Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter oder
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gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so
dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
Buches.
Mark Twains
Humoristische Schriften
Neue Folge. 6. Band
Wie
Hadleyburg verderbt wurde
Nebst anderen Erzählungen
Von
Mark Twain
Autorisiert
Inhalt:
Wie Hadleyburg verderbt wurde. -- Das Gesundbeten.
-- Die Verschwörung von Fort Trumbull. --
Aus den ›London Times‹ von 1904. -- Das Todeslos.
-- Zwei kleine Geschichten.
[Illustration]
Stuttgart
Verlag von Robert Lutz
1903.
Alle Rechte vorbehalten.
Druck von A. Bonz’ Erben in Stuttgart
Inhalt.
Seite
Wie Hadleyburg verderbt wurde 7
Das Gesundbeten 111
Die Verschwörung von Fort Trumbull 185
Aus den ›London Times‹ von 1904 249
Das Todeslos 275
Zwei kleine Geschichten 297
Wie Hadleyburg verderbt wurde.
I.
Vor vielen, vielen Jahren war Hadleyburg in der ganzen Gegend wegen
seiner Rechtschaffenheit allgemein bekannt. Es hatte sich diesen Ruhm,
der seinen größten Stolz ausmachte, schon seit drei Generationen
unbefleckt erhalten. Damit der Stadt nun auch in Zukunft nichts
davon verloren ginge, war man eifrig bemüht, bereits dem Säugling
in der Wiege feste Grundsätze der Ehrlichkeit in Handel und Wandel
einzuflößen und die ganze spätere Erziehung der Kinder auf solchen
Lehren weiterzubauen. Man sorgte vor allem dafür, daß ihnen während
der Entwickelungsjahre jede Versuchung fern gehalten wurde, damit die
redliche Gesinnung Zeit hätte, sich zu befestigen und ihnen sozusagen
in Mark und Knochen überzugehen. Alle Nachbarstädte waren eifersüchtig,
weil Hadleyburg sie an Rechtschaffenheit weit übertraf, und spotteten
darüber, daß es sich auf seinen Ruf so viel einbildete. Aber trotzdem
konnten sie nicht umhin, anzuerkennen, daß in der Stadt wirklich die
unbestechlichste Redlichkeit herrschte, ja sie mußten sogar zugeben,
daß es für jeden jungen Mann, der aus Hadleyburg stammte, keiner
andern Empfehlung bedurfte, wenn er seinen Geburtsort verließ, um sich
auswärts eine Vertrauensstellung zu suchen.
Einmal hatte die Stadt jedoch im Laufe der Zeit das Unglück gehabt,
einem durchreisenden Fremden eine -- vielleicht ganz absichtslose --
Kränkung zuzufügen. Die Hadleyburger machten sich natürlich keinen
Kummer über so etwas, denn sie waren sich selbst genug und das Urteil
fremder Leute ließ sie völlig gleichgültig. Dennoch hätten sie klüger
gethan, sich diesen Fall mehr zu Herzen zu nehmen, weil der Beleidigte
ein verbitterter Mensch von rachsüchtiger Gemütsart war. Ein ganzes
Jahr lang dachte er auf allen seinen Wanderungen nur an die erlittene
Kränkung und benutzte jeden freien Augenblick, um auf ein Mittel
zu sinnen, wie er sich volle Genugthuung verschaffen könne. Ihm
fiel mancher gute Plan ein, aber keiner, der ihn ganz befriedigte.
Das alles hätte nur eine mehr oder minder große Zahl der Bewohner
geschädigt, und er wollte etwas ausfindig machen, wobei die ganze Stadt
in Mitleidenschaft gezogen würde und auch nicht ein einziger Mensch
mit heiler Haut davon käme. Endlich geriet er auf einen glücklichen
Gedanken und helle Schadenfreude blitzte ihm aus den Augen, als der
Plan ihm durch den Kopf fuhr. Sofort stand sein Entschluß fest: »Ja, so
will ich’s machen,« sagte er bei sich; »ich will die Stadt verführen
und verderben.«
Ein halbes Jahr war vergangen, da fuhr der Fremde eines Abends gegen
zehn Uhr vor dem Hause des alten Bankkassierers in Hadleyburg vor.
Er holte einen Sack aus seinem Einspänner, lud ihn auf die Schulter
und schwankte unter der Last über den Hof bis zur Hausthür, wo er
anklopfte. »Herein!« rief eine Frauenstimme. Der Fremde betrat das
Wohnzimmer, stellte den Sack hinter den Ofen und wandte sich dann in
höflichem Ton an die alte Dame, die, in ihrem Missionsblatt lesend, bei
der Lampe saß:
»Ich will Sie nicht stören; behalten Sie, bitte, Platz, Madame. So,
jetzt habe ich den Sack so gut wie möglich verborgen; kein Mensch
würde etwas davon merken. Könnte ich wohl Ihren Mann einen Augenblick
sprechen?«
»Nein; er ist nach Brixton gefahren und wird schwerlich vor morgen früh
heimkehren.«
»So? -- Nun, das schadet weiter nichts. Ich wollte ihm nur diesen
Sack übergeben, mit der Bitte, ihn seinem rechtmäßigen Eigentümer
zuzustellen, sobald derselbe sich findet. Ich bin hier fremd und Ihr
Mann kennt mich nicht. Auf meiner Durchreise wünschte ich, diese Sache,
welche mir schon lange am Herzen liegt, ein für allemal zu erledigen.
Das ist jetzt geschehen, und ich kann stolz und zufrieden weiterziehen.
An dem Sack ist ein Zettel befestigt, aus dem Sie alles Nähere erfahren
werden. Gute Nacht, Madame!«
Die alte Dame war froh, als der geheimnisvolle Fremde wieder fortging,
denn sie fürchtete sich vor dem großen, starken Mann. Doch konnte sie
ihre Neugierde nicht lange bezähmen; sie band das Papier von dem Sack
los und begann zu lesen:
»Sie haben die Wahl, ob Sie dies veröffentlichen, oder auf
privatem Wege Erkundigungen nach dem richtigen Manne einziehen
wollen; eins ist so gut wie das andere. -- Der Sack enthält
Goldmünzen im Gewicht von einhundertsechzig Pfund vier Loth --«
»Ums Himmels willen -- und die Thür ist nicht verschlossen!«
An allen Gliedern bebend, stürzte Frau Reichard nach der Thür und
drehte den Schlüssel um. Dann schloß sie auch die Fensterladen und
blieb mitten in der Stube in ängstlichem Sinnen stehen, ob sie nicht
noch etwas für die Sicherung des Goldes und ihrer eigenen Person thun
könne. Eine Weile horchte sie gespannt auf etwaige Einbrecher, dann
trieb die Neugierde sie wieder zu ihrer Lampe zurück und sie las die
Schrift bis ans Ende:
»Ich bin ein Ausländer und kehre jetzt in meine Heimat zurück,
die ich nicht wieder zu verlassen denke. Für alles Gute, das
ich unter dem Schutz des Sternbanners genossen habe, werde ich
Amerika stets erkenntlich bleiben. Ganz besonderen Dank schulde
ich aber einem amerikanischen Bürger und Bewohner Hadleyburgs,
der mir vor etwa zwei Jahren die größte Freundlichkeit erwies.
Eigentlich hat er mir sogar einen doppelten Dienst geleistet,
wie ich des näheren erklären will: Ich hatte mich beim
Glücksspiel zu Grunde gerichtet und kam spät abends hungrig
und ohne einen Heller in der Tasche hier im Orte an. Bei Tage
hätte ich mich geschämt zu betteln, aber im Dunkel der Nacht
bat ich einen Herrn auf der Straße um Hilfe. Ich war an den
Rechten gekommen. Er schenkte mir zwanzig Dollars und gab mir
dadurch nicht nur das Leben wieder, sondern machte mich auch
zum reichen Manne. Denn mit jenen zwanzig Dollars gewann ich
mir ein Vermögen am Spieltisch. Zugleich aber that er eine
Aeußerung, die ich bis auf den heutigen Tag nicht vergessen
kann; sie hat mich zur Besinnung gebracht und mir geholfen,
meine Spielerleidenschaft zu überwinden. Jetzt bin ich ganz
davon geheilt. Leider habe ich keine Ahnung, wer der Mann ist,
doch wünsche ich, ihn zu entdecken, denn für ihn ist dies Gold
bestimmt. Er kann damit thun, was er will, es verschenken, es
fortwerfen oder behalten, ganz nach Belieben. Es soll nur der
Ausdruck meiner Dankbarkeit sein. Könnte ich mich längere Zeit
hier aufhalten, so würde ich selbst nach ihm suchen, bis ich
ihn fände; aber ich zweifle nicht, daß man es auch ohne meinen
Beistand bewerkstelligen wird, und setze mein ganzes Vertrauen
auf die wohlbekannte Rechtschaffenheit der Bewohner dieser
Stadt. Mein Wohlthäter wird sich gewiß noch der Aeußerung
erinnern, die er mir gegenüber gethan hat und sich dadurch als
der richtige Mann ausweisen.
»Falls Sie vorziehen, die Nachforschung auf privatem Wege zu
betreiben, brauchen Sie bloß den Inhalt dieses Schreibens
demjenigen Ihrer Mitbürger kund zu thun, welcher Ihrer Ansicht
nach der richtige Mann sein könnte. Sagt er dann: ›Ja, der
bin ich, meine Aeußerung lautete so und so,‹ dann machen Sie
die Probe: Wenn Sie den Sack öffnen, werden Sie darin einen
versiegelten Umschlag finden, der die bewußte Aeußerung
enthält. Stimmt dieselbe mit den Worten des Mannes überein,
so kann er den Sack ohne alles weitere mitnehmen, denn er ist
sicherlich der Rechte.
»Ziehen Sie aber ein öffentliches Verfahren vor, dann lassen
Sie meine Zuschrift im hiesigen Tageblatt abdrucken, nebst den
folgenden Bedingungen: Am dreißigsten Tage nach dem heutigen
Datum soll sich der Bewerber um acht Uhr abends auf dem
Rathaus einfinden und dem Herrn Pastor Burgeß (falls dieser so
freundlich sein will, die Mühe zu übernehmen) ein versiegeltes
Papier abgeben, welches die bewußte Aeußerung enthält. Hierauf
soll Herr Burgeß die Siegel des Sacks zerbrechen, denselben
öffnen und sich überzeugen, ob die Worte gleichlautend sind.
Ist dies der Fall, so bitte ich ihn, meinem wiedergefundenen
Wohlthäter das Gold als Beweis meiner aufrichtigen Dankbarkeit
einhändigen zu wollen.«
Der Zettel hatte Frau Reichard ungewöhnlich aufgeregt -- sie mußte sich
niedersetzen. Bald war sie ganz in Gedanken versunken, die ihr im Kopf
durcheinander schwirrten. »Was für eine sonderbare Geschichte! ... Der
gute Mann, der damals aufs Geratewohl so großmütig war, kann wirklich
von Glück sagen! ... Wenn es nur mein Eduard gewesen wäre -- wir sind
zwei so arme alte Leute und hätten’s gut brauchen können! ...« Sie
seufzte. -- »Mein Mann würde einem Fremden nicht zwanzig Dollars geben,
nein, sicher nicht ... Leider, leider ist das außer Frage ... Aber
das Gold ist ja im Spiel gewonnen! Mir schaudert, wenn ich nur daran
denke. Es ist Sündengeld! Das könnten wir doch nicht annehmen; nicht
mit einem Finger würden wir es berühren. Schon seine bloße Nähe scheint
mir eine Entwürdigung.« -- Sie rückte ihren Stuhl in die äußerste Ecke
... »Wenn nur Eduard käme und den Sack auf die Bank trüge. Es ist zu
schrecklich, so ganz allein mit dem Gold bleiben zu müssen, ohne Schutz
vor Dieben.« --
Um elf Uhr kehrte Reichard heim. »Wie freue ich mich, daß du wieder
da bist,« rief ihm seine Frau entgegen. Er aber grollte: »Ich bin
ganz abgehetzt und müde zum umfallen. Es ist wirklich arg, daß ich so
arm bin und noch in meinem Alter diese elenden Fahrten machen muß.
Fort und fort in der Tretmühle stecken bei dem lumpigsten Gehalt --
Sklavenarbeit für einen andern thun, der unterdessen in Schlafrock und
Pantoffeln behaglich daheim im Lehnstuhl sitzt -- es ist nicht zum
aushalten!«
»Du weißt wohl, Eduard, wie leid mir das thut. Aber wir haben doch
unser tägliches Brot und unsern guten Namen, das ist wenigstens _ein_
Trost.«
»Freilich, freilich, Mary, das ist die Hauptsache. Höre nur nicht auf
mein Gerede. Mich hat der Aerger einen Augenblick übermannt; es hat
nichts auf sich. Gieb mir einen Kuß! So, jetzt ist schon alles wieder
gut; du sollst keine Klage mehr hören. Was hast du denn aber bekommen?
Was ist in dem Sack?«
Nun erzählte die Frau das große Geheimnis, und ihm wurde zuerst ganz
schwindelig zu Mute. Endlich sagte er:
»Der Sack ist hundertsechzig Pfund schwer. Aber Mary -- das sind ja
vierzigtausend Dollars -- ich bitte dich -- ein ganzes Vermögen, wie es
kaum zehn Menschen hier am Ort besitzen. Wo ist der Zettel?«
Er überflog ihn hastig. »Das klingt ja wie ein Roman,« rief er. »Solche
abenteuerlichen Begebenheiten stehen wohl in Büchern, aber im Leben
sind sie mir noch nie vorgekommen.« Alle Müdigkeit war jetzt von ihm
gewichen. In der besten Laune tätschelte er seiner alten Frau die
Wangen.
»Denke doch nur, Mary,« scherzte er ausgelassen, »wir sind jetzt mit
einemmal reiche Leute. Laß uns das Gold vergraben und die Papiere
verbrennen. Wenn der Glücksspieler je wiederkommt, brauchen wir nur
kaltblütig auf ihn herabzuschauen und zu sagen: ›Was reden Sie da für
ungereimtes Zeug? Ich habe weder von Ihnen noch von Ihrem Goldsack
je etwas gehört oder gesehen.‹ Dann würde er ein verblüfftes Gesicht
machen und --«
»Höre nur jetzt auf mit deinen Späßen und schaffe das Geld fort, ehe
die Diebe es holen.«
»Da hast du recht. Aber wie wollen wir’s machen -- soll ich private
Nachforschungen anstellen? -- Nein, lieber nicht; dabei ginge alle
Romantik verloren. Besser wir betreiben die Sache öffentlich. Stelle
dir nur vor, was das für Aufsehen machen wird. Alle andern Städte
werden uns beneiden, denn sie wissen recht gut, daß der Fremde keiner
einzigen solches Vertrauen schenken würde, wie er Hadleyburg erweist.
Es ist ein Haupttreffer für uns. Jetzt will ich nur schnell in die
Druckerei gehen, es wird sonst zu spät.«
»Nein, nein, bleib, Eduard. Laß mich nicht allein mit dem Gold!«
Aber er war schon fort, doch nicht auf lange. Wenige Schritte von
seinem Hause begegnete er dem Chefredakteur und Eigentümer des
Tageblatts, gab ihm den Zettel und sagte: »Hier bringe ich Ihnen etwas
Gutes, Cox, lassen Sie es einrücken!«
»Wenn noch Zeit ist, Herr Reichard; ich will sehen, ob es sich thun
läßt.«
Als der Bankkassierer wieder daheim war, hatte er noch ein langes
Gespräch mit seiner Frau über das wundervolle Geheimnis. Schlafen
konnten sie beide nicht. Die erste zu lösende Frage, wer wohl der
Bürger sein könne, der dem Fremden die zwanzig Dollars geschenkt hatte,
bot keine Schwierigkeiten; sie beantworteten dieselbe wie aus einem
Munde:
»Barclay Goodson.«
»Jawohl, dem sähe es ähnlich; er hätte so etwas thun können; aber sonst
niemand in der ganzen Stadt.«
»Das wird dir keiner bestreiten, Eduard. Seit Goodson vor einem halben
Jahr gestorben ist, haben wir hier am Ort lauter ehrliche, engherzige,
selbstgerechte und geizige Bürger, wie das von jeher so war.«
»Wenigstens hat er es immer behauptet, noch bis zu seiner Todesstunde,
und vor aller Ohren.«
»Deshalb konnte ihn auch niemand leiden.«
»Freilich; aber er machte sich nichts daraus. Es war wohl kein Mensch
in Hadleyburg so verhaßt wie er, ausgenommen der Pastor Burgeß.«
»Burgeß -- nun ja, dem geschieht es ganz recht; von dem hat sich die
Gemeinde ein für allemal losgesagt. Kommt es dir nicht sonderbar
vor, Eduard, daß der Fremde gerade Burgeß gewählt hat, um das Geld
abzuliefern?«
»Hm -- ich weiß nicht. Vielleicht kennt der Fremde den Pastor Burgeß
besser als unsere Stadt ihn kennt.«
»Um so schlimmer für Burgeß.«
Reichard schien um eine Antwort verlegen und wich dem fest auf ihn
gerichteten Blick seiner Frau soviel wie möglich aus. Endlich sagte er
mit unsicherer Stimme:
»Weißt du, Mary, ein schlechter Mensch ist Burgeß durchaus nicht.«
Sie sah ihn mit unverhohlenem Staunen an.
»Nein, er ist nicht schlecht; du kannst mir’s glauben. Seine
Unbeliebtheit gründete sich einzig und allein auf jene gewisse Sache --
die damals so viel Lärm gemacht hat.«
»Ich meine doch, jene Sache genügte an und für sich vollkommen, um zu
beweisen -- --«
»Freilich, freilich. Nur war er unschuldig daran.«
»Was redest du da für Unsinn. Kein Mensch zweifelte doch an seiner
Schuld.«
»Mary -- mein Wort darauf -- er hatte die That nicht begangen.«
»Das glaube ich nun und nimmermehr. Woher solltest du es auch wissen?«
»Ich schäme mich, es dir einzugestehen, aber es muß heraus: Ich war
der einzige Mensch, der seine Unschuld kannte; ich hätte ihn zu retten
vermocht, aber -- aber -- du weißt ja wie aufgebracht alle Welt gegen
ihn war -- ich hatte nicht den Mut, mir die ganze Stadt auf den Hals zu
hetzen. Zwar fühlte ich, wie erbärmlich das war; doch dem allgemeinen
Haß zu trotzen ging über meine Kräfte.«
Mary schwieg eine Weile bekümmert still. Endlich stammelte sie:
»Nein, nein; das wäre nichts für dich gewesen. Man muß auch -- die
öffentliche Meinung -- berücksichtigen -- und darf nicht -- --« Sie war
vom geraden Weg abgekommen und in den Sumpf geraten. Nach einer Weile
begann sie von neuem: »Freilich, er thut einem leid -- aber -- Nein,
wirklich, Eduard, das hätten wir nicht auf uns nehmen können. Ich wäre
trostlos gewesen, hättest du es gethan.«
»Ich würde einer Menge Leute vor den Kopf gestoßen haben, Mary, -- sie
hätten uns ihr Wohlwollen entzogen, und -- und --«
»Es liegt mir nur schwer auf dem Herzen, was Burgeß selbst wohl von
uns denken mag, Eduard.«
»O, er ahnt nicht, daß ich um seine Unschuld weiß.«
»Wirklich? Das ist mir eine große Erleichterung. Sonst würde er doch --
nein, das ändert die Sache gewaltig. -- Ich hätte mir’s übrigens denken
können, daß er keine Ahnung hat; würde er uns sonst wohl bei jeder
Gelegenheit so freundlich begegnen, ohne die geringste Aufmunterung von
unserer Seite? Oefters haben mich die Leute schon deswegen verspottet.
Die Wilsons, Harkneß und Wilcox machen sich förmlich ein Vergnügen
daraus, mit mir von ›meinem Freund Burgeß‹ zu reden, weil sie wissen,
wie mich das in Harnisch bringt. Wenn er nur aufhören wollte, uns mit
seiner besonderen Zuneigung zu beehren! Ich begreife gar nicht, was ihn
dazu treibt.«
»Das will ich dir auch bekennen; bis jetzt habe ich’s selbst vor
dir geheim gehalten: Als das Ding zuerst ruchbar wurde und alle so
entrüstet waren, daß man beschloß, Lynchjustiz an ihm zu üben, quälte
mich mein Gewissen so sehr, daß ich’s nicht länger aushielt. Ich warnte
ihn insgeheim, so daß er die Stadt noch rechtzeitig verlassen konnte;
erst als ihm keine Gefahr mehr drohte, kam er zurück.«
»O Eduard! Wenn die Leute dahinter gekommen wären!«
»Schweig still! Mir läuft noch jetzt die Gänsehaut über, wenn ich nur
daran denke. Es reute mich auch gleich nachher; nicht einmal dir wagte
ich es zu sagen, weil ich fürchtete, man möchte es deinem Gesicht
ansehen. Vor lauter Angst schloß ich die ganze Nacht kein Auge zu. Aber
niemand hegte Argwohn gegen mich; schon nach einigen Tagen wurde ich
ruhiger, und später freute ich mich ordentlich, es gethan zu haben. Ja
ich bin noch heute von ganzer Seele froh darüber.«
»Ich auch, Eduard. Es wäre gar zu entsetzlich gewesen. Du warst ihm das
wirklich schuldig. -- Wie aber, wenn es eines Tages doch noch entdeckt
würde? was dann?«
»Das ist ganz ausgeschlossen.«
»Wieso?«
»Weil jedermann denkt, Goodson hätte Burgeß gewarnt.«
»Das lag sehr nahe.«
»Natürlich. Und er machte sich nichts aus dem falschen Verdacht. Der
arme alte Salsberg wurde zu ihm hinübergeschickt, ihn der That zu
beschuldigen. Goodson musterte ihn eine Weile mit unaussprechlicher
Verachtung von Kopf bis zu Fuß. ›So?‹ sagte er dann, ›Sie stellen wohl
die Untersuchungskommission vor?‹ ›Jawohl,‹ erwiderte Salsberg und warf
sich in die Brust. ›Hm! Wünschen die Herren etwa alle Einzelheiten
zu wissen, oder würde ihnen eine allgemeine Antwort genügen?‹ ›Geben
Sie mir nur eine allgemeine Antwort, Herr Goodson; falls Einzelheiten
verlangt werden, will ich wiederkommen.‹ ›Sehr wohl; so sagen Sie
den Herren nur -- sie sollen sich zur Hölle scheren -- das wird wohl
allgemein verständlich sein. Ihnen, Salsberg, möchte ich aber obendrein
den Rat geben, wenn Sie wiederkommen gleich einen Korb mitzubringen, um
die Ueberreste aufzulesen, die noch von Ihnen vorhanden sein könnten.‹«
»Das sieht Goodson ganz ähnlich; man würde ihn gleich daran erkennen.
Allen Leuten guten Rat zu erteilen war seine einzige Schwäche; er
glaubte das besser zu verstehen als jeder andere.«
»Es war unsere Rettung, Mary. Die Sache hatte damit ihr Bewenden; man
ließ sie ein für allemal ruhen.«
»Du meine Güte, das verstand sich wohl von selbst.« --
Sie kamen nun wieder mit großem Eifer auf den Geldsack zu sprechen.
Bald entstanden jedoch Pausen in ihrer Unterhaltung, weil einmal der
Mann, einmal die Frau in tiefes Schweigen versank. Immer längere
Unterbrechungen des Gesprächs traten ein, bis Reichard sich endlich
ganz seinen Gedanken überließ. Lange starrte er wie abwesend auf den
Fußboden, dann machte er mit den Händen allerlei nervöse Bewegungen,
die seinen geheimen Aerger verrieten. Auch die Frau sprach kein Wort,
doch zeugten ihre Gebärden von großem Unbehagen. Zuletzt stand Reichard
auf, ging wie ein Nachtwandler, der böse Träume hat, ziellos im Zimmer
hin und her und fuhr sich mit den Händen durchs Haar. Plötzlich schien
er einen Entschluß zu fassen; stumm griff er nach seinem Hut und
schritt eilig zur Thür hinaus. Seine Frau saß indessen da und brütete
vor sich hin, ohne auch nur zu merken, daß sie allein war. Von Zeit zu
Zeit bewegte sie die Lippen: »Führe uns nicht in Ver ... aber ach, wir
sind so arm! Führe uns nicht ... Wem würde es denn Schaden bringen? --
Kein Mensch hätte es je erfahren ... Führe uns ...« sie murmelte nur
noch unverständliche Laute. Nach einer Weile sah sie auf; Schrecken und
Freude zugleich malten sich in ihren Zügen.
»Er ist fort,« rief sie. »Aber ach, vielleicht kommt er zu spät -- zu
spät ... Doch wäre es ja möglich, daß er noch zur Zeit ...« Sie erhob
sich, preßte die Hände krampfhaft ineinander, und während ihr ein
Schauer durch alle Glieder lief, sagte sie stöhnend: »Verzeih mir’s
Gott -- das sind schreckliche Gedanken -- aber ... was hilft’s -- wir
sind doch nun einmal schwache Geschöpfe!«
Sie drehte die Lampe herunter, lief verstohlen zu dem Sack hin, kniete
sich auf den Boden, befühlte ihn von allen Seiten und strich liebkosend
mit der Hand über jede unebene Stelle. Ihre alten Augen schwelgten
förmlich in dem Anblick. Von Zeit zu Zeit erwachte sie wie aus einem
Traum und murmelte vor sich hin: »Wenn wir doch gewartet hätten -- nur
eine kleine Weile, statt die Sache so zu überstürzen!«
* * * * *
Cox, der Tagblattbesitzer, war inzwischen aus dem Bureau nach Hause
gegangen und hatte seiner Frau alles erzählt, was sich Wunderbares
zugetragen. Sie besprachen das Ereignis aufs lebhafteste und kamen
überein, daß keiner ihrer Mitbürger, außer dem verstorbenen Goodson,
großmütig genug wäre, um einem armen Fremdling zwanzig Dollars zu
schenken. Doch bald entstand eine Stille; beide Ehegatten blickten
nachdenklich zu Boden; gleich darauf wurden sie unruhig und aufgeregt;
endlich murmelte die Frau wie im Selbstgespräch: »Niemand weiß um dies
Geheimnis, außer die Reichards und wir ... kein einziger Mensch.«
Cox schreckte aus seinen Gedanken auf, sah seine Frau, die ganz blaß
geworden war, verständnisvoll an, stand zögernd auf, blickte verstohlen
bald auf seinen Hut, bald nach seiner Ehehälfte -- eine stumme Frage.
Frau Cox schluckte ein paarmal und räusperte sich, dann nickte sie
leise mit dem Kopf. Im nächsten Augenblick war sie allein im Zimmer und
die Hausthür fiel klirrend ins Schloß.
Von zwei entgegengesetzten Richtungen eilten jetzt Reichard und
Cox durch die menschenleeren Straßen. Ganz außer Atem kamen sie
gleichzeitig an der Treppe zur Druckerei an und schauten einander beim
Laternenschein ins Gesicht.
»Weiß außer uns niemand etwas davon?« fragte Cox im Flüsterton.
»Keine Menschenseele, auf Ehrenwort,« gab der andere leise zurück.
»Vielleicht ist es noch nicht zu spät, um -- --«
Eben schickten sich die Männer an hinaufzusteigen, als ein Junge zu
ihnen trat.
»Bist du das, Johann?«
»Ja, Herr Cox.«
»Du brauchst die Morgenpost noch nicht wegzuschicken. Laß alles liegen,
bis ich’s dir sage.«
»Die Postsachen sind schon fort.«
»Schon fort?« Es klang unsagbare Enttäuschung aus den Worten.
»Ja. Der neue Fahrtenplan für Brixton und Umgegend ist heute ausgegeben
worden. Die Zeitungen mußten eine Viertelstunde früher auf der Bahn
sein. Ich bin gelaufen was ich konnte; wäre ich zwei Minuten später
dagewesen, so -- --«
Die Herren entfernten sich langsam, ohne das Ende seiner Rede
abzuwarten. Eine Weile schritten sie stumm nebeneinander her, endlich
sagte Cox ärgerlich:
»Was hat Sie nur geplagt, die Sache so zu übereilen. Es ist mir
vollkommen unbegreiflich.«
Reichard war ganz betreten. »Jetzt sehe ich’s freilich ein,« sagte er;
»vorher hätte ich mir’s gar nicht überlegt, bis es zu spät war. Das
nächste Mal will ich gewiß -- --«
»Das nächste Mal,« hohnlachte Cox. »So was kommt in tausend Jahren
nicht wieder!«
Die Freunde trennten sich ohne Gruß und schleppten sich mühselig
nach Hause, als hätte sie ein schwerer Schicksalsschlag getroffen.
In atemloser Spannung warteten die Frauen daheim; sie lasen den
Eintretenden die Entscheidung vom Gesicht ab, es bedurfte keiner Worte.
Nun folgte in beiden Häusern eine sehr heftige, wenig freundliche
Erörterung, wie sie bisher zwischen den Ehegatten noch niemals
stattgefunden. Die Sache verlief hier und dort fast auf die gleiche
Weise:
»Hättest du nur gewartet, Eduard,« sagte Frau Reichard; »aber nein, in
deiner Gedankenlosigkeit läufst du stehenden Fußes nach der Druckerei
und posaunst es in der ganzen Welt aus.«
»Auf dem Zettel stand doch, es sollte veröffentlicht werden.«
»Ach was! Es war dir freigestellt, es auch unter vier Augen abzumachen.
Das kannst du doch nicht leugnen.«
»Ich weiß wohl. Aber wenn ich an das Aufsehen dachte, und wie
schmeichelhaft es für Hadleyburg ist, daß ein Fremder solches
Vertrauen in unsere Redlichkeit setzt --«
»Das brauchst du mir nicht noch erst lang und breit vorzuhalten. Aber,
bei einigem Nachdenken hättest du dir doch sagen müssen, daß sich der
rechte Mann gar nicht mehr auffinden läßt, weil er im Grabe ruht und
weder Kind noch Kegel, kein einziger Verwandter von ihm am Leben ist.
Hätte da das Geld nicht Leuten zu gute kommen können, die es so nötig
brauchen wie wir? Kein Mensch wäre dadurch geschädigt worden, und --
und --«
Thränen erstickten ihre Stimme; der Mann zerbrach sich vergebens den
Kopf, womit er sie trösten könne; endlich sagte er:
»So beruhige dich doch, Mary; die Vorsehung hat es nun einmal so gefügt
und deshalb muß es zu unserm Heil dienen; ja, ja, es wird wohl so am
besten sein, sonst wäre es nicht geschehen.«
»Eine bequeme Ausrede, wenn man eine Dummheit begangen hat. -- War
es nicht ebenso gut eine Fügung des Himmels, daß das Geld gerade uns
zugeschickt wurde? Und du erdreistest dich, die Absicht der Vorsehung
zu durchkreuzen -- mit welchem Recht, wenn ich fragen darf? Nichts als
gotteslästerliche Anmaßung ist es, die einem demütigen Christenmenschen
durchaus nicht zukommt.«
»Aber du weißt doch, Mary, daß die ganze Erziehung in Hadleyburg darauf
ausgeht, und auch wir unser Leben lang gewöhnt waren, uns keinen
Augenblick zu besinnen, wenn es sich um ein Gebot der Redlichkeit
handelt; das ist uns zur zweiten Natur geworden.«
»Ja, ja doch. Man hat uns das immer und immer wieder vorgepredigt
und uns von der Wiege an jede nur mögliche Versuchung aus dem Wege
geräumt. Und was ist dadurch erreicht worden? Man hat eine _künstliche_
Ehrlichkeit groß gezogen, die wie Butter an der Sonne zerrinnt, sobald
sie einmal auf die Probe gestellt wird -- das haben wir diese Nacht
gründlich erfahren. Gott weiß, mir wäre auch nie der Schatten eines
Zweifels an meiner durch und durch redlichen Gesinnung gekommen,
und die erste wirkliche Versuchung wirft alle meine Grundsätze über
den Haufen. Du kannst mir glauben, Eduard, mit der Redlichkeit der
ganzen Stadt ist’s um kein Haar besser bestellt; sie ist gerade so
fadenscheinig wie meine und deine. Die Leute hier sind engherzig und
geizig, und ihre einzige Tugend, auf die sie sich so viel einbilden
und deretwegen sie allenthalben berühmt sind, ist auch nicht weit her.
Tritt einmal eine große Versuchung an sie heran, so wird ihr ganzer
Ruhm zusammenfallen wie ein Kartenhaus -- verlaß dich drauf. So --
nach diesem Bekenntnis ist mir schon leichter ums Herz. Mein Leben
lang habe ich der Welt etwas vorgeschwindelt, ohne es zu wissen. Mich
soll niemand wieder eine redliche Frau nennen -- das verbitte ich mir
gehorsamst.«
»Wahrhaftig, Mary, du hast mir ganz aus der Seele gesprochen.
Merkwürdig -- ich hätte das nie für möglich gehalten!«
Sie schwiegen lange still; beide waren mit ihren Gedanken beschäftigt.
Endlich schaute die Frau auf.
»Ich weiß, woran du denkst, Eduard.«
Reichard machte ein verlegenes Gesicht. »Fast schäme ich mich, es dir
einzugestehen, Mary.«
»Laß gut sein, Eduard; mir geht dieselbe Frage im Kopf herum.«
»Wirklich? Und die wäre?«
»Du hast gedacht: ›Wenn unsereins doch nur erraten könnte, was das für
eine Aeußerung war, die Goodson dem Fremden gegenüber gethan hat.‹«
»Ja, ich will’s nicht leugnen. Es ist eine Sünde und Schande. Schämst
du dich nicht auch?«
»Nein, ich bin darüber hinaus. Aber laß uns die Sicherheitskette
vorhängen. Wir sind für den Sack verantwortlich, bis er morgen früh in
das Bankgewölbe geschafft werden kann. -- Du liebe Zeit -- hätten wir
nur nicht die Thorheit begangen!«
Während der Mann die Thür fest verwahrte, sagte Mary:
»Wer doch wüßte, was das ›Sesam, thu’ dich auf‹ ist. Wie kann nur die
Aeußerung gelautet haben? -- Aber komm, laß uns zu Bette gehen.«
»Und einschlafen?«
»Nein, nachdenken.«
»Ja, das wollen wir.« --
* * * * *
Das Ehepaar Cox hatte unterdessen seinen Wortwechsel, der mit einer
Versöhnung schloß, gleichfalls zu Ende geführt und sich zur Ruhe
begeben. Doch der Schlaf floh auch ihr Lager. Unruhig wälzten sie sich
hin und her und zermarterten sich das Hirn, was Goodson dem verarmten
Fremden wohl gesagt haben möchte. Was für goldene Worte mußten das doch
gewesen sein -- sie waren ja vierzigtausend Dollars wert! --
* * * * *
An jenem Abend blieb das städtische Telegraphenamt länger offen als
sonst und zwar aus guten Gründen: Der bei Coxens Zeitung angestellte
Faktor war zugleich offizieller Berichterstatter für die Vereinigte
Presse der Union. Im gewöhnlichen Lauf der Dinge war dies ein bloßes
Ehrenamt, das er bekleidete, denn mehr als viermal im Jahr brachte er
keine Depesche zusammen, die als verwendbar angenommen wurde. Doch
heute verhielt sich die Sache anders. Auf das Telegramm, in welchem er
die große Begebenheit meldete, war eine umgehende Antwort erfolgt:
»_Telegraphieren Sie die ganze Geschichte mit allen
Einzelheiten -- zwölfhundert Wörter._«
Ein riesiger Auftrag! Aber der Faktor führte ihn aus und war über
die Maßen stolz auf seine Leistung. Schon am nächsten Morgen zur
Frühstückszeit war in ganz Amerika, von Montreal bis zum Golf von
Mexico, und von der Gletscherwelt Alaskas bis zu Floridas Orangenhainen
nur Hadleyburg und seine unbestechliche Redlichkeit auf aller Lippen.
Viele Millionen Menschen sprachen von dem Fremden und seinem Goldsack;
man stritt hin und her, ob sich der rechte Mann wohl finden würde, und
wartete gespannt auf weitere Nachricht, die hoffentlich in kürzester
Frist eintreffen würde.
II.
Als Hadleyburg an jenem Morgen erwachte, war es eine weltberühmte
Stadt; man staunte, man freute sich und war stolz darauf --
unbeschreiblich stolz. Die neunzehn angesehensten Bürger und ihre
Frauen schüttelten sich mit überseligem Lächeln die Hände, so oft sie
einander trafen, und wünschten sich Glück, daß Hadleyburg von nun an
in jedem Konversationslexikon als Muster der Unbestechlichkeit zu
finden sein würde; ja selbst die unbedeutenderen Bürger samt ihren
Frauen folgten diesem Beispiel. Alt und jung lief auf die Bank,
wo der Geldsack zu sehen war, und schon zur Mittagszeit kamen die
bekümmerten und neidischen Bewohner Brixtons und der Nachbarstädte
in Scharen herbeigeströmt. Gegen Abend und am folgenden Tag trafen
Berichterstatter aus allen Himmelsgegenden ein, die den Sack in
Augenschein nahmen, sich die Geschichte bestätigen ließen, sie mit
allen Einzelheiten von neuem zu Papier brachten und durch kühne
Bleistiftskizzen illustrierten. Sie zeichneten nicht nur den Sack
ab, sondern auch Reichards Haus, das Bankgebäude, die Kirchen der
Presbyterianer- und der Baptistengemeinde, den Marktplatz und das
Rathaus, wo die Probe angestellt und der Sack ausgehändigt werden
sollte. Ja sie entwarfen sogar scheußliche Porträts von dem Ehepaar
Reichard, dem Bankier Pinkerton, von Cox und dem Faktor, von Pastor
Burgeß, vom Postmeister und selbst von Jack Halliday, einem gutmütigen,
respektlosen Menschen und allgemeinen Lustigmacher, dem Freund aller
kleinen Buben und herrenlosen Hunde, der sich als Fischer, Jäger oder
Bummler im Ort herumtrieb. -- Der knauserige Pinkerton zeigte den
Sack mit selbstgefälligem Grinsen jedem neuen Ankömmling, rieb sich
vergnügt die Hände und erging sich in salbungsvollen Reden über den
alten, festbegründeten Ruf unantastbarer Rechtlichkeit, dessen sich
die Stadt erfreute, was jetzt wieder auf so wunderbare Weise bestätigt
worden sei. Er hoffe und glaube nun, daß dies Beispiel in ganz Amerika
Nachahmung finden und eine allgemeine sittliche Wiedergeburt erzeugen
werde.
Im Verlauf der nächsten Woche wurden die Gemüter nach und nach ruhiger;
der wilde, stolze Freudenrausch verwandelte sich in ein stilles,
wonniges Entzücken, in ein Gefühl tiefen, unaussprechlichen Behagens.
Der Ausdruck friedevoller Glückseligkeit lag auf allen Gesichtern.
Doch das dauerte nicht lange. Ganz allmählich trat eine Veränderung
ein, was zuerst niemand bemerkte, außer Jack Halliday, dem selten
etwas entging und der über alles seine Späße machte, es mochte sein,
was es wollte. Er fing mit allerlei beißenden Bemerkungen an, weil
dieser und jener nicht mehr solche glückstrahlende Miene zur Schau
trug, wie vor ein paar Tagen. Dann behauptete er, die Leute würden
immer schwermütiger; später schienen sie ihm von unbesiegbarer Trauer
ergriffen, und endlich versicherte er sogar, alle seien in einem Grade
verstimmt, gedankenvoll und geistesabwesend, daß er sich anheischig
machen wolle, selbst dem ärmsten Wicht einen Cent aus der Hosentasche
zu stehlen, ohne ihn aus seinem Traumzustand zu wecken.
Als die Angelegenheit diesen Punkt erreicht hatte, konnte man zur
Schlafenszeit in den neunzehn angesehensten Häusern der Stadt tiefe
Seufzer hören, worauf das Haupt der Familie gewöhnlich in die Worte
ausbrach:
»Ach, was für eine Aeußerung kann denn Goodson nur gethan haben!«
»Schweig still,« rief die Hausfrau zusammenschauernd. »Was für
schreckliche Dinge wälzest du in deinem Hirn herum. Ums Himmels willen
schlage sie dir aus dem Kopf!«
Aber am zweiten Abend erfolgte derselbe Ausruf, und der Widerspruch der
Frau war schon etwas schwächer. Als der Mann dann am dritten und den
folgenden Abenden die Frage immer angstvoller wiederholte, fuhr die
Frau nur noch unruhig mit den Händen hin und her; sie öffnete den Mund,
sagte aber nichts. Zuletzt fanden beide jedoch die Sprache wieder und
seufzten sehnsuchtsvoll: »O, könnten wir es doch erraten!« --
Hallidays Bemerkungen wurden von Tag zu Tag unangenehmer und
abfälliger. Er ging in der ganzen Stadt umher und machte sich bald
über jeden einzelnen, bald über die gesamte Einwohnerschaft lustig.
Außer ihm lachte aber niemand mehr weit und breit, seine Fröhlichkeit
bildete den grellsten Gegensatz zu der allgemeinen Trauer; kein Lächeln
war irgendwo zu erblicken. Der Spaßvogel trug jetzt eine Zigarrenkiste
auf einem Holzgestell mit sich herum, als wäre es eine Camera für
Momentaufnahmen. Alle Vorübergehenden hielt er an, stellte seinen
Apparat auf und rief: »Fertig! -- Etwas freundlicher, wenn ich bitten
darf!« Aber selbst bei diesem köstlichen Witz erheiterte sich keins der
trübseligen Gesichter.
So vergingen drei Wochen -- noch acht Tage, dann sollte es sich
entscheiden. Es war Samstag Abend; Hadleyburg hatte schon zur Nacht
gespeist. Statt der Geschäftigkeit und Unruhe in den Läden und dem
fröhlichen Stimmengewirr, das sonst um diese Zeit auf den Straßen
herrschte, war alles wie ausgestorben. Reichard und seine alte Frau
saßen schweigsam und nachdenklich im Wohnzimmer, jedes in seiner Ecke.
So trieben sie es jetzt Abend für Abend, während sie früher behaglich
beisammen gesessen hatten, lesend, strickend und plaudernd, wenn sie
nicht bei den Nachbarn Besuch machten oder diese bei ihnen vorsprachen.
Aber das alles schien begraben und vergessen, als sei es nie gewesen --
und war doch erst zwei oder drei Wochen her. Niemand plauderte jetzt,
man las nicht, man machte keine Besuche. Alle Leute saßen stumm daheim
und quälten sich unter Seufzen und Stöhnen, jene rätselhafte Aeußerung
zu erraten.
Der Postbote brachte einen Brief. Reichard sah die Aufschrift von
unbekannter Hand und den Poststempel gleichgültig an, warf das
Schreiben auf den Tisch und verfiel dann wieder in sein nutzloses
Grübeln, das ihn ganz elend machte. Zwei oder drei Stunden später stand
seine Frau schwerfällig auf, um ohne Gutenachtgruß zu Bette zu gehen --
nach ihrer jetzigen Gewohnheit. Bei dem Brief blieb sie jedoch stehen
und starrte eine Weile gedankenlos darauf hin; dann öffnete sie ihn
und überflog den Inhalt. Reichard, der in sich zusammengesunken an der
Wand saß, hörte plötzlich einen schweren Fall -- seine Frau lag auf dem
Boden. Er eilte hin, um ihr zu helfen, aber sie rief:
»Laß mich, laß mich, mein Glück ist zu groß. Hier den Brief mußt du
lesen!«
Er that es. Jedes Wort verschlang er, während sich alles mit ihm im
Kreise zu drehen schien. Der Brief kam aus einem entfernten Staat und
lautete:
»Ich wende mich an Sie, um Ihnen eine Mitteilung zu machen,
obgleich ich Ihnen ganz fremd bin. Nach meiner soeben erfolgten
Rückkunft aus Mexico wurde mir erzählt, was sich in Ihrer Stadt
zugetragen. Natürlich wissen Sie nicht, wer die Aeußerung
gethan hat, aber ich weiß es. Ich bin der einzige Mensch auf
der Welt, der Ihnen sagen kann, daß es Goodson gewesen ist.
Wir kannten uns schon seit Jahren und auf meiner Durchreise
war ich an jenem Abend bei ihm zu Gast, bis zur Abfahrt des
Mitternachtzuges. Ich stand dabei, als er im Dunkeln in der
Hale-Allee jene Aeußerung dem Fremden gegenüber that; auch
unterhielten wir uns noch auf dem Heimweg darüber, und bei
der Zigarre in seinem Hause. Im Laufe des Gesprächs kam die
Rede noch auf viele Ihrer Mitbürger, über die er sich jedoch
keineswegs schmeichelhaft aussprach; etwas günstiger beurteilte
er nur zwei oder drei derselben, zu denen Sie gehörten, soviel
ich weiß. Irgend welche Zuneigung sprach er zwar für keinen
einzigen aus, doch erinnere ich mich, daß er sagte, ein
Hadleyburger -- ich glaube, er nannte Ihren Namen, doch bin
ich meiner Sache nicht ganz gewiß -- hätte ihm einmal einen
großen Dienst erwiesen, vermutlich ohne dessen Tragweite selbst
zu kennen. Wenn er ein Vermögen besäße, würde er es Ihnen bei
seinem Tode vermachen und jedem der andern Bürger seinen Fluch
hinterlassen. Waren Sie also derjenige, welcher ihm den Dienst
geleistet hat, so sind Sie sein rechtmäßiger Erbe und können
den Goldsack als Ihr Eigentum beanspruchen. Ich weiß, daß ich
mich auf Ihre Treue und Redlichkeit verlassen kann, denn diese
Tugenden erbt ja jeder Hadleyburger ohne Ausnahme von seinen
Vätern. So will ich Ihnen denn jene Aeußerung mitteilen, da ich
überzeugt bin, Sie werden, falls Sie nicht selbst der rechte
Mann sind, nach demselben suchen, bis Sie ihn gefunden haben,
und Sorge tragen, daß Goodsons Dankesschuld für den bewußten
Dienst wirklich gezahlt wird. Die Aeußerung, um die es sich
handelt, lautete: ›_Ihr seid noch lange kein schlechter Mensch.
Geht hin und bessert Euch._‹
Howard L. Stephenson.«
»O Eduard, das Geld gehört uns, wie froh und dankbar bin ich. Gieb
mir einen Kuß, das hast du seit einer Ewigkeit nicht gethan -- mein
Verlangen war gar zu groß -- nach dem Gelde -- nun kannst du dich von
Pinkerton und seiner Bank losmachen, du brauchst keines Menschen Sklave
mehr zu sein. Es ist, als ob ich Flügel hätte, so leicht wird mir ums
Herz vor lauter Freude.«
Die halbe Stunde, die das Ehepaar unter Liebkosungen auf dem Sofa
zubrachte, gehörte zu den glücklichsten in ihrem Leben. Es war,
als sollte die gute alte Zeit noch einmal wiederkehren, die mit dem
Brautstand begonnen und keine Unterbrechung erlitten hatte, bis der
Fremde das unheilvolle Gold ins Haus brachte. Nach einer Weile sagte
die Frau:
»Weißt du, Eduard, es war doch ein rechtes Glück, daß du dem braven
Goodson solchen großen Dienst geleistet hast. Bisher mochte ich ihn
nicht leiden, aber jetzt habe ich ihn ordentlich lieb. Du hast nie
damit geprahlt, auch keine Andeutung gemacht -- das war ein schöner und
edler Zug von dir. Aber deinem Weibe hättest du es doch anvertrauen
sollen; mir scheint, das warst du mir schuldig.«
»Ja, siehst du, Mary -- das ging doch nicht an --«
»Mache jetzt keine Umschweife, Eduard, sondern sage es mir. Ich habe
dich immer lieb gehabt, aber heute bin ich stolz auf dich. Die Leute
glaubten, es gäbe nur einen guten, hochherzigen Menschen in der Stadt,
und nun stellt sich heraus, daß du -- so sprich doch, Eduard.«
»Nein, Mary, ich kann wirklich nicht.«
»Du kannst nicht? Aber weshalb?«
»Siehst du -- nun ja -- ich habe es ihm versprechen müssen.«
Sie maß ihn mit großen Blicken.
»Du hast versprochen, mit niemand davon zu reden?« fragte sie
eindringlich. »Ist das wirklich der Fall?«
»Glaubst du, ich würde dir etwas vorlügen?«
Sie schwieg eine Weile sichtlich beunruhigt; dann reichte sie ihm die
Hand.
»Nein, nein,« rief sie, »Gott behüte! Wir sind schon weit genug vom
rechten Wege abgeirrt. All dein Lebtag ist dir noch keine Lüge über
die Lippen gekommen -- aber jetzt scheint ja selbst der festeste Grund
unter unsern Füßen zu wanken, da -- da --« Die Stimme versagte ihr
einen Augenblick, dann stammelte sie: »Führe uns nicht in Versuchung
... Ich glaube an dein Versprechen, Eduard. Laß es dabei bewenden. Ich
will nicht weiter in dich dringen. Nun alle Not ein Ende hat, wollen
wir unser Glück genießen und es uns durch keinen Schatten trüben
lassen.«
Für Eduard war das leichter gesagt als gethan; seine Gedanken irrten
ruhelos umher, während er sich zu besinnen suchte, was für einen Dienst
er Goodson geleistet hatte.
Fast die ganze Nacht that das Ehepaar kein Auge zu. Mary überlegte
voll innerer Befriedigung, was sie mit dem Golde thun wolle. Eduard
war bemüht, sich den Dienst ins Gedächtnis zurückzurufen. Zuerst hatte
er Gewissensbisse wegen der Lüge. Freilich, eine Lüge war und blieb
es. Aber hatte das denn solche ungeheure Bedeutung? Unser tägliches
Thun und Treiben ist ja voller Unwahrheit. War etwa Mary besser als
er? -- O nein; während er fortgeeilt war, um seinen Auftrag redlich
zu erfüllen, hatte sie dagesessen und gejammert, daß man die Papiere
nicht vernichtet habe, um das Gold behalten zu können. Ist denn Stehlen
weniger schlecht als Lügen? --
Ueber diesen Punkt war er also beruhigt -- die Lüge trat in den
Hintergrund und störte seinen Frieden nicht mehr. Nun kam die nächste
Frage an die Reihe: Hatte er den Dienst wirklich geleistet? -- Goodsons
eigenes Zeugnis, von dem Stephensons Brief berichtete, sprach dafür
und war der beste und vollgültigste Beweis. Das lag auf der Hand.
Also konnte man auch diesen Punkt füglich für erledigt ansehen ...
Nein, doch nicht so ganz. Reichard erinnerte sich mit Unbehagen,
daß jener Stephenson nicht bestimmt hatte behaupten können, ob er,
Reichard, oder ein anderer den Dienst geleistet habe, und, o Jammer,
er verließ sich auf seine Ehrenhaftigkeit. Reichard selbst sollte
entscheiden, wem das Gold zukäme, und Stephenson war überzeugt, daß er
rechtschaffen genug sein würde, den richtigen Mann aufzusuchen, falls
er der falsche wäre. Es war ganz abscheulich, einen Menschen in solche
Lage zu versetzen. Wozu hatte nur Stephenson diesen Zweifel überhaupt
aufgebracht? Das hätte doch recht gut aus dem Brief wegbleiben können.
Wie kam es aber, überlegte Reichard weiter, daß gerade sein Name dem
Briefsteller im Gedächtnis geblieben war? Das sah doch ganz so aus,
als müßte er der rechte Mann sein. Wirklich, es war ein sehr gutes
Zeichen; je mehr er darüber nachdachte, um so besser erschien es ihm,
und zuletzt betrachtete er es als einen entschiedenen Beweis. Wenn aber
etwas einmal erwiesen ist, thut man am besten, sich den Kopf nicht mehr
darüber zu zerbrechen, das fühlte Reichard instinktmäßig und schlug
sich die Sache sofort aus dem Sinn.
Ihm war jetzt schon viel behaglicher zu Mute, nur eine Kleinigkeit ließ
ihn noch nicht zur Ruhe kommen. Daß er den Dienst geleistet hatte,
stand fest; aber was war es nur für ein Dienst gewesen? Das mußte ihm
erst noch einfallen -- dann würde er mit voller Gemütsruhe die Augen
schließen und schlafen können. So dachte er denn hin und her an jede
nur mögliche Dienstleistung, aber nichts schien ihm groß und bedeutend
genug, um Goodsons Wunsch zu rechtfertigen, ihm dafür ein Vermögen
hinterlassen zu können. Und leider erinnerte er sich auch gar nicht,
etwas der Art wirklich gethan zu haben. Was war es denn nur, wodurch
man einen Menschen zu so außergewöhnlichem Dank verpflichten konnte?
Vielleicht wenn man seine Seele rettete? Ja, das mußte es sein. Hatte
er es sich nicht einmal zur Aufgabe gemacht, Goodson zum Glauben zu
bekehren? Gewiß -- und wie lange hatte er daran gearbeitet? -- Zuerst
meinte er, wohl ein Vierteljahr, doch bei Lichte besehen schrumpfte es
zu einem Monat zusammen, dann zu einer Woche, und schließlich blieb
gar nichts übrig. Er erinnerte sich jetzt zu seinem größten Leidwesen
mit vollkommener Deutlichkeit, daß Goodson ihm gesagt hatte, er solle
zum Donnerwetter machen daß er fortkäme und sich um seine eigenen
Angelegenheiten kümmern; ihm sei ganz und gar nichts daran gelegen,
mit den Hadleyburgern in den Himmel zu kommen.
Reichard war recht entmutigt. Also Goodsons Seele hatte er nicht
gerettet, das stand fest. Vielleicht aber sein Haus und Gut. Nein,
damit war’s auch nichts -- er besaß keines. Sein Leben? Natürlich --
auf jeden Fall. Daran hätte er doch gleich denken sollen. Nun war er
endlich auf der rechten Spur und seine Einbildungskraft hatte freien
Spielraum.
Zwei Stunden lang beschäftigte er sich eifrig damit, Goodson auf jede
erdenkliche und meist sehr gefahrvolle Weise das Leben zu retten. Immer
gelang ihm die Heldenthat bis zu einem gewissen Punkt, aber gerade wenn
er auf dem besten Wege war, sich zu überzeugen, daß die Sache wirklich
geschehen sei, trat ein lästiger Umstand dazwischen, der dies zur
Unmöglichkeit machte. Beim Ertrinken zum Beispiel: Reichard war weit
hinaus geschwommen und hatte Goodson in bewußtlosem Zustand glücklich
ans Land gebracht, während die Menge am Ufer stand und ihm zujauchzte.
Er hatte es alles so schön ausgedacht und seine Erinnerung daran wurde
immer lebhafter, aber da kam der Rückschlag: Unmöglich -- die ganze
Stadt hätte es doch erfahren; Mary würde darum gewußt haben, und in
seinem eigenen Gedächtnis wäre die That unauslöschlich verzeichnet
gewesen; so etwas vergißt man nicht wieder, es ist auch kein Dienst,
dessen ›Tragweite man nicht kennt‹. Obendrein fiel ihm zuguterletzt
noch ein, daß er ja gar nicht schwimmen könne.