als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin,
sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie
trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und
Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein,
der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint,
nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes
getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich
mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese
wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle
Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht
gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge
gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker
gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹
Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten
Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und
fröhlich und -- erstaunt.
Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei
hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand,
fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl!
Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine
Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit;
Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele;
alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u.
s. w. u. s. w.«
Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann
brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann
selber legte jedenfalls Wert auf die _genaue_ Formel und auf die
religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube,
_jede_ beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die
gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die
Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame
Verstärkung ihrer Heilkraft.
Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege.
Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende
Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh;
kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken,
Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser
Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen.
Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den
Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten -- aber das
war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten -- ›aber davon verspürte
ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger
Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft,
ließ sich eine Stunde lang behandeln _und ging ohne Schmerzen
heim_. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann
›verschwanden die Gebresten -- einige sofort, andere nach und nach‹;
schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt -- das ist
nämlich das Allerwertvollste dabei -- ist er ›zufrieden und glücklich‹.
Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere
Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche
hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und
diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können.
Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre
Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys
Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im
Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt,
Veitstanz -- ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern
eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum
Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll,
wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen
der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über
jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen«
maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen
der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie
gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren
kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen
Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel
auf und kurieren sich selber.
Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen --
das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte
-- gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen
eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen,
über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie
rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend,
daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht
gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt
dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in
stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu
handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte
sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern
müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam
-- buchstäblich -- mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen
war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der
Schule ›tat es recht häßlich weh --‹ das heißt es _schien_ so. Daher
›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter
und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und
ich _will_ auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte
dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber
spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche
Darstellung des Seins‹ her -- das ist wohl, wie ich vermute, eine
ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹
Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum
ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten
im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹
herunterschnurrt!
In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein
Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes
und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine
Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine
Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der
Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen
Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug;
auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.
»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem
Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er
plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen
nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz
legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.
Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -- das heißt die
Schriften der Christlichen Wissenschaft -- auf einer Fensterbank. Das
war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ
sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite
-- außer dem ›Anhang‹. _Diesen_ nahm er in beide Hände und hob ihn
langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder
hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das
Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum
ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine
Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun
hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage
bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich
jedesmal, wenn einer zusah. _Das_ Kind hätte ich lieber haben mögen als
irgend einen Oelfarbendruck!
Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹
litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu
glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal
die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain
anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln
und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem
Kiefer herausgraben -- und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh
täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und
ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat,
und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete,
als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben
berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen
wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des
Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter,
ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne
daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben,
denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den
Eingangskapiteln ergibt.
Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen
Wissenschaft ein schwer verunglücktes _Pferd_ in einer einzigen Nacht
vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel
vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen.
Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte
nun _das Pferd_ diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott,
Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte
es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein,
bitte: _konnte_ das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon
kriegen können?
Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden
und bei Möbeln.
In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt;
aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie
erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen
Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und
da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben.
Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen
Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige
Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch
einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.
VI.
»Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft und
Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ sowie
auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy, im
zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden sind.
Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster Gedanke für
unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den Geistesinhalt
der Bibel in dem ›Büchlein _aufgetan_‹ verdolmetscht (Vers
2). Somit beweisen wir: Die Christliche Wissenschaft ist die
Wiederkehr Christi -- Wahrheit -- Geist.« (Vorlesung von
George Tomskins, Doktor der Theologie, Doktor der Christlichen
Wissenschaft.)
Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist der starke Engel, sie ist
der auserkorene himmlische Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken
überbringt. Einstweilen _bringt_ sie nur die Wiederkehr Christi. Wir
müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre im Grabe gelegen hat,
für ihre Anhänger einfach _der zweite Christus selber_ ist. Angebetet
wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses Gefühl sich nicht
nur räumlich ausbreitet, sondern auch immer mehr sich vertieft.[4]
[4] Eine ihrer Jüngerinnen hatte _ein totes Kind ins Leben
zurückgerufen_ und schließt ihren Bericht an Frau Eddy
mit den Worten: »... und möchten doch wir alle Sie immer
mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus ist
gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord,
Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung
ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.
~M. T.~
Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird -- dies begreift wohl ein
jeder -- Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der
Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand,
auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern
eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie
ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -- denn der Bostoner Christian
Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt.
Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern
Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter:
der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit
Geldwert.
Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner
Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor
gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren;
die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen
sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der
Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen.
Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu
verkaufen -- gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der
Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze
Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von
Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes
mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys
und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden
zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder
mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando _sechs
Dollars_, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man
vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau
Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen
möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls
mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal
bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau
Eddy -- _ein Gedicht_; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können!
-- Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere
Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen
möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben,
Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei
demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal,
ein -- aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man
ist höflich, als daß man deutlich ist.
Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein
Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur
echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist
die Ware nur von Boston -- selbstverständlich pränumerando.
Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist
Vorsitzende -- und vielleicht Eigentümerin? -- des vom Trust geleiteten
Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem
zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene
Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die
vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter
meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei
Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden.
Der Trust liebt den Dollar -- aber er darf kein Phantasiedollar sein.
Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten,
darf niemand -- mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein
oder nicht -- die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben,
wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das
bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen.
Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und
schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom
›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste
Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von
Millionen.
Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche
kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust
›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust -- in allernächster Zukunft --
wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen.
Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika
zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der
Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre
1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft
in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden
Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen --
um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und
Recht annehmen, daß der Trust -- der jetzt bereits recht schroff in
seinem Auftreten ist -- alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste
und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals
seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat.
Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird
über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie
sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten,
unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in
Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher
ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer
oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen
Kirche in die Christenheit teilen.
Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat
_ihre Kräfte_ in sehr wirksamer Weise zentralisiert -- _aber nicht ihr
Geld_. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese
Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen
Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge
bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -- den wir mit der Zeit haben
werden -- wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und
der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes
werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das
Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab
-- Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando)
-- Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln,
Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten
Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken
von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von
wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus
dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als
echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld
genommen. Aus diesen Geldquellen -- und aus tausend anderen, die erst
noch zu erfinden sind -- wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer
Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung
darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht
verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so
weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern
auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird
dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen
_verpflichten_, auch diese Bibelausgaben zu kaufen -- und das wird
auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann
täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben -- und davon
gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, _und er gibt
nichts für wohltätige Zwecke_. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber
weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert.
Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. Nicht mal zu solchen
beisteuern. Vergebens sucht man in den vom Trust ausgehenden
Ankündigungen und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft
gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß sie auch nur einen Pfennig
für solche Zwecke ausgeben. Nichts für Witwen und Waisen, für
entlassene Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, Heidenmission,
Volksbibliotheken, Altersversorgung und sonst etwas, das sich auf dem
Umwege durch das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.[5]
[5] In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von
den Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten
freiwilligen Beiträge für derartige Zwecke auf 15 Millionen
Pfund Sterling. Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts
zu verheimlichen.
~M. T.~
Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in Briefen und auf
sonstige Weise, und es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Dreier
aufzuspüren, den der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck
ausgegeben hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, als
wenn man ihn fragt, ob ihm ein Fall bekannt sei, daß die Christliche
Wissenschaft etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe -- sei es im
Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. Er _muß_ die Frage
verneinen. Und dann entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage
schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die Sache allmählich
eklig wird. Warum eklig? Weil er an seine Führer geschrieben und voll
hoher Zuversicht sie um eine Antwort gebeten hat, die die Fragesteller
zu Boden schmettern wird -- und weil die Führer nicht geantwortet
haben! Er hat abermals geschrieben -- und noch einmal -- aber diesmal
nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden und hat flehentlich
gebeten, man möge ihn doch mit Munition versehen, um die Position
der Christlichen Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich kommt
eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen auf Unsere Mutter vertrauen
und uns mit der Ueberzeugung begnügen, daß alles was Sie[6] mit dem
Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten vom Himmel, denn Sie
vollzieht keine Handlung, ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.
[6] Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S ein
bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.
~M. T.~
Damit ist der Fall erledigt -- soweit der Jünger in Betracht kommt.
Sein ›Geist‹ ist von der Antwort vollkommen befriedigt; er schlägt den
›Anhang‹ auf und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele ist ruhig
-- bis mal wieder ein Neugieriger mit indiskretem Finger an die wunde
Stelle tippt.
Durch Freunde in Amerika habe ich etliche Fragen stellen lassen. In
einigen Fällen erhielt ich bestimmte und verständliche Antworten; in
anderen war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den bestimmten
Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ obligatorisch ist und
einen Dollar beträgt. Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes
zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von einer der maßgebenden
Persönlichkeiten erteilte Antwort: ›Nein; _nicht in dem Sinn, den man
gewöhnlich mit diesem Wort verbindet_.‹ (Daß diese letzten elf Worte
gesperrt gedruckt werden, geschieht auf meine Veranlassung.)
Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich -- obwohl der Wortlaut
nebelhaft ist. Die Christliche Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft,
unklar, wortreich. Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste Wort
eine vollständige Antwort auf meine Frage war; aber er konnte nicht
anders, er mußte noch elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte
ohne Sinn und Verstand -- wenn der Mann sie mir nicht erklärt.
Höchstwahrscheinlich -- so verstehe ich wenigstens seine Andeutung
-- hat die Christliche Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit
erfunden; was für eine das ist, können wir mit ziemlicher Sicherheit
erraten: das vom Trust da hinein gesteckte Kapital wird gewiß 500
Prozent Reingewinn abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.