Dienst sein, den er möglicherweise geleistet haben konnte, ›ohne dessen
ganze Tragweite zu kennen‹. Das erleichterte die Sache wesentlich.
Nach einigem weiteren Kopfzerbrechen kam er denn auch wirklich zu
einem befriedigenden Ergebnis: Vor langen Jahren war Goodson einmal
nahe daran gewesen, ein liebes, hübsches Mädchen Namens Nancy Hewitt
zu heiraten; er hatte jedoch die Verlobung aus irgend einem Grunde
wieder aufgelöst. Bald darauf starb das Mädchen, und Goodson wurde mit
der Zeit ein verbitterter Hagestolz, der seine Menschenverachtung ganz
offen zur Schau trug. Nach Nancy Hewitts Tode hatte sich in der Stadt
das Gerücht verbreitet, daß das Mädchen nicht ausschließlich von Weißen
abstamme, sondern ein paar Tropfen Negerblut in den Adern gehabt habe.
Reichard wälzte diesen Umstand so lange in seinem Haupte, bis ihm war,
als tauchten aus der Tiefe seiner Erinnerung allerlei Einzelheiten
auf, an die er lange nicht mehr gedacht haben mochte. War er es denn
nicht gewesen, der den Flecken in des Mädchens Stammbaum entdeckt und
die Sache stadtbekannt gemacht hatte? Natürlich erfuhr Goodson, von
wem die Nachricht ausgegangen war und wer ihn davor bewahrt hatte,
die entehrende Heirat einzugehen. Und diesen wertvollen Dienst hatte
er ihm geleistet, ohne es selbst zu ahnen, also auch, ohne dessen
Tragweite zu kennen. Goodson aber, der wohl wußte, mit wie genauer Not
er der Gefahr entronnen war, blieb seinem Wohlthäter dankbar bis ans
Grab und wünschte sich ein Vermögen, um es ihm zu hinterlassen. Das
war alles klar und einfach, je mehr Reichard darüber nachdachte, um
so einleuchtender ward es ihm; ja, als er sein Haupt jetzt beglückt
und zufrieden in die Kissen schmiegte, stand ihm das Ganze so deutlich
vor der Seele, als hätte er es erst gestern erlebt. Mary hatte sich
unterdessen für sechstausend Dollars ein Haus gekauft und ein Paar
Pantoffeln zum Geschenk für ihren Pastor; dann war sie friedlich
eingeschlummert. --
An ebendemselben Samstag Abend hatte der Postbote auch jedem der
andern angesehenen Hadleyburger einen Brief gebracht -- neunzehn
Briefe alles in allem. Die Couverts waren ganz verschieden und nicht
zwei Adressen von der nämlichen Hand, aber die Briefe selbst glichen
einander völlig. Es waren genaue Abschriften desjenigen, welchen
Reichard erhalten hatte, auch alle von Stephenson selbst geschrieben,
nur mit dem einzigen Unterschied, daß darin der Name des jedesmaligen
Adressaten an Stelle von Reichards Namen stand.
Die ganze Nacht hindurch thaten die achtzehn angesehenen Männer,
was ihr Mitbürger Reichard um dieselbe Zeit gethan hatte -- sie
waren aus Leibeskräften bemüht, sich auf den wichtigen Dienst zu
besinnen, den sie -- ohne es zu wissen -- Barclay Goodson geleistet
hatten. Die Arbeit kostete ihnen manchen Schweißtropfen, aber sie
wurden doch damit fertig. Was ihre neunzehn Ehegattinnen unterdessen
thaten, war nicht so schwer. Sie gaben durchschnittlich siebentausend
Dollars von den vierzigtausend aus, die der Sack enthielt --
einhundertdreiunddreißigtausend Dollars im ganzen, wenn man die Summen
zusammenzählt.
Tags darauf war Jack Halliday höchlich überrascht, zu sehen, daß die
Gesichter der neunzehn angesehensten Bürger und ihrer Frauen wieder
den früheren glückstrahlenden Ausdruck trugen. Es schien ihm unfaßlich
und ihm fiel auch nicht die kleinste witzige Bemerkung ein, um diese
himmlische Ruhe zu stören. Das machte ihn nun seinerseits mißmutig und
ärgerlich. Wie sehr er sich auch bemühte, dem Rätsel auf den Grund zu
kommen, es wollte ihm nicht gelingen. Als er Frau Wilcox begegnete
und in ihr verklärtes Antlitz sah, dachte er bei sich: »Ihre Katze
hat Junge gekriegt,« aber das war nicht der Fall, wie er auf seine
Erkundigung von der Köchin erfuhr. Hatte Billsons Nachbar vielleicht
das Bein gebrochen? War Gregor Yates Schwiegermutter gestorben? Hatte
Pinkerton ein Zehncentstück einkassiert, das er schon für verloren
gehalten? -- Dies und noch vieles andere riet Jack Halliday, als er
die seelenvergnügten Mienen der Leute sah; aber meistens erfuhr er,
daß er fehlgeschossen hatte, und in den übrigen Fällen blieb die Sache
zweifelhaft. Nur _eins_ stand fest, nämlich daß neunzehn Hadleyburger
Familien sich augenblicklich wie im Himmel fühlten, und mit dieser
Gewißheit mußte sich Halliday fürs erste beruhigen.
Ein Bauunternehmer aus dem Nachbarstaat hatte sich vor kurzem am Ort
niedergelassen und ein Geschäft eröffnet. Schon seit acht Tagen hing
sein Schild heraus, aber noch war kein Kunde gekommen. Das entmutigte
ihn sehr und er fing bereits an, sein Unternehmen zu bereuen, als der
Wind plötzlich umschlug. Die Frauen der ersten Bürger der Stadt fanden
sich eine nach der andern bei ihm ein, um ihn auf den oder jenen Tag
der nächsten Woche zu sich zu bestellen. »Reden Sie einstweilen noch
nicht davon,« hieß es; »wir haben den Plan, uns ein Haus zu bauen,
möchten aber nicht, daß es gleich unter die Leute käme.«
Der Mann erhielt elf Aufträge an einem Tage und schrieb noch denselben
Abend an seine Tochter, sie solle ihre Verlobung mit dem Studenten
auflösen, da sie jetzt eine weit bessere Partie machen könne.
Der Bankier Pinkerton und noch ein paar andere wohlhabende Herren
gedachten sich Landhäuser zu kaufen -- doch warteten sie die Sache erst
ab. Menschen dieses Schlages machen die Rechnung nie ohne den Wirt.
Bei Wilsons hatte man den großen Plan gefaßt, ein Kostümfest zu geben.
Man äußerte zwar noch nichts Bestimmtes, sondern erging sich den
Bekannten gegenüber nur in allgemeinen vertraulichen Andeutungen. »Wir
haben es uns vorgenommen,« hieß es, »und wenn es dazu kommt, werden Sie
natürlich auch eingeladen.« Alles war erstaunt darüber. »Wie können die
armen Wilsons nur an so etwas denken,« sagte eins zum andern; »ihre
Mittel erlauben es ihnen doch nicht.« Einige Damen aus der Zahl der
neunzehn meinten aber, der Gedanke wäre nicht schlecht, und beschlossen
zu warten, bis die armselige Geschichte vorüber sei, und dann einen
Ball zu geben, der jenen ganz in den Schatten stellen sollte.
Je näher die Zeit rückte, um so mehr wuchs die Verschwendungssucht,
immer wilder wurden die Wünsche, immer leichtsinniger die Ausgaben. Es
hatte ganz den Anschein, als ob jede einzelne der neunzehn Familien
nicht nur mit den vierzigtausend Dollars fertig werden, sondern
sich auch darüber hinaus in Schulden stürzen wollte, noch ehe die
Entscheidung gefallen war. In ihrer Sorglosigkeit begnügten sich manche
nicht damit, Pläne zu schmieden, sie machten wirkliche Einkäufe --
auf Kredit. Bauplätze, Hypotheken, Wiesen und Aecker, Börsenpapiere,
kostbare Kleider, Wagen und Pferde nebst vielen andern Dingen
schafften sich die Leute an, zahlten ein Draufgeld und machten sich
verbindlich, den Rest nach Ablauf von zehn Tagen zu entrichten.
Dieser erste Rausch war jedoch bald wieder verflogen und auf vielen
Gesichtern begann sich eine entsetzliche Sorge und Angst zu spiegeln,
wie Halliday zu seiner Verwunderung bemerkte. Das Rätsel wurde ihm nur
noch unerklärlicher. »Die Kätzchen bei Wilcox sind nicht gestorben,
weil gar keine zur Welt gekommen waren,« dachte er bei sich; »niemand
hat das Bein gebrochen, alle Schwiegermütter sind noch am Leben -- da
werde nun einer klug daraus!«
Auch ein anderer Hadleyburger war über die Vorgänge in der Stadt
höchlich verblüfft, nämlich der Pastor Burgeß. Tagelang konnte er
nirgends hingehen, ohne daß jemand ihm folgte oder ihm auflauerte.
Kam er an irgend einen entlegenen Ort, so tauchte sicher dieser oder
jener seiner Mitbürger auf, drückte ihm verstohlen einen Briefumschlag
in die Hand, flüsterte: »Am Freitag Abend im Rathaus zu öffnen,« und
verschwand wieder gleich einem Missethäter. Dem Pastor war es von
vornherein zweifelhaft gewesen, ob jemand Anspruch auf den Sack
erheben werde, denn Goodson war ja tot. Daß die Leute, welche sich an
ihn drängten, lauter Bewerber sein könnten, kam ihm daher auch nicht
von ferne in den Sinn. Als der wichtige Tag endlich erschien, hatte
Burgeß neunzehn versiegelte Briefumschläge in der Tasche.
III.
Der Rathaussaal hatte noch nie so prächtig ausgesehen. Im Hintergrund
der Rednerbühne, sowie längs den Wänden und Galerien war der ganze
Raum mit reichem Flaggenschmuck verkleidet und behängt; sogar um die
Säulen schlangen sich bunte Fahnen. Dies Festgepränge sollte einen
mächtigen Eindruck auf die Fremden machen, die, wie man vorausgesehen
hatte, von nah und fern herbeiströmten; unter ihnen auch eine Menge
Berichterstatter der hervorragendsten Zeitungen. Der Saal war zum
Erdrücken voll. Nicht nur die 412 festen Plätze waren sämtlich besetzt,
sondern auch 68 Extrastühle, welche man hier und da verteilt hatte,
sowie die Stufen zur Rednerbühne. Auf dieser selbst befanden sich
Ehrensitze für die vornehmsten Gäste, und Tische in Hufeisenform, an
denen die Herren von der Presse Platz genommen hatten.
Die Damen waren in großer Toilette; solchen Staat hatte Hadleyburg
noch nie erblickt. Dem Anschein nach fühlten sich einige von ihnen
nicht sehr behaglich in den kostbaren Gewändern. Wenigstens machten die
Einheimischen diese Bemerkung, was aber wohl daher rühren mochte, daß
sie genau wußten, jene Damen hätten in ihrem ganzen Leben noch niemals
solche Kleider angehabt.
Im Vordergrund der Rednerbühne, auf einem kleinen Tisch, wo alle
Welt ihn sehen konnte, lag der Goldsack. Dorthin wandten sich die
meisten Blicke mit brennender Begierde und schmerzlich sehnsüchtigem
Verlangen, während neunzehn Ehepaare den Sack mit einem liebevollen
Eigentumsgefühl betrachteten. Die männlichen Hälften dieser glücklichen
Minderzahl wiederholten sich dabei im stillen die hübsche kleine
Rede aus dem Stegreif, mit welcher sie alsbald ihren Dank für die
Glückwünsche der Menge auszudrücken gedachten. Von Zeit zu Zeit zog
bald dieser bald jener Herr ein Stück Papier aus der Westentasche, um
seinem Gedächtnis nachzuhelfen.
Anfänglich herrschte ein lebhaftes Stimmengewirr; als aber Pastor
Burgeß aufstand und seine Hand auf den Sack legte, wurde es totenstill
im Saal; man hätte eine Mücke husten hören können. Der Pastor erzählte
die wunderbare Geschichte des Sacks und erging sich dann in warmen
Worten über Hadleyburgs wohlverdienten Ruf fleckenloser Redlichkeit,
auf den die Stadt mit Recht stolz sein könne. Dieser Ruf, sagte er,
sei ein Besitz von unschätzbarem Wert, auf welchem auch Gottes Segen
sichtlich ruhe. Denn durch jene merkwürdige Begebenheit habe sich
Hadleyburgs Ruhm allenthalben verbreitet, so daß die Blicke von ganz
Amerika jetzt auf diese Stadt gerichtet seien und ihr Name für alle
Zeiten, wie er glaube und hoffe, als Sinnbild unbestechlicher Treue in
Handel und Wandel gelten werde. [Beifall.] »Wer aber soll der Hüter
dieses kostbaren Schatzes sein? Etwa die ganze Gemeinde? O nein! Jeder
Einzelne ist dafür verantwortlich. Von heute ab hat jeder Bewohner
dieser Stadt persönlich Sorge zu tragen, daß unser herrlichstes
Besitztum unangetastet bleibt. Wollt ihr diese große Verantwortung
auf euch nehmen? [Brausende Rufe der Zustimmung.] Dann ist alles wohl
bestellt. Vererbt den Schatz auf eure Kinder und Kindeskinder! Bisher
hat niemand eure Lauterkeit antasten können -- möge es immer so
bleiben. Kein einziger von unsern Mitbürgern würde sich heute verführen
lassen, auch nur einen Pfennig anzurühren, der ihm nicht gehört --
sehet zu, daß ihr in solcher Tugend beharrt.« [»Ja, ja, das wollen
wir!«] »Hier ist nicht der Ort, um einen Vergleich zwischen uns und
andern Gemeinden anzustellen, von denen einige kein Wohlwollen für
uns hegen. Sie haben ihre Sitten und Gebräuche und wir die unsrigen
-- daran soll uns genügen. [Beifall.] Ich bin zu Ende, meine Freunde.
Hier lege ich die Hand auf den Goldsack, dies beredte Zeugnis für die
Anerkennung, die ein Fremder unserer Tugend zollt. Sie wird durch ihn
jetzt und für alle Zeit in der ganzen Welt verkündet werden. Der Mann
ist uns unbekannt, aber ich spreche ihm in euer aller Namen unsern
tiefgefühlten Dank aus und bitte euch, mit mir in ein Hoch auf ihn
einzustimmen.«
Der ganze Saal erhob sich, und minutenlang schallten die Wände von
donnernden Hurrarufen wieder. Als die Ruhe hergestellt war, zog Pastor
Burgeß einen versiegelten Briefumschlag aus der Tasche, öffnete ihn und
nahm einen Papierstreifen heraus. In atemloser Spannung lauschten die
Anwesenden auf die Zauberworte, von denen jedes einen Klumpen Gold
wert war und die der Pastor jetzt langsam und nachdrücklich vorlas:
»Die Aeußerung, welche ich dem armen Fremden gegenüber that, lautete:
›Ihr seid noch lange kein ganz schlechter Mensch. Geht hin und bessert
Euch.‹« Dann fuhr Burgeß fort: »Wir wollen uns nun überzeugen, ob diese
Aeußerung gleichlautend ist mit den Worten, die der Sack enthält. Dies
wird unzweifelhaft der Fall sein, und sobald es bewiesen ist, gehört
der Goldsack einem unserer Mitbürger, der fortan bei allem Volk als
Inbegriff und Vertreter jener besonderen Tugend gelten wird, die den
Ruhm unserer Stadt in ganz Amerika ausmacht. Sein Name ist -- Billson!«
Alle hatten sich schon zu einem gewaltigen Beifallssturm gerüstet;
jetzt schienen sie plötzlich wie vom Frost erstarrt. Eine unheimliche
Stille lagerte über der Versammlung, dann hörte man allmählich ein
leises Flüstern, das immer deutlicher wurde: »Billson! Nanu -- wer
das glaubt! Zwanzig Dollars hätte der einem Fremden gegeben? Nicht
im Traum würde es ihm einfallen. Ja, Prosit -- so was lassen wir uns
nicht aufbinden!« Aber ihrer wartete noch eine größere Ueberraschung.
Während an einer Stelle des Saales der Kirchenrat Billson mit demütig
gesenktem Haupt dastand, hatte sich an einer andern Rechtsanwalt Wilson
erhoben. Verwundert schwieg die Menge eine Weile, und die Entrüstung
der neunzehn Ehepaare war groß. Billson und Wilson hatten sich
umgewandt und starrten einander an.
»Weshalb stehen Sie auf, Herr Wilson?« fragte Billson in beißendem Ton.
»Weil ich ein Recht dazu habe. Vielleicht würden Sie so freundlich
sein, den Anwesenden zu erklären, warum Sie nicht sitzen bleiben.«
»Mit Vergnügen. Ich habe den Zettel dort geschrieben.«
»Das ist eine unverschämte Lüge. Er ist von _meiner Hand_.«
Jetzt war die Reihe an Burgeß, sich zu verwundern. Er stand stumm da
und starrte bald den einen, bald den andern an, ohne zu wissen, was er
thun sollte. Endlich nahm Wilson das Wort:
»Ich ersuche den Vorsitzenden,« sagte er, »den Namen zu lesen, mit
welchem das Papier unterzeichnet ist.«
Das brachte den Pastor wieder zu sich.
»John Wharton Billson,« las er.
»Da haben Sie’s,« schrie Billson. »Wie wollen Sie sich nun herausreden
und sich wegen der Beleidigung entschuldigen, die Sie mit Ihrer frechen
Täuschung nicht nur mir, sondern dieser ganzen Versammlung zugefügt
haben?«
»Von Entschuldigung ist gar keine Rede. Im Gegenteil, mein Herr, ich
klage Sie hiermit öffentlich an, daß Sie dem Pastor Burgeß meinen
Zettel entwendet und eine Abschrift untergeschoben haben, auf der Ihr
Name steht. Dies ist die einzige Art, wie Sie zur Kenntnis der bewußten
Aeußerung gelangt sein können, denn außer mir weiß kein Mensch in der
ganzen Welt, wie jene Worte gelautet haben.«
Der Sache mußte ein Ende gemacht werden, wollte man nicht das
ärgerlichste Aufsehen erregen und der Klatschsucht Thür und Thor
öffnen. Alle sahen bestürzt nach den Stenographen hin, die in rasender
Eile immer weiter schrieben. »Zur Ordnung! Zur Ordnung!« rief man von
allen Seiten dem Vorsitzenden zu, bis dieser mit dem Hammer auf den
Tisch klopfte.
»Meine Herren, lassen Sie uns die Würde dieser Versammlung aufrecht
halten und den Anstand nicht verletzen,« sagte Burgeß. »Offenbar
liegt hier ein Irrtum vor, weiter nichts. Wenn Herr Wilson mir ein
Couvert gegeben hat, wie mir jetzt erinnerlich ist, so befindet sich
dasselbe auch noch in meinem Besitz.« Er zog einen Umschlag aus der
Tasche, öffnete ihn, warf einen Blick hinein, machte ein verstörtes,
bekümmertes Gesicht, stand eine Weile in ratlosem Schweigen da, erhob
dann unwillkürlich die Hand und versuchte mehrmals zu sprechen, brachte
aber kein Wort heraus.
»Vorlesen! Vorlesen!« riefen viele Stimmen. »Was steht darin?«
Mechanisch und wie ein Träumender gehorchte Burgeß der Aufforderung:
»Die Aeußerung, welche ich dem unglücklichen Fremden gegenüber that,
lautete: ›Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch [die Zuhörer
schauten ihn verblüfft an]. Geht hin und bessert Euch.‹« [Gemurmel:
»Wunderbar! Was soll das nur bedeuten!«] »Dies ist Thurlow G. Wilson
unterschrieben,« sagte der Vorsitzende.
»Habe ich’s nicht gesagt,« schrie Wilson; »jetzt ist es sonnenklar. Ich
wußte ja gleich, daß mein Brief abgeschrieben worden ist.«
»Das ist erlogen,« tobte Billson; »ich verbitte mir dergleichen von
Ihnen und Leuten Ihres Gelichters.«
_Der Vorsitzende_: »Ich muß Sie zur Ruhe verweisen, meine Herren, und
Sie beide ersuchen, Ihre Plätze wieder einzunehmen.«
Murrend, unter zornigem Widerspruch folgten sie der Aufforderung. Die
Versammelten sahen einander kopfschüttelnd an, keiner wußte sich den
seltsamen Fall zurechtzulegen. Endlich stand der Hutmacher Thomson auf.
Er wäre gern einer der neunzehn angesehensten Bürger gewesen, allein
das war ihm nicht beschieden; für solche Würde war sein Hutlager nicht
groß genug.
»Ich erlaube mir, dem Vorsitzenden zu bemerken,« sagte er, »daß
die beiden Herren dem Fremden gegenüber schwerlich genau dieselben
Worte gebraucht haben. Nach meiner Ansicht ist das ein Ding der
Unmöglichkeit.«
Hier wurde Thomson von dem Lohgerber unterbrochen, der zu den
Unzufriedenen gehörte, weil er nicht als ein Neunzehner anerkannt
wurde, wiewohl er Anspruch darauf zu haben meinte. Dies gab seiner Art
und Weise einen etwas unangenehmen Beigeschmack.
»Bah,« rief er, »das ist gar nicht der Punkt, auf den es ankommt.
So etwas könnte geschehen -- alle hundert Jahre einmal --; aber das
andere liegt außer dem Bereich der Möglichkeit: Keiner von beiden hat
die zwanzig Dollars gegeben!« [Schallender Beifall.]
_Billson_: »Ich habe es gethan!«
_Wilson_: »Nein, ich habe es gethan!«
Wieder beschuldigten sie einander des Diebstahls.
_Der Vorsitzende_: »Ruhe, sage ich. Setzen Sie sich, meine Herren.
Keins der beiden Couverts ist mir auch nur einen Augenblick aus der
Hand gekommen.«
_Eine Stimme_: »Gut -- damit ist das abgemacht.«
_Der Lohgerber_: »Ich weiß, wie es zugegangen sein muß: Einer der
Männer hat sich unter dem Bett des andern versteckt und seine
Familiengeheimnisse belauscht. Wenn es nicht unparlamentarisch ist,
möchte ich die Behauptung aufstellen, daß man allen beiden so etwas
zutrauen kann.« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung, zur Ordnung!«] »Ich
ziehe meine Bemerkung zurück und will nur noch erwähnen, daß, wenn der
eine gehört hat, wie der andere die wichtige Aeußerung seiner Frau
mitteilte, wir jetzt bald hinter seine Schliche kommen werden.«
_Eine Stimme_: »Wieso?«
_Der Lohgerber_: »Nichts leichter als das. Die Aeußerung ist von beiden
nicht genau in denselben Worten wiedergegeben worden. Das würde den
Anwesenden auch aufgefallen sein, wenn die zweite Lesart nicht erst
nach einiger Zeit und nach aufregenden Streitigkeiten vorgetragen
worden wäre.«
_Eine Stimme_: »Was ist der Unterschied?«
_Der Lohgerber_: »Auf Billsons Zettel steht das Wort _ganz_ -- auf dem
andern nicht.«
_Viele Stimmen_: »Richtig, richtig, so ist es!«
_Der Lohgerber_: »Wenn nun der Herr Vorsitzende die Probe macht und
den Zettel im Sack liest, werden wir erfahren, wer von den beiden
Betrügern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von diesen
zwei Glücksjägern --« [_Der Vorsitzende_: »Zur Ordnung!«] »wer von
den beiden Ehrenmännern --« [Gelächter und Beifall] »die Auszeichnung
genießen soll, der erste Halunke zu sein, der je in unserer durch
ihn entehrten Stadt geboren und erzogen worden ist. Sein fernerer
Aufenthalt hier dürfte für ihn etwas unbehaglich werden.« [Lebhafter
Beifall.]
_Viele Stimmen_: »Oeffnen, öffnen -- den Sack öffnen!!«
Burgeß machte einen Schlitz in den Sack, steckte die Hand hinein
und zog ein Couvert heraus, welches zwei zusammengefaltete Papiere
enthielt. Dann sagte er:
»Hier auf diesem Zettel steht: ›Erst zu öffnen, nachdem alle
schriftlichen Mitteilungen, die der Vorsitzende etwa erhalten hat,
gelesen worden sind.‹ Das andere Papier trägt die Aufschrift: ›Die
Probe‹. Mit Ihrer Erlaubnis will ich den Inhalt lesen; er lautet:
»Ich verlange nicht, daß die Aeußerung, welche mein Wohlthäter
mir gegenüber gethan hat, in ihrer ersten Hälfte dem Wortlaut
nach genau wiedergegeben sein soll; sie war unbedeutend und er
hat sie möglicherweise vergessen. Die letzten Sätze aber sind
so schlagend, daß sie ihm sicherlich im Gedächtnis geblieben
sind. Stimmen diese nicht mit der Probe überein, so hat man
es mit einem Betrüger zu thun. Mein Wohlthäter begann mit der
Bemerkung, daß er selten guten Rat erteile, thäte er es aber
einmal, so sei sein Rat auch von erster Güte. Was er nun sagte,
hat sich mir unauslöschlich ins Gedächtnis eingeprägt: ›Ihr
seid noch lange kein schlechter Mensch --‹«
_Viele Stimmen_: »Das ist entscheidend -- das Gold gehört Wilson. Er
soll reden! Wilson hat das Wort!«
Die Leute sprangen von ihren Sitzen auf, sie umringten Wilson,
schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm von Herzen Glück, während
der Vorsitzende immer lauter mit dem Hammer auf den Tisch klopfte und
rief:
»Ruhe! Ordnung, meine Herren! Ich bitte um Ruhe! Lassen Sie mich den
Zettel zu Ende lesen. --«
Als sich der Sturm gelegt hatte, fuhr Burgeß fort:
»›Geht hin und bessert Euch. Thut Ihr es nicht, so werdet Ihr
eines Tages sicherlich in Euern Sünden sterben und zur Strafe
in die Hölle kommen, oder nach Hadleyburg -- _ersteres wäre
noch vorzuziehen_.‹«
Eine unheimliche Stille entstand. Zuerst lagerten sich dunkle
Zorneswolken auf der Stirn aller Hadleyburger, doch allmählich
erheiterten sich die Gesichter wieder, ja es schien, daß sie
große Mühe hatten, den Lachkitzel zu unterdrücken, der sich ihrer
unwiderstehlich bemächtigte. Die Berichterstatter, die Bürger aus
Brixton und sämtliche fremde Gäste hielten sich die Hand vors Gesicht
oder saßen mit gesenktem Kopf da, während sie sich aus Höflichkeit
aufs äußerste anstrengten, ihre Lachmuskeln zu beherrschen. In diesem
verhängnisvollen Augenblick unterbrach Jack Halliday plötzlich das
allgemeine Schweigen, indem er mit lauter Stimme rief: »Das Ding ist
echt -- ein Rat erster Güte!«
Jetzt platzte die ganze Versammlung heraus, Fremde wie Einheimische,
und als sogar Burgeß seine Ernsthaftigkeit nicht behaupten konnte,
legte sich niemand mehr Zwang auf. Ein ungeheures Gelächter erscholl,
das lange kein Ende nehmen wollte. Ein paarmal wischten sich die Leute
schon die Augen aus und der Vorsitzende nahm sich gewaltig zusammen,
um die Verhandlung fortzusetzen, aber immer von neuem brachen die
Lachsalven unaufhaltsam hervor, und es dauerte eine geraume Zeit, ehe
Burgeß endlich anhub:
»Es würde nutzlos sein, wollten wir versuchen, uns die Thatsache zu
verhehlen, daß es sich hier um eine sehr ernste Sache handelt, denn die
Ehre und der gute Name unserer Stadt stehen auf dem Spiel. Schon der
Umstand, daß die beiden Zettel der Herren Wilson und Billson sich nur
durch _ein_ Wort unterschieden, war von schwerwiegender Bedeutung, da
derselbe klar bewies, daß einer von ihnen sich des Diebstahls schuldig
gemacht hatte --«
Die beiden Männer, welche in großer Niedergeschlagenheit dagesessen
hatten, sprangen bei diesen Worten wie elektrisiert in die Höhe.
»Setzen Sie sich,« befahl der Vorsitzende streng, und sie gehorchten.
»Wie gesagt, der Umstand war unheilvoll, doch nur für einen der
Beteiligten. Jetzt aber erhält die Sache ein noch weit schlimmeres
Ansehen, denn die Ehre beider ist nicht nur bedroht, sondern ich darf
wohl sagen unrettbar verloren. Beide haben die letzten Sätze mit den
entscheidenden Worten ausgelassen.« Er hielt inne und die lautlose
Stille, welche entstand, erhöhte noch die eindrucksvolle Wirkung des
Augenblicks. Dann fuhr er fort:
»Mir scheint, daß es hier nur _eine_ mögliche Erklärung giebt --
deshalb frage ich die Herren -- geschah dies auf Verabredung -- in
heimlichem Einverständnis?«
Ein Flüstern ging durch den Saal: »Er hat sie beide in der Falle,«
murmelte die Menge.
Billson war einer so schwierigen Lage nicht gewachsen; er saß in
völliger Hilflosigkeit da. Aber Wilson, der Advokat, hatte sich
ermannt; mit bleicher, verstörter Miene richtete er sich empor.