Ich nahm das Büchlein von der Christlichen Wissenschaft und las die

erste Hälfte davon, dann nahm ich eine Kelle voll Medizin und las die

andere Hälfte. Die Erfahrungen, die ich dabei machte, waren recht

interessant und voll Abwechselung. Während es infolge der Verwandlung

des Leibwehs zur Kolik und des Kopfwehs zur Drehsucht in meinem

Inneren knurrte und rummelte, konnte ich den edlen Streit beobachten,

den das Mengfutter und der Terpentintrank und die Literatur um die

Oberherrschaft führten. Schließlich nahm der Kampf ein Ende, und es

war ein schöner Sieg; aber ich glaube, der Erfolg hätte sich mit

Aufgebot geringerer Mittel erreichen lassen. Ich bin überzeugt, daß das

Kleiengemengsel nötig war, um aus dem Magendrücken eine richtige Kolik

zu machen, aber zur Erzeugung der Drehsucht hätte wohl die Literatur

allein genügt. Ich glaube ferner, daß eine auf diesem Wege zu stande

gebrachte Drehsucht von besserer Qualität und dauerhafter wäre, als

ein Pferdedoktor sie jemals mit seinen gekünstelten Prozessen erzielen

könnte.

Denn von allen seltsamen, verrückten, unbegreiflichen und jeder

Erläuterung spottenden Büchern, die die menschliche Phantasie

gezeitigt hat, ist dieses Buch ganz gewiß die Krone. Es ist mit einer

grenzenlosen Selbstzuversicht geschrieben und mit einer stürmischen,

ernsthaften Leidenschaft, die oft den Eindruck von Beredsamkeit macht,

selbst wenn die Worte anscheinend gar keinen Sinn und Verstand haben.

Es gibt viele Leute, die sich einbilden, sie verständen dieses Buch --

das weiß ich sehr wohl, denn ich habe mit solchen Leuten gesprochen;

aber das waren ausnahmslos zugleich auch solche, die sich einbildeten,

Schmerz, Krankheit und Tod gäbe es nicht, und Wirklichkeiten wären

überhaupt nicht auf der Welt vorhanden. Dadurch scheint mir der Wert

ihres Zeugnisses geschmälert zu werden. Wenn diese Herrschaften von

der Christlichen Wissenschaft reden, so machen sie’s wie Frau Fuller,

sie sprechen nicht ihre eigene Sprache, sondern die des Buches; sie

sprudeln die prunkvollen Ungereimtheiten des Buches hervor, und

überlassen es dem Hörer, selber herauszufinden, daß sie keine eigenen

Gedanken äußerten, sondern nur fremde zitierten; sie scheinen den Band

auswendig zu wissen und ihn zu verehren, als wär’s eine Bibel -- eine

zweite Bibel, sollte ich vielleicht sagen.

* * * * *

Keinem Menschen -- mir jedenfalls nicht! -- ist es zweifelhaft, daß

der Geist einen mächtigen Einfluß auf den Körper ausübt. So lange die

Welt steht, haben der Zauberer, der Traumdeuter, der Wahrsager, der

Charlatan, der Quacksalber, der Kurpfuscher, der wissenschaftlich

gebildete Arzt, der Mesmerist und der Hypnotist sich des Klienten

_Einbildung_ zu nutze gemacht. Sie alle haben die Bedeutung und

Verwendbarkeit dieser Kraft erkannt. Aerzte heilen manchen Patienten

mit einer Pille von Brotkrume; sie wissen, daß in Fällen, wo die

Krankheit nur auf Einbildung beruht, des Patienten Vertrauen zum Doktor

die Brotpille wirksam macht.

_Glaube an den Arzt._ Vielleicht ist das das Ganze. Wenigstens sieht

es so aus. In alten Zeiten heilte der König den Kropf[3] durch die

Berührung mit seiner königlichen Hand. Er machte oft ganz erstaunliche

Kuren. Hätte sein Lakai das fertig bringen können? Nein -- nicht

in seinen eigenen Kleidern. Hätte er’s gekonnt, wenn er als König

verkleidet gewesen wäre? Ich glaube, wir dürfen daran nicht zweifeln.

Ich glaube, wir können als sicher annehmen, daß in allen diesen

Fällen nicht des Königs Berührung die Heilung bewirkte, sondern des

Kranken Glaube an die Wirksamkeit des königlichen Handauflegens. Sehr

bemerkenswerte unanzweifelbare Heilungen sind durch Berühren mit den

Reliquien von Heiligen erfolgt. Würde nicht höchstwahrscheinlich irgend

ein anderer Knochen denselben Erfolg bewirkt haben, wenn dem Kranken

die Unterschiebung unbekannt geblieben wäre? In meiner Knabenzeit

stand eine Bauernfrau, die nicht weit von unserem Dorfe wohnte, in

großem Ruf als ›Glaubensdoktorin‹ -- so nannte sie sich selber. Aus der

ganzen Gegend kamen Leidende zu ihr, sie legte ihre Hand auf sie und

sprach: »Glaubet -- weiter ist nichts nötig!« Und die Leute gingen von

dannen und waren ihre Schmerzen los. Sie war nicht religiös und machte

keinen Anspruch darauf, über geheime Kräfte zu verfügen. Sie sagte,

nur des Patienten Glaube an sie bringe die Wirkung hervor. Mehrmals

sah ich selbst, wie sie heftige Zahnschmerzen auf der Stelle kurierte.

Die Leidende war meine eigene Mutter. Aehnliche Beispiele ließen sich

aus fast allen Ländern der Welt anführen. Im letzten Viertel des 19.

Jahrhunderts sind in Amerika verschiedene Sekten aufgetaucht, die

sich mit der Behandlung von Krankheiten befassen. Sie haben mit ihrem

arzneilosen Heilverfahren beträchtliche Erfolge aufzuweisen. Ich nenne

hier nur die Glaubenskur, die Gebetskur, die Christliche Wissenschaft.

Offenbar vollbringen sie alle ihre Wunder mit Hilfe desselben alten

erprobten Werkzeuges: der Einbildung ihrer Kranken. Ihre Namen sind

verschieden, aber ihr Verfahren ist überall das gleiche. Nur wollen sie

dies nicht zugeben; jede Sekte behauptet, daß ihr Vorgehen ein nur ihr

allein eigentümliches sei.

[3] Der Kropf heißt englisch ~the kings evil~.

Sie alle haben gewisse Heilerfolge aufzuweisen -- darüber kann kein

Zweifel obwalten. Und die Glaubenskur und die Gebetskur richten

wahrscheinlich keinen Schaden an, selbst wenn sie nichts Gutes leisten

sollten. Denn sie verbieten dem Patienten nicht, der Kur mit ärztlicher

Behandlung zu Hilfe zu kommen, wenn er das Bedürfnis danach empfindet.

Die anderen aber wollen von Medizinen nichts wissen und behaupten, jede

erdenkliche menschliche Krankheit durch die bloße Anwendung ihrer

geistigen Kräfte heilen zu können. Sie behaupten, sie könnten Krebs

beseitigen, auch andere Leiden, die sich, seitdem Menschen auf der

Erde sind, als unheilbar erwiesen haben. So etwas scheint mir nicht

ganz gefahrlos zu sein. Die Leute versprechen wohl etwas zu viel.

Das Publikum würde wahrscheinlich mehr Vertrauen haben, wenn weniger

versprochen würde.

Alle anderen Sekten bekennen, daß sie nicht Gottes Gleichen seien;

nur die Christliche Wissenschaft erhebt öffentlich den Anspruch,

Gleiches zu leisten wie die Gottheit; ja nach der verbesserten Bibel

der Christlichen Wissenschaft halten die Herrschaften sich sogar für

mehr. In der gewöhnlichen Bibel werden Schmerz, Krankheit und Tod als

Tatsachen hingestellt; aber die von der Christlichen Wissenschaft

wissen’s besser. Wissen’s besser und sagen’s ohne Zaudern frei heraus.

Frau Fuller war nicht im stande, mein Magendrücken und mein Kopfweh

zu kurieren; aber der Pferdedoktor that’s. Dies bringt mich zu der

Ueberzeugung, daß die Christliche Wissenschaft zu viel verspricht.

Meiner Meinung nach sollte sie sich mit inneren Krankheiten nicht

abgeben, sondern sich auf Knochenbrüche und Wunden beschränken. Jedem

das Seine.

Der Pferdedoktor verlangte mir dreißig Kreuzer ab, ich gab ihm das

Doppelte. Frau Fuller schickte mir eine spezifierte Rechnung über die

Heilung von 234 Knochenbrüchen -- für jeden Bruch einen Dollar!

»Nichts existiert als die Seele?«

»Nichts!« antwortete sie. »Alles andere ist substanzlos, alles andere

ist imaginär.«

Ich gab ihr einen imaginären Check, und jetzt hat sie mich auf

substantielle Dollars verklagt. Das scheint inkonsequent zu sein.

IV.

Nehmen wir einmal als feststehend an, daß wir alle teilweise

geisteskrank sind. Dadurch werden wir uns gegenseitig besser verstehen,

manches Rätsel wird sich lösen und gar vieles, was uns jetzt verworren

und dunkel erscheint, wird sich als klar und einfach herausstellen.

Auch die von uns, die sich nicht in einer Irrenanstalt befinden

oder nicht in eine solche hineingehören, sind ohne Zweifel in einer

oder zwei Einzelheiten verrückt -- ich glaube, dies müssen wir alle

zugeben; aber ich glaube zugleich auch, daß wir dabei in allem

übrigen geistig gesund sind. Wenn wir alle von einem Ding die gleiche

Meinung haben, so steht es meines Erachtens unwiderleglich fest, daß,

soweit dieses eine Ding in Betracht kommt, unser Verstand vollkommen

gesund ist. Nun gibt es ja etliches, worüber wir alle einer Meinung

sind; wir nehmen die Tatsachen als feststehend hin und streiten uns

nicht darüber. So zum Beispiel lassen wir alle, die wir nicht in

einer Anstalt sind, folgende Sätze gelten: Wasser bemüht sich stets,

eine wagerechte Oberfläche anzunehmen Die Sonne gibt Licht und Wärme.

Feuer verzehrt brennbare Stoffe. Nebel ist feucht. Sechs mal sechs ist

sechsunddreißig. Zwei von zehn gibt acht. Acht und sieben gibt fünfzehn.

Diese Sätze sind vielleicht die einzigen, worüber wir einig sind. Aber

wenn es auch so wenig sind, so sind sie doch von unschätzbarem Wert,

denn sie bieten einen untrüglichen Maßstab für geistige Gesundheit. Wer

diese Sätze anerkennt, der ist für uns hinreichend zurechnungsfähig, er

ist in allem Wesentlichen geistig gesund. Wer auch nur einen einzigen

von diesen Sätzen bestreitet, von dem wissen wir, daß er völlig

geisteskrank ist -- reif fürs Irrenhaus.

Schön. Dem Menschen, der keinen von diesen Sätzen bestreitet, erkennen

wir das Recht zu, frei umhergehen zu dürfen -- aber mehr können wir ihm

auch nicht einräumen. Denn wir wissen, daß in allen Dingen, wo es sich

um eine bloße Meinung handelt, der Mann geisteskrank ist -- gerade so

geisteskrank wie wir selbst, gerade so geisteskrank wie Shakespeare

war, wie’s der Papst ist. Und wir können genau, sozusagen mit dem

Finger, die Stelle seiner Geisteskrankheit bezeichnen: geisteskrank ist

er in allem, worin seine Meinung von der unsrigen abweicht.

Das ist eine einfache Regel, die sich sehr leicht behalten läßt.

Wenn ich, als denkender und vorurteilsfreier Presbyterianer, den

Koran prüfe, so weiß ich, daß ohne jede Frage jeder Mohammedaner

geisteskrank ist. Wenn ein denkender und vorurteilsfreier Mohammedaner

den Westminsterschen Katechismus prüft, so weiß er, daß ohne jede

Frage Mark Twain geisteskrank ist. Ich kann ihm nicht beweisen, daß

er geisteskrank ist, denn einem Wahnsinnigen kann man überhaupt

niemals etwas beweisen, -- das gehört eben zu seiner Geisteskrankheit

und beweist auf das schlagendste das Vorhandensein derselben. Er

kann auch mir nicht beweisen, daß ich geisteskrank bin, denn mein

Verstand leidet an denselben Mängeln wie der seinige. In Amerika

sind alle Demokraten verrückt, aber keiner von ihnen merkt es; nur

die Republikaner und die Mugwumps wissen’s. Alle Republikaner sind

verrückt, aber nur die Demokraten und Mugwumps sind im stande, es zu

bemerken. Die Regel trifft immer zu: _in allen Ansichtssachen sind

unsere Gegner verrückt_. Wenn ich um mich blicke, so erfüllt es mich

oft mit großem Bedauern, so viele Geisteskranke sehen zu müssen!

Diese Erkenntnis sollte uns nun veranlassen, duldsam gegen die

Verrücktheiten unseres Nächsten zu sein. Ich sehe, daß in seinem

besonderen Glauben der Anhänger der Christlichen Wissenschaft

geisteskrank ist, denn er glaubt ja nicht dasselbe wie ich; trotzdem

aber begrüße ich ihn als Bruder und Genossen, weil ich ebenso

verrückt bin, wie er -- verrückt von _seinem_ Standpunkt aus, und

sein Standpunkt hat ebensoviel Berechtigung wie der meinige und ist

ebensoviel wert. Nämlich einen roten Heller. In Fragen der Religion

oder Politik ist die Meinung des blödesten Schwachkopfes soviel wert

wie die des erleuchtetsten Geistes -- einen roten Heller. Warum? Sehr

einfach: Die positive Meinung eines Schwachkopfes wird aufgehoben

durch die negative Meinung eines anderen Schwachkopfes, seines

Nachbarn -- es kommt also zu keinem Ergebnis. Die positive Meinung des

Geistesriesen Gladstone wird aufgehoben durch die negative Meinung des

Geistesriesen Kardinal Newman -- es kommt also ebenfalls zu keinem

Ergebnis. Meinungen, die nichts beweisen, sind natürlich wertlos. Wir

müssen daher die freilich wenig schmackhafte Wahrheit zugeben, daß in

Streitfragen über Politik und Religion die Meinung eines Menschen nicht

mehr wert ist als die seinesgleichen; und daraus folgt, daß keines

Menschen Meinung irgend welchen tatsächlichen Wert besitzt. Der Gedanke

ist demütigend, aber man kommt nicht darum herum: es ist eine ganz

einfache Tatsache -- so klar und einfach, wie 7 + 8 = 15.

Nachdem ich dies vorausgesetzt habe, darf ich wohl, ohne jemanden

damit zu beleidigen, wiederholen, daß die Anhänger der Christlichen

Wissenschaft verrückt sind. Darin soll keine Unhöflichkeit liegen;

ich bilde mir nicht ein und werfe ihnen noch viel weniger vor, daß

sie verrückter seien als die anderen Menschen. Aber ich glaube, ihre

Verrücktheit ist grotesker als viele andere gangbare Verrücktheiten.

Zugleich aber bin ich fest überzeugt, daß sie in einer sehr wichtigen

und sehr wertvollen Einzelheit vernünftiger sind als die große Mehrzahl

ihrer Mitmenschen.

Warum sind sie verrückt? Ich sagte es bereits: weil ihre Meinungen

nicht die unsrigen sind. Einen anderen Grund kenne ich nicht -- und ich

brauche auch keinen. Ihre Verrücktheit ist nur dadurch interessanter

als deine oder meine, weil sie so grotesk ist. Da ist zum Beispiel das

›Büchlein‹, wovon ich vorhin sprach. -- Dieses ›Büchlein‹, das vor

achtzehn Jahrhunderten der flammende Engel der Offenbarung hoch oben

am Himmel zeigte, und das jetzt in unseren Tagen der Frau Mary Baker

G. Eddy aus Newhampshire eingehändigt und von ihr Wort für Wort --

mit etlicher Nachhilfe -- ins Englische übertragen wurde. Sie hat’s

veröffentlicht und in Hunderten von Auflagen abgesetzt, und sie hat

an jedem Exemplar einen Reingewinn von 700 Prozent! Dieser Profit

gehört offenbar eigentlich dem apokalyptischen Engel -- mag er nur

versuchen, ihn einzukassieren. Das Büchlein wird von den Anhängern

der Christlichen Wissenschaft sehr häufig einfach als ›das Büchlein‹

bezeichnet -- die Gänsefüßchen dürfen ja nicht vergessen werden -- um

sich stets frohlockend seinen erhabenen Ursprung zu vergegenwärtigen.

Das ›Büchlein‹ führt das Bibelgebäude ganz neu wieder auf und malt

und schmückt es frisch aus und setzt ein neues Dach oben drauf mit

Mansarden und Blitzableitern und allen ›Bequemlichkeiten der Neuzeit‹.

Das Büchlein zieht jetzt anscheinend an einer Deichsel und Seite an

Seite mit der Bibel, aber in einem halben Jahrhundert wird’s mit ihr

Tandem fahren, und zwar wird dann das Büchlein _vorn_ ziehen.

Vielleicht verlege ich diese Tandemfahrt in eine zu ferne Zukunft.

Vielleicht stimmt es besser, wenn ich statt fünfzig Jahre deren fünf

annehme, denn eine Wiener Dame erzählte mir neulich abends von einigen

Beobachtungen, die sie in der Bostoner Moschee der Christlichen

Wissenschaft gemacht habe, und wonach es allerdings den Anschein hat,

als ob wir kein halbes Jahrhundert mehr auf das vorhin in Aussicht

gestellte Schauspiel zu warten brauchen. An der einen Wand bemerkte sie

eine Anzahl Sprüche aus dem Neuen Testament; diese waren unterzeichnet

mit des Heilands Initialen: ~J. C.~ An der gegenüberstehenden Wand

waren Sprüche aus dem ›Büchlein‹. Diese waren ebenfalls unterzeichnet

-- wohl ebenfalls mit den Initialen der Verfasserin? fragt man mich.

O nein -- mit dem voll ausgeschriebenen Namen Mary Baker G. Eddy.

Vielleicht hat der Engel der Offenbarung seine Freude an solcher

Freibeuterei. Ich sprach darüber ganz leichthin mit einem Bekenner

der Christlichen Wissenschaft, aber er nahm meine Bemerkung gar nicht

leichthin auf, sondern sagte, ich triebe meinen Spott mit heiligen

Dingen. Er sagte, von Freibeuterei wäre nicht die Rede, denn der Engel

hätte das Buch nicht verfaßt, sondern es nur auf die Erde gebracht

-- »Gott verfaßte es«. Ich hätte darauf erwidern können, daß es

trotzdem Freibeuterei bliebe; die betreffenden Sprüche müßten mit des

Verfassers Initialen unterzeichnet sein, und wenn statt dessen der

voll ausgeschriebene Namenszug der Uebersetzerin darunter stände, so

hieße gerade dies ›seinen Spott mit heiligen Dingen treiben‹. Das hätte

ich erwidern können -- aber ich tat es nicht; denn jener Bekenner der

Christlichen Wissenschaft ist ein großer und breitschulteriger Mann,

und ich wußte, daß er mir einen imaginären Faustschlag versetzen

könnte, an dessen imaginären Schmerzen ich eine volle Woche genug haben

würde. Die Dame erzählte mir ferner, in der Moschee seien zwei Kanzeln;

auf der einen stehe ein Mann mit der alten Bibel, auf der anderen eine

Frau mit Frau Eddys apokalyptischem Anhang, und aus diesen Büchern

werde von dem Mann und von der Frau abwechselnd Vers um Vers vorgelesen.

Ist das grotesk?

Die Wiener Dame erzählte mir noch, in einer Seitenkapelle der Moschee

sei ein Porträt oder ein Standbild der Frau Eddy, und es brenne davor

eine ewige Lampe.

Ist das grotesk?

Wie lange wird es wohl dauern, bis die von der Christlichen

Wissenschaft vor diesem Bilde anbetend knieen werden? Wie lange wird es

wohl dauern, bis sie verkünden daß Frau Eddy ein Heiland wie Christus

und Christi Gleichen sei? Schon spricht die Heerschar ihrer Jünger

ehrfurchtsvoll von ihr als ›Unserer Mutter‹. Wie lange wird’s dauern

bis sie sie auf die Stufen des Thrones stellen -- neben die Jungfrau,

und bald eine Stufe höher. Zuerst heißt es: die Jungfrau Maria und die

Mutter Maria; nachher wird mit dem Vortritt gewechselt und es heißt:

die Mutter Maria und die Jungfrau Maria. Aus Mary Baker G. Eddy wird

Maria -- was kann es einfacheres geben?

Mögen nur die Künstler Leinwand und Pinsel bereit halten: die neue

Renaissance ist im Anzug, und mit Altarbildern wird viel Geld zu

verdienen sein -- tausendmal so viel als die Päpste und ihre Kirche je

den klassischen Meistern zufließen ließen --, denn deren Reichtümer

waren armselig im Vergleich mit den Schätzen, die so ganz allmählich

in die Geldschränke der Eddyschen Päpsterei zusammenströmen. Darüber

wollen wir uns keinen Täuschungen hingeben.

Der ›Boom‹ der Christlichen Wissenschaft ist noch keine fünf Jahre

alt; und doch hat sie in Amerika bereits 500 Kirchen und eine Million

Mitglieder ...

Nun, das ist ein Anfang -- und zwar ein phänomenaler! Dabei schwillt

in der letzten Zeit die Bewegung lawinenartig an. Und sie hat bessere

Aussichten nicht nur auf Ausbreitung, sondern auch auf Dauer, als

irgend ein anderer ›Ismus‹ -- denn sie hat ›_mehr zu bieten_‹. Die

Geschichte lehrt uns, daß eine derartige Bewegung, wenn sie Erfolg

haben soll, keine bloße philosophische, sondern daß sie eine religiöse

sein muß; daß sie ferner keinen Anspruch auf vollkommene Originalität

machen, sondern sich damit begnügen muß, nur als Verbesserung einer

_bereits vorhandenen_ Religion gelten zu wollen; nachher, wenn sie

stark und blühend ist, kann sie selbständig auftreten. Beispiel: Der

Mohammedanismus.

Ferner muß Geld da sein -- und zwar viel Geld.

Ferner muß Macht und Autorität und Kapital ausschließlich in den Händen

einer kleinen und unverantwortlichen Klique vereinigt sein, und kein

Draußenstehender darf an den Maßnahmen herumnörgeln oder unbequeme

Fragen stellen.

Endlich muß die Angel -- wie bereits vorher erwähnt -- mit einem neuen

und leckeren Köder versehen sein, wie ihn andere Religionen nicht

bieten können.

Verfügt eine neue Bewegung über eins oder mehrere von diesen

Erfordernissen -- wie zum Beispiel der Spiritismus -- so kann sie

auf einen bedeutenden Erfolg rechnen; erfüllt sie die wesentlichen

Vorbedingungen -- wie zum Beispiel der Mohammedanismus -- so ist sie

sicher, ihren Eroberungszug über weite Länder ausdehnen zu können.

Der Mormonismus verfügte über alle Erfordernisse außer einem: sein

Köder bot nichts Neues und nichts Wertvolles; außerdem wandte er

sich nur an die Dummen und Unwissenden. Dem Spiritismus fehlte die

sehr wichtige Vereinigung von Geld und Autorität in den Händen einer

unverantwortlichen Klique.

Eine Vereinigung der oben genannten Erfordernisse ist etwas

Ausgezeichnetes, Bewundernswertes, Gewaltiges; aber es ist noch nicht

die Vollkommenheit. Es fehlt noch eins, das ebensoviel und mehr

wert ist als andere zusammengenommen: _eine neue Persönlichkeit zum

Anbeten_. Das Christentum hatte den Heiland, aber im Anfang und noch

auf Generationen hinaus fehlte ihm Geld und konzentrierte Macht. In

Frau Eddy besitzt die Christliche Wissenschaft die neue Persönlichkeit

zum Anbeten; außerdem aber hat sie -- schon jetzt in den ersten

Anfängen -- einen tadellos wirkenden Apparat zur Ausbreitung ihrer

Lehre. Die mohammedanische Religion hatte anfangs kein Geld; und sie

hat ihren Anhängern niemals anderes zu bieten gehabt als den Himmel --

hienieden gewährt sie nichts von Wert. Die Christliche Wissenschaft

verheißt ebenfalls den Himmel nach dem Tode, außerdem aber bietet

sie -- gegen Barzahlung -- hier auf Erden _Gesundheit und fröhliches

Gemüt_, und im Vergleich mit diesem Köder sind alle anderen Köder

unserer Erdenwelt armselig und jämmerlich.

Reich und arm, hoch und niedrig, der Gebildete und der Unwissende, der

Kluge und der Dumme, der Bescheidene und der Eitle, der Weise und

der Narr, der Krieger und der Bürger, der Held und der Feigling, der

Faulenzer und der Arbeiter, der Fromme und der Gottlose, der Freie und

der Knecht, der Erwachsene und das Kind, der Kranke und der Gesunde,

der kranke Freunde hat -- sie alle folgen dem Ruf. Mit einem Wort: ihre

Gefolgschaft ist die Menschheit.

Wird die Christliche Wissenschaft sich ausbreiten?

Ich fürchte, ja!

V.

Man vergesse ja nicht -- das große Hauptversprechen der Christlichen

Wissenschaft lautet: Befreiung des Menschengeschlechts von Schmerz

und Krankheit. Kann sie das? In weitem Umfange: ja! Wie viele von

den Schmerzen und Krankheiten, die es auf der Welt gibt, werden

durch die Einbildung der Leidenden hervorgerufen und bestehen durch

dieselbe Einbildung weiter! Vier Fünftel? Ich glaube, viel wird

nicht daran fehlen. Kann die Christliche Wissenschaft diese vier

Fünftel verschwinden machen? Ich glaube, ja. Kann irgend eine andere

(organisierte) Kraft dies? Mir ist keine bekannt. Würde unsere Welt

nicht eine ganz neue Welt und eine viel fröhlichere sein -- nicht

nur für uns Gesunde, sondern auch für die Siechen und ächzenden

Jammergestalten? Würde es uns nicht vorkommen, als hätte die Sonne

niemals so hell geschienen? Ich glaube, ja!

Dabei würden aber wohl die Doktoren der Christlichen Wissenschaft

eine tüchtige Menge Patienten ins Grab bringen? Ich glaube, ja. Mehr

Patienten, als bei den jetzigen wissenschaftlich anerkannten Methoden

dran glauben müssen? Dieser Frage werde ich mich sogleich zuwenden.

Zuvörderst aber möchte ich mich mit einigen Leistungen der Christlichen

Wissenschaft beschäftigen, die in ihrer Zeitschrift ›~The Christian

Science Journal~‹ vom Oktober 1898 mitgeteilt werden. Zunächst gibt

uns ein baptistischer Geistlicher folgende getreue Schilderung ›eines

rechtgläubigen Durchschnittsmenschen‹ -- und er hätte hinzufügen

können, es sei eine getreue Schilderung eines (zivilisierten)

Durchschnittsmenschen.

»Er ist ein nervöser, aufgeregter, ängstlicher Mann; er hat Angst vor

sich selber und seinen sündhaften Lüsten, er hat Angst vor Erkältung

und Fieber, er hat Angst, er könnte auf eine Schlange treten oder

irgend was Giftiges hinunterschlucken.«

Dann kommt das Gegenstück dazu:

»Der Anhänger der Christlichen Wissenschaft hat alle Angst und

Aufregung unter die Füße getreten. Er steht da als Sieger über Furcht

und Sorge -- und das kann man von dem Durchschnittschristen nicht

sagen!«

_Er hat alle Angst und Aufregung unter die Füße getreten._ Welchen

Teil unseres Verdienstes oder Einkommens würden wir wohl mit Freuden

hergeben, wenn wir _jahraus, jahrein_ in solcher Gemütsverfassung

lebten? Es wäre in der Tat kein Preis zu hoch dafür! Wo kann sie sich

ein Mensch, und wäre er der reichste, kaufen? In welchem Laden oder in

welcher Kirche? Nur bei der Christlichen Wissenschaft.

Nun ist es aber gerade die fortwährende Angst vor Erkältung und

Fieber und Zugluft und schwer verdaulichen Speisen, die uns den Magen

verderben könnten -- gerade diese Angst, sage ich, ist es, die uns den

Schnupfen und das Fieber und das Magendrücken und die meisten anderen

Krankheiten in den Körper bringt. Und wenn die Christliche Wissenschaft

diese Angst beseitigen kann, so glaube ich, sie kann damit vier Fünftel

aller Krankheiten und Schmerzen aus der Welt bringen.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 6 / 14 段