In der erwähnten Oktobernummer der Zeitschrift treten viele ›Erlöste‹

als Zeugen auf und bedanken sich; und zwar nicht etwa kühl und obenhin,

sondern in leidenschaftlicher Dankbarkeit. Fast alle erscheinen wie

trunken von der neu erlangten Gesundheit, von der Ueberraschung und

Verwunderung, wie geblendet von dem unbeschreiblichen Glorienschein,

der das Wunderbare umgibt, und der ihnen um so heller erscheint,

nachdem sie eine so lange, trostlose Zeit hindurch nichts anderes

getan haben, als sich eingebildete Krankheiten auszudenken und sich

mit Arzneikram vollzustopfen. Der erste Zeuge erklärt, als ›diese

wunderschöne Wahrheit ihm zuerst dämmerte‹, da hätte er ›beinahe alle

Krankheiten gehabt, die des Fleisches Erbteil sind‹. Und die er nicht

gehabt, die hätte er sich dazu gedacht. Was war die natürliche Folge

gewesen? Natürlich wäre er ›eine Milchkuh für Doktoren und Apotheker

gewesen und eine Abladestelle für alle Geheimmittel der ganzen Welt.‹

Die Christliche Wissenschaft kam ihm zu Hilfe, und alle die alten

Krankheitszustände verschwanden. Und so war er jetzt gesund und

fröhlich und -- erstaunt.

Aber ich bin nicht erstaunt. Denn ich weiß ganz genau, wie’s dabei

hergegangen ist. Ich vermute, daß seine ganze Methode darin bestand,

fortwährend zu sagen: »Ich bin wohl! Ich bin gesund! Gesund und wohl!

Wohl und gesund! Vollkommen gesund, vollkommen wohl! Ich habe keine

Schmerzen; Schmerzen gibt’s überhaupt nicht. Ich habe keine Krankheit;

Krankheiten gibt’s überhaupt nicht. Nichts ist wirklich als die Seele;

alles ist Geist, All-Gott, Gott-Gott, Leben, Seele, Leber, Knochen u.

s. w. u. s. w.«

Ich will nicht behaupten, daß dies genau die Formel war, die der Mann

brauchte; aber zweifelsohne war es der Geist seiner Worte. Der Mann

selber legte jedenfalls Wert auf die _genaue_ Formel und auf die

religiöse Bedeutung, die er mit ihrer Anwendung verband. Ich glaube,

_jede_ beliebige Formel hätte den meisten, wenn auch nicht allen, die

gleichen Dienste getan. Für einen religiösen Mann aber war gewiß die

Hinzufügung des religiösen Elements zu der Formel eine sehr bedeutsame

Verstärkung ihrer Heilkraft.

Ein anderer Zeuge ist ein alter Kampfgenosse aus dem Sezessionskriege.

Als die Christliche Wissenschaft ihn auffand, hatte er folgende

Gebresten auf Lager: Verdauungsbeschwerden; Rheumatismus; Katarrh;

kalkige Ablagerungen in den Schultergelenken, Ellbogengelenken,

Handgelenken; Muskelschwund in Armen, Schultern; Steifheit aller dieser

Gelenke; Schlaflosigkeit; fast unaufhörliche, fürchterliche Schmerzen.

Diese Gebresten sehen nicht nach Einbildung aus. Sie stammten von den

Kriegsstrapazen. Die Aerzte taten alles, was sie konnten -- aber das

war nicht viel. Man versuchte es mit Gebeten -- ›aber davon verspürte

ich niemals auch nur die geringste Erleichterung.‹ Nach dreißigjähriger

Marter wandte er sich an einen Doktor der Christlichen Wissenschaft,

ließ sich eine Stunde lang behandeln _und ging ohne Schmerzen

heim_. Zwei Tage darauf begann er zu essen ›wie ein Gesunder.‹ Dann

›verschwanden die Gebresten -- einige sofort, andere nach und nach‹;

schließlich ›sind sie beinahe gänzlich fort‹. Und jetzt -- das ist

nämlich das Allerwertvollste dabei -- ist er ›zufrieden und glücklich‹.

Diese letztere Wirkung ist, wie bereits bemerkt, die besondere

Spezialität der Christlichen Wissenschaft. Die Methodistische Kirche

hatte sich einunddreißig Jahre lang bemüht und hatte dieses Glück und

diese Zufriedenheit dem geplagten Krieger nicht verschaffen können.

Und so geht die Litanei weiter: Zeugen auf Zeugen beschreiben ihre

Leiden, erklären, daß sie sofort geheilt seien, und singen Frau Eddys

Entdeckung Lob und Preis. Die schwersten Krankheiten verschwinden im

Handumdrehen: Nervenschwäche wird geheilt, Schwindsucht wird geheilt,

Veitstanz -- ein Kinderspiel. Ab und zu finden wir in diesen Blättern

eine interessante Bereicherung unserer Ausdrucksweise. Da haben wir zum

Beispiel ›Demonstrationen über Frostbeulen‹ und dergleichen. Dies soll,

wie es scheint, ein abgekürzter Ausdruck sein für ›Demonstrationen

der Macht, welche die Wahrheit der Christlichen Wissenschaft über

jene Phantasiegebilde ausübt, die sich unter dem Namen »Frostbeulen«

maskieren.‹ Die Kinder nehmen ebensogut wie Erwachsene an den Segnungen

der Wissenschaft teil. »Durch das Studium des ›Büchleins‹ lernen sie

gesund, artig und vernünftig sein.« Manchmal werden sie von ihren

kleinen Leiden durch berufsmäßige Vertreter dieser christlichen

Heilkunst befreit; ältere Kinder aber sagen manchmal einfach die Formel

auf und kurieren sich selber.

Aus dem fernen Westen schreibt ein kleines, neunjähriges Mädchen --

das man seiner Ausdrucksweise nach für eine Erwachsene halten möchte

-- gibt sein Alter an und fährt fort: ›Ich dachte, ich wollte Ihnen

eine Demonstration schreiben‹. Sie war von einem Pony abgeworfen,

über dessen Kopf geflogen und auf einen Felsen aufgeschlagen. Sie

rettete sich vor dem Unheil, indem sie, in den Lüften schwebend,

daran dachte schnell zu sagen: ›Gott ist All‹. Ich hätte das nicht

gekonnt. Ich würde nicht mal daran gedacht haben. Ich wäre zu aufgeregt

dazu gewesen. Nur die Christliche Wissenschaft konnte das Kind in

stand setzen, unter solchen Umständen so ruhig und vernünftig zu

handeln. Sie schlug mit ihrem Kopf gegen den Felsen an und hätte

sich, nach menschlichem Ermessen, unbedingt den Schädel zerschmettern

müssen; aber durch die ›Formel‹ wurde das verhindert, und sie kam

-- buchstäblich -- mit einem blauen Auge davon. Am Montag-Morgen

war es immer noch geschwollen und ließ sich nicht öffnen. In der

Schule ›tat es recht häßlich weh --‹ das heißt es _schien_ so. Daher

›wurde ich als krank entschuldigt und ging in den Keller hinunter

und sagte: »Bis jetzt vertraue ich auf Mama anstatt auf Gott, und

ich _will_ auf Gott Vertrauen anstatt auf Mama.«‹ Ohne Zweifel hätte

dies Glaubensbekenntnis bereits völlig genügt; zur Sicherheit aber

spannte sie auch noch Frau Eddy vor und sagte die ›Wissenschaftliche

Darstellung des Seins‹ her -- das ist wohl, wie ich vermute, eine

ihrer vornehmsten Hymnen. Dann ›fühlte ich, wie mein Auge aufging.‹

Natürlich, eine Auster wäre ja aufgegangen! Ich glaube, es gibt kaum

ein rührenderes Kinderbildchen: die kleine fromme Ratte da unten

im Keller, wie sie die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹

herunterschnurrt!

In der Zeitschrift kommt auch noch ein anderes gutes Kind vor: Klein

Gordon. Klein Gordon ›kam auf die Welt ohne Hinzuziehung eines Arztes

und ohne Anwendung eines Schmerzbetäubungsmittels.‹ Er war ›eine

Demonstration.‹ Und zwar eine schmerzlose; daher erweckte seine

Ankunft: Freude und Dankbarkeit gegen Gott und die Entdeckerin der

Christlichen Wissenschaft. Diese Zusammenstellung der beiden hohen

Wesen ist überhaupt ein charakteristischer, immer wiederkehrender Zug;

auch von den ›Beiden Bibeln‹ ist fortwährend die Rede.

»Als Klein Gordon zwei Jahre alt war, spielte er Pferdchen auf dem

Bett, wo ich mein ›Büchlein‹ hatte liegen lassen. Ich bemerkte, wie er

plötzlich sein Spiel unterbrach, das Buch behutsam in seine Händchen

nahm, es zärtlich küßte und es dann auf den höchsten sicheren Platz

legte, den seine Aermchen erreichen konnten.« So berichtet die Mutter.

Ein paar Tage darauf lag die Familienbibliothek -- das heißt die

Schriften der Christlichen Wissenschaft -- auf einer Fensterbank. Das

war wieder ’ne gute Gelegenheit für das heilige Kind. Der Junge verließ

sein Spiel, ging an die Fensterbank und schob alle Bücher zur Seite

-- außer dem ›Anhang‹. _Diesen_ nahm er in beide Hände und hob ihn

langsam an seine Lippen; dann legte er das Büchlein sorgfältig wieder

hin und setzte sich daneben in die Fensternische. Das erstemal war das

Benehmen des Kindes der Mutter so wunderbar erschienen, daß sie kaum

ihren Augen trauen wollte; nun aber war sie überzeugt, ›daß es keine

Sinnestäuschung war, und daß auch kein Zufall irgend was damit zu tun

hatte.‹ Später ließ Klein Gordon sich auch von dem Urheber seiner Tage

bei seinem Tun beobachten. Von da an tat er’s oft; wahrscheinlich

jedesmal, wenn einer zusah. _Das_ Kind hätte ich lieber haben mögen als

irgend einen Oelfarbendruck!

Unter den Zeuginnen tritt auch eine auf, die an ›springendem Zahnweh‹

litt, und zwar so stark, daß sie mehrmals in Versuchung kam zu

glauben, die Materie sei doch von Gefühl belebt; doch trug jedesmal

die Macht der Wahrheit den Sieg davon. Sie verbot dem Zahnarzt, Kokain

anzuwenden, sondern setzte sich hin und ließ ihn bohren und raspeln

und drehen und ziehen und den Nerv töten und Knochensplitter aus dem

Kiefer herausgraben -- und wollte nicht einmal zugeben, daß es weh

täte. Und sie glaubt bis auf diesen Tag, es habe nicht weh getan, und

ich bezweifle nicht im geringsten, daß sie zu neun Zehnteln recht hat,

und daß ihre Christliche Wissenschaft ihr bessere Dienste leistete,

als das Kokain es hätte tun können. Es wird auch von einem Knaben

berichtet, der bei einem Unfall in lauter kleine Stücke zerbrochen

wurde; er sagte ganz einfach die ›Wissenschaftliche Darstellung des

Seins‹ auf und ein anderes derartiges Gebet und war gesund und munter,

ohne irgend welchen wirklichen Schmerz gelitten zu haben, und ohne

daß ein Doktor sich eingemischt hätte. Dies kann ich wohl glauben,

denn mein eigener Fall war ja ziemlich ähnlich, wie sich aus den

Eingangskapiteln ergibt.

Ferner wird mitgeteilt, daß durch Anwendung der Christlichen

Wissenschaft ein schwer verunglücktes _Pferd_ in einer einzigen Nacht

vollkommen wiederhergestellt worden sei. Ich kann ziemlich viel

vertragen, aber das scheint mir denn doch übers Bohnenlied zu gehen.

Das Pferd hatte nicht weniger als fünfzig Beschädigungen: wie konnte

nun _das Pferd_ diese ›demonstrieren‹? Konnte es das: All-Gott,

Gut-Gut, Gott-Gott, Leben, Knochen, Wahrheit u. s. w. hersagen? Konnte

es die ›Wissenschaftliche Darstellung des Seins‹ anstimmen? Nein,

bitte: _konnte_ das Pferd das? Hätte es nicht einen Rückfall davon

kriegen können?

Wir wollen doch lieber bei Pferden die Grenzlinie ziehen. Bei Pferden

und bei Möbeln.

In der Zeitschrift werden noch eine Menge andere Zeugnisse angeführt;

aber ich denke, die mitgeteilten Beispiele werden genügen. Sie

erläutern den einen Teil des Geschäftsbetriebes der Christlichen

Wissenschaft. Nun kommen wir auf die Frage zurück: Bringt sie hier und

da und ab und zu einen Patienten um die Ecke? Wir müssen dies zugeben.

Bietet sie dafür Ersatz? Wenn sie einen Menschen von jahrelangen

Schmerzen befreit, so gibt sie ihm das Leben wieder. Denn beständige

Schmerzen sind beständiges Sterben. Ich glaube, sie kann sich noch

einen erklecklichen Posten an ihr Haben schreiben.

VI.

»Wir erklären aus voller Ueberzeugung, daß, ›Wissenschaft und

Gesundheit, nebst Schlüssel zu den Heiligen Schriften‹ sowie

auch die Verfasserin dieses Buches, Mary Baker Eddy, im

zehnten Kapitel der Offenbarung vorher angekündigt worden sind.

Sie ist der ›starke Engel‹ oder Gottes höchster Gedanke für

unsere gegenwärtige Zeit (Vers 1), der uns den Geistesinhalt

der Bibel in dem ›Büchlein _aufgetan_‹ verdolmetscht (Vers

2). Somit beweisen wir: Die Christliche Wissenschaft ist die

Wiederkehr Christi -- Wahrheit -- Geist.« (Vorlesung von

George Tomskins, Doktor der Theologie, Doktor der Christlichen

Wissenschaft.)

Da haben wir’s in dürren Worten! Sie ist der starke Engel, sie ist

der auserkorene himmlische Sendbote, der Gottes höchsten Gedanken

überbringt. Einstweilen _bringt_ sie nur die Wiederkehr Christi. Wir

müssen annehmen, daß sie, ehe sie fünfzig Jahre im Grabe gelegen hat,

für ihre Anhänger einfach _der zweite Christus selber_ ist. Angebetet

wird sie bereits, und wir müssen erwarten, daß dieses Gefühl sich nicht

nur räumlich ausbreitet, sondern auch immer mehr sich vertieft.[4]

[4] Eine ihrer Jüngerinnen hatte _ein totes Kind ins Leben

zurückgerufen_ und schließt ihren Bericht an Frau Eddy

mit den Worten: »... und möchten doch wir alle Sie immer

mehr lieben und so leben, daß die Welt wisse: Christus ist

gekommen!« So zu lesen im ›Indepedent Statesman‹ (Concord,

Newhampshire) vom 9. März 1899. Wenn das keine Anbetung

ist, so ist es eine gute Nachmachung davon.

~M. T.~

Besonders nach ihrem Tode, denn dann wird -- dies begreift wohl ein

jeder -- Eddy-Anbetung in den Sonntagsschulen und auf den Kanzeln der

Glaubensgemeinschaft gelehrt werden. Schon jetzt ist jeder Gegenstand,

auf den sie ihr Warenzeichen setzt, heilig und wird von ihren Jüngern

eifrig und voll leidenschaftlicher Dankbarkeit gekauft und zu Hause wie

ein Fetisch verehrt. Ich sage ›gekauft‹ -- denn der Bostoner Christian

Science-Trust gibt nichts weg; was er hat, ist zum Verkauf bestimmt.

Die Bedingungen sind Barzahlung: und zwar nicht nur Bar-, sondern

Vorausbezahlung. Sein Gott ist in erster Linie: Frau Eddy; ein zweiter:

der Dollar. Und zwar kein Phantasiedollar, sondern ein richtiger mit

Geldwert.

Auf den Dollar wird in jeder möglichen Form Jagd gemacht; die Bostoner

Mutterkirche der Christlichen Wissenschaft und ihr Handelskontor

gehen mit allerlei geistlicher Ware bei ihren Gläubigen hausieren;

die Preise sind ausnahmslos gepfeffert, und die Zahlungsbedingungen

sind immer dieselben: ›gegen bar, pränumerando‹. Nicht einmal der

Engel der Apokalypse würde sein ›Büchlein‹ dort auf Kredit kriegen.

Viele, viele köstliche Dinge hat die Christliche Wissenschaft zu

verkaufen -- gegen bar natürlich: Bibel-Unterweisung, Gesangbuch der

Christlichen Wissenschaft, Baugeschichte der Mutterkirche, ganze

Haufen von Predigten, Kommunionshymne ›Seht Ihr meinen Heiland?‹ von

Frau Eddy, das Stück zu einem halben Dollar, ›Abdruck des Textes

mit Frau Eddys besonderer Erlaubnis‹. Ferner haben wir Frau Eddys

und des Engels kleinen Bibelanhang in acht verschiedenen Einbänden

zu acht verschiedenen Preisen, darunter ein süßes Ding in Leder

mit runden Ecken, Goldschnitt und so weiter, pränumerando _sechs

Dollars_, und wenn man ’ne Million auf einmal bezieht, kriegt man

vier Prozent Rabatt, aber nur ›pränumerando‹. Ferner haben wir Frau

Eddys ›Vermischte Schriften‹ zu vornehm hohen Preisen, in allen

möglichen Einbänden, aber alle zu Erpresserpreisen, und ebenfalls

mit vier Prozent Rabatt, wenn man eine ganze Auflage auf einmal

bezieht. Dann kommt ›Christus und Weihnacht‹ von der fruchtbaren Frau

Eddy -- _ein Gedicht_; ich gäbe was drum, es mal sehen zu können!

-- Preis drei Dollars pränumerando. Dann folgen noch fünf andere

Schriften von Frau Eddy, natürlich zu Straßenräuberpreisen, in allen

möglichen Ausstattungen, mit Lederecken, Goldschnitt, Doppelschrauben,

Dampfsteuerung und allen anderen Bequemlichkeiten der Neuzeit. Und bei

demselben Handelskontor erscheint auch das Christian Science-Journal,

ein -- aber ich will lieber nicht sagen, was es ist; es ist besser, man

ist höflich, als daß man deutlich ist.

Die literarische Oleomargarine der Christlichen Wissenschaft ist ein

Monopol der der Mutterkirche gehörenden Hauptfabrik in Boston; ›nur

echt, wenn mit der Handelsmarke des Trust versehen‹. Zu beziehen ist

die Ware nur von Boston -- selbstverständlich pränumerando.

Der Trust hat aber auch noch andere Einnahmequellen. Frau Eddy ist

Vorsitzende -- und vielleicht Eigentümerin? -- des vom Trust geleiteten

Metaphysical College in Boston. Dort vervollkommnet sich in einem

zweiwöchigen Kursus der Student, der sich drei Jahre lang auf eigene

Hand in der Heilkunst der Christlichen Wissenschaft geübt hat: für die

vierzehn Tage bezahlt er bloß einhundert Dollars. Und ich habe unter

meinen statistischen Notizen einen Fall, wo für einen Kursus von drei

Wochen dreihundert Dollars bezahlt wurden.

Der Trust liebt den Dollar -- aber er darf kein Phantasiedollar sein.

Um den Absatz von Frau Eddys Bibelanhang recht lebhaft zu erhalten,

darf niemand -- mag er auf dem Metaphysical College gewesen sein

oder nicht -- die Heilkunst der Christlichen Wissenschaft ausüben,

wenn er nicht ein Exemplar dieses heiligen Machwerks besitzt. Das

bedeutet für den Trust ein großes und beständig wachsendes Einkommen.

Keine Christian Science-Familie wird sich für aufrichtig, fromm und

schmerzgefeit halten, wenn sie nicht ein oder zwei Exemplare vom

›Anhang‹ im Hause hat. Das sichert dem Trust schon für die allernächste

Zukunft ein jährliches Einkommen nicht von Tausenden, sondern von

Millionen.

Kein Mitglied einer der Christlichen Wissenschaft angehörigen Kirche

kann Mitglied bleiben, wenn es nicht jedes Jahr dem Bostoner Trust

›Kopfsteuer‹ zahlt. Damit hat der Trust -- in allernächster Zukunft --

wieder Jahreseinnahmen, die in die Millionen gehen.

Man kann ohne Uebertreibung annehmen, daß es im Jahre 1910 in Amerika

zehn Millionen und in Großbritannien drei Millionen Anhänger der

Christlichen Wissenschaft geben wird, und daß diese Zahlen im Jahre

1920 verdreifacht sein werden. 1910 wird die Christliche Wissenschaft

in Amerika eine politische Macht sein, 1920 wird sie überwältigenden

Einfluß haben, 1930 wird sie die Regierung der Republik übernehmen --

um sie für immer zu behalten. Und ich glaube, man darf mit Fug und

Recht annehmen, daß der Trust -- der jetzt bereits recht schroff in

seinem Auftreten ist -- alsdann der rücksichtsloseste, unbedenklichste

und tyrannischste politisch-religiöse Gewalthaber sein wird, der jemals

seit den glorreichen Tagen der Inquisition ein Volk beherrscht hat.

Und ein stärkerer Gewalthaber, als jemals auf Erden war: denn er wird

über eine finanzielle Macht verfügen, wie keiner seiner Vorgänger sie

sich auch nur hat träumen lassen; er wird über einen konzentrierten,

unverantwortlichen Einfluß verfügen, wie keiner vor ihm; in

Eisenbahnen, Telegraphen, subventionierten Zeitungen wird er bisher

ungeahnte Beeinflussungs- und Kontrollmittel besitzen; und nach einer

oder zwei Generationen wird er sich wahrscheinlich mit der katholischen

Kirche in die Christenheit teilen.

Die Römische Kirche verfügt über eine vorzügliche Organisation und hat

_ihre Kräfte_ in sehr wirksamer Weise zentralisiert -- _aber nicht ihr

Geld_. Ihre zahlreichen Bischöfe sind reich, aber sie behalten diese

Reichtümer im weitesten Maße in ihren eigenen Händen. Sie beziehen

Gelder von 200 Millionen Menschen, aber der Hauptteil dieser Eingänge

bleibt im Lande. Der Bostoner Papst -- den wir mit der Zeit haben

werden -- wird seine Dollarkopfsteuer von 300 Millionen erheben, und

der ›Bibelanhang‹ sowie die anderen Artikel des Verlagsgeschäftes

werden das doppelte dieser Summe einbringen. Dazu kommen dann noch: das

Metaphysical College, die alljährlichen Pilgerzüge zu Frau Eddys Grab

-- Eintrittsgeld: ein Christlicher Wissenschaftsdollar (pränumerando)

-- Verkauf von geweihten Glasperlen, Kerzen, Gedenklöffeln,

Chromobildern der Stifterin mit goldenem Heiligenschein, nachgemachten

Autographen der Frau Eddy, Geldopfern vor ihrem Altarschrein (Krücken

von geheilten Krüppeln werden nicht angenommen, Nachbildungen von

wunderbar kurierten gebrochenen Beinen und Hälsen nur, wenn sie aus

dem heiligen Metall hergestellt sind und sich auf dem Prüfstein als

echt erwiesen haben). Für die im Grabe gewirkten Wunder wird bares Geld

genommen. Aus diesen Geldquellen -- und aus tausend anderen, die erst

noch zu erfinden sind -- wird eine Jahreseinnahme von mindestens einer

Milliarde Dollars fließen. Und der Trust allein wird die Verfügung

darüber haben! Bischöfe werden nicht angestellt, wenn sie sich nicht

verpflichten, neunzig Prozent vom Fang abzuliefern. Wenn es erst so

weit ist, wird der Trust nicht nur den Verkauf des ›Anhangs‹, sondern

auch den des Alten und Neuen Testaments monopolisieren; er wird

dieselben Preise nehmen wie für den ›Anhang‹, er wird seine Gläubigen

_verpflichten_, auch diese Bibelausgaben zu kaufen -- und das wird

auch wieder etliche hundert Millionen einbringen. Der Trust wird dann

täglich ein Einkommen von fünf Millionen Dollars haben -- und davon

gehen keine Spesen ab; er hat keine Steuern zu zahlen, _und er gibt

nichts für wohltätige Zwecke_. Der Leser wolle nicht so leicht hierüber

weglesen; die Sache ist wohl einiger Aufmerksamkeit wert.

Keine Wohltätigkeitsanstalten zu unterhalten. Nicht mal zu solchen

beisteuern. Vergebens sucht man in den vom Trust ausgehenden

Ankündigungen und in den auf den Kanzeln der Christlichen Wissenschaft

gehaltenen Predigten nach einer Spur, daß sie auch nur einen Pfennig

für solche Zwecke ausgeben. Nichts für Witwen und Waisen, für

entlassene Sträflinge, Krankenhäuser, Stadtmission, Heidenmission,

Volksbibliotheken, Altersversorgung und sonst etwas, das sich auf dem

Umwege durch das Menschenherz an des Menschen Börse wendet.[5]

[5] In den letzten beiden Jahren beliefen sich die von

den Bekennern der englischen Hochkirche geleisteten

freiwilligen Beiträge für derartige Zwecke auf 15 Millionen

Pfund Sterling. Eine Kirche, die Geld hergibt, hat nichts

zu verheimlichen.

~M. T.~

Ich habe mich erkundigt, erkundigt, erkundigt, in Briefen und auf

sonstige Weise, und es ist mir nicht gelungen, auch nur einen Dreier

aufzuspüren, den der Trust für irgend einen nennenswerten Zweck

ausgegeben hätte. Nichts macht den ›Scientisten‹ so ungemütlich, als

wenn man ihn fragt, ob ihm ein Fall bekannt sei, daß die Christliche

Wissenschaft etwas für wohltätige Zwecke ausgegeben habe -- sei es im

Kreise ihrer Mitglieder, sei es an Draußenstehende. Er _muß_ die Frage

verneinen. Und dann entdeckt man, daß dem Befragten dieselbe Frage

schon oftmals vorher gestellt ist, und daß ihm die Sache allmählich

eklig wird. Warum eklig? Weil er an seine Führer geschrieben und voll

hoher Zuversicht sie um eine Antwort gebeten hat, die die Fragesteller

zu Boden schmettern wird -- und weil die Führer nicht geantwortet

haben! Er hat abermals geschrieben -- und noch einmal -- aber diesmal

nicht voll Zuversicht, sondern sehr bescheiden und hat flehentlich

gebeten, man möge ihn doch mit Munition versehen, um die Position

der Christlichen Wissenschaft verteidigen zu können. Endlich kommt

eine Antwort, sie lautet etwa: Wir müssen auf Unsere Mutter vertrauen

und uns mit der Ueberzeugung begnügen, daß alles was Sie[6] mit dem

Gelde tut, in Uebereinstimmung steht mit Geboten vom Himmel, denn Sie

vollzieht keine Handlung, ohne zuvor darüber demonstriert zu haben.

[6] Ich führe vielleicht die Schreibung mit dem großen S ein

bißchen zu früh ein, aber auf dem Wege ist sie.

~M. T.~

Damit ist der Fall erledigt -- soweit der Jünger in Betracht kommt.

Sein ›Geist‹ ist von der Antwort vollkommen befriedigt; er schlägt den

›Anhang‹ auf und stimmt ein oder zwei Gebete an. Seine Seele ist ruhig

-- bis mal wieder ein Neugieriger mit indiskretem Finger an die wunde

Stelle tippt.

Durch Freunde in Amerika habe ich etliche Fragen stellen lassen. In

einigen Fällen erhielt ich bestimmte und verständliche Antworten; in

anderen war der Bescheid unbestimmt und wertlos. Aus den bestimmten

Antworten entnehme ich, daß die ›Kopfsteuer‹ obligatorisch ist und

einen Dollar beträgt. Auf die Frage: ›Wird irgend ein Teil des Geldes

zu wohltätigen Zwecken verwandt?‹ lautete die von einer der maßgebenden

Persönlichkeiten erteilte Antwort: ›Nein; _nicht in dem Sinn, den man

gewöhnlich mit diesem Wort verbindet_.‹ (Daß diese letzten elf Worte

gesperrt gedruckt werden, geschieht auf meine Veranlassung.)

Die Antwort ist vorsichtig. Und doch deutlich -- obwohl der Wortlaut

nebelhaft ist. Die Christliche Wissenschaft ist überhaupt nebelhaft,

unklar, wortreich. Der Schreiber wußte ganz gut, daß das erste Wort

eine vollständige Antwort auf meine Frage war; aber er konnte nicht

anders, er mußte noch elf Worte von dunklem Sinn hinzusetzen. Worte

ohne Sinn und Verstand -- wenn der Mann sie mir nicht erklärt.

Höchstwahrscheinlich -- so verstehe ich wenigstens seine Andeutung

-- hat die Christliche Wissenschaft eine neue Art von Wohltätigkeit

erfunden; was für eine das ist, können wir mit ziemlicher Sicherheit

erraten: das vom Trust da hinein gesteckte Kapital wird gewiß 500

Prozent Reingewinn abwerfen. Indessen: Erraten ist noch kein Wissen.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 7 / 14 段