Während nun die andern Siebzehn fortfuhren, zu bitten und zu drohen,

benutzte Harkneß die günstige Gelegenheit, welche sich ihm bot. Er und

Pinkerton waren die reichsten Männer der Stadt und Gegenkandidaten bei

der Abgeordnetenwahl, um die ein heißer Kampf zwischen ihnen entbrannt

war. Im Repräsentantenhaus verhandelte man gerade über den Bau einer

neuen Eisenbahn; beide Männer besaßen große Strecken Landes und jeder

hoffte, es bei der Regierung dahin zu bringen, daß die Bahn durch sein

Besitztum geleitet würde, was ihm ein Vermögen einbringen mußte. Eine

einzige Stimme konnte dabei vielleicht den Ausschlag geben. Vor einer

gewagten Spekulation zurückzuschrecken, war Harkneß’ Sache nicht, und

hier galt es ein hohes Spiel. Der Fremde saß in seiner Nähe und die

Unruhe im Saal war groß. Rasch beugte sich Harkneß vor und sagte:

»Wieviel verlangen Sie für den Sack?«

»Vierzigtausend Dollars.«

»Ich biete Ihnen zwanzigtausend.«

»Nein.«

»Fünfundzwanzig.«

»Nein.«

»Was sagen Sie zu dreißig?«

»Ich fordere vierzigtausend Dollars und keinen Pfennig weniger.«

»Sehr wohl; ich will den Preis zahlen. Morgen früh um zehn Uhr komme

ich zu Ihnen ins Hotel; doch möchte ich nicht, daß es bekannt würde;

ich wünsche Sie allein zu sprechen.«

Der Fremde war damit einverstanden; dann erhob er sich, um sich bei

der Versammlung zu verabschieden; er dankte den Anwesenden nochmals

für die Gewährung seiner Bitte, ersuchte den Vorsitzenden, ihm den

Sack bis morgen aufzuheben und Herrn Reichard einstweilen drei

Fünfhundertdollarscheine einzuhändigen. Nachdem Burgeß dieselben in

Empfang genommen, fuhr der Fremde fort: »Morgen früh um neun will ich

den Sack abholen und um elf Uhr Herrn Reichard den Rest der zehntausend

Dollars persönlich in seinem Hause übergeben. Gute Nacht!«

Er entfernte sich rasch aus dem Saal, wo der Lärm jetzt von

neuem anhob: Hurrarufe, Zischen, Beifallklatschen, Hundegebell,

und dazwischen der Chorgesang: »Ihr seid noch la-a-nge kein

schle-e-ech-ter Mensch --« erschallten in wildem Durcheinander.

IV.

Zu Hause angekommen mußte das Ehepaar Reichard noch bis Mitternacht

fortwährend Glückwünsche und Lobsprüche über sich ergehen lassen. Als

sie endlich allein waren, saßen sie mit betrübten Mienen stumm und

traurig da, bis Mary zuletzt tief aufseufzte:

»Glaubst du, Eduard, daß wir sehr, sehr unrecht gethan haben?« fragte

sie und schaute nach den Beweisen ihrer Schuld, den drei großen

Kassenscheinen, welche die Leute vorhin mit so verlangenden Blicken

betrachtet und kaum anzurühren gewagt hatten. Eduard schwieg eine

Weile, dann kam ein Seufzer auch aus seiner Brust.

»Wir -- wir konnten nichts dafür, Mary -- es war eine Fügung des

Himmels -- wie alles in dieser Welt,« erwiderte er zögernd.

Mary sah ihn mit großen Augen an, aber er senkte den Blick.

»Ich war der Meinung,« sagte sie, »daß Lob und Anerkennung der

Menschen immer Freude machten -- aber jetzt scheint mir -- höre,

Eduard?«

»Was denn?«

»Wirst du deine Stelle bei der Bank behalten?«

»N -- nein.«

»Was willst du thun?«

»Morgen früh meinen Abschied schriftlich einreichen.«

»Das wird wohl am besten sein.«

Reichard starrte unverwandt vor sich hin. »Bisher hatte ich keine

Furcht, wenn mir auch das Geld anderer Leute stromweise durch die Hände

floß,« murmelte er. »O Mary, ich bin müde zum Umfallen.«

»Laß uns zu Bette gehen.«

* * * * *

Am andern Morgen um neun Uhr holte der Fremde den Sack ab und fuhr

damit in einer Droschke nach dem Hotel. Dort hatte Harkneß um zehn ein

Privatgespräch mit ihm. Der Fremde ließ sich fünf Wechsel -- zahlbar

an den Ueberbringer -- auf eine New Yorker Bank ausstellen, einen zu

vierunddreißigtausend Dollars und vier zu fünfzehnhundert Dollars. Von

letzteren steckte er einen in sein Taschenbuch, alle übrigen legte

er in ein Couvert und schrieb ein Briefchen dazu, nachdem Harkneß

fort war. Um elf Uhr klingelte er am Reichard’schen Hause; Mary guckte

erst durch den Fensterladen, dann nahm sie an der Thür das Couvert in

Empfang, welches ihr der Fremde einhändigte, ohne ein Wort zu sagen. In

großer Erregung kehrte sie ins Zimmer zurück.

»Schon gestern abend kam es mir vor, als müßte ich ihn früher irgendwo

gesehen haben; aber jetzt habe ich ihn wiedererkannt.«

»Es ist wohl der Mann, der den Sack gebracht hat?«

»Ja, ich möchte darauf schwören.«

»Dann ist er auch der angebliche Stephenson, der die Bürger mit seinem

erfundenen Geheimnis zum Narren gehalten hat. Wenn er uns nun Wechsel

statt Geld bringt, sind wir noch einmal angeführt, während wir uns eben

in Sicherheit wiegten. Nach der Nachtruhe war mir schon ganz behaglich

zu Mute, aber dies Couvert verdirbt alles wieder, es ist viel zu dünn.

Achttausendfünfhundert Dollars, selbst in den größten Banknoten, wären

ein dickeres Paket.«

»Was hast du denn gegen Wechsel einzuwenden?«

»Wenn sie dieser Stephenson ausgestellt hat! -- Ich habe mich zwar

darein gegeben, die achttausendfünfhundert Dollars in Banknoten

anzunehmen, weil es der Himmel nun einmal so gefügt hat. Aber Wechsel

einzulösen, welche jene verhängnisvolle Unterschrift tragen -- nein,

dazu fehlt mir der Mut. Es könnte eine Falle sein. Schon einmal hat

mich der Mensch fast in seine Hände bekommen, und wir sind ihm wie

durch ein Wunder entgangen. Jetzt versucht er es auf andere Weise. Wenn

Wechsel in dem Couvert sind --«

»O Eduard, wie schrecklich!« Weinend hielt sie die Wechsel in die Höhe.

»Wirf sie ins Feuer, rasch, damit wir nicht in Versuchung kommen. Es

ist nur eine Hinterlist, um uns ins Verderben zu locken -- uns dem Hohn

und Spott der Leute preiszugeben wie die andern. Wenn du es nicht thun

kannst, gieb sie mir.« Er riß ihr die Wechsel aus der Hand und wankte

damit zum Ofen. Doch er war Kassierer von Beruf und konnte nicht umhin,

zuvor noch einen Blick auf die Unterschrift zu werfen. Fast wäre er in

Ohnmacht gefallen.

»Mary, Mary, halte mich -- sie sind so gut wie Gold!«

»O Eduard, wie herrlich! Aber ist es auch ganz gewiß?«

»Harkneß hat die Wechsel ausgestellt. Das ist mir ein unerklärliches

Rätsel.«

»Glaubst du denn, Eduard --«

»So sieh doch nur her! Fünfzehn -- fünfzehn -- fünfzehn --

vierunddreißig! Achtunddreißigtausendfünfhundert! -- Was sagst du dazu,

Mary? -- Der Sack ist keine zwölf Dollars wert und Harkneß hat offenbar

diese Riesensumme dafür gezahlt.«

»Und du glaubst, das alles soll uns gehören? Nicht nur die

versprochenen zehntausend?«

»Es hat ganz den Anschein. Ueberdies lauten die Wechsel auf den

›Ueberbringer‹.«

»Ist das günstig, Eduard? Was hat das zu bedeuten?«

»Man kann das Geld bei jeder beliebigen Bank erheben. Vielleicht

wünscht Harkneß nicht, daß die Sache hier ruchbar wird. Was ist denn

das -- -- ein Brief?«

»Ja, er lag bei den Wechseln.«

Das Schreiben war von Stephensons Hand, trug aber keine Unterschrift.

Reichard las:

»Ich habe mich in Ihnen getäuscht; Ihre Ehrlichkeit ist über

jede Versuchung erhaben. Als ich das Gegenteil annahm, that ich

Ihnen unrecht, und bitte Sie aufrichtig, es mir zu verzeihen.

Sie verdienen meine vollste Hochachtung, und Ihre Mitbürger

sind nicht wert, Ihnen die Schuhriemen aufzulösen. Ich bin

mit mir selbst eine Wette eingegangen, daß sich in Ihrer

tugendstolzen Stadt neunzehn Männer zur Unredlichkeit verführen

lassen würden. Die Wette habe ich verloren. Nehmen Sie den

ganzen Einsatz; er gebührt Ihnen von Rechts wegen.«

Reichard that einen tiefen Atemzug: »Das brennt, als wäre es mit Feuer

geschrieben,« sagte er. »Mir ist wieder ganz erbärmlich zu Mute, Mary.«

»Mir auch. Ach, hätten wir doch -- --«

»Stelle dir nur vor, Mary -- er _glaubt_ an mich.«

»Schweig’ still davon -- ich halte es sonst nicht aus.«

»Wenn ich dies schöne Lob verdiente -- und Gott weiß, ich glaube,

früher war das der Fall -- so gäbe ich wahrhaftig die vierzigtausend

Dollars dafür hin. Sein Schreiben aber würde ich heilig aufbewahren, es

wäre mir mehr wert, als Gold und Juwelen. Doch jetzt müßte es uns ein

ewiger Vorwurf sein, darum fort mit ihm.«

Er warf das Papier in die Flammen. --

Indem kam ein Bote, der einen Brief brachte. Burgeß hatte ihn

geschickt; er lautete:

»Sie waren mein Retter zur Zeit der Not. Zum Dank dafür habe

ich Sie gestern gerettet. Ich mußte es auf Kosten der Wahrheit

thun, doch habe ich das Opfer gern gebracht, es reut mich

nicht. Es weiß doch keiner Ihrer Mitbürger so gut wie ich, daß

Sie ein braver, wackerer und edler Mensch sind. Sie wissen,

welches Fehltritts man mich anklagt, und da man allgemein von

meiner Schuld überzeugt ist, kann ich auf Ihre Achtung keinen

Anspruch machen. Aber der Gedanke, daß Sie mich wenigstens

nicht für einen Undankbaren halten, wird mir die Last

erleichtern, die ich tragen muß.

Burgeß.«

»Wieder von einer Angst befreit und unter welchen Bedingungen!« Er warf

den Brief ins Feuer. »Ich -- ich wollte, ich wäre tot, Mary, da hätte

die Sache ein für allemal ein Ende.«

»Das sind jetzt rechte Leidenstage für uns, Eduard. So viel Großmut

muß einem schier das Herz zermalmen -- und das geht immer Schlag auf

Schlag.« --

Drei Tage vor der Abgeordnetenwahl wurde jedem der zweitausend Wähler

als kostbares Erinnerungszeichen eine der wohlbekannten falschen

Doppelkronen zugestellt. Auf der einen Seite der Münze las man am

Rand die Inschrift: ›Die Worte, die ich zu dem armen Fremdling sagte,

lauteten --‹ Auf der andern Seite stand: ›Geht hin und bessert Euch!

Pinkerton.‹

So wurde alles, was noch von dem großen Possenspiel an Unrat übrig

geblieben war, über ein einziges Haupt ausgegossen, und die Wirkung

war verhängnisvoll. Das furchtbare Hohngelächter begann von neuem und

richtete sich ausschließlich gegen Pinkerton, so daß bei Harkneß’ Wahl

von einem Kampf überhaupt nicht mehr die Rede war.

* * * * *

Herr und Frau Reichard hatten inzwischen Zeit gehabt, ihr Gewissen über

die Annahme der Wechsel zu beruhigen; sie machten sich keine Vorwürfe

mehr wegen ihrer Sünde. Doch sollten sie noch inne werden, welche

Schreckensgestalt eine böse That annehmen kann, sobald die Möglichkeit

ihrer Entdeckung vorhanden scheint. Die Sünde selbst gewinnt dadurch

eine völlig neue Bedeutung und Wichtigkeit.

Am nächsten Sonntag war die Predigt in der Kirche ganz so wie immer.

Dieselben alten Sachen wurden in hergebrachter Weise vorgetragen. Die

Eheleute hatten das alles schon tausendmal gehört, ohne sich davon

getroffen zu fühlen; es war oft ordentlich schwer gewesen, nicht

dabei einzuschlafen, weil es ihnen so unerheblich und abgedroschen

vorkam. Aber auf einmal war das ganz anders. Die Predigt schien voller

Anschuldigungen und ganz besonders auf Leute gemünzt, die eine schwere

Sünde vor der Welt verbergen möchten. Als der Gottesdienst zu Ende

war, wich das Ehepaar so viel wie möglich der sie beglückwünschenden

Menge aus; von unbestimmter Furcht und Bangigkeit erfüllt, kehrten sie

in tiefster Niedergeschlagenheit heim. Unterwegs sahen sie zufällig

von ferne Herrn Burgeß, der um die Straßenecke bog, ohne ihren Gruß zu

erwidern. Er hatte sie nicht gesehen, aber da sie das nicht wußten,

fragten sie sich besorgt, was es wohl bedeuten möchte. Sollte er

erfahren haben, daß Reichard seine Unschuld damals hätte an den Tag

bringen können? Vielleicht wartete er nur eine günstige Gelegenheit

ab, um die Rechnung mit ihm ins reine zu bringen. -- Daheim fingen

sie vor lauter Angst an, sich einzubilden, ihre Magd müsse sie im

Nebenzimmer belauscht haben, als Reichard seiner Frau erzählte, er

wisse, daß Burgeß unschuldig sei. Sie glaubten sich sogar zu erinnern,

daß sie damals dort ein Rascheln gehört hätten; kein Zweifel, Sara

war die Verräterin. Sie riefen die Magd ins Zimmer und stellten ihr

so unzusammenhängende, wunderliche Fragen, daß Sara bald auf den

Gedanken kam, der Verstand der alten Leute müsse bei dem plötzlichen

Glückswechsel gelitten haben. Als sie nun unter ihren forschenden,

mißtrauischen Blicken errötend ängstlich und befangen wurde, sah das

Ehepaar dies für den deutlichen Beweis ihrer Schuld an. Sobald Sara das

Zimmer verließ, redeten sie weiter über diese Entdeckung und quälten

sich mit den gewagtesten Trugschlüssen und Vermutungen. Plötzlich

stöhnte Reichard laut auf.

»Was giebt es? -- Fehlt dir etwas?«

»Burgeß’ Brief geht mir im Kopf herum. Jetzt erst verstehe ich seinen

beißenden Spott. Man kann ja zwischen den Zeilen lesen, wie gut er

weiß, daß ich seine Unschuld kannte. Und ich Narr nahm sein Lob für

bare Münze. Du weißt doch, Mary --«

»Daß er dir deine Abschrift nicht wiedergeschickt hat -- den Zettel mit

der erlogenen Aeußerung. Ja, das ist entsetzlich.«

»Er behält ihn, um uns damit zu Grunde zu richten. Einigen Leuten muß

er ihn schon gezeigt haben; ich sah es ihnen nach der Kirche am Gesicht

an. Nein, ich täusche mich nicht. Er hätte doch auch unsern Gruß

erwidert, wenn er nichts Böses gegen uns im Schilde führte.«

In der Nacht wurde der Arzt zu Reichard gerufen und am Morgen

verbreitete sich das Gerücht, die alten Leute seien ernstlich

erkrankt. Die gewaltige Aufregung über das Glück, welches ihnen so

unerwartet in den Schoß gefallen war, das späte Aufbleiben und die

vielen Gratulationsbesuche seien schuld daran, meinte der Doktor. Die

Hadleyburger hörten es mit großer Betrübnis, denn dies Ehepaar war ja

das einzige, worauf sie noch stolz sein konnten.

Zwei Tage später lautete der Bericht noch schlimmer: Reichard

lag im Fieber und benahm sich sehr sonderbar. Nach Aussage der

Wärterinnen hatte er seine Wechsel sehen lassen, die aber nicht

auf achttausendfünfhundert Dollars, sondern auf die Riesensumme von

achtunddreißigtausend Dollars ausgestellt waren. Wie kamen die Leute zu

einem so ungeheuern Vermögen?

Tags darauf wußten die Wärterinnen noch wunderbarere Dinge zu erzählen.

Sie hatten die Wechsel in Verwahrung nehmen wollen, damit sie nicht

beschädigt würden, aber als man danach suchte, fand man sie unter dem

Kissen des Kranken nicht mehr; sie waren und blieben verschwunden.

»Was wollt ihr mit meinem Kissen?« hatte Reichard gefragt; »laßt mich

in Ruhe!«

»Wir möchten nur, daß die Wechsel --«

»Die werdet ihr nie mehr erblicken, sie sind vernichtet. Es war

Satanswerk; ich habe das Brandmal der Hölle darauf gesehen; ihr Zweck

war, mich in Sünde und Schande zu stürzen.« Dann begann er schreckliche

Reden zu führen über ganz unverständliche Dinge und der Doktor ermahnte

die Umstehenden, nichts davon weiterzusagen.

Doch mußte eine Wärterin wohl im Schlaf die Fieberphantasien des

Kranken ausgeplaudert haben, denn bald darauf sprach man in der ganzen

Stadt davon. Die Leute erzählten sich, Reichard hätte so gut wie

die andern Anspruch auf den Sack erhoben, was durch Burgeß zuerst

verheimlicht und dann aus Bosheit verraten worden sei.

Als man Burgeß dies vorhielt, leugnete er standhaft und meinte, es

sei ungerecht, den Worten, die ein kranker alter Mann im Fieberwahn

geredet, irgend welche Bedeutung beizumessen. Allein der Argwohn war

nun einmal wach geworden und jeder ließ seiner Zunge freien Lauf.

Nach zwei Tagen lag auch Frau Reichard im Fieber, und was sie sprach,

war nur eine Wiederholung von ihres Mannes Reden. Da zweifelte niemand

mehr, daß es auch mit der Vortrefflichkeit des einen unbescholtenen

Bürgers, den Hadleyburg noch unter seinen ersten Familien besessen

hatte, nicht sonderlich beschaffen sein könne, und mit dem Stolz auf

ihn war es ein für allemal vorbei.

Wieder vergingen sechs Tage, da lag das alte Ehepaar im Sterben. Kurz

vor seinem Tode kam Reichard noch einmal zu klarem Bewußtsein und ließ

Burgeß rufen. Der Pastor bat die Anwesenden, das Zimmer zu verlassen,

da der Kranke gewiß wünsche, mit ihm allein zu reden.

»Nein,« sagte Reichard, »ich muß Zeugen haben. Ihr alle sollt mein

Bekenntnis hören, denn ich will wie ein Mann sterben und nicht wie ein

elender Heuchler. Ich war rechtschaffen, aber nur gewohnheitsmäßig --

wie alle übrigen Hadleyburger, und gleich meinen Mitbürgern bin ich der

ersten wirklichen Versuchung unterlegen. Ich unterschrieb eine Lüge,

um in den Besitz des erbärmlichen Sackes zu gelangen. Pastor Burgeß

erinnerte sich, daß ich ihm einmal einen Dienst erwiesen hatte; aus

Dankbarkeit behielt er meinen Brief zurück, um meine Ehre zu retten.

Er wußte nicht, daß ich die Anklage, welche vor Jahren gegen ihn

geschleudert wurde, durch mein Zeugnis hätte entkräften können. Aber

ich war ein Feigling und gab ihn der Schande preis --«

»Nein, nein, Herr Reichard, Sie haben -- --«

»Meine Dienstmagd hat ihm dies Geheimnis verraten --«

»Kein Mensch hat mir ein Sterbenswort gesagt --«

-- »und darauf that er etwas, das vollständig natürlich und

gerechtfertigt war. Seine Güte und Nachsicht gegen mich reute ihn und

er offenbarte meine Schuld, wie ich es verdiente.«

»Niemals -- das schwöre ich --«

»Ich vergebe es ihm von ganzem Herzen.«

Des Pastors Beteuerungen waren umsonst, er predigte tauben Ohren. Der

Sterbende hauchte seinen letzten Seufzer aus, ohne noch zu erfahren,

daß er dem armen Burgeß wiederum ein Unrecht zugefügt hatte. In der

folgenden Nacht starb auch die alte Frau Reichard. So war denn der

letzte der Neunzehner eine Beute des teuflischen Sackes geworden, und

die Stadt hatte ihren alten Ruhm für ewige Zeit eingebüßt. Ihre Trauer

darüber trug sie zwar nicht zur Schau, aber sie war tief und aufrichtig.

Nach vielen Bitten und Eingaben erhielt Hadleyburg von der Regierung

die Erlaubnis, einen andern Namen anzunehmen (einerlei welchen,

ich will ihn nicht ausplaudern), und aus dem uralten Motto seines

Stadtsiegels _ein_ Wort fortzulassen.

Es ist jetzt wieder eine rechtschaffene Stadt, und wer sie noch einmal

überrumpeln wollte, der müßte früh aufstehen.

[Illustration:

~Altes Motto~

~Führe uns nicht in Versuchung~

~Neues Motto~

~Führe uns in Versuchung~

]

Das Gesundbeten.

I.

Als ich vorigen Sommer nach meiner glücklichen Kur in der

Appetitsanstalt[1] nach Wien zurückkehrte, machte ich einen Abstecher

in die Berge. Dabei fiel ich im Dämmerlicht eine Felswand hinunter und

brach mir einige Arme und Beine, sowie sonst noch dies und das. Zum

guten Glück fanden mich einige Landleute, die einen verlorenen Esel

suchten, und schafften mich in ihr Haus.

[1] Siehe Mark Twain, Humor. Schriften, Neue Folge Bd. 5.

Das nächste Dorf war etwa eine Viertelstunde entfernt; es wohnte dort

ein Pferdedoktor, aber kein Chirurg. Dieser Umstand war nicht gerade

trostverheißend für mich; denn ganz offenbar handelte es sich bei

mir um einen chirurgischen Fall. Doch da fiel den guten Leuten ein,

daß in jenem Dorf eine Bostoner Dame in der Sommerfrische weilte,

und daß sie eine Doktorin der Christlichen Wissenschaft wäre und

alles und jedes heilen könnte. Es wurde also nach ihr geschickt. Da

inzwischen die Nacht angebrochen war, so konnte sie anständigerweise

nicht gut mehr selber kommen; sie ließ mir aber Bescheid sagen: Das

mache weiter nichts, die Sache hätte keine Eile; sie würde mir sofort

›Abwesenheitsbehandlung‹ verabfolgen und am anderen Morgen ihren Besuch

machen; unterdessen möchte ich nur ruhig und guter Dinge sein und nicht

vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre. Ich dachte, da müßte

wohl irgend ein Mißverständnis vorliegen und fragte:

»Sagten Sie ihr nicht, daß ich eine fünfundsiebzig Fuß hohe Felswand

heruntergefallen bin?«

»Ja.«

»Und daß ich unten auf einen Granitblock aufstieß und einen Purzelbaum

schlug?«

»Ja.«

»Und daß ich nochmals aufschlug und einen zweiten Purzelbaum machte?«

»Ja.«

»Und daß ich zum dritten Male aufschlug und den dritten Purzelbaum

machte?«

»Ja.«

»Und daß die Granitblöcke in Stücke gingen?«

»Ja.«

»Na, dann kann ich mir’s erklären; sie denkt, es handele sich um die

Steinblöcke. Warum haben Sie ihr nicht gesagt, daß ich ebenfalls zu

Schaden gekommen bin?«

»Das hab’ ich ja gesagt. Ich sagte ihr alles, was Sie mir aufgetragen

hatten: daß Sie vom Haarschopf bis zu den Hacken bloß noch eine

unzusammenhängende Reihenfolge von komplizierten Knochenbrüchen

bildeten, und daß Sie infolge des Hervorragens der verschiedenen

Knochenteile aussähen wie ein Kleiderriegel.«

»Und nachdem sie dies gehört hatte, meinte sie, ich sollte nicht

vergessen, daß mit mir nichts weiter los wäre?«

»So sagte sie wörtlich.«

»Das versteh’ ich nicht. Ich glaube, sie hat der Diagnose des Falls

nicht die gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Sah sie aus wie eine

Person, die sich in Theorien ergeht, oder wie eine, die selbst schon

mal in einen Abgrund gestürzt ist und ihre abstrakte Wissenschaft auf

die Basis persönlicher Erfahrungen gründet?«

»Bitte?«

Meine letzten Ausdrücke standen augenscheinlich nicht in des

Stubenmädchens Wörterbuch; sie gingen über ihren Horizont. Ich ließ

daher die Sache auf sich beruhen und bestellte etwas zu essen und zu

rauchen, dazu heißes Getränk, einen Korb, um meine Beine hineinzulegen,

und einen Menschen, der dazu befähigt wäre, mir zum Zeitvertreib

fluchen zu helfen. Aber nichts von alledem war zu haben.

»Warum nicht?« fragte ich.

»Sie sagte, Sie hätten dies alles nicht nötig.«

»Aber ich bin hungrig und durstig und habe scheußliche Schmerzen!«

»Sie sagte, Sie würden sich das einbilden, aber Sie dürften darauf

nicht achten. Ganz besonders ersucht sie Sie, Sie möchten daran denken,

daß es so etwas wie Hunger und Durst und Schmerz gar nicht gibt.«

»Ersucht sie mich? Das ist nett von ihr.«

»Sie sagte so.«

»Sieht sie aus, als ob sie im vollen Besitz eines normal

funktionierenden Intellekts sei?«

»Bitte?«

»Läßt man sie frei herumlaufen, oder hat man sie angebunden?«

»Angebunden?«

»Na, gute Nacht; gehen Sie nur. Sie sind ein gutes Mädel, aber Ihr

geistiges Geschirr ist nicht auf leichte und anregende Gespräche

eingerichtet. Lassen Sie mich nur mit meinen ›Einbildungen‹ allein.«

II.

Natürlich gab es für mich eine qualvolle Nacht -- wenigstens hielt ich

sie dafür, denn es waren alle Symptome vorhanden --, doch schließlich

nahm auch sie ein Ende, und die Doktorin der Christlichen Wissenschaft

kam, und ich war froh darüber.

Sie stand in mittleren Jahren, war breit, knochig und hoch gewachsen,

hatte ein strenges Gesicht, eine auf Entschlossenheit deutende Kinnlade

und eine römische Adlernase, war eine Witwe in der dritten Potenz und

hieß Fuller. Ich wünschte sehr dringend, daß sie sofort ans Werk ginge,

damit ich Erleichterung fände, aber sie war von einer Umständlichkeit,

die mich beinahe zur Verzweiflung brachte. Zunächst hatte sie Nadeln

auszuziehen, Knöpfe aufzumachen und Schleifen zu lösen; nachdem sie

dies -- immer hübsch eins nach dem anderen -- getan, nahm sie ihre

Sachen ab, strich mit der Hand etliche Falten glatt und hängte die

Artikel auf. Dann streifte sie die Handschuhe ab und verwahrte sie,

zog ein Buch aus ihrer Handtasche, schob einen Stuhl neben mein Bett,

ließ sich -- aber ohne jede Uebereilung -- auf diesen nieder, und ich

-- ließ meine Zunge heraushängen. Darauf sagte sie mitleidig, ober ohne

jede Aufregung:

»Ziehen Sie sie in ihr Behältnis zurück. Wir haben’s mit der Seele zu

tun und nicht mit deren unbelebten Werkzeugen.«

Nach meinem Puls zu fühlen, konnte ich ihr nicht anbieten, da das

Handgelenk gebrochen war; aber sie merkte, daß ich mich dieserhalb

entschuldigen wollte, ehe ich auch nur Worte dafür gefunden hatte,

und deutete mir durch eine abwinkende Kopfbewegung an, daß der Puls

ebenfalls zu den unbelebten Werkzeugen gehörte, wofür sie keine

Verwendung hätte. Ich dachte nun, es wäre am besten, wenn ich ihr

sagte, wie mir zumute wäre, damit sie danach meinen Fall beurteilen

könnte; aber das war wiederum ein Irrtum von mir: sie brauchte so etwas

nicht zu wissen. Ja, meine Bemerkung darüber, wie ich mich fühlte, war

sogar eine ganz falsche Ausdrucksweise.

»Man fühlt nicht,« sagte sie verweisend; »Gefühl gibt’s überhaupt

nicht; wenn Sie also etwas nicht Vorhandenes als vorhanden bezeichnen,

so ist das ein Widerspruch. Materie existiert nicht; existieren tut

nur die Seele; die Seele aber kann keinen Schmerz fühlen, sie kann ihn

sich nur vorstellen.«

»Aber wenn’s trotzdem weh tut, so ist das doch ...«

»Es tut nicht weh. Etwas Unwirkliches kann nicht als Wirklichkeit sich

äußern. Schmerz ist unwirklich; also _kann_ Schmerz nicht weh tun.«

Sie machte eine Handbewegung, um zu veranschaulichen, wie sie den

eingebildeten Schmerz aus dem Gebiet der Seele herausscheuchte; dabei

ritzte sie sich die Hand an einer in ihrem Kleid versteckt sitzenden

Stecknadel, sagte »Autsch!« und fuhr ruhig fort:

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 4 / 14 段