»Sie sollten niemals davon sprechen, wie Sie sich fühlen, und sollten

auch anderen nicht erlauben, eine derartige Frage an Sie zu richten;

Sie sollten niemals zugeben, daß Sie krank sind und sollten auch andere

Leute nicht in Ihrer Gegenwart von Krankheit oder Tod oder derartigen

Nichtwirklichkeiten sprechen lassen. Solcherlei Gerede ermutigt nur die

Seele, sich noch weiterhin ihren inhaltlosen Einbildungen hinzugeben.«

Gerade in diesem Augenblick trat das Stubenmädchen der Katze auf den

Schwanz, und das Tier schrie in wahnsinnigem Schmerz auf, wie es eben

eine Katze tut, die nichts von höheren Dingen versteht. Ich fragte mit

möglichst unschuldigem Gesicht:

»Ist die Meinung, die eine Katze über Schmerzen hat, von irgend welchem

Wert?«

»Eine Katze hat keine Meinung; Meinungen kommen nur aus der Seele; die

niederen Tiere, die in alle Ewigkeit der Vergänglichkeit geweiht sind,

haben keine Seele erhalten; ohne Seele aber ist eine Meinung unmöglich.«

»Das ist eigentümlich und interessant. Ich möchte wohl wissen, was

eigentlich mit der Katze los war. Denn da es wirklichen Schmerz nicht

gibt, und da die Katze nicht im stande ist, sich einen nur in der

Einbildung vorhandenen Schmerz vorzustellen, so hat allem Anscheine

nach Gott in seinem Erbarmen die Katze zum Ausgleich mit irgend einer

geheimnisvollen Gemütsbewegung ausgerüstet, die sich in dem Augenblick

bemerkbar macht, wo das Tier auf den Schwanz getreten wird. In dieser

Gemütsbewegung stimmen dann Katze und Christenmensch gewissermaßen

überein, indem ...«

Aber sie fiel mir ärgerlich ins Wort. »Genug davon! Die Katze fühlt

nichts, der Christenmensch fühlt nichts. Ihre eitlen und törichten

Vorstellungen sind ruchlose Gotteslästerung, die Ihnen schlecht

bekommen könnte. Es ist klüger und besser und frömmer, wenn Sie

anerkennen und offen zugeben, daß Krankheit oder Schmerz oder Tod nicht

existieren.«

»Ich bin voll von eingebildeten qualvollen Schmerzen,« antwortete ich,

»aber mir könnte nicht elender zumute sein, wenn es wirkliche Schmerzen

wären. Was muß ich tun, um sie los zu werden?«

»Es handelt sich nicht darum, sie loszuwerden; denn sie existieren ja

gar nicht. Es sind nur Sinnestäuschungen, die durch die Materie weiter

verbreitet werden, und Materie existiert nicht. Es gibt gar keine

Materie.«

»Das klingt ganz richtig und klar, trotzdem aber doch außerordentlich

unbestimmt; es schlüpft einem durch die Finger, wenn man gerade eben

denkt, man halte es gepackt.«

»Wieso?«

»Na, zum Beispiel: wenn Materie gar nicht existiert, wie kann Materie

was weiterverbreiten?«

In ihrem Mitleid lächelte sie beinahe. Sie würde sogar wirklich

gelächelt haben, wenn es so was wie Lächeln überhaupt gäbe.

»Es ist ganz einfach,« sagte sie; »die Grundlehren der Christlichen

Wissenschaft beweisen es, und diese sind in den folgenden vier keines

Beweises bedürftigen Lehrsätzen zusammengefaßt:

1. Gott ist alles in allem.

2. Gott ist gut. Gott ist Seele.

3. Gott, Geist ist alles, also nichts ist Materie.

4. Leben, Gott, allmächtiger Guter: unmöglich Tod, Uebel,

Sünde, Krankheit.

»Da -- da haben Sie’s!«

Mir kam es etwas nebelhaft vor; es schien mir mit der von mir

aufgeworfenen Schwierigkeit, nämlich wie nicht vorhandene Materie

Wahnvorstellungen weiter verbreiten kann, nicht das allergeringste zu

tun zu haben. Ich sagte daher etwas zögernd:

»Be ... beweist das wirklich etwas?«

»Na, etwa nicht? Es stimmt ja sogar, wenn’s rückwärts gelesen wird!«

Mit neu aufkeimender Hoffnung bat ich sie darum.

»Sehr gern: Krankheit Sünde Uebel Tod unmöglich Gott allmächtiger Guter

Leben Materie ist nichts also alles ist Geist Gott Seele ist Gott Gut

ist Gott alles in allem ist Gott. So -- verstehen Sie’s jetzt?«

»Es ... es ... hm, es ist klarer als vorher; indessen ...«

»Na?«

»Könnten Sie es vielleicht noch auf andere Arten versuchen?«

»Auf so viele Arten, wie Sie nur wünschen: die Bedeutung bleibt immer

dieselbe. Sagen Sie die Worte kreuz oder quer wie Sie wünschen: es

kann niemals eine andere Bedeutung ergeben. Weil es nämlich vollkommen

ist! Machen Sie einen Kuddelmuddel daraus: ganz einerlei -- es

kommt immer dasselbe heraus, wie es beim ersten Mal da war. Nur aus

einem wunderbaren Geist konnten diese Lehrsätze hervorgehen. Als

eine geistige Kraftleistung haben sie nicht ihresgleichen; sie sind

gleichzeitig einfach, faßbar und unergründlich tief.«

»Ja, ich fühle mich ganz brägenklüterig davon.«

»Wie fühlen Sie sich?«

»Ich meine -- die Leitsätze sind ein wunderbares Gewebe -- eine

Zusammenstellung, sozusagen, von tiefem Gedanken -- von unausdenkbaren

Gedanken -- von ...«

»Das stimmt. Lesen Sie sie rückwärts oder vorwärts oder senkrecht oder

in irgend einer Diagonale -- stets werden Sie finden, daß unsere vier

Leitsätze in Behauptung und Beweis zusammenstimmen.«

»Ah -- Beweis! Nun kommen wir dazu! Die Behauptungen stimmen; sie

stimmen zu ... zu ... na, jedenfalls _stimmen_ sie; das habe ich

gemerkt. Aber was beweisen sie denn nun eigentlich -- ich meine: im

Besonderen?«

»I, mein Gott, es kann ja nichts Klareres geben! Sie beweisen:

»1. Gott -- Grundsatz, Leben, Wahrheit, Liebe, Seele, Geist, Vernunft.

Begreifen Sie das?«

»Ich -- hm, ja, es kommt mir so vor. Bitte, weiter!«

»2. Mensch -- Gottes Weltidee, individuell, vollkommen, ewig. Ist das

klar?«

»Es -- ich glaube, ja. Fahren Sie fort.«

»3. Idee -- eine geistige Vorstellung. Der unmittelbare Gegenstand des

Erkennens. Da haben Sie’s -- das ganze erhabene Geheimnis Christlicher

Wissenschaft in einer Nuß. Finden Sie irgendwo eine schwache Stelle

daran?«

»Hm -- nein; es sieht stark aus.«

»Ganz recht. Aber noch weiter: diese drei Begriffe bilden die

Wissenschaftliche Definition der unsterblichen Seele. Dann haben wir

zunächst noch die Wissenschaftliche Definition der menschlichen Seele.

Nämlich so: _Erster Grad_: Entartung: 1. Physisch: Leidenschaften und

Begierden, Furcht, verkümmerter Wille, Stolz, Neid, Vorstellung, Haß,

Rachsucht, Sünde, Krankheit, Tod.«

»Phantasmen, meine Gnädige, Unwirklichkeiten, wenn ich Sie recht

verstehe!«

»Ja, alle ohne Ausnahme! _Zweiter Grad_: Das Uebel auf dem Abzuge.

1. Moralisch; Ehrenhaftigkeit, Zuneigung, Mitleid, Hoffnung, Glaube,

Sanftmut, Enthaltsamkeit. Ist das klar?«

»Wie Kristall!«

»_Dritter Grad_: Geistige Erlösung. 1. Geistig: Glaube, Weisheit,

Kraft, Reinheit, Erkenntnis, Gesundheit, Liebe. Sie sehen, wie

fein ausgeklügelt, wie koordiniert, von einander abhängend, wie

anthropomorph das alles ist. In diesem dritten Stadium -- das

wissen wir durch die Offenbarungen der Christlichen Wissenschaft --

verschwindet die menschliche, nicht unsterbliche Seele.«

»Nicht früher?«

»Nein, nicht eher, als bis die Unterweisung und die Vorbereitung auf

die dritte Stufe vollendet ist.«

»Also erst auf dieser Stufe ist der Mensch im stande, sich die

Christliche Wissenschaft in wirksamer Weise und mit richtigem

Verständnis für die Seelenverwandtschaft zu eigen zu machen, wenn ich

Sie recht verstehe. Das heißt also: während der im zweiten Stadium sich

vollziehenden Vorgänge ließe sich ein solcher Erfolg nicht erreichen,

weil da noch einige Reste von gemeiner Vernunft[2] vorhanden sein

würden; und deshalb -- aber ich habe Sie unterbrochen. Sie wollten

des näheren auf die guten Ergebnisse eingehen, die bei der scharfen

Seelenbearbeitung des dritten Grades bemerkbar werden. Es ist sehr

interessant; fahren Sie, bitte, fort!«

[2] In der Uebersetzung läßt sich Mark Twains boshaftes

Jonglieren mit den Phrasen der ›Christlichen Wissenschaft‹

nicht in allen Feinheiten wiedergeben. So hat z. B.

das Wort ~mind~ die Bedeutungen: Gemüt, Sinn, Seele,

Absicht, Wille, Geist, Verstand und noch viele andere. Der

Uebersetzer hat es für richtig gehalten, in der Wiedergabe

auf den Gleichklang der Worte zu verzichten und dafür, wo

es nur irgend anging, die spöttische Absicht des Humoristen

erkennbar werden zu lassen.

»Ja, wie ich eben sagte, in diesem dritten Stadium verschwindet die

menschliche, nicht unsterbliche Seele. Unsere Wissenschaft stellt

das, was den körperlichen, menschlichen Sinnen für Augenschein gilt,

vollständig auf den Kopf, und wir erkennen in unseren Herzen die

Wahrheit des Bibelwortes: ›Die Letzten sollen die Ersten sein, und die

Ersten sollen die Letzten sein.‹ Von nun an kann Gott und sein Begriff

für uns allumfassend sein -- worin ja eben Göttlichkeit besteht und,

ihrem Wesen nach, notwendigerweise bestehen muß.«

»Prachtvoll! Mit welch erschöpfender Genauigkeit bekräftigen Ihre

so sorgfältig gewählten Worte den unumstößlichen Beweis von der

machtvollen Wirkung des dritten Grades! Der zweite Grad könnte

wahrscheinlich nur eine zeitlich beschränkte Geistesabwesenheit

hervorrufen, dem dritten ist es vorbehalten, sie zu einer dauernden

zu machen. Ein Lehrsatz der in der Atmosphäre des zweiten Stadiums

gemodelt wäre, könnte noch eine gewisse Bedeutung an sich haben -- ich

meine, er könnte trügerischer Weise den Anschein erwecken, daß mit ihm

ein bestimmter Begriff zu verbinden wäre -- und nur unter dem magischen

Einfluß des dritten Grades kann dieser Mangel verschwinden. Es ist

daher ohne Zweifel der dritte Grad, dem die Christliche Wissenschaft

eine weitere, sehr bemerkenswerte Eigenschaft verdankt: nämlich

leichtes Gleiten klingenden Wortschwalls und Rhythmus und Schwung und

Glätte! Dies muß doch wohl auf einer ganz besonderen Ursache beruhen?«

»Ja -- Gott-All, All-Gott, Guter Gott, Nichtmaterie, Materialisation,

Geist, Knochen, Wahrheit.«

»Das erklärt die Sache!«

»Nichts gibt es in der Christlichen Wissenschaft, was unerklärlich

wäre; denn Gott ist Eins, Zeit ist Eins, Individualität ist Eins; diese

letztere aber kann Eins in einer Serie sein, Eins unter Vielen, wie

zum Beispiel ein individueller Mensch, ein individuelles Pferd. Gott

dagegen ist Eins -- nicht Eins in einer Serie, sondern Eins für sich

allein und ohne seinesgleichen.«

»Das sind edle Gedanken! Sie erwecken in einem den brennenden Wunsch,

mehr zu erfahren. Wie erklärt die Christliche Wissenschaft die

geistige Beziehung zwischen systematischer Dualität und accidentieller

Deflektion?«

»Die Christliche Wissenschaft kehrt die scheinbaren Beziehungen

zwischen Seele und Körper völlig um -- sie macht den Körper der Seele

tributpflichtig. In gleicher Weise hat die Astronomie die menschlichen

Vorstellungen von der Bewegung des Sonnensystems umgekehrt. Die Erde

bewegt sich, die Sonne dagegen steht still -- obwohl der Mensch,

wenn er die Sonne aufgehen sieht, unwillkürlich denkt, es sei doch

unmöglich, daß die Sonne sich nicht bewege. So ist auch der Leib nur

der niedrige Diener der unbewegten Seele, obwohl es den beschränkten

Sinnen anders erscheint. Aber dies werden wir niemals begreifen, so

lange wir glauben, daß die Seele sich im Körper befinde, oder daß die

Materie belebt sei und daß im Unbegreiflichen der Mensch Ereignis

werde. Seele ist Gott, unveränderlich und ewig; und der Mensch

existiert neben der Seele und bietet ein Spiegelbild von ihr: denn das

Alles-in-Allem bedeutet das Allzusammen und das Allzusammen umfaßt das

All-Eins, Seelengeist, Geistseele, Liebe, Geist, Knochen, Leber -- Eins

von einer Serie, allein und ohnegleichen.«

Es ist sehr eigentümlich, zu beobachten, wie bei der Christlichen

Wissenschaft die Worte hervorschießen. Besonders im dritten Stadium;

da prasselt’s, daß man an Cholera denken möchte. Aber diesen Gedanken

behielt ich für mich.

»Welchen Ursprung hat die Christliche Wissenschaft? Ist sie ein

Geschenk Gottes, oder kam sie nur zufällig zum Vorschein?«

»Gewissermaßen ist sie ein Geschenk Gottes. Das will sagen: ihre

wirkungsvollen Eigenschaften stammen von ihm; der Ruhm dagegen, diese

Eigenschaften und ihre Verwendbarkeit entdeckt zu haben -- dieser Ruhm

gebührt einer Amerikanerin.«

»Ah! Wann fand denn das Ereignis statt?«

»Im Jahre 1866. Ja, das ist das ewig denkwürdige Jahr, in welchem

Schmerz und Krankheit und Tod auf Nimmerwiederkehr von der Erde

verschwanden. Das heißt: es verschwanden die Einbildungen, die man

mit diesen Ausdrücken bezeichnet. Die Dinge selber hatten überhaupt

niemals existiert; man brauchte daher nur zu bemerken, daß es solche

Dinge nicht gäbe, um auch die Einbildungen schnell los zu werden. Die

Geschichte und Natur der großen Entdeckung sind in diesem Buch hier

niedergelegt und ...«

»Schrieb die Dame das Buch?«

»Ja, sie schrieb es von Anfang bis zu Ende, eigenhändig. Der Titel

lautet:

_Wissenschaft und Gesundheit

mit Schlüssel zur Heiligen Schrift_

-- denn sie erklärt die Bibel, die zuvor kein Mensch begriffen hat.

Nicht mal die zwölf Apostel. Sie beginnt folgendermaßen -- ich will’s

Ihnen vorlesen.«

Aber sie hatte ihre Brille vergessen.

»Nun, das macht nichts,« sagte sie; »ich habe die Worte im Gedächtnis

-- wie überhaupt alle in die Christliche Wissenschaft Eingeweihten

das Buch auswendig können; das ist sogar für unsere Praxis unbedingt

notwendig. Sonst könnten wir Versehen machen und Schaden anrichten.

Sie beginnt also: ›Im Jahre 1866 entdeckte ich die Wissenschaft der

metaphysischen Heilung und nannte sie Christliche Wissenschaft.‹

»Und sie sagt weiter -- meiner Meinung nach sind das herrliche Worte:

›Durch die Christliche Wissenschaft ist der Religion und der Medizin

eine göttlichere Natur, ein lebendiger Geist eingehaucht; Glaube und

Erkenntnis erhalten neue Schwingen, vereinigen sich verständnisvoll mit

Gott.‹ Das sind ihre eigenen Worte.«

»Sie sind elegant. Und auch der Gedanke ist schön -- Medizin mit

Religion zu vermählen statt nach der alten Mode mit dem Totengräber.

Denn Religion und Medizin gehören so recht eigentlich zusammen, sie

bilden ja die Grundlage aller geistigen und körperlichen Gesundheit ...

Was für Medizin geben Sie für die gewöhnlichen Krankheiten, wie zum

Beispiel ...«

»Wir geben überhaupt niemals und unter keinen Umständen Medizin.

Wir ...«

»Aber, meine Gnädige, es lautet doch ...«

»Wie es lautet, ist mir völlig einerlei, und ich wünsche nicht darüber

zu sprechen.«

»Es tut mir leid, wenn ich Ihnen zu nahe getreten bin; aber es schien

doch in dem Angeführten eine gewisse Inkonsequenz zu liegen, und ...«

»Es gibt keine Inkonsequenzen in der Christlichen Wissenschaft.

Das ist ganz ausgeschlossen, denn unsere Wissenschaft ist absolut.

Anders kann es auch gar nicht sein, denn sie stammt unmittelbar von

dem Alles-in-Allem und dem Allzusammen: Seele, Knochen, Glaube, Eins

in einer Serie, allein und ohnegleichen. Unsere Wissenschaft ist

Mathematik, die von materiellen Schlacken gereinigt und vergeistigt

ist.«

»Das sehe ich wohl, aber ...«

»Sie beruht auf der unverrückbaren Grundlage eines apodiktischen

Prinzips.«

Dieses Wort wollte nicht in mein Gehirn hinein, und ich kam dadurch

ein bißchen in Verwirrung; doch bevor ich mich nach der Bedeutung

erkundigen konnte, verbreitete sie schon das nötige Licht über die

Dunkelheit, indem sie fortfuhr:

»Dieses apodiktische Prinzip ist das absolute Prinzip unserer

Wissenschaftlichen Geistesheilkunst, die unumschränkte Omnipotenz, die

uns Menschenkinder von Schmerz, Krankheit, Kräfteverfall befreit und

überhaupt von jedem Uebel, das des Fleisches Erbteil ist.«

»Aber doch gewiß nicht von jeder Krankheit, von jedem Kräfteverfall?«

»Von allem und jedem! Ausnahmen gibt’s nicht; Kräfteverfall existiert

nicht; dieser Begriff ist eine Unwirklichkeit.«

»Aber wenn Sie Ihre Brille nicht bei sich haben, können Sie mit Ihrer

geschwächten Sehkraft nicht ...«

»Meine Sehkraft kann nicht geschwächt sein; keine einzige unserer

Fähigkeiten kann schwächer werden; die Seele ist Meister, und die Seele

kennt keinen Rückschritt!«

Sie stand unter dem begeisternden Einfluß des dritten Stadiums; es

konnte daher keinen Zweck haben, die Unterhaltung in dieser Richtung

fortzusetzen. Ich verließ also dieses Gebiet und wandte mich mit meinen

Fragen wieder der Entdeckerin der Christlichen Wissenschaft zu:

»Kam die Entdeckung plötzlich, wie Klondike, oder war sie das Ergebnis

einer langen sorgfältigen Berechnung, wie Amerika?«

»Ihre Vergleiche sind nicht respektvoll, denn sie ziehen nichtige

Dinge heran, aber darüber wollen wir hinweg sehen. Ich will Ihnen mit

der Entdeckerin eigenen Worten antworten: ›Gott hat mich gnädiglich

viele Jahre lang vorbereitet, die Offenbarung des absoluten Prinzips

Wissenschaftlicher Geistesheilkunst zu empfangen.‹«

»Viele Jahre lang. Wie viele?«

»Achtzehnhundert.«

»All-Gott, Gott-All, Wahrheit, Knochen, Leber, Eins in einer Serie,

allein und ohnegleichen -- das ist erstaunlich!«

»Ja, das mögen Sie wohl sagen, mein Herr. Aber es ist nichts als die

reine Wahrheit. Diese amerikanische Dame, unsere verehrte und heilige

Religionsgründerin, ist klar und deutlich bezeichnet und angekündigt im

zwölften Kapitel der Offenbarung Johannis. Sankt Johannes hätte sie gar

nicht deutlicher beschreiben können, selbst wenn er ihren Namen genannt

hätte.«

»Wie seltsam, wie wunderbar!«

»Ich will aus dem ›Schlüssel zur Heiligen Schrift‹ ihre eigenen Worte

anführen: ›Das zwölfte Kapitel der Offenbarung enthält eine ganz

besondere Hindeutung auf unser neunzehntes Jahrhundert.‹ Beachten Sie

ja diese wichtigen Worte!«

»Ja ... aber ... was bedeuten sie?«

»Hören Sie zu -- und Sie werden den Sinn verstehen! Ich zitiere

abermals die ihr von Gott eingegebenen Worte: ›Bei der Eröffnung des

sechsten Siegels‹ -- ein Sinnbild für das sechste Jahrtausend, das

seit Adams Tagen verflossen -- findet sich eine ganz eigentümliche

Einzelheit, die in besonderem Maße auf unser gegenwärtiges Zeitalter zu

beziehen ist. Nämlich:

»›Offenbarung XII, 1. Und es erschien ein groß Zeichen am Himmel, ein

Weib mit der Sonne bekleidet, und der Mond unter ihren Füßen, und auf

ihrem Haupt eine Krone mit zwölf Sternen.‹

»Das ist unser Oberhaupt, unsere Entdeckerin der Christlichen

Wissenschaft -- nichts kann einfacher und gewissenhafter sein! Und

bemerken Sie ferner:

»›Offenbarung XII, 6. Und das Weib entfloh in die Wüste, da sie hatte

einen Ort bereitet von Gott.‹ -- Das ist Boston.«

»Ich erkenn’ es, gnädige Frau. Dies sind erhabene Dinge, die einen

tiefen Eindruck machen. Ich habe diese Bibelstellen früher niemals

richtig verstanden; bitte, fahren Sie fort mit den ... mit den ...

Beweisen.«

»Sehr gern. Hören Sie:

»›Offenbarung X, 1, 2. Und ich sahe einen anderen starken Engel vom

Himmel herab kommen, der war mit einer Wolke bekleidet, und ein

Regenbogen auf seinem Haupte, und sein Antlitz wie die Sonne, und seine

Füße wie die Feuerpfeiler.

»›Und er hatte in seiner Hand _ein Büchlein_ aufgetan ...‹

»Ein Büchlein, ganz einfach ein Büchlein --, können Worte sich

bescheidener ausdrücken? Und doch von welch überwältigender Bedeutung

ist diese Stelle! Wissen Sie, was für ein Buch das war? Ich hab’ es

hier in meiner Hand -- die ›Christliche Wissenschaft.‹«

»Liebe, Lebern, Licht, Knochen, Wahrheit, Nieren, Eins von ’ner Serie,

allein und ohnegleichen -- es ist ein Wunder, das alle menschliche

Einbildungskraft übersteigt!«

»Hören Sie unserer Gründerin beredte Worte: ›Dann wird eine Stimme

aus der Himmelsharmonie rufen: -- Gehe hin und nimm das Büchlein;

nimm’s und iß es; es wird deinen Magen bitter machen, in deinem Munde

aber wird es sein wie Honig. -- Sterblicher, gehorche der himmlischen

Botschaft. Nimm das Buch von der göttlichen Wissenschaft. Lies es von

Anfang bis zum Ende. Studiere es mit heißem Bemühen! Ja, der erste

Geschmack wird dir süß vorkommen, wenn du Heilung darin findest; aber

murre nicht gegen die Wahrheit, wenn du die Verdauung bitter findest!‹

Sie kennen jetzt, mein Herr, diese Geschichte unserer geliebten

und geheimen Wissenschaft; Sie wissen nun, daß nicht ihr Ursprung,

sondern nur ihre Entdeckung von dieser Welt ist. Ich will Ihnen das

Buch hier lassen und will jetzt gehen, aber machen Sie sich darum

keine Sorgen -- ich werde Ihnen von jetzt bis zum Schlafengehen die

Abwesenheitsbehandlung verabfolgen.«

III.

Unter dem machtvollen Einfluß der Nah- und der Fernbehandlung begannen

meine Knochen sich allmählich wieder nach innen zu ziehen und von der

Oberfläche zu verschwinden. Nachdem die Sache erst mal ordentlich in

Schuß gekommen war, ging es sogar sehr schnell. Mein Körper reckte und

streckte sich emsiglich, bald nach der einen, bald nach der anderen

Seite, je nachdem, wie’s gerade der Heilungsprozeß erforderte, und alle

paar Minuten hörte ich inwendig einen dumpfen Knax; dann wußte ich, daß

wieder die zwei Enden einer Bruchstelle sich glücklich zusammengefunden

hatten. Dieses gedämpfte Knaxen und Reiben und Schieben dauerte

ununterbrochen die nächsten drei Stunden hindurch; dann hörte es auf --

alles hatte sich wieder zurechtgeschoben. Das heißt: die Verrenkungen

blieben noch; indessen diese waren nur sieben an der Zahl, nämlich in

je zwei Hüft-, Schulter- und Kniegelenken und außerdem noch im Genick.

Diese kleinen Schäden waren also bald behoben; eins nach dem anderen

glitten die Glieder in ihre richtige Lage hinein; das gab jedesmal

einen Ton, wie wenn in der Ferne ein Pfropfen ausgezogen wird. Dann

sprang ich auf; mein Knochengestell war wieder so gut wie neu, und ich

ließ den Pferdedoktor holen.

Hierzu war ich genötigt, weil ich Magendrücken und schweres Kopfweh

hatte; ich wollte aber diese Sachen nicht länger in den Händen einer

mir unbekannten Frauensperson lassen, zu deren Fähigkeiten in Bezug auf

die Behandlung gewöhnlicher Krankheiten ich jedes Vertrauen verloren

hatte. Und das mit Recht; denn sie hatte ja den Kopfschmerz und das

Leibschneiden von Anfang an gleichzeitig mit den Knochenbrüchen

in ihre Behandlung genommen, und es hatte sich nicht ein bißchen

damit gebessert. Das Leibschneiden wurde sogar immer heftiger,

wahrscheinlich, weil ich so lange Zeit gar nichts gegessen und

getrunken hatte.

Der Pferdedoktor kam; ein netter Mann, der seinen Beruf ernst nahm

und ein hoffnungsvolles Interesse für meinen Fall bezeigte. Er roch

sehr aromatisch, man merkte ihm den Umgang mit Pferden an, und ich

versuchte daher, ihn zu einer Fernbehandlung zu bereden; indessen

darauf war er nicht eingerichtet, und so bestand ich aus Zartgefühl

nicht weiter darauf. Er besah sich meine Zähne und befühlte meine

Knieflechsen und sagte, mein Alter und Allgemeinbefinden wären einer

tatkräftigen Behandlung günstig; er wollte mir daher etwas eingeben,

um aus dem Magendrücken eine Kolik und aus dem Kopfweh die Drehsucht

zu machen; dann wäre er auf seinem heimischen Gebiet und wüßte, was

er zu tun hätte. Er machte einen Eimer voll Kleienmengfutter zurecht

und sagte, davon sollte ich alle zwei Stunden eine Schöpfkelle voll

und abwechselnd damit ein gleiches Quantum von einer Pferdemedizin

einnehmen, als deren Hauptbestandteile ich Terpentin und Wagenschmiere

erkannte; er sagte, diese beiden Mittel zusammen würden mir binnen

vierundzwanzig Stunden jedes Unwohlsein aus dem Körper treiben oder

mich in anderer Weise dermaßen interessieren, daß ich darüber die

augenblicklich vorhandenen Leiden vergessen würde. Die erste Dosis

verabreichte er mir selber und empfahl sich dann, indem er noch sagte,

ich könnte essen und trinken, was ich möchte, und so viel ich möchte.

Aber ich war nicht im geringsten mehr hungrig, und machte mir nichts

aus dem Essen.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 5 / 14 段