»Ich bitte die geehrten Anwesenden um Nachsicht bei der Erörterung

dieser höchst peinlichen Angelegenheit. Nur ungern ergreife ich das

Wort, denn ich weiß, daß ich durch meine Aussage Herrn Billson, den

ich immer geachtet und hochgeschätzt habe, den schwersten Schaden

zufüge. Wie alle übrigen habe auch ich bisher geglaubt, daß seine

Rechtschaffenheit jeder Versuchung trotzen würde; aber meine eigene

Ehre verlangt, daß ich offen zu Ihnen rede. Mit Beschämung muß ich

gestehen -- und ich bitte Sie herzlich, es mir zu vergeben --, daß

ich mich dem mittellosen Fremden gegenüber ganz so geäußert habe, wie

es auf dem Zettel im Sack verzeichnet ist, sogar den schimpflichen

Schlußsatz mit inbegriffen. [Große Erregung.] Mir war das noch

vollkommen erinnerlich, als ich beschloß, Anspruch auf den Sack zu

erheben, der mir von Rechts wegen zukam. Versetzen Sie sich bitte einen

Augenblick in meine Lage: Die Dankbarkeit des Fremden war grenzenlos

gewesen an jenem Abend; er sagte selbst, er könne unmöglich Worte

dafür finden, doch würde er mir die Wohlthat tausendfach vergelten,

wenn er je im stande wäre, es zu thun. Nun fragen Sie sich einmal, ob

sich bei dieser seiner Gesinnung erwarten ließ, ja, ob es auch nur

denkbar war, daß er mir so übel mitspielen würde, jenen ganz unnötigen

Schlußsatz auf seinem Zettel beizufügen, mich in die Falle zu locken

und in einer öffentlichen Versammlung als Verleumder meiner Vaterstadt

bloßzustellen? Dergleichen anzunehmen wäre höchst widersinnig gewesen.

Ich zweifelte daher keinen Augenblick, daß auf jenem Papier nur der

ganz harmlose Anfang meiner Aeußerung stehen würde. Sie hätten das

auch geglaubt und einem Menschen, dem Sie aus der Not geholfen und dem

Sie kein Leid gethan, niemals zugetraut, daß er schmählichen Verrat

an Ihnen üben würde. So schrieb ich denn mit voller Zuversicht den

Eingang nebst den Worten ›Geht hin und bessert Euch‹ und setzte meinen

Namen darunter. Als ich den Zettel eben in einen Umschlag thun wollte,

wurde ich abgerufen und ließ ihn in meiner Sorglosigkeit offen auf

dem Schreibtisch liegen.« Hier hielt der Redner inne, wandte den Kopf

langsam nach Billson hin, wartete noch ein paar Sekunden und sagte

dann: »Als ich etwas später zurückkam, machte Herr Billson eben meine

Hausthür hinter sich zu -- urteilen Sie selbst, was das zu bedeuten

hatte.« [Große Erregung.]

Doch schon war Billson aufgesprungen: »Es ist eine schändliche Lüge!«

schrie er, rot vor Zorn.

_Der Vorsitzende_: »Setzen Sie sich! Herr Wilson hat das Wort.«

Billsons Freunde zogen ihn auf seinen Platz zurück und suchten ihn zu

beruhigen, während Wilson fortfuhr:

»Ich teile Ihnen nur Thatsachen mit. Mein Zettel lag nicht mehr an

derselben Stelle auf dem Tisch, wohin ich ihn gelegt hatte. Ich sah

das wohl, beachtete es aber nicht weiter, in der Meinung, ein Zugwind

habe ihn dahin geblasen. Daß Herr Billson ein Privatpapier lesen würde,

kam mir nicht in den Sinn; er mußte das als Ehrenmann für unter seiner

Würde halten. Hätte sein Gedächtnis ihn nicht im Stich gelassen, so

würde er das Wort _ganz_ nicht hinzugefügt haben. Ich bin der einzige

Mensch in der Welt, der jene Aeußerung -- auf ehrenhafte Weise -- genau

wiedergeben konnte. Weiter habe ich nichts zu bemerken.«

Für den schlauen und gewandten Redner ist es von jeher ein Leichtes

gewesen, die Denkfähigkeit einer Zuhörerschaft, die an das täuschende

Blendwerk der Redekunst nicht gewöhnt ist, zu verwirren und sie zu

maßlosen Gefühlsäußerungen fortzureißen. Als Wilson wieder Platz

nahm, war sein Sieg gewonnen. Ein nicht enden wollender Beifallssturm

erschallte; Freunde und Bekannte umringten ihn, schüttelten ihm die

Hand und wünschten ihm Glück. Billson versuchte umsonst in dem Getümmel

zu Worte zu kommen. Selbst der Vorsitzende strengte seine Lunge

vergebens an, und wie laut er auch mit dem Hammer klopfte, niemand gab

acht darauf.

Endlich wurde es einigermaßen still. »Fahren wir nun mit der

Verhandlung fort!« rief Burgeß.

»Was ist denn da noch zu verhandeln?« hieß es; »man braucht ihm doch

bloß den Sack zu geben.«

_Viele Stimmen_: »Jawohl, jawohl! Wilson soll vortreten!«

_Der Hutmacher_: »Ich fordere Sie auf, mit mir Herrn Wilson hoch

leben zu lassen, als Inbegriff und Vertreter der besonderen Tugend,

welche -- --«

»Hoch! hoch! hurra!« hallte es mit Donnergetöse durch den Saal. Wilsons

Bewunderer hoben ihn auf ihre Schultern, und man schickte sich eben an,

ihn im Triumph auf die Rednertribüne zu geleiten, als die Stimme des

Vorsitzenden den Lärm übertönte:

»Ruhe! Ordnung! Platz nehmen! -- Erinnern Sie sich doch, meine Herren,

daß ich noch ein Schriftstück zu verlesen habe.« --

Es ward wieder still im Saal; Burgeß nahm das zweite Papier zur Hand,

legte es aber wieder hin. »Fast hätte ich vergessen, daß ich zuvor alle

Zuschriften lesen soll, welche ich erhalten habe.« Er zog ein Couvert

aus der Tasche, öffnete es, überflog den Inhalt und schien starr vor

Verwunderung.

»Was ist es? Vorlesen! Vorlesen!« schrieen zwanzig bis dreißig Stimmen

auf einmal.

Langsam und bedächtig, als traue er seinen Augen kaum, las Burgeß:

»Die Aeußerung, welche ich dem Fremden gegenüber that -- [_Mehrere

Stimmen_: »Hallo, wie geht das zu?«] -- lautete: ›Ihr seid noch lange

kein schlechter Mensch. [_Mehrere Stimmen_: »Gerechter Himmel!«]

Geht hin und bessert Euch.‹ [_Eine Stimme_: »Da schlag’ doch das

Donnerwetter drein!«] Gezeichnet von Herrn Bankier Pinkerton.«

Jetzt brach ein Höllenlärm los, über den die besonneneren Leute

trauernd ihr Haupt schüttelten. Wer sich nicht mehr halten konnte,

lachte daß ihm die Thränen über die Wangen liefen. Die Berichterstatter

wälzten sich vor Lachen und machten solche Krakelfüße auf dem Papier,

daß es nicht menschenmöglich war, nur ein Wort zu entziffern. Ein Hund,

der im Winkel geschlafen hatte, schreckte auf und geriet über das

Getöse so in Wut, daß er wie wahnsinnig zu bellen anfing. Jeder schrie

und brüllte, was ihm gerade durch den Kopf fuhr. »Oho, immer toller! --

Jetzt besitzen wir zwei Inbegriffe von Treue und Redlichkeit! -- Nein,

drei -- man muß auch Billson mitzählen -- je mehr, desto besser! --

Richtig, richtig, Billson gehört dazu! -- Was ist doch Wilson für ein

armes Opferlamm -- zwei Diebe haben ihn beraubt!«

_Eine mächtige Stimme_: »Stille! Der Vorsitzende holt wieder etwas aus

der Tasche.«

_Andere Stimmen_: »Hurra! Was giebt es Neues? Vorlesen! Vorlesen!«

_Der Vorsitzende_ (liest): »Die Aeußerung, welche ich u. s. w.

›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch. Geht hin‹ u. s. w.

Unterschrift: Gregor Yates.«

_Dröhnende Rufe_: »Vier Inbegriffe! -- Der ehrliche Yates soll leben!

-- Weiter, weiter!«

Das Gebrüll im Saal wollte jetzt kein Ende nehmen; es galt, den

Kapitalspaß von Grund aus zu genießen. Als einige von den Neunzehnern

aufstanden und sich mit bleichen, angstvollen Mienen nach dem Ausgang

hin zu drängen suchten, wurden von allen Seiten Rufe laut:

»Schließt die Thüren! Zieht die Schlüssel ab! Kein Ehrenmann darf den

Saal verlassen! Hinsetzen! Hinsetzen! Jeder auf seinen Platz!«

Alle folgten der Aufforderung.

»Immer mehr! -- Vorlesen! Vorlesen!«

Burgeß zog abermals ein Couvert hervor und las die wohlbekannten Worte:

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«

»Der Name! Der Name! Was steht darunter?«

»Ingoldsby Sargent.«

»Fünf Auserwählte! Ein ganzer Haufen Inbegriffe! Weiter, weiter!«

»›Ihr seid noch lange kein --‹«

»Den Namen her!«

»Nikolas Whitworth.«

»Hurra! hurra! Hoch soll er leben!«

»Hoch soll er leben!« fiel der ganze Saal ein; »hoch soll er leben!

Dreimal hoch!!!«

»Jetzt noch ein Lebehoch für Hadleyburg, das Vorbild unbestechlicher

Tugend, und für alle seine Inbegriffe und würdigen Vertreter!«

»Hadleyburg und seine Tugendspiegel sollen leben -- hoch!« brüllte der

Chor; »dreimal hoch!!!«

»Weiter, weiter!« tönte es jetzt aus vielen Kehlen. »Wir wollen mehr

hören! Vorlesen! Alles vorlesen, was da ist!«

»Jawohl, jawohl! Das wird unsern Ruhm auf ewig begründen.«

Jetzt standen einige Männer auf, um Widerspruch zu erheben. Sie

sagten, ohne Zweifel hätte sich irgend ein erbärmlicher Spaßvogel dies

Possenspiel ausgedacht, das ein Schimpf für das ganze Gemeinwesen sei.

Die Unterschriften müßten alle gefälscht sein, nur so ließe sich die

Sache erklären. Aber sie predigten tauben Ohren.

»Oho! Schweigt nur und setzt euch wieder,« hieß es. »Ihr bekennt euch

bloß schuldig -- nächstens werden eure Namen an die Reihe kommen!«

»Wir fragen den Vorsitzenden, wie viele solche Briefumschläge er

bekommen hat.«

»Es waren, glaube ich, neunzehn, alles in allem.«

Ein Hohngelächter erfolgte. »Vielleicht enthalten sie sämtlich das

Geheimnis. Ich stelle den Antrag, von jedem derartigen Zettel die

sieben ersten Wörter und die Unterschrift zu lesen. Wer stimmt dafür?«

Der Vorschlag wurde mit lautem Beifall aufgenommen und zum Beschluß

erhoben. Da stand plötzlich der arme alte Reichard auf und ihm zur

Seite seine Frau, das Haupt gesenkt, um ihre Thränen zu verbergen. Der

Gatte gab ihr den Arm, sie zu stützen, und begann mit vor Erregung

bebender Stimme:

»Freunde und Mitbürger, ihr kennt uns beide, Mary und mich von Jugend

auf, und habt uns stets Liebe und Achtung erwiesen --«

»Entschuldigen Sie, Herr Reichard,« unterbrach ihn der Vorsitzende;

»was Sie sagen, ist zwar die lautere Wahrheit -- die ganze Stadt kennt

Sie nicht nur, sondern ehrt und liebt Sie beide, aber --«

Hier ließ sich Hallidays Stimme vernehmen: »Wenn das auch die Meinung

der Versammlung ist, so schlage ich vor, das Ehepaar Reichard leben zu

lassen. Hurra, hoch!«

Lautes Beifallklatschen war die Antwort; zahllose Taschentücher

wurden geschwenkt und donnernde Hochrufe erschallten. Dann fuhr der

Vorsitzende fort:

»Ich wollte mir nur die Bemerkung erlauben, Herr Reichard, daß es

zwar Ihrem guten Herzen Ehre macht, wir aber in diesem Fall den

Missethätern keine Nachsicht gewähren dürfen.« [_Zurufe_: »Nein,

nein!«] »Die edle Absicht steht Ihnen im Gesicht geschrieben; allein

ich kann nicht gestatten, daß Sie sich für jene Männer verwenden --«

»Aber ich wollte ja nur --«

»Setzen Sie sich, bitte, Herr Reichard. Wir müssen erst die übrigen

Zuschriften lesen. Das verlangt schon die Billigkeit den Leuten

gegenüber, deren Schuld wir bereits ans Licht gezogen haben. Sobald

dies geschehen ist, wollen wir Sie anhören, das verspreche ich Ihnen.«

Zögernd nahm das Ehepaar wieder Platz. »Das Warten ist eine rechte

Qual,« flüsterte Reichard seiner Frau zu. »Nun wird unsere Schande um

so größer sein, wenn es sich herausstellt, daß wir nur für uns selber

um Nachsicht bitten wollten.«

Jetzt ging der Spaß von neuem los; die Namen wurden gelesen.

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Robert

Titmarsch.‹

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift:

›Eliphalet Wenks.‹

»›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch --‹ Unterschrift: ›Oskar

Wilder.‹«

Als der Vorsitzende so weit gekommen war, gerieten die Zuhörer auf

den Einfall, ihn der Mühe zu überheben, jedesmal die sieben Wörter

zu lesen, womit er sehr einverstanden war. Er hielt nun nur noch den

Zettel in die Höhe und wartete, bis die Versammlung in volltönendem

Chor, der fast klang wie die Melodie eines bekannten Kirchenliedes,

feierlich die sieben Wörter sang: »Ihr seid noch la-an-ge kein

schle-ech-ter Mensch.« Dann las er die Unterschrift: »Archibald

Wilcox.« So ging es immer weiter unter allgemeinem Gaudium und zur Qual

der unglücklichen Neunzehner. Jedesmal, wenn ein besonders angesehener

Name verlesen ward, ließ der Chor den Vorsitzenden warten, sang die

ganze Litanei von Anfang an bis zu den Worten: »zur Strafe in die Hölle

kommen, oder nach Hadleyburg -- ersteres wäre noch vo-o-or-zu-ziehn« --

und schloß dann mit einem mächtigen »A-a-a-a-men!«

Immer kleiner wurde die Zahl der noch zu verlesenden Papiere; Reichard

wußte genau, wie viele noch fehlten und zuckte zusammen, so oft ein

Name dem seinigen glich. Er wartete in qualvoller Spannung auf den

Augenblick, wenn die Reihe an ihn kommen würde. Dann wollte er sich

erheben und die Versammlung etwa mit folgenden Worten um Erbarmen

für sich und Mary anflehen: »Bisher sind wir unsern Weg unsträflich

gewandelt und haben noch nie in eine Sünde gewilligt. Aber wir sind

alt und sehr arm, haben auch weder Sohn noch Tochter zur Stütze; die

Versuchung war groß und wir sind unterlegen. Als ich vorhin aufstand,

wollte ich mein Unrecht bekennen und bitten, daß man meinen Namen

nicht öffentlich vorlesen möchte, weil ich glaubte, die Schande nicht

überleben zu können; man ließ mich jedoch nicht ausreden. Ich weiß,

es ist nur gerecht, wenn wir vor den andern nichts voraus haben; aber

die Strafe ist hart. Unser Name war bis jetzt immer unbescholten; habt

Erbarmen, denkt, daß wir stets rechtschaffene Leute gewesen sind,

und laßt uns den Fehltritt nicht allzuschwer büßen.« So weit war er

in seinen Gedanken gekommen, als Mary ihn anstieß, um ihn aus der

Träumerei zu wecken. Eben sang der Chor: »Ihr seid noch la-a-nge kein«

u. s. w.

»Mach’ dich bereit,« flüsterte Mary. »Jetzt ist die Reihe an dir;

achtzehn Namen sind schon verlesen.«

»Weiter, weiter!« schrie die ungeduldige Menge. Langsam und zitternd

erhob sich das alte Ehepaar. Burgeß steckte die Hand in die Tasche und

schien einen Augenblick zu suchen. »Ich muß die Zettel alle gelesen

haben,« sagte er dann.

Fast überwältigt von freudiger Ueberraschung sanken Reichard und seine

Frau auf ihre Plätze zurück. »Gerettet!« flüsterte Mary; »Gott sei

Dank. Er hat unsern Zettel verloren. Hundert Goldsäcke würden mich

nicht so glücklich machen!«

Der Chor brüllte nun noch ein Lebehoch auf Hadleyburgs Redlichkeit und

die achtzehn unsterblichen Vertreter seiner Tugend. Dann stand Wingate,

der Sattler, auf, um den wackersten Mann in der Stadt leben zu lassen,

den einzigen aus der Klasse der angesehensten Bürger, der keinen

Versuch gemacht habe, das Gold zu stehlen -- Eduard Reichard.

Die Menge stimmte mit wahrer Begeisterung ein, und man pries Reichard

laut, als den einzigen treuen Hüter der geheiligten Hadleyburger

Ueberlieferung.

»Aber wer bekommt nun den Sack?« fragte eine Stimme.

_Der Lohgerber_ (mit bitterem Spott): »Das liegt doch auf der Hand.

Das Gold muß unter die achtzehn Tugendhelden verteilt werden. Jeder

von ihnen hat dem armen Fremdling zwanzig Dollars gegeben -- und jenen

kostbaren Rat. Zweiundzwanzig Minuten hat es gedauert, bis sie einer

nach dem andern bei ihm vorübermarschiert sind. Was sie für den Fremden

eingezahlt haben, betrug alles in allem dreihundertsechzig Dollars; sie

möchten nur ihr Geld und die Zinsen zurückhaben -- die sich mit dem

Kapital auf vierzigtausend Dollars belaufen.«

»Hahaha! Die armen Leute!« Allgemeines Hohngelächter.

_Der Vorsitzende_: »Ich bitte um Ruhe, damit ich die letzte Zuschrift

des Fremden vorlesen kann. -- Sie lautet: ›Falls sich niemand meldet,

um Anspruch auf den Sack zu erheben, [Lautes Seufzen und Stöhnen aus

der Menge] so soll das Geld unter die ersten Bürger der Stadt verteilt

werden, damit sie es aufs beste verwenden, um den ehrenwerten Ruf

Hadleyburgs auch ferner zu erhalten und immer weiter auszubreiten.

Dafür, daß sie dies nach besten Kräften thun werden, bürgt schon ihre

eigene Unbescholtenheit und allgemein anerkannte Vortrefflichkeit.‹

[Spöttische Beifallsrufe von allen Seiten und lautes Händeklatschen.]

Halt! Ich bin noch nicht zu Ende -- hier ist eine Nachschrift:

»›~P. S.~ -- Bürger von Hadleyburg!

Die ganze Sache beruht auf Erfindung -- kein Mensch hat

jene Aeußerung gethan. [Unbeschreibliche Aufregung.] Sowohl

der fremde Bettler als die geschenkten zwanzig Dollars samt

dem guten Rat und Segenswunsch sind vollkommen aus der Luft

gegriffen. [Großes Gewirr verwunderter und belustigter

Stimmen.] Erlaubt, daß ich euch mit wenigen Worten meine

Geschichte erzähle: Als ich eines Tages durch Hadleyburg

reiste, that man mir eine schwere, unverdiente Beleidigung

an. Jeder andere hätte sich damit begnügt, ein paar von euch

umzubringen, aber bei meiner Gemütsart würde mich eine so

geringfügige Rache kaum entschädigt haben. Konnte ich euch auch

nicht allen das Leben nehmen, so wollte ich doch jeden Insassen

der Stadt, ob Mann oder Weib, empfindlich schädigen, wenn

auch nicht an Leib und Gut, so doch an ihrer Eitelkeit -- der

Stelle, wo schwache und thörichte Menschen am verwundbarsten

sind. Verkleidet kam ich zurück und lernte euch näher kennen.

Euch beizukommen war nicht schwer. Ihr besaßet einen Schatz,

den ihr wie euern Augapfel hütetet, den altbewährten, hohen

Ruhm unantastbarer Redlichkeit, der euern ganzen Stolz

ausmachte. Sobald ich sah, daß ihr mit der größten Sorgfalt

und Wachsamkeit jede Versuchung von euch und euern Kindern

fernhieltet, war mein Plan gefaßt. Ihr einfältigen Menschen!

Es giebt ja nichts Schwächeres auf Erden, als eine Tugend, die

nicht im Feuer der Prüfung bewährt ist. Meine Absicht war,

dem tugendstolzen Hadleyburg seinen Ruhm zu nehmen und fast

ein halbes Hundert bisher untadeliger Männer und Frauen, die

in ihrem ganzen Leben noch keine Unwahrheit gesagt und keinen

Pfennig gestohlen hatten, zu Dieben und Lügnern zu machen.

Eine Liste von Namen hatte ich bald entworfen; nur Goodson,

der kein eingeborener Hadleyburger war, stand meinem Plan im

Wege. Hätte ich euch damals meinen Brief vorlegen lassen, so

würdet ihr ohne Zweifel gesagt haben: ›Goodson ist der einzige

Bürger unserer Stadt, der einem armen Teufel zwanzig Dollars

schenken könnte‹ -- und ich fürchte, ihr wäret nicht in meine

Falle gegangen. Sobald aber der Himmel Goodson von dieser Welt

abgerufen hatte, warf ich den Köder mit vollster Zuversicht

aus -- ich wußte, ihr würdet anbeißen. Vielleicht fange ich

nicht alle Männer, an welche ich die erdichtete Aeußerung mit

der Post geschickt habe, die meisten jedoch sicherlich, wie

ich den Charakter der Hadleyburger kenne. Bei ihrer verkehrten

Erziehung und inneren Haltlosigkeit wird selbst der Umstand,

daß das Geld im Glücksspiel gewonnen ist, sie nicht hindern, es

fälschlich an sich zu bringen. So hoffe ich denn, euern Stolz

auf ewige Zeiten zu Grunde gerichtet zu haben, und Hadleyburg

in einen ganz neuen Ruf zu bringen, der sich allenthalben

verbreiten wird und den es nie wieder loswerden soll. Wenn

mein Zweck erreicht ist, so öffne man den Sack und ernenne

einen Ausschuß zur Erhaltung und Verbreitung des Hadleyburger

Ruhmes.‹«

_Viele Stimmen_: »Der Ausschuß ist bereits erwählt. Die achtzehn

Tugendhelden sollen vortreten!«

Jetzt trennte Burgeß den Sack auf und nahm eine Handvoll großer gelber

Münzen heraus, die er durcheinander schüttelte und genau betrachtete.

»Werte Freunde,« sagte er, »es sind nur Scheiben aus vergoldetem Blech.«

Lautes Gelächter folgte auf diese Neuigkeit. Vergebens rief man nach

den Mitgliedern des Ausschusses, um ihnen das Gold einzuhändigen,

keiner rührte sich vom Platz. Endlich nahm der Sattler das Wort:

»Von allen unsern vornehmen Bürgern hat sich nur einer als redlich

bewährt. Der Mann braucht Geld und verdient eine Unterstützung. Ich

schlage daher vor, daß Jack Halliday den Auftrag erhält, den Sack voll

vergoldeter Zwanzigdollarstücke hier öffentlich zu versteigern und den

Ertrag Herrn Eduard Reichard zu übermitteln, denn er ist ein Mann von

echtem Schrot und Korn, dem Hadleyburg mit Freuden alle Ehre erweist.«

Die Leute klatschten Beifall, der Hund bellte und die Versteigerung

begann. Zuerst bot der Sattler einen Dollar; mehrere Bewohner von

Brixton und Barnums Vertreter trieben sich gegenseitig in die Höhe.

Bei jedem neuen Angebot jubelte die Menge; die Aufregung wuchs, die

Bietenden wurden hartnäckiger und kühner. Von einem Dollar stieg der

Preis auf fünf, auf zehn, auf zwanzig, auf fünfzig, auf hundert und

immer höher.

Als der Antrag zuerst gestellt wurde, hatte Reichard seiner Frau in

kläglichem Ton zugeflüstert: »O Mary, das dürfen wir nicht gestatten;

es ist ein Zeugnis für die Reinheit unseres Charakters, ein

Ehrengeschenk, und -- und -- wir können es doch nicht dulden! Sollen

wir nicht lieber aufstehen und -- Mary, was fangen wir nur an -- was

meinst du, daß wir --«

(_Hallidays Stimme_: »Fünfzehn für den Sack! Fünfzehn zum ersten

-- zwanzig -- danke bestens -- dreißig -- dreißig zum -- höre ich

recht? -- Vierzig -- bieten Sie weiter, meine Herren -- fünfzig zum

ersten, zum zweiten, zum -- siebzig -- neunzig -- bravo! immer höher!

-- hundert -- hundertzwanzig -- vierzig -- noch ist es Zeit! --

hundertfünfzig -- zweihundert -- zweihundertfünfzig -- keiner mehr? --«)

»Es ist eine neue Versuchung, Eduard -- ich zittere an allen Gliedern.

Aus der ersten sind wir glücklich errettet worden; das sollte uns zur

Warnung dienen --« [»Habe ich recht gehört? Sechs -- meinen Dank --

sechshundertfünfzig -- siebenhundert.«] »Und doch, wenn man’s recht

bedenkt, -- kein Mensch argwöhnt --« [»Achthundert Dollars! Hurra!

Neunhundert wäre noch besser! -- Haben Sie neunhundert gesagt, Herr

Parsons? -- Ganz recht -- also dieser schöne Sack, mit echtem Blech

gefüllt, soll samt der Vergoldung für nur neunhundert Dollars --

tausend -- sehr verbunden! Will niemand elfhundert bieten für den

Sack, der als eine der berühmtesten Raritäten in den Vereinigten

Staaten --«] »O Eduard,« schluchzte Mary, »wir sind so arm -- aber --

thu’ was dir am besten dünkt -- ich hindere dich nicht.«

Eduard erlag der Versuchung, das heißt, er saß still und beschwichtigte

sein Gewissen damit, daß die Umstände ihm keine Wahl ließen.

* * * * *

Während der ganzen Zeit war ein Fremder, welcher aussah wie ein

als englischer Graf verkleideter Geheimpolizist, den Verhandlungen

mit dem größten Interesse gefolgt. Jetzt trug sein Gesicht einen

hochbefriedigten Ausdruck, und was er bei sich dachte, war ungefähr

folgendes: »Die achtzehn Tugendhelden bieten nicht mit, das ist nicht

in der Ordnung, es verstößt gegen die poetische Gerechtigkeit. Sie

müssen im Gegenteil den Sack kaufen, den sie stehlen wollten, und

einen ordentlichen Preis dafür zahlen -- denn es sind reiche Leute

darunter. Außerdem hat der einzige Hadleyburger, der meine Berechnung

zu Schanden gemacht hat, eine hohe Prämie verdient, und sie darf ihm

nicht entgehen. Der arme alte Reichard ist ein ehrlicher Mann, das muß

ich zugeben, obgleich es mir unfaßlich scheint. Jedenfalls soll er den

Glückstopf ausleeren, wie es ihm von Rechts wegen gebührt. Daß er mich

Lügen gestraft hat, will ich ihm nicht nachtragen.«

Gespannt beobachtete der Fremde den weiteren Verlauf der Auktion.

Nachdem tausend Dollars geboten waren, ging der Preis nur noch langsam

in die Höhe. Ein Liebhaber nach dem andern zog sich zurück. Nun bot der

Fremde selbst ein paarmal mit, erst fünf Dollars mehr, jemand steigerte

ihn noch um drei Dollars, dann fügte er rasch fünfzig hinzu und der

Sack wurde ihm für eintausendzweihundertundzweiundachtzig Dollars

zugeschlagen. Die Menge brach in schallende Hochrufe aus, doch trat

gleich darauf eine lautlose Stille ein, als der Fremde mit der Hand

winkte und zu reden begann:

»Gestatten Sie mir ein Wort, geehrte Anwesende. Ich bin

Raritätenhändler und habe in der ganzen Welt Verbindungen mit Leuten,

die seltene Münzen sammeln. Zwar könnte ich den Sack, so wie er ist,

mit Gewinn verkaufen, aber einen ungleich größeren Vorteil würde

ich daraus ziehen, wenn Sie mir eine Bitte gewähren wollten, welche

ich Ihnen sogleich vortragen werde. Ich könnte dann jede einzelne

dieser blechernen Münzen mindestens für ein echtes Zwanzigdollarstück

verkaufen und würde gern einen Teil meines Profits Ihrem Mitbürger,

Herrn Reichard, überlassen, dessen unerschütterliche Redlichkeit

heute von Ihnen mit vollem Rechte anerkannt und gepriesen worden ist.

Sein Anteil würde zehntausend Dollars betragen, die ich ihm morgen

einhändigen will.« [Großer Beifall der Menge; Reichard und seine Frau

wurden dunkelrot bei dem Lob, das schadete jedoch nichts, man legte es

ihnen als Bescheidenheit aus.] »Der besondere Wert einer Rarität hängt

meistens davon ab, ob sie die Wißbegierde reizt oder viel besprochen

wird. Deshalb möchte ich Sie bitten, mir zu erlauben, daß ich auf diese

vergoldeten Blechmünzen hier die Namen der achtzehn Herren stempeln

lassen darf, welche --«

Mit Ausnahme einer kleinen Minderheit erhob sich die ganze Versammlung

wie ein Mann, um unter Lachen und Beifallklatschen ihre Zustimmung zu

geben. Als jedoch der Fremde seinen Dank dafür aussprechen wollte,

daß man so bereitwillig auf seinen Vorschlag eingegangen war,

erhoben sämtliche Tugendhelden außer Doktor Harkneß den heftigsten

Widerspruch; sie wollten es sich nicht gefallen lassen, daß man ihnen

solchen Schimpf anthäte, und stießen sogar Drohungen gegen den Fremden

aus, der jedoch ganz ruhig blieb.

Wie Hadleyburg verderbt wurde: Nebst anderen Erzählungen · 第 3 / 14 段