erde steht, war Elektrizität in unbegrenzter Menge in

der Luft, in der Erde und überall vorhanden; kein Mensch dachte

daran, diese Kraft auszunutzen. In unserer Zeit aber haben wir diese

überall verstreute wandernde Kraft _organisiert_. Wir lassen sie

für uns arbeiten, wir unterstützen die Arbeit mit unserem Kapital,

wir konzentrieren ihre Anwendung in den Händen einiger weniger

Sachverständiger -- und wir haben die Ergebnisse, die ein jeder sieht.

Die Christliche Wissenschaft hat sich einer Kraft bemächtigt, die in

jedem Menschen unbenutzt lag, so lange es Menschen gibt; sie hat diese

Kraft organisiert, Kapital in das Geschäft gesteckt und den ganzen

Betrieb im Bostoner Hauptquartier in den Händen eines kleinen und sehr

sachverständigen Trust zentralisiert.

_Und darum sind die Erfolge da!_

Die Verschwörung von Fort Trumbull.

Folgendes ist die Geschichte, die der Major mir erzählte; ich

gebe sie wieder, so genau ich es vermag:

Im Winter 1862/63 war ich Kommandant von Fort Trumbull bei New London,

Connecticut. Vielleicht war unser Leben dort nicht so munter wie das

Leben ›vorm Feinde‹; immerhin war’s auf seine Art lebhaft genug -- es

war keine Gefahr, daß unsere Gehirnsubstanz zusammenbackte, denn es

fehlte niemals an irgend etwas, um unsere Gedanken zu beschäftigen.

So schwirrte damals -- um nur eins anzuführen -- im Norden die ganze

Luft von geheimnisvollen Gerüchten: Rebellenspione sollten überall

sich herumschleichen, um unsere Forts in die Luft zu sprengen, unsere

Gasthöfe niederzubrennen, verpestete Kleidungsstücke in unsere

Städte zu schicken und was dergleichen mehr war. Sie werden sich

dessen erinnern. Dies alles war geeignet, uns wach zu halten und die

herkömmliche Langeweile des Garnisonlebens nicht aufkommen zu lassen.

Zudem hatten wir Rekruten auszubilden, und das bedeutet, daß wir

kein bißchen Zeit hatten, um zu faulenzen, zu träumen oder Maulaffen

feil zu halten. Indessen trotz all unserer Wachsamkeit entwischte

uns von den Rekruten, die wir tagsüber einstellten, die Hälfte noch

in derselben Nacht. Das Handgeld war so unmäßig hoch, daß der Rekrut

einer Schildwache drei- oder vierhundert Dollars bezahlen konnte, damit

sie ihn weglaufen lasse, und doch noch so viel übrig behielt, daß es

für einen armen Mann ein Vermögen bedeutete. Also wie gesagt, auf der

faulen Haut lagen wir nicht.

Eines Tages war ich allein in meinem Zimmer, wo ich irgend etwas zu

schreiben hatte, als ein bleicher, zerlumpter Bursche von vierzehn oder

fünfzehn Jahren eintrat, eine zierliche Verbeugung machte und mich

ansprach:

»Ich glaube, hier werden Rekruten angenommen?«

»Ja.«

»Wollen Sie mich bitte einreihen, Herr Major?«

»Ach du lieber Gott, nein! Du bist zu jung und zu klein, mein Junge.«

Enttäuschung malte sich auf seinem Gesicht und ging sofort in einen

Ausdruck von tiefster Verzagtheit über. Er drehte sich um, als wollte

er gehen, dann zögerte er, wandte sich wieder zu mir und sagte in einem

Ton, der mir zu Herzen ging:

»Ich habe kein Obdach und keinen Freund auf der Welt. Ach, wenn Sie

mich doch einstellen könnten!«

Dies war natürlich ganz ausgeschlossen, wie ich ihm so freundlich wie

möglich auseinandersetzte. Dann hieß ich ihn sich an den warmen Ofen

setzen und fügte hinzu:

»Sofort sollst du etwas zu essen bekommen. Du bist doch wohl hungrig?«

Er antwortete nicht, aber das war auch nicht nötig; der dankbare

Blick seiner großen sanften Augen sprach beredter als alle Worte es

vermocht hätten. Er setzte sich an den Ofen, und ich schrieb weiter.

Ab und zu warf ich einen verstohlenen Blick auf ihn. Ich bemerkte,

daß seine Kleider und Schuhe, wenngleich schmutzig und zerlumpt, doch

von gutem Schnitt und Stoff waren. Das gab zu denken. Zudem war seine

Stimme leise und wohllautend, sein Auge tief und schwermütig, und sein

ganzes Benehmen deutete auf gute Herkunft. Augenscheinlich war das arme

Bürschchen in arger Bedrängnis. Kurz und gut, er flößte mir Teilnahme

ein.

Indessen vertiefte ich mich nach und nach immer mehr in meine Arbeit

und vergaß gänzlich, daß der Junge im Zimmer war. Ich weiß nicht, wie

lange dies währte, aber schließlich sah ich zufällig einmal auf. Der

Knabe hatte mir den Rücken zugedreht, aber er hielt den Kopf so, daß

ich seine Wange sehen konnte -- und über diese Wange rann ein Strom von

stillen Tränen.

»Ach du lieber Gott!« sagte ich bei mir selbst. »Ich vergaß, daß der

arme Bursch sterbenshungrig ist.« Und um meine Rücksichtslosigkeit

wieder gut zu machen, rief ich ihm zu: »Komm her, mein Junge, du sollst

mit mir speisen. Ich bin heute allein.«

Wieder sah er mich mit seinen dankbaren Augen an, und ein Freudenstrahl

erhellte sein Gesicht. Bei Tisch blieb er stehen, die Hand auf die

Stuhllehne gelegt, bis ich Platz genommen hatte; erst dann setzte er

sich. Ich nahm Messer und Gabel zur Hand und -- nun, ich behielt sie in

der Hand und rührte mich nicht; denn der Knabe hatte sein Haupt geneigt

und sprach leise ein Dankgebet. Tausend geheiligte Erinnerungen an

Elternhaus und Kinderzeit drangen auf mich ein, und ich seufzte bei dem

Gedanken, wie fremd mir Religion geworden war, und wie doch der Glaube

ein Balsam für die wunde Seele, wie er Trost, Hort und Stütze ist.

Im Verlauf unserer Mahlzeit bemerkte ich, daß der junge Wicklow --

Robert Wicklow hieß er mit vollem Namen -- mit seiner Serviette

umzugehen wußte, und mit einem Wort, ich merkte, daß er unerachtet

seines Aussehens von guter Herkunft war. Dazu hatte er eine einfache

Freimütigkeit, die mich für ihn einnahm. Wir sprachen hauptsächlich

über ihn selbst, und ohne Schwierigkeit holte ich seine Geschichte

aus ihm heraus. Als er erwähnte, daß er in Louisiana geboren und

aufgewachsen sei, wurde ich warm, denn ich hatte selbst einige Zeit

dort gelebt. Ich kannte den ganzen Küstenstrich am Mississippi; ich

liebte die Gegend und hatte sie erst vor kurzem verlassen, sodaß

mein Interesse dafür noch nicht verblaßt war. Ich freute mich schon,

wenn ich nur die Namen jener Orte aus seinem Munde hörte, und ich

brachte deshalb absichtlich das Gespräch auf jene Gegend. Baton

Rouge, Plaquemine, Donaldsonville, Sixtymile-Point, Bonnet-Carré,

Börsen-Landeplatz, Carollton, der Dampfboot-Landeplatz, der

Dampfschiff-Landeplatz, New Orleans, Tchoupitchoulas Street, die

Esplanade, die Rue des Bons Enfants, das St. Charles-Hotel, Tivoli

Circle, Shell Road, der Pontechartrain-See -- wie klang das alles

vertraut! Und eine ganz besondere Wonne war es für mich, wieder einmal

von ›R. E. Lee‹, ›Natchey‹, ›Eklipse‹, ›General Guitman‹ ›Duncan F.

Kenner‹ und anderen altbekannten Dampfbooten zu hören. Es war mir fast

als sei ich wieder dort, so lebhaft riefen diese Namen mir die Schiffe

und Oertlichkeiten selbst ins Gedächtnis zurück. Kurz zusammengefaßt,

war folgendes Klein-Wicklows Geschichte:

Als der Krieg ausbrach, lebte er bei seiner altersschwachen Tante und

seinem Vater in der Nähe von Baton Rouge auf einer großen reichen

Pflanzung, die schon seit fünfzig Jahren im Besitz der Familie gewesen

war. Der Vater war ein Anhänger der Union. Er wurde darum auf alle

mögliche Weise verfolgt, blieb aber standhaft bei seinen Grundsätzen.

Endlich brannten eines Nachts maskierte Männer sein Haus nieder,

und die Familie mußte fliehen, um das nackte Leben zu retten. Sie

wurden von Ort zu Ort gehetzt und lernten Armut, Hunger und Elend

gründlich kennen. Die alte Tante wurde schließlich erlöst: Hunger und

Unbilden der Witterung töteten sie, sie starb auf freiem Felde wie

ein Bettelweib unter dem strömenden Regen und dem krachenden Donner.

Nicht lange darauf wurde der Vater von einer bewaffneten Bande gefangen

genommen, und während der Sohn bat und flehte, vor dessen Augen

aufgeknüpft. (Hier schoß ein haßerfüllter Blick aus des Knaben Augen,

und er sagte, wie wenn er mit sich selber spräche: »Wenn ich nicht

eingestellt werden kann -- macht nichts! Ich werde einen Weg finden

-- ja, ich werde einen Weg finden.«) Nachdem die Leute festgestellt

hatten, daß der Vater tot war, sagten sie dem Sohn, wenn er nicht

binnen vierundzwanzig Stunden aus der Gegend verschwunden wäre, so

würde es ihm übel ergehen. Er schlich sich während der Nacht zum

Flußufer hinunter und verbarg sich dicht bei der Anlegestelle einer

Pflanzung. Nach einiger Zeit hielt der ›Duncan F. Kenner‹ dort an, und

er schwamm an den Dampfer heran und verbarg sich in dem Boot, das im

Kielwasser des Schiffes schwamm. Vor Tagesanbruch war das Dampfboot in

New Orleans bei der Börsen-Landungsbrücke, und er schlüpfte aus dem

Kahn heraus und schwamm an Land. Er marschierte die drei Meilen von

dieser Stelle bis zum Hause eines Onkels, der in Good-Childrenstreet

in New Orleans wohnte, und dann war er für eine Zeit lang aus der Not.

Aber sein Onkel hielt es ebenfalls mit der Union und kam sehr bald zur

Ueberzeugung, daß er besser täte, den Süden zu verlassen. Er machte

sich also mit dem jungen Wicklow heimlich davon und sie fuhren mit

einem Segelschiff nach New York, wo sie im ›Astor House‹ abstiegen.

Jung-Wicklow führte nun eine Zeit lang ein ganz angenehmes Leben,

schlenderte auf dem Broadway herum und studierte das für ihn neue

Leben im Norden. Schließlich aber kam eine Wendung -- und zwar nicht

zum Besseren. Der Onkel war zuerst guter Dinge gewesen, mit der Zeit

aber fing er an, unmutig und kleinlaut dreinzuschauen, ja, er wurde

verdrießlich und reizbar, sprach von den vielen Geldausgaben und den

wenigen Einnahmen -- ›nicht genug mehr für einen, geschweige denn für

zwei.‹ Dann, eines Morgens, war er nicht da -- kam nicht zum Frühstück.

Der Junge erkundigte sich im Hotelbureau und erfuhr, sein Onkel habe

den Abend vorher seine Wohnung bezahlt und sei abgereist -- nach

Boston, meinte man, wußte es aber nicht bestimmt.

Der Junge stand allein und ohne Freunde auf der Welt da. Er wußte

nicht, was er anfangen sollte, aber es schien ihm das beste,

wenn er versuchte, seinen Onkel wiederzufinden. Er ging zum

Dampfschiff-Landeplatz und erfuhr, daß das bißchen Geld, das er in der

Tasche hatte, für die Fahrt nach Boston nicht ausreichte, daß er dafür

aber nach New London kommen könnte. Er fuhr also nach diesem Hafen,

indem er darauf hoffte, daß die Vorsehung ihn die Mittel würde finden

lassen, um den Rest der Reise zurückzulegen. Jetzt war er drei Tage

und Nächte lang in den Straßen von New London herumgelaufen und hatte

hier und da um der Barmherzigkeit willen einen Bissen bekommen oder ein

Eckchen zum Schlafen angewiesen erhalten. Aber jetzt konnte er nicht

mehr, Mut und Hoffnung waren entschwunden. Wenn er als Rekrut eintreten

könnte, so würde er überaus dankbar sein; wenn er nicht Soldat werden

könnte, wäre er dann nicht als Trommlerjunge zu brauchen? O, er würde

so fleißig sein und so dankbar!

So lautete mit Weglassung einiger Kleinigkeiten die Geschichte des

jungen Wicklow, genau wie er sie mir erzählte. Ich sagte:

»Junge, du bist jetzt unter Freunden -- mach’ dir keine Sorgen mehr.«

Wie glänzten da seine Augen! Ich rief den Sergeanten John Rayburn

herein -- er war aus Hartford und wohnt jetzt dort; vielleicht kennen

Sie ihn -- und sagte: »Rayburn, geben Sie dem Jungen hier Quartier bei

den Musikern. Ich werde ihn als Trommlerjungen einstellen, und es ist

mir lieb, wenn Sie ein Auge auf ihn haben und darauf sehen, daß er gut

behandelt wird.«

Der Verkehr zwischen dem Festungskommandanten und dem Trommlerjungen

hörte jetzt natürlich auf, aber die Gedanken an den freundlosen armen

kleinen Burschen lagen mir trotzdem schwer auf der Seele. Ich behielt

ihn im Auge, in der Hoffnung, er würde sich aufheitern und fröhlich

und lustig werden. Aber nein! Ein Tag verging nach dem anderen, und

er blieb wie er war. Er verkehrte mit keinem Menschen, war immer

geistesabwesend und in Gedanken versunken, und sein Gesicht war immer

traurig ... Eines Morgens bat Rayburn mich um eine vertrauliche

Unterredung.

»Ich hoffe, Sie nehmen’s nicht übel, Herr Major,« sagte er. »Aber die

Sache steht so: die Musiker sind so außer sich, daß ja wohl einer

sprechen muß.«

»Na, was ist denn los?«

»’s ist wegen des Jungen, des Wicklow, Herr Major. Die Musiker haben

eine Wut auf ihn -- Sie können sich’s gar nicht denken.«

»Nu, nu! Warum nicht gar. Was hat er denn angestellt?«

»Betet, Herr Major!«

»Er betet?«

»Jawohl, Herr Major. Die Musiker wissen ihrer Seele keine Ruhe mehr

vor des Bengels Beten. Kaum ist er Morgens wach -- betet er; Mittags

-- betet er; und Nachts -- na Nachts, da ist er gerade als wäre er

besessen mit seinem Beten. Schlafen? Ach herrje, sie _können_ ja nicht

schlafen. Er hat’s Wort, wie man zu sagen pflegt, und wenn er mal

seine Gebetmühle in Bewegung gesetzt hat, da gibt’s kein Unterbrechen.

Zunächst nimmt er den Kapellmeister vor und betet für den; dann kommt

der erste Hornist dran, für den betet er auch; dann kriegt der Mann

mit der großen Trommel sein Teil und so weiter, die ganze Kapelle

hindurch, bis jeder sein Gebet hat, und das alles mit einer Inbrunst,

als dächte der Junge, er hätte nur noch eine kurze Weile auf Erden

zu leben und könnte im Himmel nicht glücklich sein, wenn er nicht

seine Regimentsmusik für sich hätte, und man sollte meinen, er suchte

sich seine Kapelle aus, um ihm da oben in einem der Oertlichkeit

angemessenen Stil unsere Nationalhymne vorzuspielen. Schön und gut --

Stiefel nach ihm schmeißen nützt ganz und gar nichts; es ist dunkel im

Saal, und außerdem ist er bei seinem Beten auch noch niederträchtig,

er kniet nämlich hinter der großen Trommel, und da macht es ihm nichts

aus, wenn Stiefel auf ihn hageln; er muckt nicht ’mal dabei und

plappert weiter, als wäre es bloß Beifallsklatschen. Und sie brüllen:

›Oho, Mund halten!‹ ›Laß uns in Frieden!‹ ›Schmeißt ihn ’naus!‹ ›O,

scher’ dich zum Teufel!‹ u. s. w., u. s. w. Aber was nützt das alles?

Ihn rührt es nicht. Er merkt es gar nicht.«

Und nach einer Pause fuhr Rayburn fort: »Dabei ist er ein gutmütiger

kleiner Narr; steht frühmorgens eher auf und trägt alle Stiefel auf

einen Haufen und sortiert sie und setzt jedem Mann sein Paar auf den

richtigen Platz. Und sie sind so oft nach ihm geschmissen, daß er jetzt

jeden Stiefel kennt -- kann sie mit geschlossenen Augen sortieren.«

Wieder eine Pause, die ich natürlich nicht unterbrach; dann fuhr er

fort: »Aber nun kommt noch das Allerschlimmste der Geschichte: Wenn er

mit Beten fertig ist -- wenn er endlich und endlich überhaupt mal damit

fertig ist, dann legt er los und fängt an zu singen! Na, Sie wissen ja,

was für ’ne honigsüße Stimme er schon hat, wenn er spricht, Sie wissen,

er könnte damit einen gußeisernen Hund von der Schwelle locken, um ihm

die Hand zu lecken. Nun, auf mein Wort, Herr Major, gegen sein Singen

ist das noch gar nichts! Flötentöne sind rauh im Vergleich mit des

Burschen Gesang. Es geht ihm so sanft und so süß und so lieblich aus

der Gurgel, daß man denkt, man ist im Himmel.«

»Aber was ist denn da Schlimmes dabei?«

»O, das ist’s ja gerade, Herr Major! Man hört ihn singen:

So wie ich bin -- unglücklich arm und blind --

ja, das hört man ihn bloß einmal singen, und da schaut man auf und

’s Wasser kommt einem in die Augen. Einerlei was er singt -- es geht

einem, hast du nicht gesehen!, an die Nieren -- geht einem tief hinein,

da wo’s Leben ist -- und ’s packt einen jedesmal. Hören Sie ihn bloß

’mal singen:

Kind von Sünd’ und Sorgen,

Voll von Angst und Not,

Warte nicht bis morgen,

Folge _heute_ Gott --

Stoß’ nicht fort die Vaterhand,

Die vom fernen Himmelsland ...

und wie’s weiter geht. Man kommt sich dabei vor, wie der verruchteste,

undankbarste Kerl, der auf der Erde ’rumläuft. Und wenn er dann die

Lieder singt vom Elternhause, und von der Mutter und den Kindertagen

und den alten Erinnerungen, und von längst entschwundenen Dingen und

von alten Freunden, die tot oder fern sind -- ach, das bringt einem

alles vors Auge, was man je in seinem ganzen Leben geliebt und verloren

hat -- und ’s ist so wunderschön, ja, ’s ist göttlich, wenn man’s

anhört, Sir -- aber, ach du lieber gütiger Herrgott, wie herzbrechend

ist’s auch! Die Kapelle -- jawohl, _alle_ heulen sie! Der größte Lump

unter ihnen schluchzt dabei -- und gibt sich nicht ’mal Mühe, es zu

verbergen. Und dieselben Kerls, die vorher ihre Stiefel nach ihm

geschmissen hatten -- auf einmal springen sie alle von den Pritschen

und laufen in der Finsternis zu ihm hin und herzen ihn und schlecken

ihn ab -- jawohl, das tun sie -- und geben ihm Schmeichelworte und

bitten ihn, er möge ihnen verzeihen. Und wenn in _dem_ Augenblick ein

Regiment käme, um dem Bürschchen ein Haar zu krümmen -- wahrhaftig sie

gingen gegen das Regiment, und wenn’s ein ganzes Armeekorps wäre!«

Wieder eine Pause. Dann fragte ich:

»Ist das alles?«

»Jawohl, Herr Major.«

»Nun, du lieber Gott, was gibt’s denn da zu klagen? Was wollen denn die

Leute?«

»Was sie wollen!? Aber ich bitte Sie, Herr Major -- sie möchten, daß

Sie ihm das Singen verbieten.«

»Was für ein Einfall! Sie sagten ja selber, sein Gesang sei überirdisch

schön.«

»Das ist’s ja eben. Er ist zu überirdisch. Kein gewöhnliches

Menschenkind kann ihn vertragen. Es regt einen so fürchterlich auf, das

Herz im Leibe dreht sich einem dabei um; es zerrt einem alle Gefühle

zu Fetzen, man fühlt sich elend und verflucht und denkt, man sei bloß

noch zum Sterben gut. Man ist dermaßen in einem ewigen Zustand von

Zerknirschung, daß einem kein Essen mehr schmeckt und man am ganzen

Leben keine Lust mehr hat. Und dann das Heulen -- verstehen Sie, jeden

Morgen schämen sie sich vor einander und können sich nicht ins Gesicht

sehen.«

»Hm, das ist ja ein sonderbarer Fall und eine merkwürdige Beschwerde.

Sie verlangen also wirklich, daß das Singen aufhört?«

»Ja, Herr Major, so denken sie. Sie möchten nicht um zu viel bitten;

sie wären ja mächtig froh, wenn die Beterei aufhörte, oder wenn er

wenigstens damit ein Haus weiter ginge. Aber die Hauptsache ist die

Singerei. Wenn sie bloß das Singen los werden, so denken sie, das Beten

können sie aushalten, wenn es gleich ein hartes Stück ist, in solcher

Weise heruntergeputzt zu werden.«

Ich sagte dem Sergeanten, ich würde die Sache in Erwägung ziehen. In

derselben Nacht schlich ich mich zu den Musikern ins Quartier und

horchte. Der Sergeant hatte nicht übertrieben. Ich hörte die laute

betende Stimme in der Dunkelheit; ich hörte die Flüche der ermüdeten

Mannschaften; ich hörte den Stiefelregen durch die Luft sausen und die

Geschosse rund um die große Trommel herum mit Gepolter niederfallen.

Die Sache rührte mich, aber sie belustigte mich zugleich. Dann folgte

eine eindrucksvolle Stille. Nach einer Weile begann das Singen. O

Gott, diese Begeisterung, die darin lag, dieser bezaubernde Ausdruck!

Niemals, so lange ich auf der Welt war, hörte ich etwas so Süßes, so

Anmutiges, so Zartes, so Heiliges, so Rührendes. Ich ging sehr bald

fort, denn ich begann eine Bewegung zu verspüren, wie sie sich für den

Befehlshaber einer Festung nicht schickt.

Am nächsten Tag gab ich Befehle aus, die dem Beten und Singen ein

Ende machten. Dann folgten drei Tage so voll vom Spektakel, wobei

ausgelassene Rekruten ihr Werbegeld vertranken, daß ich gar nicht

an meinen Trommlerjungen dachte. Aber eines Morgens kommt Sergeant

Rayburn und sagt:

»Der neue Junge benimmt sich mächtig sonderbar, Herr Major.«

»Wieso?«

»Hm, er schreibt die ganze Zeit über.«

»Schreibt? Was schreibt er denn? Briefe?«

»Weiß ich nicht, Herr Major. Aber sobald er keinen Dienst hat, streicht

er immer mutterseelenallein stöbernd und schnüffelnd im Fort herum --

hol mich der ..., wenn ich glaube, ’s gibt noch ’ne Ecke oder ’n Loch,

wo er noch nicht hineingekrochen ist. Und alle paar Augenblicke bringt

er Papier und Bleistift heraus und kritzelt was nieder.«

Dies erregte in mir ein höchst unangenehmes Gefühl. Ich hätte mich

gerne darüber lustig gemacht, aber es war damals nicht die Zeit

dazu, sich über das Geringste lustig zu machen, was irgendwie etwas

Verdächtiges an sich hatte. Rund um uns herum, überall im Norden,

gingen Dinge vor, die uns veranlassen mußten, immer auf dem Sprunge

zu sein und immer guten Ausguck zu halten. Ich erinnerte mich an

den Umstand -- der viel zu denken gab -- daß der Junge aus dem

Süden stammte und sogar aus dem äußersten Süden, Louisiana, und

dieser Gedanke war unter den obwaltenden Verhältnissen nicht gerade

ermutigend. Immerhin kostete es mich innerlich einen Stoß, Rayburn

die Befehle zu geben, die ich ihm erteilen mußte. Mir war zumute, wie

einem Vater, der sich auf etwas einläßt, wodurch er sein eigenes Kind

in Schimpf und Schande bringen kann. Ich befahl Rayburn, zu schweigen,

seine Zeit abzuwarten und mir irgendwas von den Schreibereien zu

verschaffen, wenn er’s tun könnte, ohne daß der Junge es merkte. Und

vor allen Dingen sollte er nichts tun, wodurch der Knabe gewahr werden

könnte, daß er beobachtet würde. Ich befahl ferner, dem Jungen seine

gewohnten Freiheiten zu belassen, ihm aber in einiger Entfernung zu

folgen, sobald er in die Stadt ginge.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 8 / 14 段